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Full text of "ICD-10 literarisch [Elektronische Ressource] : [ein Lesebuch für die Psychiatrie]"

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ICD- 10 

literarisch 


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Ein  Lesebuch 
ßir  die  Psychiatrie 

Prof.  Dr.  Gerhard  Köpf 

Mil  einem  Vorwon  und  Kommentaren 
von  Prof.  Dr.  Hans-Jürgen  Möller 


ICD- 1 0 literarisch 


ICD- 10 

literarisch 

Prof.  Dr.  Gerhard  Köpf 

Mit  einem  Vorwort  und  Kommentaren 
von  Profi  Dr.  Hansjürgen  Möller 


Die  Deutsche  Bibliothek  - CIP-Einheitsaufnahme 


ICD- 1 0 literarisch  / Gerhard  Köpf  (Hrsg.) 

Wiesbaden:  DUy  Dt.  Univ. -Verlag,  2006 
(DUV:  Medizin) 

ISBN  3-8350-6035-X 

Herausgeber:  Gerhard  Köpf 

Mit  einem  Vorwort  und  Kommentaren  von  Hans-Jürgen  Möller 


1 . Auflage  Mai  2006 
Alle  Rechte  Vorbehalten 

© DUV /GWV  Fachverlage  GmbH,  Wiesbaden  2006 


Der  Deutsche  Universitäts- Verlag  ist  ein  Unternehmen  der 

Fachverlagsgruppe  BertelsmannSpringer. 

www.duv.de 


Das  Werk  einschließlich  aller  seiner  Teile  ist 
urheberrechdich  geschützt.  Jede  Verwendung 
außerhalb  der  engen  Grenzen  des  Urheberrechts- 
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und  strafbar.  Das  gilt  insbesondere  für  Vervielfältigun- 
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nungen usw.  in  diesem  Werk  berechtigt  auch  ohne  besondere  Kenn- 
zeichnung nicht  zu  der  Annahme,  dass  solche  Namen  im  Sinne  der 
Warenzeichen-  und  Markenschutz-Gesetzgebung  als  frei  zu  betrachten 
wären  und  daher  von  jedermann  benutzt  werden  dürften. 


ISBN  3-8350-6035-X 


Qiaellenverzeichnis 


© 2000  by  C.H.  Beck,  München.  John  Bayley.  Elegie  für  Iris.  Aus 
dem  Englischen  von  Barbara  Rojahn-Deyk 

© 2002  by  Rowohlt  Taschenbuch  Verlag,  Reinbek  bei  Hamburg. 
Jonathan  Franzen.  Das  Gehirn  meines  Vaters.  Aus:  Anleitung  zum 
Einsamsein.  Essays.  Deutsche  Übersetzung  von  Chris  Hirte 
© 1963,  1974,  1984  by  Rowohlt  Verlag  GmbH,  Reinbek  bei  Ham- 
burg. Malcolm  Lowry.  Unter  dem  Vulkan.  Deutsche  Übersetzung 
von  Susanna  Rademacher  und  Karin  Graf 
© 1 988  by  Manesse  Verlag,  Zürich,  in  der  Verlagsgruppe  Random 
House  GmbH,  München.  Charles  Baudelaire.  Die  künstlichen  Para- 
diese. Aus:  Die  Dichtung  vom  Haschisch.  Aus  dem  Französischen  über- 
setzt von  Hannelise  Hinderberger.  S.  23-25,  28-  30,  37-38,  42-46,  55 
© 1982  by  Medusa,  Wien,  Berlin.  Thomas  de  Quincey.  Bekenntnisse 
eines  englischen  Opiumessers.  Übertragen  von  Walter  Schmiele 
© 1995  by  Rowohlt  Verlag  GmbH,  Reinbek  bei  Hamburg.  Italo 
Svevo.  Über  das  Rauchen.  Aus:  Die  Kunst,  sich  das  Rauchen  nicht 
abzugewöhnen.  Von  Greisen,  Dichtern  und  letzten  Zigaretten.  Copy- 
right für  die  deutsche  Übersetzung  von  Ragni  Maria  Gschwend 
© 1983  by  Carl  Hanser  Verlag,  München  - Wien.  Italo  Calvino.  In 
einem  Netz  von  Linien,  die  sich  verknoten.  Aus:  Wenn  ein  Reisender 
in  einer  Winternacht.  Aus  dem  Italienischen  von  Burkhart  Kroeber 
© 1964  by  Philipp  Reclam  jun.  GmbH  & Co.,  Stuttgart.  Guy  de 
Maupassant.  Der  Schmuck,  Der  Teufel,  Der  Horla.  Novellen.  Über- 
setzung aus  dem  Französischen  und  Nachwort  von  Ernst  Sander 
© 2001  by  Philipp  Reclam  jun.  GmbH  & Co.,  Stuttgart.  Johann 
Wolfgang  von  Goethe.  Die  Leiden  des  jungen  Werthers.  Nachwort 
von  Ernst  Reuter 

© 1947,  1992  by  Sammlung  Dieterich,  Verlagsgesellschaft  mbH,  Ber- 
lin. Anton  Tschechow.  Ein  Fall  aus  der  Praxis:  Aus:  Meisterer- 


5 


Quellenverzeicimis 


Zählungen.  Aus  dem  Russischen  von  Reinhold  Trautmann,  eingelei- 
tet von  Rudolf  Marx,  Sammlung  Dieterich  54 
© 2000  by  Philipp  Reclam  jun.  GmbH  & Co.,  Stuttgart.  Hugo  von 
Hofmannsthal.  Ein  Brief  Aus:  Der  Brief  des  Lord  Chandos 
© 1987  by  Diogenes  Verlag  AG,  Zürich.  Patrick  Süskind.  Die  Taube 
© 2004  by  Matthes  & Seitz,  Verlagsgesellschaft  mbH,  Berlin.  Friede- 
rike Kempner.  Gedichte.  Noctorno 

© 1984  by  Insel  Taschenbuch,  Frankfurt  am  Main.  Brüder  Grimm: 
Kinder-  und  Hausmärchen,  gesammelt  durch  die  Brüder  Grimm  in 
drei  Bänden.  Mit  Zeichnungen  von  Otto  Ubbelohde  und  einem  Vor- 
wort von  Ingeborg  Weber-Kellermann 

© 1982  by  Armin  Ayren,  Wunderhch,  Tübingen.  Armin  Ayren.  Buhl 
oder  Der  Konjunktiv 

© 1982  by  Suhrkamp  Verlag,  Frankfurt  am  Main.  Ernst  Weiß.  Der 
Augenzeuge 

© 1991  by  Suhrkamp  Verlag,  Frankfurt  am  Main.  Gees  Nooteboom. 
Die  folgende  Geschichte.  Aus  dem  Niederländischen  von  Helga  von 
Beuningen 

© 1986  by  Heyne,  München.  Robert  Louis  Stevenson.  Henry  Jekylls 
vollständige  Erklärung.  Aus:  Unheimhche  Geschichten  Bd.  1 . Ausge- 
wählt und  herausgegeben  von  Manfred  Kluge 
© 1901  by  S.  Fischer  Verlag,  Berhn.  Thomas  Mann.  Buddenbrooks 
© 1 98 1 by  Philipp  Reclam  jun.  GmbH  & Go.,  Stuttgart.  Moliere.  Der 
eingebildete  Kranke.  Komödie  in  drei  Aufzügen.  Übersetzung  und 
Nachwort  von  Doris  Distelmaier-Haas 

© 1986  by  S.  Fischer  Verlag  GmbH,  Frankfurt  am  Main.  Franz  Kaf- 
ka. Die  Verwandlung.  Aus:  Erzählungen.  Hrsg,  von  Max  Brod 
© 1975  by  Luchterhand,  Darmstadt  und  Neuwied.  Franz  Hohler. 
Bedingungen  für  die  Nahrungsaufnahme.  Aus;  Der  Rand  von 
Ostermundigen.  Geschichten 

© 1963  by  Carl  Hanser  Verlag,  München  - Wien.  Jean  Paul.  Sämt- 
liche Werke.  Bd.  6.  Herausgegeben  von  Norbert  MiUer.  Nachwort 
von  Walter  Hollerer 

© 1920  by  Georg  Müller  Verlag,  Münehen.  August  Strindberg.  In- 
ferno. Aus:  Werke.  Deutsche  Gesamtausgabe.  Inferno.  Legende. 
Deutsch  von  Emil  Schering 

© 1956  by  S.  Fischer  Verlag  GmbH,  Frankfurt  am  Main.  Heinrich 
von  Kleist.  Michael  Kohlhatis.  Aus  einer  alten  Chronik.  Aus:  Die  Er- 
zählungen. Mit  einer  Einleitung  von  Thomas  Mann 


6 


Qmlknverzeichnis 


© 1980  by  Paul  Zsolnay  Verlag,  Wien.  Graham  Greene.  Dr.  Fischer 
aus  Genf  oder  Die  Bomben-Party.  Roman.  Aus  dem  Englischen  von 
Peter  Michael  und  Hans  W.  Polak 

© 1963  by  Verlag  C.H.  Beck,  München.  Heimito  von  Doderer.  Die 
Heilungen.  Aus:  Die  Merowinger  oder  Die  totale  Familie.  Die  erste 
Auflage  dieses  Werkes  ist  im  Biederstein  Verlag  erschienen 
© 1961  by  S.  Fischer  Verlag  GmbH,  Frankfurt  am  Main.  Arthur 
Schnitzler.  Die  erzählenden  Schriften.  2.  Band 
© 1992  by  Philipp  Reclam  jun.  GmbH  & Go.,  Stuttgart.  Fjodor  M. 
Dostojewskij.  Der  Spieler.  Aus  den  Aufzeichnungen  eines  jungen 
Mannes.  Übersetzt  und  herausgegeben  von  Elisabeth  Markstein 
© 2005  by  S.  Fischer  Verlag  GmbH,  Frankfurt  am  Main.  Gerhard 
Roth.  Das  Labyrinth 

© 2002  by  Achilla  Presse  Verlagsbuchhandlung,  Hamburg,  Bombay, 
Friesland.  Leopold  Günther-Schwerin.  Der  Kleptomane.  Mit  freund- 
licher Genehmigung  der  Achilla  Presse  Verlagsbuchhandlung,  Mirko 
Schädel 

© 1990  by  S.  Fischer  Verlag  GmbH,  Frankfurt  am  Main.  Virginia 
Woolf  Orlando.  Gesammelte  Werke.  Prosa  7.  Deutsch  von  Brigitte 
Walitzek 

© 2000  by  F.  A.  Herbig  Verlagsbuchhandlung  GmbH,  München. 
Pauline  Reage.  Geschichte  der  O.  Rückkehr  nach  Roissy.  Aus  dem 
Französischen  von  Simon  Saint  Honore 

© 2002  by  Diogenes  Verlag  A(j,  Zürich.  Patricia  Highsmith.  Der 
Schrei  der  Eule.  Aus  dem  Amerikanischen  von  Irene  Rumler 
© 1968  by  Insel  Verlag,  Frankfurt  am  Main.  Leopold  von  Sacher- 
Masoch.  Zwei  Verträge.  Aus:  Venus  im  Pelz.  Mit  einer  Studie  über 
den  Masochismus  von  Gilles  Deleuze 

© 1993  by  Steidl,  Göttingen.  Günter  Grass.  Die  Blechtrommel. 
Werkausgabe  Bd.  3.  Erstausgabe  September  1959 
© 1992  by  Paul  Zsolnay  Verlag,  Wien.  John  Steinbeck.  Von  Mäusen 
und  Menschen.  Roman.  Aus  dem  Amerikanischen  von  Elisabeth 
Rotten 

© 1983,  2003  by  Piper  Verlag  GmbH,  München.  Sten  Nadolny.  Das 
Dorf  Aus:  Die  Entdeckung  der  Langsamkeit 

© o.  J.  by  Xenos  Verlagsgesellschaft,  Hamburg.  Heinrich  Hoffmann. 
Die  Geschichte  vom  Zappel-PhUipp.  Aus:  Der  Struwwelpeter.  Lustige 
Geschichten 


7 


Inhaltsverzeichnis 


Quellenverzeichnis 5 

Vorwort  Prof.  Dr.  Hans-Jürgen  Möller 15 

Einleitung  Prof  Dr.  Gerhard  Köpf 21 

FO:  Dementielle  Erkrankungen 33 

Einführung  zu  John  Bayley 37 

John  Bayley;  Elegie  für  Iris 38 

Kommentar 43 

Einführung  zu  Jonathan  Franzen 45 

Jonathan  Franzen:  Das  Gehirn  meines  Vaters 46 

Kommentar 70 

Fl:  Psychische  Verhaltensstörungen  durch  psychotrope 
Substanzen 73 

Einführung  zu  Malcolm  Lowry 77 

Malcolm  Lowry:  Unter  dem  Vulkan 78 

Kommentar 84 

Einführung  zu  Charles  Baudelaire 85 

Charles  Baudelaire:  Die  künstlichen  Paradiese 86 

Kommentar 92 

Einführung  zu  Thomas  de  Quincey 93 

Thomas  de  Quincey:  Bekenntnisse  eines  englischen  Opiumessers  94 

Kommentar 103 

Einführung  zu  Italo  Svevo 104 

Italo  Svevo:  Über  das  Rauchen 105 


9 


Inhaltsverzeichnis 


Kommentar 110 

F2:  Schizophrenie,  schizotype  und  wahnhafte  Störungen  113 

Einführung  zu  Italo  Calvino 117 

Italo  Calvino:  In  einem  Netz  von  Linien 1 18 

Kommentar 124 

Einführung  zu  Guy  de  Maupassant 126 

Guy  de  Maupassant:  Der  Horla 127 

Kommentar 153 

F3:  Depression  und  Suizidalität 155 

Einführung  zu  Johann  Wolfgang  von  Goethe 159 

J.  W.  von  Goethe:  Die  Leiden  des  jungen  Werthers 160 

Kommentar 169 

Einführung  zu  Anton  Tschechow 171 

Anton  Tschechow:  Ein  FaU  aus  der  Praxis 172 

Kommentar 183 

Einführung  zu  Hugo  von  Hofmannsthal 185 

Hugo  von  Hofmannsthal:  Ein  Brief 186 

Kommentar 196 

F4;  Angststörungen,  dissoziative  Störungen,  somatoforme 
Störungen,  Somatisierungsstörung,  hypochondrische 
Störung,  Depersonalisationssyndrom 199 

Einführung  zu  Patrick  Süskind 201 

Patrick  Süskind:  Die  Taube 202 

Kommentar 205 

Einführung  zu  Friederike  Kempner 207 

Friederike  Kempner:  Finster  und  stumm 208 

Kommentar 209 

Einführung  zu  den  Brüdern  Grimm 210 

Brüder  Grimm:  Von  einem,  der  auszog,  das  Fürchten  zu  lernen  .211 
Kommentar 219 


10 


Inhaltsverzeichnis 


Einführung  zu  Armin  Ayren 220 

Armin  Ayren:  Buhl  oder  Der  Konjunktiv 221 

Kommentar 222 

Einführung  zu  Ernst  Weiß 224 

Ernst  Weiß;  Der  Augenzeuge 225 

Kommentar 230 

Einführung  zu  Gees  Nooteboom 231 

Gees  Nooteboom:  Die  folgende  Geschichte 232 

Kommentar 234 

Einführung  zu  Robert  Louis  Stevenson 236 

Robert  Louis  Stevenson:  Henry  Jekylls  vollständige  Erklärung..,.  237 
Kommentar 253 

Einführung  zu  Thomas  Mann 255 

Thomas  Mann:  Buddenbrooks 256 

Kommentar 262 

Einführung  zu  Möllere 264 

Moliere:  Der  eingebildete  Kranke 265 

Kommentar 267 

Einführung  zu  Franz  Kafka 268 

Franz  Kafta:  Die  Verwandlung 269 

Kommentar 274 

F5:  Verhaltensauffälligkeiten  mit  körperlichen  Störungen 
und  Faktoren 275 

Einführung  zu  Franz  Hohler 277 

Franz  Hohler:  Nahrungsaufnahme 277 

Kommentar 281 

Einführung  zu  Jean  Paul 283 

Jean  Paul:  Die  Kunst,  einzuschlafen 284 

Kommentar 288 

Einführung  zu  August  Strindberg 290 


II 


InhaUsmzeickms 


August  Strindberg:  Inferno 291 

Kommentar 296 

F6:  Persönlichkeits-  und  Verhaltensstörungen 297 

Einführung  zu  Heinrich  von  Kleist 301 

Heinrich  von  Kleist:  Michael  Kohlhaas 302 

Kommentar 308 

Einführung  zu  Graham  Greene 310 

Graham  Greene:  Doktor  Fischer  aus  Genf 311 

Kommentar 32 1 

Einführung  zu  Heimito  von  Doderer 322 

Heimito  von  Doderer:  Die  Merowinger 323 

Kommentar 329 

Einführung  zu  Arthur  Schnitzler 330 

Arthur  Schnitzler:  Fräulein  Else 331 

Kommentar 355 

Einführung  zu  Fjodor  M.  DostojewskiJ 356 

Fjodor  M.  Dostojewskij:  Der  Spieler 357 

Kommentar 368 

Einführung  zu  Gerhard  Roth 369 

Gerhard  Roth:  Das  Labyrinth 370 

Kommentar 372 

Einführung  zu  Leopold  Günther-Schwerin 373 

Leopold  Günther-Schwerin:  Der  Kleptomane  374 

Kommentar 388 

Einführung  zu  Virginia  Woolf 390 

Virginia  Woolf:  Orlando 391 

Kommentar 393 

Einführung  zu  Pauline  Reage 394 

Pauline  Reage:  Geschichte  der  O 395 

Kommentar 401 

12 


Inhaltsverzeichnis 


r 

Einführung  zu  Patricia  Highsmith 402 

Patricia  Highsmith:  Der  Schrei  der  Eule 403 

Kommentar 409 

Einführung  zu  Leopold  Sacher-Masoch 410 

Leopold  Sacher-Masoch:  Zwei  Verträge 411 

Kommentar 413 

Einführung  zu  Günter  Grass 414 

Günter  Grass:  Die  Blechtrommel 415 

Kommentar 417 

F7:  Intelligenzminderung 419 

Einführung  zu  John  Steinbeck 421 

John  Steinbeck:  Von  Mäusen  und  Menschen 422 

Kommentar 433 

F8:  Entwicklungsstörungen 435 

Einführung  zu  Sten  Nadolny 437 

Sten  Nadolny:  Das  Dorf 438 

Kommentar 439 

F9:  Verhaltensstörungen 441 

Einführung  zu  Heinrich  Hofimann 443 

Heinrich  Hoffmann:  Die  Geschichte  vom  Zappel-Phüipp  444 

Kommentar 447 


13 


/ 

Vorwort 


Die  literarische  Darstellung  von  psychischen  Erkrankungen  ist  offen- 
sichtlich für  viele  Schriftsteller  von  Interesse,  wie  die  große  Anzahl 
diesbezüglicher  Elemente  in  Erzählungen  und  Romanen  zeigt.  Na- 
türlich spielen  diese  Darstellungen  nicht  immer  die  Hauptrolle  in  lite- 
rarischen Werken,  sondern  sind  z.T.  nur  ein  Nebenaspekt  im  Rah- 
men eines  größeren  Werkes.  Von  den  in  der  Literatur  so  zahlreichen 
Publikationen  konnten  hier  aus  Platzgründen  nur  einige  wenige  zu- 
sammengestellt werden.  Insofern  ist  das  Buch  eher  als  eine  Beispiel- 
sammlung anzusehen. 

Doch  was  bringt  Schriftsteller  dazu,  eine  psychische  Krankheit  als  Su- 
jet zu  wählen?  Wahrscheinlich  gibt  es  eine  Vielzahl  von  Motivatio- 
nen. Unter  anderem  könnte  es  darum  gehen,  am  Beispiel  psychischer 
Erkrankungen  Grenzerfahrungen  menschlicher  Existenz  darzustel- 
len. Auch  mag  bei  einigen  Darstellungen  die  Fremdheit  oder  die 
Skurrilität  der  Symptomatik  einer  bestimmten  psychischen  Erkran- 
kung den  Schriftsteller  faszinieren.  Das  Interesse  der  Schriftsteller  an 
psychischen  Erkrankungen  steht  offensichtlich  auch  im  Zusammen- 
hang mit  der  Entwicklung  der  Psychiatrie  und  den  immer  genaueren 
Beschreibungen  und  verbesserten  ätiopathogenetischen  Vorstellun- 
gen über  psychische  Erkrankungen.  So  ist  zu  beobachten,  dass  im  19. 
Jahrhundert,  als  sich  erstmals  eine  wissenschaftlich  orientierte  Psy- 
chiatrie entwickelt  insbesondere  verkörpert  durch  die  französische 
Psychiatrie  mit  den  Autoren  Pinel  und  Esquirol  - Depressionen,  Sui- 
zid und  Wahnerkrankungen  zu  einem  viel  beachteten  Sujet  der  Lite- 
ratur wurden  und  dann  von  dort  z.T.  in  Opernlibretti  übernommen 
wurden,  die  dann  wiederum  die  Komponisten  zu  interessanten  musi- 
kalischen Kompositionen  verleiteten. 

Eine  interessante  Frage  ist,  wie  die  Autoren  mit  dem  Krankheitsbild 
umgehen.  Bilden  sie  es  genau  ab,  oder  bleiben  sie  eher  im  Ungenau- 


15 


Vorwort 


en,  Vagen,  Allgemeinen?  Wie  berichten  sie  über  Symptome  psychi- 
scher Erkrankungen  bzw.  über  Krankheitsursachen:  eher  fachmän- 
nisch oder  laienhaft?  Steht  die  Darstellung  der  Krankheit  im  Zen- 
trum oder  ist  sie  nur  ein  Beiwerk  des  Romans  bzw.  Mittel  zum  Zweck? 
Wird  sie  vielleicht  nur  eingefiihrt,  um  daran  die  besondere  Bezie- 
hungsstruktur zweier  Menschen  darzustellen?  Diese  und  andere  Fra- 
gen stellen  sich,  wenn  man  Darstellungen  psychiatrischer  Erkrankun- 
gen in  der  Literatur  aus  psychiatrischer  Sicht  kommentiert. 

Der  Titel  »ICD- 10  literarisch«  beschreibt  ein  Programm,  das  eigent- 
lich aus  psychiatrischer  Sicht  von  vornherein  zum  Scheitern  verurteilt 
ist,  da  sich  die  ICD- 10  erst  in  den  letzten  Jahrzehnten  entwickelte. 
Wenn  man  wirklich  das  Thema  so  stringent  nehmen  wollte,  wie  es 
formuliert  ist,  könnte  man  eigentlich  nur  Literatur  aus  der  Zeit  wäh- 
len, die  nach  der  Entwicklung  der  ICD- 10  publiziert  wurde.  Ein 
schneller  Blick  in  das  Inhaltsverzeichnis  macht  aber  deutlich,  dass  die 
für  das  Buch  zusammengestellten  Beispiele  weit  vor  die  Zeit  der  ICD- 
10  zurückgehen  und  u.a.  Werke  aus  dem  19.  Jahrhundert  miteinbe- 
ziehen.  Die  ICD- 1 0 ist  zwar  das  von  der  Weltgesundheitsorganisation 
international  vorgeschriebene  Klassifikationssystem  psychiatrischer 
Erkrankungen,  sie  stellt  aber  keine  »Neuerfindung«  von  Krankheits- 
konzepten dar.  Die  in  der  ICD- 10  dargestellten  bzw.  definierten 
psychiatrischen  Krankheitskonzepte  gehen  auf  eine  ältere  Systematik 
psychiatrischer  Erkrankungen  zurück,  die  z.T.  noch  aus  dem  19.  Jahr- 
hundert stammt  und  insbesondere  durch  die  systematisierende  Arbeit 
Kraepelins  vor  ca.  100  Jahren  eine  wichtige  Neugliederung  erfuhr. 
Auch  andere  Autoren  in  der  ersten  Hälfte  der  letzten  1 00  Jahre  haben 
sehr  wesentlich  zur  Ausformung  der  Systematik  der  Klassifikation 
psychiatrischer  Erkrankungen  beigetragen,  wie  z.B.  Eugen  Bleuler, 
Karl  Leonhardt,  Kurt  Schneider.  Hinsichtlich  einer  feinsinnigen  dif- 
ferenzierten psychopathologischen  Beschreibung  von  Krankheits- 
symptomen ist  insbesondere  Karl  Jaspers  zu  nennen.  Kurzum;  Die 
ICD- 10  fasst  etwas  in  operationalisierender  und  für  alle  Welt  verbind- 
licher Weise  zusammen,  was  in  wesentlichen  Vorstufen  schon  vorher 
als  Tradition  der  psychiatrischen  Diagnostik  und  Klassifikation  be- 
standen hat. 

In  diesem  Zusammenhang  sei  kurz  auf  die  Entwicklung  des  psychia- 
trischen Teüs  der  International  Classification  of  Diseases  (ICD- 10) 
eingegangen.  Bis  1970  existierten  zwischen  verschiedenen  Ländern 
und  sogar  verschiedenen  psychiatrischen  Schulen  eines  Landes  teil- 


te 


Vorwort 


weise  erhebliche  Diskrepanzen  in  der  psychiatrischen  Klassifikation. 
Die  Schaffung  einer  international  akzeptierten  Systematik  psychi- 
scher Störungen,  die  im  Rahmen  der  ICD-8  von  der  Weltgesund- 
heitsorganisation (WHO)  erarbeitet  wurde,  ermöglichte  eine  interna- 
tionale Vereinheitlichung  der  psychiatrischen  Klassifikation.  Der 
psychiatrische  Teil  dieser  ICD-8  basierte,  von  Modifikationen  abgese- 
hen, auf  dem  nosologischen  System,  das  Kraepelin  um  1 900  geschaf- 
fen hatte.  Die  Gliederung  erfolgte  vorwiegend  nach  ätiologischen  und 
syndromatologischen  sowie  nach  Verlaufscharakteristika.  Während 
bei  Kraepelin  die  Einteilung  der  Erkrankungshauptgruppen  nach  ur- 
sächlichen Faktoren  erfolgte,  wurden  in  der  ICD-8  psychische  Stö- 
rungen primär  syndromatologisch  eingeteilt.  Mängel,  wie  z.B.  ein 
Wechsel  in  den  Einteilungsprinzipien,  sind  grundsätzlich  auch  heute 
noch  bei  allen  derzeit  verfügbaren  psychiatrischen  Klassifikations- 
systemen vorhanden  und  spiegeln  die  Unvollkommenheit  des  Wis- 
sens über  psychische  Störungen  wider.  Die  1979  eingeführte  ICD-9 
unterscheidet  sich  von  der  ICD-8  insbesondere  durch  die  Einführung 
einer  multikategorialen  Diagnostik.  Der  Patient  kann  hier  u.a.  gleich- 
zeitig durch  mehrere  Nummern  der  Krankheitssystematik  charakte- 
risiert werden.  So  kann  z.B.  eine  erste  Diagnose  aus  dem  Kapitel  der 
psychiatrischen  Erkrankungen  das  klinische  Erscheinungsbild  be- 
zeichnen, eine  zweite  Nummer  aus  einem  anderen  Kapitel  der  ICD 
die  zugrunde  liegende  organische  Erkrankung.  Die  weitere  Entwick- 
lung zur  ICD- 10  wurde  gekennzeichnet  durch  die  zwischenzeitlich 
stattgefundene  Entwicklung  des  amerikanischen  Diagnosesystems, 
des  »Diagnostic  and  Statistical  Manual  of  Mental  Disorders«,  das 
von  der  American  Psychiatric  Association  1 980  in  der  revidierten  Fas- 
sung als  DSM-111  System  herausgegeben  wurde.  Das  Besondere  dieses 
DSM-111  Systems  und  seiner  Nachfolgesysteme  - heute  ist  das  DSM- 
IV  System  in  der  amerikanischen  Psychiatrie  gebräuchlich  - ist  der 
Versuch,  eine  möglichst  präzise  Definition  der  Krankheitskonzepte 
unter  Verwendung  von  Ein-  und  Ausschlusskriterien,  also  eine  Ope- 
rationalisierung diagnostischer  Begriffe,  zu  erreichen.  Diesem  Ansatz 
folgte  die  1 99 1 von  der  WHO  eingeführte,  seit  2000  auch  in  Deutsch- 
land verbindliche  ICD- 10.  Durch  die  Angabe  diagnostischer  Leitlini- 
en zu  den  allgemeinen  Krankheitsbeschreibungen  sollte  eine  mög- 
lichst gute  Reliabilität  der  klinischen  Diagnostik  erreicht  werden.  Es 
wurde  zudem  versucht,  die  ICD- 10  so  weit  wie  möglich  mit  dem 
DSM-IV  kompatibel  zu  machen.  Die  Charakterisierung  der  einzel- 


17 


Voru)(yrt 


nen  Störungen  weicht  in  den  neueren  Diagnosesystemen  zum  Teil 
nicht  unbeträchtlich  von  der  traditionellen  Krankheitslehre  der 
deutschsprachigen  Psychiatrie  ab.  Das  hängt  einerseits  mit  der  Not- 
wendigkeit präziserer  Konzepte  im  Rahmen  der  Operationalisierung 
zusammen,  andererseits  mit  der  stärkeren  Einbeziehung  neuerer  em- 
pirischer Forschungsergebnisse. 

Die  Einführung  der  ICD- 10  führte  eine  Umbruchsituation  in  der 
psychiatrischen  Diagnostik  herbei  und  wurde  von  vielen  Psychiatern 
mit  Skepsis  aufgenommen.  Sie  hatten  vorübergehend  große  Schwie- 
rigkeiten, sich  von  den  hergebrachten  Konzepten  zu  lösen,  die  in  der 
deutschsprachigen  Psychiatrie  und  Medizin  sehr  verbreitet  waren. 
Diese  Konzepte  erschienen  vielen  Kollegen,  die  in  dieser  Tradition 
aufgewachsen  sind,  am  einfachsten  und  plausibelsten.  Ein  einseitiges 
Festhalten  an  dieser  theoretischen  Tradition  hätte  aber  den  erhebli- 
chen Validitäts-  und  Reliabilitätsproblemen  dieser  Diagnostik  nicht 
Rechnung  getragen  und  wäre  deswegen  dem  diagnostischen  Fort- 
schritt nicht  förderlich  gewesen.  Auch  bekommen  bestimmte  Sach- 
verhalte aus  dieser  traditionellen  Sicht  einen  zu  hohen  Stellenwert, 
wie  z.B.  die  Unterscheidung  zwischen  endogener  und  neurotischer 
Depression,  die  ihr  aus  der  Sicht  neuerer  Forschung  nicht  zukommt. 
Andere  Störungen,  wie  z.B.  die  Angststörungen,  wurden  in  der  tradi- 
tionellen Systematik  nur  sehr  globtJ  dargestellt  und  erfuhren  nicht  die 
aus  heutiger  Sicht  notwendige  Differenzierung,  z.B.  in  Panikerkran- 
kungen und  generalisierte  Angststörungen.  Die  ICD- 1 0 versucht,  den 
neueren  Ansätzen  in  der  psychiatrischen  Klassifikation  gerecht  zu  wer- 
den und  dabei  ein  möglichst  hohes  Maß  an  diagnostischer  Übereinstim- 
mung zwischen  verschiedenen  Ärzten  herzustellen.  Das  vorliegende 
Buch  folgt  in  seiner  Gliederung  den  Hauptkapiteln  der  ICD- 10. 

Was  ist  der  Sinn  einer  Zusammenstellung  von  literarischen  Texten, 
die  sich  mit  psychiatrischen  Erkrankungen  beschäftigen,  für  den 
Psychiater?  Neben  dem  literaturhistorischen  Aspekt,  dass  psychiatri- 
sche Konzepte  immer  wieder  auch  in  die  Literatur  einbezogen  wor- 
den sind,  und  neben  der  interessanten  Frage,  in  welchem  Ausmaß 
und  mit  welchem  Kenntnisstand  das  geschieht  (s.o.),  ist  wahrschein- 
lich für  den  Psychiater  der  wichtigste  Nutzen,  dass  er  sich  mit  der  zum 
Teil  subtilen  bzw.  sensiblen  Darstellung  psychiatrischer  Symptome 
bzw.  der  möglichen  Ursachen  psychiatrischer  Erkrankungen  in  der 
Literatur  beschäftigt  und  dadurch  seine  eigene  Sensibilität  für  die 
psychischen  Veränderungen  seiner  Patienten  und  sein  Einfühlungs- 


18 


— Vorwort 


vermögen  im  Hinblick  auf  mögliche  Verursachungen  verbessert. 
Auch  die  differenzierte  sprachliche  Umsetzung  psychopathologischer 
Phänomene  und  Verursachungsprozesse,  wie  sie  in  den  literarischen 
Darstellungen  zu  finden  sind,  kann  im  Sinne  einer  Verbesserung  der 
sprachlichen  Präzision  in  der  Darstellung  komplexer  psychischer 
Phänomene  Vorbildcharakter  haben. 

Das  Buch  wendet  sich  aber  nicht  nur  an  den  Psychiater,  sondern  auch 
an  interessierte  Laien,  die  sich  mit  dieser  Thematik  beschäftigen  wol- 
len und  vielleicht  über  den  Umweg  der  literarischen  Darstellung  ei- 
nen besseren  und  verständnisvolleren  Einblick  in  psychiatrische  Er- 
krankungen bekommen. 

Die  Texte  sind  jeweils  vom  Herausgeber,  dem  Germanisten  und  Lite- 
raturwissenschaftler Prof  Gerhard  Köpf  mit  einer  kurzen  Einfüh- 
rung versehen  worden,  um  zu  vermitteln,  aus  welchem  inhaltlichen 
Gesamtkontext  die  jeweilige  Textstelle  entnommen  ist  und  um  ein 
paar  Hinweise  zum  Stellenwert  des  jeweiligen  Werkes  und  des  Autors 
zu  machen.  Im  Anschluss  werden  die  dort  publizierten  literarischen 
Beispiele  im  Hinblick  auf  psychiatrisch  relevant  erscheinende  Aspek- 
te kommentiert.  Es  sei  ausdrücklich  betont,  dass  diese  kurzen  Kom- 
mentierungen keine  über  die  psychiatrischen  Sachverhalte  hinausge- 
hende Interpretation  der  jeweiligen  Textes  beabsichtigen.  Jedem  der 
Kapitel  FO  bis  F9  ist  ein  einführender  Text  mit  der  Darstellung  des 
jeweiligen  psychiatrischen  Krankheitskonzeptes  vorangestellt. 

Prof  Dr.  Hans-Jürgen  Möller 
München,  im  Januar  2006 


19 


Einleitung 


Ich  habe  keine  Lehre. 

Ich  ßhre  ein  Gespräch. 

Martin  Buber 

Ein  Titel  wie  »ICD- 10  literarisch«  ist  durchaus  geeignet,  sowohl 
psychiatrische  wie  literaturwissenschaftliche  Einwände  und  Missver- 
ständnisse zu  provozieren.  Um  diese  als  »Lesebuch  für  die  Psychia- 
trie« konzipierte  und  kommentierte  Textsammlung  aber  jenseits  aller 
wissenschaftstheoretischen  Diskussion  genießen  zu  können,  soll  mög- 
lichen Irritationen  gleich  zu  Beginn  mit  einer  kleinen  Lese-Spiel-An- 
leitung  begegnet  werden: 

Der  Leser  lehne  sich  bequem  zurück  und  setze  sich  eine  Brille  aus 
jenen  psychopathologischen  und  psychiatrischen  Kriterien  auf,  die 
ihm  fachlich  kompetent  aus  berufenem  Munde  vom  Direktor  der  Kli- 
nik und  Poliklinik  für  Psychiatrie  und  Psychotherapie  der  Universität 
München,  Prof  Dr.  Hans-Jürgen  Möller,  freundlich  bereitgestellt 
werden. 

Durch  diese  Brille  lese  er  dann  die  literarischen  Texte,  ziehe  seine 
eigenen  Schlüsse,  vergesse  aber  keinen  Augenblick,  dass  es  sich  nicht 
um  Menschen  aus  Fleisch  und  Blut  handelt,  sondern  um  erdachte 
literarische  Gestalten,  die  anderen  Gesetzen  unterliegen  - nämlich 
jenen  der  Literatur. 

Was  hier  vorliegt,  ist  ausdrücklich  keine  literarische  Kasuistik  zur 
ICD- 1 0.  Heinrich  Heine  zufolge  hat  die  Literatur  zwar  die  »Fähigkeit 
zur  rückwärtsgewandten  Prophetie«,  sie  kann  sich  aber  dennoch 
durchaus  auch  irren.  Vor-  und  Fehlurteilen  aufsitzen  und  zeitgeistig 
gebundene  Stereotypien  und  Klischees  verbreiten. 

Schließlich  wird  dem  aufmerksamen  Leser  nicht  entgehen,  dass  etli- 
che literarische  Zeugnisse  erheblich  älter  sind  als  die  Kriterien,  durch 
die  man  sie  heute  betrachten  kann.  Im  Sinne  von  Schillers  »republi- 
kanischer Freiheit  des  lesenden  Publikums«  ist  solches  aber  durchaus 
legitim. 

Mitunter  geht  es  zu  wie  im  Märchen  von  Hase  und  Igel:  Wo  die  Wis- 


21 


Einleitung 


senschaft  hin  will,  ist  die  Literatur  nicht  selten  schon  da.  Literatur  und 
Medizin  verbindet  ein  langes  Verhältnis,  dessen  Grundlagen  in  der 
Antike  gelegt  wurden.  Medizinische  Kenntnisse  können  helfen,  litera- 
rische Texte  zu  verstehen,  wie  andererseits  die  Literatur  die  Medizin 
stets  daran  erinnert,  dass  sie  es  mit  biologischen,  psychischen,  sozialen 
und  intellektuellen  Entitäten  zu  tun  hat.  »Literatur  fördert  schließlich 
allgemein,  was  als  genuine  Funktion  der  literarisierten  Medizin  be- 
griffen werden  kann,  das  Verständnis  für  den  Kranken  und  die 
Krankheit,  für  den  Arzt  und  die  Therapie  - beim  Kranken  wie  beim 
Gesunden,  in  der  Öffendichkeit  wie  in  der  Politik«  (Engelhardt). 

In  diesem  Sinne  verweist  der  Kritiker  Reich-Ranicki  in  einem  Aufsatz 
über  Medizin  und  Literatur  auf  Schopenhauer,  der  gesagt  habe,  der 
Jurist  sehe  den  Menschen  in  seiner  ganzen  Schlechtigkeit,  der  Theo- 
loge in  seiner  ganzen  Dummheit  und  der  Arzt  in  seiner  ganzen 
Schwäche.  »Der  Arzt  und  der  Schriftsteller  - sie  haben  unterschiedli- 
che Aufgaben  und  Möglichkeiten,  doch  die  einen  wie  die  anderen 
sind  Fachleute  für  menschliche  Leiden.  (...)  So  darf  man  denn  sagen, 
dass  sie  Geschwister  sind  - die  Medizin  und  die  Literatur«  (Reich- 
Ranicki). 

In  der  Literaturwissenschaft  ist  man  dieser  geschwisterlichen  Verbin- 
dung bisher  überwiegend  auf  den  Spuren  der  Metaphorik  (z.B.  das 
Herz),  der  vergleichenden  Thematik  (z.B.  Krankheit  als  Metapher) 
oder  der  Motivgeschichte  (z.B.  die  Figur  des  Arztes)  nachgegangen. 
Im  hier  vorliegenden  Lesebuch  soll  eine  andere  Form  der  Annähe- 
rung vorgeschlagen  werden:  Die  von  der  WHO  herausgegebene 
zehnte  Fassung  der  Internationalen  Klassifikation  psychischer  Stö- 
rungen (ICD- 10)  umfasst  im  Kapitel  V (Buchstabe  F)  neun  große 
Kategorien  von  den  organischen,  einschließlich  symptomatischer 
psychischer  Störungen  (FO)  bis  hin  zu  den  nicht  näher  bezeichneten 
organischen  oder  symptomatischen  psychischen  Störungen  (F9). 
Hierzu  werden  jeweils  die  für  Forschung  und  Praxis  relevanten  dia- 
gnostischen Kriterien  aufgeführt. 

Der  Leitgedanke  des  vorliegenden  Lesebuches  ist,  den  entsprechen- 
den Kategorien  von  FO  bis  F9  literarische  Beispiele  zuzuordnen.  Was 
zunächst  wie  ein  spielerischer  Einfall  anmutet,  nämlich  fachmedizini- 
sche Kriterien  gewissermaßen  auf  die  Literatur  zu  übertragen  und  zu 
sehen,  wie  sie  sich  unter  den  Bedingungen  der  Fiktion  in  literarischen 
Texten  spiegeln,  verweist  schließlich  auf  jene  vielfältigen  Beziehun- 
gen zwischen  Psychiatrie  und  Literatur,  wie  sie  in  ihrer  gesamten 


22 


Einleitung 


Tragweite  bisher  kaum  erforscht  wurden.  Das  soeben  vorgelegte  ver- 
dienstvolle Lexikon  »Literatur  und  Medizin«  (2005)  ermuntert  zur 
Erschließung  eines  bisher  vernachlässigten  Terrains. 

Im  dem  vorliegenden  Lesebuch  soll  mit  ehrgeiziger  Bescheidenheit 
ein  erster  Schritt  gewagt  werden  in  Richtung  einer  Annäherung  zwi- 
schen einer  sich  als  biopsychosozial  definierenden  medizinischen  Dis- 
ziplin und  der  nicht  weniger  komplexen  Welt  der  Literatur. 

Im  Konzert  der  wechselseitigen  Erhellung  der  Wissenschaften  kommt 
der  Verbindung  von  Psychiatrie  und  Literatur  seit  jeher  eine  heraus- 
ragende Bedeutung  zu.  So  sind  die  ältesten  Zeugnisse  von  Literatur 
immer  auch  schon  von  erheblichem  psychiatrischen  Interesse.  Das 
mag  zum  einen  an  der  Sonderbegabung  der  Literatur  liegen,  im  Indi- 
viduellen das  Allgemeine  erkennen,  benennen  und  ins  Gleichnis  he- 
ben zu  können.  Zum  anderen  ist  es  das  genuine  Interesse  von  Litera- 
tur und  Psychiatrie  gleichermaßen,  das  (Psycho-)Pathologische  in  Ur- 
sprung, Verlauf  und  Auswirkung  zur  Sprache  zu  bringen. 

Nun  kann  es  freilich  nicht  darum  gehen,  mit  positivistischem  Funda- 
mentalismus die  Kriterien  der  ICD- 10  den  literarischen  Beispielen 
überstülpen  zu  wollen,  um  schließlich  wenig  erstaunt  festzustellen, 
dass  da  jeweils  ein  großer  Rest  an  Inkongruenz  bleibt.  Das  wäre  auch 
ein  methodisch  fragwürdiges  Vorgehen. 

Hier  geht  es  um  andere  Schnittmengen.  Der  Reiz  von  »ICD- 10  lite- 
rarisch« besteht  darin,  spielerisch  zu  überprüfen,  wo  sich  Annäherun- 
gen und  wo  sich  Abweichungen  beim  Zusammendenken  von  Diag- 
nosekriterien und  narrativ-reflektorischen  Texten  ergeben.  Lesen  ist, 
so  hat  es  Dieter  Wellershof  einmal  formuliert,  »Probehandeln  in  Si- 
mulationsräumen bei  herabgemindertem  Risiko«.  Wer  bereit  und  ge- 
willt ist,  dies  als  Grundregel  anzuerkennen,  der  wird  auf  erstaunliche 
Zusammenhänge  zwischen  Psychiatrie  und  Literatur  stoßen. 

Jeder  Psychiater  weiß,  wie  wichtig  die  Rolle  des  Erzählens  schon  bei 
der  Anamnese  ist.  Die  Exploration  eines  Patienten  lebt  nicht  zuletzt 
von  der  Narration.  Die  »narratio«  ist  eine  anthropologisch  universale 
humane  Grundkonstante  und  als  solche  dem  Forschungsinteresse  all 
jener  Disziplinen  ausgesetzt,  die  sich  mit  dem  Erzählen  alltäglicher, 
fiktiver  oder  »realer«  Geschichten  auseinander  setzen.  Eine  Welt 
ohne  »narratio«  ist  kaum  vorstellbar,  denn  allein  das  Gewahrwerden 
der  eigenen  Biographie  ist  an  die  »narratio«  gebunden.  Das  autobio- 
graphische Gedächtnis  definiert  sich  ebenso  über  die  »narratio«  wie 
das  allgemeine  und  das  kulturelle  Geschichtsbewusstsein.  Jeder 


23 


Einleitung 


Mensch  besitzt  eine  gewisse  narrative  Kompetenz.  Wird  diese  durch 
eine  Störung  eingeschränkt,  büßt  damit  der  Mensch  eine  seiner 
grundlegenden  Qualitäten  und  Fähigkeiten  ein,  denn  es  ist  die  »nar- 
ratio«,  in  welcher  sich  das  Individuum  selbst  zum  Gegenstand  der 
Reflexion  und  des  Erzählens  machen  kann.  Schließlich  erfährt  das 
Individuum  über  die  »narratio«  auch  die  Dimension  Zeit,  und  in  der 
dialogisch-interaktiven  Identitäts-»narratio«  ist  für  das  Ego  die  Stif- 
tung von  Sinn  und  Kohärenz  eines  der  obersten  Ziele. 

Zahlreiche  Störungen,  mit  denen  sich  die  Psychiatrie  beschäftigt,  sind 
an  eine  Reduzierung  dieser  narrativen  Kompetenz  gekoppelt.  So  ist 
es  beispielsweise  möglich,  bestimmte  Krankheitsbüder  am  Verhältnis 
von  Kohäsion  und  Kohärenz  in  der  »narratio«  festzumachen.  Nicht 
erst  die  Artikulation,  sondern  bereits  die  kognitive  Elaboration  in 
Form  kohärenter  narrativer  Elementarteilchen  organisieren  die  Netz- 
werk-Basis von  Gedächtnis  und  Erinnerung  - und  stellen  somit  eine 
große  neuropsychiatrische  Herausforderung  dar.  Die  Kompetenz,  Er- 
innertes in  Form  narrativ  kohäsiver  Teile  abzurufen  oder  zum  »ab- 
stract«  einzuschmelzen,  verweist  auf  das  weite  Feld  neuropsychiatri- 
scher  Narrationsforschung.  Narrative  Sinnbüdungsprozesse  setzen 
eine  neurophysiologisch  vernetzte  narrative  Grammatik  voraus,  die 
in  theoretischen  Modellen  bislang  meist  idealtypisch  beschrieben 
wurde. 

Warum  die  »narratio«  für  die  Psychiatrie  so  bedeutsam  ist,  dokumen- 
tiert sich  nicht  zuletzt  durch  die  Tatsache,  dass  der  narrative  Ansatz  die 
theoretische  Modellbildung  und  die  empirische  Untersuchung  der 
Entwicklung  des  Gedächtnisses  erlaubt,  »indem  er  nahe  legt,  dieselbe 
an  den  sozialisatorisch  vermittelten  Erwerb  narrativer  Kompetenz  zu 
binden.  Narrative  Kompetenzen  und  die  damit  verwobenen  mnesti- 
schen  Fähigkeiten  bilden  sich  schrittweise  aus;  von  prosodischen 
Wortspielen,  dem  bloßen  Aufzählen  isolierter  Ereignisse  und  soge- 
nannter Thema-  und  Variationen-Geschichten  über  die  zunehmend 
elaborierte  Verwendung  temporaler  Markierungen  und  Verknüpfun- 
gen sowie  logischer,  finaler  (einschließlich  intentionaler/ motivationa- 
ler) und  kausaler  Konnektoren  bis  hin  zur  Produktion  von  sequenziell 
kohärent  geordneten  Geschichten  mit  einem  regelrechten  Plot,  in 
dessen  Mittelpunkt  eine  Komplikation  steht,  die  den  oder  die  Prota- 
gonisten sowie  den  Erzähler/Rezipienten  emotional  berührt« 
(Pethes/Ruchatz  2001,  401). 

Eine  Reihe  psychoanalytischer  Arbeiten  erforscht  die  unbewussten 


24 


Einleitung 


Motive  und  Funktionen  des  Firzählens.  Die  psychologische  Bedeu- 
tung narrativer  Sinnbildung  wird  schließlich  in  jenen  Theoremen  der 
Psychoanalyse  hervorgehoben,  die  im  Homo  sapiens  den  »storytel- 
1er«  entdecken  und  dessen  »Selbsterzählungen«  als  identitätsbildend 
einstufen.  Daraus  hat  sich  eine  eigene  Konzeption  von  Gedächtnis- 
psychologie entwickelt. 

Eine  die  »narratio«  erforschende  Psychiatrie  freilich  wird  dem  Fak- 
tum Rechnung  tragen  müssen,  dass  sich  in  der  Epoche  des  Digitalen 
auch  die  Formen  des  historisch  vertrauten  Erzählens  verändern  und 
verändert  haben.  Als  Leidinie  kann  dabei  die  Einsicht  helfen,  dass  die 
»Narration  der  Illusion  anthropomorpher  Erinnerung  dient,  gegen- 
über dem  Gedächtnis  als  Speicher  einen  Raum  des  Unmaschinisier- 
baren  aufrechtzuerhalten.«  Mit  anderen  Worten:  Der  Computer  ver- 
mag allein  in  Zuständen  zu  kalkulieren  und  zu  zählen;  erzählen  aber 
kann  er  nicht. 

Die  Frage,  die  sich  aus  dem  vorliegenden  »Lesebuch  für  die  Psychia- 
trie« ergibt,  ist  nun,  ob  die  Literatur  als  die  Domäne  der  »narratio« 
nicht  auch  dem  Psychopathologen  bei  seiner  Arbeit  behilflich  sein 
kann.  Johann  Glatzel  hat  1990  in  seinem  Buch  »Melancholie  und 
Wahnsinn«  darauf  aufmerksam  gemacht,  wie  die  Psychopathologie 
durchaus  nicht  auf  ihre  Funktion  als  psychiatrische  Hilfsdisziplin  be- 
schränkt ist.  Ihre  Eigenständigkeit  liegt  nicht  allein  im  Methodischen 
begründet,  sondern  auch  in  ihrem  Gegenstand,  über  dessen  Vermitt- 
lung sie  etwa  zur  Psychologie,  Soziologie,  Theologie  und  Literatur- 
wissenschaften in  Beziehung  tritt:  »Die  Psychopathologie  darf  überall 
dort  ein  Mitspracherecht  beanspruchen,  wo  psychische  Abwegigkeit 
begegnet.  Insoweit  ist  ihr  Kompetenzbereich  ungleich  weiter  ge- 
spannt als  derjenige  der  Psychiatrie«  (Glatzel,  2). 

Ist  also  die  Literatur  ein  geeignetes  Instrument  zur  Erkenntnisgewin- 
nung in  der  Hand  des  Psychiaters?  Ist  es  nicht  an  der  Zeit,  neben  der 
von  der  Psychiatrie  aus  guten  Gründen  hoch  geschätzten  »Zahl« 
auch  einmal  einen  Blick  auf  die  Kehrseite  der  Münze,  also  gewisser- 
maßen den  »Kopf«,  zu  werfen?  Oder  gibt  es  - im  Gegenteil  - nicht 
eine  Menge  vernünftiger  Gründe  für  einen  Psychiater,  die  Finger  von 
der  Literatur  zu  lassen? 

1)  Belletristik  ist  für  die  Praxis  eines  Mediziners  irrelevant.  Literatur 
hat  bisher  keinen  wesentlichen  Einfluss  auf  den  Fortschritt  der  Medi- 
zin genommen.  Psychiatrie  ist  nun  einmal  eine  naturwissenschaftliche 
Disziplin.  In  einer  Welt  des  Labors,  der  biochemischen  Versuchsrei- 


25 


Einleitung 


hen,  der  Mikroskope,  der  Neurotransmitter,  der  Synapsen  oder  der 
statistisch  fundierten  Epidemiologie  hat  die  schöngeistige  Literatur 
nichts  verloren  und  deshalb  nichts  zu  suchen.  Was  hätte  sie  auch 
schon  groß  anzubieten?  Was  Psychiater  über  den  Patienten  wissen 
müssen,  das  lehren  die  »Neurosciences«. 

2)  Die  Literatur  arbeitet  nicht  kategorial  oder  quantitativ,  sondern 
assoziativ,  in  der  Regel  qualitativ  unkoordiniert,  bisweilen  chaotisch, 
meist  unsystematisch,  ihre  Gesetzmäßigkeiten  scheinen  da  zu  sein, 
um  über  den  Haufen  geworfen  zu  werden,  d.h.,  sie  ist  unzuverlässig, 
erlaubt  weder  exakte  Diagnosen  noch  Prognosen.  Sie  taugt  besten- 
falls für  eine  geistreiche  Unterhaltung.  Aber  das  leistet  Whiskey  auch. 

3)  William  Somerset  Maugham,  ein  ebenso  erfolgreicher  wie  aner- 
kannter Schriftsteller,  übrigens  ausgebildeter  Mediziner,  betonte  im- 
mer wieder,  dass  uns  das  Lesen  nicht  automatisch  zu  besseren  Men- 
schen macht:  Es  möge  zwar  den  intellektuellen  Horizont  erweitern, 
deshalb  aber  noch  lange  nicht  zum  Altruismus  führen.  Er  verweist 
dabei  auf  Tolstois  Geschichte  über  jene  aristokratische  Dame,  die  im 
Theater  bittere  Tränen  vergoß  angesichts  der  Tragödie  auf  der  Büh- 
ne, indes  draußen  ihr  treuer  Kutscher  in  der  Eiseskälte  erfror. 

4)  Das  Lesen  von  Belletristik  ist  kein  Ersatz  für  Erfahrung.  Im  Ge- 
genteil. Exzessive  Lektüre  führt  zu  psychiatrischen  Erkrankungen.  Im 
Zeitalter  von  Pisa-Studien  ist  es  kaum  mehr  vorstellbar,  dass  Lese- 
sucht einst  gefährlicher  eingestuft  wurde  als  das  »gelbe  Fieber«  von 
Philadelphia:  »Die  Lesesucht  ist  ein  schädlicher  und  törichter  Miss- 
brauch«, verkündeten  die  Mächtigen  des  18.  Jahrhunderts. 

Miguel  de  Cervantes  erzählt  in  seinem  »Don  Quixote«  nichts  anderes 
als  die  Geschichte  eines  Mannes  namens  Alonso  Quijano,  dem  über 
der  zur  Sucht  gewordenen  Lektüre  alter  Ritterromane  die  Grenzen 
von  Tag  und  Nacht,  von  Realität  und  Fiktion  derart  verschwimmen, 
dass  sich  der  biedere  Landadelige  selbst  als  Ritter  wähnt  und  mit  sei- 
nem Schlachtross  Rosinante  aufbricht,  um  in  heldenhaft-närrischen 
Taten  als  Beschützer  der  Armen  und  Unterdrückten  seinen  Idealen 
von  Gerechtigkeit  und  Liebe  zum  Sieg  zu  verhelfen.  Obgleich  Don 
Quixote  als  der  Ritter  vom  Stamme  Sisyphos  immer  wieder  Schiff- 
bruch erleidet  und  kräftig  Prügel  bezieht,  bleibt  er  siegesgewiss  und 
zuversichtlich,  solange  ihn  die  Liebe  zur  unbekannten  Dulcinea  im- 
mer wieder  aufrichtet.  Im  Widerspiel  von  Ideal  und  Wirklichkeit  aber, 
von  Narrheit  und  Vernunft  wird  die  tragische  Unerfüllbarkeit  von 
Idealen  immer  mehr  zur  Gewissheit.  Die  Umwelt  treibt  so  lange  ein 


26 


Einleitung 


grausames  Spiel  mit  seiner  Narrheit,  bis  seine  Trugwelt  zusammen- 
bricht. Seine  grenzenlose  Enttäuschung  schlägt  um  in  eine  Krank- 
heit, die  zum  Tode  führt.  Doch  indem  er  die  entzauberte  und  trübse- 
lige Wirklichkeit  erkennt,  kehrt  er  zurück  zu  sich  selbst  und  stirbt  in 
heiterer  Gelassenheit  wieder  als  Alonso  Quijano. 

Es  war  kein  Geringerer  als  Dostojewskij,  der  nach  der  Lektüre  des 
»Don  Quixote«  meinte,  dieser  Roman  über  die  Pathologie  des  Lesens 
reiche  aus,  um  angesichts  des  Jüngsten  Gerichtes  vor  dem  Allmächti- 
gen der  gesamten  Menschheit  zur  Generalabsolution  zu  verhelfen. 
Goethes  »Werther«  ist  ebenso  ein  Fall  von  Lesepathologie  wie  jene 
Emma  Bovary,  die  sich  die  Welt  gerne  nach  dem  Muster  ihrer  roman- 
tischen Schullektüre  träumt  und  deshalb  kläglich  scheitert. 

5)  Angesichts  von  Mord  und  Totschlag,  Betrug,  Verrat  und  Enttäu- 
schung, angesichts  all  der  Katastrophen,  welche  die  Literatur  seit  der 
Antike  in  immer  neuen  Variationen  erzählt,  ist  deren  Lektüre  weder 
erbaulich,  aufbauend  noch  klinisch  oder  therapeutisch  hilfreich.  Os- 
car Wilde  famously  declared:  »All  art  is  quite  useless,  and  resisted  any 
suggestions  that  it  was  educational  or  morally  uplifting.« 

Kurz  gesagt:  Lauter  vernünftige  Gründe,  die  aus  der  Sicht  eines 
Psychiaters  gegen  die  Lektüre  von  Belletristik  sprechen  - aber  sind  es 
deshalb  auch  gute  Gründe? 

Trotz  aller  einleuchtender  Gegenargumente  wird  es  immer  wieder 
Psychiater  geben,  die  gerne  »Fiction«  lesen  und  darin  sogar  einen 
Wert  sehen.  An  der  University  of  Durham  gibt  es  immerhin  eine  »Fa- 
culty  of  Arts  and  Medicine«.  Man  hört  mit  Staunen  von  Interessen- 
gruppierungen zu  »Arts  and  Psychiatry  im  Royal  College  of  Psychia- 
trists«.  Der  englische  Schriftsteller  David  Lodge  dramatisiert  auf 
amüsant  polemische  Weise  in  seinem  Roman  »Thinks«  (2000)  den 
Konflikt  zwischen  einem  Neurophysiologen  mit  dem  vielsagenden 
Namen  »Messenger«  und  einer  Schriftstellerin  namens  Helen 
»Reed«.  »They  argue  over  whether  Science  or  imaginative  literature 
offers  the  best  way  of  unlocking  the  mysteries  of  the  mind.«.  Beruhigt 
stellen  wir  fest,  dass  am  Ende  dieses  Diskurses  die  Literatur  die  Ober- 
hand behält.  Kein  Wunder:  Der  Autor  ist  befangen. 

Ist  nicht  der  Arztberuf  von  Anbeginn  an  mit  kultureller,  ja  literari- 
scher Bildung  verbunden?  Warum  genießen  heute  die  »humanities« 
so  wenig  Ansehen  in  der  Ausbildung  unserer  Ärzte  und  Psychiater? 
Schließlich  muss  es  doch  auch  Argumente  geben,  die  für  eine  Be- 
schäftigung der  Psychiater  mit  Literatur  sprechen. 


27 


Einleitung 


Die  allmähliche  Annäherung  von  Psychiatrie  und  Literatur  über  die 
Jahrhunderte  spiegelt  sich  nicht  zuletzt  in  etlichen  psychiatrischen 
Fachbegriffen  wie  etwa  dem  »Werther-Effekt«  oder  dem  »Othello- 
Syndrom«,  denen  ihre  literarische  Herkunft  mühelos  anzumerken  ist. 
Suchen  wir  also  nach  Argumenten,  die  aus  der  Sicht  eines  Psychiaters 
für  die  Lektüre  von  Fiction  sprechen;  Angesichts  der  zeitgenössischen 
Vorherrschaft  der  biologischen  Psychiatrie  stellte  Allan  Beveridge  im 
Frühjahr  2003  im  »British  Journal  of  Psychiatry«  eine  durchaus  ket- 
zerische Frage:  »Should  psychiatrists  read  fiction?« 

Feinsäuberlich  wie  in  einer  Geschäftsbilanz  führt  der  englische  Psy- 
chiater die  Argumente  pro  und  contra  auf  Für  jede  Position  findet  er 
je  sechs  Begründungen,  wobei  die  Rhetorik  des  Aufbaus  dieses  Essays 
nicht  ohne  Hintergedanken  sein  mag,  zumal  zuerst  die  Argumente 
pro,  dann  aber  die  contra  kommen.  Der  (Psychiater  als)  Leser  ist  da- 
her geneigt,  aufgrund  dieser  Dramaturgie  zu  einer  negativen  Beant- 
wortung der  Ausgangsfrage  zu  kommen. 

Richtig  interessant  wird  die  Sache  freilich  erst  im  Unterpunkt  Discus- 
sion.  Dort  heißt  es  nämlich  abschließend:  »However,  one  of  the  Claims 
in  favour  of  reading  is  the  notion  that  books  about  ülness  and  suffe- 
ring  help  doctors  better  understand  the  inner  experience  of  their  pa- 
tients  and,  as  a consequence,  develop  greater  empathy.  It  is  here  that  a 
suggested  reading  list  may  be  of  value  ...  It  is  important  that  such 
reading  lists  are  offered  in  the  spirit  of  Suggestion  rather  than  as  com- 
pulsory  texts.  It  will  then  be  left  to  the  individual  psychiatrist  to  decide 
whether  they  are  worth  exploring.  A medical  culture  that  takes  a posi- 
tive approach  to  the  humanities  will  gready  encourage  such  explorati- 
ons«  (Beveridge,  386j. 

Für  wie  relevant  im  psychiatriewissenschaftiichen  Diskurs  letzüich  die 
Fragestellung,  ob  Psychiater  nun  »Fiction«  lesen  sollten  oder  nicht, 
insgesamt  gehalten  wird,  zeigt  die  Angabe  zu  dem  Essay  unter  der 
Rubrik  »Declaration  of  Interest«;  Die  Antwort  »NONE«  kann 
durchaus  als  ironisch-sarkastischer  Kommentar  zum  Primat  der  bio- 
logischen Psychiatrie  verstanden  werden. 

Halten  wir  uns  mit  Blick  auf  unser  »Lesebuch  für  die  Psychiatrie«  also 
an  die  ebenso  unprätentiösen  wie  pragmatisch  nachvollziehbaren  Ar- 
gumente »für«  eine  Lektüre  von  »Fiction«,  wie  sie  von  Beveridge  auf- 
gelistet werden: 

»(a)We  can  explore  the  lives  and  inner  worlds  of  a wide  variety  of 
individuals  by  imaginatively  engaging  with  them  in  novels. 


28 


Einleitung 


(b)  There  is  some  evidence  that  medical  students  who  have  a back- 
ground  in  the  humanities  and  Science,  rather  than  Science  alone, 
go  on  to  perform  better  in  important  areas  of  practice. 

(c)  Reading  literature  helps  to  develop  empathy.  One  can  see  the 
World  from  another  person’s  viewpoint. 

(d)  The  techniques  involved  in  understanding  and  analysing  a novel 
can  be  applied  to  the  understanding  of  patient  discourse.  One 
can  become  more  sensitive  to  the  nuances  and  subtexts  of  a 
patient’s  communication. 

(e)  The  >ethical<  approach  teaches  ethical  reflection  and  how  to  ap- 
proach  moral  quandaries  and  decision-making. 

(f)  The  additive  view  is  that  medicinc  can  be  >softened<  by  exposing 
its  practitioners  to  the  humanities;  the  integrated  view  is  more 
ambitious,  aiming  to  shape  the  nature,  goals  and  knowledge  base 
itself.« 

Worauf  der  britische  Kollege  abzielt,  ist  nichts  weiter  als  eine  Vor- 
schlagsliste, die  es  dem  einzelnen  Psychiater  überlässt,  welche 
Schlussfolgerungen  und  Konsequenzen  er  daraus  ziehen  will.  Leider 
verrät  uns  Dr.  Beveridge  aber  mit  keinem  Wort,  welche  Bücher  Psy- 
chiater lesen  sollten. 

Das  vorliegende  »Lesebuch  für  die  Psychiatrie«  macht  hierzu  Vor- 
schläge. Es  geht  dabei  weder  um  einen  Kanon  psychiatrisch  relevan- 
ter Belletristik  noch  um  eine  literarische  Illustration  einzelner  Kate- 
gorien der  ICD- 10.  Literatur  ist  per  se  nicht  geeignet,  wissenschaftli- 
che Kriterien  und  Kategorien  nur  zu  illustrieren;  vielmehr  verhält  es 
sich  im  günstigsten  Falle  umgekehrt. 

Und  noch  etwas  ist  beiden  scheinbar  einander  so  fremden  Disziplinen 
Literatur  und  Psychiatrie  gemeinsam:  ihr  hermeneutischer  Anteil. 
Aller  Bedeutung  und  Dominanz  einer  biologischen  Psychiatrie  zum 
Trotz  bleibt  die  Relevanz  der  »Kunst  des  Verstehens  und  des  Deu- 
tens«  auf  der  feinen  Grenze  zwischen  naturwissenschaftlichen  Er- 
kenntnisbereichen einerseits  und  den  »seelisch-geistigen  Rätseln«  an- 
dererseits, wie  Hans-Georg  Gadamer  dies  genannt  hat.  Denn  psy- 
chiatrisches Handeln  ist  stets  mehr  als  nur  die  Anwendung  von 
fachmedizinischem  Wissen. 

Mit  der  vorliegenden  Liste  von  Vorschlägen,  die  keine  Vorschriften 
sein  können  oder  wollen,  bietet  sich  dem  Psychiater  die  Chance,  aus 
unterschiedlichem  Erkenntnisinteressc  und  je  nach  individuellem  Le- 
setemperament über  die  komplexen  und  multifaktoriellen  Verbin- 


29 


Einteilung 


düngen  seiner  medizinischen  Fachdisziplin  in  literarischen  Texten 
von  Rang  nachzudenken. 

Es  darf  jedoch  nicht  von  der  vorliegenden  Textauswahl  erwartet  wer- 
den, die  Kategorien  und  Kriterien  der  ICD- 10  jeweils  bis  ins  Detail 
»erfüllt«  zu  sehen,  denn  die  Literatur  kümmert  sich  nicht  um  derlei 
Kategorialitäten.  Wohl  aber  darf  von  einem  »Lesebuch«  dieser  be- 
sonderen Art  erwartet  werden,  dass  es  »Vorschläge«  für  Denk-  und 
Vorstellungsrichtungen  geben  kann.  Die  hier  versammelten  Textbei- 
spiele laden  ein  zur  streunenden  Lektüre;  der  Zusammenhang  einzel- 
ner Textbeispiele  erschließt  sich  je  nach  individueller  Lektüre  immer 
wieder  neu.  Ein  durchaus  hehres,  nichtsdestoweniger  realistisches 
Ziel  dieser  Anthologie  aber  ist  die  Sensibilisierung  des  lesenden  Psy- 
chiaters: für  Sprache  und  VorsteUungswelten,  wie  sie  exemplarisch  an 
einzelnen  handelnden  und  leidenden  Personen  der  Literatur  entwi- 
ckelt und  veranschaulicht  werden.  Nicht  zuletzt  ist  dabei  auch  an  die 
Studierenden  der  Psychiatrie  gedacht,  deren  dominant  naturwissen- 
schaftliche Ausbildung  durchaus  ein  sanftes  hermeneutisches  Gegen- 
gewicht verträgt. 

Der  Medizinhistoriker  von  Engelhardt  sagt  trotz  der  Irrtümer,  denen 
Schriftsteller  sehr  wohl  aufsitzen  können  und  die  die  Literatur  natur- 
gemäß durchaus  auch  verbreiten  kann:  »Im  Medium  der  Literatur 
wird  die  Grundsituation  der  Medizin  in  ihrer  Konkretheit  und  Sym- 
bolik dargestellt.« 

So  gesehen  geht  es  keinesfalls  um  eine  literarische  Alphabetisierung 
der  Psychiatrie,  so  wenig  wir  es  mit  einer  Psychiatrisierung  der  Litera- 
tur zu  tun  haben.  Denn  über  all  den  Abgründen  zwischen  den  Diszi- 
plinen und  den  zarten  transdisziplinären  Annäherungsversuchen 
steht  die  leuchtende  Gewissheit:  Literarisch  gebildete,  d.h.  lesende 
Psychiater  haben  einen  weiteren  Horizont  und  sind  deshalb  zuletzt 
vielleicht  die  besseren  Ärzte! 

Wie  gesagt:  Mitunter  geht  es  zu  wie  im  Märchen  von  Hase  und  Igel. 
Wo  die  Wissenschaft  hin  will,  ist  die  Literatur  nicht  selten  schon  da. 
Mögen  Psychiatrie  und  Literatur  also  freundlich  aufeinander  zuge- 
hen und  sich  die  Hand  reichen.  Sie  müssen  ja  nicht  gleich  heiraten, 
denn  wichtig  ist  in  unserem  Zusammenhang  nicht  so  sehr  die  Lehre, 
sondern  vielmehr  das  Gespräch. 

Prof  Dr.  Gerhard  Köpf 
München,  im  Frühjahr  2006 


30 


Einleitung 


Zitierte  Literatur: 

Beveridse,  Allan:  Should  psychiairists  read  fktion?  In:  British  Journal  of  Psychia- 
try  182/2003,  385-387 

Engelhardt,  Dietrich  von:  Geleitwort.  In:  Bettina  von  Jagow/ Florian  Sieger 
(Hrsg):  Literatur  und  Medizin.  Ein  Lexikon.  Göttingen:  Vandenhoek  & Ruprecht 
2005,  S.  2-6 

Friederici,  Angela  (Hrsg.):  Sprachrezßpüan.  Göttingen,  Bern,  Toronto,  Seattle: 
Hogrefe  1999  (=  Enzyklopädie  der  P^chob^,  Serie  III,  Band  2 ) 

Gadamer,  Hans-Georg:  Über  die  Verborgenheit  der  Gesundheit.  Franifurt/M.: 
Suhrkamp  1993 

Glatzel,  Johann:  Melancholie  und  Wahnsinn.  Beiträge  zur  Psychopathologie  und 
ihren  Grenzgebieten.  Darmstadt:  Wissenschaftliche  Buchgesellschafi  1990 
Jagow,  Bettina  von/ Sieger,  Florian  (Hrsg.):  Literatur  und  Medizin.  Ein  Lexikon. 
Göttingen:  Vandenhoek  & Ruprecht  2005 

Pethes,  Mcolas  und  Ruchatz,Jens  (Hrsg.)  unter  Mitarbeit  von  Martin  Körte  und 
Jürgen  Straub:  Gedächtnis  und  Erinnerung.  Ein  interdisziplinäres  Lexikon.  Ro- 
wohlt Taschenbuch  Verlag.  Reinbek  bei  Hamburg,  2001 
Reich-Ranicki,  Marcel:  Herz,  Arzt  und  Fteratur.  Jwei  Aufsätze.  Zürich:  Am- 
mann 1998,  33 

Schäfer,  Roy:  Erzähltes  Leben.  Narratwn  und Diabg  in  der  Psychoanalyse.  Mün- 
chen: J.  Lfeiffer  Verlag  1995 


31 


t 

FO:  Dementielle  Erkrankungen 


Dementielle  Erkrankungen  sind  häufig,  insbesondere  im  hohen  Le- 
bensalter. Die  Prävalenz  steigt  mit  dem  Alter.  Bei  65-Jährigen  liegt  sie 
in  der  Größenordnung  von  5 Prozent,  bei  80-Jährigen  in  der  Größen- 
ordnung von  20  Prozent.  Die  häufigste  Demenzform  im  Alter  ist  die 
Alzheimer-Demenz.  Häufig  kommt  sie  in  Kombination  mit  der  vas- 
kulären Demenz  vor.  Der  Anteil  der  vaskulären  Demenz  bei  allen  de- 
mentiellen  Erkrankungen  im  Alter  beträgt  ca.  20  bis  30  Prozent. 
Nachfolgend  wird  auf  die  Alzheimer-Demenz  fokussiert. 

Dabei  handelt  cs  sich  um  eine  primär  degenerative,  zerebrale  Erkran- 
kung mit  typischen  neuropathologischen  Kennzeichen  (Hirnatro- 
phie, pathologische  Fibrillenveränderungen,  amyloide  Plaques).  Das 
Krankheitsbild  wurde  1 906  von  Alois  Alzheimer  erstmals  als  präseni- 
le Demenz  (beginnende  Erkrankung  vor  dem  65.  Lebensjahr)  klinisch 
und  neuropathologisch  beschrieben.  Da  psychopathologisch  und 
morphologisch  kein  Unterschied  zwischen  seniler  Demenz  und  Alz- 
heimer-Demenz (beginnende  Erkrankung  nach  dem  65.  Lebensjahr) 
besteht,  werden  die  beiden  Formen  heute  als  ein  Krankheitsbild  an- 
gesehen. Die  Alzheimer-Demenz  ist  die  häufigste  Ursache  für  eine 
Demenz  im  Alter.  Ihr  Anteil  an  den  Altersdemenzen  beträgt  60  Pro- 
zent. Etwa  5 Prozent  der  über  60-Jährigen  und  etwa  20  Prozent  der 
über  80-Jährigen  leiden  an  einer  Demenz. 

In  faszinierender  Weise  werden  zentrale  Details  der  Atiopathogenese 
der  Alzheimer-Demenz  in  jüngster  Zeit  mit  den  Möglichkeiten  der 
modernen  Molekularbiologie  aufgeklärt.  Im  Zentrum  steht  dabei  das 
Amyloid-Precursor-Protein  (APP),  das  durch  eine  falsche  enzymati- 
sche Aufspaltung  zu  den  Amyloidablagerungen  (amyloide  Plaques) 
führt.  Der  damit  einhergehende  Neuronenverlust  führt  zu  Defiziten 
in  den  durch  den  Transmitter  Acetylcholin  vermittelten  kognitiven 
Prozessen.  Die  Patienten  oder  Angehörigen  bemerken  meist  als  erstes 


33 


FO 


Symptom  eine  schleichend  zunehmende  Vergesslichkeit,  die  häufig 
zunächst  noch  auf  das  fortgeschrittene  Alter  zurückgeführt  wird.  All- 
mählich werden  Gedächtnisstörungen  und  Störungen  der  höheren 
geistigen  Funktionen  immer  deutlicher.  Die  Erkrankung  kann  außer- 
dem zu  Beginn  durch  ein  depressives  Bild  geprägt  sein,  was  die  Dia- 
gnose erschwert.  Dieser  Zustand  äußert  sich  in  Interesselosigkeit,  An- 
triebsstörungen und  Leistungseinbußen.  Im  weiteren  Verlauf  können 
alle  möglichen  neuropsychologischen  Symptome  (z.B.  Sprachstörun- 
gen, Alexie,  Akalkulie,  Apraxie,  Agnosie)  und  psychopathologischen 
Symptome  (z.B.  Wahn,  Halluzinationen,  Unruhezustände,  Weglauf- 
tendenzen) hinzutreten.  In  den  späteren  Stadien  der  Demenz  können 
zudem  auch  neurologische  Symptome  (z.B.  Pyramidenbahnzeichen, 
Primitivreflexe)  auftreten.  Die  Patienten  selbst  reagieren  ganz  unter- 
schiedlich auf  die  Erkrankung.  Manche  bemerken  die  vorliegenden 
Störungen  selbst  nicht,  andere  wiederum  erkennen  die  eigenen  Defi- 
zite und  reagieren  depressiv  bis  hin  zur  Suizidalität.  Eine  weitere  Pa- 
tientengruppe erkennt  zwar  die  Defizite,  überspielt  diese  aber  und 
erscheint  eher  unangemessen  fröhlich. 

Neben  einer  ausführlichen  psychiatrischen  Befunderhebung,  Fremd- 
anamnese und  einer  neurologischen  Untersuchung,  bei  der  man  zu- 
mindest im  Anfangsstadium  meist  keine  Auffälligkeiten  entdeckt,  ist 
eine  neuropsychologische  Testuntersuchung  zur  Früherkennung  un- 
verzichtbar. Durch  sie  werden  die  Bereiche  Intelligenz,  Sprache,  ver- 
bales und  visuelles  Gedächtnis  und  Psychomotorik  überprüft,  zudem 
wird  auf  apraktische  Störungen,  Akalkulie,  Alexie  und  Agnosie  ge- 
achtet. 

Der  Morbus  Alzheimer  ist  bis  heute  eine  Ausschlussdiagnose.  Aus 
diesem  Grunde  müssen  alle  notwendigen  laborchemischen  Untersu- 
chungen zum  Ausschluss  anderer  entzündlicher  oder  internistischer 
Erkrankungen  durchgeführt  werden,  die  eine  Demenz  verursachen 
können  oder  als  Risikofaktoren  z.B.  für  vaskuläre  Erkrankungen  ei- 
nen Hinweis  auf  eine  andere  Genese  geben  können.  Ebenso  sollten 
eine  CCT  oder  MRT  zum  Nachweis  Alzheimer-typischer  strukturel- 
ler Veränderungen  und  zum  Ausschluss  anderer  Demenzursachen 
durchgeführt  werden.  Zurzeit  werden  verschiedene  Liquormarker 
wissenschaftlich  erprobt,  u.a.  Tau-Protein-Fragmente. 

Die  Therapie  der  Alzheimer-Krankheit  setzt  sich  aus  mehreren  Be- 
standteilen zusammen,  die  in  den  einzelnen  Verlaufsabschnitten  un- 
terschiedlich kombiniert  werden  müssen;  die  Pharmakotherapie  kog- 


34 


nitiver  und  nicht  kognitiver  Symptome,  das  kognitive  Training  und 
die  Beratung  der  Bezugspersonen.  Der  Versuch  einer  kognitiven  Lei- 
stungssteigerung durch  Acetylcholinesterase-Hemmer  und  die  Beein- 
flussung der  Krankheitsprogression  sind  im  frühen  und  mittleren  Sta- 
dium besonders  sinnvoll.  Die  Behandlung  von  unspezifischen  Verhal- 
tensänderungen rückt  im  mittleren  und  fortgeschrittenen  Stadium  in 
den  Vordergrund. 

Die  Beratung  der  Angehörigen  ist  in  allen  Verlaufsabschnitten  not- 
wendig, allerdings  verlagert  sich  ihr  Schwerpunkt  mit  zunehmender 
Dauer  der  Krankheit  von  der  Informationsvermittlung  auf  die  Be- 
wältigung praktischer  Probleme  in  der  Pflege.  In  jüngster  Zeit  zeich- 
nen sich  darüber  hinaus  Möglichkeiten  der  Präventation  ab.  Im  frü- 
hen Krankheitsstadium  brauchen  die  Angehörigen  ebenso  wie  die 
Patienten  eine  Aufklärung  über  die  Art  der  vorliegenden  Krankheit 
und  die  Prognose.  Für  die  Leistungsdefizite  und  Verhaltensänderun- 
gen muss  eine  medizinische  Erklärung  gegeben  werden.  Dies  wirkt 
der  Krankheitsverleugnung  auf  beiden  Seiten  entgegen  und  hilft, 
Missverständnisse,  Konflikte  und  Schuldzuweisungen  zu  vermeiden. 
In  späteren  Krankheitsstadien  müssen  die  pflegenden  Angehörigen 
lernen,  die  zunehmende  Hilfsbedürftigkeit  des  Patienten  aufzufangen 
und  mit  den  unspezifischen  Symptomen  wie  Aggressivität,  Wahn, 
Sinnestäuschungen,  Unruhe  oder  Schltifstörungen  zurechtzukom- 
men. Die  für  das  Zusammenleben  mit  einem  Alzheimer-Kranken 
nötigen  Kenntnisse  und  Erfahrungen  lassen  sich  am  besten  in  Ange- 
hörigengruppen erwerben,  die  von  vielen  örtlichen  Gruppierungen 
der  Deutschen  Alzheimer  Gesellschaft  durchgeführt  werden.  In  meh- 
reren methodisch  sorgfältigen  Untersuchungen  ist  mittlerweile  nach- 
gewiesen worden,  dass  eine  intensive  Beratung  der  Angehörigen  die 
Tragfähigkeit  der  Familie  erhöht  und  die  Häufigkeit  von  Heimunter- 
bringungen reduziert.  Da  keine  ursächliche  Therapie  möglich  ist, 
versterben  die  Patienten  im  Durchschnitt  etwa  zehn  bis  zwölf  Jahre 
nach  Ausbruch  der  Alzheimer-Krankheit  meist  an  interkurrenten  Er- 
krankungen (z.B.  Pneumonie).  Der  präsenil  auftretende  Subtyp  führt 
in  der  Regel  schneller  zum  Tod.  Bei  schweren,  manchmal  auch  schon 
bei  mittelschweren  Demenzstadien  ist  in  vielen  Fällen  eine  Heimun- 
terbringung erforderlich.  Der  Zeitpunkt  der  Heimunterbringung  ist 
stark  von  den  psychosozialen  Rahmenbedingungen  abhängig. 


John  Bayley 


Elegie  für  Iris 

aus:  Ekgiejur  Iris.  Aus  dem  Englischen  von  Barbara  Rojahn-Deyk. 
© 2000  by  Verlag  C.H.  Beck,  München 


Einführung 


Der  englische  Literaturwissenschafller,  Schrjbklkr  und  Kritiker 
John  Bayky  Jahrgang  1925),  eine  Kapazität  an  der  Oxford 
University,  Chairman  des  Booker  Prize  Committee,  erzählt  in 
»Ekgie  fir  Iris«  (2000)  die  Geschichk  seiner  43  Jahre  währen- 


den Ehe  mit  der  umfassend gekhrten,  persönlich  aber  zeitkbens  höchst  eigenwilligen 
und  komplizierten  Philosophiedozentin,  Schriftstelkrin  und  Pulitzerpreis-Trägerin 
IrisMurdoch  (1919-1999),  deren  deutlich  vom  Existenzialismus  Sartres gepräg- 
tes wissenschaflliches  und  literarisches  Werk  zum  Kanon  der  englischen  Literatur 
des  20.  Jahrhunderts  zählt. 

Im  Mittelpunkt  stehen  dabei  die  letzten  Jahre,  als  Iris  Murdoch  1994  an  Alzhei- 
mer erkrankt.  Bayky  pflegt  sk  aufopferungsvoll,  bis  sk  zuktzt  in  einem  Oxforder 
Pflegeheim  stirbt.  Takt,  Aufrichtigkeit  und  Lebensweisheit  kennzeichnen  den  Be- 
richt. Das  von  Warmherzigkeit  und  gelassen-vertrauensvoller  .Juneigung  bestimm- 
te, Tragik  und  Komik  auch  in  der  Erkrankung  weder  verschweigende  noch  beschöni- 
gende Erinnerungsbuch  »Elegy  for  Iris«  wurde  zur  Grundlage  für  du  eindrucks- 
volle Verfilmung  unter  dem  Titel  »Iris«  (2000)  mit  einer  brillanten  Dame  Judi 
Dench  in  der  Titelrolle,  wobei  erstmals  Verlauf  und  Auswirkungen  von  Morbus 
Alzheimer  zum  zentralen  Thema  eines  Hollywood-Formates  wurden.  Baykys 
zweites  Erinnerungsbuch  »Das  Haus  des  Witwers«  (2002)  haben  einige  Kritiker 
als  literarische  Entwertung  von  »Elegie  fir  Iris« gesehen,  da  er  sich  selbst  zu  sehr  in 
den  Mittelpunkt  stelle. 


Weiterfihrende  Literatur: 

Hans  Förstl  (Hrsg.):  Demenzen.  Perspektiven  in  Forschung  und  Praxis.  Elsevier  20 


37 


John  Bayky 


Elegie  für  Iris 

Wenn  sie  einmal  für  einen  kurzen,  friedlichen  Mo- 
ment aulwacht,  dann  blickt  sie  verständnislos  auf 
die  »Tropical  Olivetti«,  die,  mit  einem  ihrer  Pull- 
over als  Unterlage,  auf  meinen  Knien  ruht.  Als 
ich  sie  vor  nicht  allzu  langer  Zeit  einmal  fragte,  ob 
das  Tippen  sie  störe,  meinte  sie,  sie  höre  dieses  ko- 
mische Geräusch  morgens  gerne.  Sie  muß  sich 
daran  gewöhnt  haben,  obwohl  sie  vor  ein  paar 
Jahren  um  diese  Zeit  - sieben  Uhr  - aufgestanden 
wäre  und  sich  angeschickt  hätte,  ihren  eigenen  Arbeitstag  zu  begin- 
nen. Heute  liegt  sie  ganz  ruhig  da,  schläft  und  gibt  nur  manchmal  ein 
leises  Grunzen  oder  Murmeln  von  sich.  Oft  schläft  sie  bis  lange  nach 
neun  Uhr.  Dann  wecke  ich  sie  und  ziehe  sie  an.  Diese  Fähigkeit,  wie 
eine  Katze  zu  schlafen,  zu  jeder  Tages-  und  Nachtzeit,  muß  eine  der 
segensreichen  Begleiterscheinungen  der  Krankheit  sein  - im  Gegen- 
satz zu  den  Beklemmungen,  die  im  Wachzustand  auftreten  und  sich 
in  besorgten  Fragen  wie  »Wann  gehen  wir?«  ausdrücken.  Das  Anzie- 
hen ist  an  den  meisten  Tagen  eine  ziemlich  vergnügte  und  komische 
Angelegenheit.  Ich  selbst  bin  alles  andre  als  sicher,  wie  herum  ihre 
Unterhose  gehört.  Für  gewöhnlich  einten  wir  uns  darauf,  daß  es  egal 
ist.  Bei  langen  Hosen  ist  es  einfacher.  Ihre  haben  hinten  drin  ein 
schmuddeliges  weißes  Etikett.  Ich  sollte  Iris  baden  oder  besser  irgend- 
wie waschen,  da  Baden  schwierig  ist,  aber  ich  verschiebe  das  gern  von 
einem  Tag  auf  den  anderen.  Aus  irgendeinem  Grund  ist  es  einfacher, 
die  Sache  in  aller  Ruhe  im  späteren  Verlauf  des  Tages  zu  erledigen, 
wenn  gerade  sonst  nichts  anliegt.  Iris  hat  nichts  dagegen.  Sie  scheint 
es  auf  seltsame  Weise  für  etwas  ganz  Normales  und  gleichzeitig  für 
eine  absolute  Ausnahme  zu  halten,  so  als  ob  für  sie  zwischen  den  bei- 
den Vorstellungen  kein  Unterschied  mehr  bestünde.  Vielleicht  kann 
sie  deshalb  auch  ihren  täglichen  Zustand  hinnehmen,  weil  sie  sich 
ihres  früheren  nicht  bewußt  ist  und  auch  nicht  damit  rechnet,  daß  ein 
anderer  sie  irgendwie  verändert  finden  könnte.  Ganz  so,  wie  meine 
Erinnerung  sie  jetzt  immer  zeigt,  wie  sie  ist  und  wie  sie  - so  scheint  die 
Erinnerung  anzunehmen  - immer  gewesen  sein  muß. 

Da  ist  es  wohl  ganz  normal,  daß  ihr  die  alltäglichen  Verrichtungen 
von  früher,  wie  etwa  Waschen  und  Anziehen,  entschwunden  sind,  so 
als  hätte  es  sie  nie  gegeben.  Wenn  sie  sich  an  sie  erinnern  könnte,  was 


38 


Ele^ fiir  Iris 


nicht  der  Fall  ist,  dann  würde  sie  vielleicht  denken:  Habe  ich  mich 
wirklich  jeden  Tag  diesen  unnötigen  Ritualen  unterzogen?  Ich  selbst 
mag  meiner  Erinnerung  schließlich  auch  kaum  glauben,  daß  ich  mich 
einmal  verliebt  habe  mit  all  den  üblichen  Begleiterscheinungen  wie 
Erregung,  Verzückung  und  Verzweiflung  - in  gewisser  Weise  auch 
alles  Rituale. 

Zur  gleichen  Zeit  sind  Iris'  gesellschaftliche  Reflexe  noch  sehr  gut, 
was  irgendwie  unheimlich  ist.  Wenn  Jemand  vor  der  Tür  steht  (der 
Briefträger,  der  Mann,  der  die  Gasuhr  abliest),  und  ich  gerade  be- 
schäftigt bin,  dann  empfängt  sie  ihn  mit  einem  liebenswürdigen  Lä- 
cheln und  ruft  mich  dann  in  jenem  gelassenen,  ein  wenig  »huldvol- 
len« Ton,  den  Ehepaare  in  der  Gegenwart  Fremder  automatisch  be- 
nutzen. »Schatz,  ich  glaube,  hier  ist  der  Mann,  der  die  Gasuhr 
ablesen  will.«  Auch  mit  komplexeren  Situationen  geht  sie  ganz  in- 
stinktiv genauso  um,  scheint  der  Unterhaltung  zu  folgen,  lächelt  und 
überbrückt  bereitwillig  eine  Gesprächspause  mit  einer  Frage.  Für  ge- 
wöhnlich immer  mit  derselben:  »Woher  kommen  Sie?«  oder  »Was 
machen  Sie  jetzt?«  - Fragen,  die  im  Verlauf  eines  solchen  Beisam- 
menseins viele  Male  wiederholt  werden.  Die  anderen,  zu  Besuch  ge- 
kommene Fremde  oder  Freunde,  stellen  sich,  sobald  sie  begriffen  ha- 
ben, was  los  ist  und  was  hinter  diesen  Wiederholungen  steht,  gut  auf 
sie  ein,  und  für  gewöhnlich  gelingt  es  ihnen,  der  Rolle,  die  Iris  spielt, 
zu  entsprechen. 

Wie  ich  feststelle,  mache  ich  von  den  noch  vorhandenen  Verhaltens- 
mustern durchaus  Gebrauch.  Wenn  früher  einmal  etwas  schiefgegan- 
gen oder  nicht  ordentlich  erledigt  worden  war,  etwas,  für  das  ich  zu 
Recht  oder  zu  Unrecht  Iris  verantwortlich  machte,  dann  bekam  ich 
manchmal  einen  kindischen  Wutanfall.  Sie  reagierte  in  einem  solchen 
Fall  ganz  gelassen  und  beruhigte  mich  auf  fast  mütterliche  Weise.  Das 
geschah  nicht  überlegt,  sondern  war  eine  völlig  unbewußte  weibliche 
Reaktion,  für  die  cs  normalerweise  keinen  Auslöser  gab,  was  der  Fall 
gewesen  wäre  (und  das  fast  täglich),  wenn  wir  Kinder  gehabt  hätten. 
Im  allgemeinen  war  Iris  überhaupt  nicht  »weiblich«,  eine  Tatsache, 
für  die  dankbar  zu  sein  mir  dann  und  wann  einfiel.  Inzwischen  habe 
ich  gelernt,  von  diesem  Reflex  Gebrauch  zu  machen.  Wenn  sie  mir 
den  ganzen  Tag  folgt  wie  Marys  Bär  und  mich  immer  wieder  bei  ei- 
ner lästigen  Arbeit  oder  beim  Briefeschreiben  (sehr  oft  Briefe  an  ihre 
Fans)  unterbricht,  dann  fange  ich  - selbst  für  mein  Gefühl  - hem- 
mungslos an  zu  toben,  stampfe  mit  dem  Fuß  auf,  schleudere  die  Pa- 


39 


John  Bajlgi 


piere  und  Briefe  auf  den  Boden  und  fuchtele  mit  den  Händen  in  der 
Luft  herum.  Es  funktioniert  immer.  Iris  sagt:  »Entschuldige  ...  ent- 
schuldige . . . « und  tätschelt  mich,  bevor  sie  still  weggeht.  Sie  wird 
bald  wieder  da  sein,  aber  das  macht  nichts.  Mein  Wutanfall  hat  sie  in 
einer  Weise  beruhigt,  wie  ich  es  weder  durch  meine  Fürsorglichkeit 
noch  durch  Versuche,  auf  sie  einzugehen,  hätte  erreichen  können. 
Die  Dame,  die  auf  ihre  bewußt  fröhliche  Art  zu  mir  gesagt  hatte,  mit 
einem  Alzheimer-Kranken  zu  leben  sei,  als  wäre  man  an  einen  Leich- 
nam gekettet,  steigerte  sich  zu  einem  noch  größeren  Ausbruch  ver- 
zweifelten Spaßens,  indem  sie  bemerkte:  »Und  wie  Sie  und  ich  wis- 
sen, ist  es  ein  Leichnam,  der  sich  in  einem  fort  beschwert.« 

Ich  weiß  das  nicht.  Trotz  ihrer  unaufhörlichen,  ängstlichen  Fragerei 
scheint  Iris  gar  nicht  zu  wissen,  wie  man  sich  beklagt.  Das  hat  sie  auch 
früher  nicht  gewußt.  Die  Krankheit,  die  Wesenszüge  so  sehr  betonen 
kann,  daß  es  fast  einer  teuflischen  Parodie  gleicht,  hat  es  in  ihrem  Fall 
nur  geschafft,  ihre  natürliche  Güte  zu  verstärken. 

An  einem  guten  Tag  hat  ihr  Bedürfnis  nach  liebevoller  Nähe,  gegen- 
seitigem Streicheln  und  zärtlichem  Gemurmel  etwas  Engelhaftes  an 
sich,  und  sie  selbst  scheint  etwas  von  dem  zu  haben,  was  unsichtbar  in 
einer  Ikone  anwesend  ist.  Noch  wichtiger  aber  ist  diese  Nähe  für  sie 
an  den  Tagen  voll  stiller  Tränen,  einem  Kummer,  der  scheinbar 
nichts  von  der  geheimnisvollen  Welt  des  Schöpfertums,  die  sie  verlo- 
ren hat,  weiß  und  doch  spürt,  daß  etwas  fehlt.  Die  »Kleine-Stier-Sei- 
te«  an  ihr,  wenn  sie  mit  gesenktem  Kopf  entschlossen  auf  ihr  Ziel 
losging,  kam  früher  ganz  besonders  heraus,  wenn  sie  morgens  auf- 
stand  und  ins  Badezimmer  strebte.  Nachdem  sie  sich  angezogen  hat- 
te, kam  sie  und  stattete  mir,  der  ich  noch  im  Bett  war  und  arbeitete, 
einen  kurzen  Besuch  ab  und  ging  dann  hinunter  in  den  Garten,  um 
nachzuschauen,  wie  es  draußen  so  aussah.  Das  Wetter  und  die  Vögel, 
Bilder  und  Klänge  - all  das  notierte  sie  manchmal  in  ihr  Tagebuch, 
wenn  sie  sich  an  die  Arbeit  setzte.  Sie  frühstückte  dann  nie.  Allerdings 
brachte  ich  ihr,  wenn  ich  zu  Hause  war,  später  am  Morgen  Kaffee 
und  einen  Schokoladenkeks. 

Jetzt  ist  diese  einstmals  gute  Morgenzeit  die  schlimmste  Zeit.  Wie  für 
die  Soldaten  beider  Weltkriege  das  In-Bereitschaft-Stehen  in  den 
Schützengräben.  Schwarzer  Humor  ist  darauf  die  natürliche  Ant- 
wort, selbst  wenn  man  den  trüben  Scherz  nur  insgeheim  machen 
kann,  denn  schon  der  Versuch,  ihn  zu  dieser  einstmals  so  viel- 
versprechenden Stunde  mit  dem  Opfer  teilen  zu  wollen,  wäre  herzlos. 


40 


Elegk fiir  Iris 


Während  ich  mir  also  den  Kopf  darüber  zerbreche,  wie  man  am  be- 
sten den  Tag  herumbringen  könnte,  hege  ich  durchaus  kamerad- 
schaftliche Gefühle  gegenüber  der  Frau,  die  sich  dadurch  ein  wenig 
Erleichterung  verschafft  hatte  (ich  hoffe  es  jedenfalls),  daß  sie  über 
sich  und  ihren  kranken  Mann  Witze  machte.  Obwohl  mir  nicht  da- 
nach zumute  gewesen  war,  aus  vollem  Herzen  mitzuwitzeln,  wäre  es 
doch  sehr  viel  schlimmer  gewesen,  wenn  ich  auf  feierlich-teilnahms- 
volle, »korrekte«  Art  und  Weise  aus  einer  ähnlichen  Situation  heraus 
Mitgefühl  hätte  zeigen  müssen.  Überhaupt  haben  ja  Menschen,  die 
im  gleichen  Boot  sitzen,  den  natürlichen  Wunsch,  Erfahrungen  aus- 
zutauschen. Ein  gepflegt  aussehender,  grauhaariger  Mann,  den  ich 
gekannt  hatte,  als  wir  beide  achtzehn  und  Soldaten  waren,  schrieb 
mir,  um  mir  sein  Mitgefühl  auszudrücken.  Abgesehen  von  seinem 
Beruf  - er  war  Börsenmakler  ~ hatte  er  sich  hauptsächlich  für  Frauen 
und  Oldtimer  interessiert.  Als  seine  Frau,  die  jünger  war  als  er,  Alz- 
heimer bekam  und  ihr  Zustand  sich  rapide  verschlechterte,  pflegte  er 
sie  mit  beispielloser  Hingabe.  Er  berichtete  über  den  Fortschritt  der 
Krankheit  gern  in  eindrucksvollen  kleinen  Briefchen.  Einmal  schrieb 
er:  »Früher  habe  ich  des  Weibes  göttliche  Form  in  einem  etwas  ande- 
ren Licht  gesehen.  Jetzt,  so  stelle  ich  fest,  spritze  ich  sie  einfach  jeden 
Morgen  mit  dem  Schlauch  ab.« 

Ich  tue  das  bei  weitem  nicht  so  oft.  Aber  wenn  mir  der  Scherz  in  den 
Sinn  kommt,  während  ich  Iris  zwischen  den  Beinen  wasche  und  mir 
dann  das  Übrige  ihrer  »göttlichen  Form«  vornehme,  dann  muß  ich 
innerlich  kichern.  Woher  hatte  mein  alter  Kriegskamerad  bloß  dieses 
unerwartete  Beispiel  altmodischer  Schalkhaftigkeit,  dieses  komische, 
aber  zugleich  auch  irgendwie  poetische  Gliche,  an  dem  auch  James 
Joyce  einmal  Gefallen  gefunden  hatte?  Ganz  sinnlos,  den  Scherz  mit 
Iris  teilen  zu  wollen.  Nicht  daß  sie  Anstoß  nehmen  würde,  aber  das 
Schnodderig-Absurde  dieses  Satzes  würde  ihr  inzwischen  entgehen. 
Kürzlich  stieß  ich  auf  eine  Sammlung  von  Palindromen,  die  uns  je- 
mand Vorjahren  geschickt  hatte  - geniale  und  surrealistische  Sätze 
mit  dementsprechenden  Illustrationen.  Eines  davon,  dessen  tele- 
graphische Knappheit  uns  ebenso  wie  seine  Illustration  amüsiert  hat- 
te, hieß:  »Sex  at  noon  taxes.«  (»Sex  zur  Mittagszeit  strengt  an.«)  Ich 
zeigte  es  Iris  zusammen  mit  einigen  anderen,  die  wir  damals  beson- 
ders gut  gefunden  hatten,  und  sie  lächelte  und  lachte  ein  bißchen,  um 
mir  eine  Freude  zu  machen,  aber  ich  wußte,  daß  sie  sie  nicht  verstand. 
Andererseits  schaut  sie  sich  die  Trickfilme  im  Kinderfernsehen  mit  an 


41 


John  Bayl^ 


Entzücken  grenzender  Freude  an.  Sie  können  zwischen  zehn  Uhr  - 
der  schwierigsten  Zeit  - und  elf  Uhr  morgens  eine  große  Erleichte- 
rung sein.  Für  gewöhnlich  gucke  ich  mir  mit  ihr  zusammen  die  Tele- 
tubbies  an,  und  ihre  seltsame  kleine,  sonnenbeschienene  Welt  mit,  wie 
es  scheint,  echten  Kaninchen,  echtem  Himmel  und  echtem  Gras 
nimmt  auch  mich  gefangen.  Sind  diese  Wesen  tatsächlich  irgendwie 
menschlich?  Schlaue  kleine  Zwerge?  Jedenfalls  sieht  es  so  aus,  und  die 
Illusion,  wenn  es  denn  eine  ist,  fesselt  uns  immer  wieder. 

Wir  haben  erst  seit  ein  paar  Monaten  Fernsehen  - vorher  sind  wir  nie 
auf  die  Idee  gekommen.  Jetzt  lausche  ich  auf  die  Geräusche  aus  der 
Küche  und  hoffe,  daß  der  Fernseher  angestellt  bleibt.  Wenn  es  still  ist, 
weiß  ich,  daß  Iris  ihn  ausgemacht  hat  und  reglos  dasitzt.  An  nach- 
lassendem Konzentrationsvermögen  kann  es  nicht  liegen.  Sie  verfolgt 
gebannt  Fußballspiele,  Cricket,  Bowling  oder  auch  Tennis,  ohne  das 
Spiel  oder  den  Spielstand  zu  kennen,  aber  völlig  von  der  Atmosphäre 
gefangengenommen.  Meine  an  den  Leichnam  gekettete  Freundin 
sagte  jeden  Abend  zu  ihrem  Mann:  »Heute  gibt‘s  Poolbülard  im 
Fernsehen.«  Dann  spielte  sie  ihm  ein  altes  Video  vor.  Es  sei  jedesmal 
neu  für  ihn,  sagte  sie. 

Da  ich  kein  sechsjähriges  Kind  zur  Hand  habe,  das  mit  so  etwas  um- 
gehen kann,  ist  es  mir  leider  nie  gelungen,  das  Videogerät  zu  pro- 
grammieren. Aber  Iris  stellt  den  Kasten  ohnehin  nicht  ab,  weil  sie 
sich  langweilt  (Langeweile  scheint  bei  ihr  einfach  nicht  vorzukom- 
men), sondern  aus  jenem  instinktiven  Drang  heraus  wegzukommen, 
der  sie  auch  sagen  läßt:  »Wann  gehen  wir?«  oder  »Muß  aber  weg.« 
Aus  demselben  Grund  hat  sie  Beschäftigungen,  die  ich  ihr  anbot  und 
an  denen  sie  sich  auch  versuchte,  abgebrochen  - ich  habe  so  etwas 
inzwischen  stillschweigend  wieder  aufgegeben.  Wann  lassen  sie  uns 
hier  raus? 

Vom  ersten  Tag  unserer  Ehe  an  haben  wir  uns  nie  groß  um  Hausar- 
beit gekümmert.  Täglich  immer  wieder  zu  erledigende  Dinge  gab  es 
nie.  Keiner  von  uns  hatte  das  Bedürfnis,  das  Haus  sauberzuhalten, 
und  der  Gedanke,  daß  jemand  anders  kommen  und  es  für  uns  tun 
könnte,  störte  uns.  Inzwischen  hat  der  Zustand  des  Hauses  einen 
Punkt  erreicht,  von  dem  es  wirklich  kein  Zurück  mehr  gibt.  Früher 
kam  es  uns  unnötig  vor,  etwas  zu  unternehmen,  und  jetzt  ist  es  zu 
spät.  Falls  unsere  Freunde  bemerken,  wie  es  bei  uns  aussieht  (ausge- 
sprochen gemütlich,  finde  ich),  dann  sagen  sie  es  nicht.  Nichts- 
destoweniger habe  ich  hin  und  wieder  das  Gefühl,  daß  wir,  hätten  wir 


42 


Kommentar 


es  uns  rechtzeitig  angewöhnt,  zusammen  irgendwelche  Hausarbeiten 
zu  verrichten,  jetzt  damit  fortfahren  könnten.  Selbstdisziplin.  Und 
eine  Methode,  sich  die  Zeit  zu  vertreiben.  Aber  wie  der  Tramp  in 
Warten  auf  Godot  in  etwa  sagt,  irgendwie  scheint  die  Zeit  trotzdem  zu 
vergehen. 

Nicht  daß  wir  ein  ausgesprochenes  Staubmuseum  unser  eigen  nen- 
nen - wie  Dickens“  Miss  Havisham.  Wenn  man  den  Staub  in  Ruhe 
läßt,  scheint  er  sich  mit  Leichtigkeit  in  die  allgemeine  Kulisse  einzufü- 
gen. Wie  die  Kleidungsstücke,  Bücher,  alten  Zeitungen,  Briefe,  Papp- 
kartons. Das  eine  oder  andere  kann  man  vielleicht  noch  einmal  ge- 
brauchen. Aber  Iris  hat  sowieso  nie  etwas  wegwerfen  können.  Sie  hat 
mit  aufgerissenen  Briefumschlägen  oder  verschlußlosen  Plastikfla- 
schen schon  immer  Mitleid  gehabt,  das  inzwischen  allerdings  zwang- 
haft geworden  ist.  So  werden  trockene  Blätter  gerettet,  Stöcke  und 
Stummel  von  Zigaretten,  die  nicht  sehr  heimlich  von  den  Schülerin- 
nen der  Oberschule  hier  in  der  Nähe  geraucht  worden  sind.  Heutzu- 
tage ist  das  Rauchen  ja  zu  einer  Outdoor-Aktivität  geworden.  Ganz 
gesund,  denke  ich  manchmal. 

Es  ist  wunderbar  friedlich,  hier  so  im  Bett  zu  sitzen,  während  Iris  ne- 
ben mir  beruhigend  schläft  und  leise  schnarcht.  Ich  werde  selber  wie- 
der ganz  schläfrig,  und  mir  ist,  als  ob  ich  den  Fluß  hinabtriebe  und 
zusähe,  wie  das  ganze  Zeug  hier  aus  dem  Haus  und  aus  unserem  Le- 
ben - das  gute  wie  das  schlechte  - Itingsam  im  dunklen  Wasser  ver- 
sinkt, bis  es  in  der  Tiefe  nicht  mehr  zu  sehen  ist.  Iris  treibt  oder 
schwimmt  ruhig  neben  mir.  Krautige  Pflanzen  oder  größere  Blätter 
schwanken  und  recken  sich  unter  der  Wasseroberfläche.  Blaue  Libel- 
len schießen  am  Ufer  hin  und  her  oder  stehen  in  der  Luft.  Und  plötz- 
lich der  leuchtende  Blitz  eines  Eisvogels. 

/f  Kommentar 

In  dem  Erinnerungstext  von  John  Bayky  »Elegie  für  Ms«  werden 
einige  zentrale  Symptome  der  Demenz  in  sehr  subtiler  und  in  einer 
durch  große  Verstehensbereitschaß  getragenen  Weise  geschildert,  ohne 
dass  das  Gesamtbild  der  Demenz  beschrieben  wird.  Der  Erzähler 
berichtet  in  der  »Ich- Form«  über  die  Krankheitssymptome  und  die  Veränderungen 
seiner  Frau  in  einer  Weise,  die  die  große  emotionale  Nähe  zu  ihr,  die  eigene  Betrof- 
fenheit durch  die  Erkrankung  und  den  Versuch,  sich  nicht  zu  sehr  durch  die 


43 


Kommentar 


Krankheitssymptome  beeinträchtigen  zu  lassen,  erkennbar  werden  lässt.  Es  handelt 
sich  also  nicht  um  einen  sachlichen,  objektioen  Bericht  über  die  Krankheitssympto- 
me, sondern  um  einen  Versuch,  diesen  Krankheitssymptomen,  obwohl  sie  so  schwer 
sind  und  das  partnersclrnftlkhe  Leben  beeinträchtigen,  möglichst  viel  von  ihrer 
schicksalhafien  Tragßc  dadurch  zu  nehmen,  dass  immer  wieder  auch  versucht  wird, 
die  „positiven“  Aspekte  der  Krankheits^mptome  zu  sehen.  In  ofl  z-T.  subtil  hu- 
morvoller Weise  wird  die  fiappierend  »gute  Fassade«  der  Demenzkranken  in  be- 
stimmten sozialen  Routinekontexten,  die fiir  den  nicht  eingeweihten  Außenstehen- 
den die  Krankheit  manchmal  völlig  verschleiern  kann,  dargestellt.  Der  Erzähler 
beschreibt  auch  eindrucksvolle  Versuche,  mit  den  jeweiligen  Krankheitssymptomen 
so  umzugehen,  dass  möglichst  wenig  Demütigungen ßir  die  erkrankte  Ehefiau  ent- 
stehen und  dass  gleichzeitig  die  emotionale  Belastungjur  ihn  so  weit  wie  möglich 
reduziert  werden  kann.  Auch  berichtet  er,  wie  er  sich  auf  das  veränderte  Verhalten 
seiner  Ehefiau  einstellt,  um  möglichst  wenig  korfiikthcifle  Situationen  entstehen  zu 
lassen.  Die ßr  den  Ehemann  aufiommenden  Ifiegeaufgaben  und  Belastungen  wer- 
den in  einem  sehr  vorsichtigen  Ton  und  ohne  Klagen  geschildert.  Der  Erzähler  stellt 
seine  Bemühungen  dar,  eine  intensive  Beziehung  zu  seiner  Ehefiau  beizubehalten, 
wenn  auch  unter  den  durch  die  Demenzerkrankung  völlig  veränderten  Ausgangsbe- 
dingungen. 

Die  trafische  Realität,  die  die  Demenzerkrankung  eines  Partners  mit  sich  bringt, 
wird  vom  Erzähler  in  einer  sehr  eindrucksvollen  Weise  poetisch  gestaltet,  ohne  dass 
dadurch  ein  falsches  Bild  von  der  Erkrankung  gegeben  wird.  Eine  ivichtige  Strate- 
gie, die  Belastung  der  Demenzerkrankung  der  Ehefiau  nicht  zu  exzessiv  werden  zu 
lassen,  ist  dabei  der  z.  T humorvolle  Umgang  mit  den  Demenzsymptomen. 

Der  Beitrag  gjbt  mit  seiner  Darstellung  Anlass  zu  der  Hoffnung,  dass  bei  einer 
guten  und  tragfdhigen  Partnerschqfi  auch  ein  so  schweres  und  tragisches  Schicksal 
gemeinsam  getragen  und  positiv  bewältigt  werden  kann. 


44 


Jonathan  Fmnzen 


Das  Gehirn  meines  Vaters 

aus:  Jonathan  Fmnzen.  Anleitung  zum  Einsamsein.  Essays. 
Deutsch  von  Chris  Hirte. 

© 2002  by  Rowohlt  Taschenbuch  Verlag,  Reinbek  bei  Hamburg 


Einführung 

Der  amerikanische  Schriftsteller  Jonathan  Franzen  Jahrgang 
1959),  derzeitweise  an  der  FU  Berlin  studierte,  wird  bereits  jetzt 
international  zu  den  Twenly  Writers  for  the  21st  Century  ge- 
zählt. Für  seinen  drillen  Roman  »Die  Korrekturen«  erhielt  er 
2001  den  National  Book  Award. 

In  seiner  Essaysammlung  »Anleitung  zum  Einsamsein«  (2002),  der  auch  der 
nachfolgende  Text  entnommen  ist,  setzt  sich  der  Autor  mit  der  Alltagswelt  der  Ge- 
genwart auseinander  und  sieht  in  den  verschiedenen  Formen  von  Einsamkeit  eine 
der  letzten  Möglichkeiten,  sich  der  medialen  und  ideologischen  Rdzüberflutung  zu 
entziehen.  Einer  der  eindrucksvollsten  Texte  ist  der  zwar  stark  autobiographisch 
gefärbte,  kompositorisch  und  erzählstrate^sch  dennoch  literarisch  überhöhte  Text 
über  die  Alzheimer- Erkrankung  seines  Vaters. 

Unter  Rückgriff  auf  das  literalurgeschichtlich  konventionalisierte  Muster  des  An- 
teil nehmenden  Beobachters  daf  gerade  dieser  Essay  über  den  an  Demenz  erkrank- 
ten Vater  nicht  ausschließlich  durch  eine  bloß  autobiographische  Brille  gelesen  wer- 
den. Es  geht  hier  nicht  um  eine  Homestory  zur  Befriedigung  voyeuristischer  Blicke 
ins  Privatleben  eines  berühmten  Schrißstelkrs,  sondern  durchaus  um  das  literari- 
sche und  ästhetische  Bestreben,  in  der  Darstellung  des  Individuellen  das  A llgemeine 
zu  akzentuieren.  Was  sich  teilweise  als  schier  erschreckende  Offenheit  tarnt,  wird  in 
erster  Linie  von  kunstgestalterischem  Willen,  nicht  von  journalistischem  Exhibitio- 
nismus geleitet,  fu  beachten  ist  außerdem  der  Werkkontext,  zumal  bereits  in  dem 
Roman  »Die  Korrekturen«  Albert  Lambert,  eine  der  zentralen  Figuren,  an  der 
Krankheit  leidet. 

Weiterführende  Literatur: 

Hans  Färstl  (Hrsg):  Demenzen.  Perspektiven  in  Forschung  u.  Praxis.  Ebevier  2005 


45 


Jonathan  Franzpi 


Das  Gehirn  meines  Vaters 

Eine  Erinnerung:  An  einem  trüben  Februarmor- 
gen des  Jahres  1996  bekam  ich  von  meiner  in  St. 
Louis  lebenden  Mutter  ein  Päckchen  zum  Valen- 
tinstag, das  eine  kitschig  rosa  Glückwunschkarte, 
zwei  große  Schokoriegel  (Mr.  Goodbars),  ein  ro- 
tes Filigranherz  mit  Schleife  und  die  Kopie  eines 
neuropathologischen  Berichts  über  die  Gehirn- 
autopsie meines  Vaters  enthielt. 

Ich  entsinne  mich  des  hellgrauen  Winterlichts  jenes  Vormittags.  Ich 
weiß  noch,  dass  ich  die  Schokoriegel,  die  Karte  und  das  Herz  im 
Wohnzimmer  liegen  ließ,  mit  dem  Autopsiebericht  ins  Schlafzimmer 
ging,  mich  hinsetzte  und  las.  Das  Gehirn  (so  begann  der  Bericht)  wog 
1255  Gramm  und  zeigte  parasagitale  Atrophien  mit  Furchenerweiterungen.  Ich 
weiß  noch,  dass  ich  Gramm  in  Pfund  übersetzte  und  Pfund  in  die 
vakuumverpackten  Fleischklumpen  im  Kühlregal  des  Supermarkts. 
Ich  weiß  noch,  dass  ich  nicht  weiterlas  und  den  Bericht  in  den  Um- 
schlag zurückschob. 

Ein  paar  Jahre  vor  seinem  Tod  hatte  mein  Vater  an  einer  Studie  der 
Washington  University  zum  Thema  Gedächtnis  und  Altern  teilge- 
nommen, und  eine  der  Draufgaben  war  die  kostenlose  Gehirnautop- 
sie nach  dem  Tod  des  Probanden  gewesen.  Ich  vermute,  dass  meine 
Mutter,  die  auf  alles  flog,  was  es  umsonst  gab,  meinen  Vater  wegen 
der  ebenfalls  kostenlosen  Betreuung  und  Behandlung  zur  Teilnahme 
an  dieser  Studie  gedrängt  hatte.  Sparsamkeit  war  vermutlich  auch 
das  einzige  bewusste  Motiv  dafür,  dass  sie  den  Autopsiebericht  in 
mein  Valentinspäckchen  gesteckt  hatte.  Sie  sparte  zweiunddreißig 
Cent  Porto. 

Meine  klarsten  Erinnerungen  an  diesen  Februarmorgen  sind  visueller 
und  räumlicher  Art:  die  gelben  Mr.  Goodbars,  der  Wechsel  vom 
Wohnzimmer  ins  Schlafzimmer,  das  Vormittagslicht  einer  Jahreszeit, 
die  vom  Winteranfang  genauso  weit  entfernt  war  wie  vom  Frühlings- 
beginn. Ich  weiß  jedoch,  dass  selbst  diesen  Erinnerungen  nicht  zu 
trauen  ist.  Den  neuesten  Theorien  zufolge,  die  auf  einer  Vielzahl 
neurologischer  und  psychologischer  Forschungen  der  letzten  Jahr- 
zehnte aufbauen,  ist  das  Gehirn  kein  Album,  in  dem  jede  Erinnerung 
einzeln  aufbewahrt  wird  wie  ein  Foto.  Der  Psychologe  Daniel  L. 


46 


Das  Gehirn  meines  Vaters 


Schächter  beschreibt  eine  Erinnerung  vielmehr  als  »temporäre  Kon- 
stellation« der  Gehirntätigkeit  - eine  naturgemäß  unscharf  begrenzte 
Erregung  neuronaler  Schaltkreise,  die  eine  Reihe  von  Wahrneh- 
mungsbildern und  semantischen  Daten  in  die  temporäre  Wahrneh- 
mung eines  erinnerten  Ganzen  einbindet.  Diese  Bilder  und  Daten 
sind  selten  das  exklusive  Eigentum  einer  bestimmten  Erinnerung. 
Schon  während  die  Erlebnisse  jenes  Valentinstags  in  mir  aufsteigen, 
bedient  sich  mein  Gehirn  der  viel  älteren  Begriffe  »rot«,  »Herz«  und 
»Mr.  Goodbar«,  der  graue  Himmel  vor  den  Fenstern  ist  mir  von  tau- 
send anderen  Wintertagen  vertraut,  und  ich  habe  bereits  Millionen 
von  Neuronen  auf  das  Bild  meiner  Mutter  verwandt  - ihren  Geiz  in 
Portofragen,  die  Liebesbeweise  für  ihre  Kinder,  ihre  unterdrückte 
Wut  auf  meinen  Vater,  ihren  grotesken  Mangel  an  Takt  und  so  weiter. 
Meine  Erinnerung  an  diesen  Morgen  besteht  also  nach  neuesten  Er- 
kenntnissen aus  einer  Reihe  fester  neuronaler  Verbindungen  zwi- 
schen den  zuständigen  Gehirnregionen  und  einer  Prädisposition  für 
die  Gesamtkonstellation,  die  sich  chemoelektrisch  aktiviert,  wenn  ein 
Teilbereich  stimuliert  wird.  Man  sage  »Mr.  Goodbar«  und  bitte  mich 
um  freie  Assoziation. 

Wenn  ich  nicht  auf  »Diane  Keaton«  komme,  dann  ganz  bestimmt 
auf  »Gehirnautopsie«. 

Meine  Valentinserinnerung  würde  auch  so  funktionieren,  wenn  ich 
sie  jetzt  zum  ersten  Mal  ans  Licht  zöge.  Dieser  Februarvormittag  ist 
mir  aber  seitdem  unzählige  Male  in  den  Sinn  gekommen.  Ich  habe 
die  Geschichte  meinen  Brüdern  erzählt.  Ich  habe  sie  Freunden,  die 
auf  solche  Dinge  stehen,  als  mütterliche  Entgleisung  erzählt  und  be- 
schämenderweise auch  Leuten,  die  ich  kaum  kenne.  Jede  neue  Akti- 
vierung und  Wiedergabe  verstärkt  die  Konstellation  der  Bilder  und 
der  Fakten,  aus  denen  die  Erinnerung  besteht.  Auf  Zellebene  be- 
trachtet, wird  die  Erinnerung  nach  Aussage  der  Neurowissenschaftler 
jedes  Mal  ein  wenig  tiefer  eingebrannt,  wird  die  Vernetzung  der 
Komponenten  weiter  befestigt,  das  Feuerwerk  der  betreffenden  Sy- 
napsen kräftiger  geschürt.  Eine  der  größten  Anpassungsleistungen 
des  Gehirns,  die  unsere  grauen  Zellen  um  so  vieles  raffinierter  ma- 
chen als  jede  bislang  erdachte  Maschine  (die  verstopfte  Festplatte  mei- 
nes Laptops  oder  ein  World  Wide  Web,  das  sich  stur  und  bis  ins  letzte 
Detail  die  »Beverly  Hills  902 1 0«-Fan-Site  merkt,  last  updated  20.  1 1. 
98),  ist  die  Fähigkeit,  fast  alles  zu  vergessen,  was  uns  je  widerfahren  ist. 
Ich  bewahre  weitgehend  verallgemeinerte  Erinnerungen  an  die  Ver- 


47 


Jomthan  Fran2:fn 


gangenheit  auf  (ein  Jahr  in  Spanien,  mehrere  Besuche  in  den  indi- 
schen Restaurants  der  East  Sixth  Street),  aber  verhältnismäßig  wenig 
konkrete  Episoden.  Indem  ich  auf  diese  Erinnerungen  zurückgreife, 
stärke  ich  sie.  Sie  werden  wortwörtlich  ~ morphologisch,  chemoelek- 
trisch  - zum  Teil  meiner  Gehirnarchitektur. 

Dieses  Gedächtnismodell,  das  ich  hier  ziemlich  laienhaft  wiedergebe, 
begeistert  den  Amateurwissenschaftler  in  mir.  Es  bietet  mir  eine  Er- 
klärung sowohl  für  die  Unschärfe  als  auch  für  die  Vielfalt  meiner  Er- 
innerungen und  erregt  meine  Ehrfurcht,  wenn  ich  mir  die  neuronalen 
Netzwerke  vorstelle,  die  sich  mühelos  und  in  unabsehbarer  Paral- 
lelität selbst  organisieren,  um  mein  phantomhaftes  Bewusstsein  und 
mein  ziemlich  robustes  Ichgefühl  zu  erzeugen.  Eine  hübsche,  postmo- 
derne Vorstellung.  Das  menschliche  Gehirn  ist  ein  Gespinst  aus  hun- 
dert, vielleicht  auch  zweihundert  Milliarden  Nervenzellen,  aus  Billio- 
nen Nervenfasern  und  Dendriten,  die  Billiarden  von  Botschaften 
übermitteln  und  sich  dazu  mindestens  fünfzig  verschiedener  Trans- 
mitter bedienen.  Das  Organ,  mit  dem  wir  das  Universum  beobachten 
und  deuten,  ist  der  mit  großem  Abstand  komplexeste  Gegenstand, 
der  uns  in  diesem  Universum  begegnet. 

Und  zugleich  ist  er  ein  Klumpen  Körpermasse.  Irgendwann,  viel- 
leicht im  weiteren  Verlauf  des  Valenrinstags,  zwang  ich  mich,  den 
ganzen  Pathologiebericht  zu  lesen.  Er  enthielt  den  »mikroskopischen 
Befund«  des  Gehirns,  das  meinem  Vater  gehört  hatte: 

Sektion  der  Stirn-,  Scheitel-,  Hinterhaupts-  und  Schläfenlappen  zeig- 
te zahlreiche  senile  Plaques  vom  marktmten  und  gestreuten  Typus  mit 
geringer  neurofibrillarer  Lockenbildung.  Kortikale  Levy'sche  Kör- 
perchen ließen  sich  in  der  H & E-gefarbten  Substanz  leicht  nachwei- 
sen.  Der  Mandelkern  wies  Plaques  auf,  vereinzelte  Locken  und  leich- 
ten Zellschwund. 

Neun  Monate  zuvor,  beim  Aufgeben  der  Todesanzeige,  hatte  meine 
Mutter  auf  der  Formulierung  bestanden,  mein  Vater  sei  »nach  langer 
Krankheit«  verstorben.  Ihr  gefiel  daran  das  Förmliche  und  Verhalte- 
ne, aber  der  Groll,  der  im  Wort  »lang«  mitschwingt,  ist  kaum  zu  über- 
hören. Die  bei  der  Obduktion  entdeckten  senilen  Plaques  bestätigten, 
womit  mein  Vater  viele  Jahre  Tag  für  Tag  zu  kämpfen  hatte:  Wie  Mil- 
lionen anderer  Amerikaner  litt  er  an  der  Alzheimer-Krankheit. 


48 


Das  Gehirn  meines  Vaters 


Das  war  seine  Krankheit,  aber  auch,  so  könnte  man  sagen,  seine  Ge- 
schichte. Doch  lassen  Sie  mich  erzählen. 

Alzheimer  ist  eine  Krankheit  mit  schleichendem  Verlauf.  Da  auch  ge- 
sunde Menschen  mit  dem  Alter  vergesslich  werden,  lässt  sich  nicht 
feststellen,  wann  eine  Gedächtnisleistung  erstmals  dem  Morbus  Alz- 
heimer zum  Opfer  fällt.  Bei  meinem  Vater  war  es  besonders  kompli- 
ziert, weil  er  nicht  nur  depressiv,  introvertiert  und  schwerhörig  war, 
sondern  auch  starke  Medikamente  wegen  anderer  Krankheiten  nahm. 
Lange  Zeit  war  es  möglich,  seine  inadäquaten  Antworten  auf  die 
Schwerhörigkeit  zu  schieben,  seine  Vergesslichkeit  auf  die  Depression, 
seine  Halluzinationen  auf  die  Medümmente,  und  genau  das  taten  wir. 
Meine  Erinnerungen  an  die  Jahre  seines  beginnenden  Verfalls  befas- 
sen sich  lebhaft  mit  anderen  Dingen.  Ich  bin  sogar  ein  bisschen  ent- 
setzt, welch  großen  Raum  ich  in  ihnen  einnehme  und  wie  peripher 
meine  Eltern  sind.  Aber  in  jenen  Jahren  war  ich  weit  weg  von  zu  Hau- 
se. Mein  Wissen  bezog  ich  vor  allem  aus  den  Klagen  meiner  Mutter 
über  meinen  Vater,  und  diese  Klagen  nahm  ich  nicht  ganz  ernst, 
denn  mein  Leben  lang  hatte  ich  nichts  anderes  von  ihr  gehört. 

Die  Ehe  meiner  Eltern  war,  man  kann  es  so  sagen,  alles  andere  als 
glücklich.  Sie  blieben  wegen  der  Kinder  zusammen  und  weil  sie  nicht 
glaubten,  durch  eine  Scheidung  glücklicher  zu  werden.  Solange  mein 
Vater  arbeitete,  hatte  jeder  seinen  eigenen  Bereich,  sie  den  Haushalt, 
er  den  Beruf,  aber  1981,  nach  seiner  Pensionierung  mit  66  Jahren, 
begannen  sie  in  ihrem  gemütlich  eingerichteten  Vorstadthaus  mit  der 
Ganztagsdarbietung  des  Ehedramas  »No  Exit«.  Ich  reiste  zu 
Kurzbesuchen  an  wie  eine  UN-Friedenstruppe  und  hörte  mir  die  er- 
bitterten Vorwürfe  beider  Seiten  an. 

Im  Unterschied  zu  meiner  Mutter,  die  in  ihrem  Leben  fast  dreißigmal 
im  Krankenhaus  lag,  war  mein  Vater  bis  zu  seiner  Pensionierung 
kerngesund.  Seine  Eltern  und  Onkel  hatten  es  auf  über  achtzig  oder 
neunzig  Jahre  gebracht,  und  er,  Earl  Franzen,  war  fest  davon  über- 
zeugt, dass  er  mit  neunzig  noch  leben  würde,  um,  wie  er  gern  sagte, 
»zu  sehen,  wie  sich  die  Dinge  entwickeln«.  (Sein  anagrammatischer 
Namensvetter  Lear  stellte  sich  das  Greisenalter  ganz  ähnlich  vor:  Er 
wollte  mit  Cordelia  dem  Hofklatsch  lauschen  und  erfahren,  »wer 
siegt  und  wer  verliert,  wer  drin  ist  und  wer  draußen«.)  Mein  Vater 
hatte  keine  Hobbys,  seine  Freuden  beschränkten  sich  aufs  Essen,  auf 
die  Besuche  seiner  Kinder,  aufs  Bridgespiel,  aber  er  hatte  ein  episches 
Interesse  am  Leben,  Unermüdlich  sah  er  die  Fernsehnachrichten. 


49 


Jonathan  Franzen 


Sein  Altersehrgeiz  war  es,  die  Entwicklung  der  Nation  und  seiner 
Kinder  zu  verfolgen,  solange  es  nur  ging. 

Das  Passive  dieses  Ehrgeizes  und  die  Gleichförmigkeit  seines  Alltags 
machten  ihn  weitgehend  unsichtbar  für  mich.  Aus  den  Anfängen  sei- 
ner Demenz  am  Ende  der  achtziger  Jahre  ist  mir  nur  ein  einziger 
konkreter  Vorfall  im  Gedächtnis:  Beim  Besuch  des  Restaurants  schei- 
terte er  trotz  aller  Bemühungen  an  der  Aufgabe,  anhand  der  Rech- 
nung das  Trinkgeld  zu  ermitteln. 

Glücklicherweise  war  meine  Mutter  eine  großartige  Briefschreiberin. 
Die  Passivität  meines  Vaters,  die  ich  bedauerlich  fand,  aber  nicht  als 
mein  Problem  betrachtete,  war  für  sie  eine  Quelle  bitterer  Enttäu- 
schung. Bis  zum  Herbst  1989,  als  mein  Vater,  wie  ich  ihren  Briefen 
entnehme,  noch  Golf  spielte  und  die  wichtigsten  Hausreparaturen 
selbst  vornahm,  blieben  ihre  Klagen  strikt  auf  den  familiären  Bereich 
beschränkt: 

Es  ist  extrem  schwierig,  mit  einem  unglücklichen  Menschen  zu  leben, 
wenn  man  weiß,  dass  man  die  Hauptursache  seines  Unglücks  ist. 
Schon  vor  Jahrzehnten,  als  Dad  mir  erzählte,  dass  es  so  was  wie  Liebe 
nicht  gibt  (dass  Sex  eine  »Falle«  ist)  und  dass  es  ihm  nicht  vergönnt 
war,  glücklich  zu  sein,  hätte  ich  so  klug  sein  müssen  zu  erkennen,  dass 
es  keine  Hoffnung  auf  eine  Beziehung  gab,  die  mich  erfüllte.  Aber  ich 
war  mit  den  Kindern  und  den  Menschen,  die  ich  gern  hatte,  ausgelas- 
tet und  habe  mir  wahrscheinlich  wie  Scarlett  0‘Hara  gesagt:  »Sorgen 
mache  ich  mir  später.« 

Der  Brief  stammt  aus  einer  Zeit,  als  sich  das  elterliche  Ehedrama  auf 
das  Thema  seiner  Schwerhörigkeit  verlagert  hatte.  Meine  Mutter 
klagte,  es  sei  rücksichtslos  von  ihm,  keine  Hörhilfe  zu  tragen,  mein 
Vater  klagte,  die  anderen  seien  rücksichtslos,  weil  sie  nicht  laut  genug 
sprächen.  Die  Auseinandersetzung  kulminierte  in  einem  Pyrrhussieg: 
Er  kaufte  eine  Hörhilfe,  ohne  sie  zu  benutzen.  Und  wieder  machte 
ihm  meine  Mutter  »Sturheit«,  »Eitelkeit«  und  »Fatalismus«  zum  Vor- 
wurf Aber  im  Rückblick  ist  kaum  zu  übersehen,  dass  die  schlechten 
Ohren  als  Staffage  für  weit  ernstere  Probleme  herhalten  mussten. 

Ein  Brief  vom  Januar  1990  enthält  den  ersten  schriftlichen  Hinweis 
auf  diese  Probleme: 


50 


Das  Gehirn  meines  Vaters 


r 

Letzte  Woche  hat  er  seine  morgendlichen  Pillen  weggelassen,  weil  er 
zum  Fahrtauglichkeitstest  an  der  Washington  University  musste,  wo 
er  an  der  Studie  zu  Alter  und  Gedächtnis  teilnimmt.  In  der  Nacht 
wurde  ich  von  seinem  elektrischen  Rasierer  geweckt,  ich  schaute  auf 
die  Uhr,  es  war  halb  drei,  und  er  war  im  Bad  und  rasierte  sich. 

Wenige  Monate  später  machte  mein  Vater  schon  so  viele  Fehler,  dass 
meine  Mutter  andere  Erklärungen  bemühen  musste: 

Entweder  ist  er  überanstrengt  oder  zerstreut  oder  hat  irgendeine  geis- 
tige Störung,  aber  es  gab  eine  ganze  Menge  Vorfälle,  die  mir  wirklich 
Sorgen  machen.  Er  lässt  die  Wagentür  offen  oder  die  Scheinwerfer 
brennen,  und  innerhalb  einer  Woche  mussten  wir  zweimal  den  Pan- 
nendienst rufen  und  die  Batterie  aufladen  lassen.  (Jetzt  habe  ich  Zettel 
in  der  Garage  aufgehängt,  und  das  scheint  zu  helfen.) ...  Mir  ist  wirk- 
lich nicht  wohl  beim  Gedanken,  ihn  für  längere  Zeit  allein  im  Haus  zu 
lassen. 

Die  Angst,  ihn  allein  zu  lassen,  gewann  im  Lauf  des  Jahres  immer 
mehr  an  Gewicht.  Ihr  rechtes  Knie  war  abgenutzt,  und  weil  sie  be- 
reits eine  Stahlplatte  von  einer  früheren  Fraktur  im  Bein  hatte,  stand 
ihr  eine  komplizierte  Operation  mit  langer  Genesung  und  Rehabilita- 
tion bevor.  Ihre  Briefe  von  Ende  1990  und  Anfang  1991  sind  durch- 
setzt von  quälenden  Zweifeln,  ob  sie  die  Operation  riskieren  konnte 
und  was  in  diesem  Fall  mit  meinem  Vater  geschehen  sollte. 

Wäre  er  nur  eine  Nacht  allein  im  Haus  und  ich  im  Krankenhaus, 
würde  ich  durchdrehen,  weil  er  das  Wasser  laufen  lässt,  manchmal 
den  Herd  nicht  abstellt,  überall  Licht  macht  und  so  weiter  . . . Ich  prü- 
fe in  letzter  Zeit  alles  nach,  sooft  ich  kann,  aber  selbst  dann  herrscht 
bei  uns  ein  heilloses  Durcheinander,  und  was  mich  am  härtesten  an- 
kommt, ist  sein  Vorwurf  der  Einmischung  - »Halt  dich  aus  meinen 
Angelegenheiten  raus!!!«.  Er  sieht  oder  akzeptiert  nicht,  dass  ich  ihm 
helfen  will,  und  das  ist  das  Allerschwerste  für  mich. 

Zu  der  Zeit  hatte  ich  gerade  meinen  zweiten  Roman  beendet,  deshalb 
bot  ich  ihr  an,  während  ihres  Klinikaufenthalts  auf  meinen  Vater  auf- 
zupassen. Um  seinen  Stolz  nicht  zu  verletzen,  einigte  ich  mich  mit  ihr 
darauf,  so  zu  tun,  als  wäre  ich  ihretwegen  und  nicht  seinetwegen  ge- 


51 


Jonathan  Franzfn 


kommen.  Das  Seltsame  war  jedoch,  dass  ich  das  nur  halbherzig  tat. 
Was  meine  Mutter  über  die  Fehlleistungen  meines  Vaters  schrieb,  war 
nicht  zu  bezweifeln,  aber  genauso  glaubhaft  beschrieb  mein  Vater 
meine  Mutter  als  nörgelnde  Schwarzseherin.  Ich  fuhr  nach  St.  Louis, 
weil  seine  Defizite  für  sie  absolut  real  waren;  doch  als  ich  dort  war, 
verhielt  ich  mich  so,  als  existierten  sie  überhaupt  nicht. 

Wie  befürchtet,  blieb  meine  Mutter  fast  fünf  Wochen  im  Kranken- 
haus. Obwohl  ich  nie  so  lange  mit  meinem  Vater  allein  gewesen  war 
und  es  auch  nie  wieder  sein  sollte,  habe  ich  heute  keine  ausgeprägten 
Erinnerungen  mehr  an  unser  Zusammensein.  Mein  heutiger  Ein- 
druck ist,  dass  er  ein  wenig  zu  ruhig,  aber  insgesamt  völlig  normal 
war.  Das,  könnte  man  meinen,  stand  in  direktem  Widerspruch  zu 
den  Briefen  meiner  Mutter.  Doch  ich  kann  mich  nicht  erinnern,  dass 
mir  dieser  Widerspruch  aufgefallen  wäre.  An  einen  Freund  schrieb 
ich  damals  lediglich,  dass  die  Medikation  meines  Vater  angepasst 
wurde  und  dass  nun  alles  in  Ordnung  sei. 

Wunschdenken?  Ja,  zu  einem  gewissen  Grad.  Aber  die  Neigung,  aus 
Bruchstücken  ein  Ganzes  zu  konstruieren,  ist  eine  Grundeigenschaft 
unseres  Verstandes.  Wir  haben  einen  blinden  Fleck  im  Sehfeld,  wo 
der  Sehnerv  auf  die  Netzhaut  trifft,  aber  das  Gehirn  liefert  uns  ein 
lückenloses  Bild  der  Außenwelt.  Wir  fangen  Wortfragmente  auf  und 
hören  die  Wörter  vollständig.  Wir  sehen  dämonische  Fratzen  in  Blu- 
mentapeten. Ständig  füllen  wir  Leerstellen  aus.  Wohl  in  ähnlicher 
Weise  war  ich  geneigt,  sein  Schweigen  und  seine  geistigen  Absenzen 
umzudeuten  und  ihn  unverändert  als  den  alten,  völlig  intakten  Earl 
Franzen  zu  erleben.  Ich  brauchte  ihn  noch  als  Akteur  in  der  Ge- 
schichte meiner  selbst.  Im  Brief  an  meinen  Freund  beschreibe  ich 
eine  morgendliche  Generalprobe  des  St.  Louis  Symphony  Orchestra, 
die  wir  auf  Geheiß  meiner  Mutter  besuchen  mussten,  damit  die  Frei- 
karten nicht  verfielen.  In  der  Pause  nach  dem  Violinkonzert  von  Sibe- 
lius  und  dem  fulminanten  Solo  der  sehr  jungen  Midori  sprang  mein 
Vater  mit  greisenhafter  Unrast  von  seinem  Sitz  auf.  »So«,  sagte  er, 
»jetzt  gehen  wir.«  Ich  war  klug  genug,  ihm  nicht  auch  noch  die  nach- 
folgende Charles-Ives-Sinfonie  zuzumuten,  aber  wütend  auf  das,  was 
ich  für  sein  Spießertum  hielt.  Auf  der  Heimfahrt  fiel  ihm  zu  Midori 
und  Sibelius  nicht  mehr  ein  als  das:  »Ich  verstehe  diese  Musik  nicht. 
Was  machen  die  damit?  Auswendig  lernen?« 

Im  selben  Frühjahr  wurde  bei  meinem  Vater  eine  kleine,  langsam 


52 


Das  Gehirn  meines  Vaters 


wachsende  Prostatageschwulst  festgestellt.  Seine  Ärzte  meinten,  sie 
müsse  nicht  behandelt  werden,  aber  er  bestand  auf  einer  Strahlen- 
therapie. Offenbar  auf  indirekte  Weise  über  seinen  Geisteszustand  im 
Bilde,  packte  ihn  die  Angst,  dass  in  ihm  etwas  Schreckliches  vorging, 
dass  er  seinen  neunzigsten  Geburtstag  vielleicht  doch  nicht  mehr  erle- 
ben würde.  Meine  Mutter,  die  noch  sechs  Monate  nach  der  Operati- 
on innere  Blutungen  im  Knie  hatte,  brachte  wenig  Geduld  mit  der 
von  ihr  unterstellten  Hypochondrie  auf  Im  September  1991  schrieb 
sie: 

Ich  bin  froh,  dass  Dad  mit  seiner  Strahlentherapie  angefangen  hat, 
die  ihn  zwingt,  jeden  Tag  aus  dem  Haus  zu  gehen  (hier  ist  ein  Smiley 
eingefügt)  - ein  großes  Plus.  Er  war  an  dem  Punkt,  wo  er  so  nervös,  so 
gequält,  so  depressiv  wirkte,  dass  er  irgendwie  zu  einer  Entscheidung 
kommen  musste.  Und  da  er  so  passiv  ist  (praktisch  gar  nichts  tut),  hat 
er  genug  Zeit,  sich  den  Kopf  zu  zerbrechen  und  über  sich  nach- 
zugrübeln. - Er  braucht  dringend  Ablenkung! . . . Mehr  und  mehr  glau- 
be ich,  die  wertvollsten  Eigenschaften,  die  man  haben  kann,  sind  1 . 
eine  positive  Einstellung  und  2.  Sinn  für  Humor  - nichts  davon  bei 
Dad. 

Es  folgten  ein  paar  relativ  optimistische  Monate.  Die  Geschwulst  war 
verbannt,  das  Knie  meiner  Mutter  wurde  endlich  besser,  und  ihre 
angeborene  Zuversicht  kehrte  in  die  Briefe  zurück.  Sie  berichtete, 
dass  mein  Vater  bei  einer  Bridgepartie  gewonnen  hatte.  »Wenn  er 
seine  Zerstreutheit  in  den  Griff  kriegt  und  nicht  so  konservativ  ans 
Spiel  herangeht,  schlägt  er  sich  bemerkenswert  gut.  Es  ist  ungefähr 
das  Einzige,  was  ihm  Spaß  macht  (und  ihn  wach  hält!).«  Aber  seine 
Ängste  blieben;  er  hatte  Magenschmerzen,  die,  wie  er  glaubte,  durch 
Krebs  verursacht  waren.  Allmählich  verschob  sich  der  Akzent  ihrer 
Mitteilungen  vom  Persönlichen  und  Moralischen  ins  Psychiatrische. 
»Es  ist  beunruhigend,  wie  viele  Freunde  wir  in  den  vergangenen  sechs 
Monaten  verloren  haben  - teilweise  sicher  wegen  Dads  Nervosität 
und  Depression«,  schrieb  sie  im  Februar  1992.  Und  weiter: 

Dads  Internist,  Dr.  Rouse,  hat  in  etwa  meinen  Eindruck  bestätigt,  was 
seine  Magenbeschwerden  betrifft.  (Er  hat  alle  klinischen  Ursachen 
ausgeschlossen.)  Dad  ist  1 . schrecklich  nervös,  2.  schrecklich  depres- 
siv, und  ich  hoffe,  Dr.  Rouse  verschreibt  ihm  ein  Antidepressivum.  Es 


53 


Jonathan  Franzen 


muss  einfach  ein  Mittel  dagegen  geben  ...  Im  letzten  Jahr  sind  viele 
bedrückende,  beunruhigende  Dinge  passiert,  das  weiß  ich  sehr  wohl, 
aber  Dads  seelischer  Zustand  verursacht  ihm  körperliche  Schmerzen, 
und  wenn  er  schon  nicht  zur  Beratung  geht  (vorgeschlagen  von  Dr. 
Weiss),  wird  er  jetzt  vielleicht  zumindest  bereit  sein,  Tabletten  zu  neh- 
men oder  was  immer  man  gegen  Nervosität  und  Depression  tut. 

Eine  Weile  lang  blieb  »Nervosität  und  Depression«  eine  feste  Wendung 
in  ihren  Briefen.  Dank  Prozac  schien  mein  Vater  aufzuleben.  Aber  die 
Wirkung  war  von  kurzer  Dauer.  Im  Juli  1992  fand  er  sich  endlich  - und 
zu  meiner  Überraschung  - bereit,  zum  Psychiater  zu  gehen. 

Der  Psychiatrie  hatte  er  immer  gründlich  misstraut.  Psychotherapie 
betrachtete  er  als  Verletzung  der  Intimsphäre,  seelische  Gesundheit 
als  Frage  der  Selbstdisziplin  und  die  zunehmend  spitzzüngigen  Vor- 
schläge meiner  Mutter,  »mal  mit  jemandem  zu  reden«,  als  Akte  der 
Aggression,  als  böswillige  Schuldzuweisungen  für  ihre  unglückliche 
Ehe.  Es  war  ein  Ausdruck  seiner  tiefen  Verzweiflung,  dass  er  sich  frei- 
willig in  die  Praxis  eines  Psychiaters  begab. 

Im  Oktober,  bei  einem  Zwischenstopp  in  St.  Louis  auf  dem  Weg  nach 
Italien,  fragte  ich  ihn  nach  der  Behandlung.  Er  machte  eine  resignier- 
te Geste.  »Ein  äußerst  fähiger  Arzt«,  sagte  er.  »Aber  ich  fürchte,  er  hat 
mich  abgeschrieben.« 

Der  Gedanke,  dass  jemand  meinen  Vater  abschrieb,  war  mir  uner- 
träglich. Aus  Italien  schickte  ich  dem  Psychiater  einen  dreiseitigen 
Brief  mit  der  Bitte,  den  Fall  noch  einmal  zu  überprüfen,  aber  wäh- 
renddessen ging  es  zu  Hause  drunter  und  drüber.  »Ich  muss  dir  leider 
mitteilen,  dass  Dad  einen  fürchterlichen  Rückschlag  erlitten  hat«,  fax- 
te meine  Mutter  nach  Italien.  »Das  Medikament  für  sein  urologisches 
Problem  hat  in  Kombination  mit  den  Mitteln  gegen  Nervosität  und 
Depression  neue  Anfälle  ausgelöst,  das  Halluzinieren  usw.  war 
schrecklich.«  Sie  hatten  ein  Wochenende  bei  meinem  Onkel  in  India- 
na verbracht,  wo  mein  Vater,  aus  der  vertrauten  Umgebung  gerissen, 
ein  nächtliches  Spektakel  vollfiihrte,  das  darin  gipfelte,  dass  mein  On- 
kel ihm  ins  Gesicht  schrie:  »Mensch,  Earl,  ich  bin  dein  Bruder  Erv, 
wir  haben  im  selben  Bett  geschlafen!«  Wieder  in  St.  Louis,  begehrte 
er  gegen  Mrs.  Pryble  auf,  eine  ältere  Dame,  die  meine  Mutter  für  zwei 
Vormittage  die  Woche  engagiert  hatte,  damit  sie  ihre  Besorgungen 
machen  konnte.  Er  sah  nicht  ein,  dass  er  eine  Pflegerin  brauchte,  und 
wenn,  warum  dann  eine  Fremde  und  nicht  seine  Frau?  Er  war  ein 


54 


Das  Gehirn  meines  Vaters 


typisches  »Nachtgespenst«  geworden.  Am  Tag  dämmerte  er  vor  sich 
hin,  nachts  stellte  er  das  Haus  auf  den  Kopf. 

Es  folgte  unser  unglückseliger  Besuch,  als  meine  Frau  und  ich  endlich 
für  meine  Mutter  tätig  wurden  und  eine  Altenpflegerin  suchten.  Mei- 
ne Mutter  drängte  uns,  ihn  so  zu  ermüden,  dass  er  nachts  ohne  psy- 
chotische Ausbrüche  durchschlief  Er  saß  mit  versteinertem  Gesicht 
am  Kamin  und  erzählte  Schauergeschichten  aus  seiner  Kindheit, 
während  meine  Mutter  über  die  Kosten,  die  untragbaren  Kosten  der 
Altenpflege  schimpfte.  Aber  wenn  ich  mich  recht  erinnere,  fiel  nie  das 
Wort  »Demenz«.  In  den  Briefen  meiner  Mutter  kommt  das  Wort 
»Alzheimer«  nur  ein  einziges  Mal  vor  - in  Bezug  auf  eine  alte  deut- 
sche Frau,  für  die  ich  als  Teenager  gearbeitet  hatte. 

Ich  weiß  noch,  wie  misstrauisch  und  ablehnend  ich  vor  fünfzehn  Jah- 
ren reagierte,  als  das  Wort  »Alzheimer«  plötzlich  in  aller  Munde  war. 
Ein  weiteres  Beispiel  für  die  Pathologisierung  des  Menschlichen, 
dachte  ich,  die  neueste  Bereicherung  der  ständig  wachsenden  Opfer- 
Nomenklatur.  Meiner  Mutter  erwiderte  ich  auf  ihre  Mitteilung:  »Was 
du  beschreibst,  klingt  ganz  nach  der  alten  Erika,  nur  um  einiges 
schlimmer.  Aber  so  funktioniert  doch  Alzheimer  nicht,  oder?  Jeden 
Monat  schimpfe  ich  ein  paar  Minuten  darüber,  dass  normale  Geistes- 
krankheiten mit  dem  modischen  Etikett  >Alzheimer<  behängt  wer- 
den.« 

Heute  schimpfe  ich  jeden  Monat  ein  paar  Minuten  darüber,  wie 
selbstgerecht  ich  mit  dreißig  war,  und  verstehe  das  damalige  Wider- 
streben, die  Bezeichnung  »Alzheimer«  auf  meinen  Vater  anzuwen- 
den, als  Versuch,  die  individuelle  Einzigartigkeit  von  Earl  Franzen  vor 
der  Generalisierung  durch  einen  benennbaren  Befund  zu  schützen. 
Befunde  stützen  sich  auf  Symptome;  Symptome  verweisen  auf  die 
organische  Grundlage  unseres  Seins,  auf  den  fleischlichen  Ursprung 
des  Verstandes.  Aber  dort,  wo  die  Einsicht  stattfinden  müsste,  dass  das 
Gehirn  aus  Körpermasse  besteht,  habe  ich  einen  blinden  Fleck,  den 
ich  mit  Geschichten  vom  seelischen  Charakter  der  Persönlichkeit 
überdecke.  Meinen  kranken  Vater  als  ein  Bündel  organischer  Symp- 
tome zu  sehen  könnte  mich  dazu  verleiten,  den  gesunden  Earl  Fran- 
zen (und  mich  in  meiner  Gesundheit)  ebenftills  nach  organischen  Kri- 
terien zu  beurteilen  - unser  geliebtes  Selbst  auf  ein  begrenztes  En- 
semble neurochemischer  Koordinaten  zu  reduzieren.  Wer  möchte 
schon  eine  solche  Lebensgeschichte  haben? 


55 


Jonathan  Franzfn 


Selbst  jetzt  ist  mir  unwohl,  wenn  ich  mich  über  die  Alzheimer-Krank- 
heit informiere.  Zum  Beispiel  erinnert  mich  die  Lektüre  von  David 
Shenks  Buch  The  Forgetting.  Akheimer‘s.  Portrait  of  an  Epidemie  daran, 
dass  mein  Vater,  wenn  er  sich  in  seinem  angestammten  Wohnviertel 
verirrte  oder  vergaß,  die  Klospülung  zu  drücken,  die  gleichen  Symp- 
tome hatte  wie  Millionen  andere  Betroffene.  Eine  solche  Gemein- 
schaft kann  auch  trösdich  sein,  aber  es  tut  weh,  wenn  bestimmte  Feh- 
ler, die  mein  Vater  gemacht  hat,  ihres  persönlichen  Charakters  be- 
raubt werden  - wie  etwa  die  Verwechslung  meiner  Mutter  mit  seiner 
Schwiegermutter,  die  mir  damals  unerhört  und  mysteriös  vorkam 
und  aus  der  ich  alle  möglichen  Einsichten  über  die  Ehe  meiner  Eltern 
gewann.  Meine  Vorstellung  von  der  Autonomie  der  Persönlichkeit 
stellte  sich  als  Illusion  heraus. 

Altersdemenz  gibt  es,  seit  es  die  Möglichkeit  gibt,  sie  zu  diagnos- 
tizieren. Solange  die  Lebenserwartung  gering  war  und  hohes  Alter 
eine  Ausnahme,  wurde  die  Senilitat  als  natürliche  Begleiterscheinung 
des  Alterns  betrachtet,  vielleicht  als  Ausdruck  der  Arteriosklerose. 
Der  junge  deutsche  Neuropathologe  Alois  Alzheimer  glaubte  sich  mit 
einer  völlig  neuen  geistigen  Erkrankung  konfrontiert,  als  er  1901  die 
einundfünfzigjährige  Auguste  D.  in  seine  Praxis  aufnahm.  Sie  litt  un- 
ter bizarren  Stimmungsschwankungen,  schwerem  Gedachtnisverlust 
und  gab  bei  der  Aufnahmeuntersuchung  problematische  Antworten: 

»Wie  heißen  Sie?« 

»Auguste.« 

»Ihr  Nachname?« 

»Auguste.« 

»Wie  heißt  Ihr  Mann?« 

»Auguste,  glaube  ich.« 

Als  Auguste  D.  vier  Jahre  später  in  einer  Anstalt  starb,  machte  sich 
Alzheimer  die  neuesten  Fortschritte  der  Mikroskopie  und  Gewebefär- 
bung zunutze  und  entdeckte  die  frappierende  Doppelsymptomatik 
ihrer  Krankheit:  In  den  Gehirnproben  fanden  sich  viele  klebrig  ausse- 
hende Klümpchen,  »Plaques«,  und  zahllose  Nervenzellen,  die  von 
gekringelten  Fibrillen,  »Locken«,  umgeben  waren.  Für  diesen  Fund 
interessierte  sich  Alzheimers  Mentor  EmU  Kraepelin,  damals  das 
Oberhaupt  der  deutschen  Psychiatrie.  Kraepelin,  der  erbittert  gegen 
Sigmund  Freud  und  dessen  psycho-literarische  Theorien  der  see- 


56 


Das  Gehirn  meines  Vaters 


lischen  Erkrankung  zu  Felde  zog,  sah  in  Alzheimers  Plaques  und  Lo- 
cken willkommene  Belege  für  seine  Überzeugung,  dass  seelische  Er- 
krankungen primär  organischer  Natur  seien.  In  seinem  Handbuch  der 
Psychiatrie  taufte  er  die  Krankheit  der  Auguste  D.  Morbus  Alzheimer. 
Auch  in  den  sechzigJahren  nach  der  Autopsie  der  Auguste  D.,  als  der 
medizinische  Fortschritt  die  Lebenserwartung  in  den  entwickelten 
Ländern  um  fünfzehn  Jahre  erhöhte,  betrachtete  man  die  Alzheimer- 
Krankheit  als  medizinische  Rarität,  vergleichbar  der  Huntington- 
Chorea.  David  Shenk  erzählt  die  Geschichte  der  amerikanischen 
Neuropathologin  Meta  Naumann,  die  in  den  frühen  fünfziger  Jahren 
210  Gehirne  von  altersdementen  Personen  obduzierte  und  in  einigen 
Fällen  Arteriosklerosen  feststellte,  Plaques  und  Locken  jedoch  in  der 
Mehrzahl  der  Fälle.  Das  war  der  felsenfeste  Beleg,  dass  die  Krankheit 
weit  häufiger  war  als  allgemein  angenommen,  aber  Naumanns  Arbeit 
vermochte  niemanden  zu  überzeugen.  »Sie  haben  geglaubt,  dass 
Meta  Unsinn  redet«,  erinnerte  sich  ihr  Ehemann. 

Die  Wissenschaft  war  einfach  nicht  reif  für  den  Gedanken,  dass  die 
Altersdemenz  mehr  sein  könnte  als  eine  natürliche  Begleiterschei- 
nung des  Alterns.  Zu  Anfang  der  fünfziger  Jahre  waren  die  »Senio- 
ren« noch  keine  soziologische  Kategorie,  gab  es  noch  keine  Senioren- 
clubs, das  explosive  Wachstum  der  Seniorensiedlungen  hatte  noch 
nicht  eingesetzt  - und  das  wissenschaftliche  Denken  war  ein  Aus- 
druck dieser  sozialen  Verhältnisse.  Erst  in  den  siebziger  Jahren  setzte 
eine  Neubewertung  der  Altersdemenz  ein.  Um  diese  Zeit  gab  es,  so 
Shenk,  »schon  so  viele  langlebige  Menschen,  dass  die  Senilität  nicht 
mehr  als  normal  oder  akzeptabel  empfunden  wurde«.  Der  amerika- 
nische Kongress  schuf  1974  die  gesetzliche  Grundlage  für  die  Erfor- 
schung des  Alters  und  rief  dtis  National  Institute  on  Aging  ins  Leben, 
für  das  bald  reichlich  Gelder  flössen.  Gegen  Ende  der  achtziger  Jahre, 
auf  dem  Höhepunkt  meiner  Empörung  über  den  klinischen  Termi- 
nus und  seine  plötzliche  Allgegenwart,  hatte  die  Alzheimer-Krank- 
heit denselben  sozialen  und  medizinischen  Stellenwert  erreicht  wie 
Gefäßkrankheiten  und  Krebs  - und  die  Forschung  wurde  entspre- 
chend gefördert. 

Was  da  in  den  Siebzigern  und  Achtzigern  passierte,  war  nicht  einfach 
ein  medizinischer  Paradigmenwechsel.  Die  Zahl  der  Neuerkrankun- 
gen ist  tatsächlich  stark  im  Steigen  begriffen.  Da  immer  weniger 
Menschen  am  Herzinfarkt  oder  an  Infektionskrankheiten  sterben, 
werden  sie  alt  genug,  um  im  Altersschwachsinn  zu  enden.  Alzheimer- 


57 


Jonathan  Frampi 


Patienten  in  Pflegeheimen  leben  viel  länger  als  andere  Patienten  - bei 
jährlichen  Kosten  von  mindestens  vierzigtausend  Dollar  pro  Person. 
Bevor  sie  in  eine  Pflegeeinrichtung  kommen,  beeinträchtigen  sie  in 
wachsender  Zahl  das  Leben  ihrer  Angehörigen.  Gegenwärtig  sind 
fünf  Millionen  Amerikaner  von  der  Krankheit  betroffen;  bis  zum 
Jahr  2050  könnte  die  Zahl  auf  fünfzehn  Millionen  steigen. 

Weil  so  viel  Geld  in  chronische  Krankheiten  fließt,  investieren  die 
Pharmafirmen  fieberhaft  in  die  eigene  Alzheimer-Forschung,  wäh- 
rend die  öffentlich  finanzierte  Forschung  bedeutend  weniger  Patente 
einreicht.  Aber  da  das  Wesen  der  Krankheit  im  Dunkeln  bleibt  (das 
lebende  Gehirn  ist  etwa  so  leicht  zugänglich  wie  der  Mittelpunkt  der 
Erde  oder  der  Rand  des  Universums),  weiß  niemand,  welche  For- 
schungsrichtung zu  einer  wirksamen  Behandlung  führt.  Bei  den  For- 
schern scheint  man  davon  auszugehen,  dass  Menschen  unter  fünfzig 
gute  Aussichten  haben,  ein  wirksames  Alzheimer-Medikament  vorzu- 
finden, wenn  sie  es  eines  Tages  brauchen  sollten.  Jedoch  hat  so  man- 
cher Krebsforscher  vor  zwanzigJahren  behauptet,  in  zwanzig  Jahren 
sei  der  Krebs  besiegt. 

Der  noch  nicht  fünfzigjährige  David  Shenk  gibt  in  seinem  Buch  aller- 
dings zu  bedenken,  dass  der  Sieg  über  die  Altersdemenz  nicht  nur 
segensreiche  Folgen  haben  könnte.  Eine  auffällige  Besonderheit  der 
Krankheit  sei  es  zum  Beispiel,  dass  die  Betroffenen  in  ihrem  Verlauf 
immer  weniger  unter  ihr  zu  leiden  hätten.  Die  Pflege  eines  Alzhei- 
mer-Patienten besteht  in  der  monotonen  Wiederholung  immer  glei- 
cher Verrichtungen,  weil  der  Patient  die  Fähigkeit  verloren  hat,  ihren 
Wiederholungscharakter  zu  erkennen.  Shenk  zitiert  Patienten,  die 
das  Vergessen  »als  etwas  Köstliches«  empfinden  und  eine  Steigerung 
ihres  Wohlbefindens  bekunden,  seit  sie  nur  noch  in  einem  ewigen 
Jetzt  leben.  Wenn  eine  Patientin  mit  zerstörtem  Kurzzeitgedächtnis 
an  einer  Rose  riecht,  weiß  sie  nicht,  dass  sie  schon  den  ganzen  Vor- 
mittag an  dieser  Rose  riecht. 

Der  Psychiater  Barry  Reisberg  hat  vor  zwanzigJahren  als  Erster  fest- 
gestellt, dass  der  geistige  Verfall  eines  Alzheimer-Patienten  die  spie- 
gelbildliche Umkehrung  der  geistigen  Entwicklung  im  Kindesalter 
darstellt.  Die  ersten  Fähigkeiten,  die  ein  Säugling  erwirbt  - das  Kopf- 
heben (im  ersten  bis  dritten  Lebensmonat),  das  Lächeln  (im  zweiten 
bis  vierten  Monat),  das  selbständige  Aufrichten  (sechster  bis  zehnter 
Monat)  -,  sind  die  Fähigkeiten,  die  der  Alzheimer-Patient  als  letzte 
verliert.  Die  Gehirnentwicklung  vom  dritten  Embryonalmonat  bis 


58 


Das  Gehirn  meines  Valers 


zum  vierten  Lebensjahr  wird  durch  den  Prozess  der  Myelinisation 
oder  Markreifung  bestimmt,  die  allmähliche  Umhüllung  der  noch 
nackten  und  nicht  funktionsfähigen  Nervenfasern  durch  die  fettartige 
Substanz  Myelin.  Da  aber  die  tds  letzte  gereiften  Hirnregionen  offen- 
bar am  wenigsten  mit  Myelin  versorgt  wurden,  sind  sie  am  anfällig- 
sten für  den  Zugriff  der  Alzheimer-Krankheit.  Der  Hippokampus, 
der  Sinneswahrnehmungen  in  Langzeiterinnerungen  umwandelt, 
wird  sehr  spät  von  der  Markreifung  erfasst.  Aus  diesem  Grund  haben 
wir  keine  Erinnerungen  an  die  Zeit  vor  unserem  dritten  oder  vierten 
Lebensjahr,  und  aus  demselben  Grund  setzen  sich  die  ersten  Alzhei- 
mer-Plaques im  Hippokampus  fest.  Damit  erklärt  sich  das  gespensti- 
sche Phänomen,  dass  Patienten  mit  fortgeschrittener  Erkrankung 
normal  gehen  oder  essen,  aber  nicht  mehr  wissen,  was  sie  kurz  zuvor 
getan  haben.  Das  Kind,  das  sie  einmtd  waren,  meldet  sich  zurück. 
Neurologisch  betrachtet,  sehen  wir  ein  einjähriges  Kleinkind  vor  uns. 
Obwohl  sich  Shenk  wacker  bemüht,  in  der  Verkindlichung  der  Alz- 
heimer-Patienten eine  Gnade  zu  sehen,  eine  Befreiung  von  der  Last 
des  Erwachsenseins,  eine  Beschränkung  auf  das  Hier  und  Jetzt, 
möchte  ich  dagegenhalten,  dass  mein  Vater  alles  andere  wollte,  als 
sich  wieder  in  ein  Kleinkind  zu  verwandeln.  Die  Geschichten,  die  er 
aus  seiner  Kindheit  im  nördlichen  Minnesota  erzählte,  waren  (wie  so 
oft  bei  Depressiven)  überwiegend  furchtbar;  brutaler  Vater,  ungerech- 
te Mutter,  endlose  Pflichten,  ländliche  Armut,  Familientragödien, 
grässliche  Unfälle.  Mehr  als  einmal  erzählte  er  mir  nach  seiner  Pen- 
sionierung, die  größte  Freude  in  seinem  Leben  sei  es  gewesen,  dass  er 
als  Erwachsener  mit  anderen  Männern  Zusammenarbeiten  konnte, 
die  seine  Fähigkeiten  zu  schätzen  wussten.  Mein  Vater  war  ein  sehr 
verschlossener  Mensch,  und  die  Verschlossenheit  hatte  für  ihn  den 
Sinn,  sein  beschämendes  Innenleben  vor  fremden  Blicken  zu  verber- 
gen. Konnte  es  für  ihn  etwas  Schlimmeres  geben  als  die  Alzheimer- 
Krankheit?  In  ihren  frühen  Stadien  löste  sie  die  persönlichen  Bindun- 
gen auf,  die  ihn  vor  den  gravierendsten  Folgen  des  depressiven  Rück- 
zugs bewahrt  hatten.  Später  raubte  sie  ihm  die  Panzerungen  des 
Erwachsenseins,  die  er  brauchte,  um  das  Kind  in  sich  zu  verbergen. 
Ich  wünschte,  er  hätte  stattdessen  einen  Herzinfarkt  bekommen. 
Mag  Shenks  Plädoyer  für  die  trösüichen  Seiten  der  Alzheimer- 
Krankheit  auf  wackligen  Füßen  stehen  - seine  Kernthese  ist  weit 
schwerer  zu  entkräften:  SenUität  ist  nicht  nur  eine  Auslöschung  von 
Sinn,  sondern  auch  eine  Quelle  von  Sinn.  Für  meine  Mutter  führte 


59 


JmaÜian  Franzßi 


die  Krankheit  dazu,  dass  alte  Konstellationen  ihrer  Ehe  sowohl  ver- 
stärkt als  auch  umgedreht  wurden.  Mein  Vater  hatte  sich  immer  ge- 
weigert, sich  ihr  zu  öffnen,  und  nun,  in  zunehmendem  Maße,  konnte  er 
es  nicht  mehr.  Für  sie  blieb  er  dabei  derselbe  Earl  Franzen,  der  in 
seinem  Zimmer  vor  sich  hin  dämmerte  und  nicht  verstand,  was  sie 
sagte.  Paradoxerweise  war  sie  diejenige,  die  langsam,  aber  sicher  ihrer 
Persönlichkeit  verlustig  ging.  Sie  lebte  mit  einem  Mann,  der  sie  mit 
ihrer  Mutter  verwechselte,  der  alles  vergaß,  was  er  je  über  sie  gewusst 
hatte,  und  schließlich  auch  ihren  Namen  nicht  mehr  kannte.  Er,  der 
immer  auf  der  Rolle  des  Familienoberhaupts  bestanden  hatte,  des 
Entscheidungsträgers,  des  erwachsenen  Beschützers  seiner  kindlichen 
Frau,  verfiel  nun  wieder  in  das  Verhalten  eines  Kindes.  Jetzt  kamen 
die  ungehörigen  Gefühlsausbrüche  von  ihm,  nicht  mehr  von  meiner 
Mutter.  Jetzt  lotste  sie  ihn  durch  die  Stadt,  wie  sie  einst  mich  und  mei- 
ne Brüder  durch  die  Stadt  gelotst  hatte.  Schritt  für  Schritt  übernahm 
sie  seine  Führungsrolle.  Einerseits  war  die  »lange  Krankheit«  meines 
Vaters  eine  schreckliche  Belastung  und  Enttäuschung  für  sie,  anderer- 
seits bot  sie  ihr  die  Möglichkeit,  eine  Autonomie  zu  entwickeln,  die 
ihr  nie  zuvor  vergönnt  gewesen  war  - und  ein  paar  sehr  alte  Rech- 
nungen zu  begleichen. 

Und  ich?  Als  ich  das  Ausmaß  des  Unglücks  akzeptiert  hatte,  zwang 
mich  die  unabsehbare  Dauer  der  Alzheimer-Krankheit  zu  einem  en- 
geren und  überraschend  wohltuenden  Kontakt  zu  meiner  Mutter.  Ich 
lernte  - was  anders  vielleicht  nicht  geschehen  wäre  -,  dass  ich  mich 
auf  meine  Brüder  verlassen  konnte  und  sie  sich  auf  mich.  Und  seltsa- 
merweise verlor  ich,  der  ich  immer  größten  Wert  auf  meine  Intelli- 
genz, meinen  gesunden  Verstand,  mein  Selbstwertgefühl  gelegt  hatte, 
ein  wenig  von  der  Angst,  dass  es  mir  wie  meinem  Vater  ergehen  könnte, 
dem  alle  diese  Fähigkeiten  abhanden  gekommen  waren.  Auch  sonst 
war  ich  nun  weniger  ängstlich.  Eine  Tür,  vor  der  ich  mich  gefürchtet 
hatte,  war  aufgegangen,  und  ich  fand  den  Mut  zum  Eintreten. 
Besagte  Tür  befand  sich  im  vierten  Stock  des  Barnes  Hospital  von  St. 
Louis.  Etwa  sechs  Wochen  nachdem  wir,  meine  Frau  und  ich,  meiner 
Mutter  eine  Pflegekraft  vermittelt  hatten  und  nach  Osten  zurückge- 
reist waren,  ließ  sich  mein  Vater  von  seinen  Ärzten  und  meinem  ältes- 
ten Bruder  überreden,  eine  Weile  zur  Beobachtung  ins  Krankenhaus 
zu  gehen.  Sinn  der  Sache  war  es,  alle  Medikamente  abzusetzen  und 
zu  sehen,  was  sich  unter  der  Oberfläche  tat.  Meine  Mutter  half  ihm 
bei  der  Einweisung,  blieb  auch  am  Nachmittag  bei  ihm  und  richtete 


60 


Das  Gehirn  meines  Vaters 


ihm  das  Krankenzimmer  ein.  Er  war  wie  immer  halb  abwesend,  als 
sie  zum  Essen  nach  Hause  ging,  aber  am  Abend  setzten  die  Anrufe 
aus  dem  Krankenhaus  ein.  Der  erste  kam  von  meinem  Vater,  der  ver- 
langte, dass  sie  ihn  aus  »diesem  Hotel«  abholte.  Dann  meldeten  die 
Schwestern,  er  sei  aufsässig  geworden.  Als  sie  am  Morgen  ins  Kran- 
kenhaus kam,  war  er  völlig  weggetreten  - er  tobte  und  hatte  jede 
Orientierung  verloren. 

Eine  Woche  später  flog  ich  nach  St.  Louis  zurück.  Meine  Mutter 
brachte  mich  vom  Flughafen  direkt  ins  Krankenhaus.  Während  sie 
mit  den  Schwestern  sprach,  ging  ich  in  sein  Zimmer  und  fand  ihn 
hellwach.  Ich  sagte  hallo  zu  ihm.  Er  machte  aufgeregte  Gesten,  ich 
solle  leise  sein,  und  winkte  mich  nahe  heran.  Ich  beugte  mich  über 
ihn,  worauf  er  mir  zuflüsterte,  ich  solle  ganz  leise  sprechen,  weil  »sie« 
alles  hörten.  Ich  fragte  ihn,  wer  »sie«  seien.  Er  konnte  es  nicht  sagen, 
aber  er  blickte  angstvoll  in  alle  Ecken,  als  hätte  er  »sie«  gerade  noch 
gesehen  und  wunderte  sich  nun  über  ihr  Verschwinden.  Als  meine 
Mutter  hereinkam,  vertraute  er  mir  mit  noch  leiserer  Stimme  an:  »Ich 
glaube,  jetzt  haben  sie  deine  Mutter  am  Wickel.« 

Meine  Erinnerungen  an  die  nachfolgende  Woche  sind  nebelhaft,  aber 
durchsetzt  von  ein  paar  Szenen,  die  mein  Leben  verändert  haben.  Ich 
ging  jeden  Tag  ins  Krankenhaus  und  saß  so  viele  Stunden  bei  mei- 
nem Vater,  wie  ich  es  aushalten  konnte.  Kein  einziges  Mal  brachte  er 
zwei  sinnvolle  Sätze  zusammen.  Die  Erinnerung,  die  mir  im  Nach- 
hinein die  bedeutsamste  zu  sein  scheint,  ist  eine  sehr  merkwürdige. 
Die  Szene  spielt  sich  in  einem  traumartigen  Zwielicht  ab,  in  einem 
engen  Krankenzimmer,  das  in  keiner  anderen  Erinnerung  wieder- 
kehrt, und  sie  ist  nicht  mit  den  Zeitmarkierungen  versehen,  die  ich 
sonst  von  meinen  Erinnerungen  gewöhnt  bin.  Ich  bin  nicht  einmal 
sicher,  ob  sie  aus  der  ersten  Woche  meiner  Krankenhausbesuche  da- 
tiert. Und  doch  weiß  ich  genau,  dass  es  sich  nicht  um  eine  Traumerin- 
nerung handelt.  Alle  Erinnerungen,  sagen  die  Neuropathologen,  sind 
Erinnerungen  an  Erinnerungen,  aber  normalerweise  merkt  man  das 
nicht.  Bei  dieser  ist  es  anders,  ich  erinnere  sie  als  Erinnerungsbild: 
mein  Vater  im  Bett,  meine  Mutter  neben  ihm  auf  dem  Stuhl,  ich  an 
der  Tür  stehend.  Wir  führen  eine  erregte  Debatte,  möglicherweise 
geht  es  darum,  wohin  mein  Vater  nach  der  Entlassung  aus  dem  Kran- 
kenhaus gebracht  wird.  Obwohl  er  der  Debatte  kaum  folgen  kann, 
hält  er  sie  nicht  aus.  Schließlich,  als  hätte  er  genug  von  diesem  Un- 
sinn, ruft  er  unter  Aufbietung  aller  Gefühle:  »Ich  habe  deine  Mutter 


61 


Jonathan  Framjen 


immer  geliebt.  Immer!«  Meine  Mutter  schlägt  schluchzend  die  Hände 
vors  Gesicht. 

Es  war  das  einzige  Mal,  dass  ich  meinen  Vater  das  sagen  hörte.  Ich 
bin  sicher,  dass  die  Erinnerung  echt  ist,  weil  mir  die  Szene  schon  da- 
mals äußerst  bedeutsam  vorkam.  Gleich  darauf  schilderte  ich  sie  mei- 
ner Frau  und  meinen  Brüdern,  und  ich  fügte  sie  in  das  BUd  ein,  das 
ich  mir  von  meinen  Eltern  zurechtgemacht  hatte.  In  späteren  Jahren, 
als  meine  Mutter  behauptete,  mein  Vater  hätte  ihr  nie  seine  Liebe 
bekundet,  fragte  ich  sie  nach  der  Szene  im  Krankenhaus.  Ich 
wiederholte,  was  er  gesagt  hatte,  und  sie  schüttelte  zweifelnd  den 
Kopf.  »Vielleicht«,  sagte  sie.  »Vielleicht  stimmt  es.  Ich  kann  mich 
nicht  erinnern.« 

Abwechselnd  mit  meinen  Brüdern  fuhr  ich  alle  paar  Monate  nach  St. 
Louis.  Jedes  Mal  erkannte  mich  mein  Vater  als  jemanden,  über  dessen 
Besuch  er  sich  freute.  Sein  Leben  im  Pflegeheim  schien  ein  endloser, 
bedrückender  Traum  zu  sein,  bevölkert  von  Phantomen  seiner  Ver- 
gangenheit, von  seinen  deformierten  und  hirngeschädigten  Mitbe- 
wohnern; die  Pflegeschwestern  waren  nicht  so  sehr  Akteure  in  diesem 
Traum  als  vielmehr  unwillkommene  Störenfriede.  Im  Unterschied  zu 
vielen  Patientinnen,  die  wie  Säuglinge  weinten  und  im  nächsten  Mo- 
ment vor  Freude  strahlten,  weil  sic  mit  Eiskrem  gefüttert  wurden,  sah 
ich  meinen  Vater  nie  weinen,  und  die  Freude  am  Eisessen  hörte  nicht 
auf,  der  Freude  eines  Erwachsenen  zu  gleichen.  Bedeutsam  nickend 
und  wehmütig  lächelnd  vertraute  er  mir  wirres  Zeug  an,  und  ich  tat, 
als  würde  ich  ihn  verstehen.  Das  beständigste  Thema  war  sein  fast 
vernünftiger  Wunsch,  aus  »diesem  Hotel«  wegzukommen  - er  könne 
doch  in  einer  kleinen  Wohnung  leben  und  sich  von  meiner  Mutter 
versorgen  lassen. 

Zu  Thanksgiving  holten  wir  ihn  nach  Hause.  Meine  Mutter,  meine 
Frau  und  ich  fuhren  ins  Pflegeheim  und  verstauten  den  Rollstuhl  in 
meinem  Volvo-Kombi.  Seit  seiner  Einweisung  zehn  Monate  zuvor 
war  er  nicht  zu  Hause  gewesen.  Wenn  meine  Mutter  gehofft  hatte, 
ihm  damit  eine  Freude  zu  machen,  wurde  sie  bitter  enttäuscht.  Der 
Ortswechsel  beeindruckte  ihn  nicht  im  Geringsten,  auch  darin  ähnel- 
te er  nun  einem  einjährigen  Kind.  Wir  setzten  uns  an  den  Kamin. 
Aus  Gedankenlosigkeit  und  schlechter  Gewohnheit  machten  wir  Fo- 
tos von  einem  Mann,  den  nichts  mehr  zu  bewegen  schien  - außer 
dem  Wissen,  welch  trauriges  Fotomotiv  er  abgab.  Die  Bilder  sind 
furchtbar  geworden:  Mein  Vater  hängt  schief  im  Rollstuhl  wie  eine 


62 


Das  Gehirn  meines  Vaters 


/ 

abgelegte  Marionette  mit  starrem  Irrsinnsblick  und  hängendem  Kie- 
fer, die  spiegelnde  Brille  droht  ihm  von  der  Nase  zu  rutschen.  Das 
Gesicht  meiner  Mutter  ist  eine  Maske  von  halbwegs  beherrschter 
Verzweiflung,  meine  Frau  und  ich  strecken  die  Hand  nach  meinem 
Vater  aus  und  machen  den  grotesken  Versuch,  dabei  in  die  Kamera 
zu  lächeln.  Beim  Essen  breitete  meine  Mutter  anstelle  der  Serviette 
ein  Badetuch  über  ihn  und  schnitt  seinen  Truthahn  in  kleine  Häpp- 
chen. Ständig  fragte  sie  ihn,  ob  er  sich  nicht  freue,  zum  Thanksgiving- 
Dinner  zu  Hause  zu  sein.  Er  reagierte  mit  Schweigen,  unruhigen  Bli- 
cken, ab  und  zu  mit  schwachem  Schulterzucken.  Meine  Brüder  riefen 
an,  um  ihm  einen  schönen  Feiertag  zu  wünschen  - und  da  plötzlich 
gelang  ihm  ein  Lächeln  und  eine  muntere  Erwiderung;  er  konnte  ein- 
fache Fragen  beantworten,  er  dankte  beiden  für  den  Anruf. 

Auch  das  war  nicht  untypisch  für  einen  Alzheimer-Patienten.  Weil 
soziale  Fähigkeiten  schon  in  frühestem  Lebensalter  erworben  werden, 
sind  viele  Alzheimer-Patienten  noch  zu  Höflichkeitsgesten  und  vagen 
Dankbarkeitsbekundungen  in  der  Lage,  wenn  ihr  Gedächtnis  längst 
erloschen  ist.  Dass  mein  Vater  (irgendwie)  mit  den  Glückwünschen 
meiner  Brüder  umgehen  konnte,  war  also  nicht  weiter  bemerkens- 
wert. Wohl  aber,  was  danach  passierte,  bei  der  Rückkehr  ins  Pflege- 
heim. Während  meine  Frau  einen  Krankenstuhl  aus  dem  Heim  holte, 
saß  mein  Vater  neben  mir  und  musterte  das  Portal,  das  ihn  nun  zu- 
rückerwartete. »Lieber  gar  nicht  erst  raus«,  sagte  er  mit  kräftiger,  kla- 
rer Stimme,  »als  hinterher  wieder  rein.«  Das  war  keine  wirre  Äuße- 
rung, sie  bezog  sich  direkt  auf  seine  Situation  und  erweckte  stark 
den  Eindruck,  dass  er  nicht  nur  sein  Leiden  wahrnahm,  sondern 
auch  sein  Eingebundensein  in  Vergangenheit  und  Zukunft.  Es  war 
die  Bitte,  ihm  die  schmerzhafte  Rückkehr  in  die  Erinnerung  und  ins 
Bewusstsein  zu  ersparen.  Und  es  kam,  was  kommen  musste:  Am 
Morgen  darauf  und  für  die  restliche  Zeit  unseres  Besuches  tobte  er, 
wie  ich  es  noch  nicht  erlebt  hatte.  Er  brüllte  wirres  Zeug  und  drosch 
wütend  um  sich. 

David  Shenk  meint,  das  wichtigste  »Sinnfenster«,  das  sich  der  Alzhei- 
mer-Krankheit abgewinnen  lässt,  sei  die  Verlangsamung  des  Ster- 
bens. Er  vergleicht  die  Krankheit  mit  einem  Prisma,  das  den  Tod  in 
ein  Spektrum  aus  Vorgängen  zerlegt,  die  normalerweise  zusammen 
stattfinden  - erst  stirbt  die  Autonomie,  dann  das  Gedächtnis,  dann 
die  Selbstwahrnehmung,  dann  die  Persönlichkeit,  am  Ende  der  Kör- 
per -,  und  bestätigt  damit  ein  verbreitetes  Urteil  über  die  Krankheit: 


63 


Jonathan  Franzen 


Sie  sei  deshalb  besonders  traurig  und  schrecklich,  weil  die  Persön- 
lichkeit lange  vor  dem  Körper  stirbt. 

Das  scheint  mir  im  Wesentlichen  richtig  zu  sein.  Als  das  Herz  meines 
Vaters  stehen  blieb,  trauerte  ich  schon  seit  Jahren  um  ihn.  Und  doch 
frage  ich  mich  beim  Betrachten  seiner  Geschichte,  ob  man  die  ver- 
schiedenen Tode  wirklich  voneinander  trennen  kann,  ob  Gedächtnis 
und  Bewusstsein  tatsächlich  und  unangefochten  der  Hort  der  Persön- 
lichkeit sind.  Ich  kann  nicht  aufhören,  in  den  zwei  Jahren,  die  dem 
Verlust  seiner  »Persönlichkeit«  folgten,  einen  Sinn  zu  suchen  - und  zu 
finden. 

Vor  allem  imponiert  mir,  dass  ihm  der  Wüle  erhalten  blieb.  Ich  kann 
mich  des  Glaubens  nicht  erwehren,  dass  er  einen  Körperrest  seiner 
einstmaligen  Selbstdisziplin,  eine  Kraftreserve  jenseits  von  Gedächt- 
nis und  Bewusstsein  in  sich  aktivierte,  als  er  sich  vor  dem  Pflegeheim 
mit  seiner  Bitte  an  mich  wandte.  Ich  kann  mich  des  Glaubens  nicht 
erwehren,  dass  sein  Zusammenbruch  am  nächsten  Morgen  wie  auch 
die  Krise  in  der  allerersten  Krankenhausnacht  auf  eine  Kapitulation 
dieses  Willens  hinauslief,  dass  es  sich  um  ein  Loslassen  handelte,  eine 
Flucht  in  den  Wahnsinn  angesichts  unerträglicher  Empfindungen. 
Obwohl  wir  den  Ausgangs-  und  Endpunkt  des  Verfalls  fixieren  kön- 
nen (körperliche  und  geistige  Gesundheit  auf  der  einen  Seite,  Erlö- 
schen und  Tod  auf  der  anderen),  war  sein  Gehirn  nicht  einfach  eine 
Rechenmaschine,  die  sich  fortschreitend  und  immer  heilloser  verhed- 
derte. Während  der  Abbauprozess  der  Alzheimer-Krankheit  eine  ste- 
tige Abwärtsbewegung  nahe  legt. 


stellt  sich  der  Verfall  meines  Vaters  eher  so  dar: 


Für  mein  Empfinden  hielt  er  sich  länger,  als  es  ihm  seine  nervliche 
Ausstattung  erlaubt  hätte.  Dann  brach  er  zusammen  und  stürzte  tie- 
fer ab,  als  es  der  Krankheitsverlauf  gefordert  hätte,  und  er  zog  es  fast 
immer  vor,  in  diesem  Zustand  zu  verharren.  Was  er  wollte  (unbehelligt 
bleiben  in  den  frühen  Jahren,  loslassen  in  den  späteren  Jahren),  ge- 
hört zum  Kern  dessen,  was  er  war.  Und  was  kh  will  (Geschichten  über 


64 


Das  Gehirn  meines  Vaters 


das  Gehirn  meines  Vaters,  die  nicht  von  Biomasse  handeln),  gehört 
zum  Kern  dessen,  was  ich  Festhalten  und  wiedergeben  möchte. 

Eine  dieser  Geschichten  habe  ich  mir  eigens  erdacht,  um  mir  zu  ver- 
zeihen, dass  ich  so  lange  blind  für  seinen  Zustand  war,  und  sie  besagt, 
dass  er  seine  ganze  Charakterstärke  daransetzte,  diesen  Zustand  zu 
verbergen.  Über  bemerkenswert  lange  Zeit  ist  ihm  das  gelungen. 
Meine  Mutter  war  bereit  zu  schwören,  dass  es  sich  so  verhielt.  Der 
Frau,  mit  der  er  lebte,  konnte  er  nichts  vormachen,  mochte  er  sie 
noch  so  drangsalieren,  aber  er  konnte  sich  zusammenreißen,  solange 
er  Söhne  in  der  Stadt  oder  Gäste  im  Haus  hatte.  Dass  er  sich,  als 
meine  Mutter  operiert  wurde,  unter  meiner  Obhut  so  unauffällig  ver- 
hielt, ist  wohl  weniger  auf  meine  Blindheit  als  auf  seine  verstärkte 
Willensanstrengung  zurückzuführen. 

Nach  dem  so  traurig  verlaufenen  Thanksgiving,  als  uns  klar  wurde, 
dass  er  nie  wieder  nach  Hause  kommen  würde,  half  ich  meiner  Mut- 
ter beim  Ordnen  seines  Schreibtischs  (eine  Freiheit,  die  man  sich  nur 
bei  Kindern  oder  bei  Toten  nimmt).  In  einer  Schublade  fanden  wir 
Belege  für  seinen  verdeckten  Kleinkrieg  gegen  das  Vergessen  - einen 
Haufen  Zettel,  auf  denen  er  die  Adressen  seiner  Kinder  vermerkt 
hatte,  jede  Adresse  einzeln  und  auf  mehreren  Zetteln  wiederholt.  Auf 
einem  anderen  Zettel  standen  die  Geburtstage  seiner  zwei  ersten 
Söhne  - »Bob,  13.  1 . 48«  und  »Tom,  15.  10.  50«-  und  darunter  hatte 
er  meinen  Geburtstag  schreiben  wollen  fl  7.  August  1959),  ihn  aber 
vergessen  und  mit  Hilfe  der  vorhandenen  Daten  konstruiert:  »Ton,  13. 
10.  49«. 

Denkwürdig  auch  seine  vermutlich  letzten  Worte  an  mich,  drei  Mo- 
nate vor  seinem  Tod.  Ein  paar  Tage  lang  war  ich  für  pflichtgemäße 
neunzig  Minuten  bei  ihm  im  Heim  gewesen,  hatte  mir  das  Gemurmel 
über  meine  Mutter  und  die  Mutmaßungen  über  die  kleinen  Dinger 
angehört,  die  er  an  seinen  Ärmeln  und  auf  seinen  Hosenbeinen  zu 
sehen  glaubte.  Als  ich  am  letzten  Tag  vorbeikam,  war  er  unverändert, 
auch  als  ich  seinen  Rollstuhl  ins  Zimmer  zurückschob  und  ihm  sagte, 
dass  ich  abreisen  würde.  Aber  dann  blickte  er  zu  mir  auf  und  fand 
unvermittelt  zu  seiner  klaren,  kräftigen  Stimme  zurück: 

»Danke  für  dein  Kommen  und  dass  du  dir  die  Zeit  für  mich  genom- 
men hast.« 

Eine  leere  Höflichkeitsphrase?  Ein  Fenster  zu  seinem  tieferen  Selbst? 
Für  mich  gibt  es  da  kaum  eine  Wahl. 

Indem  ich  den  Verfall  meines  Vaters  mit  Hilfe  der  Briefe  rekonstruie- 


65 


Jomthan  Franzfn 


re,  die  mir  meine  Mutter  geschrieben  hat,  wird  mir  der  Schatten  der 
undokumentierten  Jahre  nach  1992  deutlich,  als  wir  länger  und  häu- 
figer telefonierten  und  sich  die  Briefe  auf  kurze  Botschaften  be- 
schränkten. Platon  hat  in  seinem  Phaidros  das  Schreiben  sehr  treffend 
als  »Krücke  des  Erinnerns«  bezeichnet.  Ohne  die  Briefe  meiner  Mut- 
ter könnte  ich  die  Geschichte  meines  Vater  nicht  erzählen.  Aber  wo 
Platon  den  Verfall  der  mündlichen  Überlieferung  und  den  durch  das 
Schreiben  bewirkten  Gedächtnisschwund  beklagt,  beeindruckt  mich, 
der  ich  mich  am  anderen  Ende  des  Schriftzeitalters  befinde,  die  Be- 
ständigkeit und  Verlässlichkeit  von  Wörtern,  die  auf  Papier  geschrie- 
ben sind.  Die  Briefe  meiner  Mutter  sind  wahrer  und  umfassender  als 
meine  selbstbezogenen  und  voreingenommenen  Erinnerungen.  In 
ihrem  geschriebenen  Satz:  »Er  braucht  dringend  Ablenkung!«  ist  sie 
mir  lebendiger  als  in  Stapeln  von  Fotos  und  Videoaufnahmen. 

Der  Wunsch,  Dinge  aufzuzeichnen,  Geschichten  in  bleibenden  Wor- 
ten festzuhalten,  scheint  mir  mit  der  Überzeugung  verwandt,  dass  wir 
mehr  sind  als  die  Summe  unserer  biologischen  Funktionen.  Ich  frage 
mich,  ob  die  gegenwärtige  Empfänglichkeit  für  den  Zauber  des  Mate- 
rialismus, unsere  zunehmende  Bereitschaft,  die  Psychologie  als  einen 
Zweig  der  Chemie  zu  betrachten,  Individualität  als  Ausdruck  der 
Gene,  Verhalten  als  Produkt  evolutionärer  Anpassungsprozesse,  nicht 
aufs  Engste  mit  der  postmodernen  Konjunktur  des  Oralen  und  dem 
Niedergang  der  Schriftkultur  zusammenhängt:  mit  unserem  unabläs- 
sigen Telefonieren,  unseren  flüchtigen  E-Mail-Kontakten,  unserer 
permanenten  Hinwendung  zum  flimmernden  Bildschirm. 

Habe  ich  erwähnt,  dass  mein  Vater  ebenfalls  Briefe  schrieb?  Meist  mit 
der  Maschine  und  eingeleitet  mit  den  üblichen  Entschuldigungen  für 
seine  Rechtschreibung.  Sie  kamen  viel  seltener  als  die  meiner  Mutter. 
Einer  der  letzten  stammt  vom  Dezember  1987: 

Diese  Jahreszeit  ist  immer  schwierig  für  mich.  Mir  macht  die  ganze 
Schenkerei  zu  schaffen.  Zwar  besorge  ich  gern  Geschenke,  aber  mir 
fehlt  die  Phantasie,  das  Richtige  zu  finden.  Mir  graut  vor  dem  Kauf 
von  Dingen,  die  nicht  passen,  die  falsche  Farbe  haben  oder  gar  nicht 
gebraucht  werden,  und  schon  sehe  ich  den  Ärger  beim  Umtausch  vor 
mir.  Ich  kaufe  gern  Werkzeuge,  aber  Bob  meinte,  er  hätte  Probleme 
damit,  denn  irgendwann  habe  ich  ihm  einen  hübschen  kleinen  Ham- 
mer geschenkt,  der  gut  in  der  Hand  liegt,  und  sein  Kommentar  dazu 
war,  das  sei  nun  schon  der  zweite  oder  dritte  Hammer  und  mehr 
Hämmer  brauche  er  nicht,  vielen  Dank.  Dann  das  Problem  mit  den 


66 


Das  Gehirn  meines  Vaters 


Geschenken  für  deine  Mutter.  Sie  ist  so  sentimental,  dass  es  mir  weh- 
tut, wenn  ich  ihr  nichts  Nettes  besorge,  aber  sie  hat  freien  Zugang  zu 
meinem  Konto.  Ich  sage  ihr,  sie  soll  sich  selbst  etwas  kaufen  und  sa- 
gen, es  ist  von  mir,  sodass  sie  zu  Weihnachten  mit  den  anderen  mithal- 
ten kann:  «Seht,  was  ich  von  meinem  Mann  bekommen  habe!»  Aber 
sie  macht  diesen  Betrug  nicht  mit.  Also  muss  ich  zur  Weihnachtszeit 
leiden. 

1989,  als  seine  Konzentrationsfähigkeit  mit  wachsender  »Nervosität 
und  Depression«  nachließ,  blieben  die  Briefe  ganz  aus.  Meine  Mutter 
und  ich  waren  daher  erstaunt,  in  der  Schublade  mit  den  Adressen 
und  Geburtsdaten  auch  einen  nicht  abgeschickten  Brief  vom  22.  Ja- 
nuar 1993  zu  finden  - unvorstellbar  spät  geschrieben,  nur  wenige 
Wochen  vor  seinem  endgültigen  Zusammenbruch.  Der  Brief  steckte 
in  einem  Umschlag  und  war  an  meinen  sechsjährigen  Neffen  Nick 
adressiert,  der  gerade  angefangen  hatte,  Briefe  zu  schreiben.  Viel- 
leicht hat  sich  mein  Vater  geschämt,  einen  Brief  abzuschicken,  der 
nicht  ganz  perfekt  war;  wahrscheinlicher  ist,  dass  er  ihn,  bedingt 
durch  seinen  Zustand,  einfach  vergessen  hat.  Der  Brief,  für  mich  das 
Symbol  einer  unsichtbaren  heroischen  Willensanstrengung,  besteht 
aus  Bleistiftzeilen  in  winziger  Schrift,  die  ständig  aus  dem  Lot  geraten: 

Lieber  Nick,  wir  haben  deinen  Brief  vor  ein  paar  Tagen  erhalten  und 
waren  erfreut  zu  sehen,  wie  gut  du  in  der  Schule  vorankommst,  be- 
sonders in  Mathe.  Es  ist  wichtig,  gut  zu  schreiben,  da  die  Fähigkeit, 
Gedanken  auszutauschen,  darüber  bestimmt,  was  ein  Land  aus  den 
Gedanken  anderer  Länder  machen  kann.  Die  meisten  in  unserer  Fa- 
milie sind  gute  Schreiber  und  haben  mir  auf  diese  Weise  die  Arbeit 
abgenommen.  Ich  hätte  besser  schreiben  lernen  müssen,  aber  es  ist  so 
bequem  zu  sagen:  Lass  Mom  das  machen.  Ich  weiß,  dass  meine 
Schrift  nicht  leicht  zu  entziffern  ist,  aber  ich  habe  ein  Problem  mit 
meinen  Beinnerven,  und  meine  Hände  zittern.  Wenn  ich  mir  ansehe, 
was  ich  geschrieben  habe,  glaube  ich,  dass  du  Schwierigkeiten  beim 
Lesen  haben  wirst,  aber  mit  ein  bisschen  Glück  halte  ich  mit  dir 
Schritt.  Das  nasskalte  Wetter  hat  sich  geändert,  jetzt  ist  es  trocken, 
und  wir  haben  einen  schönen  blauen  Himmel.  Ich  hoffe,  es  wird  so 
bleiben.  Sei  weiterhin  fleißig. 

Alles  Liebe,  dein  Großvater 

PS:  Ich  danke  dir  für  die  Geschenke. 


67 


Jonathan  Franzen 


Mein  Vater  hatte  ein  starkes  Herz  und  kräftige  Lungen,  und  meine 
Mutter  machte  sich  auf  zwei  oder  drei  weitere  Jahre  gefasst,  als  er 
eines  Tages,  im  April  1995,  aufhörte  zu  essen.  Möglicherweise  hatte 
er  Schluckbeschwerden.  Oder  er  hatte  mit  dem  letzten  Rest  seines 
Willens  beschlossen,  seiner  ungewollten  zweiten  Kindheit  ein  Ende 
zu  setzen. 

Sein  Blutdruck  war  stark  gesunken,  als  ich  nach  St.  Louis  kam.  Wie- 
der fuhr  mich  meine  Mutter  direkt  vom  Flughafen  ins  Pflegeheim. 
Ich  fand  ihn  zusammengekrümmt  auf  der  Seite  liegend,  unter  einer 
dünnen  Decke,  mit  flachem  Atem  und  nicht  ganz  geschlossenen  Au- 
gen. Er  war  ausgezehrt,  aber  sein  Gesicht  war  ruhig,  entspannt  und 
fast  faltenfrei;  seine  Hände,  die  sich  überhaupt  nicht  verändert  hat- 
ten, wirkten  merkwürdig  groß.  Ich  weiß  nicht,  ob  er  meine  Stimme 
erkannte,  aber  schon  Minuten  nach  meiner  Ankunft  kletterte  sein 
Blutdruck  auf  120/90.  Ich  fragte  mich  damals  und  frage  mich  heute, 
ob  ich  es  ihm  durch  meinen  Besuch  schwerer  gemacht  habe;  ob  er 
den  Punkt  erreicht  hatte,  wo  er  bereit  zum  Sterben  war,  und  sich  nun 
schämte,  einen  solchen  intimen  und  enttäuschenden  Akt  im  Beisein 
eines  seiner  Söhne  zu  vollziehen. 

Meine  Mutter  und  ich  wechselten  uns  im  festen  Rhythmus  mit  Wa- 
chen und  Schlafen  ab.  Stunde  um  Stunde  lag  mein  Vater  bewegungs- 
los da  und  arbeitete  sich  an  den  Tod  heran,  aber  wenn  er  gähnte,  war 
es  sein  Gähnen.  Sein  Körper,  ausgezehrt,  wie  er  war,  war  ebenfalls 
und  mit  aller  Klarheit  seiner.  Selbst  als  das,  was  noch  von  ihm  vorhan- 
den war,  immer  kleiner  und  fragmentarischer  wurde,  blieb  ich  dabei, 
ihn  als  ein  Ganzes  zu  sehen.  Noch  immer  liebte  ich  ihn,  ihn  im  Beson- 
deren, wie  er  da  im  Bett  lag  und  gähnte.  Und  wie  sollte  ich  dieser 
Liebe  keine  Geschichten  abgewinnen?  Geschichten  von  einem 
Mann,  dessen  Wille  noch  immer  so  intakt  war,  dass  er  den  Kopf  ab- 
wandte, wenn  ich  ihm  mit  einem  feuchten  Schwamm  den  Mund  aus- 
wischte? Bis  ins  Grab  werde  ich  darauf  beharren,  dass  mein  Vater 
entschlossen  war  zu  sterben  - und  das,  so  gut  er  konnte,  nach  seinem 
eigenen  Willen. 

Wir  hingegen  waren  entschlossen,  dass  er  nicht  allein  sterben  sollte. 
Vielleicht  war  genau  das  falsch,  vielleicht  wartete  er  nur  darauf,  allein 
gelassen  zu  werden.  Dennoch  wachte  ich  in  der  sechsten  Nacht  nach 
meiner  Ankunft  bei  ihm  und  las  einen  Roman  von  vorn  bis  hinten, 
während  er  dalag  und  ab  und  zu  gähnte.  Eine  Schwester  kam  herein, 
kontrollierte  seine  Atmung  und  sagte,  er  habe  wohl  nie  geraucht.  Sie 


68 


Das  Gehirn  mdnes  Vaters 


r 

wollte  mich  zum  Schlafen  nach  Hause  schicken  und  bot  mir  an,  eine 
bestimmte  Schwester  zu  holen,  die  sich  um  ihn  kümmern  würde.  Of- 
fenbar gehörte  ein  Todesengel  zum  Personal  des  Pflegeheims,  eine 
Schwester,  die  den  Beinahe-Toten  nach  dem  Weggang  der  Angehöri- 
gen beibrachte,  dass  sie  nun  ungestört  ans  Sterben  denken  konnten. 
Ich  lehnte  das  Angebot  ab  und  übernahm  die  Rolle  selbst.  Ich  beugte 
mich  über  meinen  Vater,  der  leicht  nach  Essig  roch,  aber  ansonsten 
sauber  und  warm  vor  mir  lag.  Ich  gab  mich  zu  erkennen  und  sagte 
ihm,  er  könne  nun  tun  und  lassen,  was  er  wolle,  ich  würde  ihn  nicht 
daran  hindern.  Er  könne  loslassen  und  tun,  was  er  für  nötig  halte. 

Am  späten  Nachmittag  des  nächsten  Tages  kam  ein  früh- 
sommerlicher Sturm  über  St.  Louis  auf.  Ich  machte  mir  Spiegeleier, 
als  meine  Mutter  aus  dem  Pflegeheim  anrief,  ich  solle  kommen.  Ich 
weiß  nicht,  warum  ich  glaubte,  ich  hätte  jede  Menge  Zeit,  aber  ich  aß 
die  Eier  mit  Toast,  bevor  ich  losfuhr,  und  auf  dem  Parkplatz  des  Pfle- 
geheims blieb  ich  noch  eine  Weile  im  Auto  sitzen,  weil  im  Radio  ein 
Song  von  Blues  Traveler  kam,  der  Ohrwurm  der  Saison.  Kein  Song 
hat  mich  je  glücklicher  gemacht.  Die  großen  Weißeichen  rings  um 
das  Pflegeheim  schwankten  unter  den  Sturmböen.  Mir  war,  als  würde 
ich  vor  Glück  davonfliegen. 

Und  er  starb  noch  immer  nicht.  Am  Abend  beschädigte  der  Sturm 
das  Pflegeheim,  der  Strom  fiel  aus  bis  auf  die  Notbeleuchtung,  und 
ich  saß  mit  meiner  Mutter  im  Dunkeln.  Ich  denke  ungern  daran,  wie 
ungeduldig  ich  darauf  wartete,  dass  mein  Vater  zu  atmen  aufhörte, 
wie  sehr  ich  bereit  war,  auf  ihn  zu  verzichten.  Ich  stelle  mir  ungern 
vor,  was  er  dachte,  als  er  da  lag,  wie  lahm  oder  lebhaft  der  Kampf  der 
Gefühle  oder  Wahrnehmungen  in  seinem  Kopf  ablief  Aber  ich  glau- 
be auch  ungern,  dass  überhaupt  nichts  in  ihm  vorging. 

Gegen  zehn,  kurz  nachdem  das  Licht  wieder  brannte,  standen  wir  in 
der  Tür  und  sprachen  mit  einer  Schwester,  als  ich  sah,  dass  er  sich  mit 
beiden  Händen  an  die  Kehle  griff.  »Ich  glaube,  es  passiert  etwas«, 
sagte  ich.  Es  war  die  Agonie.  Er  reckte  das  Kinn,  um  Luft  zu  bekom- 
men, nachdem  sein  Herz  aufgehört  hatte  zu  schlagen.  Er  schien  ganz 
langsam  und  mit  tiefer  Bereitschaft  zu  nicken.  Dann  nichts  mehr. 
Nachdem  wir  ihn  zum  Abschied  geküsst  und  die  Formulare  für  die 
Gehirnautopsie  unterschrieben  hatten,  nachdem  wir  durch  über- 
schwemmte Straßen  nach  Hause  gefahren  waren,  setzte  sich  meine 
Mutter  in  die  Küche  und  ließ  sich  gegen  ihre  Gewohnheit  zu  einem 


69 


Kommentar 


Jack  Daniels  pur  überreden.  »Jetzt  weiß  ich  es«,  sagte  sie.  »Wenn  man 
tot  ist,  ist  man  richtig  tot.«  Wohl  wahr.  Aber  wegen  des  schleichenden 
Verlaufs  der  Alzheimer-Krankheit  war  mein  Vater  nun  nicht  toter  als 
zwei  Stunden,  zwei  Wochen  oder  zwei  Monate  zuvor.  Wir  hatten  ein- 
fach die  letzten  Überreste  von  ihm  verloren,  aus  denen  wir  ein  leben- 
des Ganzes  hatten  konstruieren  können.  Es  würde  keine  neuen  Erin- 
nerungen mehr  geben.  Die  einzigen  Geschichten,  die  wir  nun  erzäh- 
len konnten,  waren  die  Geschichten,  die  wir  schon  kannten. 

(2001) 


Kommentar 

Dieser  Essay  ist  in  der  Darstellung  wesentlich  distanzierter,  eher 
»wissenschafllicher»  und  erinnert  in  der  Detailtreue  eher  an  einen  pro- 
tokollarischen Bericht.  Die  Alzheimer-Erkrankung  des  Vaters  wird  in 
den  einzelnen  Entwicklungsstadien  geschildert.  Die  eigene  emotionale 
Betroffenheit  wird  bei  dieser  sachlichen  Schilderung  weitgehend  verschleiert,  obwohl 
sie  zwischen  den  Zeilen  spürbar  ist.  Der  Erzähler  geht  auch  auf  die  genaue  Diag- 
nose einer  Alzheimer-Demenz  ein,  die  mit  den  entsprechenden  neuropathologischen 
Befimden  unterstrichen  wird,  während  in  dem  Beitrag  von  Bayley  Detaib  der  Dif- 
ferentialdiagnostik des  Demenzsyndroms  unklar  bleiben. 

Der  fast  wbsenschqftliche  Eindruck  der  Abhandlung  entsteht  u.a.  dadurch,  dass 
bereits  zu  Beginn  der  Erzählung  der  neuropathologische  Bericht  über  die  Gehirn- 
autopsie des  Vaters  eingebracht  wird  und  auch  erwähnt  wird,  dass  der  Vater  an 
einer  wissenschqßlichen  Verlaufsstudie  zur  Erforschung  von  Gedächtnb  und  Altern 
teilgenommen  hat.  Überhaupt  wird  in  diesem  Beitrag  sehr  stark  auf  neurobiologi- 
sche  Aspekte  rekurriert,  die  normalen  Prozesse  von  Gedächtnb  und  Bewussbein 
werden  dargestellt,  um  auf  diese  Weise  die  durch  du  Alzheimer-Erkrankung  be- 
dingten Veränderungen  besser  erklären  zu  können.  In  dem  Z>*^timmenhang  wird 
auch  die  genaue  Neuropathologie  und  Histopatholofe  der  Alzheimer-Erkrankung 
dargestellt. 

Der  Essay  berichtet  über  den  allmählichen,  schleichenden  Beginn  der  Erkrankung, 
das  Nicht-  Wahrhaben-  Wollen  der  Symptome  durch  den  Patienten  selber  wie  auch 
durch  seine  Angehörigen  und  schließlich  die  zwingende  Notwendigkeit,  die  bittere 
Realität  anzuerkennen,  nachdem  du  Symptomatik  immer  schwerer  wird.  Ein- 
drucksvoll wird  das  klinische  Gesamtbild  der  Alzheimer-Erkrankung  im  Wesentli- 
chen geschildert,  mit  den  Störungen  der  Gedächtnislebtungen  und  sonstiger  kogniti- 


70 


Kommentar 


ver  Einbußen,  mit  Veränderungen  im  Bereich  des  Verhaltens,  zunächst  im  Sinne 
einer  Persönlichkeitsakzentuierung  und  später  im  Verlauf  der  Erkrankung  auch  mit 
halluzinatorischem  Erleben,  Aggressivität  und  anderen  schweren  Veränderungen. 
Eindrucksvoll  wird  auch  der  Einsatz  von  »Coping-Mechanismen»  des  an  Demenz 
Erkrankten  geschildert,  so  z-B.  der  Versuch,  mit  zahlreichen  fettein  die  drohenden 
Erinnerungslücken  zu  vermeiden.  Die  plastisch  dargestellten  Konsequenzen ßir  die 
Beziehung  zur  Ehefrau  wie  aber  auch  zu  den  Kindern  macht  deutlich,  in  welch 
gravierender  Weise  eine  solche  schwere  psychische  Erkrankung  das  partnerschaftli- 
che und  familiäre  fusammenleben  beeinträchtigt.  Wichtig  ist  auch  die  Beobach- 
tung, dass  das  Ertragen  einer  solchen  schweren  psychischen  Veränderung  eines  Part- 
ners die  traditionellen  Gleichgewichte  äncr  seil  langem  eingespielten  Beziehung  in 
erheblicher  Weise  verändert  und  dass  frühere  konßikthafte  Konstellationen  der  Part- 
nerschaft den  Umgang  mit  dem  kranken  Partner  erheblich  prägen.  Der  Essay  ver- 
mittelt beiläufig  eine  ganze  Reihe  von  wissenschqfllichen  Erkenntnissen  über  die 
Alzheimer-Demenz,  beginnend  mit  der  Erstbeschreibung  der  Erkrankung  durch 
Alzheimer  im  Jahre  1 906 sowie  Forschungsergebnissen  aus  den  letzten  20  Jahren, 
so  unter  anderem  der  Hypothese  des  amerikanischen  Alzheimer- Forschers  Reisberg, 
der  den  geistigen  Verfall  der  Alzheimer- Erkrankung  ab  spiegelbildliche  Umkehrung 
dergeutigen  Entwicklung  im  Kindesalter  darstellt.  Fragwürdige,  selbst  in  der  wis- 
senschaftlichen Literatur  zu  findende  Sinninterpretationen  der  Alzheimer-Erkran- 
kung, wie  z-B.  die  von  Shenk,  der  in  der  Verkindlichung  der  Alzheimer-Patienten 
eine  Gnade  .sieht,  in  dem  Sinne  einer  Bfieiung  von  der  Last  des  Erwachsenseins 
und  einer  Beschränkung  auf  das  »Hier  undJetzK,  werden  erwähnt  und  zu  Recht 
kritisch  zurückgewiesen.  Gleichzeitig  versucht  der  Erzähler  eigene  Sinninterpreta- 
tionen zu  gehen  und  u.a.  zu  hinterfragen,  oh  Gedächtnu  und  Bewusstsän  tatsäch- 
lich der  unangefochtene  Hort  der  Persönlichkeit  sind  und  ob  solche  nicht  darüber 
hinaus  bei  dem  »langsamen  Tod«  des  Alzheimer- Kranken  zu  suchen  und  zu  finden 
sind. 

Insgesamt  eine  sehr  differenzierte,  imssenschafilkhe  Fakten  und  Sinnaspekte  einbe- 
ziehende Darstellung  der  Krankheilsgeschichte  des  demenzkranken  Vaters,  die  trotz 
der  nüchternen  Art  des  Erzähbtib  betroffen  macht. 

Beide  Geschichten  sowohl  die  von  Bayley  ab  auch  die  von  Franzen  - beziehen 
.sich  auf  die  Efahrungsherichte  über  eine  Demenzerkrankung  eines  engen  Angehö- 
rigen. Die  jeweilige  literarische  Ausgestaltung  fokussiert  auf  unterschiedliche 
A.spekte  und  bleibt  im  Stil  der  ersten  Darstellung  emotionaler  und  verstehensbereiter, 
in  der  zweiten  Darstellung  eher  wbsensduftlich  objektiver  und  voll  größeren  De- 
tailreichtums. Insofern  ergänzen  sich  beide  Darstellungen  .sehr  gut  und  man  liest  sie 
mit  Gewinn  miteinander.  Die  Erzählungen  erinnern  an  die  Darstellung  Betroffener, 
wie  .sie  mehrfach  publiziert  morden  sind,  z-B.  an  das  eindrucksvolle  Buch,  in  dem 


71 


Kommentar 


die  Ehefiau  und  die  Tochter  des  bekannten  Geigers  Helmut  ^acharias,  der  an  einer 
Demenz  erkrankt  war,  ihre  diesbezüglichen  Erfahrungen  schildern,  sowohl  die  Er- 
fahrung mit  der  Veränderung  des  Ehepartners /Vaters,  also  die  Beschreibung  der 
Krankheitssymptome,  wie  aber  auch  der  Versuche,  mit  diesen  Veränderungen  in  ei- 
ner Weise  umzugehen,  die  dem  Erkrankten  möglichst  viel  an  persönlicher  Würde 
lässt  (Sylvia  facharias:  »Diagnose  Alzheimer,  Helmut  facharias«.  Ein  Bericht. 
Hirnliga  e.  V Köln  2000). 


t 

Fl:  Psychische  Verhaltensstörungen  durch 
psychotrope  Substanzen 


Sucht  ist  ein  Zustand  periodischer  oder  chronischer  Intoxikation,  ver- 
ursacht durch  den  wiederholten  Gebrauch  einer  natürlichen  oder 
synthetischen  Substanz,  die  für  das  Individuum  oder  die  Gemein- 
schaft schädlich  ist.  Psychische  Abhängigkeit  ist  definiert  als  über- 
mächtiges, unwiderstehliches  Verlangen,  eine  bestimmte  Substanz/ 
Droge  wieder  einzunehmen  (Lusterzeugung  und/oder  Unlustver- 
meidung). Physische  (körperliche)  Abhängigkeit  ist  charakterisiert 
durch  Toleranzentwicklung  (Dosissteigerung)  sowie  das  Auftreten 
von  Entzugserscheinungen.  Abusus  oder  Missbrauch  beinhaltet  den 
unangemessenen  Gebrauch  einer  Substanz/Droge,  d.h.  überhöhte 
Dosierung  und/ oder  Einnahme  ohne  medizinische  Indikation.  Wie- 
derholtes Einnehmen  führt  zur  Gewöhnung,  psychisch  durch  Kondi- 
tionierung, körperlich  in  der  Regel  mit  der  Folge  durch  Dosissteige- 
rung. 

Durch  das  Suchtmittel  wird  vorübergehend  eine  als  unbefriedigend 
empfundene  Situation  scheinbar  gebessert  (Flucht  in  eine  Schein- 
welt). Die  anschließende  »Ernüchterung«  durch  die  Konfrontation 
mit  der  Realität  lässt  einen  Circulus  vitiosus  entstehen,  dessen  Haupt- 
elemente das  unbezwingbare  Verlangen  nach  dem  Suchtmittel  (Cra- 
ving)  und  der  Kontrollverlust,  das  Nicht-Aufhörenkönnen  (»Abhän- 
gigkeit«), sind. 

Folgende  Prägnanztypen  der  Abhängigkeit  werden  unterschieden: 
Morphintyf),  Barbiturat-/ Alkoholtyp,  Kokaintyp,  Cannabistyp,  Am- 
phetamintyp und  Hallozinogentyp.  Die  Zahl  der  Abhängigen  beträgt 
ca.  5 bis  7 Prozent  der  deutschen  Bevölkerung.  Die  größte  Bedeutung 
kommt  dabei  der  Alkohol-Abhängigkeit  zu,  deren  Zahl  in  Deutsch- 
land bei  3 bis  5 Prozent  der  Bevölkerung  (ca.  2,5  Millionen)  liegt.  Die 
Zahl  der  Drogenabhängigen  beträgt  etwa  150.000,  die  Zahl  der  Me- 
dikamentenabhängigen  etwa  1 Million. 


73 


Fl 


Ganz  allgemein  sind  für  die  Entstehung  und  Entwicklung  von  Ab- 
hängigkeit drei  Faktoren  von  Bedeutung;  Droge,  Individuum  und  so- 
ziales Umfeld.  Die  meist  missbräuchlich  benutzten  Drogen  steigern 
die  Dopamin-Freisetzung  und  lösen  so  Euphorie  und  Wohlbehagen 
aus.  Dieses  wirkt  wiederum  verhaltensverstärkend.  Drogen  aktivieren 
direkt  oder  indirekt  die  dopaminergen  Neurone  im  Mittel-  und  End- 
hirn. Neben  Dopamin  wird  u.a.  auch  Glutatmat  eine  wesentliche 
Rolle  für  Lernprozesse  zugeschrieben,  die  am  »Suchtgedächtnis«  be- 
teiligt sind.  Heute  steht  zudem  fest,  dass  eine  genetische  Prädisposi- 
tion für  Abhängigkeitserkrankungen  existiert.  Die  Suchterkrankung 
kann  als  gelernte  Reaktion  verstanden  werden,  die  durch  ein  »Dro- 
gengedächtnis« gesteuert  wird.  Intensität  und  Progredienz  der  Ab- 
hängigkeitsentwicklung sind  unterschiedlich,  je  nach  Abhängigkeits- 
typ, konsumierter  Substanz,  vorliegender  Persönlichkeitsstruktur  und 
sozialem  Umfeld.  Als  primäre  Suchtmotive  sind  u.a.  Lösung  von  Ver- 
stimmungszuständen, Leistungssteigerung,  Einsamkeit,  Langeweile 
und  Erlebnissuche  bei  innerer  Leere  (Flucht  aus  dem  frustierend  er- 
lebten Alltag),  Schmerzlinderung  sowie  der  Wunsch  nach  Betäubung 
zu  erwähnen. 

Je  nach  Suchtstoff  und  Abhängigkeitsmuster  treten  psychische,  kör- 
perliche und  soziale  Folgen  auf.  Zu  den  psychischen  Symptomen  zäh- 
len u.a.  Interessenverlust,  Stimmungsschwankungen,  Depressivität, 
Suizidalität,  Apathie  und  Störungen  des  Kritikvermögens.  Körperli- 
che Symptome  sind  u.a.  Schlafstörungen,  Gewichtsverlust  sowie  spe- 
zielle Symptome,  die  durch  körperliche  und  neurologische  Folgeer- 
krankungen bedingt  sind.  Zu  den  sozialen  Auswirkungen  gehören  be- 
ruflicher Abstieg,  soziale  Isolierung,  Kriminalität  und  Dissozialität 
sowie  Suizidgefährdung. 

Neben  der  akuten  Intoxikation  durch  die  jeweilige  Droge  und  deren 
spezifische  pharmakodynamische  Effekte  sind  insbesondere  bei  der 
Alkoholerkrankung  eine  Reihe  anderer  psychopathologischer  Er- 
scheinungsbilder bekannt,  wie  z.B.  das  Alkoholdelir  (»Delirum  tre- 
mens«), die  Alkoholhalluzinose,  der  alkoholische  Eifersuchtswahn 
und  die  verschiedenen  Bilder  der  alkoholbedingten  amnestischen 
Störungen  (Wernicke-Enzephalopathie,  Korsakow-Syndrom)  bis  hin 
zum  Syndrom  der  Alkoholdemenz.  Das  Alkoholdelir  ist  die  häufigste 
psychiatrische  Folgekrankheit  des  Alkoholismus  und  tritt  bei  etwa  15 
Prozent  aller  Alkoholabhängigen  meist  als  Entzugsdelir,  manchmal 
aber  auch  als  Kontinuitätsdelir  (also  bei  fortdauerndem  Trinken)  auf 


74 


Auslöser  sind  häufig  akute  Erkrankungen  oder  Operationen.  Es  dau- 
ert in  der  Regel  3 bis  7 Tage,  beginnend  zumeist  am  3.  oder  4.  Tag  der 
Abstinenz.  Etwa  die  Hälfte  der  Deliren  beginnt  mit  einem  zerebralen 
Krampfanfall.  Ein  Teil  der  Patienten  weist  Prodromalerscheinungen 
wie  Schlaflosigkeit,  Unruhe,  Angst  und  Aufmerksamkeitsstörungen 
auf  Dieses  Bild  wird  als  Alkohol-Entzugssyndrom,  Prädelir  oder  ve- 
getatives Syndrom  bezeichnet.  Typisch  für  das  Delir  sind  neben  Des- 
orientiertheit und  Unruhe  optische  Halluzinationen  - v'or  allem  von 
kleinen  bewegten  Objekten  (»weiße  Mäuse«),  illusionären  Verken- 
nungen und  szenischen  Halluzinationen  sowie  einer  hohen  Suggesti- 
bilität  (»vom  weißen  Blatt  lesen«).  Daneben  stehen  Zeichen  der  vege- 
tativen Entgleisung  (Tremor,  Schwitzen,  Tachykardie)  als  Leitsymp- 
tome im  Vordergrund.  Typische  Symptome  der  eher  seltenen 
Alkoholhalluzinose  sind  akustische  Halluzinationen  beschimpfenden 
Charakters.  Eine  Bewusstseinsstörung  oder  Desorientiertheit  ist 
nicht  vorhanden.  Bei  konsequenter  Abstinenz  tritt  die  akute  Halluzi- 
nose  im  Verlauf  von  Wochen  oder  Monaten  ab.  Beim  Eifersuchts- 
wahn Alkoholkranker  kommt  es  zu  einem  isolierten  Wahn,  der  sich 
auf  die  vermeintliche  Untreue  der  Ehefrau  bezieht. 

In  der  Therapie  von  Suchtkranken  geht  es  darum,  langjährige  Absti- 
nenz zu  erreichen.  Entscheidende  Elemente  sind  die  Motivierung 
des  Suchtkranken  sowie  Maßnahmen  zur  Rückfallprophylaxc  (u.a. 
Selbsthilfegruppen).  Allgemeine  Behandlungsziele,  die  das  primäre 
Therapieziel  erreichen  helfen,  sind  zum  einen  die  Nachreifung  und 
die  Stabilisierung  der  Persönlichkeit,  zum  anderen  die  psychosoziale 
Rehabilitation.  Die  Therapie  lässt  sich  im  Allgemeinen  in  folgende 
Phasen  gliedern:  Kontakt-  und  Motivierungsphase,  Entgiftungsphase 
(körperlicher  Entzug),  Entwöhnungsbehandlung  sowie  Nachsorge 
und  Rehabilitationsphase. 


Malcolm  Lowry 


Unter  dem  Vulkan 


aus:  Malcolm  Lowry.  Unter  dem  Vulkan. 

Deutsche  Übersetzung  von  Susanna  Rademacher  und  Karin  Graf. 
© 1984  by  Rowohlt  Taschenbuch  Verlag,  Reinbek  bei  Hamburg 


Einführung 

Der  englische  Schriftsteller  Malcolm  lowry  (1909-1957)  reiste 
nach  seinem  Schulabschluss  als  Schiffsjunge  nach  China,  studier- 
te dann  in  Cambridge  Philosophie,  schrieb  einen  Seefahrer-Ro- 
man (»Ultramarin«,  1933),  durchquerte  Frankreich,  Russland 
und  China,  lebte  zwei  Jahre  in  Mexiko  und  vierzehn  Jahre  in  der  kanadisehen 
Provinz  Bntish  Columbia. 

Mit  seinem  stark  autobiographisch  geprägten  Trinker-Roman  »Unter  dem  Vulkan« 
(1947),  Teil  eines  geplanten,  nie  vollendeten  Jyklus  mit  dem  Titel»Die  Reise,  die 
nie  zu  Ende  geht«,  gebührt  ihm  ein  unbestrittener  Platz  in  der  Weltliteratur.  Jur 
Darstellung  von  Identitätsverlust,  Einsamkeit  und  Hoffhungslosigkät  bediente  sich 
lowry  eines  erzähltechnisch  experimentellen  Stils  voller  Assoziationsketten,  Alle- 
gorien, innerer  Monologe,  fremdsprachlicher  Einschübe,  loutmalereien,  Slogans, 
enigmatischer  Symbole.,  Jeitsprünge,  Ampielungen  und  Allusionen  an  Joyces 
»Ulysses«,  Dantes  »Göttliche  Komödie«,  Goethes  »Faust«  und  Shakespeares  »loar«, 
ohne  dabei  in  den  Bildern  von  physischem  Elend  und  psychischer  Jerstörung  durch 
alkoholgetränkte  Delirien  auf  die  suggestiv  realistische  Schreibweise  eines  Ernest 
Hemingway  zu  verzwhtm.  Die  trotz  aller  Alkoholabstürze  bis  zuletzt  aufrechter- 
haltene Beschwörung  der  menschlichen  Würde  beruft  sich  auf  die  Philosophie  von 
Albert  Camus. 

Erzählt  wird  in  »Unter  dem  Vulkan«  die  Geschichte  des  britischen  Ex-Konsuls  und 
notorischen  Trinkers  Geoffrey  Firmin,  der  am  Allerseelentag  1938  ein  mexikani- 
sches .Nest  auf  der  Suche  nach  einem  weiteren  Drink  durchstreift.  Er  säuft  zusam- 
men, was  er  bekommt:  Whisky,  Wodka,  Tequila,  Meskalin,  sogar  Strychnin,  das 
ihn,  wie  er  prophezeit,  am  Tag  der  Toten  umbringen  wird.  Seiner  Frau  Yvonne  und 
seinem  Halbbruder  gelingt  es  allen  schier  unmenschlichen  Anstrengungen  zum 
Trotz  nicht  mehr,  den  restlos  an  den  Alkohol  Verlorenen,  einst  ein  gebildeter,  würde- 


77 


Malcolm  Loivty 


voller  und  liebenswerter  Mann,  zu  retten.  Am  Ende  landet  der  Ex-Konsul  in  einer 
schäbigen  Kneipe.  Weil  er  keinen  Ausweis  hat,  nimmt  ihn  eine  Faschistenbande 
gefangen  und  erschießt  ihn  wie  einen  räudigen  Hund. 

»Unter  dem  Vulkan»  wurde  1984  von  John  Huston  mit  Albert  Finney  in  der 
Hauptrolle  vejilmt,  nachdem  Anthony  Burgess  (»Clockwork  Orange»,  1962)  den 
Roman  als  eines  der  wenigen  wirklichen  Meisterwerke  dieses  Zeitalters  gewürdigt 
hatte. 

Malcolm  Lowry  starb  1957  nach  psychiatrischer  Behandlung  schwer  alkohol- 
süchtig an  einer  Überdosis  Schlaflabletten  in  seiner  englischen  Heimat. 

Weiteflihrende  Literatur: 

Donald  W.  Goodwin:  Alkohol  & Autor.  Edition  Epoca  1995 


Unter  dem  Vulkan 


»Mescal«,  sagte  der  Konsul. 

Die  Hauptbar  des  Farolito  war  menschenleer.  Aus 
einem  Spiegel  hinter  der  Theke,  der  auch  die 
zum  Platz  hin  offene  Tür  spiegelte,  starrte  ihm 
stumm  sein  Gesicht  entgegen,  streng,  vertraut 
und  unheilverkündend. 

Aber  das  Lokal  war  nicht  stumm.  Es  war  erfüllt 
von  diesem  Ticken  - dem  Ticken  seiner  Uhr,  sei- 
nes Herzens,  seines  Gewissens,  einer  Wanduhr  ir- 
gendwo. Dazu  kam  ein  fernes  Geräusch  aus  der  Tiefe,  wie  rauschen- 
des Wasser,  wie  ein  unterirdischer  Einsturz,  und  außerdem  hörte  er 
sie  noch  immer,  die  bitter  verletzenden  Anklagen,  die  er  gegen  sein 
eigenes  Elend  geschleudert  hatte,  die  Stimmen  wie  in  einem  Streit, 
die  seine  lauter  als  die  übrigen,  und  die  sich  jetzt  mit  jenen  anderen 
fern  klagenden,  schmerzlichen  Stimmen  mischten:  »Borracho,  Bor- 
rachön,  Borraaaacho!< 

Aber  eine  dieser  Stimmen  klang  wie  Yvonnes  flehende  Stimme.  Er 
fühlte  noch  immer  ihren  Blick,  ihren  und  Hughs  Blick  im  Salon 
Ofelia  hinter  sich.  Absichdich  schob  er  alle  Gedanken  an  Yvonne  von 
sich.  Er  trank  rasch  hintereinander  zwei  Mescals:  die  Stimmen  ver- 
stummten. 

An  einer  Zitrone  lutschend  machte  er  Bestandsaufnahme  von  seiner 
Umgebung.  Der  Mescal  wirkte  zwar  beruhigend,  verlangsamte  je- 


78 


Unter  dem  Vulkan 


doch  das  Denken;  jeder  Gegenstand  sickerte  erst  nach  einer  Weile  in 
ihn  ein.  In  einer  Ecke  des  Raumes  saß  ein  weißes  Kaninchen,  das  an 
einem  Maiskolben  nagte.  Es  knabberte  mit  so  selbstvergessener  Mie- 
ne an  den  schwärzlichvioletten  Körnern,  als  spielte  es  ein  Musikin- 
strument. Hinter  der  Theke  hing  in  einem  Drehgestell  eine  schöne 
Kürbisflasche  aus  Oaxaca  mit  Mescal  de  olla,  aus  der  sein  Glas  abge- 
füllt worden  war.  Zu  beiden  Seiten  standen  Flaschen  mit  Tenampa, 
Berreteaga,  Tequila  Anejo,  Anis  doble  de  Mallorca,  eine  violette  Ka- 
raffe mit  Henry  Mallets  >delicioso  licor<,  eine  flache  Flasche  Pepper- 
mint Cordial  und  eine  große  gerillte  Flasche  Anis  del  Mono  mit  ei- 
nem Etikett,  auf  dem  ein  Teufel  eine  Mistgabel  schwang.  Vor  ihm  auf 
der  breiten  Theke  standen  Schalen  mit  Zahnstochern,  Peperoni,  Zit- 
ronen, ein  Glas  mit  Strohhalmen  und  ein  Glaskrug  mit  gekreuzten 
langen  Löffeln.  Am  einen  Ende  der  Theke  waren  große,  bauchige 
Kruken  mit  verschiedenfarbigen  Aguardiente-Sorten  aufgestellt, 
unverdünnter  Alkohol  mit  verschiedenen  Aromen,  in  dem  Schalen 
von  Zitrusfrüchten  schwammen.  Sein  Blick  fiel  auf  eine  neben  dem 
Spiegel  an  die  Wand  geheftete  Ankündigung  für  den  gestrigen  Ball  in 
Quauhnahuac:  Hotel  Bella  Vista  Gran  Balle  a Beneficio  de  la  Cruz  Roja.  Los 
Mepres  Aristas  del  raelio  en  accion.  .No  falte  IJd.  Ein  Skorpion  klammerte 
sich  an  das  Plakat.  Das  alles  registrierte  der  Konsul  sorgfältig.  Unter 
langen  Seufzern  eisiger  Erleichterung  zählte  er  sogar  die  Zahnsto- 
cher. Hier  war  er  sicher;  dies  war  der  Ort,  den  er  liebte  - Zuflucht,  das 
Paradies  seiner  Verzweiflung. 

Der  >Barmann<  der  Sohn  des  Elefanten  bekannt  unter  dem  Na- 
men Eine  Handvoll  Flöhe,  ein  kränklich  aussehender,  dunkler  kleiner 
Junge,  betrachtete  kurzsichtig  durch  eine  Hornbrille  eine  Witzserie  El 
Hijo  del  Diablo  in  einer  Knabenzeitschrift  Ti-to.  Er  murmelte  beim 
Lesen  vor  sich  hin  und  aß  Schokolade.  Als  er  dem  Konsul  ein  weiteres 
frischgefülltes  Glas  Mescal  zuschob,  ließ  er  etwas  überschwappen.  Er 
wischte  es  aber  nicht  weg,  sondern  las  murmelnd  weiter  und  stopfte 
sich  mit  Schokoladenschädeln  und  Schokoladenskeletten,  sogar  mit 
Leichenwagen  aus  Schokolade  voll,  die  für  den  Tag  der  Toten  gekauft 
waren.  Der  Konsul  wies  auf  den  Skorpion  an  der  Wand,  und  der 
Junge  wischte  ihn  mit  einer  ärgerlichen  Bewegung  herunter  - er  war 
tot.  Eine  Handvoll  Flöhe  kehrte  zu  seiner  Zeitschrift  zurück  und  mur- 
melte laut  mit  vollem  Mund:  »De  pronto,  Dalia  vuelve  en  Sigrita 
llamando  la  ateneiön  de  un  guardia  que  pasea.  Suelteme!  Suelteme!« 
Rette  mich,  dachte  der  Konsul  vage,  als  der  Junge  plötzlich  hinaus- 


79 


Malcolm  Lowty 


ging,  um  Geld  zu  wechseln,  suelteme,  zu  Hilfe!  Aber  vielleicht  hatte 
der  Skorpion  gar  nicht  gerettet  werden  wollen  und  sich  selbst  totge- 
stochen. Er  schlenderte  durch  den  Raum.  Nach  einem  fruchdosen 
Versuch,  sich  mit  dem  weißen  Kaninchen  anzufreunden,  trat  er  an 
das  offene  Fenster  zur  Rechten.  Darunter  ging  es  fast  senkrecht  zum 
Grund  der  Schlucht  hinunter.  Was  für  ein  düsterer,  melancholischer 
Ort!  In  Pariän  hatte  Kublai  Khan  ...  Und  die  Felsspitze  war  auch 
noch  da  ” genau  wie  bei  Shelley  oder  Galderon  oder  beiden  die 
Felsspitze,  die,  obwohl  schon  gespalten,  so  sehr  am  Leben  hing,  daß 
sie  sich  nicht  zum  endgültigen  Zerbröckeln  entschließen  konnte.  Die 
schiere  Höhe  war  erschreckend,  dachte  er,  während  er  sich  hinaus- 
lehnte, den  gespaltenen  Fels  von  der  Seite  betrachtete  und  versuchte, 
sich  auf  die  Stelle  in  The  Cenci  zu  besinnen,  wo  der  riesige  Felsblock 
geschildert  wird,  der  sich  an  die  Erdmasse  klammert,  als  ruhe  er  auf 
dem  Leben  selbst,  der  sich  nicht  vor  dem  Sturz  fürchtet,  aber  trotz- 
dem die  Stelle  verfinstert,  in  die  er  fiele,  falls  er  fiel.  Bis  zum  Grund 
der  Schlucht  war  es  ungeheuer,  furchtbar  weit.  Aber  er  merkte,  daß 
auch  er  sich  nicht  vor  dem  Sturz  fürchtete.  In  Gedanken  verfolgte  er 
den  abgrundtiefen,  gewundenen  Weg  der  Barranca  zurück  durch  das 
Land,  durch  verfallene  Bergwerke  bis  zu  seinem  Garten.  Dann  sah  er 
sich  wieder  mit  Yvonne  heute  morgen  vor  dem  Druckereischaufen- 
ster stehen  und  das  Bild  von  dem  anderen  Felsen,  La  Despedida,  an- 
starren, den  Eiszeitfelsen,  der  zwischen  den  Heiratsanzeigen  im  La- 
denfenster zerbröckelte,  und  dahinter  das  rotierende  Schwungrad.  So 
lange  schien  das  her  zu  sein,  so  seltsam,  so  traurig  und  fern  wie  die 
Erinnerung  an  erste  Liebe,  ja,  sogar  an  den  Tod  seiner  Mutter.  Wie 
eine  gelinde  Trauer  verschwand  Yvonne  wieder  aus  seinen  Gedan- 
ken, diesmal  ohne  Anstrengung. 

Durchs  Fenster  ragte  Potocatepetl  auf,  die  mächtigen  Flanken  zum 
Teil  hinter  sich  heranwälzenden  Gewitterwolken  verborgen;  sein 
Gipfel  versperrte  den  Himmel,  als  wäre  er  fast  senkrecht  über  dem 
Konsul,  als  lägen  die  Barranca  und  das  Farolito  unmittelbar  an  sei- 
nem Fuße.  Unter  dem  Vulkan!  Nicht  umsonst  hatten  die  Alten  den 
Tartarus  unter  dem  Ätna  angesiedelt  oder  den  Typhon  in  seinem  In- 
nern, das  Ungeheuer  mit  den  hundert  Köpfen  und  den  - einigerma- 
ßen - furchtbaren  Augen  und  Stimmen. 

Der  Konsul  wandte  sich  ab  und  ging  mit  seinem  Glas  zu  der  offenste- 
henden  Tür.  Hinten  im  Westen  ein  anilinroter  Todeskampf  Er  blickte 
auf  Pariän  hinaus.  Dort  hinter  einem  Rasenfleck  lag  der  unvermeid- 


80 


Unter  (km  Vulkan 


liehe  Platz  mit  dem  kleinen  öffentlichen  Park.  Links  am  Rande  der 
Barranca  schlief  ein  Soldat  unter  einem  Baum.  Auf  der  Anhöhe 
rechts  halb  gegenüber  stand  ein  Bauwerk,  das  auf  den  ersten  Blick 
wie  ein  verfallenes  Kloster  oder  ein  Wasserwerk  aussah.  Es  war  die 
graue,  mit  Türmen  geschmückte  Kaserne  der  Militärpolizei,  die  er 
Hugh  gegenüber  als  das  berüchtigte  Hauptquartier  der  Union  Mili- 
tär erwähnt  hatte.  Das  Gebäude,  in  dem  sich  auch  das  Gefängnis  be- 
fand, starrte  ihn  finster  aus  einem  Auge  an,  das  über  einem  Torbogen 
in  die  Stirn  seiner  niedrigen  Fassade  eingesetzt  war:  eine  Uhr,  die  jetzt 
sechs  zeigte.  Zu  beiden  Seiten  des  Torbogens  blickten  die  vergitterten 
Fenster  in  dem  Comisario  de  Policia  und  dem  Policia  de  Seguridad 
auf  eine  Gruppe  Soldaten  nieder,  die,  ihre  Signalhörner  an  leuchtend 
grünen  Schnüren  über  die  Schülter  gehängt,  plaudernd  zusammen- 
standen. Andere  Soldaten  mit  flatternden  Gamaschen  stolperten  zur 
Wachablösung.  Unter  dem  Torbogen,  im  Eingang  zum  Hof,  saß  ein 
Korporal  arbeitend  an  einem  Tisch,  auf  dem  eine  unangezündete 
Petroleumlampe  stand.  Der  Konsul  wußte,  daß  er  mit  gestochen 
scharfer  Handschrift  irgendwelche  Eintragungen  machte,  denn  auf 
seinem  ziemlich  unsicheren  Weg  hierher  - freilich  nicht  so  unsicher 
wie  vorhin  auf  dem  Festplatz  in  Quauhnahuac,  aber  immer  noch  bla- 
mabel genug  -,  hätte  er  ihn  fast  umgerannt.  Durch  den  Torbogen 
konnte  der  Konsul  die  rund  um  den  Hof  verteilten  Gefängniszellen 
mit  Holzgittern  wie  Schweineställe  erkennen.  In  einer  gestikulierte 
ein  Mann.  Weiter  links  standen  verstreut  einige  Hütten  mit  dunklen 
Palmstrohdächern;  sie  verschmolzen  mit  dem  Wald,  der  die  Stadt  auf 
allen  Seiten  umgab  und  jetzt  im  unnatürlich  bleiernen  Licht  des  auf- 
ziehenden Gewitters  glühte. 

Eine  Handvoll  Flöhe  war  zurückgekommen,  und  der  Konsul  ging  an 
die  Theke,  um  sein  Kleingeld  in  Empfang  zu  nehmen.  Der  Junge,  der 
ihn  anscheinend  nicht  verstanden  hatte,  ließ  aus  der  schönen  Kürbis- 
flasche Mescal  in  sein  Glas  laufen.  Als  er  es  dem  Konsul  reichte,  warf 
er  die  Zahnstocher  um.  Der  Konsul  sagte  im  Augenblick  weiter  nichts 
über  das  Kleingeld,  nahm  sich  jedoch  vor,  das  nächste  Mal  etwas  zu 
bestellen,  was  mehr  kostete  als  die  fünfzig  Centavos,  die  er  bereits  be- 
zahlt hatte.  Auf  diese  Weise  würde  er  sein  Geld  nach  und  nach  wie- 
derbekommen. Er  wiegte  sich  in  der  lächerlichen  Vorstellung,  daß  er 
schon  deswegen  unbedingt  hierbleiben  müsse.  Er  wußte,  daß  es  noch 
einen  anderen  Grund  gab,  auf  den  er  jedoch  nicht  den  Finger  legen 
konnte.  Jedesmal,  wenn  ihm  Yvonne  einfiel,  war  ihm  das  bewußt.  Es 


81 


Malcolm  Lowry 


sah  also  wirklich  so  aus,  als  müßte  er  um  ihretwillen  hier  bleiben, 
nicht  weil  sie  ihm  hierher  folgen  würde  - nein,  sie  war  fort,  er  hatte  sie 
jetzt  endgültig  gehen  lassen.  Hugh  würde  vielleicht  kommen,  aber  sie 
niemals,  diesmal  nicht;  bestimmt  würde  sie  nach  Hause  zurückkeh- 
ren, und  über  diesen  Punkt  hinaus  reichten  seine  Gedanken  nicht  - 
sondern  für  irgend  etwas  anderes.  Er  sah  sein  Wechselgeld  auf  der 
Theke  liegen,  der  Mescal  war  nicht  abgezogen.  Er  steckte  es  ein  und 
kam  wieder  zur  Tür.  Die  Situation  hatte  sich  jetzt  verkehrt;  der  Junge 
mußte  auf  ihn  aufpassen.  Selbstquälerisch  vertrieb  er  sich  die  Zeit,  zur 
Unterhaltung  von  einer  Handvoll  Flöhe,  obgleich  ihm  klar  war,  daß 
der  in  seine  Zeitschrift  vertiefte  Junge  ihn  überhaupt  nicht  beobachte- 
te, mit  der  Vorstellung,  er  habe  den  melancholischen  Ausdruck  eines 
bestimmten  Trinkertyps  angenommen,  der  nach  zwei  murrend  auf 
Kredit  gewährten  Schnäpsen  halb  nüchtern  aus  einer  leeren  Kneipe 
auf  die  Straße  hinausstarrt,  einen  Ausdruck,  der  die  Hoffnung  auf 
Hilfe  vorzuspiegeln  sucht,  auf  eine  irgendwie  geartete  Hilfe,  die  viel- 
leicht unterwegs  ist,  auf  Freunde,  irgendwelche  Freunde,  die  vielleicht 
kommen  und  ihn  retten.  Für  ihn  ist  das  Leben  immer  hinter  der  näch- 
sten Straßenecke  in  Form  eines  weiteren  Drinks  in  einer  neuen  Knei- 
pe. Aber  in  Wirklichkeit  erhofft  er  nichts  von  alledem.  Seine  Freunde 
haben  ihn  aufgegeben  so  wie  er  sie,  und  er  weiß,  daß  nichts  als  der 
vernichtende  Blick  eines  Gläubigers  hinter  der  nächsten  Ecke  lauert. 
Auch  hat  er  sich  nicht  genügend  gestärkt,  um  mehr  Geld  zu  borgen 
oder  um  neuen  Kredit  bitten  zu  können,  und  der  Schnaps  von  neben- 
an sagt  ihm  ohnehin  nicht  zu.  Warum  bin  ich  hier,  sagt  die  Stille,  was 
habe  ich  getan,  echot  die  Leere,  warum  habe  ich  mich  willentlich  zu- 
grunde gerichtet,  kichert  das  Geld  in  der  Ladenkasse,  wieso  bin  ich  so 
heruntergekommen,  fragt  schmeichlerisch  die  Straße,  und  die  einzige 
Antwort  darauf  war  . . . Der  Platz  gab  ihm  keine  Antwort.  Die  kleine 
Stadt,  die  so  leer  erschienen  war,  belebte  sich  mit  dem  fortschreiten- 
den Abend.  Dann  und  wann  stolzierte  schweren  Schrittes  ein 
schnurrbärtiger  Offizier  vorüber,  mit  dem  Spazierstock  an  die  Gama- 
schen schlagend.  Leute  kehrten  von  den  Friedhöfen  zurück,  aber  die 
Prozession  würde  vielleicht  erst  nach  einiger  Zeit  vorüberkommen. 
Eine  undisziplinierte  Abteilung  Soldaten  marschierte  über  den  Platz. 
Signalhörner  schmetterten.  Auch  eine  starke  Belegschaft  Polizei  war 
erschienen  - diejenigen,  die  nicht  streikten  oder  angeblich  auf  den 
Friedhöfen  Dienst  getan  hatten,  oder  auch  die  Ersatzpolizei  - Polizei 
und  Militär  waren  sowieso  nicht  leicht  auseinanderzuhalten.  Zweifel- 


82 


Unter  dem  Vuüsm 


los  insgeheim  Freunde  der  Deutschen.  Der  Korporal  saß  noch  immer 
schreibend  an  seinem  Tisch,  was  den  Konsul  merkwürdig  beruhigte. 
Zwei  oder  drei  Trinker  drängten  sich  an  ihm  vorbei  ins  Farolito;  sie 
hatten  quastenbesetzte  Sombreros  auf  den  Hinterkopf  geschoben, 
und  Pistolentaschen  schlugen  an  ihre  Oberschenkel.  Zwei  Bettler  wa- 
ren eingetroffen  und  bezogen  ihre  Posten  vor  der  Kneipe  unter  dem 
Gewitterhimmel.  Der  eine  hatte  keine  Beine  und  schleppte  sich  wie 
ein  armer  Seehund  durch  den  Staub.  Aber  der  andere,  der  sich  eines 
Beines  rühmen  konnte,  stand  steif  und  stolz  an  die  Mauer  der  Canti- 
na  gelehnt,  als  wartete  er  darauf,  erschossen  zu  werden.  Dann  beugte 
dieser  Bettler  mit  einem  Bein  sich  vor:  er  ließ  ein  Geldstück  in  die 
ausgestreckte  Hand  des  Beinlosen  fallen.  Dem  ersten  Bettler  standen 
die  Tränen  in  den  Augen.  Jetzt  bemerkte  der  Konsul  ganz  rechts  auf 
dem  Waldweg,  den  er  gekommen  war,  eine  Anzahl  ungewöhnlicher, 
gänseähnlicher  Tiere,  die  aber  so  groß  waren  wie  Kamele,  und  Men- 
schen ohne  Haut  und  ohne  Köpfe,  die  auf  Stelzen  gingen  und  deren 
Gedärme  sich  selbständig  zuckend  über  den  Boden  bewegten.  Er 
schloß  die  Augen  vor  diesem  Anblick,  und  als  er  sie  wieder  aufschlug, 
sah  er  weiter  nichts  als  einen  Mann,  der  wie  ein  Polizist  aussah  und 
ein  Pferd  am  Halfter  führte.  Trotz  des  Polizisten  mußte  er  lachen, 
brach  aber  plötzlich  ab.  Denn  er  sah,  daß  das  Gesicht  des  halb  liegen- 
den Bettlers  sich  langsam  in  dasjenige  der  Senora  Gregorio  verwan- 
delte und  dann  in  das  seiner  Mutter,  auf  dem  ein  unendlich  mitleids- 
voller, flehender  Ausdruck  erschien. 

Er  schloß  die  Augen  wieder,  und  während  er,  das  Glas  in  der  Hand, 
dastand,  dachte  er  einen  Augenblick  mit  gefrierender,  gleichgültiger, 
fast  amüsierter  Ruhe  an  die  furchtbare  Nacht,  die  ihn  - ob  er  noch 
mehr  trank  oder  nicht  - unausweichlich  erwartete,  an  sein  von  dämo- 
nischen Orchestern  erbebendes  Zimmer,  die  Fetzen  eines  angstge- 
quälten tumultuösen  Schlafes,  unterbrochen  von  Stimmen,  die  in 
Wirklichkeit  Hundegebell  waren,  oder  von  eingebildeten  Besuchern, 
die  unausgesetzt  seinen  Namen  riefen,  das  gräßliche  Brüllen,  das 
Klimpern,  das  Knallen,  das  Bumsen,  der  Kampf  gegen  unverschäm- 
te Erzfeinde,  die  Lawine,  unter  der  die  Tür  zusammenbrach,  die  Sti- 
che von  unten  durch  das  Bett,  und  draußen  fortwährend  das  Schrei- 
en, das  Klagen,  die  schreckliche  Musik,  die  Spinette  der  Finsternis. 
Er  ging  zur  Theke  zurück. 


83 


Kommmtar 


Kommentar 

^ In  dm  Auszug  von  Makom  Lowrys  Roman  »Unter  dm  Vulkan« 
tC  werden  der  soziale  Abstieg,  die  partnerschaftliche  und  finanzielle  Pro- 
blmatik  eines  Trinkers,  einer  ehemals  sehr  hoch  angesehenen  Persön- 
lichkeit, eines  Konsuls,  in  eindrücklkher  Weise  geschildert.  Im  Zen- 
trum der  Darstellung  steht  die  eindrucksvolle  und  plastische  Schilderung  von  starker 
Unruhe  und  vielgestaltigen  Halluzinationen  in  verschiedenen  Sinnesgebieten  (u.a. 
szenenhafie  Halluzinationen). 

Die  genaue  Differentialdiagnose,  ob  es  sich  dabei  um  ein  Alkoholdelir  oder  eher  um 
eine  Alkoholhalluzinose  handelt,  ist  wegen  des  Fehlens  diesbezüglicher  differential- 
diagnostischer Detailirformationen  rächt  möglich.  Die  Vielgestaltigkeit  der  Hallu- 
zinationen, in  denen  neben  akustischen  auch  optische  Halluzinationen  - z-T.  als 
szenenartige  Erlebnisse  kombiniert  - auflreten  sowie  die  Bereitschaft  zu  illusionä- 
ren Verkennungen  lässt  eher  an  ein  Delir  denken,  allerdings  scheint  die  dafür  typi- 
sche Desorientierung  nicht  vorzuliegen.  Wenn  man  aber  darauf  abstellt,  dass  vor- 
rangig akustische  Halluzinationen  das  Symptombild  beherrschen,  könnte  man  eher 
an  eine  Alkoholhalluzinose  denken,  zumal  die  alkoholtypische  Desorientiertheit  of- 
fenbar nicht  vorliegt. 


84 


Charks  Baudelaire 


Die  künstlichen  Paradiese 

aus:  Charks  Baudelaire.  Die  Dichtung  vom  Haschisch. 
Aus  dem  Französischen  übersetzt  von  Hannelise  Hinderberger. 
©1988  by  Manesse  Verlag,  Zürich,  in  der  Verlagsgruppe 
Random  House  GmbH,  München 


Einführung 


Mit  »Les  Fleurs  du  Mah<  (dt:  »Die  Blumen  des  Bösen«)  (1857), 
dem  Hauptwerk  des  französischen  Dichters  Charks  Baudelaire 
(1821-1867),  beginnt  die  Lyrik  der  literarischen  Moderne. 
Kindheit  und  Jugend  Baudelaires  sind  überschatkt  vom  fiühen 
Tod  des  Vaters  und  der  Wiederverheiratung  der  Mutkr  mit  einem  strengen  Offizier. 
Das  zur  Depression  neigende,  sich  ungeliebt  fühlende  Kind  verbringt  unglückliche 
Jäten  im  Internat,  stößt  nach  abgebrochenem  Jurastudium  als  junger  Mann  zur 
Pariser  Boheme  und  führt  mit  den  bald  aufgebrauchten  Mitteln  des  väterlichen  Erbes 
an  verschwenderisches  Leben  als  Dandy,  macht  Schulden,  unterhält  an  Verhältnis  mit 
einer  Prostituierkn,  unternimmt  eine  Schiffsreise  bis  Rätnion,  steckt  sich  mit  Syphi- 
lis an,  bis  ihn  die  Familie  unter  eine  demütigende  Vormundschaft  stellt.  1845 
misslingt  ein  Suizidversuch.  Der  einstmals  begeisterte  Revolutionär  zieht  sich  nach 
der  gescheiterten  Revolution  1848  völlig  auf  die  Kunst  zurück  und  arbeitet  als 
Kunsttheoretiker,  Kritiker  und  Übersetzer  (u.a.  der  Werke  von  Edgar  Allan  Poe). 
Der  exzessive  Konsum  von  Opium,  Haschisch  und  Alkohol  fuhrt  zu  ständigen 
finanziellen  Schwierigkeiten.  »Die  Blumen  des  Bösen«  wird  von  der  bürgerlichen 
Kritik  als  obszön  und  blasphemisch  empfunden  und  trägt  dem  Dichter  wie  sänem 
Verleger  einen  Strafprozess  wegen  »Bekidigung  der  öffentlichen  Moral«  an.  Baude- 
laire, der  die  gesamte  moderne  Lyrik  nachhaltig  bennflussk,  stirbt  mit  46  Jahren, 
halbsätig  gelähmt  und  sprechunßhig,  betreut  von  seiner  alkn  Mutier,  in  einem 
Pariser  Pflegeheim. 


Weiterfllhrende  Literatur: 

Jean-Paul  Sartre:  Baudelaire.  Rowohlt  1997 


85 


Charles  Baudelaire 


Die  künstlichen  Paradiese 

Was  empfindet  man?  Was  sieht  man?  Wunderbare 
Dinge,  nicht  wahr?  Außergewöhnliche  Schauspie- 
le? Ist  es  wirklich  schön?  Und  wirklich  schrecklich? 
Und  wirklich  gefahilich?  — Dies  sind  die  gewohnten 
Fragen,  welche  die  Unerfahrenen  mit  einer  gewis- 
sen, mit  Furcht  vermischten  Neugier  an  die 
Eingeweihten  richten.  Man  könnte  sagen,  es  sei 
eine  kindhche  Ungeduld,  etwas  zu  erfahren,  wie  sie 
beispielsweise  bei  Leuten,  die  ihre  Ecke  am  Kamin 
nie  verlassen  haben,  vorkommt,  wenn  sie  sich  einem  Menschen  ge- 
genübersehen, der  aus  fernen  und  unbekannten  Ländern  zurück- 
kehrt. Sie  stellen  sich  den  Haschischrausch  wie  ein  wunderbares 
Land,  ein  unermeßliches  Gaukler-  und  Taschenspielertheater  vor,  wo 
alles  bewundernswürdig  und  unvorhergesehen  ist.  Dies  ist  ein  Vorur- 
teil, ein  vollständiger  Irrtum.  Und  da  das  Wort  Haschisch  für  den  gro- 
ßen Haufen  der  Leser  und  Fragenden  die  Vorstellung  von  einer  frem- 
den und  wirren  Welt  und  die  Erwtutung  wunderbarer  Träume  zuläßt 
(man  würde  besser  Halluzinationen  sagen,  welche  übrigens  weniger 
häufig  sind,  als  man  vermutet),  werde  ich  sogleich  auf  den  wichtigen 
Unterschied  hinweisen,  der  die  Wirkungen  des  Haschischs  von  den 
Phänomenen  des  Schlafs  trennt.  Im  Schlaf,  dieser  allabendlichen, 
abenteuerlichen  Reise,  liegt  etwas  ausdrücklich  Wunderbares.  Er  ist 
ein  Wunder,  dessen  pünktliches  Eintreffen  alles  Geheimnisvolle  abge- 
stumpft hat.  Die  Träume  des  Menschen  sind  von  doppeltem  Rang. 
Die  einen  sind  erfüllt  von  seinem  gewöhnlichen  Leben,  seinen  Be- 
sorgnissen, seinen  Wünschen  und  seinen  Lastern  und  verbinden  sich 
auf  mehr  oder  weniger  seltsame  Weise  mit  den  im  Lauf  des  Tages 
wahrgenommenen  Gegenständen,  die  sich  auf  der  breiten  Leinwand 
des  Gedächtnisses  zudringlich  festgesetzt  haben.  Dies  ist  der  natürli- 
che Traum.  Er  ist  der  Mensch  selber.  Aber  dann  die  andere  Art  des 
Traums!  Der  sinnlose,  unvorhergesehene  Traum,  ohne  Beziehung 
und  Verbindung  zum  Charakter,  zum  Leben  und  den  Leidenschaften 
des  Schläfers!  Dieser  Traum,  den  ich  hieroglyphisch  nennen  will, 
stellt  augenscheinlich  die  übernatürliche  Seite  des  Lebens  dar.  Und 
gerade  weil  er  widersinnig  ist,  haben  die  Alten  geglaubt,  er  sei  göttli- 
chen Ursprungs.  Da  der  Traum  aus  natürlichen  Gründen  unerklär- 
lich ist,  haben  die  Alten  ihm  einen  außerhalb  des  Menschen  liegen- 


86 


Die  künstlichen  Paradiese 


den  Grund  beigemessen.  Auch  heute  noch  gibt  es,  ohne  von  den 
Traumdeutern  zu  sprechen,  eine  philosophische  Schule,  die  in  dieser 
Art  Träume  bald  einen  Vorwurf  und  bald  einen  Ratschlag  sieht.  Mit 
einem  Wort,  ein  symbolisches  und  moralisches  Bild,  das  im  Geist  des 
schlafenden  Menschen  entstanden  ist.  Dies  ist  ein  Wörterbuch,  das 
man  studieren  sollte,  eine  Sprache,  zu  der  die  Weisen  den  Schlüssel 
erlangen  könnten. 

Nichts  von  all  dem  im  Haschischrausch.  Wir  treten  aus  dem  natürli- 
chen Traum  nicht  heraus.  Der  Rausch  ist  in  seiner  ganzen  Dauer, 
dank  der  Intensität  der  Farben  und  der  Schnelligkeit  der  Einfälle,  in 
der  Tat  nur  ein  unendlicher  Traum.  Immer  aber  bewahrt  er  die  spezi- 
elle Tonlage  des  Individuums.  Der  Mensch  wollte  träumen,  nun  wird 
der  Traum  den  Menschen  beherrschen.  Aber  dieser  Traum  wird 
wohl  der  Sohn  seines  Vaters  sein.  Der  Müßiggänger  hat  sich  den 
Kopf  darüber  zerbrochen,  wie  er  das  Übernatürliche  künstlich  in  sein 
Leben  und  Denken  einführen  könnte.  Aber  er  bleibt,  nach  allem  und 
trotz  der  zufälligen  Kraft  seiner  Eindrücke,  doch  nur  derselbe,  wenn 
auch  übersteigerte  Mensch,  dieselbe  zu  höchster  Potenz  erhobene 
Zahl.  Er  ist  unterjocht.  Doch  zu  seinem  Unglück  ist  er  es  nur  durch 
sich  selbst,  das  heißt  durch  den  schon  dominierenden  Teil  seiner 
selbst.  Er  wollte  den  Engel  spielen,  und  er  ist  ein  Tier  geworden,  ein  augen- 
blicklich sehr  mächtiges  Tier,  wenn  man  eine  übermäßige  Sensibilität 
ohne  beherrschende  Gewalt,  die  sie  mäßigen  oder  ausnutzen  könnte, 
überhaupt  Macht  nennen  kann. 

(...) 

Im  Haschischrausch  kommen  im  allgemeinen  drei  leicht  voneinander 
zu  unterscheidende  Phasen  vor,  und  gerade  die  ersten  Symptome  der 
ersten  Phase  sind  bei  Neulingen  recht  seltsam  anzusehen.  Ihr  habt 
von  der  wunderbaren  W'irkung  des  Haschischs  undeutlich  reden  ge- 
hört. Eure  Einbildungskraft  hat  einen  besonderen  Gedanken,  so  et- 
was wie  ein  Ideal  des  Rausches,  vorweggenommen.  Es  verlangt  euch 
danach,  zu  wissen,  ob  die  Wirklichkeit  entschieden  auf  der  Höhe  eu- 
rer Hoffnungen  sein  wird.  Das  genügt,  euch  von  Anfang  an  in  einen 
Angstzustand  zu  versetzen,  welcher  für  die  erobernde  und  euch  über- 
fallende Laune  des  Giftes  recht  günstig  ist.  Die  meisten  Neulinge  be- 
klagen sich  auf  der  ersten  Stufe  der  Einweihung  über  die  Langsam- 
keit der  Wirkungen.  Sic  erwarten  sie  mit  einer  kindischen  Ungeduld, 
und  da  die  Droge  ihrer  Meinung  nach  nicht  schnell  genug  wirkt, 
prahlen  sie  mit  ihrer  Ungläubigkeit,  was  für  die  alten  Eingeweihten, 


87 


Charles  Baudelaire 


die  wissen,  wie  Haschisch  sich  verhält,  recht  vergnüglich  ist.  Die  er- 
sten Anwandlungen  tauchen  wie  die  Anzeichen  eines  lange  zögern- 
den Gewitters  auf  und  vervielfachen  sich  mitten  in  dieser  Ungläubig- 
keit. Zunächst  ist  da  eine  gewisse  abgeschmackte  und  unwidersteh- 
liche Heiterkeit,  die  sich  eurer  bemächtigt.  Die  unmotivierten  Anfälle 
von  Fröhlichkeit,  deren  ihr  euch  beinah  schämt,  wiederholen  sich  im- 
mer häufiger  und  unterbrechen  Augenblicke  voller  Bestürzung,  in  de- 
nen ihr  euch  umsonst  aufzufangen  sucht.  Die  einfachsten  Worte,  die 
einfältigsten  Gedanken  erhalten  ein  neues  und  sonderbares  Gepräge. 
Ihr  wundert  euch  sogar  darüber,  daß  ihr  sie  bis  dahin  so  einfach  ge- 
funden habt.  Ungehörige  Anspielungen  und  Vergleiche,  die  unmög- 
lich vorauszusehen  waren,  endlose  Wortspiele,  schwache  Versuche 
zur  Komik  sprudeln  ununterbrochen  aus  eurem  Gehirn  hervor.  Der 
Dämon  hat  euch  überfallen.  Es  ist  aussichtslos,  sich  dieser  Heiterkeit, 
die  schmerzhaft  ist  wie  ein  Kitzel,  zu  widersetzen.  Dann  und  wann 
lacht  ihr  über  euch  selbst,  über  eure  Albernheiten  und  Torheiten;  und 
eure  Kameraden,  falls  ihr  welche  habt,  lachen  ebenfalls  über  euren 
und  ihren  eigenen  Zustand.  Doch  da  sie  ohne  Bosheit  sind,  grollt  ihr 
ihnen  nicht. 

Diese  Fröhlichkeit,  die  abwechselnd  matt  und  peinlich  ist,  das  Unbe- 
hagen in  der  Freude,  die  Unsicherheit,  die  Unentschlossenheit  dau- 
ern in  der  Regel  nur  kurze  Zeit.  Bald  werden  die  gedanklichen  Zu- 
sammenhänge so  unbestimmt,  der  Faden,  der  eure  Einfälle  verbindet, 
wird  so  dünn,  daß  nur  eure  Verbündeten  euch  noch  verstehen  kön- 
nen. Und  doch  besteht  bei  diesen  Dingen  und  von  dieser  Seite  her 
keine  Möglichkeit,  das  alles  zu  überprüfen.  Vielleicht  glauben  alle 
nur,  euch  zu  verstehen,  und  diese  Einbildung  beruht  auf  Gegenseitig- 
keit. Der  Mutwille  und  das  schallende  Gelächter,  das  Explosionen 
gleicht,  erscheinen  jedem,  der  sich  nicht  im  selben  Zustand  befindet 
wie  ihr,  als  tatsächliche  Verrücktheit  oder  wenigstens  als  die  Narrhei- 
ten eines  Wahnsinnigen.  Ebenso  belustigen  euch  die  Besonnenheit 
und  der  gesunde  Menschenverstand,  die  Regelmäßigkeit  der  Gedan- 
ken beim  vorsichtigen  Zeugen,  der  nicht  berauscht  ist,  und  sie  erhei- 
tern euch  wie  eine  besondere  Art  von  Wahnwitz.  Die  Rollen  sind  ver- 
tauscht. Seine  Kaltblütigkeit  veranlaßt  euch  zu  äußerstem  Spott.  Ist 
es  nicht  eine  auf  geheimnisvolle  Weise  komische  Situation,  wenn  ein 
Mensch  sich  einer  Fröhlichkeit  erfreut,  die  für  jeden,  der  nicht  in  der- 
selben Lage  ist  wie  er,  unverständlich  bleibt?  Der  Verrückte  hat  Mit- 
leid mit  dem  Besonnenen,  und  von  da  an  beginnt  sich  sein  Uberle- 


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Die  künstlichen  Paradiese 


genheitsgefühl  bemerkbar  zu  machen.  Bald  wächst  es,  wird  größer 
und  mächtiger  und  wird  wie  ein  Meteor  zerstieben. 

(•■•) 

Auf  diese  erste  Phase  kindlicher  Fröhlichkeit  folgt  so  etwas  wie  eine 
momentane  Beruhigung.  Doch  bald  künden  sich  durch  ein  Kältege- 
fühl in  den  Gliedmaßen  neue  Ereignisse  an.  (Die  Kühle  kann  bei  eini- 
gen Individuen  zu  einer  sehr  intensiven  Kälte  werden.)  Dann  folgt 
eine  große  Schwäche  in  allen  Gliedern.  Ihr  habt  Hände,  die  so  weich 
sind  wie  Butter,  und  in  eurem  Kopf,  in  eurem  ganzen  Sein  fühlt  ihr 
verwirrende  Bestürzung  und  Betroffenheit.  Eure  Augen  werden  groß; 
es  ist,  als  würden  sie  von  unerbittlicher  Ekstase  nach  allen  Richtungen 
auseinandergezogen.  Euer  Gesicht  überzieht  sich  mit  Blässe.  Die  Lip- 
pen stülpen  sich  mit  jener  Bewegung  der  Kurzatmigkeit  einwärts, 
welche  den  Ehrgeiz  eines  Menschen  charakterisiert,  der  großen  Plä- 
nen zum  Opfer  gefallen  ist  und  von  weitreichenden  Gedanken  be- 
drängt wird  oder  der  seinen  Atem  anhält,  um  einen  Anlauf  zu  neh- 
men. Die  Kehle  ist  sozusagen  zugeschnürt.  Der  Gaumen  ist  von 
Durst  ausgetrocknet.  Es  wäre  unendlich  angenehm,  diesen  Durst  zu 
stillen,  wenn  nicht  die  Wonnen  der  Trägheit  noch  wohltuender  wären 
und  sich  der  kleinsten  Lageveränderung  des  Körpers  widersetzten. 
Rauhe  und  tiefe  Seufzer  dringen  aus  eurer  Brust,  als  ob  euer  alter 
Körper  das  Verlangen  und  die  Aktivität  eurer  neuen  Seele  nicht  ertra- 
gen könnte.  Von  Zeit  zu  Zeit  ergreift  euch  ein  Schütteln,  das  eine  un- 
freiwillige Bewegung  auslöst,  wie  dieses  Zusammenzucken,  das  am 
Ende  eines  Arbeitstages  oder  in  einer  stürmischen  Nacht  dem  defini- 
tiven Schlaf  vorausgeht. 

(...) 

Gerade  in  dieser  Periode  des  Rausches  tut  sich  ein  neuer  Scharfsinn, 
eine  äußerste  Wachheit  aller  Sinne  kund.  Der  Geruchssinn,  der  Ge- 
sichtssinn, der  Gehörsinn  und  der  Tastsinn  beteiligen  sich  gleicher- 
maßen an  dieser  Steigerung.  Die  Augen  spähen  nach  dem  Unendli- 
chen aus.  Das  Ohr  nimmt,  mitten  im  vielseitigsten  Getümmel,  beinah 
unhörbare  Töne  wahr.  Hier  beginnen  die  Halluzinationen.  Die  äu- 
ßern Gegenstände  nehmen  langsam  und  nacheinander  ein  eigentüm- 
liches Aussehen  an.  Dann  folgen  die  Zweideutigkeiten,  die  Mißver- 
ständnisse und  die  Umstellungen  der  Ideen.  Die  Töne  bekleiden  sich 
mit  Farben,  und  die  Pärben  enthalten  Musik.  Man  wird  mir  entgeg- 
nen, das  sei  etwas  ganz  Natürliches  und  jedes  poetische  Gehirn  ersin- 
ne auch  in  gesundem  und  normalem  Zustand  solche  Übereinstim- 


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Charles  Baudelaire 


mungen  leicht.  Aber  ich  habe  den  Leser  schon  darauf  aufmerksam 
gemacht,  daß  im  Haschischrausch  nichts  tatsächlich  Übernatürliches 
vorkommt.  Allein  - die  Übereinstimmungen  sind  ungewöhnlich  leb- 
haft. Sie  durchdringen,  überfallen  und  überwältigen  den  Geist  mit 
ihrem  eigenmächtigen  Wesen.  Die  Musiknoten  werden  zu  Zahlen, 
und  wenn  ihr  mathematisch  begabt  seid,  verwandelt  sich  die  Melodie, 
die  vernommene  Harmonie  - ihren  wollüstigen  und  sinnlichen  Cha- 
rakter durchaus  bewahrend  - in  eine  umfassende  arithmetische  Re- 
chenaufgabe, in  der  die  Zahlen  wiederum  Zahlen  hervorbringen,  de- 
ren Wandlung  und  Entstehung  ihr  mit  unerklärlicher  Leichtigkeit 
und  einer  Gewandtheit  verfolgt,  die  derjenigen  eines  Vortragenden 
Künstlers  gleicht. 

Manchmal  geschieht  es,  daß  die  Persönlichkeit  entschwindet  und  daß 
die  Objektivität,  die  pantheistischen  Dichtern  eigen  ist,  sich  in  euch 
so  regelwidrig  entfaltet,  daß  die  Betrachtung  der  äußern  Gegenstände 
euch  eure  eigene  Existenz  vergessen  läßt  und  daß  ihr  euch  alsbald  mit 
ihnen  verwechselt.  Euer  Auge  richtet  sich  auf  einen  vom  Wind  har- 
monisch hin  und  her  gebogenen  Baum.  In  einigen  Sekunden  wird 
das,  was  im  Hirn  eines  Dichters  nur  ein  ganz  natürlicher  Vergleich 
wäre,  in  eurem  Geist  zu  einer  Tatsache.  Zunächst  leiht  ihr  dem  Baum 
eure  Leidenschaften,  euer  Verlangen  und  eure  Melancholie.  Ihr 
macht  euch  sein  Ächzen  und  sein  Sich-hin-und-her-Bewegen  zu  ei- 
gen, und  bald  seid  ihr  der  Baum.  Ebenso  stellt  der  Vogel,  der  im  tief- 
sten Himmelsblau  schwebt,  zunächst  nur  das  unsterbliche  Verlangen 
dar,  über  allen  menschlichen  Belangen  zu  schweben.  Aber  schon  seid 
ihr  der  Vogel  selbst.  Ich  stelle  mir  euch  sitzend  und  rauchend  vor. 
Eure  Aufmerksamkeit  richtet  sich  ein  wenig  zu  lange  auf  die  bläuli- 
chen Wolken,  die  aus  eurer  Pfeife  aufsteigen.  Da  bemächtigt  sich  eu- 
rer der  Gedanke  einer  langsamen,  sukzessiven,  ewigen  Verflüchti- 
gung, und  alsbald  werdet  ihr  diese  Idee  auf  eure  eigenen  Gedanken, 
euer  denkendes  Sein  anwenden.  Durch  eine  sonderbare  Zwei- 
deutigkeit, eine  Art  Übertragung  oder  geistiges  Quiproquo  fühlt  ihr, 
wie  ihr  euch  verflüchtigt.  Dann  werdet  ihr  eurer  Pfeife  (in  der  ihr  euch 
wie  Tabak  zusammengekauert  und  versammelt  fühlt)  die  sonderbare 
Fähigkeit  zugestehen,  euch  zu  rauchen. 

Zum  Glück  hat  diese  endlose  Einbildung  nur  eine  Minute  gedauert, 
denn  ein  lichter  Augenblick  hat  es  euch  erlaubt,  mit  großer  Anstren- 
gung auf  die  ühr  zu  schauen.  Doch  schon  reißt  euch  eine  andere 
Gedankenströmung  mit  sich  fort.  Sie  wird  euch  nochmals  eine  Minu- 


90 


Die  künstlichen  Paradiese 


r 

te  lang  in  einem  lebhaften  Strudel  herumwirbeln,  und  diese  weitere 
Minute  wird  eine  zusätzliche  Ewigkeit  dauern.  Denn  die  Ausmaße 
der  Zeit  und  des  Seins  sind  von  der  Vielfalt  und  Dichte  der  Empfin- 
dungen und  Gedanken  vollständig  durcheinandergebracht.  Man 
könnte  sagen,  man  lebe  in  einer  einzigen  Stunde  mehrere  Menschen- 
leben. Seid  ihr  jetzt  nicht  einem  phantastischen  Roman  vergleichbar, 
der  lebendig  und  nicht  nur  geschrieben  ist?  Zwischen  den  Organen 
und  den  Genüssen  sind  keine  Gleichungen  mehr  möglich.  Und  vor 
allem  aus  dieser  Erkenntnis  erwächst  der  Vorwurf,  der  auf  diese  ge- 
fährliche Übung,  bei  der  die  Freiheit  entschwindet,  anwendbar  ist. 
Wenn  ich  von  Halluzinationen  spreche,  soll  man  das  Wort  nicht  in 
seinem  engsten  Sinn  auffassen.  Eine  sehr  wichtige  Nuance  unter- 
scheidet die  reine  Halluzination,  welche  die  Ärzte  oft  zu  studieren 
Gelegenheit  haben,  von  der  Halluzination  oder  besser  der  geistigen 
Sinnestäuschung,  die  vom  Haschisch  veranlaßt  wird.  Im  ersten  Fall 
tritt  die  Halluzination  plötzlich,  vollkommen  und  verhängnisvoll  auf 
Außerdem  findet  sie  in  der  Außenwelt  keinen  Vorwand  und  keine 
Entschuldigung.  Der  Kranke  sieht  dort  eine  Form  und  hört  Töne,  wo 
keine  vorhanden  sind.  Im  zweiten  Fall  aber  tritt  die  Halluzination 
nach  und  nach,  fast  freiwillig  auf  und  wird  nur  durch  die  Tätigkeit 
der  Einbildungskraft  vollkommen  ausgereift.  Kurz  - sie  hat  einen 
Vorwand.  Der  Ton  wird  sprechen,  wird  deutliche  Dinge  aussagen, 
aber  es  ist  ein  Ton  vorhanden.  Das  trunkene  Auge  des  vom  Haschisch 
erfaßten  Menschen  sieht  sonderbare  Formen.  Doch  diese  Formen 
waren,  bevor  sie  sonderbar  und  ungeheuerlich  wurden,  einfach  und 
natürlich.  Die  Kraft,  die  wahrhaft  sprechende  Lebhaftigkeit  der  Hal- 
luzination im  Rausch  entkräftet  diesen  ursprünglichen  Unterschied 
durchaus  nicht.  Jene  hat  im  umgebenden  Milieu  und  in  der  gegen- 
wärtigen Zeit  ihre  Wurzeln.  Diese  ist  nirgends  verwurzelt. 

(■•■) 

Ihr  glaubt,  eine  wundervolle  Leichtigkeit  des  Geistes  zu  verspüren. 
Kaum  aber  seid  ihr  aufgestanden,  verfolgt  euch  ein  Überrest  des 
Rausches  und  hält  euch  fest  wie  eine  Schleifkugel  eurer  früheren 
Sklaverei.  Eure  schwachen  Beine  tragen  euch  nur  mühsam.  Jeden  Au- 
genblick glaubt  ihr,  ihr  müßt  wie  ein  zerbrechlicher  Gegenstand  zer- 
splittern. Eine  große  Mattigkeit  (gewisse  Leute  sagen,  sie  sei  nicht 
ohne  Reiz)  bemächtigt  sich  eures  Geistes  und  breitet  sich  über  eure 
Fähigkeiten  aus  wie  Nebel  über  eine  Landschaft.  Noch  einige  Stun- 
den lang  seid  ihr  zu  jeder  Arbeit,  jeder  Tat  und  Anstrengung  unfähig. 


91 


Kommentar 


Das  ist  die  Strafe  für  die  ruchlose  Art,  mit  der  ihr  Nervenkräfte  ver- 
geudet habt.  Ihr  habt  eure  Persönlichkeit  in  alle  vier  Winde  verstreut, 
und  jetzt  - wieviel  Mühe  kostet  es  euch  jetzt,  sie  wieder  zu  sammeln 
und  zu  konzentrieren! 


Kommentar 

Die  Erzählung  von  Charles  Beaudelaire  »Die  künstlichen  Paradie- 
se« gibt  eine  sehr  subtile  Beschreibung  aller  Aspekte  des  Haschisch- 
rausches. Dabei  werden  drei  Phasen  des  Haschischrauchens  be- 
schrieben. Als  Konsequenz  des  Haschischrausches  werden  insbeson- 
dere die  kognitiven  Veränderungen  herausgearbätet.  Geschildert  werden  u.a.  das 
synästhetische  Erleben,  die  erhöhte  Kreativität,  das  veränderte  .^eiterleben  und  das 
Geßhl  der  Transzendenz.  Insgesamt  eine  sprachlich  sehr  subtile  Darstellung  aller 
Aspekte  des  Haschischrausches,  wie  sie  sicherlich  in  dieser  Differenziertheit  und  der 
poetischen  Ausmalung  in  keinem  psychiatrischen  Lehrbuch  zu  finden  ist. 

In  Lehrbuchtexten  wird  als  Hauptwirkung  der  Cannabis-Intoxikation  Euphorie, 
Entspannung,  psychomotorische  Verlangsamung,  Ideenfiucht,  Dehnung  des  Zdter- 
lebens  und  Konzentrationsstörung  dargestellt. 


92 


Thomas  de  Quincey 


Bekenntnisse  eines  englischen  Opiumessers 

aus:  Thomas  de  Quincey:  Bekenntnisse  eines  englischen  Opiumessers. 
Übertragen  von  Walter  Schmiele. 

© 1982  by  Medusa,  Wien,  Berlin 


Einführung 

Der  englische  Essayist  Thomas  de  Quincey  (1785-1859)  bril- 
lierte in  seiner  Jugend  in  Latein  und  in  Griechisch,  wurde  aber  der 
Schule  verwiesen  und  führte  zeitweise  ein  unstetes,  von  Armut  ge- 
zeichnetes Leben  in  Wales  und  London,  bis  er  1803  wieder  das 
Worcester  College  in  Oxford  besuchte.  Er  zog  stets  die  Gesellschcift  von  Büchern 
jener  von  Menschen  vor,  war  .sehr  schüchtern  und  litt  unter  .starker  Neuralgie,  was 
ihn  seit  1804  zum  Konsum  von  Opium  brachte.  Obgleich  er  die  englischen  Roman- 
tiker William  Wordsworth  (1770-1850)  und  Samuel  Taylor  Coleridge  (1772 
bis  1834)  tief  verehrte,  verhinderte  seine  Schüchternheit  zunächst  eine  persönliche 
Begegnung.  Kurz  vor  dem  Examen  brach  er  scheinbar  grundlos  sein  Studium  ab, 
zog  in  die  .Nähe  von  Wordsworth  nach  Grasmere,  erkrankte  erneut  und  steigerte 
seinen  Opiumkonsum.  Nach  seiner  von  seinen  Freunden  missbilligten  Heirat  mit 
der  Bauerntochter  Margaret  Simpson,  mit  der  er  acht  Kinder  zeugte,  entfremdete  er 
.nch  dem  Kreis  der  Romantiker  und  .'steigerte  seinen  Opiumkonsum  weiter.  Geldnot 
zwang  ihn  zu  journalistischer  Arbeit  ßr  das  London  Magazine,  in  dem  er  Essays 
über  Goethe,  Jean  Paul  und  Kant  veröffentlichte. 

Sein  erfolgreichstes  Werk  wurden  die  »Bekenntnisse  eines  englischen  Opiumessers« 
(1821),  das  ihn  zwar  berühmt,  aber  nicht  reich  machte.  Trotz  enormen  Fleißes 
musste  er  zeitweise  ins  Schuldgfdngnis  und  lebte  mit  seiner  Familie  in  bitterer 
Armut.  Nach  seiner  Übersiedlung  nach  Edinburgh  und  dem  Tod  seiner  Frau 
(1837)  erhöhte  .sich  sein  Opiumkonsum  noch  einmal  ins  Bedrohliche.  Dennoch 
begann  er  ab  1853  mit  der  Edition  seiner  gesammelten  Werke,  ehe  er  verarmt  und 
fast  vergessen  in  geistiger  Umnachtung  1859  in  Edinburgh  starb. 

Weiterjührende  Literatur: 

Matthias  Sefelder:  Opium.  Eine  Kulturgeschichte.  DTV 1990 


93 


Thomas  de  Qmncey 


Bekenntnisse  eines  englischen  Opiumessers 

Ich  bin  oft  gefragt  worden,  wie  und  durch  welche 
Folge  von  Schritten  ich  zum  Opiumesser  gewor- 
• 1 den  bin.  Geschah  es  langsam,  zunächst  nur  ver- 

suchsweise  und  mißtrauisch,  wie  man  einen  ab- 
^ A schlissigen  Strand  in  eine  immer  tiefer  werdende 
See  hineingeht,  und  von  Anfang  an  in  Kenntnis 
der  Gefahren,  die  auf  diesem  Wege  liegen,  eigent- 
^ lieh  ein  bißchen  mit  ihnen  kokettierend,  während 

man  ihnen  scheinbar  die  Stirn  bietet?  Oder  ge- 
schah es  vielmehr  in  völliger  Unkenntnis  dieser  Gefahren,  von  ge- 
winnsüchtiger List  verleitet?  Denn  oft  ist  es  so,  daß  sich  die  Wirkung 
von  Pastillen  gegen  Atembeschwerden  einzig  und  allein  auf  ihren 
Opiumgehalt  gründet,  obwohl  sie  solch  verdächtige  Verbindung  laut- 
hals abstreiten,  und  diese  hinterhältige  Tarnung  hat  schon  viele  zur 
Abhängigkeit  von  einer  ihnen  bis  dahin  nicht  bekannten  Droge  ge- 
führt, die  sie  nicht  vorhersehen  konnten  - zur  Abhängigkeit  von  einer 
Droge,  die  sie  vorher  weder  dem  Namen  nach  noch  vom  Sehen  kann- 
ten. Oft  geschieht  es  daher,  daß  sie  die  Kette  tiefster  Sklaverei  über- 
haupt erst  wahrnehmen,  wenn  sie  sich  bereits  unlösbar  um  die  ge- 
samte körperliche  Verfassung  geschlungen  hat.  Oder  geschah  es 
schließlich  auf  dem  dritten  möglichen  Weg  (in  leidenschaftlicher  Vor- 
wegnahme antworte  ich  schon  >Ja!«,  bevor  die  Frage  beendet  ist),  war 
es  ein  plötzlicher,  übermächtiger  Impuls,  der  körperlicher  Qual  ent- 
sprang? Laut  wiederhole  ich  »Ja!«,  laut  und  unwillig  - wie  als  Antwort 
auf  eine  vorsätzliche  Verleumdung.  Opium  war  einfach  als  schmerz- 
stillendes Mittel  meine  einzige  Zuflucht,  als  mich  der  größte  Schmerz 
bezwang;  und  genau  dieselbe  Qual  oder  eine  ihrer  Varianten  ist  es 
auch,  wodurch  die  meisten  Leute  dazu  getrieben  werden,  mit  diesem 
heimtückischen  Mittel  Bekanntschaft  zu  schließen.  So  geschah  es 
also,  durch  diesen  unglücklichen  Zufall.  Indessen  hätte  es  auch  anders 
gewesen  sein  können,  ohne  daß  ich  mich  dessen  hätte  schämen  müs- 
sen. Hätte  ich  schon  früher  die  dieser  starken  Droge  eigenen  raffinier- 
ten Kräfte  erkannt,  die  (wenn  besonnen  angewendet)  erstens  die 
Kraft  haben,  alle  Erregungen  des  Nervensystems  zu  beruhigen,  zwei- 
tens die  Kraft,  alle  Lustempfindungen  zu  steigern,  drittens  die  Kraft, 
bei  außergewöhnlichen  Anforderungen  (vor  die  alle  Menschen  zuzei- 
ten gestellt  sind)  vierundzwanzig  Stunden  hintereinander  die  sonst 


94 


Bekenntnisse  eines  englischen  Opiumessers 


schwindende  physische  Energie  aufrechtzuerhalten  - hätte  ich  all  das 
gewußt  oder  vermutet,  hätte  ich  unfehlbar  mit  Opiumessen  auf  der 
Suche  nach  besonderer  Kraft  und  besondererljasX,  nicht  jedoch  nach  Be- 
freiung von  besonderer  Qual  begonnen.  Und  warum  auch  nicht?  Wenn 
das  ein  Fehler  wäre,  wäre  es  dann  nicht  derselbe  Fehler,  den  die  mei- 
sten von  uns  jeden  Tag  in  bezug  auf  Alkohol  begehen?  Dürfen  wir 
denn  auch  ihn  nur  als  Medizin  benutzen?  Ist  Wein  unzulässig,  wenn  er 
nicht  als  schmerzstillendes  Mittel  benutzt  wird?  Ich  hoffe  nicht,  denn 
sonst  müßte  ich  heucheln  und  ein  unnormales  Zucken  in  meinem 
kleinen  Finger  vorschützen,  und  damit  würde  ich,  der  ich  gegenwär- 
tig ein  wahrheitsliebender  Mensch  bin,  wie  in  einer  Ovidschen  Meta- 
morphose allmählich  Zoll  um  Zoll  zum  Simulanten.  Nein,  die  gesam- 
te Menschheit  betrachtet  es  als  zulässig,  Wein  zu  trinken,  ohne  die 
Berechtigung  dafür  durch  ein  ärzdiches  Attest  nachweisen  zu  müssen. 
Dieselbe  Freiheit  erstreckt  sich  aber  auch  auf  den  Gebrauch  von  Opi- 
um. Was  ein  Mensch  gerechterweise  im  Wein  suchen  darf,  darf  er 
gerechterweise  ohne  Zweifel  auch  im  Opium  finden.  Das  trifft  auf  die 
vielen  Fälle  (zu  denen  auch  der  meinige  gehört)  besonders  zu,  in  de- 
nen Opium  die  physische  Verfassung  weit  weniger  beeinträchtigt  als 
die  entsprechende  Menge  Alkohol.  Coleridge  war  daher  doppelt  im 
Irrtum,  als  er  sich  gestattete,  meine  angebliche  Wollust  beim  Ge- 
brauch von  Opium  mit  höchst  unfreundlichen  Hieben  zu  bedenken: 
im  Irrtum  hinsichtlich  des  Prinzips,  und  im  Irrtum  hinsichtlich  der 
Tatsache.  Einer  seiner  Briefe,  von  dem  ich  annehmen  will,  daß  er  ihn 
nicht  für  die  Veröffentlichung  geschrieben  hat,  obwohl  er  veröffent- 
licht worden  ist,  lenkt  die  Aufmerksamkeit  des  Empfängers  auf  einen 
deutlichen  Unterschied,  der  meinen  Fall  als  Opiumesser  von  seinem 
eigenen  Fall  abgrenzen  soll.  Während  er  entschuldbar  (weil  unver- 
meidlich) der  Gewohnheit  des  Opiumessens  - als  des  einzigen  verfüg- 
baren therapeutischen  Mittels  gegen  seine  spezielle  Krankheit  - ver- 
fallen sei,  müsse  ich  Elender,  der  von  guten  Feen  offensichtlich  vor 
allen  Schmerzen  geschützt  wird,  in  der  widerwärtigen  Art  eines  aben- 
teuersüchtigen Wollüstlings,  der  in  allen  Ecken  nach  neuen  Vergnü- 
gungen sucht,  zum  Opium  gegriffen  haben.  Goleridge  hat  in  jeder 
nur  möglichen  Weise  unrecht  - in  seiner  Tatsache  und  in  seiner 
Theorie,  in  der  kleinen  Tatsache  und  in  der  großen  Theorie.  Ich  tat 
nicht,  was  er  mir  vorwirft,  und  wenn  ich  es  getan  hätte,  würde  es  mich 
nicht  wie  einen  Bewohner  von  Sybaris  oder  Daphne  verdammen. 
Keine  Unterscheidung  war  je  so  grundlos  und  eingebildet  wie  jene. 


95 


Thomas  de  Quirw^ 


die  er  zwischen  meinen  und  seinen  Motiven  zu  machen  beliebte. 
Coleridge  kann  auch  nicht  durch  irgendwelche  falschen  Informatio- 
nen zu  diesen  Behauptungen  gelangt  sein;  denn  was  meine  per- 
sönliche Erfahrung  angeht,  so  kann  niemand  behaupten,  besser  in- 
formiert zu  sein  als  ich  selbst.  Oder  wenn  es  doch  jemanden  geben 
sollte,  dann  wird  er  es  nicht  für  zu  beschwerlich  halten,  diese  Be- 
kenntnisse von  Anfang  bis  Ende  neu  zu  schreiben  und  ihre  unzähli- 
gen Fehler  zu  korrigieren.  Und  da  gegenwärtig  gerade  einige  Teile 
der  noch  unveröffentlichten  Abschnitte  fehlen,  könnte  er  sie  dann 
freundlicherweise  ersetzen  - die  vielleicht  verblaßten  Farben  auffri- 
schen, die  vielleicht  ermattete  Inspiration  wieder  entfachen,  alle  jene 
Lücken  füllen,  die  sonst  wahrscheinlich  mein  kleines  Werk  auf  die 
Dauer  verunstalten  würden?  Der  Leser,  den  solche  Frage  interessiert, 
wird  allerdings  feststellen,  daß  ich  (der  ich  in  diesen  Dingen  nicht  nur 
die  beste,  sondern  die  einzige  Autorität  bin)  ohne  auch  nur  den  Schat- 
ten einer  Abweichung  immer  anders  von  dieser  Angelegenheit  be- 
richtet habe.  Völlig  der  Wahrheit  entsprechend  habe  ich  dem  Leser 
erzählt,  daß  es  nicht  die  Suche  nach  einem  Vergnügen,  sondern  ein- 
fach die  ungeheure  Qual  rheumatischer  Zahnschmerzen  und  nichts 
anderes  war,  was  mich  zuerst  zum  Gebrauch  von  Opium  trieb.  Cole- 
ridges  körperliches  Leiden  war  lediglich  Rheumatismus.  Was  in  mir 
zehn  Jahre  lang  in  Abständen  tobte,  war  dagegen  Gesichtsrheuma  in 
Verbindung  mit  Zahnschmerzen.  Diese  Schmerzen  hatte  ich  von 
meinem  Vater  geerbt  - oder,  besser  gesagt,  von  meiner  eigenen  hoff- 
nungslosen Unwissenheit,  denn  eine  winzige  Dosis  von  Koloquinthe 
oder  einem  ähnlichen  Medikament,  dreimal  wöchentlich  eingenom- 
men, hätte  mich  sicherer  als  Opium  von  jenem  furchtbaren  Fluch 
befreit.  In  dieser  Unwissenheit,  die  mich  dazu  verleitete,  die  Zahn- 
schmerzen erst  zu  bekämpfen,  nachdem  sie  herangereift  und  manifest 
geworden  waren,  anstatt  bereits  gegen  ihre  Keime  und  verschiedenen 
Ursachen  anzugehen,  folgte  ich  allerdings  der  übrigen  Welt.  Dem 
Übel  schon  in  den  frühen  Stadien  seiner  Herausbildung  den  Weg  zu 
verlegen  wäre  die  richtige  Methode  gewesen,  wogegen  ich  in  meiner 
Blindheit  das  bereits  herausgebildete  Übel  ein  wenig  zu  lindern  such- 
te, als  es  nicht  mehr  aufzuhalten  war.  In  diesem  Stadium  des  vollstän- 
dig herausgebildeten  Leidens  war  ich  zufälligem  Rat  ausgeliefert,  und 
als  natürliche  Folge  geriet  ich  an  Opium  - ist  es  doch  das  einzige 
schmerzstillende  Mittel,  das  als  solches  überall  bekannt  ist  und  in  die- 
ser wichtigen  Funktion  allgemein  geschätzt  wird. 


96 


Bekejintnisse  eines  englischen  Opitimessers 


In  bezug  auf  unsere  Einführung  in  den  Gebrauch  dieser  mächtigen 
Droge  befinden  sich  also  Goleridge  und  ich  in  genau  derselben  Lage. 
Wir  sitzen  im  selben  Boot,  und  selbst  engelsgleiche  Haarspalterei 
kann  nicht  nachweisen,  daß  der  dunkle  Schatten,  den  unsere  ver- 
schiedenen Sünden  auf  seinen  und  meinen  Weg  geworfen  haben  sol- 
len, sich  auch  nur  um  die  Breite  einer  Stecknadelspitze  unterscheidet. 
Sünde  gegen  Sünde  (wenn  es  überhaupt  Sünde  war),  Schatten  gegen 
Schatten  (wenn  diese  Sünde  wirklich  einen  Schatten  auf  das  schnee- 
weiße Rund  reiner  strenger  Moral  wirft)  - auf  jeden  Fall  hätte  die  Tat 
bei  jedem  von  uns  dieselbe  Bedeutung,  zählte  sie  in  gleichem  Maße 
als  Schuld,  würde  sie  als  Vergehen  zu  derselben  Last  an  Verantwor- 
tung führen.  Wirklich  vergeblich  versucht  Goleridge,  zwischen  zwei 
absolut  identischen  Fällen  zu  differenzieren,  die  sich  nur  insoweit 
unterscheiden,  als  Rheumatismus  etwas  anderes  ist  als  Zahn- 
schmerzen. Unter  Coleridges  Bewunderern  stand  ich  immer  in  der 
ersten  Reihe;  um  so  erstaunter  war  ich,  so  oft  als  Zeuge  für  seine  Sorg- 
losigkeit bei  der  Behandlung  strittiger  Fragen  und  für  seine  teuflische 
Ungenauigkeit  bei  der  Wiedergabe  von  Tatsachen  aufgerufen  zu  wer- 
den. Um  so  stärker  fühlte  ich  auch  Coleridges  grobe  Ungerechtigkeit 
in  bezug  auf  mich  selbst.  Coleridges  höchst  falsche  Darstellung  von 
Tatsachen  in  Hinsicht  auf  unsere  verschiedenen  Erfahrungen  mit 
Opium  hatten  ihren  Ursprung  manchmal  im  flüchtigen  Lesen, 
manchmal  im  zusammenhanglosen  Lesen  von  Ausschnitten,  manch- 
mal in  anschließender  Vergeßlichkeit,  und  jede  dieser  laxen  Ange- 
wohnheiten (so  wird  es  dem  Leser  Vorkommen)  ist  eine  läßliche 
Schwäche.  Sicherlich  ist  es  eine  - jedoch  dann  nicht  mehr  läßlich, 
wenn  sie  sich  nachteilig  auf  die  Selbstbeherrschung  auswirken  darf, 
wo  es  um  einen  Mitmenschen  geht,  der  von  ihm  nie  anders  als  im 
Geist  enthusiastischer  Bewunderung  gesprochen  hat,  jener  Bewunde- 
rung, die  seine  ausgezeichneten  Werke  so  umfassend  hervorrufen. 
Wenn  man  sich  vorstellt,  ich  hätte  wirklich  irgend  etwas  Unrechtes 
getan,  so  wäre  es  dennoch  wenig  edelmütig  gewesen  - mich  hätte  es, 
wie  ich  offen  zugebe,  sehr  betrübt,  wenn  Goleridge  meinen  Fehler 
öffentlich  so  ausgebreitet  hätte:  >Möge  jedermann  daraus  ersehen, 
daß  ich,  S.  T.  C.,  ein  bedeutender  Mann  mit  großen  grauen  Augen,  ein  autori- 
sierter Opiumesser  bin,  während  jener  andere  Mann  ein  Freibeuter, 
ein  Pirat,  ein  Flibustier  ist,  der  nichts  als  eine  gefälschte  Autorisation 
in  seiner  unwürdigen  Tasche  haben  kann.  Im  Namen  der  Tugend 
nehmt  ihn  fest!<  Aber  die  Wahrheit  ist,  daß  Ungenauigkeit  in  bezug 


97 


Thomas  de  Qyinc^ 


auf  Tatsachen  und  Zitate  aus  Büchern  bei  Coleridge  geradezu  ein 
Wesensmerkmal  war.  Gerade  vor  drei  Tagen  las  ich  einen  kurzen 
Kommentar  des  früheren  Archidiakons  Hare  (>Mutmaßungen  über 
das  Wahre<)  zu  einer  kühnen  (völlig  grundlosen)  Spekulation,  die 
Coleridge  über  das  dramatische  Kunstmittel  der  lateinischen  Verse 
von  Eton  angestellt  hatte.  Dabei  fand  ich  meine  alten  Gefühle  für  sein 
Vorgehen  durch  ein  Detail  wiederaufgefrischt,  das  unsagbar  komisch 
ist,  denn  alles,  was  Coleridge  als  ein  Zitat  aus  einem  Buch  anführt,  um 
seine  Hypothese  zu  stützen,  ist  nichts  als  ein  Produkt  seiner  Träume; 
allerdings  unterliegt  es  keinem  Zweifel  (und  gerade  das  macht  den 
Fall  besonders  interessant),  daß  dies  geschieht,  ohne  daß  er  selbst  ge- 
gen seine  Fabulierkunst  Mißtrauen  empfindet.  Das  gutmütige  Lä- 
cheln des  Archidiakons  über  jene  Eton-Geschichte  erinnerte  mich  na- 
türlich an  unser  jetziges  Thema,  was  unsere  angeblich  unterschied- 
liche Entwicklung  zum  Opiumesser  angeht.  Über  dieses  Thema 
brauche  ich  nichts  mehr  zu  sagen,  denn  inzwischen  ist  dem  Leser  klar, 
daß  alles,  was  Coleridge  dazu  sagt,  nichts  als  Unsinn  ist  - wie  die 
Bilder  auf  der  Hängelampe  in  Coleridges  >Christabel<: 

>geschnitzt  nach  des  Schnitzers  Phantasie<. 

Diese  Angelegenheit  kann  also  als  erledigt  betrachtet  werden;  und  das 
Vergnügen,  das  sie  vielleicht  bereiten  konnte,  ist  erschöpft.  Inzwi- 
schen wird  bei  weiterer  Überlegung  ein  anderes  und  viel  größeres 
Versehen  von  Coleridge  deutlich;  und  da  dies  einen  Aspekt  berührt, 
der  die  Grundlage  für  die  nachfolgenden  Bekenntnisse  liefert,  kann  es 
nicht  gänzlich  vernachlässigt  werden.  Nach  kurzer  Überlegung  wird 
es  jeder  aufmerksame  Leser  erkennen:  Was  auch  immer  der  zufällige 
Anlaß  für  Coleridges  oder  meine  Hinwendung  zum  Opiumessen  ge- 
wesen ist,  es  kann  nicht  auch  der  ständige  Grund  dafür  gewesen  sein, 
daß  das  Opiumessen  für  uns  zur  Gewohnheit  wurde.  Weder  Rheu- 
matismus noch  Zahnschmerzen  sind  eine  chronische  Erkrankung  des 
menschlichen  Körpers.  Beides  sind  von  Zeit  zu  Zeit  auftretende 
Krankheiten,  die  keine  ständige  Gewöhnung  an  das  Opiumessen  be- 
wirken können,  denn  dazu  braucht  es  einige  Monate.  Unter  Berück- 
sichtigung der  Unterschiede  in  der  körperlichen  Konstitution  möchte 
ich  sagen,  daß  in  weniger  als  hundertzwanzig  Tagen  sich  keine  Gewohnheit 
des  Opiumessens  herausbilden  kann,  deren  Aufgabe,  ja,  selbst  deren 
plötzliche  Aufgabe,  eine  außergewöhnliche  Selbstüberwindung  erfor- 
dern würde.  Am  Sonnabend  ist  man  noch  Opiumesser,  am  Sonntag 
schon  nicht  mehr.  Was  war  es  dann,  was  Coleridge  schließlich  zum 


98 


Bekenntnisse  eines  englischen  Opiumessers 


r 

Sklaven  des  Opiums  machte,  zu  einem  Sklaven,  der  seine  Kette  nicht 
zerbrechen  konnte?  Er  glaubt  in  seiner  unbesonnenen  Sorglosigkeit, 
daß  er  diese  Gewohnheit  und  diese  Sklaverei  ausreichend  begründet 
hätte;  dabei  hat  er  in  der  Zwischenzeit  überhaupt  nichts  begründet, 
wonach  gefragt  worden  war.  Er  sagt,  der  Rheumatismus  habe  ihn 
dem  Opium  in  die  Arme  getrieben.  Nun  gut  - aber  bei  entsprechen- 
der medizinischer  Behandlung  hätte  der  Rheumatismus  bald  nachge- 
lassen, und  selbst  ohne  jede  medizinische  Behandlung  unter  den  ge- 
wöhnlichen Veränderungen  der  Natur.  Und  wenn  der  Schmerz  auf- 
hört, hätte  auch  das  Opium  abgesetzt  werden  .sollen.  Warum  geschah 
das  nicht?  Weil  Coleridge  das  anregende  Vergnügen  des  Opiums  zu 
schmecken  begonnen  hatte;  und  so  fällt  gerade  die  Anklage,  der  er 
auf  mysteriöse  Weise  entflohen  zu  sein  glaubte,  mit  unverminderter 
Kraft  auf  ihn  zurück.  Der  rheumatische  Anfall  wäre  vorbei  gewesen, 
bevor  der  Gewohnheit  die  Zeit  geblieben  wäre,  sich  auszubilden.  An- 
genommen nun,  ich  unterschätze  die  Macht  der  möglichen  Gewöh- 
nung - so  spricht  das  ebenfalls  zu  meinen  Gunsten,  und  Coleridge  ist 
nicht  berechtigt  gewesen,  in  meinem  Fall  ein  Argument  zu  vergessen, 
an  das  er  sich  in  seinem  eigenen  Fall  erinnerte.  In  der  Geschichte  der 
menschlichen  Selbsttäuschung  ist  es  wirklich  bemerkenswert,  daß 
Coleridge  angesichts  solcher  Tatsachen  solche  Sprache  führen  konn- 
te. Ich,  der  ich  keineswegs  mit  meinem  Sieg  über  mich  selbst  prahle 
und  keinerlei  moralisches  Argument  gegen  den  freien  Gebrauch  von 
Opium  besitze,  durchbrach  dennoch  aus  reinen  Klugheitsgründen 
mehr  als  einmal  die  Knechtschaft,  und  zwar  mit  Anstrengungen,  die 
ich  als  Formen  übernatürlicher  Leiden  geschildert  habe.  Coleridge 
gibt  vor  zu  glauben,  daß  Opiumessen  verbrecherisch  sei  (wofür  er  kei- 
ne Gründe  nennt),  und  zwar  in  einem  geheimnisvollen  Sinne  verbre- 
cherischer, als  Wein  oder  Porter  zu  trinken,  und  hätte  also  die  stärk- 
sten moralischen  Motive  dafür,  sich  dessen  zu  enthalten  - doch  läßt  er 
sich  in  die  Knechtschaft  ebendieses  verruchten  Opiums  fallen,  das 
tödlicher  als  alles  ist,  wovon  man  je  gehört  hat,  ohne  daß  er  uns  den 
Zwang  irgendwie  erklärt,  der  ihn  dazu  gebracht  hat.  Er  war  ein  Skla- 
ve dieser  mächtigen  Droge,  nicht  weniger  abhängig  als  Caliban  von 
Prospero,  seinem  verabscheuten  und  doch  despotischen  Herrn.  Wie 
Caliban  zerreibt  er  die  Fasern  seines  Herzens  an  seinen  Kettenglie- 
dern. Zwischen  den  düsteren  Nachtwachen  seines  Gefängnisses  hört 
man  von  Zeit  zu  Zeit  das  murmelnde  Grollen  einer  ohnmächtigen 
Meuterei,  die  sich  über  den  Wind  erhebt: 


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Thomas  de  Quincey 


>Irasque  leonum 
Vincla  recusantum<  - 

recusantum  - das  trifft  zu:  noch  immer  widerstrebend  und  dennoch 
hinnehmend,  ständig  gegen  die  grimmige,  übermächtige  Zaumkette 
protestierend  und  dennoch  ständig  bereit,  sie  im  Munde  zu  dulden. 
Es  ist  allgemein  bekannt,  daß  er  in  Bristol  (von  dort  weiß  ich  es  genau, 
vermutlich  aber  auch  an  anderen  Orten)  so  weit  ging,  sich  Männer  - 
Träger,  Droschkenkutscher  und  andere  - zu  mieten,  die  ihn  mit  Ge- 
walt daran  hindern  sollten,  den  Laden  eines  Drogisten  zu  betreten. 
Doch  da  die  Autorität,  ihm  das  Betreten  zu  verwehren,  allein  von  ihm 
selbst  stammte,  gerieten  diese  armen  Männer  in  eine  metaphysische 
Klemme,  für  die  nicht  einmal  Thomas  von  Aquino  oder  der  Fürst  der 
jesuitischen  Kasuisten  eine  Lösung  parat  haben.  Und  in  diesem 
schauderhaften  Dilemma  konnten  sich  Szenen  wie  die  folgende  ab- 
spielen: 

»Ach,  mein  Herr«,  würde  der  demütige  Träger  bitten  — demütig  und 
zugleich  halb  befehlend  (denn  ob  der  arme  Mann  energisch  wurde 
oder  nicht,  auf  jeden  Fall  schien  sein  Tageslohn  von  fünf  Shilling  in 
Gefahr)  -,  »Sie  dürfen  wirklich  nicht;  bedenken  Sie,  mein  Herr,  Ihre 
Frau  und  ...» 

Erhabener  Philosoph:  »Meine  Frau!!  Was  für  eine  Frau?  Ich  habe  kei- 
ne Frau!« 

Träger:  »Aber  wirklich,  mein  Herr,  Sie  dürfen  nicht.  Sagten  Sie  nicht 
erst  gestern  ...« 

Erhabener  Philosoph:  »Pah!  Gestern  ist  lange  her.  Ist  dir  klar,  Mann, 
daß  es  schon  Leute  gab,  die  tot  umgefallen  sind,  weil  ihnen  eine  Zeit- 
lang das  Opium  fehlte?« 

Träger:  »Aber  Sie  haben  mir  doch  gesagt,  ich  sollte  nicht  darauf  hö- 
ren ...« 

Erhabener  Philosoph:  »Ach,  Unsinn.  Ein  Notfall,  ein  entsetzlicher 
Notfall  ist  aufgetreten  - völlig  unerwartet.  Egal,  was  ich  dir  irgend- 
wann in  der  Vergangenheit  einmal  gesagt  habe.  Aber  jetzt  sage  ich  dir 
folgendes:  Wenn  du  deinen  Arm  nicht  vom  Eingang  dieses  höchst  eh- 
renwerten Drogisten  wegnimmst,  werde  ich  dich  mit  gutem  Grund 
wegen  Gewalttätigkeit  und  Körperverletzung  belangen.« 

Bin  ich  der  Mann,  Coleridge  seine  Abhängigkeit  vom  Opium  vorzu- 
werfen? Bewahre!  Als  einer,  der  unter  demselben  Joch  gestöhnt  hat, 
bemiüeide  ich  ihn  und  beschimpfe  ihn  nicht.  Aber  ohne  Zweifel  muß 
eine  solche  Abhängigkeit  freiwillig  und  bewußt  durch  die  eigene  Be- 


100 


Bekenntnisse  eines  englischm  Opiumessers 


gierde  entwickelt  worden  sein,  nachdem  man  die  belebende  Stimulie- 
rung erfahren  hat.  Ich  werfe  dies  niemandem  vor,  doch  Coleridge  tat 
es.  Was  mich  betrifft,  so  habe  ich  das  Opium  zu  dem  Zeitpunkt  aufge- 
geben, als  die  Qual  nachließ,  gegen  die  ich  zum  Opium  gegriffen  hat- 
te; es  war  nicht  das  Ergebnis  rühmenswerter  Anstrengungen  zur 
Selbstüberwindung  - dergleichen  will  ich  keineswegs  behaupten 
mich  warnte  einfach  ein  vernünftiger  Instinkt  davor,  mit  einem  Mittel 
zu  spielen,  das  eine  so  ungeheure  Tröstung  und  Hilfe  sein  kann,  und 
für  ein  momentanes  Unwohlsein  zu  verschwenden,  was  sich  einmal  in 
Zeiten  alles  vernichtender  Stürme  als  mächtiges  Elixier  der  Rettung 
erweisen  konnte.  Was  war  es  dann  eigentlich,  was  mich  zum  Opium- 
esser machte?  Was  für  ein  Einfluß  trieb  mich  schließlich  zum  geivohn- 
heitmäßigen  Opiumgenuß?  War  es  Schmerz?  Nein,  sondern  Elend. 
War  es  die  gelegentliche  Bewölkung  des  Himmels?  Nein,  sondern  völ- 
lige Verlassenheit.  War  es  eine  Düsternis,  die  wieder  gewichen  wäre? 
Nein,  sondern  eine  bleibende,  beständige  Dunkelheit. 

>Tiefe  Finsternis  der  Nacht, 
ohne  Hoffnung  auf  den  Morgen.< 

Doch  woher?  Was  war  die  Ursache?  Wie  ich  offen  sagen  wül,  verur- 
sacht durch  jugendliche  Leiden  in  London.  Doch  zu  diesen  Leiden 
kam  es  durch  meine  eigene,  unverzeihliche  Torheit,  und  auf  solche 
Torheit  ist  manches  Verderben  zurückzuführen.  Oh,  Geist  der  barm- 
herzigen Auslegung,  Engel  der  Vergebung  jugendlicher  Irrtümer,  der 
du  stets  wie  einem  süßen  Chor  ferner  Fürsprecherinnen  lauschest: 
Mögest  du,  Chor  der  Fürsprecherinnen,  dich  mit  dem  Engel  der  Ver- 
gebung vereinen,  möget  ihr  jenes  mächtige  Phantom  wegzaubern, 
das  - geboren  in  den  aufziehenden  Nebeln  der  Reue  - mich  als  Erbe 
vergangener  Tage  \'erfolgt,  sich  zu  immer  gewaltigerer  Größe  auf- 
türmt und  meinen  Kopf  überragt  und  überschattet,  als  stünde  es  di- 
rekt hinter  mir,  obwohl  es  seinen  Ursprung  Stunden  verdankt,  die 
mehr  als  ein  halbes  Jahrhundert  vergangen  sind.  O Himmel!  Daß  ein 
Kind  von  noch  nicht  siebzehn  Jahren  aus  momentaner  Blindheit,  ei- 
ner ganz  falschen  Einflüsterung  seines  eigenen  verwirrten  Herzens 
folgend,  durch  einen  einzigen  falschen  Schritt,  eine  Wendung  hier- 
oder  dorthin  den  Lauf  seines  Schicksals  ändern,  die  Quellen  seines 
Friedens  vergiften  und  im  Handumdrehen  das  Fundament  einer  le- 
benslangen Knechtschaft  legen  kann!  Doch  ach,  ich  muß  bei  der 
Wahrheit  der  Umstände  bleiben.  Denn  eines  ist  klar:  solch  bittere 
Selbstvorwürfe,  wie  sic  mir  jetzt  die  Qual  meiner  Erinnerungen  ab- 


101 


Thomas  de  Quincey 


ringt,  können  nicht  dazu  dienen,  einleuchtende  Entschuldigungen  zu 
ersinnen  oder  der  Schande  zu  entfliehen,  indem  ich  den  Anfang  mei- 
nes unbestrittenen  Opiumessens  auf  eine  Notwendigkeit  zurückfüh- 
re, die  meinen  frühen  Leiden  in  den  Straßen  Londons  entsprang.  Es 
trifft  zwar  zu,  daß  in  späteren  Jahren  die  Nachwirkung  jener  Londo- 
ner Leiden  meinen  Opiumverbrauch  vermehrte,  doch  genauso  trifft  es 
zu,  daß  jene  Leiden  selbst  meiner  eigenen  Torheit  entsprangen.  Was 
wirklich  Entschuldigung  verdient,  ist  nicht  die  Zuflucht  zum  Opium, 
als  es  das  einzige  verfügbare  Mittel  gegen  die  Krankheit  war,  sondern 
jene  Torheiten,  die  Ursache  dieser  Krankheit  waren. 

Ich  für  mein  Teü,  nachdem  ich  regelmäßiger  Opiumesser  geworden 
und  durch  Mißbrauch  in  elende  Ausschweifungen  beim  Genuß  von 
Opium  verfallen  war,  kämpfte  dennoch  viermal  erfolgreich  gegen  die 
Herrschaft  dieser  Droge  an;  viermal  sagte  ich  mich  davon  los,  und 
zwar  jedes  Mal  für  längere  Zeit.  Wenn  ich  das  Opiumessen  schließ- 
lich wiederaufnahm,  dann  geschah  es,  weil  meine  bewußte  wohler- 
wogene Entscheidung  dafür  bürgte,  daß  es  von  zwei  Übeln  das  bei 
weitem  geringere  sei.  Insofern  kann  ich  nichts  anerkennen,  was  Ent- 
schuldigung fordert.  Ich  wiederhole  immer  wieder,  daß  nicht  die 
Anwendung  von  Opium  mit  seiner  tief  beruhigenden  Kraft  zur  Lin- 
derung des  Unglücks,  das  von  meinen  Londoner  Nöten  herrührte, 
berechtigte  Sorge  weckt,  sondern  das  Übermaß  kindischer  Torheit, 
das  mich  in  Situationen  stürzte,  die  natürlicherweise  solche  Nöte  be- 
wirkten. 

Ich  bin  jetzt  aufgerufen,  die  Erinnerung  an  diese  Situationen  wieder- 
zufinden. Vielleicht  sind  sie  auch  um  ihrer  selbst  willen  interessant 
genug,  um  eine  kurze  Erwähnung  zu  rechtfertigen;  im  Augenblick 
und  an  dieser  Stelle  sind  sie  jedoch  als  Schlüssel  zum  richtigen  Ver- 
ständnis alles  Folgenden  unentbehrlich.  Denn  in  diesen  Ereignissen 
meiner  Jugend  findet  sich  das  ganze  Substrat  und  das  geheime,  unter- 
schwellige Motiv  jener  prunkvollen  Träume  und  Traumszenen,  die 
in  Wirklichkeit  das  wahre  - erste  und  letzte  - Anliegen  sind,  mit  dem 
sich  diese  Bekenntnisse  beschäftigen. 


102 


Kommentar 


Kommentar 

In  den  »Bekenntnissen  eines  englischen  Opiumessers«  erörtert  Thomas 
de  Quing  verschiedene  Gründe  fiir  den  Opiatkonsum  und  die  Opiat- 
sucht, u.a.  auch  die  iatrogenen  Aspekte,  dass  Opium  als  Schmerzmittel 
verschrieben  wird  und  der  Patient  dann  von  dem  Suchtstoff  nicht  mehr 
wegkommt.  In  eindringlichen  Worten  wird  die  außerordentliche  Macht  des  Opiums 
über  den  Menschen  dargestellt,  u.a.  das  schnelle  Entstehen  der  Abhängigkeit  und 
die  vergeblichen  Versuche,  Abstinenz  Zu  erreichen.  Auch  die  starke  psychische  Ab- 
hängigkeit wird  betont.  In  großer  Offenheit  wird  zugegeben,  dass  Opium  ein  faszi- 
nierendes Suchtmittel  ist  und  dass  der  Einstieg  keinesfalls  immer  nur  über  die  me- 
dizinische Anwendung  als  Schmerzmittel  geschieht.  In  gesellschaftskritischer  Weise 
wird  Opium  dem  Alkohol  als  Suchtmittel  gleichgesetzt  und  für  das  Opium  die 
gleiche  Berechtigung  gefordert  wiefir  den  Alkohol.  Es  wird  sogar  betont,  dass  Opi- 
um die  physische  Verfassung  weit  weniger  beeinträchtige  als  die  entsprechende  Men- 
ge Alkohol.  Andererseits  wird  an  drastischen  Beispielen  verdeutlicht,  dass  das  süch- 
tige Verlangen  nach  Opium  offensichtlich  besonders  übermächtig  sein  kann. 

Opiate  besitzen  unter  den  Drogen  das  höchste  Abhängigkeitspotenzial  und  sind 
gekennzeichnet  durch  eine  ausgeprägte  psychische  und  physische  Abhängigkat  mit 
rascher  Toleranzentwicklung.  Die  Opiatsucht  ist  aus  psychiatrischer  Sicht  die 
meistgefürchtete  Sucht,  da  es  meist  außerordentlich  schwer fällt,  den  Patienten  von 
seiner  Opiatsucht  zu  befräen.  Auch  sind  die  sozialen  und  die  gesundheitlichen  Fol- 
gen extrem  gravierend,  und  Tod  durch  akzidenzielle  oder  suizidale  Überdosis  ist 
häufig.  Deswegen  ist  auch  die  gesellschaftliche  und  gesundheitspolitische  Besorgt- 
heit über  die  Opiatsucht  und  die  Drogensucht  generell  verständlicherweise  sehr  groß. 
Andererseits  ist  zu  betonen,  dass  die  gesellschaftlich  viel  besser  akzeptierte  Alkohol- 
sucht durch  wesentlich  höhere  Prävalenzzahlen  eigentlich  von  größerer  gesundheits- 
politischer Relevanz  ist. 


103 


Italo  Svevo 


Über  das  Rauchen 

aus:  Italo  Svevo.  Die  Kunst,  sich  das  Rauchen  nicht  abzugewöhnen. 

Von  Greisen,  Dichtern  und  letzten  Zigaretten. 

Copyright ßir  die  deutsche  Übersetzung  von  Ragni  Maria  Seidl-Gschwend. 
© 1995  by  Rowohlt  Verlag  GmbH,  Reinbek  bei  Hamburg 


Einführung 

Der  Triestiner  Schrißsteller  Italo  Svevo  (1861-1928),  der  ei- 
gentlich Hecter  Aron  Schmitz  hieß  und  Ettore  gerufen  wurde, 
wählte  seinen  Namen  („der  italienische  Schwabe“),  um  auf  sein 
eigenes  Grenzgängertum  sowie  auf  die  deutsch-italienische  Her- 
kunfl  seiner  Eltern  hinzuweisen.  Seinen  literarischen  Weltruhm  verdankte  der  bis 
dahin  vollkommen  erfolglose  und  ignorierte  Autor  nicht  zuletzt  seinem  Englischleh- 
rer, den  sein  Schwiegervater ßir  ihn  organisiert  hatte,  um  die  englischsprachige  Ge- 
schäftskorrespondenz in  dessen  Laclrfabrik für  Unterwasserfarben  zu  führen.  Der 
Hauslehrer  der  Berlitz  School  hieß  James  Joyce.  Svevo  gilt  seit  seinem  Werk  »La 
coscienza  di  Zeno«  (1923;  dt.  »Zeno  Cosini«,  1928)  als  erster  Repräsentant  des 
von  der  Forschung  so  genannten  psychoanalytischen  Romans,  dessen  Nachwort  mit 
dem  Titel  Psychoanalyse  eine  brillante  Polemik  gegen  den  Psychiater  und  gegen  die 
Psychoanalyse  nach  Freud  darstellt.  Der  Roman  wird  eingeleitet  von  einem  Psych- 
iater, der  als  Motiv  für  die  Aufzeichnungen  Zeno  Cosinis  nichts  anderes  als  Rache 
für  die  abgebrochene  Therapie  angibt.  Dabei  wollte  sich  Zeno  eigentlich  nur  das 
Rauchen  abgewöhnen. 

Auch  die  Protagonisten  von  Svevos  anderen  Romanen  (»Ein  Leben«,  1892  und 
»Ein  Mann  wird  älter«,  1898)  sind  liebenswürdige,  introvertierte,Jur  eine  bürger- 
liche Erfolgskarriere  gänzlich  untaugliche  Antihelden.  Ein  novellistisches  Meister- 
werk ist  die  Erzählung  »Die  Geschichte  vom  guten  alten  Herrn  und  vom  schönen 
Mädchen«. 

Der  literarische  Erfolg  nahm  bei  Svevo  den  Umweg  über  Frankreich,  doch  bald 
wurde  er  in  Europa  in  einem  Atemzug  mit  Kafka  und  Joyce  genannt  und  als  Weg- 
bereiter der  literarischen  Moderne  gefiiert. 

Das  Motiv  des  Nikotinmissbrauchs  zieht  sich  von  Anfang  an  durch  sein  gesamtes 
Werk,  durch  die  Briefe  und  Aufzeichnungen,  denn  Svevo  war  selbst  ein  exzessiver 


104 


Uber  das  Rauchen 


Raucher,  der  sich  seine  Sucht  immer  wieder  neu  abgewöhnen  wollte  und  seiner 
liebevoll  nachsichtigen  Frau  Lima  Veneziam  (literarisch  verewigt  als  Anna  Livia 
Plurabelle  bei  James  Joyce)  stets  von  neuem  schwor,  dies  sei  nun  die  ultimativa:  die 
letzte  Jigarette. 

Svevo  starb  an  den  Folgen  eines  Auiourjalles  und  verlangte  noch  auf  dem  Sterbebett 
seine  nunmehr  wirklich  letzte  Jigarette. 

Weiterfiihrende  Literatur: 

Francois  Bondy/ Ragni  Maria  Gschwend:  Italo  Svevo.  Rowohlt  1995 


Über  das  Rauchen 

Wie  ich  sehe,  hat  Jules  Clarctie  einen  Roman  ver- 
öffentlicht mit  dem  Titel  Die  Zigarette.  Ich  werde 
ihn  nicht  lesen,  weil  ich  vermute,  daß  es  sich,  so- 
weit ein  guter  Roman  dies  liefern  kann,  um  eine 
Demonstration  der  Schäden  handelt,  die  das 
Rauchen  dem  Menschen  zufügt.  Ich  werde  ihn 
nicht  lesen,  weil  wir,  die  Raucher,  bereits  samt 
und  sonders  davon  überzeugt  sind,  daß  uns  das 
Rauchen  nicht  guttut,  und  wir  es  daher  nicht  nö- 
tig haben,  uns  davon  überzeugen  zu  lassen,  aber  wir  rauchen  trotz- 
dem weiter,  weil  - oder  auch  ohne  weil.  Wenn  man  das  Laster  hat  und 
weiß,  daß  es  sich  in  vielen  stolzen  Schlachten  behauptet  hat,  spricht  es 
wenig  für  die  Intelligenz  eines  Menschen,  hinzugehen  und  sich  am 
Schauspiel  der  eigenen  Schwäche  zu  betrüben. 

Claretie  wird  mich  nicht  mehr  überzeugen  als  der  Doktor  Beard,  der 
berühmte  Analytiker  sämtlicher  verschiedener  Formen  von  Neur- 
asthenie, der  in  einem  seiner  Werke  völlig  kühl  und  unter  Verwerfung 
anderer  Untersuchungen  behauptet,  das  Nikotin  als  solches  genüge 
bereits,  eine  Art  Neurasthenie  hervorzurufen.  Als  ich  das  las,  warf  ich 
die  Zigarette  weit  von  mir,  um  sie  gleich  wieder  zu  holen  und  eine 
weitere  anzuzünden.  Wäre  ich  verpflichtet,  den  Roman  von  Claretie 
zu  lesen,  würde  ich  mich  ungefähr  so  fühlen,  wie  sich  Coupeau  fühlen 
müßte,  wenn  er  sich  gezwungen  sähe,  eine  lebendige  Schilderung  des 
Deliriums  tremens  zu  lesen,  an  dem  er  eines  Tages  sterben  muß. 

Bei  dem  schönen  und  sicher  guten  Vortrag  von  Doktor  Lorenzutti 
gegen  das  Rauchen  fühlte  ich  mich  weniger  schlecht,  aber  nur  weil 


105 


Itah  Sveso 


man  bei  Vorträgen  nie  raucht,  und  während  ich  zuhörte,  konnte  ich 
mir  einbilden,  ich  hätte  von  der  Lektion  profitiert;  doch  einen  Roman 
lesen,  ohne  zu  rauchen,  das  ist  nicht  möglich,  und  rauchend  einen 
gegen  das  Rauchen  zu  lesen  ist  wenig  erquicklich. 

Es  ist  nur  natürlich,  daß  man  gegen  sich  selbst  wesentiich  nachsichti- 
ger sein  muß  als  gegen  andere,  und  wenn  einem  klar  wird,  daß  man 
sich  andauernd,  zu  allen  Stunden  des  Tages,  gegen  die  eigene  Ge- 
sundheit und  gegen  die  eigene  Intelligenz  versündigt  (der  oben  er- 
wähnte Beard  droht  den  Rauchern  auch  mit  einer  zerebralen  Neu- 
rasthenie), so  ist  es  unnötig,  sich  Vorwürfe  zu  machen  und  sich  auch 
noch  die  Verdauung  (gemächlich  und  sanft,  weil  geräuchert)  mit 
Selbstgesprächen  - beziehungsweise  Zwiegesprächen  zwischen  den 
beiden  Ichs,  die  die  Philosophen  dem  sittlichen  Menschen  zuschrei- 
ben - zu  ruinieren.  Wenn  man  schon  raucht,  dann  ist  es  besser,  fröh- 
lich zu  rauchen,  denn  das  schadet  weniger.  Sollten  irgendwelche  grö- 
ßeren Beschwerden  auftreten,  so  werden  wir  auf  die  Rezepte  des 
Doktor  Beard  zurückgreifen.  Doch  nachdem  man  fröhlich  geraucht 
hat,  kann  man  mit  aller  Seriosität  einen  Artikel  gegen  das  Rauchen 
schreiben,  einen  sehr  glaubwürdigen,  stammt  er  doch  von  einer  Auto- 
rität in  Sachen  Rauchen. 

Vor  einiger  Zeit  kam  es  einem  Schöngeist  in  den  Sinn,  nachzufor- 
schen, welchen  Anteil  das  Rauchen  an  der  modernen  französischen 
Literatur  habe,  und  es  fiel  ihm  nichts  Besseres  ein,  als  die  größten 
Schriftsteller  zu  befragen,  welchen  Anteil  sie  dem  Rauchen  an  der 
Entwicklung  ihres  künstlerischen  Charakters  beimäßen.  Die  Antwor- 
ten, die  er  bekam,  bewiesen  ihm  lediglich,  daß  es  den  französischen 
Schriftstellern  - gleich,  ob  Raucher  oder  Nichtraucher  - nicht  an  Es- 
prit fehlt,  sonst  gar  nichts. 

Nur  einer,  Nichtraucher,  gab  eine  Meinung  von  sich,  die  es  verdient, 
zitiert  und  diskutiert  zu  werden:  Emile  Zola.  Angenommen,  sagte  der 
berühmte  Romancier  in  etwa,  daß  das  Rauchen  Neurosen  hervorru- 
fe,  so  habe  es  einen  positiven  Einfluß  auf  die  moderne  Literatur,  und 
wir  könnten  uns  dazu  nur  beglückwünschen;  er  selbst  rauche  nur  des- 
halb nicht,  weil  es  ihm  sein  Arzt  wegen  irgendwelcher  Anzeichen  ei- 
ner Herzkrankheit  verboten  habe. 

Es  mag  Leute  geben,  die,  um  eine  solche  Ansicht  zu  widerlegen, 
schlicht  und  einfach  behaupten  werden,  daß,  wenn  das  Rauchen 
Neurosen  hervorrufe,  es  keinen  positiven  Einfluß  auf  die  Literatur 
haben  könne,  und  sie  werden  sagen,  daß  sie  es  vorzögen,  einen  kla- 


106 


über  das  Rauchen 


ren,  gesunden  Verstand  zu  besitzen,  fällig,  die  Krankheiten  der  ande- 
ren zu  beobachten,  als  einen  getrübten  und  mit  dem  eigenen  Übel 
beschäftigten. 

Aber  so  zu  argumentieren  wäre  zu  einfach,  und  es  wäre  auch  etwas 
unlauter,  nur  um  recht  zu  haben,  die  ganze  Kraft  zu  vergessen,  die 
einem  Gehirn  aus  der  am  eigenen  Organismus  gemachten  Erfahrung 
einer  Krankheit  oder  zumindest  eines  anomalen  Zustandes  erwach- 
sen kann.  Außerdem  ist  es  nur  allzu  bekannt,  daß  sich  die  nervöse 
Feinheit  fast  nie  bei  einem  völlig  gesunden  und  robusten  Menschen 
findet,  und  der  Spruch,  der  unseren  Vätern  soviel  Vertrauen  und  Ge- 
lassenheit einflößte: 

»Ein  gesunder  Geist  in  einem  gesunden  Körper«,  wirkt  heutzutage 
ziemlich  antiquiert. 

Doch  zugegeben,  ist  es  deswegen  nötig,  daß  sich  der  Mensch  selbst 
seine  Neurosen  künstlich  schafft?  Genügt  es  denn  nicht,  daß  der  harte 
Kampf  ums  Dasein  sie  ihm  produziert  und  der  Mangel  an  Muskel- 
übung, wenn  er  sich  den  Studien  hingibt,  oder  die  ungesunde  Luft 
unserer  großen  Städte? 

Und  dann  kann  eine  Neurose  leicht  ein  der  Wissenschaft  oder  der 
Kunst  nützliches  I,cben  abkürzen.  Ich  erinnere  nur  an  zwei  berühm- 
te, vom  Rauchen  getötete  Männer,  für  die  Kunst  mag  das  genügen. 
Der  geistreiche  Autor  des  Eustache  Martin  starb  vom  Rauchen  dahin- 
gerafft,  und  Mazzini  verstarb,  wie  erst  jetzt  einer  seiner  engen  Freunde, 
ein  englischer  Arzt,  schrieb,  an  Dyspepsie,  verursacht  durch  Rauchen. 
Es  ist  sicher  irrig  zu  behaupten,  daß  das  Rauchen  die  Arbeit  erleichte- 
re. Es  unterbricht  sie  lediglich.  Mag  sein,  daß  es  sie  einem,  der  kein 
echter  Raucher  ist,  erleichtert,  aber  der  echte  Raucher  tut,  wenn  er 
raucht,  nichts  anderes.  Ein  französischer  Journalist  behauptete,  daß 
man  einen  Raucher  durch  Blenden  von  seinem  Laster  befreien  kön- 
ne; das  ist  falsch.  Andererseits  täuscht  sich  auch  Mantegazza,  wenn  er 
glaubt,  er  könne  dem  Raucher  mit  irgendeiner  pharmazeutischen 
Rezeptur  helfen,  sein  Laster  loszuwerden.  Das  Laster  des  Rauchens 
ist  so  komplex,  daß  die  Apotheke  dagegen  machtlos  ist.  Beim  echten 
Raucher  rauchen  die  Augen,  der  Magen,  die  Lunge  und  das  Gehirn; 
jedes  einzelne  Organ  des  vom  Laster  Befallenen  ist  lasterhaft. 

Es  bleibt  ihm  kein  Teil,  mit  dem  er  sich  einer  anderen  Sache  widmen 
könnte,  es  sei  denn,  er  macht  es  ohne  Energie  und  in  Intervallen.  Das 
Rauchen  unterstützt  nur  die  Arbeit  dessen,  der  raucht,  um  etwas  in 
der  Hand  zu  halten  oder  um  mehr  mechanische  Bewegungen 


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Italo  Svevo 


vollführen  zu  können  oder  schließlich  Nebelschwaden  in  der  Luft  zu 
produzieren  und  mit  Vergnügen  zuzusehen,  wie  sie  sanft  aufstei- 
gen und  sich  dann  ganz  langsam  verflüchtigen,  gleich  einem  le- 
bendigen Wesen,  das  ohne  Hast  der  Umarmung  eines  anderen  ent- 
flieht. 

Doch  schon  dieser  Vergleich  ist  der  eines  Rauchers,  denn  wer  kein 
echter  Raucher  ist,  versteht  vom  Rauchen  gar  nichts.  Der  Amateur- 
Raucher  blickt  nicht  hinter  dem  Rauch  her,  den  er  ausatmet.  Er  be- 
freit sich  von  ihm,  vergißt  ihn  und  kehrt  zu  seiner  Arbeit  zurück. 

Und  auch  wenn  er  es  uns  nicht  gesagt  hätte,  würde  man  merken,  daß 
Emde  Zola  kein  Raucher  ist:  Er  arbeitet  zuviel,  und  er  ist  sich  selbst 
gegenüber  zu  konsequent.  Der  Raucher  ist  in  erster  Linie  ein  Träu- 
mer, es  ist  die  unmittelbarste  Wirkung  seines  Lasters,  die  ihn  dazu 
macht;  ein  schrecklicher  Träumer,  der  seinen  Verstand  in  einem  Dut- 
zend Träumen  vergeudet  und  wenn  er  wieder  zu  sich  kommt,  nur  ein 
einziges  Wort  notiert  hat. 

Die  Träume  mögen  ja  kühn  und  genial  sein,  aber  sie  hinterlassen  eine 
unverhältnismäßig  geringe  Spur  im  Vergleich  zu  ihrem  Ausmaß;  es 
mag  eine  ganze  Welt  erträumt  worden  sein,  und  zurück  bleibt  eine 
Wolke,  eine  Tragödie  und  ein  Epos  erträumt,  und  aufgeschrieben  ein 
Vers.  Der  Träumer  ist  sich  selbst  gegenüber  nie  konsequent,  denn  der 
Traum  trägt  ihn  weit  fort,  und  zwar  nicht  in  gerader  Linie,  während 
der  Mensch,  der  sich  selbst  gegenüber  konsequent  ist,  sich  in  einem 
begrenzteren  und  symmetrischeren  Raum  bewegt. 

Der  echte  Träumer  - auch  wenn  er  nicht  so  ist  wie  der  von  Bulwer 
beschriebene,  der  beim  Einschlafen  den  in  der  Vornacht  unterbro- 
chenen Traum  weiterträumt  - führt  immer  ein  Doppelleben,  und  bei- 
de Leben  sind  einander  an  Intensität  gleich.  So  speist  sich  seine  Inspi- 
ration aus  zwei  Quellen:  reine  Beobachtung  und  Traum,  ausschwei- 
fender Traum  durch  zerrüttete  Nerven. 

Ich  weiß  es  nicht,  aber  ich  vermute,  daß  Gustave  Flaubert  mit  Lei- 
denschaft geraucht  hat,  und  ich  habe  eine  Anzahl  Belege  dafür  gefun- 
den. Die  schrecklichen  von  Maxime  du  Camp  beschriebenen  Kämp- 
fe am  Spieltisch,  dieser  Widerwille  gegen  die  Feder,  für  dessen  Über- 
windung Stunden  nötig  sind,  das  spricht  ganz  für  einen  Raucher. 
Außerdem  ist  es  eines  Opiumrauchers  würdig,  zehn  Jahre  lang  über 
Salammbo  geträumt  zu  haben,  nachdem  man  die  literarische  Welt  mit 
Madame  Bovary  erschüttert  hatte,  eine  Erschütterung,  deren  Auswirkung 
wir  auch  heute  noch  in  unserer  Literatur  spüren.  Schließlich  beachte 


108 


über  das  Rauchen 


man  den  Unterschied  zwischen  den  beiden  Werken,  und  es  wird  leicht 
sein,  die  beiden  verschiedenen  Inspirationsquellen  auszumachen. 

Ein  Biograph  Flauberts  beklagt  sich  bitter,  daß  das  gewöhnliche  Pub- 
likum Madame  Bovary  mehr  schätze  als  Salammbo!  Oh,  wie  gewöhnlich 
fühle  ich  mich,  und  mit  welcher  Wollust! 

Ich  glaube,  die  Leser  haben  aus  diesen  Prämissen  bereits  begriffen, 
daß  ich  zu  keiner  Schlußfolgerung  kommen  kann. 

Den  Rat  zu  geben,  nicht  zu  rauchen,  wäre  naiv. 

Wer  einen  einzigen  Tag  eines  Rauchers  kennt,  der  sich  vorgenommen 
hat,  nicht  zu  rauchen,  gibt  keine  solchen  Ratschläge  mehr.  Ein  sol- 
cher Raucher  erhebt  sich  am  Morgen  mit  dem  eisernen  Vorsatz, 
beißt  sich  auf  die  Lippen,  und  bis  zu  einer  bestimmten  Stunde  des 
Tages  sagt  er  sich  immer  wieder  die  große  Gesundheitsmaxime  des 
Carlo  Dossi  vor:  »Überwache  dich!«,  und  er  sagt  sie  auch  noch,  wenn 
er  zum  erstenmal  an  diesem  Tag  ein  Streichholz  anzündet,  übrigens 
eine  angenehmere  Handlung,  als  man  meinen  mochte.  Ein  solcher 
Raucher  kennt  aus  Erfahrung  die  ganze  Physiologie  des  Lasters,  diese 
eisernen  Vorsätze,  unterbrochen  von  verdrossenen  Rückfällen  oder 
auch  allmählich  zerstört  von  feigen  Transaktionen,  schließlich  verges- 
sen mit  einer  fröhlichen  philanthropischen  Argumentation: 

»Was  ist  das  Leben  wert?«  --  »Nichts.«  Und  sind  Gesundheit  und  In- 
telligenz nicht  Teil  des  Lebens?  Rauchen  wir  also  in  Frieden. 

Sicher  ist,  daß  es  Wege  gäbe,  um  ein  solches  Laster  zu  verringern  oder 
um  seine  zu  große  Verbreitung  zu  verhindern. 

Einstweilen  verbieten  uns  unsere  Damen,  in  ihrer  Gegenwart  zu  rau- 
chen. Eine  ansonsten  wenig  zartfühlende  Person,  Casanova  de  Sein- 
galt, duldete  nicht,  daß  man  in  seiner  Gegenwart  rauchte,  weil  ihn 
der  Rauch,  den  er  einatmete,  allzu  deutlich  daran  erinnerte,  daß  seine 
Lunge  die  Luft  aufnahm,  die  von  anderen  Lungen  ausgestoßen  wurde. 
In  aller  Bescheidenheit  erlaube  ich  mir,  den  Gesetzgebern  vorzu- 
schlagen, ein  eigenes  Gesetz  zu  verabschieden,  mit  dem  sie  den  Er- 
wachsenen erlauben,  alle  Minderjährigen,  die  sie  beim  Rauchen  er- 
wischen, gehörig  zu  verhauen;  in  dem  Gesetz  soll  aber  auch  darauf 
hingewiesen  werden,  daß  der  Erwachsene,  der  sich  zu  diesem  hu- 
manitären Akt  hergibt,  nicht  verpflichtet  ist,  bei  dessen  Durchfüh- 
rung seine  Zigarette  fortzuwerfen. 

Keine  Schlußfolgerung,  aber  eine  Belohnung  für  die  Leser,  die  die 
Geduld  hatten,  mir  bis  hierher  zu  folgen:  eine  unveröffentlichte  Fabel 
von  Riccardo  Pitteri. 


100 


Kommentar 


Kurz  vor  der  VeröfTendichung  seiner  Fiabe  las  Pitteri  sie  mir  vor,  aber 
dann  veröfTenÜichte  er  sie  nicht.  Ich  begehe  eine  Indiskretion,  aber  es 
ist  nur  recht,  wenn  eine  gute  Sache  dem  geraubt  wird,  der  sie  nicht  zu 
nutzen  versteht. 

Ich  fürchte,  sie  wurde  aus  dem  wunderschönen  Fabelbuch  verbannt, 
weil  sie  - einen  anderen  Grund  kann  ich  mir  nicht  denken  -,  trotz 
ihrer  anscheinend  ruhigen  Objektivität,  dem  Dichter  sehr  persönlich 
erschien  und  ihm  nicht  daran  lag,  sie  dem  Publikum  preiszugeben. 
Der  Einfall  selbst  ist  so  persönlich,  daß  nicht  alle  seinen  Sinn  erfassen 
können.  Spucke,  Viperngift  und  Wüste,  aber  Spucke  des  Propheten! 
Die  Fabel  ist  die  Erfahrung  eines  Tages  als  Raucher.  Da  ist  sie: 

Durch  Arabiens  Wüste  wandert  Mahomet 
eines  Tags,  gedankenvoll,  allein; 
da,  aus  des  Sandes  heißem  Bett 
fährt  eine  Viper  hoch  nach  seinem  Bein. 

Doch  vergeblich  ist  die  Tücke:  Voller  Haß 
spritzt  sie  die  Todestropfen  in  den  Sand, 
und  auf  die  Stelle,  die  vom  Gift  noch  naß, 
spuckt  der  Prophet,  von  Abscheu  übermannt. 

Und  da,  aus  dem  beschmutzten  Staub, 
ergebt  sich  wunderbar  des  Tabaks  Blüte: 

Langsames  Gift,  das  uns  das  Leben  raubt, 
götdicher  Trost  dem  Herzen  und  Gemüte. 


Kommentar 


/Der  Beitrag  von  Italo  Soevo  »Uber  das  Rauchen«  beschäftigt  sich 
u.a.  mit  der  Mkotinsucht  als  schleichende  Gefahr Jur  die  Gesund- 
heit. Auch  heutige  Erfahrungen  zeigen,  dass  es  offenbar  nicht  wirk- 
sam ist,  durch  Androhung  körperlicher  Folgeschäden  im  Rahmen 
der  in  Deutschland  vorgeschriebenen  Aufdrucke  auf  Zis<^‘^^ttenschachteln,  die  über 
lebensgefährliche  Nebenwirkungen  des  Rauchens  irrformieren,  den  süchtigen  Rau- 
cher davon  abzuhalten,  sich  seiner  Mkotinsucht  hinzugeben.  Nikotin  ist  neben  Al- 
kohol das  häufigste  Suchtmittel  in  unserer  Gesellschqfl,  von  dem  bekanntermaßen 
enorme  gesundheitliche  Folgeschäden  ausgehen.  Obwohl  seitens  der  gesundheitspoli- 


110 


Kommentar 


tischen  Institutionen  immer  wieder  auf  die  gesundheitsschädlichen  Konsequenzen 
des  Rauchens  ~ und  sogar  des  Passivrauchens  - hingewiesen  wird,  verhält  sich  der 
Staat,  wenn  es  um  die  Steuereinnahmen  aus  dem  figarettenverkauf  geht,  fast  wie 
ein  »Dealer«,  der  sieh  nicht  um  die  Gesundheitsrisiken  kümmert,  sondern  mit  einsei- 
tigen Interessen  auf  die finanziellen  Einkünfte  achtet.  Es  war  bemerkenswert,  dass 
in  dem  Moment,  als  in  der  letzten  Regierungsperiode  in  Deutschland  die  Einnah- 
men aus  der  Tabaksteuer  unter  das  vorherige  Niveau  der  früheren  Steuererträge 
sanken  (die  als  Ge.sundheitsmaßnahme gerechtfertigte  Erhöhung  der  Tabaksteuer  im 
Sinne  eines  präventiven  Effektes),  die  Regierung  die  geplante  weitere  Erhöhung  der 
Tabaksteuer  nicht  vollzog,  mit  der  zwar  außerordentlich  ehrlichen,  aber  doch  unter 
den  dargestellten  Gesichtspunkten  höchst  problematischen  Begründung,  der  Staat 
benötige  die  Einnahmen  aus  der  Tabaksteuer. 


111 


t 

F2:  Schizophrenie,  schizotype  und  wahnhafte 
Störungen 


Die  schizophrenen  Psychosen  gehören  zur  Hauptgruppe  der  nicht 
organischen  Psychosen.  Im  Einzelfall  nachweisbare  körperliche  Ursa- 
chen, die  die  Krankheitssymptome  erklären  könnten,  fehlen.  Deshalb 
ist  der  Ausschluss  solcher  nachweisbarer  körperlicher  Ursachen  eine 
Vorbedingung  für  die  Diagnose.  Die  komplexen  klinischen  Erschei- 
nungsbilder dieser  Erkrankung  sind  schon  lange  bekannt,  wurden  al- 
lerdings früher,  jeweils  bestimmte  Symptome  in  den  Vordergrund 
stellend,  unter  verschiedenen  Krankheitsbezeichnungen  beschrieben. 
Kraepelin  fasste  1898  diese  Erscheinungsbilder  unter  dem  Krank- 
heitsbegriff »Dementia  praecox«  zusammen  und  stellte  auf  diese 
Weise  den  ungünstigen  Verlauf  der  Erkrankung  im  Sinne  eines 
schweren  Residualsyndroms  ins  Zentrum  des  Krankheitskonzepts. 
Bleuler,  der  1911  die  Erkrankung  als  »Schizophrenie«  bezeichnete, 
bezog  sich  mit  dieser  Bezeichnung  mehr  auf  das  psychopathologische 
Erscheinungsbild,  das  u.a.  durch  eine  eigenartige  Spaltung  des  psy- 
chischen Erlebens  gekennzeichnet  ist. 

Die  Wahrscheinlichkeit,  im  Laufe  des  Lebens  an  einer  Schizophrenie 
zu  erkranken,  beträgt  für  die  Durchschnittsbevölkerung  etwa  ein  Pro- 
zent. Heute  wird  von  einer  multifaktoriellen  Entstehung  der  Erkran- 
kung ausgegangen,  wobei  eine  genetisch  bedingte  Vulnerabilität  auf 
der  Basis  diskreter  Hirnveränderungen  eine  wichtige  Rolle  spielt.  Die 
mit  der  Erkrankung  einhergehenden  komplexen  Transmitterverän- 
derungen geben  die  Möglichkeit,  mit  fünf  Antagonisten,  den  Neuro- 
leptika (u.a.  dopamin-antagonistisch),  zu  therapieren.  Neben  diesen 
und  anderen  biologischen  Faktoren  sind  auch  psychosoziale  Faktoren 
für  die  Auslösung  der  Erkrankung  von  Bedeutung.  Die  schizophrenen 
Psychosen  bieten  ein  sehr  buntes  und  heterogenes  Erscheinungsbild. 
Über  die  pathognomonische  Bedeutung  der  Symptome  gibt  es  unter- 
schiedliche Auffassungen.  In  der  deutschsprachigen  Psychiatrie  sind 
die  Lehre  Bleulers  von  den  Grundsymptomen  (Störungen  der  Affekti- 
vität, formale  Denkstörung,  Ich-Störung)  und  den  akzessorischen 


113 


F2 


Symptomen  (Wahn,  Halluzinationen,  katatone  Symptome)  sowie  die 
Lehre  Schneiders  von  den  Symptomen  ersten  Ranges  (Wahnwahr- 
nehmungen, Gedankenentzug,  Gedankenlautwerden,  dialogisieren- 
de bzw.  interpretierende  Stimmen,  etc.)  und  zweiten  Ranges  (andere 
Sinnestäuschungen,  Wahneinfälle  etc.)  dominierend.  Aufgrund  neue- 
rer Untersuchungen  scheint  aber  diese  Bewertung  der  Symptome, 
insbesondere  unter  prognostischem  Aspekt,  fraglich.  Das  Konzept 
der  Schizophrenie  im  ICD-lO-System  basiert  im  Wesentlichen  auf 
diesen  traditionellen  Wurzeln.  Die  ursprünglichen  Konzepte  wurden 
durch  internationale  Konsensfindung  und  die  Einbeziehung  moder- 
ner empirischer  Untersuchungsergebnisse  modifiziert.  Es  gibt  keine 
eindeutigen  pathognomonischen  Symptome  der  Schizophrenie,  man 
kann  aber  mehr  oder  weniger  charakteristische  Symptome  bzw. 
Symptombereiche  hervorheben.  Dazu  gehören  u.a.  akustische 
Wahnvorstellungen,  Halluzinationen,  Ich-Störungen,  formale  Denk- 
störungen, katatone  Symptome  und  Negativsymptomatik.  Im  Ge- 
gensatz zu  Wahnideen  anderer  Genese  haben  schizophrene  Wahnge- 
danken oft  etwas  Bizarres  oder  einen  magischen-mystischen  Charak- 
ter im  Gegensatz  zum  eher  bodenständigen  Wahn  organisch  Kranker 
und  sind  oft  uneinfühlbar.  Im  Hinblick  auf  Halluzinationen  sind  für 
Schizophrenie  akustische  Halluzinationen  in  Form  des  Stimmen-Hö- 
rens  besonders  charakteristisch.  Dabei  hört  der  Kranke  Stimmen,  die 
ihn  ansprechen  oder  ihm  Befehle  erteilen  (imperative  Stimmen),  sein 
Verhalten  kommentierende  Stimmen  (kommentierende  Stimmen) 
oder  auch  sich  untereinander  über  ihn  unterhaltende  Stimmen  (dia- 
logisierende Stimmen).  Ich-Störungen  spielen  in  der  Symptomatolo- 
gie schizophrener  Psychosen  eine  wichtige  Rolle.  Die  Grenzen  zwi- 
schen Ich  und  Umwelt  werden  als  durchlässig  empfunden,  Gedanken 
und  Gefühle  oder  Teile  des  Körpers  werden  als  fremd  (Depersonali- 
sation) bzw.  ihr  Umfeld  wird  als  andersartig  (Derealisation)  erlebt.  Die 
ich-fremden  Gedanken  und  Handlungen  werden  als  von  außen  ge- 
macht empfunden  im  Sinne  von  hypnotischer  Beeinflussung,  Fremd- 
steuerung und  Ähnlichem  (Fremdbeeinflussung,  Gedankeneinge- 
bung). Der  Patient  hat  das  Gefühl,  dass  sich  die  eigenen  Gedanken  im 
Raum  ausbreiten,  mitgehört  oder  entzogen  werden  (Gedankenaus- 
breitung, Gedankenentzug).  Er  fühlt  sich  verwandelt  oder  ist  zugleich 
er  selbst  und  eine  andere  Person  oder  lebt  zugleich  in  der  wirklichen 
und  in  der  wahnhaften  Welt:  (»doppelte  Buchführung«).  Zudem  ver- 
strickt er  sich  in  seine  psychotisch  veränderte  Innenwelt  und  kapselt 


114 


sich  von  der  realen  Welt  ab  (Autismus).  Das  sind  nur  einige  der  bei 
Schizophrenen  zu  findenden  Symptome,  die  hier  aus  Platzgründen 
nicht  in  allen  Details  dargestellt  werden  können.  Im  Verlauf  der  Er- 
krankung kommt  es  meistens  zu  mehreren  akuten  Krankheitsepiso- 
den und  über  kurz  oder  lang  zu  einem  Residualsyndrom  mit  deutli- 
cher Negativsymptomatik.  Ein  Großteil  der  Patienten  wird  im  Ver- 
lauf der  Erkrankung  in  so  großem  Ausmaß  in  ihren  sozialen 
Funktionen  eingeschränkt,  dass  sie  z.B.  nicht  mehr  arbeitsfähig  sind. 
Durch  psychopharmakologische  Behandlungsansätze  - im  Vorder- 
grund steht  dabei  die  Therapie  mit  Neuroleptika  unter  gleichzeitiger 
Einbeziehung  psychosozialer  Therapieverfahren  - lässt  sich  die  Er- 
krankung heute  wirksam  behandeln,  so  dass  die  akuten  Episoden 
schnell  zum  Abklingen  gebracht  werden  können  und  die  Wahrschein- 
lichkeit von  Rezidiven  weitgehend  reduziert  werden  kann. 

Neben  den  schizophrenen  Psychosen  gibt  es  noch  eine  Reihe  nicht 
organischer  Störungen,  die  der  Schizophrenie  verwandt  sind,  aber  so 
viele  Besonderheiten  aufweisen,  dass  man  sie  nicht  in  die  Gruppe  der 
Schizophrenien  einordnet.  Zu  nennen  ist  hier  u.a.  die  wahnhafte  Stö- 
rung. Bei  der  wahnhaften  Störung  handelt  es  sich  um  eine  Wahner- 
krankung, bei  der  der  Wahn  (meist  im  Sinne  einer  Wahnentwicklung) 
das  wesentliche  pathopsychologische  Symptom  darstellt,  während  die 
sonstigen  Symptome  einer  Schizophrenie  fehlen.  Vorwiegend  han- 
delt es  sich  um  Erscheinungsbilder  mit  einem  systematisierten  Wahn. 
Wahnsyndrome  dieser  Art  sind  im  Vergleich  zu  schizophrenen  Psy- 
chosen relativ  selten,  die  genaue  Häufigkeit  ist  nicht  bekannt.  Die 
Ätiopathogenese  ist  nicht  ausreichend  geklärt.  Eine  Häufung  von 
schizophrenen  und  anderen  Psychosen  gibt  Hinweise  auf  genetische 
Faktoren.  Mehr  Gewicht  bei  der  Entstehung  haben  offensichtlich 
psychosoziale  Faktoren:  eine  auffällige  Persönlichkeitsstruktur  - mit 
vorwiegend  schwacher  Kontaktfähigkeit  --  im  Zusammenhang  mit 
sozialer  Isolation,  Milieuwechsel  und  schweren  Konflikten  im  inter- 
aktionalen  Bereich.  Die  Wurzel  des  Wahns  ist  auf  eine  überwertige 
Idee  (z.B.  mangelnde  Anerkennung),  die  sich  kompensatorisch  zum 
katathymen  (aus  affektiven  Erlebniskomplexen  entspringendem) 
Wahn  weiterentwickelt.  Insbesondere  expansive  (szenische  Kampfna- 
turen) und  sensitive  (besonders  kränkbare  Persönlichkeiten)  neigen 
zur  Ausbildung  einer  wahnhaften  Störung. 

Ein  berühmtes  Konzept  in  diesem  Kontext  ist  der  von  Kretschmer 
beschriebene  »sensitive  Beziehungswahn«,  bei  der  der  Ausgangs- 


F2 


punkt  ein  demütigendes,  kränkendes  Erlebnis  ist,  das  überall  Anspie- 
lungen auf  die  erlebte  Niederlage  vermuten  lässt  (Kretschmer  1918). 


116 


Italo  Calüirw 


In  einem  Netz  von  Linien,  die  sich  verknoten 

aus:  Italo  Calvino.  Wmn  ein  Reisender  in  einer  Winternacht.  Roman. 
Aus  dem  Italienischen  von  Burkhart  Kroeber. 

© 1983  by  Carl  Hanser  Verlag,  München-Wien 


Einführung 


Der  auf  Kuba  geborene,  italienische  Agrar-  und  Literaturwissen- 
schaftler, Philosoph,  Verlagslektor,  Journalist  und  Schriftsteller 
Italo  Calvino  ( 1 923-1 985)  schuf  mit  dem  Roman  »Se  una  not- 
te  d’inverno  un  viaggatore«  (1979,  dt: »Wenn  ein  Reisender  in  einer 
Winternachta,  1983)  eines  der  faszinierendsten,  formal  anspruchsvollsten  und  zu- 
gleich unterhaltsamsten  Prosaexperimente  der  literarischen  Postmoderne. 

Auf  der  Grundlage  eines  zunächst  scheinbar  trocken  theoretischen  Diskurses  über 
die  Möglichkeiten  und  Unmöglichkeiten  des  Erzählens  angesichts  der  weltweiten 
intellektuellen  Debatte  über  die  Po.stmoderne  wird  bä  dem  spielerisch  unbekümmer- 
ten, dabei  aber  hochrefleklierten  Calmno  der  Leser  zum  Held  jener  Geschichten,  die 
er  sich  soeben  amschickt.  selbst  zu  lesen.  Was  als  Verwirrspiel  beginnt,  endet  in 
einer  köstlichen  ironischen  Volte,  wenn  Ludmilla,  die  eberfalls  gleichzeitig  im 
Schlafzimmer  lesende  Ehefrau  das  Licht  löschen  will,  der  Leser  sie  aber  bittet: 
»Einen  Moment  noch.  Ich  beende  grad  >Wenn  ein  Reisender  in  einer  WinternachU 
von  Italo  Calvino.» 

Der  Autor  integriert  insgesamt  zehn  Romananfdnge  in  eine  Rahmenhandlung  und 
spielt  somit  zehn  verschiedene  Variationen  der  Erzählbarkeit  einer  Geschichte 
durch.  Das  Schreibexperiment  des  Autors,  Reflex  auf  das  Verdikt  gegen  die  Postmo- 
derne, bleibt  aber  nicht  blutleere  Laborarbeit,  sondern  ist  unterhaltsam,  lehrreich, 
voller  Spannung  und  suggestiv,  wdl  es  diejewäls  individuelle  psychische  Disposi- 
tion des  Lesers  sowie  dessen  verschiedenartige  Erwartungshorizonte  spielerisch  auf- 
greift und  in  einer  Geschichte  erzählerisch  auf  höchstem  stilistischen  Niveau  um- 
setzt. 

Das  vorliegende  Kapitel  »In  anem  Netz  vcm  Linien,  die  sich  verknoten«  demons- 
triert der  urrfassend gebildete  Autor  Calmno  nicht  nur  sane  hervorragenden  Kennt- 
nisse in  Psychopathologie,  sondern  zeigt  auf  anschauliche  Weise,  wie  mit  ärfachen 
narrativen  Mitteln  vor  einem  scheinbar  unverfänglich  banalen  Hintergrund  das 


117 


Italo  Catsino 


Entstehen  einer  paranoiden  Schizophrenie  darstellbar  und  nachvollziehbar  ist.  Ita- 
lo Calvino  starb  1985  an  den  Folgen  eines  Gehirnschlages. 

Weitetßihrende  Literatur: 

Italo  Calvino:  Kybernetik  und  Gespenster.  Überlegungen  zu  Literatur  und  Gesell- 
schaft. Hanser  1984 


In  einem  Netz  von  Linien,  die  sich  verknoten 

Als  ersten  Eindruck  müßte  das  Buch  vermitteln, 
was  ich  empfinde,  wenn  ich  ein  Telefon  klingeln 
höre.  Ich  sage  »müßte«,  weil  ich  bezweifle,  daß  ge- 
schriebene Worte  auch  nur  einen  Bruchteil  davon 
wiedergeben  können;  Es  genügt  keineswegs  zu  er- 
klären, daß  meine  Reaktion  eine  Ablehnung  ist, 
eine  Flucht  vor  diesem  aggressiven  und  bedrohli- 
chen Rufen,  aber  auch  ein  Gefühl  von  Dringlich- 
keit, von  unerträglichem  Druck,  ja  von  Nötigung, 
das  mich  drängt,  dem  Befehl  des  Klingeltons  zu  gehorchen  und  hin- 
zustürzen, um  zu  antworten,  selbst  wenn  ich  sicher  bin,  dadurch 
nichts  als  Unannehmlichkeiten  und  Ärger  zu  bekommen.  Auch  glau- 
be ich  nicht,  daß  es  mehr  als  lediglich  ein  Versuch  zur  Beschreibung 
meiner  Gemütslage  wäre,  wenn  ich  eine  Metapher  nähme,  bei- 
spielsweise das  stechende  Brennen  eines  ins  nackte  Fleisch  meiner 
Seite  eindringenden  Pfeils,  und  dies  nicht,  weil  es  unmöglich  wäre, 
zur  Wiedergabe  einer  bekannten  Empfindung  auf  eine  vorgestellte 
Empfindung  zurückzugreifen  - denn  obwohl  heutzutage  niemand 
mehr  weiß,  was  man  empfindet,  wenn  man  von  einem  Pfeil  getroffen 
wird,  glauben  wir  ja  doch  alle,  daß  wiPs  uns  ziemlich  leicht  vorstellen 
können:  das  Gefühl,  wehrlos  zu  sein,  ohne  Schutz,  während  plötzlich 
etwas  von  draußen  aus  fremden  Räumen  zu  uns  hereinbricht  (und 
dies  gilt  ja  zweifellos  auch  für  das  Schrillen  des  Telefons)  -,  sondern 
vielmehr  weil  die  peremptorische,  modulationslose  Unerbittlichkeit 
des  Pfeils  all  jene  unterschwelligen  Intentionen,  Implikationen  und 
Schwankungen  ausschließt,  die  in  der  Stimme  eines  Anrufers  liegen 
können,  den  ich  zwar  nicht  sehe,  aber  bei  dem  ich  schon,  bevor  er  was 
sagt,  voraussehen  kann,  wenn  nicht,  wtis  er  sagen  wird,  so  doch  zu- 
mindest, wie  ich  auf  das,  was  er  sagen  will,  reagieren  werde.  Ideal 


118 


In  einem  Metz  von  Linien,  die  sich  verknoten 


wäre  es,  wenn  das  Buch  damit  anfinge,  ein  bestimmtes  Raumgefühl 
zu  vermitteln:  einen  Raum,  der  ganz  von  meiner  Präsenz  erfüllt  wird, 
denn  um  mich  herum  sind  nur  leblose  Dinge,  einschließlich  des  Tele- 
fons, der  Raum  scheint  nichts  anderes  enthalten  zu  können  als  mich, 
isoliert  in  meiner  inneren  Zeit,  und  dann  zerbricht  die  zeitliche  Dau- 
er, der  Raum  ist  nicht  mehr  derselbe  wie  zuvor,  denn  nun  wird  er 
erfüllt  vom  Schrillen  des  Telefons,  auch  meine  Präsenz  ist  nicht  mehr 
dieselbe,  denn  nun  wird  sie  konditioniert  durch  den  Willen  dieses  Ge- 
genstandes, der  da  ruft.  Das  Buch  müBte  damit  beginnen,  dies  alles 
nicht  als  etwas  Einmaliges  darzustellen,  sondern  als  eine  Streuung  in 
Raum  und  Zeit,  ein  Sichausbreiten  und  Vervielfachen  dieses  Schril- 
lens,  das  die  Kontinuität  von  Raum  und  Zeit  und  Willen  zerreißt. 
Vielleicht  liegt  der  Fehler  in  dem  Gedanken,  am  Anfang  seien  wir 
beide,  ich  und  das  Telefon,  in  einem  endlichen,  abgeschlossenen 
Raum  wie  etwa  in  meiner  Wohnung;  ein  zu  enger  Gedanke,  denn  was 
ich  vermitteln  muß,  ist  meine  Lage  im  Verhältnis  zu  einer  Vielzahl 
von  Telefonen,  die  alle  klingeln,  die  vielleicht  gar  nicht  mich  rufen, 
gar  keine  Beziehung  zu  mir  haben,  doch  es  genügt  der  Umstand,  daß 
ein  Telefon  mich  rufen  kann,  um  möglich  oder  zumindest  denkbar  zu 
machen,  daß  sie  alle  mich  rufen.  Zum  Beispiel  wenn  das  Telefon  in 
einer  Nachbarwohnung  neben  der  meinen  klingelt  und  ich  einen  Mo- 
ment lang  denke,  es  könnte  bei  mir  klingeln,  ein  Verdacht,  der  sich 
sogleich  als  unbegründet  herausstellt,  aber  es  bleibt  ein  Rest,  denn  es 
könnte  ja  sein,  daß  der  Anruf  tatsächlich  mir  gilt  und  nur  durch  ein 
falsches  Wählen  oder  durch  eine  Fehlschaltung  bei  meinem  Nach- 
barn gelandet  ist,  um  so  mehr,  als  dort  keiner  rangeht  und  das  Telefon 
weiterklingelt,  und  in  der  irrationalen  Logik,  die  das  Klingeln  unwei- 
gerlich in  mir  auslöst,  denke  ich  dann:  Vielleicht  ist  es  ja  wirklich  für 
mich,  vielleicht  ist  der  Nachbar  zu  Hause,  geht  aber  nicht  ran,  weil 
er‘s  weiß,  vielleicht  weiß  auch  der  Anrufer,  daß  er  eine  falsche  Num- 
mer anruft,  tut  es  aber  mit  Absicht,  um  mich  in  diese  Lage  zu  bringen, 
wissend,  daß  ich  nicht  antworten  ktmn,  mir  aber  bewußt  bin,  daß  ich 
antworten  müßte. 

Oder  auch  das  Erschrecken,  wenn  ich  gerade  das  Haus  verlassen  will 
und  höre  ein  Telefon  klingeln;  es  könnte  bei  mir  sein  oder  in  einer 
anderen  Wohnung,  ich  eile  zurück,  erreiche  die  Wohnungstür  keu- 
chend, weil  ich  die  Treppen  hinaufgestürmt  bin,  und  da  schweigt  das 
Telefon,  und  ich  werde  niemals  erfahren,  ob  der  Anruf  mir  galt. 
Oder  auch  auf  der  Straße,  wenn  ich  unterwegs  bin  und  höre  Telefone 


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Itak)  Calvino 


in  fremden  Häusern  klingeln;  sogar  wenn  ich  in  fremden  Städten  bin, 
in  Städten,  wo  niemand  von  meiner  Anwesenheit  weiß,  sogar  dann 
denke  ich,  wenn  ich‘s  irgendwo  klingeln  höre,  für  den  Bruchteil  einer 
Sekunde,  der  Anruf  könnte  für  mich  sein,  und  im  nächsten  Sekun- 
denbruchteü  sage  ich  mir  erleichtert,  daß  ich  einstweilen  von  jedem 
Anruf  ausgeschlossen  bin,  unerreichbar,  in  Sicherheit,  doch  diese  Er- 
leichterung währt  nur  den  Bruchteil  einer  Sekunde,  denn  gleich  da- 
rauf denke  ich,  daß  es  ja  nicht  nur  jenes  fremde  Telefon  gibt,  das  dort 
klingelt,  sondern  viele  Kilometer  entfernt,  Hunderte  oder  gar  Tau- 
sende von  Kilometern  entfernt  gibt  es  auch  das  meine,  das  sicher  ge- 
rade in  diesem  Moment  durch  die  verlassenen  Räume  schrillt,  und 
wieder  bin  ich  zerrissen  zwischen  der  Notwendigkeit  und  der 
Unmöglichkeit  zu  antworten. 

Jeden  Morgen  vor  meinem  KoUeg  mache  ich  eine  Stunde  Jogging, 
das  heißt  ich  ziehe  meinen  Olympiadress  an  und  gehe  hinaus,  um  zu 
laufen,  weil  ich  das  Bedürfnis  nach  körperlicher  Bewegung  habe,  weil 
die  Ärzte  es  mir  verordnet  haben  gegen  die  Fettleibigkeit,  die  mir  zu 
schaffen  macht,  und  weil‘s  auch  ein  bißchen  die  Nerven  beruhigt. 
Wenn  man  hier  tagsüber  nicht  auf  den  Campus  geht,  in  die  Biblio- 
thek oder  zu  den  Vorlesungen  der  Kollegen  oder  in  die  Cafeteria, 
weiß  man  nicht,  was  man  tun  soll;  das  einzige,  was  einem  bleibt,  ist 
kreuz  und  quer  über  den  Hügel  zu  laufen  zwischen  den  Ahornbäu- 
men und  Weiden,  wie  es  viele  Studenten  tun  und  auch  viele  Kollegen. 
Wir  begegnen  einander  auf  den  tätschelnden  Laubwegen  und  sagen 
manchmal  »Hü«,  manchmal  gar  nichts,  weil  wir  den  Atem  sparen 
müssen.  Auch  das  ist  ein  Vorzug  des  Laufens  vor  anderen  Sportarten; 
Jeder  macht  es  für  sich  und  braucht  den  anderen  keine  Rechenschaft 
abzulegen. 

Der  Hügel  ist  dicht  bebaut,  ich  laufe  an  kleinen  Häusern  vorbei,  alle 
aus  Holz,  zweistöckig  und  mit  Garten,  alle  verschieden  und  alle  ähn- 
lich, und  dauernd  höre  ich  irgendwo  ein  Telefon  klingeln.  Das  macht 
mich  nervös,  ich  laufe  unwillkürlich  langsamer,  spitze  die  Ohren,  um 
zu  hören,  ob  jemand  rangeht,  und  werde  ungeduldig,  wenn  es  weiter- 
schrillt. Ich  laufe  weiter,  komme  an  einem  anderen  Haus  vorbei,  in 
dem  ein  Telefon  klingelt,  und  denke;  »Da  ist  ein  Anruf,  der  mich  ver- 
folgt, da  sucht  sich  jemand  im  Straßenverzeichnis  alle  Nummern  der 
Chestnut  Lane  raus  und  ruft  ein  Haus  nach  dem  anderen  an,  um  zu 
sehen,  wo  er  mich  erreicht.« 

Manchmal  liegen  die  Häuser  ganz  still  und  verlassen  da,  Eichhörn- 


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In  einem  Netz  von  Linien,  die  sich  verknoten 


chen  huschen  die  Stämme  hinauf,  Elstern  flattern  herab,  um  die  Kör- 
ner zu  picken,  die  in  Holzschalen  für  sie  ausgelegt  worden  sind.  Ich 
laufe  und  spüre,  wie  sich  ein  vages  Alarmgefühl  in  mir  regt,  und  noch 
bevor  ich  den  Ton  mit  den  Ohren  auffange,  registriert  schon  mein 
Geist  die  Möglichkeit  eines  Klingeins,  ruft  es  gleichsam  herbei,  saugt 
es  förmlich  aus  seinem  Nichtsein  hervor,  und  im  gleichen  Moment 
erreicht  mich  aus  einem  Haus,  erst  gedämpft  und  dann  immer  lauter, 
das  Schrillen  der  Glocke,  dessen  Schwingungen  wohl  schon  lange,  be- 
vor mein  Gehör  sie  wahrnahm,  von  einer  Antenne  in  meinem  Innern 
aufgefangen  worden  sind,  und  ich  stürze  Hals  über  Kopf  in  einen 
absurden  Wahn,  bin  gefangen  in  einem  Kreis,  dessen  Zentrum 
das  klingelnde  Telefon  in  dem  Haus  dort  ist,  ich  laufe,  ohne  vom  Fleck 
zu  kommen,  ich  trete  auf  der  Stelle,  ohne  den  Trab  zu  verlangsamen. 
»Wenn  so  lange  keiner  rangeht,  heißt  das  doch,  daß  niemand  zu  Hau- 
se ist  ...  Aber  warum  läßt  der  Anrufer  es  dann  weiterklingeln?  Was 
erwartet  er  sich  davon?  Wohnt  da  vielleicht  ein  Schwerhöriger,  bei 
dem  man  sehr  lange  insistieren  muß,  bis  er‘s  hört?  Wohnt  da  vielleicht 
ein  Gelähmter,  dem  man  sehr  viel  Zeit  lassen  muß,  bis  er  sich  an  den 
Apparat  geschleppt  hat . . . Wohnt  da  vielleicht  ein  Selbstmörder,  bei 
dem  man  hofft,  er  werde,  solange  ihn  noch  jemand  anruft,  vor  dem 
Allerletzten  zurückschrccken  ...«  Ich  denke,  ich  sollte  vielleicht  ver- 
suchen, mich  irgendwie  nützlich  zu  machen,  gehen  und  nachsehen, 
ob  ich  jemandem  helfen  kann,  dem  Schwerhörigen,  dem  Gelähmten, 
dem  Selbstmörder  ...  Und  zugleich  denke  ich  (in  der  absurden  Logik, 
die  mich  bewegt),  dann  könnte  ich  ja  auch  gleich  mal  nachsehen,  ob 
der  Anruf  nicht  etwa  zufällig  mir  gilt . . . 

Ohne  im  Laufen  innezuhalten,  stoße  ich  die  Gartentür  auf,  betrete 
das  Grundstück,  trabe  ums  Haus,  erkunde  den  hinteren  Teil  des  An- 
wesens, laufe  bis  hinter  die  Garage,  den  Geräteschuppen,  die  Hunde- 
hütte. Alles  scheint  verlassen  zu  sein,  wie  ausgestorben.  Durch  ein  of- 
fenes Hinterfenster  sieht  man  in  ein  unaufgeräumtes  Zimmer,  das  Te- 
lefon steht  auf  dem  Tisch  und  klingelt.  Der  Fensterladen  schlägt  an, 
die  Fensterflügel  verfangen  sich  in  den  zerfetzten  Vorhängen. 

Schon  dreimal  bin  ich  ums  Haus  gelaufen;  ich  mache  weiter  die  Jog- 
gingbewegungen, hebe  die  Ellenbogen  und  Fersen,  atme  im  Rhyth- 
mus des  Laufens,  damit  man  sehen  kann,  daß  ich  kein  Einbrecher 
bin;  wenn  man  mich  hier  jetzt  ertappen  würde,  hätte  ich 
Schwierigkeiten  zu  erklären,  daß  ich  bloß  hereingekommen  bin,  weil 
ich  das  Telefon  klingeln  hörte.  Ein  Hund  bellt,  nicht  hier,  ein  Hund  in 


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Itah)  Calvino 


der  Nachbarschaft,  ich  sehe  ihn  nicht;  doch  einen  Moment  lang  über- 
wiegt in  mir  das  Signal  »Hund  hellt«  über  das  Signal  »Telefon  klin- 
gelt«, und  das  genügt,  um  den  magischen  Kreis  zu  sprengen,  der 
mich  hier  gefangengehalten  hat:  Schon  bin  ich  draußen,  laufe  wieder 
zwischen  den  Bäumen  die  Straße  entlang  und  lasse  das  Schrillen  hin- 
ter mir,  das  allmählich  verklingt. 

Ich  laufe  weiter,  bis  keine  Häuser  mehr  kommen.  Auf  einer  Wiese 
halte  ich  an,  um  zu  verschnaufen.  Ich  mache  ein  paar  Kniebeugen 
und  Liegestütze,  massiere  mir  die  Beinmuskeln,  damit  sie  nicht  zu 
sehr  abkühlen.  Ich  schaue  auf  die  Uhr.  Es  ist  spät,  ich  muß  rasch 
zurück,  wenn  ich  meine  Studenten  nicht  warten  lassen  wUl.  Das  fehlte 
grad  noch,  daß  es  von  mir  heißt,  ich  liefe  im  Wald  herum  statt  Vorle- 
sungen zu  halten  . . . Ich  haste  los,  laufe  die  Straße  hinunter,  ohne 
nach  rechts  oder  links  zu  blicken,  das  Haus  da  werde  ich  gar  nicht 
mehr  wiedererkennen,  ich  werde  vorbeilaufen,  ohne  es  überhaupt  zu 
bemerken.  Schließlich  ist  es  ein  Haus  wie  die  anderen,  in  jeder  Hin- 
sicht, von  den  anderen  nur  unterscheidbar,  wenn  das  Telefon  klingeln 
würde,  was  ja  unmöglich  ist  ... 

Je  länger  mir  diese  Gedanken  im  Kopf  herumgehen,  während  ich  so 
bergab  laufe,  desto  deutlicher  meine  ich,  wieder  das  Klingeln  zu  hö- 
ren, immer  lauter  und  schriller,  da  ist  schon  wieder  das  Haus,  und  das 
Telefon  klingelt  noch  immer.  Ich  öffne  die  Gartentür,  laufe  nach  hin- 
ten, trete  ans  Fenster.  Ich  brauche  nur  die  Hand  auszustrecken,  um 
abzunehmen.  Keuchend  sage  ich  in  die  Muschel:  »Hier  ist  nicht . . .«, 
da  ertönt  aus  dem  Hörer  eine  Stimme,  ein  bißchen  ungeduldig,  aber 
nur  ein  bißchen,  denn  am  eindrucksvollsten  an  dieser  Stimme  ist  ihre 
Kälte,  die  Ruhe,  in  der  sie  sagt:  »Hör  genau  zu:  Marjorie  ist  hier,  sie 
wird  bald  aufwachen,  aber  sie  ist  gefesselt  und  kann  nicht  weg.  Merk 
dir  die  Adresse:  115  Hillside  Drive.  Wenn  du  sie  holen  kommst,  okay. 
Wenn  nicht,  im  Keller  ist  ein  Kanister  mit  Kerosin  und  eine  Plastik- 
bombe mit  einem  Timer.  In  einer  halben  Stunde  steht  das  Haus  hier 
in  Flammen.« 

»Aber  ich  bin  gar  nicht  . . .«,  wUl  ich  sagen. 

Er  hat  schon  aufgelegt. 

Was  mache  ich  jetzt?  Sicher,  ich  könnte  die  Polizei  anrufen,  die  Feuer- 
wehr, von  diesem  Telefon  aus,  aber  wie  soll  ich  erklären,  wie  rechtfer- 
tigen . . . ich  meine,  was  habe  ich,  der  ich  nichts  damit  zu  tun  habe, 
damit  zu  tun?  Ich  setze  mich  wieder  in  Trab,  laufe  noch  einmal  ums 
Haus  herum,  dann  hinaus  und  weiter  die  Straße  hinunter. 


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— In  einem  Netz  von  Linien,  die  sich  verknoten 


Tut  mir  ja  leid,  für  Marjorie,  aber  sie  muß  in  weißgott  was  für  wilde 
Geschichten  verwickelt  sein,  wenn  sie  Jetzt  so  in  der  Tinte  sitzt,  und 
wenn  ich  mich  da  einmische,  um  sie  zu  retten,  wird  mir  doch  keiner 
mehr  glauben,  daß  ich  sie  nicht  kenne,  es  wird  einen  Riesenskandal 
geben,  ich  bin  ein  Dozent  von  einer  anderen  Uni,  hierher  eingeladen 
als  Visiting  Professor,  das  Prestige  zweier  Hochschulen  steht  auf  dem 
Spiel  ... 

Sicher,  wenn‘s  um  ein  Menschenleben  geht,  müssen  solche  Rücksich- 
ten wohl  hintanstehen  . . . Ich  laufe  langsamer.  Ich  könnte  in  eins  die- 
ser Häuser  gehen,  bitten,  daß  man  mich  die  Polizei  anrufen  läßt  und 
gleich  in  aller  Klarheit  sagen,  nein,  ich  kenne  diese  Marjorie  nicht, 
ich  kenne  überhaupt  keine  Marjorie  ... 

Um  die  Wahrheit  zu  sagen,  hier  an  der  Uni  gibt  es  eine  Studentin,  die 
Marjorie  heißt,  Marjorie  Stubbs.  Ich  habe  sie  gleich  bemerkt  unter 
den  Mädchen  in  meinem  Kolleg.  Sie  hat  mir,  wie  soll  ich  sagen,  nun 
ja,  gefallen,  nur  schade,  daß  sich  dann  damals,  als  ich  sie  eingeladen 
hatte  zu  mir  nach  Hause,  um  ihr  ein  paar  Bücher  zu  leihen,  diese 
peinliche  Situation  ergab.  Es  war  ein  Fehler  gewesen,  sie  einzuladen: 
Ich  war  neu  hier,  man  wußte  noch  nicht,  was  ich  für  einer  bin,  sie 
konnte  meine  Absichten  mißverstehen,  und  so  ergab  sich  das  Mißver- 
ständnis, ein  unangenehmes  Mißverständnis,  sicher  auch  jetzt  noch 
schwer  aus  der  Welt  zu  schaffen  wegen  dieser  ironischen  Art,  in  der 
sie  mich  seither  ansieht,  mich,  der  ich  nicht  weiß,  wie  ich  sie  anspre- 
chen soll,  ohne  zu  stammeln,  auch  die  anderen  Mädchen  sehen  mich 
immer  mit  diesem  ironischen  Grinsen  an  . . . 

Klar,  natürlich  darf  dieses  Unbehagen,  das  der  Name  Marjorie  in  mir 
weckt,  kein  Hindernis  für  mich  sein,  einer  anderen  Marjorie,  die  in 
Lebensgefahr  schwebt,  zu  Hilfe  zu  eilen  ...  Wenn's  nicht  dieselbe 
Marjorie  ist  ...  Wenn  dieser  Anruf  nicht  tatsächlich  mir  gegolten  hat 
. . . Eine  mächtige  Gangsterbande  hält  mich  im  Auge,  sie  wissen,  daß 
ich  jeden  Morgen  hier  Jogging  mache,  vielleicht  haben  sie  auf  dem 
Hügel  einen  Beobachter  mit  Teleskop,  der  meine  Schritte  genau  ver- 
folgt, und  wenn  ich  an  das  verlassene  Haus  komme,  rufen  sie  an,  mich, 
weil  sie  Bescheid  wissen  über  meine  Blamage  mit  Marjone,  damals  in 
meiner  Wohnung,  und  mich  nun  erpressen  wollen  . . . 

Ohne  es  recht  gemerkt  zu  haben,  bin  ich  zum  Campuseingang  ge- 
langt, immer  noch  laufend,  in  Sportdress  und  Joggingschuhen,  ich 
war  gar  nicht  erst  zu  Hause,  um  mich  umzuziehen  und  meine  Bücher 
zu  holen,  was  tue  ich  jetzt?  Ich  laufe  über  den  Campus,  ein  paar  Mäd- 


123 


Kommentar 


eben  kommen  mir  auf  dem  Rasen  entgegen,  es  sind  meine  Studentin- 
nen, schon  auf  dem  Weg  zu  meiner  Vorlesung,  sie  sehen  mich  an  mit 
diesem  ironischen  Grinsen,  das  ich  nicht  ausstehen  kann. 

Ich  wende  mich  im  Vorbeitraben  an  die  Lorna  Clifford,  frage  sie: 
»Stubbs  gesehen?« 

Die  Clifford  blinzelt:  »Marjorie?  Seit  zwei  Tagen  ist  die  nicht  mehr 
aufgetaucht  ...  Wieso?« 

Schon  laufe  ich  wieder.  Haste  zum  Campus  hinaus.  Nehme  die  Gros- 
venor  Avenue,  dann  Cedar  Street,  dtum  Maple  Road.  Bin  ganz  außer 
Atem,  laufe  nur  noch,  weil  ich  den  Boden  unter  den  Füßen  gar  nicht 
mehr  spüre,  auch  nicht  die  Lunge  in  meiner  Brust.  Da  endlich  kommt 
Hillside  Drive,  11,  15,  27,  51  ...  Gottseidank  geht's  rasch  voran  mit 
den  Hausnummern.  Da  ist  die  1 15.  Die  Tür  steht  offen,  ich  jage  die 
Treppe  hinauf,  stürze  in  ein  halbdunkles  Zimmer.  Auf  dem  Sofa  liegt 
Marjorie,  gefesselt,  geknebelt.  Ich  binde  sie  los.  Sie  übergibt  sich. 
Sieht  mich  voller  Verachtung  an. 

»Du  Bastard!«  sagt  sie. 

/Kommentar 

In  der  Erzählung  von  Calvino  »In  einem  Netz  von  Linien,  die  sich 
verknoten«  wird  die  Entstehung  eines  sensitiven  Beziehungswahns 
dargestellt.  Ein  amerikanischer  Hochschulprofessor,  der  sich  bei  ei- 
ner Party  einer  Studentin  genähert  hat,  hat  seitdem  das  Gefühl,  dass 
andere  davon  wissen  und  sein  Verhalten  missbilligen.  Er ßhlt  sich  dadurch  zuneh- 
mend gepeinigt.  Beim  Joggen  hat  er  immer  wieder  das  Gefühl,  dass  das  Telefon- 
klingeln, welches  er  aus  verschiedenen  Häusern  hört,  sich  auf  ihn  bezieht  und  dass 
ihm  jemand  eine  wickle  Nachricht  mitteilen  will. 

Schließlich  hört  er  an  einem  fremden  Telefon,  dass  eine  junge  Frau  mit  dem  Namen 
der  Studentin,  der  er  sich  angenähert  hat,  in  einer  Wohnung  gefesselt  ist  und  in 
großer  Gefahr  schwebt.  Es  bleibt  im  Unklaren,  ob  es  sich  bei  diesem  Anruf  um  ein 
reales  Phänomen,  vielleicht  emen  Studentenstreich,  oder  ob  es  sich  dabei  um  ein 
halluzinatorisches  Erleben  handelt,  das  eigentlieh  nicht  zum  sensitiven  Bezie- 
hungswahn gehört.  U.a.  hat  er  auch  das  GJuhl,  dass  sich  die  Studenten  sehr  mit 
der  Geschichte  beschäfiigen,  so  z-B.  sieht  er  ironisches  Grinsen  in  den  Gesichtern 
der  Studenten,  als  ob  alle  Bescheid  wüssten  über  den  Vofall  mit  der  Studentin.  Es 
wären  auch  psychodynamische  Deutungen  im  Rahmen  der  dargestellten  Schuldge- 
fühle des  Protagonisten  denkbar.  Gepeinigt  jagt  er  in  das  angegebene  Haus,  wo  die 


124 


Kommentar 


Studentin  in  Lebensgefahr  schweben  soll,  und  in  der  Tat  findet  er  sie  dort  gefesselt 
und  geknebelt.  Sie  sieht  ihn  voller  Verachtung  an  und  spricht  ihn  als  »Bastard«  an. 
Seine  Schuldgefühle  bekommen  so  die  Entsprechung  in  der  realen  Welt. 


Gi^  de  Maupassant 


Der  Horla 

aus:  Guy  de  Maupassant.  Der  Schmuck.  Der  Teufel.  Der  Horla.  Novellen. 
Übersetzung  aus  dem  Französischen  und  Nachwort  von  Ernst  Sander. 

© 1964  ly  Philipp  Reclamjun.  Verlag  GmbH,  Stuttgart 


Einführung 

Der  aus  dem  normannischen  Landadel  stammeruie  französische 
Schriflsteller  Guy  de  Maupassant  (1850-1893)  ist  einer  der 
Gründerväter  der  modernen  Novellenkunst  und  zugleich  neben 
Balzac,  Zola  und  Flaubert  einer  der  großen französischen  Erzäh- 
ler des  19.  Jahrhunderts.  Bereits  mit  17  Jahren  wurde  er  wegen  eines  frechen 
Gedichtes  der  Schule  verwiesen.  Nach  abgebrochenem  Jurastudium  und  Kriegs- 
dienst im  Deutsch- Französischen  Krieg  1871  lebte  Maupassant  bis  1878  als 
kleiner  Ministerialbeamter,  der  allerdings  freundschaftlichen  Kontakt  zur  literari- 
schen Avantgarde  um  Gustave  Flaubert  hielt.  Die  ersten  literarischen  Erfolge  ver- 
buchte er  mit  Fortsetzungsgeschichten  fiir  Tageszeitungen,  bis  ihm  1880  mit  der 
Novelle  »Fettklößchen«  der  Durchbruch  gelang  und  ihm  einen  großbürgerlichen  Le- 
bensstil ermöglichte  (u.  a.  Kauf  einer  Yacht).  Er  unterhielt  Beziehungen  zu  mehre- 
ren Geliebten,  mit  denen  er  auch  Kinder  hatte.  Mit  enormem  Fleiß  und  schier  uner- 
schöpflicher Schreiblust  schuf  der  Autor  mehr  als  300  Erzählungen  und  Romane, 
in  deren  Mittelpunkt  meist  die  gehobene  Gesellsdurft  seiner  Zeit,  aufstrebendes  Bür- 
gertum und  Neureiche  standen,  denen  er  genüsslich  seinen  oft  scharfen  satirischen 
Spiegel  vorhielt.  Gnadenlos  deckte  er  menschliche  Schwächen  auf,  entlarvte  heimli- 
che Amouren,  Verlogenheit,  Blendwerk  und  Hochstapelei,  bürgerliche  Doppelmoral 
und  skrupelloses  Karrierestreben.  Sein  besonders  geschulter  Blick  sowie  sein  gestei- 
gertes Interesse  galt  zunehmend  dem  Psychopathologischen,  wobei  er  sich  stets  um 
das  Ideal  der  »impassibilite«  (Unparteilichkeit)  bemühte,  das  ihn  an  Flaubert  fas- 
zinierte. In  »Der  Horla«  (1887),  Titelgeschichte  einer  Novellensammlung,  lässt 
der  Autor  seinen  Protagonisten  Tagebuch  über  dessen  Besessenheit  führen.  Fieber, 
Wahnvorstellungen  und  Depressionen  suggerieren  die  Existenz  eines  schließlich  be- 
herrschend werdenden  übernatürlichen  Wesens,  eben  des  Horla,  das  ihm  alle  Le- 
benskraft zu  nehmen  droht.  Um  sich  von  der  Obsession  zu  befreien,  zündet  der 
Gepeinigte  das  Haus  an,  in  der  Hoffnung,  dadurch  auch  seinen  Inkubus  zu  ver- 


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Der  Horla 


nickten.  Doch  nach  dem  Brand  keinen  die  Angstattacken  erneut.  Nur  noch  der 
Selbstmord  scheint  Erlösung  zu  bringen.  In  der  einschlägigen  Forschung  herrscht 
Einigkeit  darüber,  dass  Maupassant  nicht  nur  von  den  Untersuchungen  des fianzö- 
sischen  Neurologen  Jean  Martin  Charcot  über  Geisteskrankheiten,  sondern  auch 
von  den  Novellen  E.T.A.  Hojfmanns  und  Edgar  Allan  Poes  inspiriert  wurde. 

Der  ebenso  eindringlichen  wie  suggestiv  präzisen  Beschreibung  der  Wahnvorstel- 
lungen und  Halluzinationen  liegen  jedoch  auch  autobiographische  Erfahrungen 
zugrunde.  Psychosen,  Traumata,  Wahn  und  Schwermut  waren  Maupassant  selbst 
durchaus  nicht  fiemd,  wenngleich  sie  zugleich  Jur  ihn  von  größter  literarischer  At- 
traktivität waren.  Bereits  in  jungen  Jahren  irifizierte  er  sich  mit  Syphilis  (1877) 
und  hatte  eine  lebenslange  Angst  davor,  wie  sein  Bruder  Herve  verrückt  zu  werden. 
1 892  unternahm  er  einen  Suizidversuch,  wurde  in  eine  psychiatrische  Klinik  in 
Passy  bei  Paris  eingeliefert  und  starb  1893  in  geistiger  Umnachtung. 

Weiterjührende  Literatur: 

Stefanie  Fröschen:  Die  Krankheit  im  Leben  und  Werk  Guy  de  Maupassants.  Die 
Bedeutung  seiner  Syphilis-Erkrankungßir  seine  Dichtungen.  Mainz  1999 


Der  Horla 

8.  Mai.  — Wie  schön  es  heute  war!  Den  ganzen 
Morgen  habe  ich  im  Grase  gelegen,  vor  meinem 
Hause,  unter  der  riesigen  Platane,  die  es  völlig 
überdacht,  schirmt  und  beschattet. 

Ich  habe  diese  Gegend  sehr  gern,  und  es  freut 
mich,  daß  ich  hier  leben  kann,  weil  ich  in  diesem 
Lande  wurzle,  mit  jenen  tiefreichenden,  zarten 
Wurzeln,  die  den  Menschen  an  die  Scholle  bin- 
den, auf  der  seine  Vorfahren  geboren  wurden 
und  gestorben  sind;  die  ihn  verknüpfen  mit  dem,  was  dort  gedacht 
und  verehrt  wird,  mit  den  Bräuchen  und  Speisen,  den  heimischen 
Örtlichkeiten,  dem  Dialekt  der  Landleute,  dem  Ruch  der  Äcker  und 
sogar  mit  der  Luft. 

Ich  hänge  an  dem  Hause,  darin  ich  aufgewachsen  bin.  Von  meinen 
Fenstern  aus  vermag  ich  die  Seine  zu  erblicken,  die  längs  meines  Gar- 
tens vorüberströmt,  jenseits  der  Landstraße,  fast  unmittelbar  an  mei- 
nem Grundstück,  die  mächtige,  breite  Seine,  die  von  Rouen  nach  Le 
Havre  fließt,  und  auf  der  die  Schiffe  dahinziehen. 


127 


Guy  de  Maupassanl 


Dort  unten,  zur  Linken,  liegt  Rouen,  die  ausgedehnte  Stadt  mit  den 
blauen  Dächern  unter  der  Schar  der  spitzen  gotischen  Kirchtürme. 
Man  kann  sie  nicht  zählen,  so  viele  sind  es,  schlanke  und  gedrungene; 
aber  sie  alle  überragt  die  eiserne  Spitze  der  Kathedrale.  Glocken  hän- 
gen in  jedem,  deren  Geläut  an  schönen  Morgen  die  blaue  Luft  durch- 
hallt und  als  ein  zartes  metallisches  Summen  bis  zu  mir  her  dringt,  als 
ein  luftiger  Gesang,  vom  Winde  getragen,  bald  stärker,  bald  schwä- 
cher, je  nachdem  der  Wind  sich  erhebt  oder  erstirbt. 

Wie  schön  es  heute  morgen  war! 

Gegen  elf  Uhr  zog  ein  langer  Schleppzug  an  meinem  Hause  vorüber; 
ein  fliegenhaft  anmutender  Dampfer  zog  ihn;  er  keuchte  vor  Mühe 
und  stieß  eine  dicke  Rauchwolke  aus. 

Erst  kamen  zwei  englische  Schoner,  deren  rote  Flaggen  vor  dem 
Himmel  flatterten,  und  dann  ein  wunderschöner  brasilianischer 
Dreimaster,  ganz  weiß,  makellos,  leuchtend.  Ich  winkte  hinüber,  wa- 
rum, weiß  ich  nicht,  solche  Freude  empfand  ich  beim  Anblick  dieses 
Schiffes. 

1 1 . Mai.  - Seit  ein  paar  Tagen  habe  ich  ein  bißchen  Fieber;  ich  fühle 
mich  nicht  wohl,  oder  besser:  ich  fühle  mich  traurig. 

Woher  rühren  jene  geheimnisvollen  Einflüsse,  die  unser  Glück  in 
Mutlosigkeit  und  unsere  Zuversicht  in  Verzweiflung  wandeln?  Man 
könnte  meinen,  die  Luft,  die  unsichtbare  Luft,  sei  erfüllt  von  unbe- 
greiflichen Mächten,  deren  geheimnisvoller  Nähe  wir  uns  beugen 
müssen.  Ich  wache  fröhlich  auf,  und  mir  ist,  als  müsse  ich  singen.  - 
Warum?  - Ich  gehe  am  Ufer  entlang,  und  urplötzlich,  nach  ein  paar 
Schritten,  kehre  ich  in  schmerzlicher  Betrübnis  um,  als  warte  meiner 
daheim  irgendein  Unglück.  - Warum?  - Hat  ein  erkältender  Schauer, 
der  mich  überrieselte,  meine  Nerven  erschüttert  und  meine  Seele  ver- 
düstert? Hat  die  Form  der  Wolken,  haben  die  Tagesfarben,  hat  die 
wandelbare  Farbe  der  Dinge,  da  ich  sie  wahrnahm,  mein  Denken  ver- 
stört? Wer  weiß?  AUes,  was  uns  umgibt,  alles,  was  wir  von  ungefähr 
sehen,  ohne  recht  hinzuschauen,  alles,  was  wir  streifen,  ohne  es  zu 
erkennen,  alles,  woran  wir  rühren,  ohne  es  zu  betasten,  alles,  was  uns 
zustößt,  ohne  daß  wir  gewahren,  was  es  recht  eigentlich  ist,  übt  auf 
uns,  auf  unseren  Organismus  und,  durch  diesen,  auf  unsere  Gedan- 
ken, ja  sogar  auf  unser  Herz  schnelle,  überraschende  und  unerklärli- 
che Wirkungen  aus. 

Wie  tief  ist  doch  das  Geheimnis  des  Unsichtbaren!  Mit  unsern  elen- 
den Sinneswerkzeugen  vermögen  wir  es  nicht  zu  durchdringen:  mit 


128 


Der  Horh 


den  Augen,  die  weder  das  allzu  Kleine  noch  das  allzu  Große,  weder 
das  allzu  Nahe  noch  das  allzu  Ferne,  weder  die  Lebewesen  auf  den 
Sternen  noch  die  Lebewesen  im  Wassertropfen  wahrnehmen  können 
. . . mit  unsern  Ohren,  die  uns  betrügen;  denn  sie  übermitteln  uns  blo- 
ße Luftschwingungen  als  klingende  Töne;  Feen  sind  sie,  die  ein  Wun- 
der vollbringen,  indem  sie  jene  Bewegung  in  ein  Geräusch  verwan- 
deln und  durch  diese  Metamorphose  die  Geburt  der  Musik  zuwege 
bringen,  die  das  stumme  Schwingen  der  Natur  zu  Gesang  umformt 
. . . mit  unserm  Geruchssinn,  der  dem  eines  Hundes  nachsteht  . . . mit 
unserm  Geschmackssinn,  der  kaum  das  Alter  eines  Weines  zu  bestim- 
men imstande  ist! 

Ach!  Hätten  wir  doch  andere  Organe,  die  neue  Wunder  für  uns  er- 
schüfen; wie  vieles  vermöchten  wir  dann  rings  um  uns  wahrzuneh- 
men! 

1 6.  Mai.  - Ich  bin  krank,  ganz  sicher!  Und  im  letzten  Monat  hatte  ich 
mich  so  wohl  befunden!  Ich  habe  Fieber,  wütendes  Fieber,  oder,  rich- 
tiger, ich  leide  an  einer  fiebrigen  Erschöpfung,  die  meine  Seele  in  glei- 
chem Maße  in  Mitleidenschaft  zieht  wie  meinen  Körper.  Ohne  Un- 
terlaß habe  ich  das  grausige  Gefühl  einer  drohenden  Gefahr,  die  Vor- 
ahnung künftigen  Unheils  oder  nahenden  Todes,  ein  Vorgefühl,  das 
zweifellos  erstes  Anzeichen  eines  mir  noch  unbekannten  Übels  ist;  es 
keimt  in  meinem  Blut  und  meinem  Fleisch. 

18.  Mai.  - Eben  komme  ich  von  meinem  Arzt;  ich  hatte  nämlich  kei- 
nen Schlaf  mehr  gefunden.  Er  konstatierte  beschleunigten  Puls- 
schlag, Erweiterung  der  Pupille,  starke  Nervosität,  fand  indes  keiner- 
lei beunruhigende  Symptome.  Ich  soll  Duschen  und  Bromkali  neh- 
men. 

25.  Mai.  - Nicht  die  geringste  Veränderung!  Wahrhaftig,  mein  Zu- 
stand ist  bizarr.  Je  mehr  es  Abend  wird,  desto  mehr  bemächtigt  sich 
meiner  eine  unbegreifliche  Unruhe,  als  berge  die  Nacht  eine  mir 
fürchterliche  Gefahr.  Ich  esse  in  aller  Hast  und  versuche  dann  zu  le- 
sen; aber  ich  verstehe  kein  Wort;  kaum  vermag  ich  die  Buchstaben 
auseinanderzuhalten.  Ich  gehe  in  meinem  Zimmer  auf  und  ab,  wobei 
eine  wirre  und  unbezwingbare  Furcht  mich  bedrückt,  Furcht  vor  dem 
Schlaf  und  Furcht  vor  dem  Bett. 

Gegen  zwei  gehe  ich  hinauf  in  mein  Schlafzimmer.  Kaum  bin  ich 
eingetreten,  so  drehe  ich  den  Schlüssel  zweimal  herum  und  schiebe 
den  Riegel  vor;  ich  habe  Angst  . . . wovor  nur?  Bislang  habe  ich  keine 
Furcht  gekannt  . . . Ich  mache  meine  Schränke  auf,  ich  sehe  unter 


129 


Guy  de  Mempassant 


mein  Bett;  ich  horche  . . . ich  horche  . . . worauf  nur?  . . . Wie  merkwür- 
dig, daß  ein  leichtes  Unwohlsein,  eine  Verdauungsstörung  vielleicht, 
die  Reizung  eines  Nervenfädchens,  ein  unbedeutender  Blutandrang 
im  Gehirn,  eine  winzige  Störung  in  den  so  unvollkommenen  und 
dennoch  so  empfindlichen  Funktionen  der  lebendigen  Maschine,  die 
wir  sind,  den  Fröhlichsten  zum  Melancholiker  und  den  Tapfersten 
zum  Feigling  machen  kann!  Dann  lege  ich  mich  nieder  und  warte  des 
Schlafes,  wie  einer,  der  des  Henkers  harrt.  Ich  warte  seiner  und  emp- 
finde zugleich  Entsetzen  ob  seines  Nahens,  mein  Herz  pocht,  trotz 
der  warmen  Decken  — bis  zu  dem  Augenblick,  da  ich  in  Schlaf  falle, 
wie  ein  Selbstmörder  in  ein  totes  Wasserloch  stürzt.  Früher  war  das 
ganz  anders;  jetzt  hockt  er  unsichtbar  hinter  mir,  dieser  hinterlistige 
Schlaf,  und  lauert  mir  auf,  und  dann  packt  er  mich  beim  Kopfe,  preßt 
mir  die  Lider  zu  und  löscht  mich  aus. 

Ich  schlafe  - lange  - zwei  oder  drei  Stunden  - dann  ein  Traum  - nein, 
ein  Nachtmahr  erdrosselt  mich.  Dabei  fühle  ich  ganz  genau,  daß  ich 
im  Bette  liege  und  schlafe  . . . Ich  fühle  es  und  ich  sehe  es . . . und  dabei 
fühle  ich  zugleich,  wie  jemand  auf  mich  zukommt,  mich  anstarrt, 
mich  betastet,  auf  mein  Bett  steigt,  auf  meiner  Brust  kauert,  meinen 
Hals  mit  seinen  Händen  umspannt  und  mich  würgt  . . . würgt . . . mit 
aller  Kraft,  und  mich  erdrosseln  will. 

Und  ich,  ich  wehre  mich,  aber  mich  fesselt  die  grausige  Ohnmacht, 
die  uns  im  Traume  lähmt;  ich  will  schreien  - kann  nicht  - ich  will 
mich  bewegen  - kann  nicht  - mit  fürchterlicher  Anstrengung,  keu- 
chend, versuche  ich  mich  umzudrehen  und  das  Wesen  abzuschütteln, 
das  mich  zermalmt  und  erwürgt  - kann  nicht! 

Und  jäh  wache  ich  auf,  betäubt,  schweißgebadet.  Ich  mache  Licht. 
Ich  bin  allein. 

Nach  dieser  Krisis,  die  sich  jede  Nacht  wiederholt,  schlafe  ich  dann 
endlich  ruhig,  bis  zum  Morgen. 

2.  Juni.  - Mein  Zustand  hat  sich  noch  verschlimmert.  Was  mag  mir 
fehlen?  Das  Bromkali  hilft  nicht;  die  Duschen  helfen  nicht.  Dennoch 
habe  ich,  um  meinen  ohnehin  schon  so  schwachen  Körper  zu  ermü- 
den, einen  Ausflug  zum  Roumarer  Wald  gemacht.  Anfangs  glaubte 
ich,  die  frische,  leichte,  liebliche,  vom  Duft  des  Grases  und  des  Laubes 
geschwängerte  Luft  würde  das  Blut  in  meinen  Adern  erneuern  und 
meinem  Herzen  frische  Kraft  geben.  Ich  ging  einen  breiten  Jagdweg 
und  dann  in  der  Richtung  auf  La  Bouille  durch  eine  enge  Allee,  zwi- 
schen zwei  Heerreihen  über  die  Maßen  hoher  Bäume,  die  ein  dichtes. 


130 


Der  Horla 


grünes,  nahezu  schwarzes  Dach  zwischen  den  Himmel  und  mich 
schoben. 

Plötzlich  durchrieselte  mich  ein  Schauer,  kein  Frostschauer,  sondern 
ein  merkwürdiger  Angstschauer. 

Ich  ging  schneller,  ich  fühlte  Unruhe,  ohne  Begleitung  in  diesem  Wal- 
de zu  sein;  die  tiefe  Einsamkeit  flößte  mir  unvernünftige,  törichte 
Furcht  ein.  Mit  einem  Male  war  mir,  als  folge  mir  jemand,  ginge  hin- 
ter mir,  ganz  dicht,  zum  Greifen  nahe. 

Ich  wandte  mich  jäh  um.  Ich  war  allein.  Hinter  mir  war  nichts  als  die 
gerade,  langgestreckte  Allee,  leer,  hoch,  grauenhaft  leer;  und  nach  der 
anderen  Seite  dehnte  sie  sich  ebenso  unabsehbar,  ganz  genau  so,  ent- 
setzlich. 

Ich  schloß  die  Augen.  Warum  nur?  Und  ich  fing  an,  mich  auf  den 
Hacken  um  mich  selbst  zu  drehen,  sehr  schnell,  wie  ein  Kreisel.  Ich 
strauchelte;  ich  schlug  die  Augen  auf;  die  Bäume  tanzten,  der  Boden 
schwankte,  ich  mußte  mich  hinsetzen.  Dann,  ah!  wußte  ich  nicht 
mehr,  von  welcher  Seite  ich  gekommen  war!  Bizarre  Idee!  Bizarr!  Bi- 
zarre Idee!  Ich  wußte  überhaupt  nichts  mehr.  Ich  ging  einfach  nach 
der  Seite,  die  rechts  von  mir  war,  und  dann  kam  ich  wieder  auf  den 
großen  Weg,  der  mich  mitten  in  den  Wald  geführt  hatte. 

3.  Juni.  - Die  Nacht  war  grausig.  Ich  will  für  ein  paar  Wochen  fort  von 
hier.  Eine  kleine  Reise  wird  mich  wohl  wieder  gesund  machen. 

2.  Juli.  - Wieder  daheim.  Und  genesen.  Es  war  übrigens  ein  reizender 
Ausflug.  Ich  war  auf  dem  Mont  Saint-Michel,  den  ich  noch  nicht 
kannte. 

Welche  Schau,  wenn  man,  wie  ich,  gegen  Sonnenuntergang  in  Av- 
ranches  anlangt!  Die  Stadt  liegt  auf  einem  Hügel;  ich  wurde  zum 
Stadtpark  gewiesen,  der  am  äußersten  Ende  des  Ortes  gelegen  ist.  Ich 
stieß  einen  Schrei  der  Überraschung  aus.  Vor  mir  breitete  sich,  so 
weit  das  Auge  reichte,  eine  unendlich  weite  Bucht,  zwischen  zwei  ge- 
schwungenen Küsten,  die  sich  in  der  Ferne  im  Dunst  verloren;  und 
mitten  in  dieser  ungeheuren  gelben  Bucht,  die  ein  leuchtender  Gold- 
himmel überwölbte,  stieg  aus  dem  Sande  ein  seltsamer,  düsterer,  spit- 
zer Berg  empor.  Die  Sonne  war  gerade  untergegangen,  und  auf  dem 
noch  flammendroten  Horizonte  zeichneten  sich  schwarz  die  Umrisse 
des  phantastischen  Felsens  ab,  dessen  Gipfel  ein  phantastisches  Bau- 
werk krönt. 

Ums  Frührot  ging  ich  hin.  Das  Meer  stand  tief,  wie  am  Vorabend, 
und  je  näher  ich  kam,  desto  höher  stieg  die  wundersame  Abtei  vor 


131 


Guy  de  Maupassant 


mir  auf.  Nach  ein  paar  Wanderstunden  kam  ich  bei  dem  ungeheuren 
Felsblock  an,  der  die  kleine,  von  der  großen  Kirche  überragte  Stadt 
trägt.  Nachdem  ich  die  enge,  steil  ansteigende  Straße  erklommen  hat- 
te, betrat  ich  das  herrlichste  gotische  Gebäude,  das  für  Gott  auf  Er- 
den errichtet  ward,  ausgedehnt  wie  eine  ganze  Stadt,  eine  Unzahl 
niedriger  Hallen,  erdrückt  nahezu  von  Gewölben  und  hohen  Ga- 
lerien, die  von  schlanken  Säulen  getragen  werden.  Ich  trat  ein  in  die- 
sen gigantischen  granitenen  Schrein,  der  leicht  und  licht  anmutet  wie 
ein  Spitzengewebe;  Türme  und  zierliche  Glockentürmchen,  zu  de- 
nen Wendeltreppen  emporsteigen,  erheben  sich  darauf;  in  den  blau- 
en Taghimmel  und  den  schwarzen  Nachthimmel  strecken  sie  ihre  bi- 
zarren, stachelig  mit  Schimären,  Teufelsfratzen,  Fabelwesen  und 
monströsen  Blumen  bedeckten  Häupter,  und  zierlich  gemeißelte  Bö- 
gen verbinden  sie  untereinander. 

Als  ich  ganz  oben  stand,  sagte  ich  zu  dem  mich  geleitenden  Mönche: 
»Wie  wohl  müssen  Sie  sich  hier  fühlen,  mein  Vater!« 

Er  antwortete:  »Es  ist  sehr  stürmisch,  mein  Herr«;  und  wir  begannen 
zu  plaudern  und  schauten  dabei  auf  das  Meer  hinaus,  das  über  den 
Sand  lief  und  ihn  mit  einem  stählern  schimmernden  Küraß  bedeckte. 
Und  der  Mönch  erzählte  mir  Geschichten,  all  die  alten  Historien  die- 
ser Stätte,  und  Legenden,  immer  neue  Legenden. 

Eine  darunter  fesselte  mich  ganz  besonders.  Die  Leute  dieser  Ge- 
gend, die  vom  Berge,  behaupten,  nachts  sei  im  Sande  Geflüster  zu 
hören,  und  dann  das  Gemecker  zweier  Ziegen,  die  eine  laut,  die  an- 
dere schwach.  Ungläubige  Gemüter  sagen  zwar,  es  sei  das  Geschrei 
der  Seevögel,  das  bald  wie  Meckern,  bald  wie  menschliche  Klagelau- 
te klinge;  allein  die  spät  heimkehrenden  Fischer  schwören  darauf,  sie 
hätten  in  der  Umgebung  des  weltabgelegenen  Städtchens,  zwischen 
den  Gezeiten,  einen  alten,  in  den  Dünen  umherstreifenden  Hirten 
getroffen,  dessen  Gesicht  keiner  jemals  erblickt  hätte,  weil  er  es  mit 
dem  Mantel  verhülle;  und  der  hätte  einen  Bock  mit  einem  Männer- 
antlitz und  eine  Ziege  mit  Frauenantlitz  geführt,  beide  mit  langem, 
weißem  Haar  und  unaufhörlich  in  einer  unbekannten  Sprache 
schwatzend  und  streitend,  und  plötzlich  hätten  sie  aufgehört  zu 
schreien  und  aus  Leibeskräften  gemeckert. 

Ich  fragte  den  Mönch:  »Glauben  Sie  daran?« 

Er  murmelte:  »Ich  weiß  es  nicht.« 

Ich  sprach  weiter:  »Wenn  es  auf  Erden  noch  andere  Wesen  außer  uns 
gäbe,  wie  kommt  es  dann,  daß  wir  sie  nicht  schon  seit  langem  erkannt 


132 


Der  Hmla 


haben?  Wie  kommt  es  dann,  daß  Sie  sie  noch  nicht  gesehen  haben? 
Warum  habe  ich  sie  noch  nicht  gesehen?« 

Er  antwortete:  »Sehen  wir  denn  auch  nur  den  hunderttausendsten 
Teil  von  dem,  was  ist?  Denken  Sie  doch  an  den  Wind,  der  die  gewal- 
tigste Naturkraft  ist,  der  Menschen  zu  Boden  schleudert,  Gebäude 
umstürzt,  Bäume  entwurzelt,  das  Meer  zu  Wassergebirgen  aufwühlt 
und  auftürmt,  Küsten  zerstört  und  große  Schiffe  in  die  Brandung 
schmettert,  den  Wind,  der  da  mordet,  pfeift,  seufzt,  brüllt  - aber  ha- 
ben Sie  ihn  je  gesehen,  und  vermag  man  ihn  zu  sehen?  Und  dennoch 
ist  er.« 

Gegenüber  diesen  schlichten  Worten  verstummte  ich.  Dieser  Mann 
war  ein  Weiser  oder  vielleicht  auch  ein  Narr.  Welches  von  beiden, 
wußte  ich  nicht  genau;  doch  ich  schwieg.  Was  er  da  sagte,  habe  ich  im 
stillen  oft  gedacht. 

3.  Juli.  - Ich  habe  schlecht  geschlafen;  sicherlich  liegt  hier  eine  fieberi- 
ge Ansteckung  in  der  Luft,  denn  mein  Kutscher  leidet  an  dem  glei- 
chen Übel  wie  ich  selbst.  Gestern  bereits,  bei  der  Rückkunft,  fiel  mir 
seine  merkwürdige  Blässe  auf. 

Ich  fragte  ihn:  »Was  ist  mit  Ihnen  los,  Jean?« 

»Ich  finde  keine  Ruhe  mehr,  gnädiger  Herr;  meine  Nächte  fressen 
meine  Tage.  Seit  der  Abreise  des  gnädigen  Herrn  liegt  es  auf  mir  wie 
ein  Verhängnis.« 

Aber  die  übrige  Dienerschaft  befindet  sich  wohl;  indes  fürchte  ich  nur 
zu  sehr,  daß  es  mich,  mich  wieder  packen  wird. 

4.  Juli.  - Ganz  sicher,  nun  hat  es  mich  wieder.  Das  Alpdrücken  von 
damals  kommt  wieder.  Heute  nacht  fühlte  ich,  wie  etwas  auf  mir  kau- 
erte, seinen  Mund  auf  den  meinen  preßte  und  mein  Leben  aus  mei- 
nen Lippen  sog.  Ja,  und  dann  sog  es  an  meiner  Kehle,  als  hafte  ein 
Blutegel  daran.  Dann  erhob  es  sich  und  war  satt,  und  ich  erwachte 
dermaßen  zermalmt,  zerschlagen  und  kraftlos,  daß  ich  mich  kaum  zu 
regen  vermochte.  Wenn  das  noch  ein  paar  Tage  so  weitergeht,  werde 
ich  auf  jeden  Fall  wieder  fortreisen. 

5.  Juli.  - Habe  ich  den  Verstand  verloren?  Was  mir  letzte  Nacht  wi- 
derfuhr, ist  dermaßen  seltsam,  daß  mir  ganz  wirr  wird,  wenn  ich  dar- 
an denke! 

Wie  ich  jetzt  allabendlich  zu  tun  pflege,  hatte  ich  meine  Tür  abge- 
schlossen; dann  trank  ich,  weil  ich  durstig  war,  ein  halbes  Glas  Wasser, 
und  zufällig  sah  ich,  daß  meine  Karaffe  bis  zum  kristallenen  Stöpsel 
gefüllt  war. 


133 


Guy  de  Maupassant 


Unmittelbar  danach  ging  ich  zu  Bett  und  fiel  wieder  in  jenen  entsetz- 
lichen Schlaf,  aus  dem  ich  nach  ungefähr  zwei  Stunden  durch  eine 
noch  grauenhaftere  Erschütterung  geweckt  wurde. 

Man  stelle  sich  einen  Menschen  vor,  der  im  Schlaf  ermordet  wird  und 
mit  einem  Messer  in  der  Lunge  aufwacht  und  blutüberströmt  röchelt 
und  nicht  mehr  atmen  kann  und  fühlt,  daß  er  sterben  muß  und  von 
alledem  nichts  begreift  - so  war  mir. 

Endlich  kam  ich  wieder  zu  mir;  wiederum  war  ich  durstig;  ich  zünde- 
te eine  Kerze  an  und  ging  zu  dem  Tische,  wo  meine  Karaffe  stand. 
Ich  hob  sie  und  neigte  sie  über  mein  Glas  ~ es  floß  nichts  heraus.  - Sie 
war  leer!  Sie  war  leer,  vollkommen  leer!  Zunächst  begriff  ich  nichts; 
dann,  mit  einem  Male,  kam  eine  so  furchtbare  Aufregung  über  mich, 
daß  ich  mich  hinsetzen  mußte,  oder  vielmehr,  daß  ich  in  einen  Sessel 
taumelte!  Dann  sprang  ich  mit  einem  Satz  auf  und  blickte  um  mich! 
Dann  setzte  ich  mich  wieder  hin,  schwindlig  vor  Ratlosigkeit  und 
Furcht,  und  starrte  auf  die  durchsichtige  Kristallflasche!  Ich  schaute 
sie  mit  starren  Blicken  an  und  suchte  nach  einer  Erklärung.  Meine 
Hände  bebten!  Das  Wasser  war  also  ausgetrunken?  Von  wem? 

Von  mir?  Natürlich,  von  mir!  Von  wem  sonst  sollte  es  getrunken  wor- 
den sein?  Dann  war  ich  also  Schlafwandler,  ich  lebte,  ohne  es  zu  wis- 
sen, jenes  geheimnisvolle  Doppelleben,  das  zu  der  Mutmaßung  ver- 
leitet, wir  trügen  zwei  Wesen  in  uns,  oder  ein  fremdes,  unerkennbares, 
unsichtbares  Wesen,  das  bisweilen,  wenn  unsere  Seele  starr  und  ge- 
fühllos ist,  unsern  gefesselten  Körper  belebt,  der  dann  jenem  Wesen 
gehorcht  wie  uns  selbst,  mehr  als  uns  selbst. 

Ah!  Wer  begreift  meine  erbärmliche  Angst?  Wer  begreift  die  Aufre- 
gung eines  geistig  gesunden,  vollkommen  wachen,  vernünftigen  Men- 
schen, der  furchtgeschüttelt  eine  leere  Glaskaraffe  anstarrt,  aus  der, 
während  er  schlief,  ein  wenig  Wasser  verschwand?  Und  so  saß  ich,  bis 
der  Morgen  graute,  und  wagte  nicht,  wieder  zu  Bett  zu  gehen. 

6.  Juli.  - Ich  werde  wahnsinnig.  Auch  diese  Nacht  ist  meine  Karaffe 
ausgetrunken  worden:  oder  vielmehr  ich  habe  sie  ausgetrunken! 
Aber  war  ich  es  denn?  War  ich  es  denn?  Wer  sonst?  Wer?  Oh!  Mein 
Gott!  Ich  werde  wahnsinnig!  Wer  hilft  mir? 

10.  Juli.  - Ich  habe  überraschende  Proben  angestellt. 

Ganz  sicher,  ich  bin  wahnsinnig!  Und  dennoch! 

Am  6.  Juli  habe  ich  vor  dem  Schlafengehen  Wein,  Milch,  Wasser,  Brot 
und  Erdbeeren  auf  meinen  Tisch  gestellt. 

Man  hat  - ich  habe  - das  ganze  Wasser  getrunken,  und  ein  bißchen 


134 


Der  Horla 


Milch.  Weder  der  Wein  noch  die  Erdbeeren  sind  angerührt  wor- 
den. 

Am  7.  Juli  habe  ich  die  gleiche  Probe  angestellt  und  bin  zu  dem  glei- 
chen Ergebnis  gekommen. 

Am  8.  Juli  habe  ich  Wasser  und  Milch  fortgclassen.  Alles  blieb  unbe- 
rührt. 

Schließlich  habe  ich  am  9.  Juli  nichts  als  Wasser  und  Milch  auf  mei- 
nen Tisch  gestellt,  nachdem  ich  zuvor  die  Karaffen  sorglich  mit  wei- 
ßen Mullbinden  umwickelt  und  die  Stöpsel  festgebunden  hatte.  Dann 
habe  ich  mir  Lippen,  Bart  und  Hände  mit  Graphit  geschwärzt  und 
bin  schlafen  gegangen. 

Der  unbezwingliche  Schlummer  packte  mich,  und  bald  folgte  ihm 
das  entsetzliche  Erwachen.  Ich  hatte  mich  nicht  bewegt;  meine  Laken 
zeigten  keinerlei  Flecken.  Ich  schoß  in  die  Höhe,  zum  Tische.  Der  die 
Flaschen  einhüllende  Stoff  war  fleckenlos  geblieben.  Ich  löste  die 
Knoten,  zitternd  vor  Furcht.  Das  ganze  Wasser  war  ausgetrunken! 
Ah!  Mein  Gott! 

Noch  in  dieser  Stunde  reise  ich  nach  Paris. 

12.  Juli.  - Paris.  Also  hatte  ich  während  der  letzten  Tage  wirklich 
den  Kopf  verloren!  Ich  muß  der  Spielball  meiner  überhitzten  Phan- 
tasie gewesen  sein,  sofern  ich  nicht  tatsächlich  Schlafwandler  bin 
oder  einem  jener  notorischen,  indes  einstweilen  noch  unerklärlichen 
Einflüsse  unterstehe,  die  man  Suggestionen  nennt.  Jedenfalls  aber 
grenzte  meine  Aufregung  schon  hart  an  Dementia;  jedoch  vier- 
undzwanzig Stunden  Paris  haben  genügt,  mich  mir  selbst  wiederzu- 
geben. 

Nach  verschiedenen  Besuchen  und  Gängen,  die  meine  Seele  mit  fri- 
scher und  belebender  Luft  durchströmten,  habe  ich  den  gestrigen 
Abend  im  Theätre  Frangais  beschlossen.  Es  wurde  ein  Stück  des  jün- 
geren Alexandre  Dumas  gegeben,  und  dieser  regsame  und  kraftvolle 
Geist  machte  mich  wohl  vollends  gesund.  Natürlich  ist  Einsamkeit 
gefährlich  für  Geistesarbeiter.  Wir  müssen  denkende  und  sprechende 
Menschen  um  uns  haben.  Wenn  wir  lange  allein  sind,  bevölkern  wir 
die  Leere  mit  Phantomen. 

Heiterster  Laune  ging  ich  über  die  Boulevards  zum  Hotel  zurück.  Im 
schiebenden  Gewühl  der  Menge  gedachte  ich,  nicht  ohne  Ironie, 
meiner  Ängste  und  Befürchtungen  der  verflossenen  Woche;  denn  ich 
hatte  geglaubt,  ja,  wahrhaftig,  ich  hatte  geglaubt,  ein  unsichtbares 
Wesen  hause  unter  meinem  Dache.  Wie  schwach  und  verstört  ist 


135 


Guy  de  Maupassant 


doch  unser  Sinn,  wie  leicht  geht  er  in  die  Irre,  wenn  nur  ein  winziges 
unbegreifliches  Ereignis  uns  verblüfft! 

Anstatt  mit  simplen  Worten  den  Schluß  zu  ziehen: 

»Ich  verstehe  es  nicht,  weil  sich  die  Ursache  meiner  Kenntnis  ent- 
zieht«, phantasieren  wir  sogleich  von  entsetzlichen  Geheimnissen 
und  übernatürlichen  Kräften. 

14.  Juli.  - Fest  der  Republik.  Ich  schleuderte  durch  die  Straßen.  An 
den  Kanonenschlägen  und  Fahnen  hatte  ich  kindliche  Freude.  Indes- 
sen ist  es  recht  blöd,  an  einem  festgesetzten  Tage  auf  Anordnung  der 
Regierung  fröhlich  zu  sein.  Das  Volk  ist  eine  Hammelherde,  bald  ge- 
duldig bis  zum  Stumpfsinn,  bald  aufrührerisch  bis  zum  Rasen.  Man 
sagt  ihm:  »Amüsiere  dich!«  Und  es  amüsiert  sich.  Man  sagt  ihm: 
»Schlag  dich  mit  deinem  Nachbar!«  Und  es  schlägt  sich.  Dann  sagt 
man  ihm:  »Stimme  für  die  Republik!«  Und  es  stimmt  für  die  Repu- 
blik. 

Die  es  leiten,  sind  genau  so  dumm;  nur  daß  sie  nicht  Menschen  Ge- 
folgschaft leisten,  sondern  Prinzipien,  die  von  vornherein  albern,  ste- 
ril und  falsch  sein  müssen,  eben  weil  sie  Prinzipien  sind,  das  heißt 
Ideen,  die  in  dem  Ruf  der  Unbedingtheit  und  Unveränderlichkeit  ste- 
hen in  dieser  Welt,  darinnen  nichts  unbedingt  und  sicher  ist;  denn 
selbst  das  Licht  ist  nur  eine  Illusion;  denn  selbst  der  Schall  ist  nur  eine 
Illusion. 

16.  Juli.  - Gestern  habe  ich  Dinge  gesehen,  die  mich  arg  verwirrt  ha- 
ben. 

Ich  dinierte  bei  Frau  Sable,  meiner  Cousine,  deren  Gatte  Komman- 
deur des  76.  Jägerregiments  in  Limoges  ist.  Außer  mir  waren  zwei 
junge  Damen  dort,  deren  eine  mit  einem  Arzt  verheiratet  ist,  einem 
Doktor  Parent.  Er  hat  sich  besonders  mit  Nervenkrankheiten  und  je- 
nen absonderlichen  Erscheinungen  befaßt,  die  jüngst  bei  hypnoti- 
schen und  Suggestionsexperimenten  zutage  getreten  sind. 

Er  erzählte  des  langen  und  breiten  von  den  wunderbaren  Ergebnis- 
sen, zu  denen  englische  Gelehrte  und  die  Mediziner  der  Schule  von 
Nancy  gelangt  sind. 

Die  von  ihm  vorgebrachten  Tatsachen  erschienen  mir  dermaßen  bi- 
zarr, daß  ich  rund  heraus  erklärte,  ich  glaubte  von  alledem  kein  Wort. 
»Wir  stehen«,  so  versicherte  er,  »unmittelbar  vor  der  Lösung  eines  der 
wichtigsten  Rätsel  der  Natur  oder,  besser  gesagt,  eines  der  wichtigsten 
Rätsel  dieser  Erde;  denn  gewiß  gibt  es  noch  andere,  wichtigere,  über 
den  Sternen.  Seit  der  Mensch  zu  denken  und  seinen  Gedanken  durch 


136 


Der  Hork 


Wort  und  Schrift  Ausdruck  zu  geben  vermag,  fühlt  er  sich  von  einem 
Geheimnis  umgeben,  das  seine  plumpen  und  unvollkommenen  Sin- 
neswerkzeuge nicht  durchdringen  können,  und  dann  versucht  er 
durch  den  Verstand  wettzumachen,  was  die  Organe  ihm  versagen. 
Solange  der  Verstand  noch  sozusagen  in  den  Kinderschuhen  steckte, 
hat  die  Qual,  welche  jene  unsichtbaren  Phänomene  auslösten,  wahr- 
haft erschreckende  Formen  angenommen.  So  entstand  der  Volksglau- 
be an  übernatürliche  Dinge,  so  entstanden  die  Märchen  von  schwei- 
fenden Geistern,  Feen,  Gnomen,  Wiedergängern  oder  Gongern,  ja, 
ich  möchte  sagen:  so  entstand  das  Märchen  von  Gott;  denn  unsere 
Begriffe  vom  Weltenschöpfer,  mögen  sie  stammen  aus  welcher  Religi- 
on sie  wollen,  sind  nichts  als  höchst  armselige,  höchst  törichte  und 
unzulängliche  Ausgeburten  schreckgeschlagener  Menschenhirne. 
Voltaires  Wort  ist  nur  zu  wahr:  »Gott  schuf  den  Menschen  nach  sei- 
nem Bilde,  aber  der  Mensch  hat  es  ihm  heimgezahlt. «< 

Doch  seit  einem  Jahrhundert,  oder  eigentlich  schon  seit  etwas  länge- 
rer Zeit,  ist  man,  wie  mich  dünkt,  etwas  durchaus  Neuem  auf  der 
Spur.  Mesmer  und  dieser  und  jener  andere  haben  uns  ungeahnte 
Wege  gewiesen,  und  tatsächlich  sind  wir,  und  zumal  während  der  letz- 
ten vier  oder  fünf  Jahre,  zu  überraschenden  Ergebnissen  gekommen. 
Meine  gleichfalls  recht  ungläubige  Cousine  lächelte.  Da  sagte  Doktor 
Patent  zu  ihr:  »Soll  ich  einmal  versuchen,  Sie  einzuschläfern,  gnädige 
Frau?« 

»O  ja,  gern.« 

Sie  nahm  auf  einem  Sessel  Platz,  und  er  begann  mit  der  Behexung, 
indem  er  sie  starr  ansah.  Unvermittelt  fühlte  ich  mich  ein  wenig  ver- 
wirrt, mein  Herz  pochte  heftig,  die  Kehle  war  mir  wie  zugeschnürt. 
Ich  sah,  wie  Frau  Sables  Lider  schwer  wurden,  wie  ihr  Mund  sich 
zusammenzog,  wie  sie  schwerer  und  schwerer  atmete. 

Nach  zehn  Minuten  schlief  sie. 

»Setzen  Sie  sich  hinter  sie«,  sagte  der  Arzt. 

Und  ich  setzte  mich  hinter  sie.  Er  gab  ihr  eine  Visitenkarte  in  die 
Hand  und  sagte  dabei:  »Hier  haben  Sie  einen  Spiegel;  was  sehen  Sie 
darin?« 

Sie  antwortete:  »Meinen  Vetter  sehe  ich.« 

»Was  tut  er?« 

»Er  dreht  seinen  Schnurrbart.« 

»Und  jetzt?« 

»Er  nimmt  eine  Photographie  aus  der  Tasche.« 


137 


Gu)>  de  Maupassant 


»Wen  stellt  diese  Photographie  dar?« 

»Ihn  selbst.« 

Und  das  stimmte.  Jene  Photographie  war  mir  am  nämlichen  Abend 
erst  ins  Hotel  geschickt  worden. 

»Welche  Haltung  hat  er  auf  der  Photographie?« 

»Er  steht  und  hält  den  Hut  in  der  Hand.« 

So  sah  sie  also  wirklich  in  dieser  Karte,  diesem  Stückchen  weißen  Pa- 
piers, als  wäre  es  ein  Spiegel. 

Die  jungen  Damen  waren  entsetzt  und  flüsterten: 

»Aufhören!  Aufhören!  Aufhören!« 

Doch  der  Doktor  befahl  ihr;  »Sie  werden  morgen  früh  um  acht  Uhr 
aufstehen;  dann  werden  Sie  zu  Ihrem  Herrn  Vetter  ins  Hotel  gehen 
und  ihn  inständig  bitten.  Ihnen  fünftausend  Franken  zu  leihen;  Ihr 
Herr  Gemahl  fordere  sie  von  Ihnen;  er  brauche  sie  für  seine  nächste 
Reise.« 

Dann  ließ  er  sie  aufwachen. 

Als  ich  zum  Hotel  zurückging,  überdachte  ich  die  Geschehnisse  bei 
dieser  merkwürdigen  Seance,  und  plötzlich  stiegen  allerlei  Zweifel  in 
mir  auf  Zwar  setzte  ich  keinerlei  Mißtrauen  in  die  absolut  über  jeden 
Verdacht  erhabene  Gutgläubigkeit  meiner  Cousine,  die  ich  seit  Kind- 
heitstagen kenne  wie  eine  Schwester;  aber  ein  hinterlistiger  Streich 
des  Doktors  schien  mir  durchaus  im  Bereich  der  Möglichkeit  zu  lie- 
gen. Konnte  er  nicht  vielleicht  einen  Spiegel  in  der  Hand  gehabt  und 
ihn  der  Schlafenden  zugleich  mit  der  Visitenkarte  gezeigt  haben?  Be- 
rufszauberkünstler bringen  noch  weit  schwierigere  Dinge  zuwege. 
Unter  solcherlei  Erwägungen  kam  ich  heim  und  legte  mich  schlafen. 
Aber  heute  morgen  um  halb  neun  Uhr  weckte  mich  mein  Diener  und 
sagte:  »Frau  Sable  wünscht  den  gnädigen  Herrn  sogleich  zu  spre- 
chen.« 

Ich  kleidete  mich  schleunigst  an  und  ließ  sie  eintreten.  Mit  allen  Zei- 
chen der  Verwirrung  nahm  sie  Platz,  hielt  den  Blick  gesenkt,  hob  den 
Schleier  nicht  auf  und  sagte:  »Lieber  Vetter,  ich  möchte  dich  um  eine 
sehr  große  Gefälligkeit  bitten.« 

»Um  was  handelt  es  sich  denn?« 

»Es  ist  mir  sehr  peinlich,  dir  damit  zu  kommen;  aber  ich  weiß  keinen 
Rat.  Ich  brauche,  und  zwar  um  jeden  Preis,  fünftausend  Franken.« 
»Nanu!« 

»Ja,  ja,  das  heißt:  nicht  ich,  sondern  mein  Mann.  Er  hat  mir  befohlen, 
sie  aufzutreiben.« 


138 


Der  Horla 


Ich  war  dermaßen  verblüfft,  daß  ich  irgendeine  Antwort  stotterte.  Ich 
fragte  mich,  ob  sie  sich  nicht  dennoch  im  Einverständnis  mit  Doktor 
Parent  über  mich  lustig  mache,  ob  das  Ganze  nicht  eine  im  voraus 
abgekartete  und  äußerst  geschickt  in  Szene  gesetzte  Komödie  sei. 
Aber  als  ich  sie  dann  aufmerksam  anschaute,  zerstoben  meine  Zwei- 
fel. Sie  zitterte  vor  Angst,  solche  Qual  bereitete  ihr  dieses  Unterfan- 
gen, und  ich  sah  deutlich,  daß  sie  dem  Weinen  nahe  war. 

Ich  wußte,  daß  sie  sehr  reich  war,  und  so  erwiderte  ich:  »Wie,  dein 
Mann  hat  nicht  lumpige  fünftausend  Franken  flüssig?  Überleg  doch 
einmal!  Weißt  du  wirklich  ganz  genau,  daß  er  dich  beauftragt  hat, 
mich  darum  zu  bitten?« 

Einige  Sekunden  war  sie  unschlüssig,  und  es  war,  als  dächte  sie  unter 
Qualen  nach;  dann  antwortete  sie: 

»Ja  ...  ja  ...  ich  weiß  es  ganz  genau.« 

»Hat  er  dir  denn  geschrieben?« 

Abermals  zögerte  sie  und  dachte  nach.  Ich  sah  förmlich,  wie  ihr  ge- 
martertes Gehirn  arbeitete.  Sie  wußte  es  nicht.  Sie  wußte  einzig,  daß 
sie  für  ihren  Gatten  fünftausend  Franken  von  mir  leihen  sollte.  Und 
da  bediente  sie  sich  sogar  einer  Lüge:  »Ja,  er  hat  geschrieben.« 
»Wann  denn?  Gestern  hast  du  mir  kein  Wort  davon  gesagt.« 

»Der  Brief  ist  erst  heute  morgen  angekommen.« 

»Dürfte  ich  ihn  wohl  sehen?« 

»Nein  . . . nein  ...  es  steht  zu  Intimes . . . allzu  Persönliches  darin  ...  ich 
habe  ihn  ...  ich  habe  ihn  verbrannt.« 

»Dann  macht  dein  Mann  also  Schulden?« 

Wiederum  zögerte  sie,  um  dann  ganz  leise  zu  sagen: 

»Ich  weiß  es  nicht.« 

Da  erklärte  ich  barsch:  »Liebe  Cousine,  ich  habe  im  Augenblick  keine 
fünftausend  Franken  bei  der  Hand.« 

Sie  schrie  gequält  auf 

»Oh,  bitte,  bitte,  verschaff  sie  mir  doch  ...« 

Sie  wurde  ganz  aufgeregt,  sie  rang  die  Hände  und  streckte  sie  mir 
gleichsam  flehend  entgegen!  Ihre  Stimme  klang  mit  einem  Male  völ- 
lig verändert;  sie  weinte  und  stammelte,  gemartert,  unter  dem  Zwan- 
ge des  ihr  zuteil  gewordenen  unabweislichen  Befehls. 

»Oh!  Oh!  Ich  flehe  dich  an  ...  wenn  du  wüßtest,  was  ich  leiden  muß 
. . . ich  muß  das  Geld  heute  haben.« 

Ich  empfand  Mitleid  mit  ihr. 

»Du  sollst  es  bald  bekommen;  ich  verspreche  es  dir.« 


139 


Guy  de  Maupassant 


Sie  rief:  »Oh!  Danke!  Danke!  Wie  gut  du  doch  bist.«  Ich  fragte  sie: 
»Weißt  du  eigentlich  noch,  was  gestern  bei  dir  geschehen  ist?« 

»Ja.« 

»Erinnerst  du  dich,  daß  Doktor  Parent  dich  hypnotisiert  hat?« 

»Ja.« 

»Nun,  und  da  hat  er  dir  befohlen,  heute  morgen  zu  mir  zu  kommen 
und  fünftausend  Franken  von  mir  zu  borgen,  und  jetzt  stehst  du  ganz 
einfach  unter  dem  Zwange  dieser  Suggestion.« 

Sie  dachte  ein  paar  Augenblicke  nach  und  erwiderte  dann:  »Aber 
mein  Mann  fordert  ja  doch  das  Geld!« 

Eine  geschlagene  Stunde  lang  versuchte  ich,  sie  zu  überzeugen;  allein 
ich  hatte  nicht  den  geringsten  Erfolg. 

Als  sie  fort  war,  eilte  ich  zu  Doktor  Parent.  Er  wollte  gerade  ausgehen; 
nachdem  er  mir  lächelnd  zugehört  hatte,  sagte  er:  »Sind  Sie  nun  be- 
kehrt?« 

»Ja,  es  bleibt  mir  wohl  nichts  anderes  übrig.« 

»Dann  wollen  wir  zu  Ihrer  Verwandten  gehen.« 

Sie  lag  erschöpft,  im  Halbschlaf,  auf  einem  Ruhebett.  Der  Arzt  fühlte 
ihr  den  Puls,  sah  sie  eine  Weile  an  und  streckte  seine  Hand  gegen  ihre 
Augen  aus,  die  sich  unter  dem  unwiderstehlichen  Einfluß  der  magne- 
tischen Kraft  langsam  schlossen. 

Als  sie  schlief,  sagte  er:  »Ihr  Gatte  braucht  die  fünftausend  Franken 
nicht  mehr.  Nun  müssen  Sie  vergessen,  daß  Sie  sie  von  ihrem  Herrn 
Vetter  haben  leihen  wollen,  und  wenn  er  danach  fragt,  ist  Ihnen  das 
ganz  unverständlich.« 

Dann  ließ  er  sie  aufwachen.  Ich  zog  meine  Brieftasche:  »Hier,  liebe 
Cousine,  ist,  was  du  heute  morgen  von  mir  erbeten  hast.« 

Sie  war  dermaßen  überrascht,  daß  ich  nicht  weiter  in  sie  zu  dringen 
wagte.  Allein  ich  versuchte,  ihrem  Gedächtnis  nachzuhelfen;  doch  sie 
leugnete  auf  das  hartnäckigste,  glaubte,  ich  triebe  meinen  Scherz  mit 
ihr  und  wurde  schließlich  sogar  ärgerlich. 

Ja,  da  sitze  ich  denn  wieder  im  Hotel,  und  ich  habe  nicht  einmal  früh- 
stücken können,  so  sehr  hat  mich  dieses  Experiment  aus  der  Fassung 
gebracht. 

19.  Juli.  - Viele  Leute,  denen  ich  diese  Abenteuer  erzählt  habe,  haben 
mich  ausgelacht.  Ich  weiß  nicht  mehr,  was  ich  denken  soll.  Der  Weise 
sagt:  »Vielleicht!« 

2 1 . Juli.  - Ich  habe  in  Bougival  diniert  und  war  nachher  auf  dem 


140 


Der  Horla 


Rudererball.  Ganz  sicher  hängt  alles  von  Ort  und  Umständen  ab. 
Auf  der  Grenouillere-Insel  an  Übernatürliches  glauben,  das  wäre  der 
Gipfel  der  Narrheit  . . . aber  oben  auf  dem  Saint-Michel?  . . . oder  in 
Indien?  Es  ist  entsetzlich,  wie  abhängig  wir  von  unserer  Umgebung 
sind.  Nächste  Woche  will  ich  heimreisen. 

30.  Juli.  - Seit  gestern  wieder  in  meinem  Hause.  Alles  in  Ordnung. 

2.  August.  - Nichts  Neues;  das  Wetter  ist  über  die  Maßen  schön.  Den 
ganzen  Tag  sitze  ich  und  schaue  auf  die  vorüberfließende  Seine. 

4.  August.  - Stänkereien  unter  den  Dienstboten.  Sie  behaupten, 
nachts  würden  in  den  Schränken  die  Gläser  zerbrochen.  Der  Diener 
gibt  der  Köchin  die  Schuld,  die  sagt,  die  Waschfrau  sei  es  gewesen, 
und  die  schiebt  es  auf  jemand  anders.  Wer  hat  es  nun  getan?  Ach, 
hol‘s  dieser  und  jener! 

6.  August.  - Diesmal  bin  ich  nicht  wahnsinnig.  Ich  hab‘s  gesehen  . . . 
ich  hab‘s  gesehen  ...  ich  hab‘s  gesehen  ...I  Nun  ist  kein  Zweifel  mehr 
möglich  ...,  ich  hab‘s  gesehen  ...1  Noch  überläuft  es  mich  kalt  bis  in 
die  Fingerspitzen  . . . noch  schaudert  mich  bis  ins  Mark  - ich  hab‘s 
gesehen  . . . ! 

Im  vollen  Sonnenschein  schleuderte  ich  um  zwei  Uhr  zwischen  mei- 
nen Rosenbeeten  . . . durch  die  Herbstrosenallee;  sie  fangen  gerade  an 
zu  blühen. 

Als  ich  stehenblieb  und  einen  Stock  »Geant  des  Batailles«  betrachte- 
te, der  drei  herrliche  Blüten  trug,  sah  ich,  sah  ich  ganz  deutlich,  un- 
mittelbar vor  meinen  Augen,  daß  der  Stengel  einer  der  Rosen  sich 
bog,  wie  wenn  eine  unsichtbare  Hand  an  ihm  zerrte,  und  dann  knick- 
te, wie  wenn  ebenjene  Hand  die  Rose  pflückte!  Dann  stieg  die  Blume 
in  die  Höhe  und  beschrieb  dabei  einen  Bogen,  als  führe  ein  Arm  sie 
an  einen  Mund,  und  dann  hing  sie  in  der  durchsichtigen  Luft,  ganz 
frei,  unbeweglich,  ein  schauerlicher  roter  Fleck,  drei  Schritte  vor  mei- 
nen Augen. 

Außer  mir  stürzte  ich  mich  auf  sie  und  griff  nach  ihr!  Nichts;  sie  war 
verschwunden.  Da  wütete  ich  wild  wider  mich  selbst,  denn  ein  ver- 
nünftiger, ernsthafter  Mensch  darf  doch  nicht  dergleichen  Halluzina- 
tionen haben! 

Aber  war  es  auch  wirklich  eine  Halluzination?  Ich  wandte  mich  und 
suchte  nach  dem  Stengel,  und  sogleich  entdeckte  ich  ihn  an  dem 
Stückchen,  frisch  gebrochen,  zwischen  den  beiden  andern  Rosen,  die 
noch  an  ihren  Zweigen  saßen. 

Dann  ging  ich,  verstört  bis  ins  Innerste,  ins  Haus;  denn  jetzt  weiß  ich 


141 


Guy  de  Maupassant 


bestimmt,  so  bestimmt  wie  Tag  und  Nacht  einander  ablösen,  daß  in 
meiner  Nähe  ein  unsichtbares  Wesen  existiert,  das  sich  von  Milch  und 
Wasser  nährt,  das  Dinge  zu  berühren,  zu  ergreifen  und  fort- 
zubewegen vermag;  und  deshalb  muß  es  körperlicher  Natur  sein,  ob- 
wohl es  für  unsere  Sinne  nicht  wahrnehmbar  ist,  und  es  hat  eine  Woh- 
nung, wie  ich,  es  wohnt  unter  meinem  Dache. 

7.  August,  - Ich  habe  ruhig  geschlafen.  Es  hat  Wasser  aus  meiner 
Karaffe  getrunken,  aber  meinen  Schlaf  hat  es  nicht  gestört. 

Ich  überlege,  ob  ich  wahnsinnig  bin.  Bei  einem  Spaziergang  am  Fluß- 
ufer, im  hellen  Sonnenschein,  habe  ich  an  meiner  Vernunft  zu  zwei- 
feln begonnen,  nicht  nur  von  ungefähr,  wie  bislang,  sondern  ganz  klar 
und  deutlich.  Ich  habe  Wahnsinnige  gesehen;  ich  habe  Wahnsinnige 
gekannt,  die  vernünftig,  scharfsichtig,  klarblickend  waren  in  allen  Le- 
bensdingen, bis  auf  einen  Punkt.  Über  alles  mögliche  redeten  sie 
ganz  klar,  beweglich  oder  tiefsinnig;  aber  wenn  ihre  Gedanken  dann 
plötzlich  auf  die  Klippe  ihrer  Wahnvorstellung  stießen,  dann  zer- 
schellten sie  und  trieben  hin  auf  jenem  fürchterlichen,  wüsten  Ozean 
voll  brausender  Wogen,  Nebel  und  Wirbelstürme,  »Dementia«  gehei- 
ßen. 

Sicherlich  müßte  ich  mich  für  wahnsinnig,  für  völlig  wahnsinnig  hal- 
ten, wenn  ich  meiner  nicht  bewußt,  wenn  ich  mir  nicht  durchaus  klar 
wäre  über  meinen  Zustand,  wenn  ich  ihn  nicht  mit  schärfster  Deut- 
lichkeit zu  sondieren  und  zu  analysieren  vermöchte.  Also  litte  ich  im 
Grunde  wohl  doch  nur  an  Halluzinationen  und  wäre  im  übrigen  ver- 
nünftig. Irgendeine  unbekannte  Störung  wäre  in  meinem  Gehirn  vor 
sich  gegangen,  eine  jener  Störungen,  welche  die  heutige  Psychiatrie 
auf  das  genaueste  festzustellen  und  zu  kontrollieren  bemüht  ist;  und 
diese  Störung  hätte  in  meinem  Geist,  in  der  logischen  Folge  meiner 
Ideen  einen  tiefen  Riß  verursacht.  Ähnliche  Phänomene  vollziehen 
sich  im  Traume,  der  uns  zwischen  den  unwahrscheinlichsten  Gaukel- 
bildern hindurchgeleitet,  ohne  daß  uns  das  im  geringsten  wundert, 
weil  der  Kontrollapparat,  weil  der  nachprüfende  Sinn  ausgeschaltet 
ist,  wohingegen  die  Phantasiekräfte  wach  sind  und  arbeiten.  Könnte 
es  nicht  sein,  daß  eine  der  nicht  wahrnehmbaren  Tasten  meiner 
Gehirnklaviatur  lahmgelegt  ist?  Bisweilen  verlieren  Leute  durch  ei- 
nen Unfall  das  Gedächtnis  für  Eigennamen  oder  Zeitwörter  oder  Zif- 
fern oder  bloß  für  Jahreszahlen.  Die  einzelnen  Gebiete  des  Denkens 
sind  lokalisiert;  das  gilt  heute  als  bewiesen.  Da  wäre  es  doch  nicht 
weiter  absonderlich,  wenn  meine  Fähigkeit,  mir  über  das  Unwirkliche 


142 


Der  Horla 


gewisser  Halluzinationen  Rechenschaft  abzulegen,  in  diesem  Augen- 
blick abgedrosselt  wäre! 

Über  all  das  dachte  ich  nach,  während  ich  am  Flußufer  entlangging. 
Die  Sonne  leuchtete  auf  dem  Wasser;  ihr  Licht  verwandelte  die  Erde 
zu  etwas  Köstlichem;  es  machte,  daß  ich  mit  Blicken  der  Liebe  auf  das 
Leben  schaute,  auf  die  Schwalben,  deren  Behendigkeit  mich  erfreut, 
auf  das  Gras  am  Ufer,  dessen  Rauschen  meinem  Ohre  Wohltat  ist. 
Doch  allmählich  kroch  ein  unerklärliches  Unbehagen  in  mir  hoch. 
Eine  Gewalt,  so  schien  es  mir,  eine  okkulte  Gewalt  würgte  mich,  hielt 
mich  fest,  hinderte  mich  am  Weitergehen,  wies  mich  zurück.  Ich 
empfand  ein  schmerzliches  Bedürfnis  umzukehren,  wie  es  uns  über- 
kommt, wenn  wir  daheim  einen  geliebten  Kranken  wissen  und  ah- 
nen, daß  sein  Leiden  sich  verschlimmert  habe. 

So  kehrte  ich  denn  wider  Willen  um,  in  der  festen  Meinung,  daheim 
eine  unwillkommene  Nachricht  vorzufinden,  einen  Brief  oder  ein 
Telegramm.  Natürlich  war  das  nicht  der  Fall,  und  das  machte  mich 
noch  unruhiger,  noch  bestürzter,  als  wäre  mir  abermals  eine  phanta- 
stische Vision  zuteil  geworden. 

8.  August.  “ Der  gestrige  Abend  war  fürchterlich.  Es  manifestiert  sich 
nicht  mehr;  aber  ich  fühle  es  neben  mir,  wie  es  mich  ausspioniert, 
mich  anblickt,  mich  durchdringt,  über  mich  Gewalt  gewinnt,  was,  da 
es  im  Verborgenen  geschieht,  noch  weit  grauenhafter  ist,  als  wenn  es 
durch  übernatürliche  Phänomene  seine  unsichtbare,  beständige  Ge- 
genwart ankündigte. 

Aber  dennoch  habe  ich  geschlafen. 

9.  August.  - Nichts,  aber  ich  habe  Angst. 

10.  August.  - Nichts;  ob  es  wohl  morgen  kommt? 

1 1 . August.  - Noch  immer  nichts;  aber  ich  vermag  es  hier  nicht  länger 
auszuhalten  mit  den  Ängsten  und  Gedanken,  die  in  meiner  Seele 
wühlen;  ich  will  verreisen. 

1 2.  August.  - Zehn  Uhr  abends.  — Den  ganzen  Tag  über  habe  ich 
fortgehen  wollen;  allein  ich  konnte  es  nicht.  Ich  habe  diesen  so  leich- 
ten, so  einfachen  Akt  der  Befreiung  vollziehen  wollen  - hinausgehen 
- in  meinen  Wagen  steigen  - nach  Rouen  fahren  - allein  ich  konnte  es 
nicht.  Warum? 

1 3.  August.  Wenn  man  an  gewissen  Krankheiten  leidet,  scheinen  alle 
Hilfsmittel  unseres  Körpers  erschöpft,  alle  Energien  gelähmt,  alle 
Muskeln  erschlafft,  alle  Knochen  weich  wie  Fleisch  und  das  Fleisch 
flüssig  wie  Wasser.  In  meinem  moralischen  Sein  vollzieht  sich  das 


143 


Guy  de  Maupassant 


nämliche  in  seltsamer  und  trostloser  Weise.  Ich  habe  keine  Kraft,  kei- 
nen Mut,  keine  Selbstbeherrschung  mehr,  nicht  einmal  die  Fähigkeit, 
meinen  Willen  zu  betätigen.  Ich  kann  nicht  mehr  wollen;  aber  irgend 
etwas  in  mir  will  statt  meiner;  und  ich  gehorche. 

1 4.  August.  - Ich  bin  verloren!  Irgendjemand  hat  Besitz  ergriffen  von 
meiner  Seele  und  beherrscht  sie!  Irgend  jemand  schreibt  mir  jede 
Handlung,  jede  Bewegung,  jeden  Gedanken  vor.  Ich  bin  nicht  mehr 
ich  selbst,  ich  bin  nur  noch  ein  versklavter  Zuschauer;  ich  bin  entsetzt 
über  alles,  was  ich  tue.  Ich  möchte  hinausgehen.  Ich  kann  es  nicht.  Er 
will  es  nicht;  und  so  bleibe  ich  denn,  fassungslos,  schlotternd,  in  dem 
Sessel,  wo  er  mir  zu  sitzen  befiehlt.  Nur  aufstehen  möchte  ich,  mich 
erheben,  um  zu  glauben,  daß  ich  noch  Herr  meiner  selbst  bin.  Ich 
kann  es  nicht!  Ich  bin  an  den  Stuhl  gebannt;  und  der  Stuhl  haftet  am 
Boden,  und  keine  Macht  der  Welt  vermöchte  uns  von  der  Stelle  zu 
bewegen. 

Dann,  ganz  plötzlich,  muß,  muß,  muß  ich  in  den  Garten  gehen  und 
Erdbeeren  pflücken  und  sie  essen.  Und  ich  gehe  auch.  Und  ich  pflük- 
ke  Erdbeeren  und  ich  esse  sie!  Oh!  Mein  Gott!  Mein  Gott!  Mein  Gott! 
Gibt  es  einen  Gott?  Wenn  du  bist,  Gott,  befreie  mich!  Hilf  mir!  Rette 
mich!  Gnade!  Mitleid!  Erbarmen!  O diese  Qual,  diese  Marter,  diese 
Angst! 

15.  August.  - Ja,  so  ist  es.  Genauso  war  meine  arme  Cousine  besessen, 
als  sie  kam  und  fünftausend  Franken  von  mir  leihen  wollte.  Sie  unter- 
stand einem  fremden  Willen,  der  in  sie  gedrungen  war  wie  eine  zweite 
Seele,  wie  eine  zweite  schmarotzende,  gewalttätige  Seele.  Steht  der 
Weltuntergang  bevor? 

Aber  der  mich  beherrscht,  wer  ist  er,  der  Unsichtbare,  der  Unerkenn- 
bare, der  Schweifende  übernatürlichen  Geschlechtes? 

Denn  die  Unsichtbaren  leben!  Aber  warum  haben  sie  sich  dann  nicht 
schon  seit  der  Erschaffung  der  Welt  auf  eine  so  untrügliche  Weise 
kundgetan  wie  jetzt  bei  mir?  Niemals  habe  ich  etwas  gelesen  wie  das, 
was  mir  in  meiner  Wohnung  geschehen  ist.  Oh!  Könnte  ich  sie  doch 
verlassen,  könnte  ich  fortziehen,  fliehen,  ohne  wiederzukehren!  Dann 
wäre  ich  gerettet  - aber  ich  kann  es  nicht. 

16.  August.  - Heute  habe  ich  für  zwei  Stunden  entwischen  können, 
wie  ein  Gefangener,  der  zufällig  die  Tür  seines  Kerkers  offen  findet. 
Ich  habe  plötzlich  gefühlt,  daß  ich  frei,  daß  er  fort  war.  Ich  habe 
schnell  anspannen  lassen  und  bin  nach  Rouen  gefahren.  Ach,  die 
Lust,  einem,  der  gehorcht,  sagen  zu  können:  »Nach  Rouen!« 


144 


— Der  Horla 


Ich  ließ  vor  der  Bibliothek  halten  und  entlieh  die  umfangreiche  Ab- 
handlung des  Doktors  Hermann  Herestauß  über  die  unbekannten 
Weltbewohner  in  Altertum  und  Neuzeit. 

Dann,  in  dem  Augenblick,  wo  ich  wieder  in  meinen  Wagen  stieg, 
wollte  ich  sagen:,  »Zum  Bahnhof!«  und  statt  dessen  schrie  ich  - ich 
sagte  nicht:  ich  schrie  -,  und  zwar  so  laut,  daß  die  Vorübergehenden 
sich  umwandten:  »Nach  Hause!«,  und  dann  taumelte  ich,  halb  ver- 
rückt vor  Angst,  in  die  Wagenpolster.  Er  hatte  mich  gefunden  und 
aufs  neue  gepackt. 

1 7.  August.  - Ach,  diese  Nacht!  Diese  Nacht!  Und  dennoch  müßte  ich 
mich  eigentlich  freuen.  Bis  ein  Uhr  nachts  las  ich!  Hermann 
Herestauß,  Doktor  der  Philosophie  und  Theogonie,  hat  Geschichte 
und  Seinsbekundungen  aller  unsichtbaren  Wesen  beschrieben,  die 
den  Menschen  umschweben  oder  seinen  Träumen  entsprungen  sind. 
Er  schildert  ihre  Herkunft,  ihren  Machtbereich,  ihre  Kräfte.  Aber  un- 
ter ihnen  allen  ist  kein  einziges  dem  ähnlich,  was  mich  peinigt.  Man 
möchte  meinen,  daß  der  Mensch,  solange  er  denkt,  ein  neues  Wesen 
geahnt  und  gefürchtet  habe,  eins,  das  stärker  ist  als  er,  das  hienieden 
seine  Nachfolge  antreten  wird;  und  der  Mensch,  der  das  Nahen  seines 
Meisters  fühlt,  ohne  dessen  Natur  erkennen  zu  können,  hat  nun  in 
seinem  Entsetzen  das  ganze  phantastische  Volk  okkulter  Wesen,  ne- 
belhafter Phantome  geschaffen,  die  nichts  sind  als  Ausgeburten  der 
Furcht, 

Nachdem  ich  also  bis  ein  Uhr  nachts  gelesen  hatte,  setzte  ich  mich  ans 
offene  Fenster  und  kühlte  meine  Stirn  und  erfrischte  meine  Gedan- 
ken im  ruhevollen  Nachtwind. 

Die  Nacht  war  schön  und  lau.  Wie  habe  ich  früher  Nächte  gleich 
dieser  geliebt! 

Kein  Mondschein.  Funkelnd  und  zitternd  standen  die  Sterne  auf 
einem  schwarzen  Himmel.  Wer  mag  auf  diesen  Welten  wohnen? 
Welche  Gestalten,  welche  Lebewesen,  welche  Tiere,  welche 
Pflanzen  gibt  es  dort  oben?  Und  die  auf  jenen  fernen  Sternen 
denken:  worin  ist  ihr  Wissen  dem  unsrigen  überlegen?  Worin 
übersteigt  ihr  Können  das  unsrige?  Was  vermögen  sie  zu  sehen, 
ohne  daß  wir  es  erkennen?  Und  wird  nicht  heute  oder  morgen 
ihrer  einer  den  Wcltenraum  durchqueren  und  auf  dieser  unserer 
Erde  erscheinen,  um  sie  zu  erobern,  so  wie  einstmals  die  Nor- 
mannen das  Meer  durchkreuzten  und  sich  schwächere  Völker 
dienstbar  machten? 


145 


Gu)>  de  Maupassant 


Wie  haldos,  wehrlos,  unwissend  und  nichtig  sind  wir  Menschen  auf 
diesem  Stäubchen  im  Wassertropfen! 

Ich  seufzte  tief  und  träumte,  und  der  kühle  Nachtwind  wehte. 

So  schlief  ich  etwa  vierzig  Minuten;  dann  schlug  ich  die  Augen  auf, 
ohne  mich  zu  regen;  irgendeine  verworrene,  bizarre  Aufwallung  hatte 
mich  erweckt.  Zunächst  sah  ich  nichts,  dann  aber,  ganz  plötzlich,  war 
mir,  als  hätte  sich  in  dem  Buche,  das  aufgeschlagen  auf  dem  Tische 
liegengeblieben  war,  eine  Seite  von  selbst  umgeblättert.  Nicht  der  ge- 
ringste Luftzug  war  durch  das  Fenster  geweht.  Überrascht  wartete 
ich.  Nach  ungefähr  vier  Minuten  sah  ich,  sah  ich,  ja,  sah  ich,  wie  die 
nächste  Seite  sich  aufhob  und  auf  die  vorhergehende  legte,  wie  wenn 
ein  Finger  sie  umgeblättert  hätte.  Mein  Sessel  war  leer,  schien  leer; 
doch  ich  wußte,  daß  er,  er  da  war,  daß  er  auf  meinem  Platze  saß,  daß 
er  las.  Mit  einem  wütenden  Satz,  einem  Satz,  wie  ein  ausbrechendes 
Tier  ihn  tut,  das  seinen  Bändiger  zerfleischen  wUl,  stürzte  ich  durch 
mein  Zimmer  und  wollte  ihn  fassen,  ihn  würgen,  töten  . . . ! Aber  mein 
Sessel  stürzte  um,  noch  ehe  ich  dort  war,  als  wenn  einer  vor  mir  flüch- 
tete . . . der  Tisch  schwankte,  die  Lampe  fiel  um  und  erlosch,  das  Fen- 
ster schlug  zu,  als  wenn  ein  überraschter  Übeltäter  sich  hinaus  in  die 
Nacht  geschwungen  und  mit  aller  Kraft  die  beiden  Fensterflügel  hin- 
ter sich  zusammengeschlagen  hätte. 

Also  hatte  er  sich  in  Sicherheit  gebracht!  Er  hatte  Angst  gehabt,  vor 
mir  Angst  gehabt,  er,  er  hatte  Angst  gehabt! 

Dann  aber  . . . dann  aber  . . . morgen  . . . oder  später  . . . irgendwann  . . . 
werde  ich  ihn  also  mit  diesen  meinen  Fäusten  packen  und  zu  Boden 
schmettern  können!  Nicht  wahr,  manchmal  beißen  und  würgen  doch 
die  Hunde  ihre  Herren? 

18.  August.  - Den  ganzen  Tag  über  habe  ich  überlegt.  O ja,  ich  will 
ihm  gehorchen,  will  allen  seinen  Einflüsterungen  Folge  leisten,  alle 
seine  Wünsche  erfüllen,  mich  demütigen,  feige  unterwerfen.  Er  ist 
der  Stärkere.  Doch  es  wird  eine  Stunde  kommen  . . . 

1 9.  August.  - Ich  weiß  . . . ich  weiß  . . . ich  weiß  alles!  Eben  habe  ich  in 
der  »Revue  du  Monde  Scientifique«  folgendes  gelesen:  »Aus  Rio  de 
Janeiro  wird  uns  etwas  sehr  Merkwürdiges  gemeldet.  Eine  Wahn- 
sinnsepidemie, die  nur  mit  den  ansteckenden  Wahnvorstellungen  der 
europäischen  Völker  im  Mittelalter  verglichen  werden  kann,  wütet 
augenblicklich  in  der  Provinz  Säo  Paolo.  Die  von  der  Krankheit  er- 
griffenen Einwohner  verlassen  ihre  Häuser,  flüchten  aus  den  Dörfern, 
lassen  ihre  Plantagen  liegen  und  behaupten,  sie  wurden  verfolgt,  be- 


146 


Der  Horla 


sessen,  getrieben  wie  menschliches  Vieh  von  unsichtbaren,  indes 
spürbaren  Wesen,  einer  Art  Vampire,  die  ihnen  während  des  Schlafes 
die  Lebenskraft  aussaugten  und  sich  sonst  von  Wasser  und  Milch 
nährten,  ohne  andere  Nahrungsmittel  anzurühren. 

Professor  Don  Pedro  Henriquez  ist  in  Begleitung  mehrerer  hervorra- 
gender Ärzte  nach  der  Provinz  Säo  Paolo  abgereist,  um  an  Ort  und 
Stelle  Ursache  und  Symptome  dieses  eigenartigen  Wahnes  zu  studie- 
ren und  dem  Kaiser  geeignete  Maßregeln  vorzuschlagen,  um  die  ra- 
sende Bevölkerung  wieder  zur  Vernunft  zu  bringen.« 

Ah!  Ah!  Ich  besinne  mich,  ich  entsinne  mich  des  schönen  brasiliani- 
schen Dreimasters,  der  am  8.  Mai  unter  meinen  Fenstern  die  Seine 
hinauffuhr!  Ich  fand  ihn  so  schmuck,  so  weiß,  so  heiter!  Das  Wesen 
war  darauf;  es  war  von  drüben  gekommen,  wo  sein  Geschlecht  seinen 
Ursprung  hat!  Und  da  gewahrte  es  mich!  Und  es  sah  auch  mein  wei- 
ßes Haus,  und  da  ist  es  vom  Schiff  ans  Ufer  gesprungen.  Oh,  mein 
Gott! 

Und  nun  weiß  ich  es,  errate  ich  es.  Mit  der  Herrschaft  des  Menschen 
ist  es  vorbei! 

Er  ist  gekommen.  Er,  den  schon  die  ersten  Schreckensregungen  nai- 
ver Völker  fürchteten.  Er,  den  besorgte  Priester  als  Teufel  austrieben. 
Er,  den  Zauberer  in  düsteren  Nächten  beschworen,  ohne  daß  er  ih- 
nen bislang  jemals  erschienen  wäre;  Er,  dem  die  Menschen,  die  vor- 
übergehend die  Welt  beherrschten,  ungeheuerliche  oder  liebliche  Ge- 
stalten als  Gnom,  Luftgeist,  Genius,  Fee  oder  Kobold  liehen.  Nach 
solcherlei  plumpen  Ausgeburten  primitiver  Furcht  haben  Menschen 
mit  klarerem  Blick  ihn  deudicher  vorgeahnt.  Mesmer  hat  ihn  erraten, 
und  bereits  seit  zehn  Jahren  haben  die  Ärzte  mittels  exakter  Metho- 
den seine  Macht  und  deren  Natur  festgestellt,  noch  ehe  Er  selbst  sich 
ihrer  bedient  hat.  Gespielt  haben  sie  mit  der  Waffe  des  neuen  Herrn, 
der  Macht  eines  geheimnisvollen  Willens  über  die  zum  Sklaven  er- 
niedrigte Menschenseele.  Und  das  haben  sie  dann  Magnetismus, 
Hypnotismus,  Suggestion  genannt  ...  oder  so  ähnlich.  In  kindischer 
Dummheit  hatten  sie,  wie  ich  selbst  gesehen  habe,  ihre  Freude  an  die- 
ser furchtbaren  Macht!  Weh  uns!  Weh  dem  Menschen!  Er  ist  gekom- 
men, der  . . . der  . . . wie  heißt  er  doch  . . . der  . . . mir  ist,  als  riefe  er  mir 
seinen  Namen  zu,  und  ich  kann  ihn  nicht  verstehen  . . . der  ...  ja  ...  er 
ruft  ihn  . . . Ich  . . . verstehe  nicht  . . . noch  einmal  . . . der  . . . Horla  . . . 
Jetzt  habe  ich  verstanden  . . . der  Horla  ...  Er  ist  es  .. . der  Horla  ...  er 
ist  gekommen  . . . 


147 


Guy  de  Maupassant 


Ah!  Der  Geier  hat  die  Taube  gefressen,  der  Wolf  das  Lamm;  der 
Löwe  hat  den  Büffel  verschlungen,  den  Büffel  mit  spitzigen  Hörnern; 
der  Mensch  hat  den  Löwen  getötet,  getötet  mit  dem  Pfeil,  mit  dem 
Schwert,  mit  Pulver  und  Blei;  aber  der  Horla  wird  mit  dem  Menschen 
tun,  was  wir  mit  dem  Pferd  und  dem  Stier  getan  haben:  er  macht  uns 
zu  seinem  Eigentum,  seinem  Diener,  seiner  Nahrung,  und  das  einzig 
durch  die  Macht  seines  Willens.  Weh  uns! 

Doch  bisweilen  empört  sich  das  Tier  wider  den,  der  es  zähmte,  und 
tötet  ihn  . . . und  so  will  auch  ich  tun  . . . ich  möchte  . . . aber  da  muß  ich 
ihn  zuvor  kennen,  ihn  anrühren,  ihn  erblicken!  Die  Gelehrten  be- 
haupten, die  Augen  der  Tiere  seien  anders  als  die  unsrigen,  hätten 
nicht  das  gleiche  Unterscheidungsvermögen  . . . Und  so  ist  es  auch  mit 
meinen  Augen:  sie  sehen  nicht  den  Ankömmling,  der  mich  unter- 
drückt. 

Warum?  Oh,  jetzt  fallen  mir  die  Worte  des  Mönchs  vom  Saint-Michel 
ein:  »Sehen  wir  denn  auch  nur  den  hunderttausendsten  Teil  von  dem, 
was  ist?  Denken  Sie  doch  an  den  Wind,  der  die  gewaltigste  Naturkraft 
ist,  der  Menschen  zu  Boden  schleudert,  Gebäude  umstürzt,  Bäume 
entwurzelt,  das  Meer  zu  Wassergebirgen  aufwühlt  und  auftürmt,  Kü- 
sten zerstört  und  große  Schiffe  in  die  Brandung  schmettert,  den 
Wind,  der  da  mordet,  pfeift,  seufzt,  brüllt  - aber  haben  Sie  ihn  je 
gesehen?  Und  dennoch  ist  er!« 

Und  weiter  dachte  ich:  mein  Auge  ist  so  schwach,  so  unvollkommen; 
es  vermag  ja  nicht  einmal  einen  festen  Körper  zu  sehen,  wenn  er 
durchsichtig  wie  Glas  ist . . . Wenn  ein  Spiegel  ohne  Folie  mir  den  Weg 
versperrt,  so  tappe  ich  hinein,  wie  ein  Vogel,  der  sich  in  ein  Zimmer 
verflogen  hat  und  sich  den  Kopf  an  den  Fensterscheiben  zerschmet- 
tert. Und  läßt  sich  mein  Auge  nicht  durch  tausend  andere  Dinge  täu- 
schen und  irreführen?  Also  ist  es  doch  nicht  weiter  verwunderlich, 
wenn  es  einen  ihm  neuen  Körper,  der  lichtdurchlässig  ist,  nicht  so- 
gleich zu  erspähen  vermag! 

Ein  neues  Wesen!  Und  warum  nicht?  Wahrlich,  es  mußte  kommen! 
Warum  sollten  gerade  wir  die  letzten  sein?  Ob  wir  es  wohl  ebensowe- 
nig werden  erkennen  können  wie  alle  vor  uns  Geschaffenen?  Das  hät- 
te dann  seine  Ursache  in  seiner  größeren  Vollkommenheit,  seinem 
feineren,  vollendeteren  Körper,  und  in  der  Schwäche  des  unsrigen, 
der  so  ungeschickt  geformt,  so  überladen  mit  Organen  ist,  die  stets 
erschöpft,  stets  überreizt  sind  wie  zu  kompliziert  gearbeitete  Federn, 
unseres  allzu  schwachen  Körpers,  der  wie  eine  Pflanze  oder  wie  ein 


148 


Der  Horla 


Tier  lebt  und  sich  von  Luft,  Kräutern  und  Fleisch  kümmerlich  nährt, 
eine  animalische  Maschine,  der  Krankheit,  der  Verkrüppelung,  der 
Verwesung  preisgegeben,  engbrüstig,  ungeregelt,  naiv  und  bizarr, 
eine  geniale  Pfuscherei,  ein  plumpes  und  dennoch  empfindliches 
Werk,  eine  mißratene  Skizze,  aus  der  etwas  Gescheites  und  Wunder- 
volles hätte  werden  können. 

Es  gibt  auf  dieser  Welt  im  Grunde  nur  ein  paar  Geschöpfe,  allzu  we- 
nige, zwischen  Auster  und  Mensch. 

Warum  nicht  noch  ein  Wesen  mehr,  wenn  doch  die  Frist  ver- 
strichen ist,  welche  die  Abfolge  all  der  mannigfachen  Gattungen 
scheidet? 

Warum  nicht  ein  Wesen  mehr?  Warum  nicht  neue  Bäume  mit  unge- 
heuer großen  Blüten,  die  ganze  Länder  mit  ihrem  Leuchten  und  ih- 
rem Duft  erfüllen?  Warum  nicht  neue  Elemente  außer  Feuer,  Luft, 
Erde  und  Wasser?  - Es  sind  ihrer  vier,  lediglich  vier  der  Urväter  aller 
Wesen!  Wie  armselig!  Warum  gibt  es  nicht  vierzig,  vierhundert,  vier- 
tausend?! Wie  armselig,  kümmerlich  und  erbärmlich  ist  das  alles!  Wie 
karg  bemessen,  wie  dürftig  erfunden,  wie  plump  gestaltet!  Ah!  Ele- 
fant, Nilpferd  - wie  sind  sie  voller  Anmut!  Und  das  Kamel  - wie  ist  es 
elegant! 

Aber  der  Schmetterling,  sagt  ihr,  die  fliegende  Blume!  Ich  schaffe  mir 
einen,  größer  denn  hundert  Welten,  mit  Flügeln,  deren  Form,  Schön- 
heit, Farbe  und  Bewegung  ich  nicht  zu  schildern  vermag.  Aber  ich 
sehe  ihn  ...  er  fliegt  von  Stern  zu  Stern  und  labt  jeden  und  macht  ihn 
duften  durch  seines  Fluges  leichten,  harmonischen  Hauch  ...!  Und 
die  Sternenvölker  sehen,  wie  er  vorübergleitet,  und  sind  berauscht 
und  hingerissen! 

Was  habe  ich  nur?  Er  ist  es,  er,  der  Horla;  er  sucht  mich  heim;  er  gibt 
mir  diese  Wahngedanken  ein!  Er  ist  in  mir,  er  wird  zu  meiner  Seele! 
Ich  muß  ihn  töten! 

19.  August.  - Ich  muß  ihn  töten.  Ich  habe  ihn  gesehen!  Gestern 
abend  saß  ich  an  meinem  Tische!  Und  ich  tat,  als  schriebe  ich  auf- 
merksam. Ich  wußte  sehr  wohl,  daß  er  mich  dann  umschleichen  wür- 
de, ganz  dicht,  so  nahe,  daß  ich  ihn  vielleicht  berühren,  ihn  packen 
konnte!  Und  dann...?  Dann  hätte  ich  die  Kraft  der  Verzweiflung  ge- 
habt, mit  Händen,  Knien,  Brust,  Stirn,  Zähnen  hätte  ich  ihn  erwürgt, 
erdrosselt,  zerrissen,  zerfleischt. 

Und  ich  lauerte  auf  ihn  mit  fieberhaft  angespannten  Sinnen. 

Beide  Lampen  hatte  ich  angesteckt,  und  außerdem  die  acht  Kerzen 


149 


Guy  de  Maupassant 


auf  dem  Kamin,  als  hätte  ich  seiner  bei  dem  hellen  Lichte  leichter 
gewahr  werden  können. 

Mir  gegenüber  mein  Bett,  ein  tiltes  eichenes  Bett  mit  Säulen;  rechts 
der  Kamin;  links  die  Tür,  die  ich  sorgfältig  geschlossen  hatte,  nach- 
dem ich  sie  lange  hatte  offenstehen  lassen,  um  ihn  anzulocken;  hinter 
mir  ein  sehr  hoher  Spiegelschrank,  vor  dem  ich  mich  täglich  rasiere 
und  ankleide,  und  in  dem  ich  mich  von  Kopf  bis  Fuß  zu  betrachten 
pflege,  wenn  ich  daran  vorübergehe. 

Ich  tat  also,  als  ob  ich  schriebe,  um  ihn  irrezuführen;  denn  er  belauer- 
te mich  ja  doch;  und  plötzlich  fühlte  ich,  ich  wußte  es  ganz  genau,  daß 
er  mir  über  die  Schulter  sah  und  mitlas,  daß  er  da  war,  daß  er  mein 
Ohr  streifte. 

Mit  ausgestreckten  Händen  fuhr  ich  hoch,  schnellte  ich  herum,  so 
hastig,  daß  ich  fast  gestürzt  wäre.  Ha!  Nun  . . .?  Man  konnte  sehen  wie 
am  hellen,  lichten  Tage,  und  dabei  sah  ich  mich  nicht  im  Spiegel  ...I 
Er  war  leer,  klar,  tief,  hell  beleuchtet!  Mein  Spiegelbild  war  nicht  dar- 
in .. . und  dabei  stand  ich  unmittelbar  davor!  Ich  sah  das  schimmern- 
de Glas  von  oben  bis  unten.  Und  ich  starrte  es  an  mit  irren  Blicken. 
Und  ich  wagte  nicht,  weiter  nach  vorn  zu  gehen,  ich  wagte  keine  Be- 
wegung; denn  ich  fühlte  nur  zu  gut,  daß  er  da  war,  daß  er  mir  jedoch 
wiederum  entkommen  würde,  er,  dessen  unsichtbarer  Körper  mein 
Spiegelbild  verschlungen  hatte. 

Oh,  die  Angst!  Dann,  plötzlich,  fing  ich  an,  mich  nebelhaft  wahrzu- 
nehmen, im  Spiegelgrunde,  nebelhaft,  als  stünde  ich  hinter  einem 
Wasserfall;  und  mir  war,  als  glitte  dieses  Wasser  von  links  nach  rechts, 
langsam,  während  mein  Bild  immer  deutlicher  wurde,  von  Sekunde 
zu  Sekunde.  Wie  das  Schwinden  einer  Sonnenfinsternis  war  es.  Was 
mich  verhüllte,  schien  keine  scharf  begrenzten  Umrisse  zu  besitzen; 
es  war  dunkel  und  dennoch  durchsichtig  und  wurde  allmählich  im- 
mer matter. 

Schließlich  konnte  ich  mich  wieder  deuüich  wahrnehmen,  wie  tag- 
täglich beim  Hineinschauen. 

Ich  habe  ihn  gesehen!  Noch  sitzt  mir  die  Angst  in  den  Gliedern  und 
macht  mich  schaudern. 

20.  August.  - Ihn  töten.  Aber  wie?  Ich  kriege  ihn  ja  doch  nicht  zu 
fassen!  Mit  Gift?  Aber  er  sähe  ja,  wenn  ich  es  ins  Wasser  mischte.  Und 
überdies:  würden  unsere  Gifte  denn  auf  seinen  unsichtbaren  Körper 
wirken?  Nein  . . . nein  . . . auf  keinen  Ftdl  . . . Aber  wie  dann  . . .? 

21.  August.  - Ich  habe  einen  Schlosser  aus  Rouen  kommen  lassen 


150 


Der  Horla 


und  ihn  beauftragt,  in  meinem  Schlafzimmer  eiserne  Jalousien  anzu- 
bringen, wie  sie  die  Erdgeschosse  mancher  Privathäuser  in  Paris  zum 
Schutz  gegen  Einbrecher  haben.  Überdies  soll  er  mir  eine  ent- 
sprechende Tür  anfertigen.  Es  sieht  aus,  als  ob  ich  feige  wäre,  aber 
das  ist  mir  gleichgültig  . . . ! 


10.  September.  - Rouen,  Hotel  Continental.  Es  ist  vollbracht ...  Es  ist 
vollbracht  . . . Aber  ist  er  wirklich  tot?  Meine  Seele  ist  aufgewühlt  von 
dem,  was  ich  habe  sehen  müssen. 

Gestern  also  hat  der  Schlosser  die  eisernen  Jalousien  und  die  Eisentür 
angebracht;  bis  Mitternacht  habe  ich  alles  offengelassen,  obwohl  es 
bereits  anfmg,  kühl  zu  werden. 

Plötzlich  fühlte  ich,  daß  er  da  war,  und  Freude,  irrsinnige  Freude 
packte  mich.  Ich  stand  auf  und  ging  eine  ganze  Weile  im  Zimmer  hin 
und  her,  damit  er  nichts  merkte;  dann  zog  ich  meine  Stiefel  aus  und 
schlüpfte  lässig  in  meine  Hausschuhe;  darauf  schloß  ich  die  Eisen- 
jalousien, ging  ruhig  zur  Tür,  machte  sie  ebenfalls  zu  und  drehte  zwei- 
mal den  Schlüssel  herum.  Dann  trat  ich  wiederum  zum  Fenster,  ließ 
das  Vorhängeschloß  einschnappen  und  steckte  den  Schlüssel  in  die 
Tasche. 

Plötzlich  merkte  ich,  wie  er  mich  unruhig  umschlich,  wie  er  seinerseits 
Angst  hatte  und  mir  befahl,  ihm  zu  öffnen.  Fast  hätte  ich  nachgege- 
ben - aber  ich  gab  nicht  nach,  sondern  lehnte  mich  mit  dem  Rücken 
gegen  die  Tür  und  öffnete  sie  spaltbreit,  just  weit  genug,  daß  ich  hin- 
auszuschlüpfen vermochte,  rückwärts;  ich  bin  sehr  groß,  mein  Kopf 
berührte  den  oberen  Querbalken.  Ich  war  sicher,  daß  er  mir  nicht 
hatte  entwischen  können,  und  nun  schloß  ich  ihn  ein;  er  blieb  ganz 
allein  drinnen,  ganz  allein!  Ha,  wie  ich  mich  freute!  Ich  hatte  ihn! 
Dann  eilte  ich  nach  unten,  in  aller  Hast;  im  Salon,  der  genau  unter 
dem  Schlafzimmer  liegt,  langte  ich  mir  die  beiden  Lampen  her  und 
goß  das  ganze  Petroleum  auf  den  Teppich,  auf  die  Möbel,  überallhin; 
dann  warf  ich  ein  Streichholz  hinein,  brachte  mich  in  Sicherheit  und 
schloß  hinter  mir  die  große  Haustür  doppelt  ab. 

Und  dann  verbarg  ich  mich  hinten  im  Garten  in  einem  Lorbeerge- 
büsch. Wie  lange  es  dauerte!  Wie  lange  es  dauerte!  Alles  blieb  dunkel, 
stumm,  regungslos;  kein  Lufthauch,  kein  Stern,  nur  Wolkengebirge, 
die  ich  nicht  sehen  konnte,  die  aber  schwer  auf  meiner  Seele  lasteten, 
ach,  so  schwer. 

Ich  sah  nach  meinem  Hause  hinüber  und  wartete.  Wie  lange  es  dau- 


151 


Guy  de  Maupaussant 


erte!  Schon  glaubte  ich,  das  Feuer  sei  von  selber  wieder  ausgegangen, 
oder  Er  habe  es  gelöscht;  da  platzte,  von  der  Hitze  gesprengt,  ein  Fen- 
ster des  unteren  Stochwerkes,  und  eine  Flamme,  eine  große,  rote,  gel- 
be, züngelnde,  geschmeidige,  schmeichelnde  Flamme  leckte  an  der 
weißen  Mauer  entlang  und  stieg  bis  zum  Dache  hinauf.  Ein  Leucht- 
glanz rieselte  über  die  Bäume,  durch  die  Zweige,  durch  das  Blät- 
terwerk, und  ein  Erschauern,  ein  furchtsames  Erschauern  schien  sie 
zu  durchrinnen!  Die  Vögel  erwachten,  ein  Hund  begann  zu  heulen; 
mir  war,  als  dämmere  der  Morgen!  Nun  aber  zerknallten  zwei  weitere 
Fenster,  und  ich  sah,  daß  das  untere  Stockwerk  meines  Hauses  nur 
noch  ein  fürchterliches,  waberndes  Glutmeer  war.  Und  ein  Schrei,  ein 
entsetzlicher,  überschriller,  schneidend  scharfer  Schrei,  ein  Frauen- 
schrei gellte  in  die  Nacht,  zwei  Mansardenfenster  taten  sich  auf!  Ich 
hatte  meine  Dienerschaft  vergessen!  Ich  sah  ihre  wahnwitzig  verzerr- 
ten Gesichter  und  ihre  wirbelnden  Arme  . . . ! 

Da  lief  ich,  von  Grauen  geschüttelt,  ins  Dorf  und  brüllte:  »Hilfe!  Hil- 
fe! Feuer!  Feuer!«  Ich  stieß  auf  Leute;  sie  kamen  mir  entgegenge- 
rannt; ich  kehrte  mit  ihnen  um,  ich  wollte  sehen. 

Nun  war  das  Haus  nichts  als  ein  fürchterlich  prächtiger  Scheiterhau- 
fen, ein  ungeheuerlicher  Scheiterhaufen,  der  die  ganze  Erde  überhell- 
te, ein  Scheiterhaufen,  darin  Menschen  verbrannten,  darin  auch  Er 
verbrannte.  Er,  Er,  mein  Gefangener,  das  Neue  Wesen,  der  Neue 
Herr,  der  Horla! 

Mit  einem  Male  brach  das  ganze  Dach  zwischen  den  Mauern  nieder, 
und  ein  Feuerberg  lohte  zum  Himmel. 

Sämtliche  Fenster  waren  in  der  Glut  gesprungen,  und  durch  ihre  offe- 
nen Höhlen  sah  ich  den  Brandherd,  und  mir  fiel  ein,  daß  Er  dort 
drinnen  sei,  in  den  Flammen,  tot . . . 

- Tot?  Vielleicht . . .?  Sein  Körper?  Sein  Körper,  der  lichtdurchlässige, 
war  er  wohl  durch  Mittel  zu  zerstören,  die  unsern  Leibern  tödlich 
sind? 

Wenn  er  nun  nicht  tot  wäre  ...?  Vielleicht  hat  einzig  die  Zeit  Gewalt 
über  das  furchtbare,  unsichtbare  Wesen.  Warum  wäre  sein  Körper 
durchsichtig,  unfaßbar,  geisterhtift,  wenn  auch  Er  Krankheit,  Wun- 
den, Wandel,  vorzeitige  Vernichtung  zu  befürchten  hätte? 

Vorzeitige  Vernichtung?  Sie  ist  es,  die  der  Menschheit  ganze  Furcht 
verursacht!  Und  nach  dem  Menschen  kommt  der  Horla.  - Nach 
dem,  der  alle  Tage  sterben  kann,  in  jeder  Stunde,  jeder  Minute,  den 
jeder  Zufall  hinwegzuraffen  vermag,  ist  Er  gekommen,  der  erst  zu 


152 


Kommentar 


sterben  braucht,  wenn  sein  Tag  herangenaht  ist,  seine  Stunde,  seine 
Minute;  denn  dann  erst  hat  er  seines  Daseins  Grenze  erreicht! 

Nein  . . . nein  . . . auf  keinen  Fall,  auf  keinen  Fall  ...  Er  ist  nicht  tot . . . 
Aber  dann  ...  aber  dann  ...  muß  ich  mich  töten  ...  muß  ich  mich 
töten  ...! 


/Kommentar 

In  der  M)velk  vom  »Horla«  von  Guy  de  Maupassant  wird  in  sehr 
eindrucksvoller  Weise  eine  Fülle  produktiv-psychotischer  Phänomene 
geschildert,  wie  sie  bei  schizophrenen  Patienten  Vorkommen  können, 
die  aber  auch  im  Rahmen  exogener  Psychosen  denkbar  sind.  Eine 
genaue  DiJfeientialdiagno.se  ist  aufgrund  der  Darstellung  nicht  möglich,  da  nur  die 
Phänomene  geschildert  werden,  nicht  aber  die  mögliche  Verursachung.  De  Maupas- 
sant hat  selber  an  einer  Syphilis  gelitten,  in  deren  Verlauf  er  psychotische  Symptome 
erlebte  und  an  der  er  im  Alter  von  43  Jahren  gestorben  ist.  Offenbar  hat  der  Autor 
durch  seine  Selbsterfahrung  eine  genaue  Kenntnis  von  psychotischer  Symptomatik 
erlangt,  die  ihm  hilfreich  bei  der  Abfassung  dieser  Erzählung  war.  Der  Erzähler 
teilt  mit,  dass  die  Krankheit  arjanglich  mit  Fieber  und  körperlicher  Schwäche  be- 
gonnen habe,  was  uns  denken  lassen  könnte,  dass  es  sich  nicht  um  eine  schizophrene 
Psychose  im  engeren  Sinne,  .sondern  um  eine  körperlich  bedingte  Psychose  handelt 
Die  produktiv-psychotische  Symptomatik  wird  in  vielen  Facetten  geschildert,  wobei 
ruhen  den  produktiv-psychotischen  Erlebnissen  auch  Schlafstörungen,  Krafllosig- 
keit  und  Erschöpfung,  Unruhezustände,  Angstzustände,  Stimmungsschwankungen 
und  Verwirrtheit  geschildert  werden.  Es  spielen  produktiv-psychotische  Erlebnisse 
und  Vejblgungsideen  sowie  andere  Wahnvorstellungen  eine  große  Rolle. 

Daneben  sind  auch  synä.sthetische  Empfindungen  von  Bedeutung,  funehmend  wer- 
den die  psychotischen  Einzelerlebnisse  in  einen  systematischen  Zusammenhang  ge- 
bracht im  Sinne  eines  systematischen  Waknes.  Der  Protagonist  ist  schließlich  von 
der  Gegenwart  eines  anderen  Wesens  überzeugt,  einer  Art  Geistwesen  mit  dem  Jla- 
men  Horla,  den  er  als  akustische  Halluzination  wahrnimmt.  »Horla«  wird  als  eine 
Art  übermemchliches,  gottähnliches  Wesen  interpretiert.  Der  Protagonist  kommt 
immer  mehr  in  Bedrängnis  und  sperrt  dm  »Horla«  in  sein  eigenes  Haus  ein,  das  er 
anzündet,  um  ihn  zu  verbrennen.  Dabei  vergisst  er,  dass  auch  andere  Mitbewohner 
im  Hause  sind.  Er  stellt  damit  u.a.  auch  die  schwere  konsequenzenreiche  Alltagsre- 
levanz psychkchftr  Symptomatik  in  allen  Facetten  dar.  Auffallend  ist,  dass  der 
Protagonist  ver.sucht,  sich  selber  die  Phänomene  zu  erklären,  mit  .Namen  verschiede- 
ner theoretischer  Ansätze.  So  führt  er  mit  einem  Mönch  Gespräche  über  unsichtbare 


153 


Kommentar 


Wesen  und  wird  durch  den  Mönch  darin  bestätigt,  dass  es  unsichtbare  Wesen  gibt. 
Insbesondere  aber  eigene  Eifahrungen  mit  Hypnose-Experimenten fiihren  dazu,  die 
Jur  ihn  an  sich  unfassbaren  psychischen  Erlebnisse  zu  erklären. 


154 


i 

F3:  Depression  und  Suizidalität 


Unter  den  affektiven  Störungen  kommt  den  depressiven  Erkrankun- 
gen bei  weitem  die  größte  Bedeutung  zu,  sie  gehören  zu  den  häufigs- 
ten psychischen  Erkrankungen.  Zwischen  10  und  20  Prozent  der  Be- 
völkerung (8-12  % der  Männer  und  10-20  % der  Frauen)  erkranken 
im  Laufe  des  Lebens  an  einer  Depression.  Die  Ätiopathogenese  der 
Depression  ist  multifaktoriell.  Neben  genetischen  Faktoren,  biologi- 
schen und  anderen  Faktoren  kommen  psychosozialen  Faktoren  eine 
große  Rolle  zu. 

Das  klinische  Bild  der  Depression  kann  vielgestaltig  sein.  Als  Leit- 
symptome gelten  depressive  Verstimmung,  Hemmung  von  Antrieb 
und  Denken  sowie  Schlafstörungen.  Das  Ausmaß  der  Depressivität 
kann  von  leichterer  Verstimmung  bis  zum  schwermütigen,  scheinbar 
ausweglosen,  versteinerten  Empfinden  reichen.  Der  Antrieb  ist  typi- 
scherweise gehemmt,  die  Kranken  können  sich  zu  nichts  aufraffen, 
sind  interesse-  und  initiativlos  und  können  sich  nur  schwer  oder  gar 
nicht  entscheiden.  Häufig  finden  sich  vegetative  Symptome  wie 
Appetitlosigkeit,  Obstipation  und  Libidomangel.  Die  Leibnähe  der 
Depression  kann  sich  in  leiblichen  Missempfindungen,  wie  z.B. 
Druck-  und  Schweregefühle  in  Brust  oder  Bauchraum  bzw.  der  Ex- 
tremitäten sowie  Schmerzen  äußern.  Manchmal  kommt  es  auch  zu 
Entfremdungserleben.  Der  Depressive  sieht  sich  selbst  und  die  ihn 
umgebende  Welt  negativ.  Häufig  ist  ein  sozialer  Rückzug  infolge  der 
depressiven  Symptomatik  zu  beobachten.  Ein  Teil  der  Patienten  kann 
aufgrund  des  äußeren  Erscheinungsbildes  mit  ernstem  Gesichtsaus- 
druck, erstarrter  Mimik  und  Gestik,  gesenktem  Blick  und  leiser  zö- 
gernder Stimme  erkannt  werden.  In  anderen  Fällen  muss  der  Arzt  die 
depressive  Symptomatik  gezielt  explorieren.  Im  Rahmen  der  negati- 
ven Sichtweisen  der  depressiven  Patienten  kann  es  bei  schweren  De- 
pressionen zur  Entstehung  depressiver  Wahnideen  kommen.  Dies 


155 


F3 


sind  Verarmungs-  und  Schuldwahn,  hypochondrischer  oder  nihilisti- 
scher Wahn.  Man  spricht  dann  von  einer  psychotischen  Depression. 
Wegen  Schwierigkeiten  der  querschnittsmäßigen  und  differentialdi- 
agnostischen  Abgrenzung  von  endogener  und  neurotischer  Depressi- 
on und  insbesondere  dem  Zweifel  an  der  Hypothese,  dass  diesen  bei- 
den Erkrankungsformen  völlig  unterschiedliche  ätiopathogenetische 
Faktoren  zugrunde  liegen,  wird  in  der  ICD- 10  diese  Unterscheidung 
nicht  vorgenommen,  sondern  stattdessen  vorwiegend  nach  der  Inten- 
sität der  Symptomatik  sowie  Verlaufscharakteristika  unterschieden. 
Damit  soll  u.a.  erreicht  werden,  dass  leichtere  Depressionsformen 
nicht  als  neurotische  und  somit  als  psychogene  Depressionen  inter- 
pretiert werden.  Obwohl  die  in  der  ICD- 10  verwendeten  Diagnostik- 
gruppen nicht  deckungsgleich  sind  mit  den  traditionellen  diagnosti- 
schen Konstrukten  bzw.  der  neurotischen  Depression,  sind  aber 
durchaus  enge  Beziehungen  erkennbar,  insbesondere  die  schwere  de- 
pressive Episode  lässt  die  Beziehung  zur  endogenen  Depression  (Me- 
lancholie) deutlich  werden.  Einen  gewissen  Bezug  zur  traditionellen 
Diagnose  der  depressiven  Neurose  hat  die  Kategorie  Dysthymie,  die 
eine  langdauernde  depressive  Verstimmung  bezeichnet,  die  aber  in 
der  Regel  nicht  das  Ausmaß  einer  depressiven  Episode  erreicht. 

Die  depressiven  Störungen  lassen  sich  heute  relativ  wirkungsvoll  be- 
handeln. Bei  der  depressiven  Episode  steht  dabei  die  Therapie  mit 
Antidepressiva  im  Vordergrund.  Bei  den  anderen  Depressionsformen 
kommt  eher  die  psychosoziale  Therapie  in  Frage. 

Zu  dem  Spektrum  depressiver  Störungen  gehört  auch  die  depressive 
Anpassungsstörung,  die  nach  entscheidenden  Veränderungen  im  Le- 
ben oder  auch  als  Folge  eines  belastenden  Lebensereignisses  auftreten 
kann.  Zu  depressiven  Anpassungsstörungen  kommt  es  insbesondere 
nach  Trennung  von  engen  Bezugspersonen  durch  Tod  oder  gezielte 
Entscheidung.  Die  individuelle  Prädisposition  oder  Vulnerabilität 
spielt  eine  große  Rolle,  die  eigentliche  Ursache  ist  aber  die  psychoso- 
ziale Belastung.  Die  Symptome  sind  unterschiedlich  und  umfassen 
depressive  Stimmung,  Angst,  Besorgnis,  ein  Gefühl,  dass  es  unmög- 
lich ist  zurechtzukommen  und  anderes.  Der  Beginn  der  Störung  steht 
meistens  in  unmittelbarem  Zusammenhang  mit  dem  belastenden  Er- 
eignis. Die  Symptome  dauern  selten  länger  als  sechs  Monate  an. 

Bei  depressiven  Patienten  besteht  ein  ausgeprägtes  Suizidrisiko.  15 
Prozent  der  Patienten  mit  schweren  depressiven  Störungen  begehen 
Suizid,  20  bis  60  Prozent  weisen  Suizidversuche  in  ihrer  Krankheits- 


156 


F3 


geschichte  auf,  40  bis  80  Prozent  leiden  während  einer  Depression  an 
Suizidideen.  Die  Suizidalität  und  das  damit  verbundene  Risiko  eines 
Suizidversuchs  oder  eines  Suizids  ist  bei  der  Behandlung  Depressiver 
besonders  zu  beachten.  Wegen  dieses  Risikos  kann  jede  Depression 
eine  »tödliche  Krankheit«  sein.  Dem  Suizidversuch  bzw.  Suizid  geht 
oft  ein  präsuizidales  Syndrom  mit  den  folgenden  Elementen  voraus: 
Erleben  von  Ausweglosigkeit,  sozialer  Rückzug,  ständiges  Sich-Be- 
schäftigen  mit  Todesgedanken.  Zu  beobachten  ist  oft  nach  vorheriger 
Verzweiflung  und  Unruhe  der  Eintritt  plötzlicher  Ruhe  oder  sogar 
friedvoller  Gelöstheit  (»Ruhe  vor  dem  Sturm«).  Die  Veränderungen 
machen  meistens  deutlich,  dass  der  Patient  seine  Entscheidung  für 
den  Suizid  getroffen  hat  und  aus  der  vorangegangenen  Ambivalenz 
befreit  ist. 


157 


Johann  Wbygang  von  Goethe 


Die  Leiden  des  jungen  Werthers 


aus:  Johann  Wolfgang  von  Goethe.  Die  Leiden  des  jungen  Werthers. 
© 1991  by  Wunderlich,  Tübingen 


Einführung 

Der  Briefroman  »Die  Laden  des  jungen  Werthers«  (1774)  machte 
den  promovierten  Juristen  Johann  Wo  f gang  von  Goethe  (1749 
bis  1832)  mit  einem  Schlag  in  ganz  Europa  berühmt,  denn  er 
faszinierte  aifgrund  einer  identifikatorischen  Lektüre  damit  eine 
ganze  Generation  von  hauptsächlich  jungen  Lesern  mit  seiner  kompromisslosen, 
dem  Sturm  und  Drang  verpflichteten  Darstellungsweise.  Nicht  wenige  Jünglinge 
der  feit  kleideten  sich  sogar  wie  Werther. 

Der  Stoff  basiert  auf  einem  eigenen  schmerzlichen  Liebeserlebnis  in  seiner  feit  als 
Referendar  am  Reichskammergericht  in  Wetzlar.  Goethe  warb  vergeblich  um  Char- 
lotte Buff,  die  Braut  seines  Freundes  Kestner,  verliebte  sich  kurz  darauf  in  die  junge 
Maximiliane  La  Roche,  die  wiederum  vom  Franlfurter  Kaufmann  Peter  Brentano 
geheiratet  wurde.  Als  sich  schließlich  der  unglücklich  verliebte  Legationsrat  Carl 
Wilhelm  Jerusalem  mit  einer  Pistole  erschoss,  die  er  sich  von  Kestner  ausgeliehen 
hatte,  .schrieb  Goethe  den  Roman  innerhalb  von  vier  Wochen  nieder  und  milderte 
erst  in  einer  Neufassung  von  1787  die  leidenschcftliche  Impulsivität  durch  das 
Einarbeiten  neuer  Erfahrungen  etwas  ab.  Auf  der  Grundlage  der  an  pietistischer 
Erbauungsliteratur  orientierten  Fehlentwicklung  einer  Lesart,  in  der  die  Grenzen 
zwischen  Fiktion  und  Realität  verschwimmen,  entwickelte  sich  bei  den  feitgenos- 
sen  das  sog.  Werther- Fieber,  in  dessen  Folge  es  angeblich  europaweit  zu  Imitations- 
suiziden kam,  womit  u.  a.  das  zeitweilige  Verbot  des  Romans  am  Druckort  Leipzig 
legitimiert  werden  sollte.  Goethe  musste  sich  sein  Lebtag  gegen  entsprechende  Vor- 
würfe der  »Anstiftung  zum  Selbstmord«  wehren,  obgleich  er  schon  der  2.  Auflage 
(1775)  den  eindringlichen  Rat  an  seine  Leser  hinzugefügt  hatte:  »Sei  ein  Mann 
und folge  mir  nicht.« 

Während  vor  allem  Theologen  vor  einer  literarischen  Glorifizierung  des  Suizids 
warnten,  setzten  sich  zahllose  Kritiker  und  Imitatoren  in  sog.  Wertheriaden  teils 
bloß  modisch,  teils  spöttisch  parodistisch,  teils  nachiffend  mit  dem  Roman  ausein- 
ander. Die  internationale  Literaturgeschichte  kennt  etliche  Rückgriffe  auf  den 


159 


Johann  Wolfgang  von  Goetiw 


Werther,  am  überzeugendsten  bei  Thomas  Mann  (»Lotte  in  Weimar«,  1939)  und 
bei  Ulrich  Plenzdorf  (»Die  neuen  Leiden  des  jungen  W.«,  1972). 

Jur  Richtigstellung  der  um  den  Roman  entstandenen  Mythen  stellt  der  Kompara- 
tist  A.  Hölter  fest:  »Das  Bild  vom  Werther-Fieber  suggeriert  eine  epidemische  Zu- 
nahme von  Suiziden  unter  direktem,  nachweisbarem  Einfluss  der  Lektüre  des  Ro- 
mans als  Nachahmungstaten  liebeskranker  junger  Männer,  aber  auch  Frauen.  Tat- 
sächlich lässt  sich  international  etwa  ein  Dutzend  Selbsttötungen  nachweisen,  die 
zumindest  von  den  Jei^enossen  mit  Goethes  Briefroman  in  Verbindung  gebracht 
wurden,  doch  ist  dies  zu  keiner  Jeit  ein  Massenphänomen  gewesen,  wie  die  literar- 
historische Legendenbildung  will.  Da  jedoch  Goethes  Erfolgs-  und  Skandalroman 
den  Modellfall  fir  die  negative  Wirkung  von  Medienrezeption  darstellt,  wird  in  der 
Soziologie  bei  der  Untersuchung  solcher  Fälle  inzwischen  weltweit  vom  Werther- 
Effekt  gesprochen.« 

Weiterführende  Literatur: 

Mario  Leis:  Die  lAden  des  jungen  Werther.  I^ktüreschlüssel Jur  Schüler.  Reclam 

2002 


Die  Leiden  des  jungen  Werthers 

Ein  Strom  von  Tränen,  der  aus  Lottens  Augen 
brach  und  ihrem  gepressten  Herzen  Luft  machte, 
hemmte  Werthers  Gesang.  Er  warf  das  Papier 
hin,  fasste  ihre  Hand  und  weinte  die  bittersten 
Tränen.  Lotte  ruhte  auf  der  andern  und  verbarg 
ihre  Augen  ins  Schnupftuch.  Die  Bewegung  bei- 
der war  fürchterlich.  Sie  fühlten  ihr  eigenes  Elend 
in  dem  Schicksale  der  Edlen,  fühlten  es  zu- 
sammen und  ihre  Tränen  vereinigten  sie.  Die 
Lippen  und  Augen  Werthers  glühten  an  Lottens  Arme;  ein  Schauer 
überfiel  sie;  sie  wollte  sich  entfernen  und  Schmerz  und  Anteil  lagen 
betäubend  wie  Blei  auf  ihr.  Sie  atmete,  sich  zu  erholen,  und  bat  ihn 
schluchzend  fortzufahren,  bat  mit  der  ganzen  Stimme  des  Himmels! 
Werther  zitterte,  sein  Herz  wollte  bersten,  er  hob  das  Blatt  auf  und  las 
halb  gebrochen. 

»Warum  weckst  du  mich,  Frühlingsluft?  Du  buhlst  und  sprichst:  Ich 
betaue  mit  Tropfen  des  Himmels!  Aber  die  Zeit  meines  Welkens  ist 


160 


Die  Lddm  des  jungen  Werthers 


nahe,  nahe  der  Sturm,  der  meine  Blätter  herabstört!  Morgen  wird  der 
Wanderer  kommen,  kommen  der  mich  sah  in  meiner  Schönheit, 
ringsum  wird  sein  Auge  im  Felde  mich  suchen,  und  wird  mich  nicht 
finden.  -« 

Die  ganze  Gewalt  dieser  Worte  fiel  über  den  Unglücklichen.  Er  warf 
sich  vor  Lotten  nieder  in  der  vollen  Verzweifelung,  fasste  ihre  Hände, 
drückte  sie  in  seine  Augen,  wider  seine  Stirn,  und  ihr  schien  eine  Ah- 
nung seines  schrecklichen  Vorhabens  durch  die  Seele  zu  fliegen.  Ihre 
Sinne  verwirrten  sich,  sie  drückte  seine  Hände,  drückte  sie  wider  ihre 
Brust,  neigte  sich  mit  einer  wehmütigen  Bewegung  zu  ihm,  und  ihre 
glühenden  Wangen  berührten  sich.  Die  Welt  verging  ihnen.  Er 
schlang  seine  Arme  um  sie  her,  presste  sie  an  seine  Brust  und  deckte 
ihre  zitternden,  stammelnden  Lippen  mit  wütenden  Küssen.  - Wer- 
ther!  rief  sie  mit  erstickter  Stimme,  sich  abwendend,  Werther!  - und 
drückte  mit  schwacher  Hand  seine  Brust  von  der  ihrigen;  - Werther! 
rief  sie  mit  dem  gefassten  Tone  des  edelsten  Gefühles.  - Er  wider- 
stand nicht,  ließ  sie  aus  seinen  Armen  und  warf  sich  unsinnig  vor  sie 
hin.  Sie  riss  sich  auf  und  in  ängsdicher  Verwirrung,  bebend  zwischen 
Liebe  und  Zorn,  sagte  sie:  Das  ist  das  letzte  Mal!  Werther!  Sie  sehn 
mich  nicht  wieder.  - Und  mit  dem  vollsten  Blick  der  Liebe  auf  den 
Elenden  eilte  sie  ins  Nebenzimmer  und  schloss  hinter  sich  zu.  Wer- 
ther streckte  ihr  die  Arme  nach,  getraute  sich  nicht,  sie  zu  halten.  Er 
lag  an  der  Erde,  den  Kopf  auf  dem  Kanapee,  und  in  dieser  Stellung 
blieb  er  über  eine  halbe  Stunde,  bis  ihn  ein  Geräusch  zu  sich  selbst 
rief  Es  war  das  Mädchen,  das  den  Tisch  decken  wollte.  Er  ging  im 
Zimmer  auf  und  ab,  und  da  er  sich  wieder  allein  sah,  ging  er  zur  Türe 
des  Kabinetts  und  rief  mit  leiser  Stimme:  Lotte!  Lotte!  nur  noch  ein 
Wort!  ein  Lebewohl!  - Sie  schwieg.  Er  harrte  und  bat  und  harrte; 
dann  riss  er  sich  weg  und  rief:  Lebe  wohl,  Lotte!  auf  ewig  lebe  wohl! 
Er  kam  ans  Stadttor.  Die  Wächter,  die  ihn  schon  gewohnt  waren,  lie- 
ßen ihn  stillschweigend  hinaus.  Es  stiebte  zwischen  Regen  und 
Schnee,  und  erst  gegen  eilfe  klopfte  er  wieder.  Sein  Diener  bemerkte, 
als  Werther  nach  Hause  kam,  dass  seinem  Herrn  der  Hut  fehlte.  Er 
getraute  sieh  nicht,  etwas  zu  sagen,  entkleidete  ihn,  alles  war  nass. 
Man  hat  nachher  den  Hut  auf  einem  Felsen,  der  an  dem  Abhange 
des  Hügels  ins  Tal  sieht,  gefunden,  und  es  ist  unbegreiflich,  wie  er  ihn 
in  einer  finstern  feuchten  Nacht,  ohne  zu  stürzen,  erstiegen  hat. 

Er  legte  sich  zu  Bette  und  schlief  lange.  Der  Bediente  fand  ihn  schrei- 


161 


Johann  Wolfgang  von  Goethe 


bend,  als  er  ihm  den  andern  Morgen  auf  sein  Rufen  den  Kaffee 
brachte.  Er  schrieb  Folgendes  am  Briefe  an  Lotten. 

»Zum  letzten  Male  denn,  zum  letzten  Male  schlage  ich  diese  Augen 
auf  Sie  sollen  ach!  die  Sonne  nicht  mehr  sehen,  ein  trüber  neblichter 
Tag  hält  sie  bedeckt.  So  traure  denn,  Natur!  dein  Sohn,  dein  Freund, 
dein  Geliebter  naht  sich  seinem  Ende.  Lotte,  das  ist  ein  Gefühl  ohne- 
gleichen, und  doch  kommt  es  dem  dämmernden  Traum  am  näch- 
sten, zu  sich  zu  sagen:  das  ist  der  letzte  Morgen.  Der  letzte!  Lotte,  ich 
habe  keinen  Sinn  für  das  Wort:  der  letzte!  Stehe  ich  nicht  da  in  meiner 
ganzen  Kraft,  und  morgen  liege  ich  ausgestreckt  und  schlaff  am  Bo- 
den. Sterben!  was  heißt  das?  Siehe,  wir  träumen,  wenn  wir  vom  Tode 
reden.  Ich  habe  manchen  sterben  sehen;  aber  so  eingeschränkt  ist  die 
Menschheit,  dass  sie  für  ihres  Daseins  Anfang  und  Ende  keinen  Sinn 
hat.  Jetzt  noch  mein,  dein!  dein,  o Geliebte!  Und  einen  Augenblick  - 
getrennt,  geschieden  - vielleicht  auf  ewig?  - Nein,  Lotte,  nein  - Wie 
kann  ich  vergehen?  wie  kannst  du  vei^ehen?  Wir  sind  ja!  - Vergehen! 

- Was  heißt  das?  Das  ist  wieder  ein  Wort!  ein  leerer  Schall!  ohne  Ge- 
fühl für  mein  Herz.  — Tot,  Lotte!  eingescharrt  der  kalten  Erde,  so 
eng!  so  finster!  - Ich  hatte  eine  Freundin,  die  mein  Alles  war  meiner 
hülflosen  Jugend;  sie  starb,  und  ich  folgte  ihrer  Leiche,  und  stand  an 
dem  Grabe,  wie  sie  den  Sarg  hinunterließen  und  die  Seile  schnurrend 
unter  ihm  weg  und  wieder  herauf  schnellten,  dann  die  erste  Schaufel 
hinunterschollerte,  und  die  ängstliche  Lade  einen  dumpfen  Ton  wie- 
dergab, und  dumpfer  und  immer  dumpfer,  und  endlich  bedeckt  war! 

- Ich  stürzte  neben  das  Grab  hin  - ergriffen,  erschüttert,  geängstet, 
zerrissen  mein  Innerstes,  aber  ich  wusste  nicht,  wie  mir  geschah  - wie 
mir  geschehen  wird  - Sterben!  Grab!  ich  verstehe  die  Worte  nicht! 

O vergib  mir!  vergib  mir!  Gestern!  Es  hätte  der  letzte  Augenblick 
meines  Lebens  sein  sollen.  O du  Engel!  zum  ersten  Male,  zum  ersten 
Male  ganz  ohne  Zweifel  durch  mein  innig  Innerstes  durchglühte 
mich  das  Wonnegefühl:  Sie  liebt  mich!  sie  liebt  mich!  Es  brennt  noch 
auf  meinen  Lippen  das  heilige  Feuer,  das  von  den  deinigen  strömte, 
neue  warme  Wonne  ist  in  meinem  Herzen.  Vergib  mir!  vergib  mir! 
Ach  ich  wusste,  dass  du  mich  liebtest,  wusste  es  an  den  ersten  seelen- 
vollen Blicken,  an  dem  ersten  Händedruck,  und  doch,  wenn  ich  wie- 
der weg  war,  wenn  ich  Alberten  an  deiner  Seite  sah,  verzagte  ich  wie- 
der in  fieberhaften  Zweifeln. 

Erinnerst  du  dich  der  Blumen,  die  du  mir  schicktest,  als  du  in  jener 


162 


Die  Leiden  des  jungen  Werthers 


fatalen  Gesellschaft  mir  kein  Wort  sagen,  keine  Hand  reichen  konn- 
test? o ich  habe  die  halbe  Nacht  davor  gekniet,  und  sie  versiegelten 
mir  deine  Liebe.  Aber  ach!  diese  Eindrücke  gingen  vorüber,  wie  das 
Gefühl  der  Gnade  seines  Gottes  allmählich  wieder  aus  der  Seele  des 
Gläubigen  weicht,  die  ihm  mit  ganzer  Himmelsfülle  in  heiligen  sicht- 
baren Zeichen  gereicht  ward. 

Alles  das  ist  vergänglich,  aber  keine  Ewigkeit  soll  das  glühende  Leben 
auslöschen,  das  ich  gestern  auf  deinen  Lippen  genoss,  das  ich  in  mir 
fühle!  Sie  liebt  mich!  Dieser  Arm  hat  sie  umfasst,  diese  Lippen  haben 
auf  ihren  Lippen  gezittert,  dieser  Mund  hat  an  dem  ihrigen  ge- 
stammelt. Sie  ist  mein!  du  bist  mein!  ja,  Lotte,  auf  ewig. 

Und  was  ist  das,  dass  Albert  dein  Mann  ist?  Mann!  Das  wäre  denn  für 
diese  Welt  - und  für  diese  Welt  Sünde,  dass  ich  dich  liebe,  dass  ich 
dich  aus  seinen  Armen  in  die  meinigen  reißen  möchte?  Sünde?  Gut, 
und  ich  strafe  mich  dafür;  ich  habe  sie  in  ihrer  ganzen  Himmels- 
wonne geschmeckt,  diese  Sünde,  habe  Lebensbalsam  und  Kraft  in 
mein  Herz  gesaugt.  Du  bist  von  diesem  Augenblicke  mein!  mein,  o 
I.otte!  Ich  gehe  voran!  gehe  zu  meinem  Vater,  zu  deinem  Vater.  Dem 
will  ich‘s  klagen,  und  er  wird  mich  trösten,  bis  du  kommst,  und  ich 
fliege  dir  entgegen  und  fasse  dich  und  bleibe  bei  dir  vor  dem  Ange- 
sichte des  Unendlichen  in  ewigen  Umarmungen. 

Ich  träume  nicht,  ich  wähne  nicht!  nahe  am  Grabe  wird  mir  es  heller. 
Wir  werden  sein!  wir  werden  uns  Wiedersehen!  Deine  Mutter  sehen! 
ich  werde  sie  sehen,  werde  sie  finden,  ach  und  vor  ihr  mein  ganzes 
Herz  ausschütten!  Deine  Mutier,  dein  Ebenbild.« 

Gegen  cilfe  fragte  Werther  seinen  Bedienten,  ob  wohl  Albert  zurück- 
gekommen sei?  Der  Bediente  sagte:  ja,  er  habe  dessen  Pferd  dahin 
führen  sehen.  Drauf  gibt  ihm  der  Herr  ein  offenes  Zettelchen  des 
Inhalts: 

»Wollten  Sie  mir  wohl  zu  einer  vorhabenden  Reise  Ihre  Pistolen  lei- 
hen? Leben  Sie  recht  wohl!« 

Die  liebe  Frau  hatte  die  letzte  Nacht  wenig  geschlafen;  was  sie  ge- 
fürchtet hatte,  war  entschieden,  auf  eine  Weise  entschieden,  die  sie 
weder  ahnen  noch  fürchten  konnte.  Ihr  sonst  so  rein  und  leicht  flie- 
ßendes Blut  war  in  einer  fieberhaften  Empörung,  tausenderlei 
Empfindungen  zerrütteten  das  schöne  Herz.  War  es  das  Feuer  von 


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Johann  Wojfgang  von  Goethe 


Werthers  Umarmungen,  das  sie  in  ihrem  Busen  fühlte?  war  es  Unwil- 
le über  seine  Verwegenheit?  war  es  eine  unmutige  Vergleichung  ihres 
gegenwärtigen  Zustandes  mit  jenen  Tagen  ganz  unbefangener  freier 
Unschuld  und  sorglosen  Zutrauens  an  sich  selbst?  Wie  sollte  sie  ihrem 
Manne  entgegengehen?  wie  ihm  eine  Szene  bekennen,  die  sie  so  gut 
gestehen  durfte  und  die  sie  sich  doch  zu  gestehen  nicht  getraute?  Sie 
hatten  so  lange  gegeneinander  geschwiegen,  und  sollte  sie  die  Erste 
sein,  die  das  Stillschweigen  bräche  und  eben  zur  Unrechten  Zeit  ih- 
rem Gatten  eine  so  unerwartete  Entdeckung  machte?  Schon  fürchte- 
te sie,  die  bloße  Nachricht  von  Werthers  Besuch  werde  ihm  einen  un- 
angenehmen Eindruck  machen,  und  nun  gar  diese  unerwartete  Kata- 
strophe! Konnte  sie  wohl  hoffen,  dass  ihr  Mann  sie  ganz  im  rechten 
Lichte  sehen,  ganz  ohne  Vorurteil  aufnehmen  würde?  und  konnte  sie 
wünschen,  dass  er  in  ihrer  Seele  lesen  möchte?  Und  doch  wieder, 
konnte  sie  sich  verstellen  gegen  den  Mann,  vor  dem  sie  immer  wie  ein 
kristallhelles  Glas  offen  und  frei  gestanden,  und  dem  sie  keine  ihrer 
Empfindungen  jemals  verheimlicht  noch  verheimlichen  können? 
Eins  und  das  andre  machte  ihr  Sorgen  und  setzte  sie  in  Verlegenheit; 
und  immer  kehrten  ihre  Gedanken  wieder  zu  Werthern,  der  für  sie 
verloren  war,  den  sie  nicht  lassen  konnte,  den  sie  leider!  sich  selbst 
überlassen  musste,  und  dem,  wenn  er  sie  verloren  hatte,  nichts  mehr 
übrig  blieb. 

Wie  schwer  lag  jetzt,  was  sie  sich  in  dem  Augenblick  nicht  deutlich 
machen  konnte,  die  Stockung  auf  ihr,  die  sich  unter  ihnen  festgesetzt 
hatte!  So  verständige,  so  gute  Menschen  fingen  wegen  gewisser  heim- 
licher Verschiedenheiten  untereinander  zu  schweigen  an,  jedes  dach- 
te seinem  Recht  und  dem  Unrechte  des  andern  nach,  und  die  Ver- 
hältnisse verwickelten  und  verhetzten  sich  dergestalt,  dass  es  unmög- 
lich ward,  den  Knoten  eben  in  dem  kritischen  Momente,  von  dem 
alles  abhing,  zu  lösen.  Hätte  eine  glückliche  Vertraulichkeit  sie  früher 
wieder  einander  näher  gebracht,  wäre  Liebe  und  Nachsicht  wechsels- 
weise unter  ihnen  lebendig  worden,  und  hätte  ihre  Herzen  aufge- 
schlossen, vielleicht  wäre  unser  Freund  noch  zu  retten  gewesen. 
Noch  ein  sonderbarer  Umstand  kam  dazu.  Werther  hatte,  wie  wir  aus 
seinen  Briefen  wissen,  nie  ein  Geheimnis  daraus  gemacht,  dass  er 
sich,  diese  Welt  zu  verlassen,  sehnte.  Albert  hatte  ihn  oft  bestritten, 
auch  war  zwischen  Lotten  und  ihrem  Mann  manchmal  die  Rede  da- 
von gewesen.  Dieser,  wie  er  einen  entschiedenen  Widerwillen  gegen 
die  Tat  empfand,  hatte  auch  gar  oft  mit  einer  Art  von  Empfindlich- 


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Die  Leiden  des  jungen  Werthers 


keit,  die  sonst  ganz  außer  seinem  Charakter  lag,  zu  erkennen  gege- 
ben, dass  er  an  dem  Ernst  eines  solchen  Vorsatzes  sehr  zu  zweifeln 
Ursach  finde,  er  hatte  sich  sogar  darüber  einigen  Scherz  erlaubt,  und 
seinen  Unglauben  Lotten  mitgeteilt.  Dies  beruhigte  sie  zwar  von  ei- 
ner Seite,  wenn  ihre  Gedanken  ihr  das  traurige  Bild  vorführten,  von 
der  andern  aber  fühlte  sie  sich  auch  dadurch  gehindert,  ihrem  Manne 
die  Besorgnisse  mitzuteilen,  die  sie  in  dem  Augenblicke  quälten. 
Albert  kam  zurück,  und  Lotte  ging  ihm  mit  einer  verlegenen  Hastig- 
keit entgegen,  er  war  nicht  heiter,  sein  Geschäft  war  nicht  vollbracht, 
er  hatte  an  dem  benachbarten  Amtmanne  einen  unbiegsamen  klein- 
sinnigen Menschen  gefunden.  Der  üble  Weg  auch  hatte  ihn  ver- 
drießlich gemacht. 

Er  fragte,  ob  nichts  vorgefallen  sei,  und  sie  antwortete  mit  Überei- 
lung: Werther  sei  gestern  abends  dagewesen.  Er  fragte,  ob  Briefe  ge- 
kommen, und  er  erhielt  zur  Antwort,  dass  ein  Brief  und  Pakete  auf 
seiner  Stube  lägen. 

Er  ging  hinüber,  und  Lotte  blieb  allein.  Die  Gegenwart  des  Mannes, 
den  sie  liebte  und  ehrte,  hatte  einen  neuen  Eindruck  in  ihr  Herz  ge- 
macht. Das  Andenken  seines  Edelmuts,  seiner  Liebe  und  Güte  hatte 
ihr  Gemüt  mehr  beruhigt,  sie  fühlte  einen  heimlichen  Zug,  ihm  zu 
folgen,  sie  nahm  ihre  Arbeit  und  ging  auf  sein  Zimmer,  wie  sie  mehr 
zu  tun  pflegte.  Sie  fand  ihn  beschäftigt,  die  Pakete  zu  erbrechen  und 
zu  lesen.  Einige  schienen  nicht  das  Angenehmste  zu  enthalten.  Sie  tat 
einige  Fragen  an  ihn,  die  er  kurz  beantwortete,  und  sich  an  den  Pult 
stellte  zu  schreiben. 

Sie  waren  auf  diese  Weise  eine  Stunde  nebeneinander  gewesen  und 
es  ward  immer  dunkler  in  Lottens  Gemüt.  Sie  fühlte,  wie  schwer  es  ihr 
werden  würde,  ihrem  Mann,  auch  wenn  er  bei  dem  besten  Humor 
wäre,  das  zu  entdecken,  was  ihr  auf  dem  Herzen  lag:  sie  verfiel  in  eine 
Wehmut,  die  ihr  um  desto  ängstlicher  ward,  als  sie  solche  zu  verber- 
gen und  ihre  Tränen  zu  verschlucken  suchte. 

Die  Erscheinung  von  Werthers  Knaben  setzte  sie  in  die  größte  Verle- 
genheit; er  überreichte  Alberten  das  Zettelchen,  der  sich  gelassen 
nach  seiner  Frau  wendete  und  sagte;  Gib  ihm  die  Pistolen.  - Ich  lasse 
ihm  glückliche  Reise  wünschen,  sagte  er  zum  Jungen.  - Das  fiel  auf 
sie  wie  ein  Donnerschlag,  sie  schwankte  aufzustehen,  sie  wusste  nicht, 
wie  ihr  geschah.  Langsam  ging  sie  nach  der  Wand,  zitternd  nahm  sie 
das  Gewehr  herunter,  putzte  den  Staub  ab  und  zauderte  und  hätte 
noch  lange  gezögert,  wenn  nicht  Albert  durch  einen  fragenden  Blick 


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Johann  Wolfgang  von  Goethe 


sie  gedrängt  hätte.  Sie  gab  das  unglückliche  Werkzeug  dem  Knaben, 
ohne  ein  Wort  Vorbringen  zu  können,  und  als  der  zum  Hause  hinaus 
war,  machte  sie  ihre  Arbeit  zusammen,  ging  in  ihr  Zimmer,  in  dem 
Zustande  der  unaussprechlichsten  Ungewissheit.  Ihr  Herz  weissagte 
ihr  alle  Schrecknisse.  Bald  war  sie  im  Begriße,  sich  zu  den  Füßen  ihres 
Mannes  zu  werfen,  ihm  alles  zu  entdecken,  die  Geschichte  des  gestri- 
gen Abends,  ihre  Schuld  und  ihre  Ahnungen.  Dann  sah  sie  wieder 
keinen  Ausgang  des  Unternehmens,  am  wenigsten  konnte  sie  hoffen, 
ihren  Mann  zu  einem  Gange  nach  Werthern  zu  bereden.  Der  Tisch 
ward  gedeckt,  und  eine  gute  Freundin,  die  nur  etwas  zu  fragen  kam, 
gleich  gehen  wollte  - und  blieb,  machte  die  Unterhaltung  bei  Tische 
erträglich;  man  zwang  sich,  man  redete,  man  erzählte,  man  vergaß 
sich. 

Der  Knabe  kam  mit  den  Pistolen  zu  Werthern,  der  sie  ihm  mit  Ent- 
zücken abnahm,  als  er  hörte,  Lotte  habe  sie  ihm  gegeben.  Er  ließ  sich 
Brot  und  Wein  bringen,  hieß  den  Knaben  zu  Tische  gehen  und  setzte 
sieh  nieder,  zu  schreiben. 

»Sie  sind  durch  deine  Hände  gegangen,  du  hast  den  Staub  davon  ge- 
putzt, ich  küsse  sie  tausendmal,  du  hast  sie  berührt:  und  du,  Geist  des 
Himmels,  begünstigst  meinen  Entschluss!  und  du,  Lotte,  reichst  mir 
das  Werkzeug,  du,  von  deren  Händen  ich  den  Tod  zu  empfangen 
wünschte,  und  ach!  nun  empfange.  O ich  habe  meinen  Jungen  ausge- 
fragt. Du  zittertest,  als  du  sie  ihm  reichtest,  du  sagtest  kein  Lebewohl! 
- Wehe!  wehe!  kein  Lebewohl!  — Solltest  du  dein  Herz  für  mich  ver- 
schlossen haben,  um  des  Augenblicks  willen,  der  mich  ewig  an  dich 
befestigte?  Lotte,  keinjahrtausend  vermag  den  Eindruck  auszulöschen! 
und  ich  fühle  es,  du  kannst  den  nicht  hassen,  der  so  für  dich  glüht.« 

Nach  Tische  hieß  er  den  Knaben  alles  vollends  einpacken,  zerriss  vie- 
le Papiere,  ging  aus  und  brachte  noch  kleine  Schulden  in  Ordnung.  Er 
kam  wieder  nach  Hause,  ging  wieder  aus  vors  Tor,  ungeachtet  des 
Regens,  in  den  gräflichen  Garten,  schweifte  weiter  in  der  Gegend  um- 
her und  kam  mit  anbrechender  Nacht  zurück  und  schrieb. 

»Wilhelm,  ich  habe  zum  letzten  Male  Feld  und  Wald  und  den  Him- 
mel gesehen.  Lebe  wohl  auch  du!  liebe  Mutter,  verzeiht  mir!  Tröste 
sie,  Wilhelm!  Gott  segne  euch!  Meine  Sachen  sind  alle  in  Ordnung. 
Lebt  wohl!  wir  sehen  uns  wieder  und  freudiger.« 


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Die  Läden  des  jungen  Werthers 


»Ich  habe  dir  übel  gelohnt,  Albert,  und  du  vergibst  mir.  Ich  habe  den 
Frieden  deines  Hauses  gestört,  ich  habe  Misstrauen  zwischen  euch 
gebracht.  Lebe  wohl!  ich  will  es  enden.  O dass  ihr  glücklich  wäret 
durch  meinen  Tod!  Albert!  Albert!  mache  den  Engel  glücklich!  Und 
so  wohne  Gottes  Segen  über  dir!« 

Er  kramte  den  Abend  noch  viel  in  seinen  Papieren,  zerriss  vieles  und 
warf  es  in  den  Ofen,  versiegelte  einige  Packe  mit  den  Adressen  an 
Wilhelm.  Sie  enthielten  kleine  Aufsätze,  abgerissene  Gedanken,  de- 
ren ich  verschiedene  gesehen  habe;  und  nachdem  er  um  zehn  Uhr 
Feuer  hatte  nachlegen  und  sich  eine  Flasche  Wein  geben  lassen, 
schickte  er  den  Bedienten,  dessen  Kammer  wie  auch  die  Schlafzim- 
mer der  Hausleute  weit  hinten  hinaus  waren,  zu  Bette,  der  sich  dann 
in  seinen  Kleidern  niederlegte,  um  frühe  bei  der  Hand  zu  sein;  denn 
sein  Herr  hatte  gesagt,  die  Postpferde  würden  vor  sechse  vors  Haus 
kommen. 

»Nach  eilfe. 

Alles  ist  so  stUl  um  mich  her,  und  so  ruhig  meine  Seele.  Ich  danke  dir, 
Gott,  der  du  diesen  letzten  Augenblicken  diese  Wärme,  diese  Kraft 
schenkest. 

Ich  trete  an  das  Fenster,  meine  Beste!  und  sehe  und  sehe  noch  durch 
die  stürmenden,  vorüberfliehenden  Wolken  einzelne  Sterne  des  ewi- 
gen Himmels!  Nein,  ihr  werdet  nicht  fallen!  der  Ewige  trägt  euch  an 
seinem  Herzen,  und  mich.  Ich  sehe  die  Deichselsterne  des  Wagens, 
des  liebsten  unter  allen  Gestirnen.  Wenn  ich  nachts  von  dir  ging,  wie 
ich  aus  deinem  Tore  trat,  stand  er  gegen  mir  über.  Mit  welcher  Trun- 
kenheit habe  ich  ihn  oft  angesehen!  oft  mit  aufgehabenen  Händen 
ihn  zum  Zeichen,  zum  heiligen  Merksteine  meiner  gegenwärtigen  Se- 
ligkeit gemacht!  und  noch  - O Lotte,  was  erinnert  mich  nicht  an  dich! 
umgibst  du  mich  nicht!  und  habe  ich  nicht,  gleich  einem  Kinde,  unge- 
nügsam allerlei  Kleinigkeiten  zu  mir  gerissen,  die  du  Heilige  berührt 
hattest! 

Liebes  Schattenbild!  Ich  vermache  dir  es  zurück,  Lotte,  und  bitte 
dich,  es  zu  ehren.  Tausend,  tausend  Küsse  habe  ich  drauf  gedrückt, 
tausend  Grüße  ihm  zugewinkt,  wenn  ich  ausging  oder  nach  Hause 
kam. 

Ich  habe  deinen  Vater  in  einem  Zettelchen  gebeten,  meine  Leiche  zu 
schützen.  Auf  dem  Kirchhofe  sind  zwei  Lindenbäume,  hinten  in  der 
Ecke  nach  dem  Felde  zu;  dort  wünsche  ich  zu  ruhen.  Er  kann,  er  wird 


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Johann  Wojfgang  von  Goethe 


das  für  seinen  Freund  tun.  Bitte  ihn  auch.  Ich  will  frommen  Christen 
nicht  zumuten,  ihren  Körper  neben  einen  armen  Unglücklichen  zu 
legen.  Ach  ich  wollte,  ihr  begrübt  mich  am  Wege,  oder  im  einsamen 
Tale,  dass  Priester  und  Levit  vor  dem  bezeichneten  Steine  sich  seg- 
nend vorübergingen  und  der  Samariter  eine  Träne  weinte. 

Hier,  Lotte!  Ich  schaudere  nicht,  den  kalten  schrecklichen  Kelch  zu 
fassen,  aus  dem  ich  den  Taumel  des  Todes  trinken  soll!  Du  reichtest 
mir  ihn  und  ich  zage  nicht.  All!  all!  So  sind  alle  die  Wünsche  und 
Hoffnungen  meines  Lebens  erfüllt!  So  kalt,  so  starr  an  der  ehernen 
Pforte  des  Todes  anzuklopfen. 

Dass  ich  des  Glückes  hätte  teilhaftig  werden  können,  für  dich  zu  ster- 
ben! Lotte,  für  dich  mich  hinzugeben!  Ich  wollte  mutig,  ich  wollte 
freudig  sterben,  wenn  ich  dir  die  Ruhe,  die  Wonne  deines  Lebens  wie- 
der schaffen  könnte.  Aber  ach!  das  ward  nur  wenigen  Edeln  gegeben, 
ihr  Blut  für  die  Ihrigen  zu  vergießen  und  durch  ihren  Tod  ein  neues 
hundertfältiges  Leben  ihren  Freunden  anzufachen. 

In  diesen  Kleidern,  Lotte,  will  ich  begraben  sein,  du  hast  sie  berührt, 
geheiligt;  ich  habe  auch  deinen  Vater  darum  gebeten.  Meine  Seele 
schwebt  über  dem  Sarge.  Man  soll  meine  Taschen  nicht  aussuchen. 
Diese  blassrote  Schleife,  die  du  am  Busen  hattest,  als  ich  dich  zum 
ersten  Male  unter  deinen  Kindern  fand  - O küsse  sie  tausendmal  und 
erzähle  ihnen  das  Schicksal  ihres  unglücklichen  Freundes.  Die  Lie- 
ben! sie  wimmeln  um  mich.  Ach  wie  ich  mich  an  dich  schloss!  seit 
dem  ersten  Augenblicke  dich  nicht  lassen  konnte!  - Diese  Schleife  soll 
mit  mir  begraben  werden.  An  meinem  Geburtstage  schenktest  du  mir 
sie!  Wie  ich  das  alles  verschlang!  - Ach  ich  dachte  nicht,  dass  mich  der 
Weg  hierher  führen  sollte!  — Sei  ruhig!  ich  bitte  dich,  sei  ruhig!  - Sie 
sind  geladen  - Es  schlägt  zwölfe!  So  sei  es  denn!  - Lotte!  Lotte,  lebe 
wohl!  lebe  wohl!« 

Ein  Nachbar  sah  den  Blick  vom  Pulver  und  hörte  den  Schuss  fallen; 
da  aber  alles  stille  blieb,  achtete  er  nicht  weiter  drauf 
Morgens  um  sechse  tritt  der  Bediente  herein  mit  dem  Lichte.  Er  fin- 
det seinen  Herrn  an  der  Erde,  die  Pistole  und  Blut.  Er  ruft,  er  fasst  ihn 
an;  keine  Antwort,  er  röchelte  nur  noch.  Er  läuft  nach  den  Ärzten, 
nach  Alberten.  Lotte  hört  die  Schelle  ziehen,  ein  Zittern  ergreift  alle 
ihre  Glieder.  Sie  weckt  ihren  Mann,  sie  stehen  auf,  der  Bediente 
bringt  heulend  und  stotternd  die  Nachricht,  Lotte  sinkt  ohnmächtig 
vor  Alberten  nieder. 


168 


Kommentar 


Als  der  Medicus  zu  dem  Unglücklichen  kam,  fand  er  ihn  an  der  Erde 
ohne  Rettung,  der  Puls  schlug,  die  Glieder  waren  alle  gelähmt.  Über 
dem  rechten  Auge  hatte  er  sich  durch  den  Kopf  geschossen,  das  Ge- 
hirn war  herausgetrieben.  Man  ließ  ihm  zum  Überfluss  eine  Ader  am 
Arme,  das  Blut  lief,  er  holte  noch  immer  Atem. 

Aus  dem  Blut  auf  der  Lehne  des  Sessels  konnte  man  schließen,  er 
habe  sitzend  vor  dem  Schreibtische  die  Tat  vollbracht,  dann  ist  er 
heruntergesunken,  hat  sich  konvulsivisch  um  den  Stuhl  herumge- 
wälzt. Er  lag  gegen  das  Fenster  entkräftet  auf  dem  Rücken,  war  in 
völliger  Kleidung,  gestiefelt,  im  blauen  Frack  mit  gelber  Weste. 

Das  Fiaus,  die  Nachbarschaft,  die  Stadt  kam  in  Aufruhr.  Albert  trat 
herein.  Werthern  hatte  man  auf  das  Bette  gelegt,  die  Stirn  verbun- 
den, sein  Gesicht  schon  wie  eines  Toten,  er  rührte  kein  Glied.  Die 
Lunge  röchelte  noch  fürchterlich,  bald  schwach,  bald  stärker;  man 
erwartete  sein  Ende. 

Von  dem  Weine  hatte  er  nur  ein  Glas  getrunken.  »Emilia  Galotti«  lag 
auf  dem  Pulte  aufgeschlagen. 

Von  Alberts  Bestürzung,  von  Lottens  Jammer  lasst  mich  nichts  sagen. 
Der  alte  Amtmann  kam  auf  die  Nachricht  hereingesprengt,  er  küsste 
den  Sterbenden  unter  den  heißesten  Tränen.  Seine  ältesten  Söhne 
kamen  bald  nach  ihm  zu  Fuße,  sie  fielen  neben  dem  Bette  nieder  im 
Ausdrucke  des  unbändigsten  Schmerzens,  küssten  ihm  die  Hände 
und  den  Mund,  und  der  ältste,  den  er  immer  am  meisten  geliebt,  hing 
an  seinen  Lippen,  bis  er  verschieden  war  und  man  den  Knaben  mit 
Gewalt  wegriss.  Um  zwölfe  mittags  starb  er.  Die  Gegenwart  des  Amt- 
mannes und  seine  Anstalten  tuschten  einen  Auflauf  Nachts  gegen  eil- 
fe  ließ  er  ihn  an  die  Stätte  begraben,  die  er  sich  erwählt  hatte.  Der 
Alte  folgte  der  Leiche  und  die  Söhne,  Albert  vermocht's  nicht.  Man 
fürchtete  für  Lottens  Leben.  Handwerker  trugen  ihn.  Kein  Geistli- 
cher hat  ihn  begleitet. 


/r  Kommentar 

Der  berühmte  Roman  von  Johann  Wolfgang  von  Goethe  »Die  Lei- 
den des  jungen  Werthers«  schildert  die  Beziehung  zwischen  Werther 
und  Lotte  als  sehr  schmerzliche  Liehe.  Nachdem  die  verheiratete  Lot- 
te ihm  mitgeteilt  hat,  dass  ihre  Liebe  keine  Jukunft  hat  und  dass  sie 
sich  endgültig  von  ihm  trennen  muss,  sieht  Werther  nur  noch  den  Suizid  als  Ausweg 


169 


Kommentar 


aus  seiner  Verzweiflung.  Über  die  depressioe  Verstimmung  wird  in  dem  Text  wenig 
Detailinformation  gegeben,  außer  dass  Werther,  wie  auch  Lotte,  sehr  traurig  sind, 
viel  weinen  und  Schlafstörungen  haben.  Es  handelt  sich  von  der  Symptomatik  eher 
um  eine  depressive  Reaktion  bzw.  Anpassungsstörung,  nicht  um  das  Vollbild  einer 
depressiven  Episode.  Allerdings  ist  die  Suizidalität  bei  Werther  sehr  ausgeprägt 
Sein  Denken  und  Handeln  engt  sich  im  Sinne  eines  präsuizidalen  Syndroms  immer 
mehr  darauf  ein.  Dabei  sind  gewisse  sentimentalische  i^üge  unverkennbar,  z-B. 
dass  er  die  Pistolen  des  Ehemannes  von  Lotte  ausborgt  und  dass  er  sich  in  dem 
Gedanken  wohl  fihlt,  dass  Lotte  diese  Pistolen  in  den  Händen  gehabt  hat.  Bemer- 
kenswert ist,  dass  Werther  schon  früher  über  eigene  suizidale  Tendenzm  gesprochen 
hat.  Wie  so  viele  Suizidenten  schreibt  Werther  einen  Abschiedsbrief  an  seine  Ge- 
liebte, der  aber  erst  aufgejimden  wird,  nachdem  ersieh  bereits  getötet  hat  Der  Wert- 
her-Roman  hat  in  der  damaligen  ffit  viel  Aufsehen  erregt,  weil  sich  offenbar  viele 
junge  verliebte  Menschen,  deren  eigene  Liebe  ebenfalls  unglücklich  verlief,  mit 
Werther  identifizierten  und  sich  suizidierten.  Man  hat  das  als  »Werther-Epidemie« 
bezeichnet  und  das  Phänomen  als  »Werther-Effekt«.  Der  Werther- Effekt  ist  auch 
heute  noch  in  der  Suizidologie  ein  Terminus  technicus,  und  die  »p^chologische  An- 
steckung» zur  Suizidalität  besteht  auch  heute  noch.  So  wurde  vor  etwa  10  bis  20 
Jahren  nach  Ausstrahlung  des  Fernsehfilms  »Tod  eines  Schülers»  das  Phänomen 
von  Suiziden  junger  Menschen  beobachtet,  die  in  gleicher  schulischer  (oder  sonsti- 
ger) Problemsituation  den  Tod  durch  einen  Sprung  vor  die  Eisenbahn  wählten.  Das 
Fernsehen  hatte  diesen  Film  in  guter  Absicht  entstehen  lassen,  um  auf  die  Probleme 
der  zu  starken  leistungsanforderung  von  Schülern  hinzuweisen.  Dieser  Film,  der 
als  Aufklärungsfilm  im  besten  Sinn  gedacht  war,  entwickelte  aber  leider  die  Sogwir- 
kung  im  Sinne  eines  »Werther-Effektes». 


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Anton  Tschechow 


Ein  Fall  aus  der  Praxis 


aus:  Anton  Tschechow:  Meistererzahlungm.  Aus  dem  Russischen  von  Reinhold 
Trautmann,  eingeleikt  von  Rudolf  Marx.  Sammlung  Dieterich  54. 

1992  by  Sammlung  Dieterich  Verlagsgesellschqft  mbH,  Berlin 

Einführung 

Der  russische  .Novellist  und  Dramatiker  Anton  Pawlowitsch 
Tschechow  (1860-1904)  war  der  Sohn  eines  Kolonialwaren- 
händlers, der  bald  Bankrott  ging.  Der  Großvater  war  noch  Leibei- 
gener des  Zßren  und  halte  sich  fieigekauß.  Von  1879  bis  1884 
studierte  Tschechow  dank  eines  Stipendiums  Medizin  in  Moskau.  Mach  Abschluss 
seines  Examens  schrieb  n an  seinen  Onkel:  >Meine  Medizin  läuft  allmählich.  Ich 
habe  sehr  viele  Bekannte,  folglich  auch  nicht  wenig  Patienten.  Die  Hälfte  von  ihnen 
muß  ich  gratis  behandeln  ...»  Das  Schreiben  betreibt  Anton  Tschechow  deshalb 
nicht  als  Privatvergnügen,  sondern  es  wird  ihm  zunehmend  zur  lebensnotwendigen 
Zusatzeinnahme.  Gestört  wird  es  durch  ge.sundheitliche  Probleme  des  Autors.  Im- 
mer wieder  hindern  ihn  Lungenhlutungen  an  seiner  literarischen  und  medizinischen 
Arbeit.  Der  engagierte  Arzt  ist  selbst  ein  schlechter  Patient,  der  sich  nicht  kurieren 
las.sen  will:  Wasser  und  Chinin  werde  ich  nehmen,  aber  mich  abzuhorchen  werde 
ich  nicht  gestatten.  1901  heiratete  Tschechotv  die  Schauspielerin  OlgaKnipper,  die 
er  vier  Jahre  zuvor  kennen  gelernt  und  gegen  deren  Heiratsabsichten  er  sich  bisher 
standhaft  gesträubt  hatte.  Sie  fihrten  eine  merkwürdige  Ehe,  lebten  wegen  der 
Theaterverpflichtungen  Olgas  meist  getrennt,  schrieben  .sich  aber  zahllose  Briefe.  Je 
nach  psychischer  oder  phy.sischer  Verfassung  neigte  Ischechow  dazu,  den  einen  oder 
anderen  Beruf  aufgeben  zu  wollen.  Die  Ambivalenz  zwischen  der  Existenz  als 
Arzt  und  als  Schriftsteller  beschreibt  er  treffsicher  in  einem  Bonmot:  »Die  Medizin 
ist  meine  gesetzliche  Ehefrau,  die  literatur  meine  Geliebte.  Wenn  mir  die  eine  auf 
die  Nerven  fällt,  nächtige  ich  bei  der  anderen.«  Ständige  Geldsorgen  und  Krankhei- 
ten zermürbten  den  efolgreichen  und  bereits  zu  Lebzeiten  viel  gespielten  und  hoch 
geschätzten  Dramatiker.  Im  Sommer  1904  hielt  sich  Anton  Tschechow  in  einem 
Kurhotel  in  Badenweiler  auf,  wo  er  sich  Linderung  seiner  Schmerzen  und  Genesung 
erhoffte.  Verbissen  arbeitete  er  an  seiner  Komödie  »Der  Kirschgarten«.  Kurz  nach 
der  triumphalen  Uraufführung  starb  der  Dichter  und  Arzt  am  15.  Juli  1904  in 


171 


Anion  Tschechow 


Badenweiler.  Seine  letzten  Worte  waren:  »Ich  habe  so  lange  keinen  Champagner 
mehr  getrunken.»  Maxim  Gorki  (1868—1936)  sagte  über  Tschechow:  »Ich  über- 
nehmees,  alle,  die  Tschechow  kritisieren,  eigenhändig  umzubringen  . . .<<  Es  ist  ganz 
einfach  so,  dass  hier  ein  Arzt  seine  Diagnose  als  Dichtung  niederschreibt.  Immer 
wieder  wird  der  messerscharfe,  analytische  Stil  gewürdigt  und  auf  die  ärztliche 
Tätigkeit  zurückgejuhrt.  Doch  das  Poetische  daran  erklärt  am  schönsten  Vladimir 
Nabokov  (1899-1977)  mit  den  Worten:  »Was  wir  sehen,  in  allen  Geschichten 
Tschechows,  ist  ein  Straucheln,  doch  ist  es  das  Straucheln  eines  Menschen,  der 
strauchelt,  weil  er  zu  den  Sternen  außlickt.» 

Weiterfihrende  Literatur: 

Frank  R.  Scheck:  Anton  Cechow.  DTV 2004 


Ein  Fall  aus  der  Praxis 

Der  Professor  erhielt  ein  Telegramm  von  der  Lja- 
likowschen  Fabrik:  man  bat  ihn,  so  rasch  wie 
möglich  zu  kommen.  Die  Tochter  der  Frau  Ljali- 
kow,  wahrscheinlich  der  Besitzerin  der  Fabrik, 
war  krank.  Näheres  aber  ließ  sich  aus  dem  lan- 
gen, unklar  abgefaßten  Telegramm  nicht  erse- 
hen. Und  der  Professor  reiste  nicht  selber  hin, 
sondern  schickte  seinen  Oberarzt  Koroljow. 

Von  Moskau  aus  mußte  er  zwei  Stationen  mit 
dem  Zuge  und  dann  etwa  vier  Werst  mit  dem  Wagen  fahren.  Man 
hatte  für  Koroljow  eine  Troika  auf  die  Station  geschickt;  der  Kutscher 
trug  einen  Hut  mit  einer  Pfauenfeder  und  antwortete  laut  und  solda- 
tenmäßig auf  alle  Fragen:  »Nein,  durchaus  nicht«  oder  »Genau  so!« 
Es  war  Samstagabend,  die  Sonne  sank.  Aus  der  Fabrik  gingen  die 
Arbeiter  in  ganzen  Scharen  zur  Station  und  grüßten  den  Wagen,  in 
dem  Koroljow  fuhr.  Und  ihn  bezauberten  der  Abend  und  die  Land- 
güter und  die  Häuschen  zu  seiten  des  Weges  und  die  Birken  und  die 
ganze  geruhsame  Stimmung  ringsum,  da  sich,  so  schien  es,  Feld  und 
Wald  und  Sonne  jetzt  am  Vorabend  des  Feiertages  gemeinsam  mit 
den  Arbeitern  vorbereiteten,  auszuruhen  - auszuruhen  und  vielleicht 
zu  beten  . . . 

Er  war  in  Moskau  geboren  und  aufgewachsen  und  kannte  das  Dorf 
nicht.  Für  Fabriken  hatte  er  sich  niemals  interessiert,  war  auch  nie  in 


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Ein  Fall  aus  der  Praxis 


ihnen  gewesen.  Aber  es  geschah  öfters,  daß  er  über  Fabriken  etwas  las 
oder  bei  Fabrikanten  zu  Gast  weilte  und  sich  mit  ihnen  unterhielt; 
und  wenn  er  von  weitem  oder  aus  der  Nähe  eine  Fabrik  sah,  dann 
dachte  er  jedesmal  daran,  daß  von  außen  alles  still  und  friedlich  sei, 
innen  aber  wahrscheinlich  eine  undurchdringliche  Unwissenheit  und 
der  stumpfe  Egoismus  der  Besitzer,  die  langweilige,  ungesunde  Müh- 
sal der  Arbeiter  herrsche,  Gezänk,  Schnaps,  Ungeziefer.  Und  jetzt,  da 
die  Arbeiter  ehrerbietig  und  schreckhaft  der  Kutsche  auswichen,  er- 
riet er  aus  ihren  Gesichtern,  Mützen  und  ihrer  Art  zu  gehen  physische 
Unreinheit,  Trunksucht,  Nervosität,  Zerfahrenheit. 

Sie  fuhren  ins  Fabriktor  hinein.  Zu  beiden  Seiten  tauchten  die  Fläus- 
chen  der  Arbeiter  auf,  Gesichter  von  Frauen,  Wäsche  und  Decken 
auf  den  Veranden.  »Vorsicht!«  rief  der  Kutscher,  der  die  Pferde  nicht 
anhielt.  Vor  ihnen  war  ein  weiter  Flof  ohne  Gras,  auf  ihm  fünf  ge- 
waltige Gebäude  mit  Schornsteinen,  ein  wenig  voneinander  getrennt, 
Warenlager,  Baracken  - und  auf  allem  lag  eine  graue  Schicht  wie  von 
Staub.  Hie  und  da,  wie  Oasen  in  der  Wüste,  klägliche  Gärtchen  und 
grüne  oder  rote  Hausdächer,  in  denen  die  Verwalter  wohnten.  Der 
Kutscher  zügelte  plötzlich  die  Pferde,  und  der  Wagen  hielt  vor  einem 
Hause,  das  mit  grauer  Farbe  frisch  gestrichen  war;  dort  befand  sich 
ein  Gärtchen  mit  staubbedeckten  Fliederbüschen,  und  auf  der  gelb- 
gestrichenen Veranda  roch  es  stark  nach  Farbe. 

»Bitte,  Herr  Doktor«,  sagten  Frauenstimmen  im  Flur  und  im  Vorzim- 
mer, und  dabei  vernahm  man  Seufzer  und  Geflüster.  »Bitte,  wir  ha- 
ben Sie  sehnlichst  erwartet  . . . Was  für  ein  Jammer!  Bitte,  hier  her- 
ein.« 

Frau  Ljalikow,  eine  stark  bejahrte  Dame  in  schwarzem  Seidenkleid 
mit  modischen  Ärmeln,  ihrem  Gesichtsausdruck  nach  eine  einfache, 
wenig  gebildete  Frau,  blickte  unruhig  den  Doktor  an  und  konnte  sich 
nicht  entschließen,  ihm  die  Hand  zu  reichen,  wagte  es  nicht.  Neben 
ihr  stand  eine  Person  mit  kurzgeschnittenem  Haar  und  Pincenez,  in 
bunter  geblümter  Jacke,  hager  und  nicht  mehr  jung.  Die  Dienstboten 
nannten  sie  Christina  Dmitrijewna,  und  Koroljow  erriet,  daß  es  die 
Gouvernante  sei.  Wahrscheinlich  hatte  man  es  ihr  als  der  gebildetsten 
Person  im  Hause  aufgetragen,  den  Doktor  zu  empfangen  und  zu  be- 
grüßen, weil  sie  sofort  hastig  die  Ursachen  der  Krankheit  mit  kleinen, 
aufdringlichen  Details  darzulegen  begann,  ohne  jedoch  zu  sagen,  wer 
die  Kranke  sei  und  worum  es  sich  handele. 

Der  Doktor  und  die  Gouvernante  saßen  und  sprachen  miteinander, 


173 


Anton  Tschechow 


die  Hausherrin  aber  stand  unbeweglich  an  der  Tür  und  wartete.  Aus 
der  Unterhaltung  verstand  Koroljow,  daß  Lisa,  die  einzige  Tochter 
des  Hauses,  die  Erbin  der  Fabrik,  ein  zwanzigjähriges  Mädchen, 
krank  sei;  sie  kränkelte  schon  lange  und  wurde  von  verschiedenen 
Ärzten  behandelt,  doch  in  der  vergangenen  Nacht  hatte  sie  von 
abends  bis  morgens  so  starkes  Herzklopfen  gehabt,  daß  niemand  im 
Hause  schlief,  und  man  fürchtete,  sie  könnte  sterben. 

»Sie  kränkelte,  kann  man  wohl  sagen,  von  Kind  an«,  erzählte  Christi- 
na  Dmitrijewna  mit  singender  Stimme  und  wischte  sich  immerfort 
mit  der  Hand  den  Mund. 

»Die  Ärzte  sagen,  daß  es  die  Nerven  seien,  aber  als  sie  klein  war,  ha- 
ben ihr  die  Ärzte  die  Skrofeln  in  den  Körper  getrieben,  und  davon 
kann  das  wohl  kommen,  wie  ich  glaube.« 

Sie  gingen  zur  Kranken  hinein.  Völlig  erwachsen,  groß,  von  gutem 
Wuchs,  aber  unschön,  der  Mutter  ähnlich,  mit  ebenso  kleinen  Äugen 
und  einer  breiten,  übermäßig  entwickelten  unteren  Gesichtspartie, 
unfrisiert,  bis  zum  Kinn  zugedeckt,  machte  sie  im  ersten  Augenblick 
auf  Koroljow  den  Eindruck  eines  armen,  unglücklichen  Geschöpfes, 
das  man  aus  Mitleid  hier  aufgenommen  habe,  und  man  wollte  nicht 
glauben,  daß  sie  die  Erbin  von  fünf  gewaltigen  Fabrikgebäuden  sei. 
»Nun,  ich  komme  zu  Ihnen«,  begann  Koroljow,  »ich  bin  gekommen. 
Sie  zu  behandeln.  Guten  Tag.« 

Er  stellte  sich  ihr  vor  und  drückte  ihre  Hand  - eine  große,  kalte,  häß- 
liche Hand.  Sie  setzte  sich  hin  und,  offensichtlich  längst  schon  an  Ärz- 
te gewöhnt,  gleichgültig  dagegen,  daß  Schulter  und  Brust  bloß  waren, 
ließ  sie  sich  untersuchen. 

»Ich  habe  Herzklopfen«,  sagte  sie.  »Die  ganze  Nacht  war  es  entsetz- 
lich . . . ich  starb  fast  vor  Schreck!  Geben  Sie  mir  irgend  etwas.« 

»Ich  werde  es  tun.  Beruhigen  Sie  sich.« 

Koroljow  untersuchte  sie  und  zuckte  die  Achseln. 

»Das  Herz  ist,  wie  es  sein  soll«,  sagte  er,  »alles  ist  in  Ordnung,  alles 
steht  gut.  Die  Nerven  sind  Ihnen  wahrscheinlich  ein  wenig  durch- 
gegangen, aber  das  ist  so  das  Übliche.  Der  Anfall,  muß  man  anneh- 
men, ist  schon  zu  Ende,  legen  Sie  sich  schlafen.« 

In  dem  Augenblick  brachte  man  die  Lampe  ins  Schlafzimmer.  Die 
Kranke  blinzelte  in  das  Licht  und  umfaßte  auf  einmal  mit  den  Hän- 
den den  Kopf  und  brach  in  Schluchzen  aus.  Der  Eindruck  eines 
armen  und  unschönen  Wesens  war  plötzlich  verschwunden,  und  Ko- 
roljow bemerkte  nicht  mehr  die  kleinen  Äugen,  nicht  die  grob  entwik- 


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Ein  Fall  aus  der  Praxis 


kelte  untere  Gesichtspartie;  er  erblickte  den  weichen  Ausdruck  einer 
Leidenden,  der  so  vernünftig  und  rührend  war,  und  sie  schien  ihm 
ganz  ebenmäßig,  weiblich,  schlicht,  und  es  kam  ihn  die  Lust  an,  sie 
nicht  mit  Medikamenten,  nicht  mit  Ratschlägen,  sondern  mit  einem 
einfachen  zärtlichen  Wort  zu  beruhigen.  Die  Mutter  umfaßte  ihren 
Kopf  und  drückte  ihn  an  sich.  Wieviel  Verzweiflung,  wieviel  Leid  lag 
auf  dem  Antlitz  der  Alten!  Sie,  die  Mutter,  hatte  die  Tochter  ernährt 
und  großgezogen,  hatte  nichts  gespart,  gab  das  ganze  Leben  dafür 
hin,  sie  die  französische  Sprache,  Tänze,  Musik  zu  lehren,  zog  für  sie 
ein  Dutzend  Lehrer  herbei,  die  besten  Ärzte,  hielt  eine  Gouvernante, 
und  jetzt  konnte  sie  nicht  begreifen,  woher  diese  Tränen  kamen,  war- 
um sie  so  viel  litt,  faßte  es  nicht  und  war  wie  verloren,  und  in  ihrem 
Gesicht  erschien  ein  schuldbewußter,  beunruhigter,  verzweifelter 
Ausdruck,  so,  als  ob  sie  noch  etwas  sehr  Wichtiges  versäumt,  etwas 
noch  nicht  getan,  irgend  jemanden  noch  nicht  herangezogen  hätte, 
aber  wen  - das  wußte  sie  nicht. 

»Lisanjka,  schon  wieder  weinst  du«,  rief  sie  und  preßte  die  Tochter  an 
sich.  »Liebste,  Teuerste,  mein  Kindchen,  sage  doch,  was  du  hast?  Er- 
barme dich  meiner  und  sage  es.« 

Beide  weinten  bitterlich.  Koroljow  setzte  sich  an  den  Bettrand  und 
ergriff  Lisas  Hand. 

»Nun  aber  genug,  lohnt  es  denn  zu  weinen?«  sagte  er  freundlich.  »Es 
gibt  in  der  Welt  ja  nichts,  das  diese  Tränen  verdiente.  Nun  wollen  wir 
nicht  mehr  weinen,  es  ist  nicht  nötig.« 

Bei  sich  aber  dachte  er:  »Es  wäre  an  der  Zeit,  zu  heiraten  . . . « 
»Unser  Fabrikarzt  gab  ihr  Kaliumbromid«,  sagte  die  Gouvernante, 
»aber  danach  wurde  ihr,  wie  ich  bemerken  muß,  nur  schlechter.  Nach 
meiner  Meinung  sollte  man  ihr  Tropfen  geben,  wenn  überhaupt  et- 
was, gegen  das  Herz  ...  ich  vergaß,  wie  sie  heißen  . . . Maiglöckchen- 
tropfen oder  so.  « 

Und  wieder  folgten  alle  Details.  Sie  unterbrach  jeden  Augenblick  den 
Arzt,  hinderte  ihn,  zu  sprechen,  und  in  ihrem  Gesicht  war  das  Bemü- 
hen zu  lesen,  als  wenn  sie  meinte,  sie  sei  als  die  gebildetste  Person  im 
Hause  verpflichtet,  mit  dem  Doktor  eine  ununterbrochene  Unterhal- 
tung zu  führen  und  unbedingt  über  medizinische  Dinge. 

Koroljow  wurde  das  zuviel. 

»Ich  kann  nichts  Besonderes  finden«,  sagte  er,  das  Schlafzimmer  ver- 
lassend zu  der  Mutter  gewendet.  »Wenn  der  Fabrikarzt  Ihre  Tochter 
behandelt  hat,  so  soll  er  es  auch  weiterhin  tun.  Die  Behandlung  war 


175 


Anton  Tschechow 


bisher  ordentlich,  und  ich  sehe  keine  Notwendigkeit,  den  Arzt  zu 
wechseln.  Was  hat  das  für  einen  Zweck?  Es  ist  eine  so  gewöhnliche 
Krankheit,  nichts  Ernsthaftes  ...« 

Er  sprach,  ohne  zu  hasten,  und  zog  die  Handschuhe  an,  Frau  Ljalikow 
aber  stand  unbeweglich  da  und  sah  ihn  mit  verweinten  Augen  an. 
»Bis  zum  Zuge  um  neun  Uhr  ist  noch  eine  halbe  Stunde  Zeit«,  sagte 
er,  »hoffentlich  komme  ich  nicht  zu  spät.« 

»Können  Sie  denn  nicht  bei  uns  bleiben?«  fragte  sie,  und  von  neuem 
flössen  Tränen  über  ihre  Wangen.  »Es  ist  wohl  unrecht,  Sie  zu  beun- 
ruhigen, aber  seien  Sie  so  gut . . .,  um  Gottes  willen«,  fuhr  sie  leise  fort 
und  sah  sich  nach  der  Türe  um,  »übernachten  Sie  doch  bei  uns.  Es  ist 
mein  einziges  Kind  . . . meine  einzige  Tochter  ...  Sie  hat  uns  in  der  ver- 
gangenen Nacht  großen  Schrecken  eingejagt,  so  daß  ich  gar  nicht  zur 
Besinnung  kommen  kann  . . . Fahren  Sie  um  Gottes  willen  nicht  fort.« 
Er  wollte  ihr  sagen,  daß  ihn  in  Moskau  viel  Arbeit  erwarte  und  seine 
Familie  seiner  harre;  es  fiel  ihm  schwer,  ohne  besondere  Not  in  einem 
fremden  Hause  einen  ganzen  Abend  und  eine  ganze  Nacht  zu  ver- 
bringen, aber  als  er  ihr  Gesicht  sah,  seufzte  er  und  begann  schwei- 
gend die  Handschuhe  abzuziehen. 

Man  zündete  im  Saal  und  Salon  für  ihn  alle  Lampen  und  Kerzen  an. 
Er  saß  am  Klavier  und  durchblätterte  die  Noten,  dann  besah  er  die 
Bilder  an  den  Wänden  und  die  Porträts.  Die  Ölgemälde  in  Goldrah- 
men stellten  Ansichten  der  Krim  dar,  das  stürmische  Meer  mit  einem 
Schiffchen,  einen  katholischen  Mönch  mit  einem  Weinglas,  und  alles 
das  war  trocken,  talentlos  gemalt  . . . Auf  den  Porträts  nicht  ein  schö- 
nes, interessantes  Gesicht,  alles  breite  Kinnladen,  erstaunte  Augen; 
Ljalikow,  Lisas  Vater,  hatte  eine  niedrige  Stirn  und  ein  selbstzufriede- 
nes Gesicht,  die  Uniform  saß  sackartig  auf  seinem  großen,  nicht  von 
guter  Rasse  zeugenden  Leib,  auf  der  Brust  hatte  er  eine  Medaille  und 
das  Zeichen  des  Roten  Kreuzes.  Eine  dürftige  Kultur,  ein  zufälliger 
Luxus,  der  nicht  durchdacht,  der  kein  rechtes  Maß  hatte,  wie  diese 
Uniform;  die  Fußböden  reizten  durch  ihren  Glanz,  der  Lüster  reizte, 
und  unwillkürlich  mußte  man  an  die  Anekdote  von  dem  Kaufmann 
denken,  der  mit  einer  Medaille  am  Hals  ins  Badehaus  ging  . . . Aus 
dem  Vorzimmer  hörte  man  Flüstern,  jemand  schnarchte  leise.  Und 
auf  einmal  waren  von  draußen  scharfe,  abgehackte,  metallische 
Klänge  zu  vernehmen,  wie  sie  Koroljow  früher  niemals  gehört  hatte 
und  die  er  jetzt  nicht  begriff;  sie  hallten  in  seiner  Seele  seltsam  und 
unangenehm  wider. 


176 


Ein  Fall  aus  der  Praxis 


»Um  keinen  Preis  möchte  ich  hier  wohnen  bleiben  . . . «,  dachte  er  und 
griff  wieder  nach  den  Noten. 

»Herr  Doktor,  bitte  zum  Essen  zu  kommen!«,  rief  halblaut  die  Gou- 
vernante. 

Er  ging  zum  Abendessen.  Der  Tisch  war  groß,  mit  einer  Menge  Sa- 
kuski  und  Wein  bestellt;  aber  nur  zwei  aßen:  er  und  Christina  Dmitri- 
jewna.  Sie  trank  Madeira,  aß  rasch  und  sprach,  durchs  Pincenez  ihn 
anblickend:  »Die  Arbeiter  sind  mit  uns  sehr  zufrieden.  In  unsrer  Fa- 
brik gibt  es  in  jedem  Winter  Vorführungen;  die  Arbeiter  selber  spielen 
dabei,  dann  gibt  es  Vorträge  mit  Lichtbildern,  eine  prachtvolle  Tee- 
stube und  noch  manches  andere.  Die  Arbeiter  sind  uns  sehr  ergeben, 
und  als  sie  erfuhren,  daß  es  Lisanjka  schlechter  ging,  bestellten  sie  ein 
Bittgebet.  Sic  sind  ungebildet,  haben  aber  auch  Gefühle.« 

»Es  sieht  so  aus,  als  ob  in  Ihrem  Hause  kein  einziger  Mann  ist«,  sagte 
Koroljow. 

»Kein  einziger.  Pjotr  Nikanorytsch  starb  vor  anderthalb  Jahren,  und 
wir  blieben  allein.  So  leben  wir  zu  dreien.  Im  Sommer  hier,  im  Winter 
in  Moskau  auf  der  Poljanka.  Ich  lebe  schon  elf  Jahre  im  Hause.  Ich 
fühle  mich  als  zu  ihnen  gehörig.« 

Als  Abendessen  gab  es  Sterlet,  Hühnerkoteletts  und  Kompott;  die 
Weine  waren  kostspielig,  französischer  Herkunft. 

»Doktor,  essen  Sie,  ohne  Umstände  zu  machen«,  sagte  Christina 
Dmitrijewna,  essend  und  sich  den  Mund  mit  der  Hand  abwischend, 
und  es  war  zu  sehen,  daß  sie  hier  zu  ihrer  vollsten  Zufriedenheit  lebte. 
»Essen  Sie,  bitte.« 

Nach  dem  Essen  führte  man  den  Doktor  in  das  Zimmer,  wo  für  ihn 
das  Bett  bereitet  war.  Aber  ihn  verlangte  nicht  nach  Schlaf,  es  war 
dumpf,  und  im  Zimmer  roch  es  nach  Farbe;  er  zog  den  Paletot  an  und 
ging  hinaus. 

Draußen  war  es  kühl;  es  begann  zu  dämmern,  und  in  der  feuchten 
Luft  zeichneten  sich  alle  fünf  Fabrikgebäude  mit  ihren  langen 
Schornsteinen  und  die  Baracken  und  Lager  ab.  Wegen  des  Feiertags 
wurde  nicht  gearbeitet,  in  den  Fenstern  war  es  dunkel,  und  nur  in 
einem  der  Gebäude  brannte  noch  ein  Ofen,  zwei  Fenster  waren  pur- 
purrot, und  aus  dem  Schornstein  schlug  bisweilen  mit  dem  Rauch 
eine  Flamme  heraus.  Weit  hinter  dem  Hof  quakten  Frösche,  sang 
eine  Nachtigall. 

Indem  er  die  Fabrik  und  die  Baracken,  in  denen  die  Arbeiter  schlie- 
fen, ansah,  dachte  er  wiederum  darüber  nach,  worüber  er  immer 


177 


Anton  Tschechow 


nachdachte,  wenn  er  Fabriken  sah.  Mag  es  hier  Vorstellungen  für  die 
Arbeiter,  Lichtbildervorträge,  Betriebsärzte  und  allerlei  Verbes- 
serungen geben,  dennoch  unterschieden  sich  die  Arbeiter,  denen  er 
heute  auf  dem  Wege  von  der  Bahnstation  begegnete,  dem  Äußern 
nach  in  nichts  von  den  Arbeitern,  wie  er  sie  schon  in  seiner  Kindheit 
gesehen  hatte,  als  es  Verbesserungen  und  Vorstellungen  in  den  Fabri- 
ken nicht  gab.  Er  als  Arzt,  der  ein  klares  Urteil  über  chronische  Lei- 
den hatte,  deren  Grundursache  unbekannt  und  unheilbar  war,  sah 
auch  die  Fabriken  als  etwas  Unnormales  an,  dessen  Ursache  ebenfalls 
nicht  zu  erkennen  und  nicht  zu  beseitigen  war,  und  alle  Verbesserun- 
gen im  Leben  der  Fabrikarbeiter  hielt  er  zwar  nicht  für  überflüssig, 
verglich  sie  aber  mit  dem  Herumkurieren  an  unheilbaren  Krankhei- 
ten. 

»Hier  besteht  etwas  Unnormales,  natürlich  ...«,  dachte  er,  wenn  er 
die  purpurroten  Fenster  ansah.  »Eintausendfünfhundert  bis  zweitau- 
send Arbeiter  arbeiten  unaufhörlich,  unter  ungesunden  Verhältnis- 
sen, stellen  schlechten  Kattun  her,  leben  halbhungrig  und  befreien 
sich  nur  bisweilen  in  der  Schenke  von  diesem  Alpdruck;  hundert  Leu- 
te überwachen  die  Arbeit,  und  das  ganze  Leben  dieser  hundert  ver- 
geht im  Zudiktieren  von  Strafen,  im  Schelten,  in  Ungerechtigkeiten, 
und  nur  zwei  oder  drei,  die  sogenannten  Herren,  genießen  alle  Vor- 
teile, obwohl  sie  überhaupt  nicht  arbeiten  und  den  schlechten  Kattun 
verachten.  Aber  was  sind  das  für  Vorteile,  und  wie  machen  sie  von 
ihnen  Gebrauch?  Frau  LjtJikow  und  ihre  Tochter  sind  unglücklich,  es 
ist  ein  Jammer,  sie  anzuschauen,  allein  Christina  Dmitrijewna,  dies 
bejahrte,  törichte  Frauenzimmer  mit  Pincenez  lebt  zu  ihrer  vollen  Zu- 
friedenheit. Und  so  ergibt  sich,  daß  alle  diese  fünf  Fabrikgebäude  nur 
darum  arbeiten  und  dttß  auf  den  östlichen  Märkten  nur  darum 
schlechter  Kattun  verkauft  wird,  damit  Christina  Dmitrijewna  Sterlet 
essen  und  Madeira  trinken  kann. 

Plötzlich  ertönten  wieder  die  seltsamen  Laute,  die  Koroljow  schon 
vor  dem  Essen  gehört  hatte.  Bei  einem  der  Fabrikgebäude  schlugje- 
mand  an  eine  Metallplatte,  schlug  und  hielt  sofort  den  Ton  an,  so  daß 
kurze,  scharfe,  unreine  Töne,  die  wie  »der  . . . der  . . . der  . . .«  klangen, 
entstanden.  Danach  eine  halbe  Minute  Stille,  und  dann  erklangen  an 
einem  anderen  Gebäude  dieselben  Töne,  ebenso  abgerissen  und  un- 
angenehm, aber  tiefer,  mehr  zum  Baß  hin  - »dryn  . . . dryn  . . . dryn 
. . .«  Elfmal.  Augenscheinlich  schlugen  die  Wächter  elf  Uhr. 

Am  dritten  Gebäude  hörte  man;  »shak  ...  shak  ...  shak  ...«  Und  so 


178 


Ein  Fall  aus  der  Praxis 


bei  allen  Gebäuden  und  dann  hinter  den  Baracken  und  den  Toren. 
Und  es  machte  den  Eindruck,  als  wenn  inmitten  der  nächtlichen  Stil- 
le das  Ungeheuer  mit  den  purpurroten  Augen  selber  diese  Töne 
hervorbrächte,  der  Teufel  selbst,  der  hier  über  Herren  und  Arbeiter 
herrschte  und  die  einen  wie  die  andern  betrog. 

Koroljow  ging  vom  Hof  ins  Feld. 

»Wer  da?«  rief  man  ihn  mit  grober  Stimme  am  Tore  an. 

»Ganz  wie  im  Gefängnis  ...«,  dachte  er  und  antwortete  nicht. 

Hier  waren  die  Nachtigallen  und  Frösche  besser  zu  hören,  hier  spürte 
man  die  Mainacht.  Von  der  Station  drang  der  Lärm  eines  Zuges  her; 
irgendwo  krähten  verschlafene  Hähne,  aber  im  ganzen  war  die  Nacht 
still,  friedlich  schlief  die  Welt.  Im  Felde,  nicht  weit  von  der  Fabrik, 
stand  ein  Holzgebinde,  Baumaterial  war  dort  aufgestapelt.  Koroljow 
setzte  sich  auf  die  Bretter  und  dachte  weiter  nach. 

»Nur  die  Gouvernante  fühlt  sich  hier  wohl,  und  die  Fabrik  arbeitet 
für  ihr  Wohlbehagen.  Aber  das  scheint  nur  so,  sie  ist  nur  der  Stroh- 
mann: die  Hauptperson,  um  dessentwillen  hier  alles  geschieht  - ist 
der  Teufel.« 

Und  er  dachte  an  den  Teufel,  an  den  er  nicht  glaubte,  und  blickte  sich 
nach  den  beiden  Fenstern  um,  in  denen  das  Feuer  leuchtete.  Und  ihm 
schien  es,  daß  der  Teufel  selber  mit  diesen  purpurroten  Augen  ihn 
anblickte;  diese  unbekannte  Kraft,  die  die  Beziehungen  zwischen 
Starken  und  Schwachen,  diesen  groben  Mißstand  geschaffen  hatte, 
den  man  durch  nichts  mehr  verbessern  kann.  Es  ist  nötig,  daß  der 
Starke  den  Schwachen  am  Leben  hindere,  so  will  es  das  Naturgesetz  - 
aber  all  dies  ist  nur  in  einem  Zeitungsartikel  oder  in  einem  Lehrbuch 
verständlich  und  nur  in  ihnen  leicht  unterzubringen,  weil  sie  derselbe 
Brei,  den  das  gewöhnliche  Leben  von  sich  aus  darstellt,  sind,  dieselbe 
Wirrnis  lauter  Kleinigkeiten,  aus  denen  die  menschlichen  Beziehun- 
gen gewebt  sind.  Das  ist  nun  aber  kein  Gesetz  mehr,  sondern  eine 
logische  Ungereimtheit,  wenn  der  Starke  wie  der  Schwache  gleicher- 
weise ihren  gegenseitigen  Beziehungen  zum  Opfer  fallen,  unfreiwillig 
irgendeiner  lenkenden,  unbekannten,  außerhalb  des  Lebens  stehen- 
den und  dem  Menschen  fremden  Kraft  unterworfen. 

So  dachte  Koroljow,  als  er  auf  den  Brettern  saß,  und  nach  und  nach 
beherrschte  ihn  eine  Stimmung,  als  sei  diese  unbekannte,  geheimnis- 
volle Kraft  tatsächlich  nahe  und  schaue  zu.  Inzwischen  wurde  der 
Osten  immer  blasser  und  blasser,  die  Zeit  floß  schnell.  Die  fünf  Ge- 
bäude und  Schornsteine  auf  dem  großen  Hintergrund  der  Morgen- 


179 


Anton  Tschechow 


dämmerung,  als  ringsum  nicht  eine  Seele  war  und  alles  ausgestorben 
schien,  boten  einen  besonderen  Anblick  und  sahen  nicht  so  wie  am 
Tage  aus;  man  vergaß  völlig,  daß  es  dort  im  Innern  Dampfmotoren, 
Elektrizität,  Telephone  gab,  sondern  dachte  immer  irgendwie  an 
Pfahlbauten,  an  Steinzeit,  fühlte  die  Gegenwart  einer  rohen,  unbe- 
wußten Kraft  . . . 

Und  wiederum  vernahm  man:  »Der  ...  der  ...  der  ...  der  ...« 
Zwölfmal.  Dann  war  es  still,  war  eine  halbe  Minute  still  - und  nun 
ertönte  es  am  andern  Hofende:  »Dryn  . . . dryn  . . . dryn  . . .« 
»Schrecklich  unangenehm«,  dachte  Koroljow. 

»Shak  . . . shak  . . .«  erklang  es  an  der  dritten  Stelle  abgerissen,  scharf, 
gleichsam  ärgerlich,  »shak  ...  shak  ...« 

Und  um  zwölf  Uhr  zu  schlagen,  waren  vier  Minuten  erforderlich. 
Dann  ward  alles  still;  und  wiederum  hatte  man  den  Eindruck,  als  sei 
alles  ringsumher  ausgestorben. 

Koroljow  saß  noch  ein  wenig  da  und  kehrte  ins  Haus  zurück,  doch 
legte  er  sich  noch  lange  nicht  schlafen.  In  den  benachbarten  Zim- 
mern flüsterte  man,  hörte  man  das  Schlurfen  von  Pantoffeln  und 
nackten  Füßen. 

»Ob  sie  nicht  wieder  einen  Anfall  hat?«  dachte  Koroljow. 

Er  ging,  nach  der  Kranken  zu  sehen.  In  den  Zimmern  war  es  schon 
ganz  hell,  und  im  Saale  an  der  Wand  und  auf  dem  Fußboden  zitterte 
schwaches  Sonnenlicht,  das  durch  den  Morgennebel  hindurch  hier 
eingedrungen  war.  Die  Türe  zu  Lisas  Zimmer  stand  offen,  und  Lisa 
selbst  saß  im  Lehnstuhl  am  Bett,  im  Morgenkleid,  in  einen  Schal  ge- 
hüllt und  unfrisiert.  Die  Vorhänge  an  den  Fenstern  waren  herunterge- 
lassen. 

»Wie  fühlen  Sie  sich?«  fragte  Koroljow. 

»Ich  danke  sehr.« 

Er  fühlte  ihren  Puls,  ordnete  ihr  das  Haar,  das  auf  die  Stirn  gefallen 
war. 

»Sie  schlafen  nicht«,  sagte  er.  »Draußen  ist  wunderschönes  Wetter,  es 
ist  Frühling,  die  Nachtigallen  schlagen,  und  Sie  sitzen  im  Dunkeln 
und  grübeln  über  irgend  etwas  nach.« 

Sie  hörte  ihn  an  und  blickte  ihm  ins  Gesicht;  ihre  Augen  waren  trau- 
rig, klug,  und  es  was  deutlich,  daß  sie  ihm  etwas  sagen  wollte. 
»Geschieht  das  häufig  mit  Ihnen?«  fragte  er. 

Sie  bewegte  die  Lippen  und  antwortete:  »Häufig.  Mir  ist  fast  jede 
Nacht  schwer.« 


180 


Ein  Fall  aus  der  Praxis 


In  diesem  Augenblicke  begannen  die  Wächter  draußen  zwei  Uhr  zu 
schlagen.  Man  hörte  das  der  »...  der  ...  «;  sie  fuhr  zusammen. 
»Dieses  Klopfen  beunruhigt  Sie?«  fragte  er. 

»Ich  weiß  nicht.  Hier  beunruhigt  mich  alles«,  antwortete  sie  und 
dachte  nach. 

»Alles  beunruhigt  mich.  Aus  Ihrer  Stimme  höre  ich  Anteilnahme  her- 
aus, mir  schien  es  aus  irgendeinem  Grunde,  seit  ich  Sie  das  erstemal 
sah,  daß  ich  mit  Ihnen  über  all  das  sprechen  darf« 

»So  reden  Sie,  bitte.« 

»Ich  will  Ihnen  meine  Meinung  sagen.  Mir  scheint,  daß  ich  nicht 
krank  bin,  sondern  daß  ich  nur  in  Unruhe  bin  und  voller  Angst,  weil 
es  so  sein  muß  und  anders  nicht  sein  kann.  Sogar  der  gesündeste 
Mensch  muß  in  Unruhe  geraten,  wenn  zum  Beispiel  unter  seinem 
Fenster  ein  Räuber  herumgeht.  Man  behandelt  mich  häufig«,  fuhr  sie 
fort  und  blickte  auf  ihre  Knie,  verschämt  lächelnd,  »natürlich  bin  ich 
sehr  dankbar  dafür  und  leugne  den  Nutzen  der  Behandlung  nicht, 
aber  ich  möchte  nicht  mit  einem  Arzt,  sondern  mit  einem  naheste- 
henden Menschen,  mit  einem  Freund  sprechen,  der  mich  begreifen 
und  mich  überzeugen  könnte,  daß  ich  recht  oder  unrecht  habe.« 
»Haben  Sie  denn  keine  Freunde?«  fragte  Koroljow. 

»Ich  bin  ganz  einsam.  Ich  habe  eine  Mutter,  und  ich  liebe  sie,  aber 
dennoch  bin  ich  einsam.  Mein  Leben  hat  sich  so  gestaltet . . . Einsame 
Menschen  lesen  viel,  sprechen  aber  wenig  und  hören  wenig,  das  Le- 
ben ist  für  sie  geheimnisvoll;  sie  sind  Mystiker  und  sehen  häufig  den 
Teufel  dort,  wo  er  nicht  ist.  Lermonoows  Tamara  war  einsam  und  sah 
den  Teufel.« 

»Und  Sie  lesen  viel?« 

»Ja.  Ich  habe  ja  immer  Zeit,  vom  Morgen  bis  zum  Abend.  Am  Tage 
lese  ich,  nachts  aber  habe  ich  einen  leeren  Kopf,  statt  Gedanken  erfül- 
len mich  allerhand  Schatten.« 

»Sehen  Sie  etwas  in  den  Nächten?«  fragte  Koroljow. 

»Nein,  aber  ich  fühle  ...« 

Sie  lächelte  wiederum,  blickte  den  Doktor  an  und  sah  so  traurig,  so 
klug  aus;  und  schien  ihm,  daß  sie  ihm  vertraue,  aufrichtig  mit  ihm 
sprechen  wolle,  und  daß  sie  genauso  denke  wie  er.  Aber  sie  schwieg 
und  wartete  vielleicht,  daß  er  zu  reden  begänne.  Und  er  wußte,  was 
man  ihr  sagen  mußte:  für  ihn  war  es  klar,  daß  sie  so  schnell  wie  mög- 
lich die  fünf  Fabrikgebäude  und  die  Million,  falls  sie  sie  besaß,  aufge- 
ben und  diesen  Teufel  fahrenlassen  müsse,  der  in  den  Nächten  schaut 


181 


Anton  Tschechow 


und  schaut;  für  ihn  war  es  auch  klar,  daß  auch  sie  selber  so  dachte  und 
nur  wartete,  daß  jemand,  dem  sie  vertraute,  ihr  das  bestätigte. 

Aber  er  wußte  nicht,  wie  er  das  sagen  solle.  Wie?  Verurteilte  scheut 
man  sich  zu  fragen,  warum  man  sie  verurteilt  hat;  so  ist  es  auch  pein- 
lich, reiche  Leute  zu  fragen,  wozu  sie  so  viel  Geld  brauchen,  warum 
sie  ihren  Reichtum  so  schlecht  verwenden,  warum  sie  ihn  nicht  aufge- 
ben, selbst  dann  nicht,  wenn  sie  in  ihm  ihr  Unheil  sehen;  und  wenn 
man  darüber  ein  Gespräch  beginnt,  so  verläuft  es  meist  schamhaft, 
peinlich  und  langweilig. 

»Wie  soll  ich  es  sagen?«  zerbrach  sich  Koroljow  den  Kopf.  »Und  muß 
man  überhaupt  sprechen?« 

Und  er  sagte  das,  was  er  sagen  wollte,  nicht  unmittelbar,  sondern  auf 
Umwegen:  »Sie  sind  als  eine  Fabrikbesitzerin  und  reiche  Erbin  unzu- 
frieden, Sie  glauben  nicht  an  Ihr  Recht  und  schlafen  daher  nicht;  na- 
türlich ist  das  besser,  als  wenn  Sie  zufrieden  wären,  fest  schlafen  und 
denken  würden,  daß  alles  vortrefHich  bestellt  sei.  Sie  leiden  an  Schlaf- 
losigkeit; wie  dem  auch  sei,  sie  ist  ein  gutes  Zeichen.  In  der  Tat,  bei 
unseren  Eltern  wäre  ein  solches  Gespräch,  wie  wir  es  jetzt  führen, 
nicht  denkbar  gewesen,  nachts  unterhielten  sie  sich  nicht,  sondern 
schliefen  fest,  aber  wir  von  unserer  Generation  schlafen  schlecht,  quä- 
len uns  ab,  sprechen  viel  und  untersuchen  immer  zu  entscheiden,  ob 
wir  im  Rechte  sind  oder  nicht.  Für  unsere  Kinder  oder  Enkel  aber 
wird  diese  Frage  - ob  sie  im  Rechte  sind  oder  nicht  - bereits  entschie- 
den sein.  Sie  werden  klarer  sehen  als  wir.  Das  Leben  wird  schön  sein 
in  fünfzig  Jahren,  nur  schade,  daß  wir  es  nicht  erleben  werden.  Es 
wäre  interessant,  es  anzusehen.« 

»Was  werden  denn  unsere  Kinder  und  Enkel  tun?«  fragte  Lisa. 

»Ich  weiß  es  nicht  . . . Vielleicht  geben  sie  alles  auf  und  gehen  fort.« 
»Wohin  werden  sie  gehen?« 

»Wohin?  . . . Nun,  wohin  sie  woUen«,  sagte  Koroljow  und  lachte  auf 
»Gibt  es  denn  so  wenige  Orte,  wohin  ein  guter  und  kluger  Mensch 
gehen  kann?« 

Er  sah  nach  der  Uhr. 

»Inzwischen  ist  die  Sonne  schon  aufgegangen«,  sagte  er.  »Für  Sie  ist 
es  an  der  Zeit,  zu  schlafen.  Ziehen  Sie  sich  aus  und  schlafen  Sie  sich 
gesund.  Ich  freue  mich  sehr,  daß  ich  Sie  kennengelernt  habe«,  fuhr  er 
fort  und  drückte  ihre  Hand.  »Sie  sind  ein  trefßicher,  interessanter 
Mensch.  Gute  Nacht!« 

Er  ging  in  sein  Zimmer  und  legte  sich  schlafen. 


182 


Kommentar 


Am  andern  Tage  morgens,  als  die  Kutsche  vorfuhr,  gingen  alle  auf 
die  Veranda,  ihn  zu  begleiten.  Lisa  war  festtäglich  in  weißem  Kleid, 
mit  einer  Blume  im  Haar,  blaß  und  matt;  wie  gestern  sah  sie  ihn  trau- 
rig und  klug  an,  lächelte,  redete,  und  immer  tat  sie  das  mit  einem 
Ausdruck,  als  wolle  sie  etwas  Besonderes,  Wichtiges  sagen  ~ nur  ihm 
allein.  Man  hörte,  wie  die  Lerchen  sangen,  wie  man  in  der  Kirche 
läutete.  Die  Fenster  in  den  Fabrikgebäuden  glänzten  heiter,  und  als  er 
über  den  Hof  und  dann  zur  Station  fuhr,  dachte  er  weder  an  die  Ar- 
beit noch  an  die  Pfahlbauten,  noch  an  den  Teufel,  sondern  er  dachte 
an  die  vielleicht  nahe  Zeit,  da  das  Leben  ebenso  licht  und  freudevoll 
sein  werde  wie  dieser  stille  Sonntagmorgen;  und  er  dachte  auch  dar- 
an, wie  angenehm  es  sei,  an  einem  solchen  Morgen  im  Frühling  in 
einer  Troika  zu  fahren,  in  einer  schönen  Kalesche,  und  sich  in  der 
Sonne  zu  wärmen. 


Kommentar 

Diese  Novelle  handelt  von  einem  russischen  Arzt,  der  zur  einzigen 
Tochter  einer  verwitweten  Fabrikbesitzerin  gerufen  wird,  nachdem 
andere  Ärzte  der  Patientin  nicht  ausreichend  helfen  konnten.  Die 
Tochter  »kränkelte«  .schon  lange.  In  der  Nacht  vor  dem  Arztbesuch 
hatte  .sie  so  starkes  Herzklopfen,  dass  man  fürchtete,  sie  könnte  sterben.  Weitere 
Details  der  Erkrankung  werden  nicht  berichtet,  abgesehen  davon,  dass  schon  die 
anderen  zu  Rate  gezogenen  Arzte  ein  »Nervenleiden«  (d.h.  ein  »nervöses  Leiden«  im 
Sinne  der  damaligen  Medizin,  also  eine  psychogene  Störung  aus  heutiger  Sicht) 
diagnostiziert  hatten. 

Eine  genauere  diagnostische  Einordnung  im  heutigen  Sinne  ist  aufgrund  unzurei- 
chender Angaben  nicht  möglich.  Die  Diagnose  könnte  schwanken  zwischen  einer 
depressiven  Störung  mit  Somatisierung,  einer  Angststörung  mit  Panikattacken  und 
einer  Somatisierungsstörung.  Es  geht  Tschechow  offensichtlich  nicht  um  eine  genaue 
Beschreibung  der  Symptome  der  Erkrankung,  sondern  mehr  um  den  psychogenen 
Hintergrund  der  Symptomatik.  Dieser  wird  vom  Arzt  aufgrund  einer  sich  sehr 
schnell  einstellenden  Sympathie  und  aufgrund  der  Eindrücke,  die  er  bei  dem  Haus- 
besuch im  familiären  Umfeld  sammelt,  sehr  schnell  diagnostiziert.  Im  Gespräch 
mit  der  Patientin  vermittelt  diese  Um  ihre  Einsamkeit  und  Abgeschlossenheit  auf 
dem  abgelegenen  Fabrikgelände  sowie  die  enge  Einbindung  in  die  Restfamilie,  d.h. 
die  enge  Beziehung  zur  Mutter  und  zur  Gouvernante,  die  ihr  kaum  die  Möglichkeit 
lässt,  ihr  Ixben  frei  zu  entwickeln.  Der  Arzt  vermittelt  ihr  in  einem  supportiven 


183 


Kommentar 


Gespräch,  dass  sie  sich  b^eien  muss  und  ihr  Leben  selber  in  die  Hand  nehmen 
muss,  und  kann  dadurch  Beruhigung  und  gesunden  Schlaf  bewirken. 


184 


Hugo  von  Hoßnannsthül 


Ein  Brief 


aus:  Hugo  von  Hoßnannsthal,  Der  Brief  des  Lord  Chandos. 
© 2000  by  Philipp  Reclamjun.  GmbH  & Co.,  Stuttgart 


Einführung 


Hugo  Laurenz  August  Hqfmann,  Edler  von  Hofmannsthal,  ge- 
nannt  Hugo  von  Hofmannsthal  (1874-1929)  war  ein  österrei- 
chischer  Schriftsteller,  Dramatiker,  Lyriker,  Librettist  (»Elektra«; 
»Der  Rosenkavalier«;  »Ariadne  auf  Naxos«;  »Die  Frau  ohne 
Schatten«;  »Arabella«)  und  Mitbegründer  der  Salzburger  Festspiek,  wo  alljährlich 
sein  Mysterienspiel  »Jedermann«  (1911)  aufgefuhrt  wird.  „Früh  gereift  und  zart 
und  traurig“  betrat  Hofmannsthal  unter  dem  Pseudonym  Loris  die  Szene  der  Wie- 
ner Kaffeehausliteralur. 

Von  Privatlehrern  erzogen,  studierte  Hojmannsthal  zunächst  Jura  bis  zur  ersten 
Staatsprüfung,  diente  dann  bei  den  Dragonern  in  Mähren,  um  schließlich  Roma- 
nistik zu  studieren  und  1898  mit  der  Promotion  abzuschließen.  Der  Freund  Rilkes 
und  des  Komponisten  Richard  Strauss  habilitierte  sich  1901  mit  Studien  über  die 
Entivicklung  des  Dichters  Victor  Hugo,  entschied  sich  aber,  freier  Schrftsteller  zu 
werden.  Seine  Ehe  betrachtete  er  als  »erhabenes  Irutitubs,  Affären  sind  nicht  be- 
kannt. 


Vielfache,  intensiv  gepflegte  Freundschaften  (z.B.  mit  Max  Reinhardt  oder  Tho- 
mas Mann)  halfen  ihm  über  psychische  Krisen  hinweg.  Dm  Erstm  Weltkrieg  über- 
lebte er  in  Wien  auf  einer  Stelle  im  Kriegsjursorgeamt  des  Innenministeriums,  wo 
er  patriotische  Aufsätze  .schrieb.  Das  Ende  der  Donaumonarchie  empfand  der  kon- 
servative Patriot  als  schweren  persönlichm  Schlag.  Obgleich  er  1919  erstmals  für 
den  Nobelpreis  vorgeschlagm  wurde,  erhielt  er  diesm  nie,  zumal  man  ihm  »Lüs- 
ternheit« (»Rosenkavalier«),  Antisemitismus  und  Sympathie  mit  dem  Faschismus 
vorwarf.  Jwei  Tage  nach  dem  Suizid  seines  Sohnes  Franz  starb  der  viel  gereiste 
Hofmannsthal  1929  an  einem  Schlaganfall.  Er  wurde  unter  großer  öffmtlicher 
Anteilnahme  in  der  Kutte  eines  Franziskanermönchs  begraben. 

»Ein  Brief«  (»Brief  des  Lord  Chandos  an  Francis  Bacon«,  1902)  markiert  nicht 
nur  eine  persönliche  Krise  Hqfmannsthals,  sondern  giU  als  bedeutendes  Dokument 
der  Sprachskepsis  der  literarischen  Moderne.  Seine  viel  diskutierte  Paradoxie  be- 


185 


Hugo  von  Hoßnannsthal 


steht  darin,  auf  höchstem  sprachlichen  Mweau  den  Topos  des  Unsagbaren  zu  re- 
flektieren, um  im  beredten  Verstummen  ZM  enden. 

Weiteijuhrende  Literatur: 

Ulrich  Weinzierl:  Hofmannsthal.  Skizzen  zu  seinem  Bild,  fjolnaj  2005 


Ein  Brief 

Dies  ist  der  Brief,  den  Philipp  Lord  Chandos,  jün- 
gerer Sohn  des  Earl  of  Bath,  an  Francis  Bacon, 
später  Lord  Verulam  und  Viscount  St.  Albans, 
schrieb,  um  sich  bei  diesem  Freunde  wegen  des 
gänzlichen  Verzichtes  auf  literarische  Betätigung 
zu  entschuldigen. 

Es  ist  gütig  von  Ihnen,  mein  hochverehrter 
Freund,  mein  zweijähriges  Stillschweigen  zu 
übersehen  und  so  an  mich  zu  schreiben.  Es  ist 
mehr  als  gütig,  Ihrer  Besorgnis  um  mich,  Ihrer  Befremdung  über  die 
geistige  Starrnis,  in  der  ich  Ihnen  zu  versinken  scheine,  den  Ausdruck 
der  Leichtigkeit  und  des  Scherzes  zu  geben,  den  nur  große  Men- 
schen, die  von  der  Gefährlichkeit  des  Lebens  durchdrungen  und  den- 
noch nicht  entmutigt  sind,  in  ihrer  Gewalt  haben. 

Sie  schließen  mit  dem  Aphorisma  des  Hippokrates:  »Qui  gravi  mor- 
bo  correpti  dolores  non  sentiunt,  iis  mens  aegrotat«  und  meinen,  ich 
bedürfe  der  Medizin  nicht  nur,  um  mein  Übel  zu  bändigen,  sondern 
noch  mehr,  um  meinen  Sinn  für  den  Zustand  meines  Innern  zu  schär- 
fen. Ich  möchte  Ihnen  so  antworten,  wie  Sie  es  um  mich  verdienen, 
möchte  mich  Ihnen  ganz  aufschließen  und  weiß  nicht,  wie  ich  mich 
dazu  nehmen  soll.  Kaum  weiß  ich,  ob  ich  noch  derselbe  bin,  an 
den  Ihr  kostbarer  Brief  sich  wendet;  bin  denn  ich‘s,  der  nun  Sechs- 
undzwanzigjährige, der  mit  neunzehn  jenen  »neuen  Paris«,  jenen 
»Traum  der  Daphne«,  jenes  »Epithalamium«  hinschrieb,  diese  unter 
dem  Prunk  ihrer  Worte  hintaumelnden  Schäferspiele,  deren  eine 
himmlische  Königin  und  einige  allzu  nachsichtige  Lords  und  Herren 
sich  noch  zu  entsinnen  gnädig  genug  sind?  Und  bin  ich‘s  wiederum, 
der  mit  dreiundzwanzig  unter  den  steinernen  Lauben  des  großen 
Platzes  von  Venedig  in  sich  jenes  Gefiige  lateinischer  Perioden  fand, 
dessen  geistiger  Grundriß  und  Aufbau  ihn  im  Innern  mehr  entzückte 


186 


Ein  Brief 


als  die  aus  dem  Meer  auftauchenden  Bauten  des  Palladio  und  Sanso- 
vin?  Und  konnte  ich,  wenn  ich  anders  derselbe  bin,  alle  Spuren  und 
Narben  dieser  Ausgeburt  meines  angespanntesten  Denkens  so  völlig 
aus  meinem  unbegreiflichen  Innern  verlieren,  daß  mich  in  Ihrem 
Brief,  der  vor  mir  liegt,  der  Titel  jenes  kleinen  Traktates  fremd  und 
kalt  anstarrt,  ja  daß  ich  ihn  nicht  als  ein  geläufiges  Bild  zusammenge- 
faßter Worte  sogleich  auffassen,  sondern  nur  Wort  für  Wort  verstehen 
konnte,  als  träten  mir  diese  lateinischen  Wörter,  so  verbunden,  zum 
ersten  Male  vors  Auge?  Allein  ich  bin  es  ja  doch,  und  es  ist  Rhetorik  in 
diesen  Fragen,  Rhetorik,  die  gut  ist  für  Frauen  oder  für  das  Haus  der 
Gemeinen,  deren  von  unserer  Zeit  so  überschätzte  Machtmittel  aber 
nicht  hinreichen,  ins  Innere  der  Dinge  zu  dringen. 

Mein  Inneres  aber  muß  ich  Ihnen  darlegen,  eine  Sonderbarkeit,  eine 
Unart,  wenn  Sie  wollen  eine  Krankheit  meines  Geistes,  wenn  Sie  be- 
greifen sollen,  daß  mich  ein  ebensolcher  brückenloser  Abgrund  von 
den  scheinbar  vor  mir  liegenden  literarischen  Arbeiten  trennt,  als  von 
denen,  die  hinter  mir  sind  und  die  ich,  so  fremd  sprechen  sie  mich  an, 
mein  Eigentum  zu  nennen  zögere. 

Ich  weiß  nicht,  ob  ich  mehr  die  Eindringlichkeit  Ihres  Wohlwollens 
oder  die  unglaubliche  Schärfe  Ihres  Gedächtnisses  bewundern  soll, 
wenn  Sie  mir  die  verschiedenen  kleinen  Pläne  wieder  hervorrufen, 
mit  denen  ich  mich  in  den  gemeinsamen  Tagen  schöner  Begeisterung 
trug.  Wirklich,  ich  wollte  die  ersten  Regierungsjahre  unseres  verstor- 
benen glorreichen  Souveräns,  des  achten  Heinrich,  darstellen!  Die 
hinterlassenen  Aufzeichnungen  meines  Großvaters,  des  Herzogs  von 
Exeter,  über  seine  Negoziationen  mit  Frankreich  und  Portugal  gaben 
mir  eine  Art  von  Grundlage.  Und  aus  dem  Sallust  floß  in  jenen  glück- 
lichen, belebten  Tagen  wie  durch  nie  verstopfte  Röhren  die  Erkennt- 
nis der  Form  in  mich  herüber,  jener  tiefen,  wahren,  inneren  Form,  die 
jenseit  des  Geheges  der  rhetorischen  Kunststücke  erst  geahnt  werden 
kann,  die,  von  welcher  man  nicht  mehr  sagen  kann,  daß  sie  das  Stoff- 
liche anordne,  denn  sie  durchdringt  es,  sie  hebt  es  auf  und  schafft 
Dichtung  und  Wahrheit  zugleich,  ein  Widerspiel  ewiger  Kräfte,  ein 
Ding,  herrlich  wie  Musik  und  Algebra.  Dies  war  mein  Lieblingsplan. 
Was  ist  der  Mensch,  daß  er  Pläne  macht! 

Ich  spielte  auch  mit  anderen  Plänen.  Ihr  gütiger  Brief  läßt  auch  diese 
heraufschweben.  Jedweder  vollgesogen  mit  einem  Tropfen  meines 
Blutes,  tanzen  sie  vor  mir  wie  traurige  Mücken  an  einer  düsteren 
Mauer,  auf  der  nicht  mehr  die  helle  Sonne  der  glücklichen  Tage  liegt. 


187 


Ht^o  von  Hoßnannsthal 


Ich  wollte  die  Fabeln  und  mythischen  Erzählungen,  welche  die  Alten 
uns  hinterlassen  haben,  und  an  denen  die  Maler  und  Bildhauer 
ein  endloses  und  gedankenloses  Gefallen  finden,  aufschließen  als 
die  Hieroglyphen  einer  geheimen,  unerschöpflichen  Weisheit, 
deren  Anhauch  ich  manchmal,  wie  hinter  einem  Schleier,  zu  spüren 
meinte. 

Ich  entsinne  mich  dieses  Planes.  Es  lag  ihm,  ich  weiß  nicht  welche, 
sinnliche  und  geistige  Lust  zu  Grunde;  wie  der  gehetzte  Hirsch  ins 
Wasser,  sehnte  ich  mich  hinein  in  diese  nackten,  glänzenden  Leiber, 
in  diese  Sirenen  und  Dryaden,  diesen  Narcissus  und  Proteus,  Perseus 
und  Actäon:  verschwinden  wollte  ich  in  ihnen  und  aus  ihnen  heraus 
mit  Zungen  reden.  Ich  wollte.  Ich  wollte  noch  vielerlei.  Ich  gedachte 
eine  Sammlung  »Apophthegmata«  anzulegen,  wie  deren  eine  Julius 
Cäsar  verfaßt  hat:  Sie  erinnern  die  Erwähnung  in  einem  Briefe  des 
Cicero.  Hier  gedachte  ich  die  merkwürdigsten  Aussprüche  nebenein- 
ander zu  setzen,  welche  mir  im  Verkehr  mit  den  gelehrten  Männern 
und  den  geistreichen  Frauen  unserer  Zeit  oder  mit  besonderen  Leu- 
ten aus  dem  Volk  oder  mit  gebildeten  und  ausgezeichneten  Personen 
auf  meinen  Reisen  zu  sammeln  gelungen  wäre;  damit  wollte  ich  schö- 
ne Sentenzen  und  Reflexionen  aus  den  Werken  der  Alten  und  der 
Italiener  vereinigen,  und  was  mir  sonst  an  geistigen  Zieraten  in  Bü- 
chern, Handschriften  oder  Gesprächen  entgegenträte;  ferner  die  An- 
ordnung besonders  schöner  Feste  und  Aufzüge,  merkwürdige  Verbre- 
chen und  Fälle  von  Raserei,  die  Beschreibung  der  größten  und  eigen- 
tümlichsten Bauwerke  in  den  Niederlanden,  in  Frankreich  und  Italien 
und  noch  vieles  andere.  Das  ganze  Werk  aber  sollte  den  Titel  Nosce  te 
ipsum  führen. 

Um  mich  kurz  zu  fassen;  mir  erschien  damals  in  einer  Art  von  andau- 
ernder Trunkenheit  das  ganze  Dasein  als  eine  große  Einheit:  geistige 
und  körperliche  Welt  schien  mir  keinen  Gegensatz  zu  bilden,  ebenso 
wenig  höfisches  und  tierisches  Wesen,  Kunst  und  Unkunst,  Einsam- 
keit und  Gesellschaft;  in  allem  fühlte  ich  Natur,  in  den  Verirrungen 
des  Wahnsinns  ebensowohl  wie  in  den  äußersten  Verfeinerungen  ei- 
nes spanischen  Ceremoniells;  in  den  Tölpelhaftigkeiten  junger  Bau- 
ern nicht  minder  als  in  den  süßesten  Allegorien;  und  in  aller  Natur 
fühlte  ich  mich  selber;  wenn  ich  auf  meiner  Jagdhütte  die  schäumen- 
de laue  Milch  in  mich  hineintrank,  die  ein  struppiges  Mensch  einer 
schönen,  sanftäugigen  Kuh  aus  dem  Euter  in  einen  Holzeimer  nie- 
dermolk, so  war  mir  das  nichts  anderes,  als  wenn  ich,  in  der  dem  Fen- 


188 


Ein  Brief 


/ 

Ster  eingebauten  Bank  meines  Studio  sitzend,  aus  einem  Folianten 
süße  und  schäumende  Nahrung  des  Geistes  in  mich  sog.  Das  eine  war 
wie  das  andere;  keines  gab  dem  andern  weder  an  traumhafter  überir- 
discher Natur,  noch  an  leiblicher  Gewalt  nach,  und  so  ging‘s  fort 
durch  die  ganze  Breite  des  Lebens,  rechter  und  linker  Hand;  überall 
war  ich  mitten  drinnen,  wurde  nie  ein  Scheinhaftes  gewahr:  oder  es 
ahnte  mir,  alles  wäre  Gleichnis  und  jede  Kreatur  ein  Schlüssel  der 
andern,  und  ich  fühlte  mich  wohl  den,  der  imstande  wäre,  eine  nach 
der  andern  bei  der  Krone  zu  packen  und  mit  ihr  so  viele  der  andern 
aufzusperren,  als  sie  aufsperren  könnte.  So  weit  erklärt  sich  der  Titel, 
den  ich  jenem  encyklopädischen  Buch  zu  geben  gedachte. 

Es  möchte  dem,  der  solchen  Gesinnungen  zugänglich  ist,  als  der 
wohlangelegte  Plan  einer  götdichen  Vorsehung  erscheinen,  daß  mein 
Geist  aus  einer  so  aufgeschwollenen  Anmaßung  in  dieses  Äußerste 
von  Kleinmut  und  Krafdosigkeit  zusammensinken  mußte,  welches 
nun  die  bleibende  Verfassung  meines  Innern  ist.  Aber  dergleichen  re- 
ligiöse Auffassungen  haben  keine  Kraft  über  mich;  sie  gehören  zu  den 
Spinnennetzen,  durch  welche  meine  Gedanken  durchschießen,  hin- 
aus ins  Leere,  während  so  viele  ihrer  Gefährten  dort  hangen  bleiben 
und  zu  einer  Ruhe  kommen.  Mir  haben  sich  die  Geheimnisse  des 
Glaubens  zu  einer  erhabenen  Allegorie  verdichtet,  die  über  den  Fel- 
dern meines  Lebens  steht  wie  ein  leuchtender  Regenbogen,  in  einer 
stetigen  Ferne,  immer  bereit,  zurückzuweichen,  wenn  ich  mir  einfal- 
len ließe,  hinzueilen  und  mich  in  den  Saum  seines  Mantels  hüllen  zu 
wollen. 

Aber,  mein  verehrter  Freund,  auch  die  irdischen  Begriffe  entziehen 
sich  mir  in  der  gleichen  Weise.  Wie  soll  ich  es  versuchen.  Ihnen  diese 
seltsamen  geistigen  Qualen  zu  schildern,  dies  Emporschnellen  der 
Fruchtzweige  über  meinen  ausgereckten  Händen,  dies  Zurückwei- 
chen des  murmelnden  Wassers  vor  meinen  dürstenden  Lippen? 

Mein  Fall  ist,  in  Kürze,  dieser:  es  ist  mir  völlig  die  Fähigkeit  abhanden 
gekommen,  über  irgend  etwas  zusammenhängend  zu  denken  oder  zu 
sprechen. 

Zuerst  wurde  es  mir  allmählich  unmöglich,  ein  höheres  oder  allge- 
meineres Thema  zu  besprechen  und  dabei  jene  Worte  in  den  Mund 
zu  nehmen,  deren  sich  doch  alle  Menschen  ohne  Bedenken  geläufig 
zu  bedienen  pflegen.  Ich  empfand  ein  unerklärliches  Unbehagen,  die 
Worte  »Geist«,  »Seele«  oder  »Körper«  nur  auszusprechen.  Ich  fand 
es  innerlich  unmöglich,  über  die  Angelegenheiten  des  Hofes,  die  Vor- 


189 


Hvgo  von  Hofirumnsthal 


kommnisse  im  Parlament  oder  was  Sie  sonst  wollen,  ein  Urteil  her- 
auszubringen. Und  dies  nicht  etwa  aus  Rücksichten  irgend  welcher 
Art,  denn  Sie  kennen  meinen  bis  zur  Leichtfertigkeit  gehenden  Frei- 
mut: sondern  die  abstrakten  Worte,  deren  sich  doch  die  Zunge  natur- 
gemäß bedienen  muß,  um  irgend  welches  Urteil  an  den  Tag  zu  ge- 
ben, zerfielen  mir  im  Munde  wie  modrige  Pilze.  Es  begegnete  mir, 
daß  ich  meiner  vierjährigen  Tochter  Catarina  Pompilia  eine  kindi- 
sche Lüge,  deren  sie  sich  schuldig  gemacht  hatte,  verweisen  und  sie 
auf  die  Notwendigkeit,  immer  wahr  zu  sein,  hinführen  wollte,  und 
dabei  die  mir  im  Munde  zuströmenden  Begriffe  plötzlich  eine  solche 
schillernde  Färbung  annahmen  und  so  ineinander  überflossen,  daß 
ich,  den  Satz,  so  gut  es  ging,  zu  Ende  haspelnd,  so  wie  wenn  mir  un- 
wohl geworden  wäre  und  auch  tatsächlich  bleich  im  Gesicht  und  mit 
einem  heftigen  Druck  auf  der  Stirn,  das  Kind  allein  ließ,  die  Tür  hin- 
ter mir  zuschlug  und  mich  erst  zu  Pferde,  auf  der  einsamen  Hutweide 
einen  guten  Galopp  nehmend,  wieder  einigermaßen  herstellte. 
Allmählich  aber  breitete  sich  diese  Anfechtung  aus  wie  ein  um  sich 
fressender  Rost.  Es  wurden  mir  auch  im  familiären  und  hausbacke- 
nen Gespräch  alle  die  Urteile,  die  leichthin  und  mit  schlafwandelnder 
Sicherheit  abgegeben  zu  werden  pflegen,  so  bedenklich,  daß  ich  auf- 
hören mußte,  an  solchen  Gesprächen  irgend  teilzunehmen.  Mit  ei- 
nem unerklärlichen  Zorn,  den  ich  nur  mit  Mühe  notdürftig  verbarg, 
erfüllte  es  mich,  dergleichen  zu  hören  wie:  diese  Sache  ist  für  den  oder 
jenen  gut  oder  schlecht  ausgegangen;  Sheriff  N.  ist  ein  böser,  Prediger 
T.  ein  guter  Mensch;  Pächter  M.  ist  zu  bedauern,  seine  Söhne  sind 
Verschwender;  ein  anderer  ist  zu  beneiden,  weil  seine  Töchter  haus- 
hälterisch sind;  eine  Familie  kommt  in  die  Höhe,  eine  andere  ist  im 
Hinabsinken.  Dies  alles  erschien  mir  so  unbeweisbar,  so  lügenhaft,  so 
löcherig  wie  nur  möglich.  Mein  Geist  zwang  mich,  alle  Dinge,  die  in 
einem  solchen  Gespräch  vorkamen,  in  einer  unheimlichen  Nähe  zu 
sehen:  so  wie  ich  einmal  in  einem  Vergrößerungsglas  ein  Stück  von 
der  Haut  meines  kleinen  Fingers  gesehen  hatte,  das  einem  Blachfeld 
mit  Furchen  und  Höhlen  glich,  so  ging  es  mir  nun  mit  den  Menschen 
und  ihren  Handlungen.  Es  gelang  mir  nicht  mehr,  sie  mit  dem  verein- 
fachenden Blick  der  Gewohnheit  zu  erfassen.  Es  zerfiel  mir  alles  in 
Teile,  die  Teüe  wieder  in  Teile,  und  nichts  mehr  ließ  sich  mit  einem 
Begriff  umspannen.  Die  einzelnen  Worte  schwammen  um  mich;  sie 
gerannen  zu  Augen,  die  mich  anstarrten  und  in  die  ich  wieder  hinein- 
starren muß:  Wirbel  sind  sie,  in  die  hinabzusehen  mich  schwindelt. 


190 


Ein  Brief 


die  sich  unaufhaltsam  drehen  und  durch  die  hindurch  man  ins  Leere 
kommt. 

Ich  machte  einen  Versuch,  mich  aus  diesem  Zustand  in  die  geistige 
Welt  der  Alten  hinüberzuretten.  Platon  vermied  ich;  denn  mir  graute 
vor  der  Gefährlichkeit  seines  bildlichen  Fluges.  Am  meisten  gedachte 
ich  mich  an  Seneca  und  Cicero  zu  halten.  An  dieser  Harmonie  be- 
grenzter und  geordneter  Begriffe  hoffte  ich  zu  gesunden.  Aber  ich 
konnte  nicht  zu  ihnen  hinüber.  Diese  Begriffe,  ich  verstand  sie  wohl; 
ich  sah  ihr  wundervolles  Verhältnisspiel  vor  mir  aufsteigen  wie  herrli- 
che Wasserkünste,  die  mit  goldenen  Bällen  spielen.  Ich  konnte  sie 
umschweben  und  sehen,  wie  sie  zu  einander  spielten:  aber  sie  hatten 
es  nur  miteinander  zu  tun,  und  das  Tiefste,  das  Persönliche  meines 
Denkens  blieb  von  ihrem  Reigen  ausgeschlossen.  Es  überkam  mich 
unter  ihnen  das  Gefühl  furchtbarer  Einsamkeit;  mir  war  zu  Mut  wie 
einem,  der  in  einem  Garten  mit  lauter  augenlosen  Statuen  einge- 
sperrt wäre;  ich  flüchtete  wieder  ins  Freie. 

Seither  führe  ich  ein  Dasein,  das  Sie,  fürchte  ich,  kaum  begreifen  kön- 
nen, so  geistlos,  so  gedankenlos  fließt  es  dahin;  ein  Dasein,  das  sich 
freilich  von  dem  meiner  Nachbarn,  meiner  Verwandten  und  der  mei- 
sten landbesitzenden  EdeUeute  dieses  Königreiches  kaum  unterschei- 
det und  das  nicht  ganz  ohne  freudige  und  belebende  Augenblicke  ist. 
Es  wird  mir  nicht  leicht,  Ihnen  anzudeuten,  worin  diese  guten  Augen- 
blicke bestehen;  die  Worte  lassen  mich  wiederum  im  Stich.  Denn  es 
ist  ja  etwas  völlig  Unbenanntes  und  auch  wohl  kaum  Benennbares, 
das,  in  solchen  Augenblicken,  irgend  eine  Erscheinung  meiner  alltäg- 
lichen Umgebung  mit  einer  überschwellenden  Flut  höheren  Lebens 
wie  ein  Gefäß  erfüllend,  mir  sich  ankündet.  Ich  kann  nicht  erwarten, 
daß  Sie  mich  ohne  Beispiel  verstehen,  und  ich  muß  Sie  um  Nachsicht 
für  die  Alltäglichkeit  meiner  Beispiele  bitten.  Eine  Gießkanne,  eine 
auf  dem  Feld  verlassene  Egge,  ein  Hund  in  der  Sonne,  ein  ärmlicher 
Kirchhof,  ein  Krüppel,  ein  kleines  Bauernhaus,  alles  dies  kann  das 
Gefäß  meiner  Offenbarung  werden.  Jeder  dieser  Gegenstände  und 
die  tausend  anderen  ähnlichen,  über  die  sonst  ein  Auge  mit  selbstver- 
ständlicher Gleichgültigkeit  hinweggleitet,  kann  für  mich  plötzlich  in 
irgend  einem  Moment,  den  herbeizuführen  auf  keine  Weise  in  mei- 
ner Gewalt  steht,  ein  erhabenes  und  rührendes  Gepräge  annehmen, 
das  auszudrücken  mir  alle  Worte  zu  arm  scheinen.  Ja,  es  kann  auch 
die  bestimmte  Vorstellung  eines  abwesenden  Gegenstandes  sein,  der 
die  unbegreifliche  Auserwählung  zu  teil  wird,  mit  jener  sanft  oder  jäh 


191 


Hugo  von  Hoßnannsthal 


steigenden  Flut  göttlichen  Gefühles  bis  an  den  Rand  gefüllt  zu  wer- 
den. So  hatte  ich  unlängst  den  Auftrag  gegeben,  den  Ratten  in  den 
Milchkellern  eines  meiner  Meierhöfe  ausgiebig  Gift  zu  streuen.  Ich 
ritt  gegen  Abend  aus  und  dachte,  wie  Sie  vermuten  können,  nicht 
weiter  an  diese  Sache.  Da,  wie  ich  im  tiefen,  aufgeworfenen  Ackerbo- 
den Schritt  reite,  nichts  Schlimmeres  in  meiner  Nähe  als  eine  aufge- 
scheuchte Wachtelbrut  und  in  der  Ferne  über  den  welligen  Feldern 
die  große  sinkende  Sonne,  tut  sich  mir  im  Innern  plötzlich  dieser  Kel- 
ler auf,  erfüllt  mit  dem  Todeskampf  dieses  Volks  von  Ratten.  Alles 
war  in  mir:  die  mit  dem  süßlich  scharfen  Geruch  des  Giftes  angefüllte 
kühl-dumpfe  Kellerluft  und  das  Gellen  der  Todesschreie,  die  sich  an 
modrigen  Mauern  brachen;  diese  ineinander  geknäulten  Krämpfe 
der  Ohnmacht,  durcheinander  hinjagenden  Verzweiflungen;  das 
wahnwitzige  Suchen  der  Ausgänge;  der  kalte  Blick  der  Wut,  wenn 
zwei  einander  an  der  verstopften  Ritze  begegnen.  Aber  was  versuche 
ich  wiederum  Worte,  die  ich  verschworen  habe!  Sie  entsinnen  sich, 
mein  Freund,  der  wundervollen  Schilderung  von  den  Stunden,  die 
der  Zerstörung  von  Alba  Longa  vorhergehen,  aus  dem  Livius?  Wie 
sie  die  Straßen  durchirren,  die  sie  nicht  mehr  sehen  sollen  . . . wie  sie 
von  den  Steinen  des  Bodens  Abschied  nehmen.  Ich  sage  Ihnen,  mein 
Freund,  dieses  trug  ich  in  mir  und  das  brennende  Karthago  zugleich; 
aber  es  war  mehr,  es  war  göttlicher,  tierischer;  und  es  war  Gegenwart, 
die  vollste  erhabenste  Gegenwart.  Da  war  eine  Mutter,  die  ihre  ster- 
benden Jungen  um  sich  zucken  hatte  und  nicht  auf  die  Verendenden, 
nicht  auf  die  unerbitdichen  steinernen  Mauern,  sondern  in  die  leere 
Luft,  oder  durch  die  Luft  ins  Unendliche  hin  Blicke  schickte  und  diese 
Blicke  mit  einem  Knirschen  begleitete!  - Wenn  ein  dienender  Sklave 
voll  ohnmächtigen  Schauders  in  der  Nähe  der  erstarrenden  Niobe 
stand,  der  muß  das  durchgemacht  haben,  was  ich  durchmachte,  als  in 
mir  die  Seele  dieses  Tieres  gegen  das  ungeheure  Verhängnis  die  Zäh- 
ne bleckte. 

Vergeben  Sie  mir  diese  Schilderung,  denken  Sie  aber  nicht,  daß  es 
Mitleid  war,  was  mich  erfüllte.  Das  dürfen  Sie  ja  nicht  denken,  sonst 
hätte  ich  mein  Beispiel  sehr  ungeschickt  gewählt.  Es  war  viel  mehr 
und  viel  weniger  als  Mitleid:  ein  ungeheures  Anteilnehmen,  ein  Hin- 
überfließen in  jene  Geschöpfe  oder  ein  Fühlen,  daß  ein  Fluidum  des 
Lebens  und  Todes,  des  Traumes  und  Wachens  für  einen  Augenblick 
in  sie  hinübergeflossen  ist  - von  woher?  Denn  was  hätte  es  mit  Mitleid 
zu  tun,  was  mit  begreiflicher  menschlicher  Gedankenverknüpfung, 


192 


Ein  Brief 


wenn  ich  an  einem  anderen  Abend  unter  einem  Nußbaum  eine  halb- 
volle Gießkanne  finde,  die  ein  Gärtnerbursche  dort  vergessen  hat, 
und  wenn  mich  diese  Gießkanne  und  das  Wasser  in  ihr,  das  vom 
Schatten  des  Baumes  finster  ist,  und  ein  Schwimmkäfer,  der  auf  dem 
Spiegel  dieses  Wassers  von  einem  dunklen  Ufer  zum  andern  rudert, 
wenn  diese  Zusammensetzung  von  Nichtigkeiten  mich  mit  einer  sol- 
chen Gegenwart  des  Unendlichen  durchschauert,  von  den  Wurzeln 
der  Haare  bis  ins  Mark  der  Fersen  mich  durchschauert,  daß  ich  in 
Worte  ausbrechen  möchte,  von  denen  ich  weiß,  fände  ich  sie,  so  wür- 
den sie  jene  Cherubim,  an  die  ich  nicht  glaube,  niederzwingen,  und 
daß  ich  dann  von  jener  Stelle  schweigend  mich  wegkehre  und  nun 
nach  Wochen,  wenn  ich  dieses  Nußbaums  ansichtig  werde,  mit  scheu- 
em seitlichen  Blick  daran  vorübergehe,  weil  ich  das  Nachgefühl  des 
Wundervollen,  das  dort  um  den  Stamm  weht,  nicht  verscheuchen 
will,  nicht  vertreiben  die  mehr  als  irdischen  Schauer,  die  um  das 
Buschwerk  in  jener  Nähe  immer  noch  nachwogen. 

In  diesen  Augenblicken  wird  eine  nichtige  Kreatur,  ein  Hund,  eine 
Ratte,  ein  Käfer,  ein  verkrümmter  Apfelbaum,  ein  sich  über  den  Hü- 
gel schlängelnder  Karrenweg,  ein  moosbewachsener  Stein  mir  mehr 
als  die  schönste,  hingebendste  Geliebte  der  glücklichsten  Nacht  mir  je 
gewesen  ist.  Diese  stummen  und  manchmal  unbelebten  Kreaturen 
heben  sich  mir  mit  einer  solchen  Fülle,  einer  solchen  Gegenwart  der 
Liebe  entgegen,  daß  mein  beglücktes  Auge  auch  ringsum  auf  keinen 
toten  Fleck  zu  fallen  vermag.  Es  erscheint  mir  alles,  alles,  was  es  gibt, 
alles,  dessen  ich  mich  entsinne,  alles,  was  meine  verworrensten  Ge- 
danken berühren,  etwas  zu  sein.  Auch  die  eigene  Schwere,  die  sonsti- 
ge Dumpfheit  meines  Hirnes  erscheint  mir  als  etwas;  ich  fühle  ein 
entzückendes,  schlechthin  unendliches  Widerspiel  in  mir  und  um 
mich,  und  es  gibt  unter  den  gegeneinander  spielenden  Materien  kei- 
ne, in  die  ich  nicht  hinüberzufließen  vermöchte.  Es  ist  mir  dann,  als 
bestünde  mein  Körper  aus  lauter  Chiffern,  die  mir  alles  aufschließen. 
Oder  als  könnten  wir  in  ein  neues,  ahnungsvolles  Verhältnis  zum  gan- 
zen Dasein  treten,  wenn  wir  anfingen,  mit  dem  Herzen  zu  denken. 
Fällt  aber  diese  sonderbare  Bezauberung  von  mir  ab,  so  weiß  ich 
nichts  darüber  auszusagen;  ich  könnte  dann  ebensowenig  in  vernünf- 
tigen Worten  darstellen,  worin  diese  mich  und  die  ganze  Welt  durch- 
webende Harmonie  bestanden  und  wie  sie  sich  mir  fühlbar  gemacht 
habe,  als  ich  ein  Genaueres  über  die  inneren  Bewegungen  meiner 
Eingeweide  oder  die  Stauungen  meines  Blutes  anzugeben  vermöchte. 


193 


Hugo  von  Hoßnmnsthal 


Von  diesen  sonderbaren  Zufällen  abgesehen,  von  denen  ich  übrigens 
kaum  weiß,  ob  ich  sie  dem  Geist  oder  dem  Körper  zurechnen  soll, 
lebe  ich  ein  Leben  von  kaum  glaublicher  Leere  und  habe  Mühe,  die 
Starre  meines  Innern  vor  meiner  Frau  und  vor  meinen  Leuten  die 
Gleichgültigkeit  zu  verbergen,  welche  mir  die  Angelegenheiten  des 
Besitzes  einflößen.  Die  gute  und  strenge  Erziehung,  welche  ich  mei- 
nem seligen  Vater  verdanke,  und  die  frühzeitige  Gewöhnung,  keine 
Stunde  des  Tages  unausgefiillt  zu  lassen,  sind  es,  scheint  mir,  allein, 
welche  meinem  Leben  nach  außen  hin  einen  genügenden  Halt  und  den 
meinem  Stande  und  meiner  Person  an^messenen  Anschein  bewahren. 
Ich  baue  einen  Flügel  meines  Hauses  um  und  bringe  es  zustande, 
mich  mit  dem  Architekten  hie  und  da  über  die  Fortschritte  seiner  Ar- 
beit zu  unterhalten;  ich  bewirtschafte  meine  Güter,  und  meine  Päch- 
ter und  Beamten  werden  mich  wohl  etwas  wortkarger,  aber  nicht  un- 
gütiger als  früher  finden.  Keiner  von  ihnen,  der  mit  abgezogener 
Mütze  vor  seiner  Haustür  steht,  wenn  ich  abends  vorüberreite,  wird 
eine  Ahnung  haben,  daß  mein  Blick,  den  er  respektvoll  aufzufangen 
gewohnt  ist,  mit  stiller  Sehnsucht  über  die  morschen  Bretter  hin- 
streicht, unter  denen  er  nach  Regenwürmern  zum  Angeln  zu  suchen 
pflegt,  durchs  enge,  vergitterte  Fenster  in  die  dumpfe  Stube  taucht,  wo 
in  der  Ecke  das  niedrige  Bett  mit  bunten  Laken  immer  auf  einen  zu 
warten  scheint,  der  sterben  will,  oder  auf  einen,  der  geboren  werden 
soll;  daß  mein  Auge  lange  an  den  häßlichen  jungen  Hunden  hängt 
oder  an  der  Katze,  die  geschmeidig  zwischen  Blumenscherben  durch- 
kriecht, und  daß  es  unter  all  den  ärmlichen  und  plumpen  Gegenstän- 
den einer  bäurischen  Lebensweise  nach  jenem  einen  sucht,  dessen 
unscheinbare  Form,  dessen  von  niemand  beachtetes  Daliegen  oder 
-lehnen,  dessen  stumme  Wesenheit  zur  Quelle  jenes  rätselhaften, 
wortlosen,  schrankenlosen  Entzückens  werden  kann.  Denn  mein  un- 
benanntes seliges  Gefühl  wird  eher  aus  einem  fernen,  einsamen  Hir- 
tenfeuer mir  hervorbrechen  als  aus  dem  Anblick  des  gestirnten  Him- 
mels; eher  aus  dem  Zirpen  einer  letzten,  dem  Tode  nahen  Grille, 
wenn  schon  der  Herbstwind  winterliche  Wolken  über  die  öden  Felder 
hintreibt,  als  aus  dem  majestätischen  Dröhnen  der  Orgel.  Und  ich 
vergleiche  mich  manchmal  in  Gedanken  mit  jenem  Crassus  dem 
Redner,  von  dem  berichtet  wird,  daß  er  eine  zahme  Muräne,  einen 
dumpfen,  rotäugigen,  stummen  Fisch  seines  Zierteiches,  so  über  alle 
Maßen  lieb  gewann,  daß  es  zum  Stadtgespräch  wurde;  und  als  ihm 
einmal  im  Senat  Domitius  vorwarf,  er  habe  über  den  Tod  dieses  Fi- 


194 


Ein  Brief 


sches  Tränen  vergossen,  und  ihn  dadurch  als  einen  halben  Narren 
hinstellen  wollte,  gab  ihm  Crassus  zur  Antwort:  »So  habe  ich  beim 
Tod  meines  Fisches  getan,  was  Ihr  weder  bei  Eurer  ersten  noch  Eurer 
zweiten  Frau  Tod  getan  habt.« 

Ich  weiß  nicht,  wie  oft  mir  dieser  Crassus  mit  seiner  Muräne  als  ein 
Spiegelbild  meines  Selbst,  über  den  Abgrund  der  Jahrhunderte  her- 
geworfen, in  den  Sinn  kommt.  Nicht  aber  wegen  dieser  Antwort,  die 
er  dem  Domitius  gab.  Die  Antwort  brachte  die  Lacher  auf  seine  Sei- 
te, so  daß  die  Sache  in  einen  Witz  aufgelöst  war.  Mir  aber  geht  die 
Sache  nahe,  die  Sache,  welche  dieselbe  geblieben  wäre,  auch  wenn 
Domitius  um  seine  Frauen  blutige  Tränen  des  aufrichtigsten  Schmer- 
zes geweint  hätte.  Dann  stünde  ihm  noch  immer  Crassus  gegenüber, 
mit  seinen  Tränen  um  seine  Muräne.  Und  über  diese  Figur,  deren 
Lächerlichkeit  und  Verächtlichkeit  mitten  in  einem  die  erhabensten 
Dinge  beratenden,  weltbeherrschenden  Senat  so  ganz  ins  Auge 
springt,  über  diese  Figur  zwingt  mich  ein  unnennbares  Etwas,  in  einer 
Weise  zu  denken,  die  mir  vollkommen  töricht  erscheint,  im 
Augenblick,  wo  ich  versuche,  sie  in  Worten  auszudrücken. 

Das  Bild  dieses  Crassus  ist  zuweilen  nachts  in  meinem  Hirn,  wie  ein 
eingeschlagener  Nagel,  um  den  herum  alles  schwärt,  pulst  und  kocht. 
Es  ist  mir  dann,  als  geriete  ich  selber  in  Gärung,  würfe  Blasen  auf, 
wallte  und  funkelte.  Und  das  Ganze  ist  eine  Art  fieberisches  Denken, 
aber  Denken  in  einem  Material,  das  unmittelbarer,  flüssiger,  glühen- 
der ist  als  Worte.  Es  sind  gleichfalls  Wirbel,  aber  solche,  die  nicht  wie 
die  Wirbel  der  Sprache  ins  Bodenlose  zu  führen  scheinen,  sondern 
irgendwie  in  mich  selber  und  in  den  tiefsten  Schoß  des  Friedens. 

Ich  habe  Sie,  mein  verehrter  Freund,  mit  dieser  ausgebreiteten  Schil- 
derung eines  unerklärlichen  Zustandes,  der  gewöhnlich  in  mir  ver- 
schlossen bleibt,  über  Gebühr  belästigt. 

Sie  waren  so  gütig,  Ihre  Unzufriedenheit  darüber  zu  äußern,  daß  kein 
von  mir  verfaßtes  Buch  mehr  zu  Ihnen  kommt,  »Sie  für  das  Entbeh- 
ren meines  Umganges  zu  entschädigen«.  Ich  fühlte  in  diesem  Augen- 
blick mit  einer  Bestimmtheit,  die  nicht  ganz  ohne  ein  schmerzliches 
Beigefühl  war,  daß  ich  auch  im  kommenden  und  im  folgenden  und  in 
allen  Jahren  dieses  meines  Lebens  kein  englisches  und  kein  lateini- 
sches Buch  schreiben  werde:  und  dies  aus  dem  einen  Grund,  dessen 
mir  peinliche  Seltsamkeit  mit  ungeblendetem  Blick  dem  vor  Ihnen 
harmonisch  ausgebreiteten  Reiche  der  geistigen  und  leiblichen  Er- 
scheinungen an  seiner  Stelle  einzuordnen  ich  Ihrer  unendlichen  gei- 


195 


Kommentar 


stigen  Überlegenheit  überltisse:  nämlich  weil  die  Sprache,  in  welcher 
nicht  nur  zu  schreiben,  sondern  auch  zu  denken  mir  vielleicht  gege- 
ben wäre,  weder  die  lateinische  noch  die  englische  noch  die  italieni- 
sche oder  spanische  ist,  sondern  eine  Sprache,  von  deren  Worten  mir 
auch  nicht  eines  bekannt  ist,  eine  Sprache,  in  welcher  die  stummen 
Dinge  zu  mir  sprechen,  und  in  welcher  ich  vielleicht  einst  im  Grabe 
vor  einem  unbekannten  Richter  mich  verantworten  werde. 

Ich  wollte,  es  wäre  mir  gegeben,  in  die  letzten  Worte  dieses  voraus- 
sichtlich letzten  Briefes,  den  ich  an  Francis  Bacon  schreibe,  alle  die 
Liebe  und  Dankbarkeit,  alle  die  ungemessene  Bewunderung  zusam- 
menzupressen, die  ich  für  den  größten  Wohltäter  meines  Geistes,  für 
den  ersten  Engländer  meiner  Zeit  im  Herzen  hege  und  darin  hegen 
werde,  bis  der  Tod  es  bersten  macht. 


A.  D.  1603,  diesen  22.  August. 


Phi.  Chandos 


Kommentar 

In  diesem  Brief  an  Francis  Bacon  entschuldigt  sich  der  Brießchrei- 
ber  Lord  Chandos  zunächst  für  sein  ztveijähriges  Stillschweigen  und 
begründet  dieses  mit  einer  schweren  persönlichen  Krise.  In  dem 
»Brief  des  Lord  Chandos«  wird  mit  großer  Empathie  und  in  subtiler 
Sprache  eine  länger  dauernde  Phase  depressiver  Gestimmtheit  dargestellt,  nachdem 
eingangs  über  eine  kurz  dauernde  Hochgestimmtheit,  offensichtlich  im  Sinne  einer 
hypomanischen  oder  gar  manischen  Phase,  berichtet  wurde.  Diese  Phase  der  Hoch- 
gestimmtheit wird  als  eine  Gßihlslage  andauernder  »Trunkenheit«  dargestellt,  in 
der  das  »ganze  Dasein  als  eine  große  Einheit«,  bei  der  geistige  und  körperliche  Welt 
keinen  Gegensatz  mehr  bildeten,  erschien.  In  allem  wurde  die  Natur  gefühlt  und  in 
aller  Natur  fühlte  sich  Lord  Chandos  selbst.  Alks  war  durch  innere  Bezüge  und 
Symboliken  miteinander  verbunden,  z-B.  wurde  die  Milch  einer  Kuh  mit  der  den 
dicken  Folianten  entströmenden  »Nahrur^<  des  Geistes  assoziiert.  In  dieser  Phase 
war  Lord  Chandos  voller  Pläne,  insbesondere  auch  in  Bezug  auf  geistige  Aktivitä- 
ten und  Arbeiten.  Aus  einer  so  »aufgeschwolknen  Anmaßung<  sank  der  Geist  dann 
in  eine  Situation  äußerster  »Kleinmut  und  Kraftlosigkeit«. 

Diese  mehr  als  zwei  Jahre  dauernde  depressive  Stimmung  wird  vorwiegend  durch 
Antriebsschwäche  und  durch  eine  kognitive  Einengung  charakterisiert.  Im  Rahmen 
dieser  Krise  sei  es  Lord  Chandos  unmöglich  geworden,  allgemein  gebrauchte  Begrif- 


196 


Kommentar 


je,  wie  »Geist«,  »Seele«,  »Körper«  etc.  auszusprechen.  Abstrakte  Worte  dieser  Art 
»ze^elen  ihm  im  Munde  wie  modrige  Pilze«.  Allmählich  habe  sich  das  so  weit 
ausgebreitet,  dass  er  selbst  im  familiären  Urrfeld  alle  ernstheften  Gespräche  unter- 
lassen musste.  Seither  Jiihre  er  ein  Dasein  voller  Geistlosigkeit  und  Gedankenlosig- 
keit, ein  Leben  von  kaum  »glaublicher  Leere«  und  er  habe  Mühe  vor  den  ihm  nahe 
stehenden  Personen,  die  »Gleichgültigkäbc,  welche  ihm  Angelegenheiten  des  Besitzes 
einflößen,  zu  verbergen.  Diese  Veränderung  habe  es  ihm  allmählich  unmöglich  ge- 
macht, sich  an  der  Welt  zu  beteiligen. 

Vor  lauter  Detailwahrnehmung  sah  Lord  Chandos  das  große  Ganze  nicht  mehr. 
Auch  beschäftigten  ihn  in  seinem  Denken  ausgeprägte  skrupelhafte  Vorstellungen, 
wie  es  z-B.  im  Zusammenhang  mit  der  Darstellung  der  Rattenvergftung  zum  Aus- 
druck kommt.  Auch  Schuldgefühle  khngen  an,  wenn  Lord  Chandos  ausflihrt,  dass 
er  sich  im  Grabe  vor  einem  unbekannten  Richter  wird  verantworten  müssen  und 
dass  das  Elend  auch  über  seinen  Tod  hinausgehen  wird.  Mehr  als  ein  nebensächli- 
cher Aspekt  werden  auch  körperliche  Symptome  wie  Unwohlsein,  bleiches  Gesicht 
und  Druck  auf  der  Stirn  dargestellt.  Im  letzten  Absatz  seines  Briefes  spricht  er  vom 
»letzten  Brief«  und  man  ist  geneigt  daraus  abzuleiten,  dass  er  seinen  Tod  nahe  sieht. 
Insgesamt  eine  sehr  eindrucksvolle  literarische  Darstellung  einer  depressiven  Episo- 
de, die  auch  zum  Zeitpunkt  des  Briefschreibens  noch  nicht  abgeklungen  ist. 


197 


t 

F4:  Angststörungen,  dissoziative  Störungen, 
somatoforme  Störungen, 
Somatisierungsstörung,  hypochondrische 
Störung,  Depersonalisationsstörung 


In  diesem  Großkapitel  der  ICD- 10  (F4)  sind  eine  Reihe  von  Störun- 
gen zusammengefasst,  die  nur  in  einem  begrenzten  Zusammenhang 
stehen.  Der  innere  Zusammenhang  besteht,  wenn  man  ihn  denn 
überhaupt  suchen  will,  darin,  dass  diese  Störungen  in  der  traditio- 
nellen Nosologie  als  Neurosen  bezeichnet  wurden  und  ursprünglich 
im  Sinne  der  psychoanalytischen  Theorie  pathogenetisch  verstanden 
wurden.  Später  wurden  auch  lerntheoretische  Konzeptionen  und 
neurobiologische  Ansätze  eingebracht,  um  diese  Störungen  zu  erklä- 
ren. Heute  werden  diese  Erkrankungen  im  Sinne  einer  multifaktoriel- 
len Genese  unter  Berücksichtigung  aller  genannten  Faktoren  erklärt. 
Die  traditionell  als  »Symptomneurose«  klassifizierten  Störungen  las- 
sen sich  aufgrund  ihres  Erscheinungsbildes  in  verschiedene  Subtypen 
untergliedern.  Diese  dürfen  aber  keinesfalls  als  scharf  abgrenzbare 
nosologische  Syndrome  verstanden  werden,  vielmehr  handelt  es  sich 
nur  um  typologische  Differenzierungen  mit  starker  Randunschärfe. 
Häufig  ist  es  deshalb  nicht  möglich,  das  Erscheinungsbild  des  Patien- 
ten einem  dieser  Typen  zuzuordnen,  sondern  man  muss  zwei  oder 
mehrere  dieser  Typen  zur  Beschreibung  des  Erscheinungsbildes  he- 
ranziehen, z.B.  generalisierte  Angststörung  mit  Panikstörung  oder 
Panikstörung  mit  Agoraphobie.  Differentialdiagnostisch  müssen  die 
so  bezeichneten  funktionellen  Störungen  jeweils  sorgfältig  gegenüber 
gleichartigen  klinischen  Bildern  bei  organischen  Erkrankungen  abge- 
grenzt werden. 

Zu  diesen  Störungen  gehören  die  Phobie  (phobische  Neurose),  die 
generalisierte  Angststörung  und  die  Panikstörung  (beide  ehemals  un- 
ter dem  Begriff  Angstneurose  zusammengefasst),  die  Zwangsstörung 
(Zwangsneurose),  die  hypochondrische  Störung  (hypochondrische 
Neurose),  die  Somatosierungsstörung  und  die  dissoziative  Störung 
(früher  als  hysterische  Neurose  oder  Konversionsneurose  bezeichnet). 


199 


F4 


Diese  Störungen  sind  sehr  häufig,  insbesondere  die  Phobie,  die  gene- 
ralisierte Angststörung  und  die  Somatisierungsstörung.  Je  nach  Stö- 
rung stehen  psychotherapeutische  oder  psychopharmakologische 
Therapieansätze  im  Vordergrund.  Meistens  ist  ein  kombinierter 
Therapieansatz  indiziert,  bei  dem  psychotherapeutische  Maßnah- 
men im  Vordergrund  stehen.  In  der  psychopharmakologischen  Be- 
handlung wurden  Anxiolytika  bei  den  meisten  Indikationen,  wie  ge- 
neralisierte Angststörung  bzw.  Panikstörung,  weitgehend  durch  Anti- 
depressiva, insbesondere  moderne  Antidepressiva,  ersetzt. 


200 


Patrick  Süskind 


Die  Taube 


aus:  Patrick  Süsidnd.  Die  Taube. 

© 1987  bj  Diogenes  Verlag  AG,  Zürich 


Einführung 


Der  deutsche  Schriftsteller  und  Drehbuchautor  Patrick  Süskind 
(Jahrgang  1949)  ist  der  Sohn  des  Journalisten  W.  E.  Süskind 
(Milhemusgeber  von  »Das  Wörterbuch  des  Unmenschen«,  1962) 
und  studierte  Geschichte  in  München  und  Aix-en-Provence.  Er 


verweigert  sich  auf  sympathische  Weise  den  Erwartungen  und  Anforderungen  des 
Literaturbetriebes,  lässt  sich  nicht  fotografieren,  gibt  keine  Interviews  und  nimmt 
keine  Literaturpreise  entgegen.  San  Roman  »Das  Parfüm«  (1985)  wurde  als  Sen- 
sation gefeiert,  in  über  20  Sprachen  übersetzt  und  erreichte  eine  Weltauflage  von 
mehr  als  sechs  Millionen  Exemplaren.  Die  Filmrechte  daran  wurden  angeblich  mit 
rund  zehn  Millionen  Euro  an  die  Constantin  Film  verkauft.  Dem  Fernsehpubli- 
kum wurde  Süskind  als  Drehbuchautor  von  »Monaco  Franze«  (1984),  »Kir  Roy- 
al« (1986)  sowie  dem  Spielfilm  »Rossini«  (1997)  in  Zusammenarbeit  mit  dem 
Münchner  Regisseur  Helmut  Dietl  bekannt.  Ein  Welterfolg  im  Theater  wurde  das 
Einpersonenstück  »Der  Kontrabafi<  (1981). 

Die  stilistisch  brillatite  Novelle  »Die  Taube«  (1987)  erzählt,  wie  das  einförmige 
und  unauffällige  Leben  des  bereits  über fünf  zig  Jahre  alten  Jonathan  Noel,  Wach- 
mann bei  einer  Pariser  Bank,  jäh  vom  Erscheinen  einer  Taube  in  seiner  bescheide- 
nen Dachkammer  in  Frage  ge.stellt  und  aus  den  Angeln  gehoben  wird.  Dem  Autor 
gelingt  es  auf  beeindruckende  Weise,  das  namenlose  Entsetzen  sprachlich  und  er- 
zählerisch zu  gestalten,  das  der  zurückgezogen  lebende  Wachmann  angesichts  der 
Taube  empfindet,  die  sich  in  den  Flur  des  Dachgeschosses  verirrt  und  die  Dielen 
verschmutzt.  Dieses  virtuose  Sprachkunstwerk  wird fieilich  nur  jenen  Lesern  zum 
umfassenden  literarischen  Genuss,  die  auch  mit  Paul  von  Heyses  Boccaccio-Falken 
vertraut  sind. 


Weitefiihrende  Literatur: 

David  Freudenthal:  Zeichen  der  Einsamkeit.  Sinnstfiung  und  Sinnverweigerung 
im  Erzählen  von  Patrick  Süskind.  Kovac  2005 


201 


Patrick  Säskind 


Die  Taube 

Fast  hätte  er  den  Fuß  schon  über  die  Schwelle 
gesetzt  gehabt,  er  hatte  den  Fuß  schon  gehoben, 
den  linken,  sein  Bein  war  schon  im  Schritt  begrif- 
fen - als  er  sie  sah.  Sie  saß  vor  seiner  Tür,  keine 
zwanzig  Zentimeter  von  der  Schwelle  entfernt, 
im  blassen  Widerschein  des  Morgenlichts,  das 
durch  das  Fenster  kam.  Sie  hockte  mit  roten,  kral- 
ligen Füßen  auf  den  ochsenblutroten  Fliesen  des 
Ganges,  in  bleigrauem,  glattem  Gefieder:  die 
Taube. 

Sie  hatte  den  Kopf  zur  Seite  gelegt  und  glotzte  Jonathan  mit  ihrem 
linken  Auge  an.  Dieses  Auge,  eine  kleine,  kreisrunde  Scheibe,  braun 
mit  schwarzem  Mittelpunkt,  war  fürchterlich  anzusehen.  Es  saß  wie 
ein  aufgenähter  Knopf  am  Kopfgefieder,  wimpernlos,  brauenlos, 
ganz  nackt,  ganz  schamlos  nach  außen  gewendet  und  ungeheuer  of- 
fen; zugleich  aber  war  da  etwas  zurückhaltend  Verschlagenes  in  dem 
Auge;  und  zugleich  wieder  schien  es  weder  offen  noch  verschlagen, 
sondern  ganz  einfach  leblos  zu  sein  wie  die  Linse  einer  Kamera,  die 
alles  äußere  Licht  verschluckt  und  nichts  von  ihrem  Inneren  zurück- 
strahlen läßt.  Kein  Glanz,  kein  Schimmer  lag  in  diesem  Auge,  nicht 
ein  Funken  von  Lebendigem.  Es  war  ein  Auge  ohne  Blick.  Und  es 
glotzte  Jonathan  an. 

Er  sei  zu  Tode  erschrocken  gewesen  - so  hätte  er  den  Moment  wohl 
im  nachhinein  beschrieben,  aber  es  wäre  nicht  richtig  gewesen,  denn 
der  Schreck  kam  erst  später.  Er  war  viel  eher  zu  Tode  erstaunt. 
Vielleicht  fünf,  vielleicht  zehn  Sekunden  lang  - ihm  selbst  kam  es  vor 
wie  für  immer  - blieb  er,  die  Hand  am  Knauf,  den  Fuß  zum  Aus- 
schreiten erhoben,  wie  angefforen  auf  der  Schwelle  seiner  Türe  ste- 
hen und  konnte  nicht  vor  und  nicht  zurück.  Dann  geschah  eine  kleine 
Bewegung.  Sei  es,  daß  die  Taube  von  einem  Fuß  auf  den  anderen 
trat,  sei  es,  daß  sie  sich  nur  ein  wenig  plusterte  - jedenfalls  ging  ein 
kurzer  Ruck  durch  ihren  Körper,  und  gleichzeitig  schnappten  zwei 
Lider  über  ihrem  Auge  zusammen,  eines  von  unten,  eines  von  oben, 
keine  richtigen  Lider  eigenthch,  sondern  eher  irgendwelche  gum- 
miartigen Klappen,  die  wie  zwei  aus  dem  Nichts  entstandene  Lippen 
das  Auge  verschluckten.  Für  einen  Moment  war  es  verschwunden. 
Und  jetzt  erst  durchzuckte  Jonathan  der  Schreck,  jetzt  sträubten  sich 


202 


Dk  Taube 


seine  Haare  vor  blankem  Entsetzen.  Mit  einem  Satz  sprang  er  zurück 
ins  Zimmer  und  schlug  die  Türe  zu,  eh  noch  das  Auge  der  Taube  sich 
wieder  geöffnet  hätte.  Er  drehte  das  Sicherheitsschloß,  wankte  die 
drei  Schritte  zum  Bett,  setzte  sich  zitternd,  mit  wild  klopfendem  Her- 
zen. Seine  Stirn  war  eiskalt,  und  im  Nacken  und  das  Rückgrat  endang 
spürte  er,  wie  ihm  der  Schweiß  ausbrach. 

Sein  erster  Gedanke  war,  daß  er  nun  einen  Herzinfarkt  erleiden  wer- 
de oder  einen  Schlaganfall  oder  mindestens  einen  Kreislaufkollaps, 
für  all  das  bist  du  im  richtigen  Alter,  dachte  er,  ab  Fünfzig  genügt  der 
geringste  Anlaß  für  so  ein  Malheur.  Und  er  ließ  sich  seitlich  aufs  Bett 
fallen  und  zog  die  Decke  über  seine  fröstelnden  Schultern  und  warte- 
te auf  den  krampfartigen  Schmerz,  auf  das  Stechen  im  Brust-  und 
Schulterbcreich  (er  hatte  einmal  in  seinem  medizinischen  Taschenle- 
xikon gelesen,  daß  dies  die  untrüglichen  Infarktsymptome  seien)  oder 
auf  das  langsame  Verdämmern  des  Bewußtseins.  Aber  dann  geschah 
nichts  dergleichen.  Der  Herzschlag  beruhigte  sich,  das  Blut  strömte 
wieder  gleichmäßig  durch  Kopf  und  Glieder,  und  Lähmungserschei- 
nungen, wie  sie  für  den  Schlaganfall  typisch  sind,  traten  nicht  auf 
Jonathan  konnte  Zehen  und  Finger  bewegen  und  sein  Gesicht  zu  Gri- 
massen verziehen,  ein  Zeichen,  daß  organisch  und  neurologisch  alles 
einigermaßen  in  Ordnung  war. 

Statt  dessen  wirbelte  nun  eine  wüste  Masse  völlig  unkoordinierter 
Schreckensgedanken  in  seinem  Hirn  herum  wie  ein  Schwarm  von 
schwarzen  Raben,  und  es  schrie  und  flatterte  in  seinem  Kopf,  und 
»du  bist  am  Ende!«  krächzte  es,  »du  bist  alt  und  am  Ende,  du  läßt 
dich  von  einer  Taube  zu  Tode  erschrecken,  eine  Taube  treibt  dich  in 
dein  Zimmer  zurück,  wirft  dich  nieder,  hält  dich  gefangen.  Du  wirst 
sterben,  Jonathan,  du  wirst  sterben,  wenn  nicht  sofort,  dann  bald,  und 
dein  Leben  war  falsch,  du  hast  es  verpfuscht,  denn  es  wird  von  einer 
Taube  erschüttert,  du  mußt  sie  töten,  aber  du  kannst  sie  nicht  töten, 
keine  Fliege  kannst  du  töten,  doch,  eine  Fliege  schon,  gerade  noch 
eine  Fliege  oder  eine  Schnake  oder  einen  kleinen  Käfer,  aber  niemals 
ein  warmblütiges  Ding,  ein  pfundschweres  warmblütiges  Wesen  wie 
eine  Taube,  eher  schießt  du  einen  Menschen  über  den  Haufen,  piff- 
paff,  das  geht  schnell,  das  macht  nur  ein  kleines  Loch,  acht  Millimeter 
groß,  das  ist  sauber  und  ist  erlaubt,  in  Notwehr  ist  es  erlaubt,  Para- 
graph eins  der  Dienstordnung  für  bewaffnetes  Wachpersonal,  es  ist 
sogar  geboten,  kein  Mensch  macht  dir  einen  Vorwurf,  wenn  du  einen 
Menschen  erschießt,  im  Gegenteil,  aber  eine  Taube?,  wie  erschießt 


203 


Patrick  Süskind 


man  eine  Taube?,  das  flattert,  eine  Taube,  das  verfehlt  man  leicht,  das 
ist  grober  Unfug,  auf  eine  Taube  zu  schießen,  das  ist  verboten,  das 
führt  zum  Einzug  der  Dienstwaffe,  zum  Verlust  des  Arbeitsplatzes,  du 
kommst  ins  Gefängnis,  wenn  du  auf  eine  Taube  schießt,  nein,  du 
kannst  sie  nicht  töten,  aber  leben,  leben  kannst  du  auch  nicht  mit  ihr, 
niemals,  in  einem  Haus,  wo  eine  Taube  wohnt,  kann  ein  Mensch 
nicht  mehr  leben,  eine  Taube  ist  der  Inbegriff  des  Chaos  und  der 
Anarchie,  eine  Taube,  das  schwirrt  unberechenbar  umher,  das  krallt 
sich  ein  und  pickt  in  die  Augen,  eine  Taube,  das  schmutzt  unablässig 
und  stäubt  verheerende  Bakterien  aus  und  Meningitisviren,  das  bleibt 
nicht  allein,  eine  Taube,  das  lockt  andere  Tauben  an,  das  treibt  Ge- 
schlechtsverkehr und  zeugt  sich  fort,  rasend  schnell,  ein  Heer  von 
Tauben  wird  dich  belagern,  du  kannst  dein  Zimmer  nicht  mehr  ver- 
lassen, wirst  verhungern,  wirst  in  deinen  Exkrementen  ersticken, 
wirst  dich  zum  Fenster  hinausstürzen  müssen  und  am  Bürgersteig 
zerschmettert  liegen,  nein,  du  wirst  zu  feige  sein,  du  wirst  in  deinem 
Zimmer  eingeschlossen  bleiben  und  um  Hilfe  schreien,  nach  der  Feu- 
erwehr wirst  du  schreien,  damit  man  mit  Leitern  komme  und  dich  vor 
einer  Taube  rette,  vor  einer  Taube!,  zum  Gespött  des  Hauses,  zum 
Gespött  des  ganzen  Viertels  wirst  du  werden,  >seht  Monsieur  Noel!< 
wird  man  rufen  und  mit  Fingern  auf  dich  zeigen,  >seht,  Monsieur 
Noel  läßt  sich  vor  einer  Taube  retten!<,  und  man  wird  dich  einweisen 
in  eine  psychiatrische  Klinik:  o Jonathan,  Jonathan,  deine  Lage  ist 
hoffnungslos,  du  bist  verloren,  Jonathan!« 

Solcherart  schrie  und  krächzte  es  in  seinem  Kopf,  und  Jonathan  war 
so  verwirrt  und  verzweifelt,  daß  er  etwas  tat,  was  er  seit  seinen  Kin- 
dertagen nicht  mehr  getan  hatte,  er  faltete  nämlich  in  seiner  Not  die 
Hände  zum  Gebet,  und  »mein  Gott,  mein  Gott«,  betete  er,  »warum 
hast  du  mich  verlassen?  Warum  werde  ich  so  sehr  gestraft  von  dir? 
Vater  unser,  der  du  bist  im  Himmel,  rette  mich  vor  dieser  Taube, 
Amen!«  Es  war,  wie  wir  sehen,  kein  ordentliches  Gebet,  es  war  eher 
ein  aus  den  Erinnerungsbruchstücken  seiner  rudimentären  religiösen 
Erziehung  zusammengestückeltes  Gestammel,  das  er  da  von  sich  gab. 
Aber  es  half  trotzdem,  denn  es  verlangte  ihm  ein  gewisses  Maß  geisti- 
ger Konzentration  ab  und  verscheuchte  dadurch  den  Gedankenwirr- 
warr. Etwas  anderes  half  ihm  noch  stärker.  Kaum  hatte  er  nämlich 
sein  Gebet  zu  Ende  gesprochen,  da  spürte  er  einen  so  unabweisbaren 
Drang  zu  pissen,  daß  er  wußte,  er  würde  sein  Bett,  auf  dem  er  lag, 
besudeln,  die  schöne  Federkernmatratze  oder  gar  den  schönen  grau- 


204 


Kommentar 


en  Teppich,  wenn  es  ihm  nicht  gelänge,  sich  innerhalb  der  nächsten 
Sekunden  anderweitig  Erleichterung  zu  schaffen.  Das  brachte  ihn 
vollends  zu  sich.  Ächzend  stand  er  auf,  warf  einen  verzweifelten  Blick 
zur  Tür  ...  - nein,  er  könnte  nicht  durch  diese  Türe  gehen,  selbst 
wenn  der  verfluchte  Vogel  jetzt  weg  wäre,  er  würde  es  nicht  mehr  bis 
zur  Toilette  schaffen  -,  trat  ans  Waschbecken,  riß  den  Bademantel 
auf,  riß  die  Pyjamahose  herunter,  öffnete  den  Wasserhahn  und  pißte 
in  das  Becken. 

Er  hatte  so  etwas  noch  nie  zuvor  getan.  Ein  Horror  allein  der  Gedan- 
ke, in  ein  schönes,  weißes,  blankgeputztes,  der  Körperpflege  und  dem 
Geschirrspülen  dienendes  Waschbecken  einfach  hineinzupissen!  Nie- 
mals hätte  er  geglaubt,  daß  er  so  tief  würde  sinken  können,  niemals, 
daß  er  überhaupt  physisch  in  der  Lage  wäre,  ein  solches  Sakrileg  zu 
begehen.  Und  nun,  da  er  sah,  wie  seine  Pisse  ohne  jede  Hemmung 
und  Verhaltung  lief,  sich  mit  dem  Wasser  vermischte  und  durch  den 
Abfluß  davongurgelte,  und  da  er  das  großartige  Nachlassen  des 
Drucks  in  seinem  Unterleib  spürte,  da  liefen  ihm  zugleich  die  Tränen 
aus  den  Augen,  so  sehr  schämte  er  sich.  Als  er  fertig  war,  ließ  er  das 
Wasser  noch  eine  Weile  lang  laufen  und  putzte  das  Becken  gründlich 
mit  flüssigem  Scheuerpulver,  um  auch  die  kleinsten  Spuren  der  be- 
gangenen Untat  zu  beseitigen.  »Einmal  ist  keinmal«,  murmelte  er  vor 
sich  hin,  wie  um  sich  vor  dem  Waschbecken,  vor  dem  Zimmer  oder 
vor  sich  selbst  zu  entschuldigen,  »einmal  ist  keinmal,  es  war  eine  ein- 
malige Notlage,  es  wird  gewiß  nicht  wieder  Vorkommen  . . .« 


Kommentar 


/Die  Erzählung  von  Patrick  Süsskind  »Die  Taube«  sehildert  in  ein- 
drucksvoller Weise  eine  phobische  Reaktion  auf  dm  Taube.  Bd  dem 
Protagonisten  kommt  es  zu  dner  extremen  Angst  vor  einer  Taube,  die 
Angst  wird  in  allen  psychischen  und  körperlichen  Aspekten  geschil- 
dert. Der  Protagonist  macht  verschiedene  Versuche,  diese  Angst  abzubauen.  Auch 
das  Vermeidungsverhalten,  z-B.  nicht  durch  diese  Türe  gehen,  »selbst  wenn  der 
verfluchte  Vogel  jetzt  weg  wäre«,  wird  dargestellt. 

Die  Phobie  ist  eine  sehr  häufige  Störung.  Bd  der  Phobie  wird  die  Angst  eindeutig 
durch  bestimmte  Situationen  oder  Objekte  hervorgerufen,  auch  durch  Objekte,  die 
ungefährlich  sind,  ln  der  Folge  werden  diese  Objekte  charakteristischerwdse  vermie- 
den. Phobische  Angst  ist  subjektiv  physiologisch  von  dem  Verhalten  bd  anckren 


205 


Kommentar 


Angstreaktionen  nicht  zu  unterscheiden  und  reicht  in  der  Schwere  von  leichtem  Un- 
behagen bis  zu  panikartigen  Ansätzen-  Das  Erleben  des  Betreffenden  kann  sich  auf 
Einzelsymptome  wie  Herzklopfen  oder  Schwächegejuhl  beziehen  und  tritt  häufig 
mit  sekundären  Ängsten  vor  dem  Sterben,  Konirollverlust  oder  dem  Gefiihl  wahn- 
sinnig zu  werden  auf.  Oft  kommt  es  zu  einer  Generalisierung  der  Angstreaktion  von 
einem  auslösenden  Stimulus  zu  einem  ähnlichen  Stimulus.  Es  wird  versucht,  durch 
an  häufig  extremes  Vermeidungsverhalten  den  angstauslösenden  Situationen  zu 
entgehen. 

Das  ursprüngliche  Konzept  Freuds  der  Angstneurose  umfasste  sowohl  die  Sympto- 
matik, die  heute  in  der  ICD- 10  unter  rgeneralisierte  Angststörung<(  beschrieben 
wird,  wie  auch  die  in  der  ICD- 10  ab  »Panikstörung«  beschriebene  Symptomatik. 
Die  igeneralbierte  Angsbtörungt  ut  insbesondere  durch  anhaltende  generalbierte 
Ängstlichkeit  und  Besorgtheit  charakterisiert.  Die  Symptome  sind  nicht  auf  be- 
stimmte Umstände  oder  Situationen  beschränkt.  Die  haupbächlichen  Symptome 
können  individuell  sehr  unterschiedlich  sein:  Beschwerden  bestehen  in  der  ständigen 
Nervosität,  Zetern,  Muskebpannung,  Schwitzen,  Benommenheit,  Herzklopfen 
und  Schwindelgeßihlen.  Das  wesentliche  Kennzeichen  der  Panikstörung  sind  wie- 
derkehrende schwere  Panikattacken,  die  sich  nicht  auf  eine  spezifische  Situation 
oder  Umstände  beschränken  und  die  deshalb  auch  nicht  vorhersehbar  sind.  Die 
einzelnen  Anfälle  dauern  meist  nur  Minuten,  manchmal  auch  länger.  Die  Anfälle 
sind  mit  der  Furcht  vor  dem  Sterben,  Kontrollverlust,  Todesangst  oder  Ähnlichem 
verbunden.  Häufig  kommt  es  zur  Komorbidität  von  generalbierter  Angsbtörung 
und  Panikstörung.  Die  Prävalenz,  insbesondere  der  generalbierten  Angsbtörung, 
bt  hoch. 


206 


Friederike  Kempner 


Finster  und  stumm 

aus:  Friederike  Kempner.  Gedichte.  Noctorno. 

© 2004  by  Matthes  & Seitz,  Verlagsgesellschafl  mbH,  Berlin 


Einführung 

Friederike  Kempner  (1836—1904),  ein  »lebenslanges  Fräulein«, 
wie  ihr  Biograph  G.  H.  Mostar  anmerkt,  gilt  als  »Genie  der  un- 
freiwilligen Komik«.  Ab  sie  achtundsechzigjährig  auf  ihrem  Be- 
sitztum Friederikenhof  im  schlesbchen  Reichenthal  starb,  hatten 
ihre  Verse  bereits  acht  Auflagen  erreicht:  sehr  zum  Kummer  ihrer  Verwandtschaft, 
darunter  ihr  Neffe,  der  berühmte  Theaterkritiker  Alfred  Kerr  (1 867  bis  1948),  der 
sich  eigens  deshalb  einen  anderen  Namen  gab.  Die  gesamte  Familie  war  eifrig  be- 
müht, sämtliche  Auflagen  sofort  aufzukaufen,  um  sich  das  allseits  peinliche  Ge- 
lächter zu  ersparen,  was  jedoch  die  Dichterin  - zur  Freude  ihres  Verlegers  - nur 
noch  mehr  zu  immer  neuen  Taten  anspornte.  Während  die  Novellen  und  Dramen 
heute  längst  vergessen  sind,  werden  die  oft  nur  durch  eine  feile  oder  ein  Wort  grotesk 
misslingenden  Verse  des  Schlesbchen  Schwans  immer  noch  gerne  zitiert. 

Das  Lachen  verweht  jedoch,  sobald  man  sich  das  Mderuchcftliche  Engagement  der 
Autorin  für  eine  einzige  Sache  vergegenwärtigt:  Schutz  den  Scheintoten!  Ähnlich 
wie  etwa  Schopenhauer  oder  Hans  Christian  Andersen  war  auch  Friederike  Kemp- 
ner lebenslang  von  der  panbcken  Angst  geplagt,  lebendig  begraben  zu  werden.  Sie 
litt  überdies  unter  der  Vorstellung  eine  Unzahl  von  Menschen  liege  lebendig  im 
Grab,  weshalb  sie  verfugte,  ihr  eigenes  Grab  mit  einer  elektrischen  Klingel  auszu- 
rüsten. Aufgrund  dieser  Angst  wurde  Friederike  Kempner  nicht  müde,  auf  das 
Schicksal  scheintoter  Kinder,  Männer  und  Frauen  mit  geradezu  wissenschaftlicher 
Akribie  und  medienhewusster  Penetranz  aufmerksam  zu  machen.  So  forderte  sie  in 
der  Tradition  von  Goethes  Leibarzt  Htfeland  immer  wieder  den  Bau  von  Leichen- 
häusern, um  die  (scheinbar?)  Toten  wenigstens  drei  Tage  bei  geöffnetem  Sarg  (!) 
aufzubahren: 


Ein  Leichenhaus,  ein  Leichenhaus, 
Ruft  er  aus  vollem  Hake  aus. 

Für  Tote  haben  Gelder  wir. 


207 


Und  um  Lebendige  handelt’s  hier! 
Ihr  alle  seid  so  schlecht  und  blind. 
So  lang  nicht  Lnchenhäuser  sind. 


Friederike  Kmpner 


Werner  Bergengruen  hat  das  Thema  des  Scheintods  in  seiner  Novelle  »Die  wun- 
derliche Herberge«  (1939)  literarisch  so  meisterhqfl  gestaltet,  daß  auch  Hermann 
Burger  in  seinem  Roman  »Schiiten«  noch  1976  darauf  Bezug  nimmt. 

Weite  führende  Literatur: 

Gerhard  Köpf  (Hrsg):  Der  Scheintod.  Lang  1986 

Finster  und  stumm 

Nocturno 

Stürmisch  ist  die  Nacht, 

Kind  im  Grab  erwacht, 

Seine  schwache  Kraft 
Es  zusammenrafft. 

»Machet  auf  geschwind!« 

Ruft  das  arme  Kind, 

Sieht  sich  ängstlich  um: 

Finster  ist‘s  und  stumm. 

Überall  ist‘s  zu, 

»Mutter,  wo  bist  Du?« 

Stoßet  aus  den  Schrei, 

Horchet  still  dabei. 

Und  in  seiner  Qual 
Klopft  es  noch  einmal. 

Sieht  sich  grausend  um: 

Finster  ist‘s  und  stumm. 

Streckt  die  Armlein  bloß, 

Hämmert  schnell  drauflos. 

Ruft  entsetzt  und  laut: 

»Hört,  ich  bin  nicht  todt!« 

Lehnt  sein  Haupt  am  Arm: 

»Daß  sich  Gott  erbarm“. 


208 


Kommentar 


Lebt  man  ewig  so? 

Und  wo  stirbt  man,  wo? 

Ach,  man  hört  mich  nicht, 
Gott,  ach  nur  ein  Licht!« 
Sieht  sich  nochmals  um! 
Finster  bleibt's  und  stumm. 

Stier  und  starr  es  tappt, 
Und  am  Sarg‘  es  klappt. 
Horch,  da  strömt  sein  Blut 
Durch  des  Nagels  Hut. 

Aus  dem  warmen  Quell 
Sprudelt‘s  rasend  schnell: 
Endlich  stirbt  das  Kind, 
Froh  die  Engel  sind! 

Stürmisch  ist  die  Nacht, 
Blätter  rauschen  sacht, 
Niemand  sah  sich  um: 
Finster  blieb‘s  und  stumm. 


Kommentar 


/Das  Gedicht  schildert  die  schreckliche  Situation  eines  scheintot  be- 
grabenen Kindes.  Wie  ekr  literaturhistorische  Kommentar  berichtet, 
war  die  Autorin  sehr  engagiert,  sich  dem  Schutz  der  Scheintoten  zu 
widmen.  Insofern  ist  das  Gedicht  offensichtlich  Ausdruck  einer  sehr 
spezifischen  Angst,  die  aber  schwer  im  Sinne  der  psychiatrischen  Terminologie 
fassbar  ist.  Vielleicht  ist  sie  eine  besondere  Erscheinungsform  der  Tanatophobie, 
also  der  Angst  vor  dem  Sterben  im  Allgemeinen,  sowohl  im  Hinblick  auf  den  eige- 
nen Tod  als  auch  auf  den  Tod  anderer,  insbesondere  nahe  stehender  Personen,  die 
bei  einer  Reihe  von  neurotischer  Störungen,  insbesondere  Angststörungen,  zu  finden 
ist. 


209 


Brüder  Grimm 


Märchen  von  einem,  der  auszog,  das  Fürchten 
zu  lernen 


aus:  Kinder-  und  Hausmärchen,  gesammelt  durch  die  Brüder  Grimm 
in  drei  Bänden. 

© 1984  by  Insel  Taschenbuch,  Franl^rt 


Einführung 


Neben  dem  in  mühevoller  und  lebenslanger  Haus-  und  Arbeitsge- 
meinschaft  geschaffenen  Deutschen  Wörterbuch  (begonnen  1852) 
zählen  die  Kinder-  und  Haxtsmärchen  (1812-1815)  der  Brüder 
Jacob  (1785-1863)  und  Wilhelm  Grimm  (1786-1859)  zu  den 
heramragendsten  Leistungen  germanischer  Altertumswissenschajkn  und  deutscher 
Philolo^. 

Nach  dem  fiühen  Tod  des  Vaters  in  bescheidenen  Verhältnissen  aufgewachsen,  stu- 
dierten die  Brüder  zunächst  Jura  in  Marburg,  bis  sie  sich,  angeregt  von  Carl  von 
Savigny  (1779-1861),  mit  alldeutscher  Literatur  beschäfligten.  Beide  wurden 
Bibliothekare  in  Kassel  und  gingen  1830  nach  Göttingen,  wo  sie  zusammen  mit 
Jiirf  weiteren  Professoren  (»Göttinger  Sieben«)  gegen  die  Aufhebung  der  Landesver- 
fassungprotestierten und  deshalb  aus  dem  Staatsdienst  entlassen  wurden.  Trotz  der 
Heirat  von  Wilhelm  (1825)  blieben  sie  in  enger  Arbeitsgemeinschaft  zusammen 
und  erhielten  einen  Ruf  nach  Berlin,  wo  sie  bis  an  ihr  Lebensende  an  ihren  Mam- 
mutunternehmungen wissenschaftlich  arbeiteten. 

Die  Kinder-  und  Hausmärchen  enthalten  etwa  60  Märchen  unterschiedlichen  Typs 
(Schwänke,  Scherz-,  Lügen-,  Grusel-,  Her-  und  Naturerzählungen).  Während 
die  Texte  des  ersten  Bandes  auf  der  Grundlage  mündlicher  und  schriftlicher  Quel- 
len aus  dem  Hessischen  beruhen,  wurde  eine  Bäuerin  zur  Gewährsfrau  des  zweiten 
Bandes.  Das  vorgesehene  Ideal  der  getreuen  Textwiedergabe  ließ  sich  nicht  halten. 
Insbesondere  Wilhelm  Grimm  gilt  als  verantwortlich  für  Eingriffe  in  Sprache  und 
Handlungsabläufe  (Märchenton).  Pädagogische  und  moralisch-didaktische  Ab- 
sichten waren  zunächst  zweitrangig.  Im  Mittelpunkt  des  Interesses  stand  vielmehr 
die  Suche  nach  Resten  uralter,  wenn  auch  umgestalteter  und  zerbröckelter  Mythen 
bis  hin  zu  einer  die  Poesie  selbst  freilegenden  Urform. 


210 


Märchen  mn  einem,  der  auszog,  das  Fürchten  zu  lernen 

Der  unerwartet  große,  nicht  zuletzt  vom  Gedanken  der  Romantik  beflügelte  Eifolg 
dieser  Sammlung  wirkte  auf  ganz  Europa  und  regte  zahlreiche  Sammler  im  In- 
und  Ausland  zur  Nachahmung  an.  Die  Brüder  Grimm  erlebten  sieben  Ausgaben, 
eine  von  Wilhelm  zusammengestellte  kleinere  Ausgabe  brachte  es  auf  immerhin 
neun  Auflagen. 

Die  der  Textgattung  Märchen  inhärente  selbstverständliche  Verknüpfung  des  Realen 
und  Alltäglichen  müdem  Übernatürlichen  und  Phantastischen,  dereirfache,  volks- 
tümliche Erzählduktus  sowie  der  meist  garantierte  Triumph  des  Guten  über  das 
Böse  machten  aus  einer  zunächst  mindergeschätzten  Gattung  ein  international  ge- 
läufiges literarisches  Genre,  das  im  romantischen  Kunstmärchen,  der  Gothic  Novel 
sowie  der  Phantastischen  Literatur  bis  hin  zum  Magischen  Realismus  seine  Fort- 
setzungen und  Vollendungsformen  erfuhr. 

Weitefuhrende  Literatur: 

Heinz  Rölleke:  Die  Märchen  der  Brüder  Grimm.  Eine  Einführung.  Reclam  2004 


Märchen  von  einem,  der  auszog,  das  Fürchten 
zu  lernen 

EEin  Vater  hatte  zwei  Söhne,  davon  war  der  älteste 
klug  und  gescheit  und  wußte  sich  in  alles  wohl  zu 
schicken,  der  jüngste  aber  war  dumm,  konnte 
nichts  begreifen  und  lernen:  und  wenn  ihn  die 
Leute  sahen,  sprachen  sie:  mit  dem  wird  der  Va- 
ter noch  seine  Last  haben.  Wenn  nun  etwas  zu 
tun  war,  so  mußte  es  der  älteste  allzeit  ausrichten: 
hieß  ihn  aber  der  Vater  noch  spät  oder  gar  in  der 
Nacht  etwas  holen,  und  der  Weg  ging  dabei  über 
den  Kirchhof  oder  sonst  einen  schaurigen  Ort,  so  antwortete  er  wohl: 
»ach  nein,  Vater,  ich  gehe  nicht  dahin,  es  gruselt  mir!«  denn  er  fürch- 
tete sich.  Oder,  wenn  abends  beim  Feuer  Geschichten  erzählt  wur- 
den, wobei  einem  die  Haut  schaudert,  so  sprachen  die  Zuhörer 
manchmal:  »Ach,  es  gruselt  mir!«  Der  jüngste  saß  in  einer  Ecke  und 
hörte  das  mit  an  und  konnte  nicht  begreifen,  was  es  heißen  sollte. 
»Immer  sagen  sie,  es  gruselt  mir!  Es  gruselt  mir!  Mir  gruselt‘s  nicht: 
das  wird  wohl  eine  Kunst  sein,  von  der  ich  auch  nichts  verstehe.« 
Nun  geschah  es,  daß  der  Vater  einmal  zu  ihm  sprach:  »hör  du,  in  der 


211 


Brii/kr  Grimm 


Ecke  dort,  du  wirst  groß  und  stark,  du  mußt  auch  etwas  lernen,  womit 
du  dein  Brot  verdienst.  Siehst  du,  wie  dein  Bruder  sich  Mühe  gibt, 
aber  an  dir  ist  Hopfen  und  Malz  verloren.«  - »Ei,  Vater«,  antwortete 
er,  »ich  will  gerne  was  lernen;  ja,  wenn‘s  anginge,  so  möchte  ich  ler- 
nen, daß  mir‘s  gruselte;  davon  verstehe  ich  noch  gar  nichts.«  Der  älte- 
ste lachte,  als  er  das  hörte,  und  dachte  bei  sich:  »du  lieber  Gott,  was  ist 
mein  Bruder  ein  Dummbart,  aus  dem  wird  sein  Lebtag  nichts:  was 
ein  Häkchen  werden  will,  muß  sich  beizeiten  krümmen.«  Der  Vater 
seufzte  und  antwortete  ihm:  »das  Gruseln,  das  sollst  du  schon  lernen, 
aber  dein  Brot  wirst  du  damit  nicht  verdienen.« 

Bald  danach  kam  der  Küster  zum  Besuch  ins  Haus,  da  klagte  ihm  der 
Vater  seine  Not  und  erzählte,  wie  sein  jüngster  Sohn  in  allen  Dingen 
so  schlecht  beschlagen  wäre,  er  wüßte  nichts  und  lernte  nichts. 
»Denkt  Euch,  als  ich  ihn  fragte,  womit  er  sein  Brot  verdienen  wollte, 
hat  er  gar  verlangt,  das  Gruseln  zu  lernen.«  - «Wenn‘s  weiter  nichts 
ist«,  antwortete  der  Küster,  »das  kann  er  bei  mir  lernen;  tut  ihn  nur  zu 
mir,  ich  will  ihn  schon  abhobeln.«  Der  Vater  war  es  zufrieden,  weil  er 
dachte:  »der  Junge  wird  doch  ein  wenig  zugestutzt.«  Der  Küster 
nahm  ihn  also  ins  Haus,  und  er  mußte  die  Glocke  läuten.  Nach  ein 
paar  Tagen  weckte  er  ihn  um  Mitternacht,  hieß  ihn  aufstehen,  in  den 
Kirchturm  steigen  und  läuten.  »Du  sollst  schon  lernen,  was  Gruseln 
ist«,  dachte  er,  ging  heimlich  voraus,  und  als  der  Junge  oben  war  und 
sich  umdrehte  und  das  Glockenseil  fassen  wollte,  so  sah  er  auf  der 
Treppe,  dem  Schalloch  gegenüber,  eine  weiße  Gestalt  stehen.  »Wer 
da?«  rief  er,  aber  die  Gestalt  gab  keine  Antwort,  regte  und  bewegte 
sich  nicht.  »Gib  Antwort«,  rief  der  Junge,  »oder  mache,  daß  du  fort- 
kommst, du  hast  hier  in  der  Nacht  nichts  zu  schaffen.«  Der  Küster 
aber  blieb  unbeweglich  stehen,  damit  der  Junge  glauben  sollte,  es 
wäre  ein  Gespenst.  Der  Junge  rief  zum  zweitenmal:  »was  willst  du 
hier?  sprich,  wenn  du  ein  ehrlicher  Kerl  bist,  oder  ich  werfe  dich  die 
Treppe  hinab.«  Der  Küster  dachte:  »das  wird  so  schlimm  nicht  ge- 
meint sein«,  gab  keinen  Laut  von  sich  und  stand,  als  wenn  er  von 
Stein  wäre.  Da  rief  ihn  der  Junge  zum  drittenmale  an,  und  als  das 
auch  vergeblich  war,  nahm  er  einen  Anlauf  und  stieß  das  Gespenst 
die  Treppe  hinab,  daß  es  zehn  Stufen  hinabfiel  und  in  einer  Ecke  lie- 
gen blieb.  Darauf  läutete  er  die  Glocke,  ging  heim,  legte  sich,  ohne 
ein  Wort  zu  sagen,  ins  Bett  und  schlief  fort.  Die  Küsterfrau  wartete 
lange  Zeit  auf  ihren  Mann,  aber  er  wollte  nicht  wiederkommen.  Da 
ward  ihr  endlich  angst,  sie  weckte  den  Jungen  und  fragte:  »weißt  du 


212 


Märchen  eon  einem,  der  auszog,  das  Fürchten  zu  lernen 


nicht,  wo  mein  Mann  geblieben  ist?  er  ist  vor  dir  auf  den  Turm  gestie- 
gen.« - »Nein»,  antwortete  der  Junge,  »aber  da  hat  einer  dem  Schall- 
loch gegenüber  auf  der  Treppe  gestanden,  und  weil  er  keine  Antwort 
geben  und  auch  nicht  Weggehen  wollte,  so  habe  ich  ihn  für  einen 
Spitzbuben  gehalten  und  hinuntergestoßen.  Geht  nur  hin,  so  werdet 
Ihr  sehen,  ob  er‘s  gewesen  ist,  es  soUte  mir  leid  tun.«  Die  Frau  sprang 
fort  und  fand  ihren  Mann,  der  in  einer  Ecke  lag  und  jammerte  und 
ein  Bein  gebrochen  hatte. 

Sie  trug  ihn  herab  und  eilte  dann  mit  lautem  Geschrei  zu  dem  Vater 
des  Jungen.  »Euer  Junge«,  rief  sie,  »hat  ein  großes  Unglück  angerich- 
tet, meinen  Mann  hat  er  die  Treppe  hinabgeworfen,  daß  er  ein  Bein 
gebrochen  hat:  schafft  den  Taugenichts  aus  unserm  Hause.«  Der  Va- 
ter erschrak,  kam  herbcigelaufen  und  schalt  den  Jungen  aus.  »Was 
sind  das  für  gottlose  Streiche,  die  muß  dir  der  Böse  eingegeben  ha- 
ben.« - »Vater«,  antwortete  er,  »hört  nur  an,  ich  bin  ganz  unschuldig: 
er  stand  da  in  der  Nacht  wie  einer,  der  Böses  im  Sinne  hat.  Ich  wußte 
nicht,  wcr‘s  war,  und  habe  ihn  dreimal  ermahnt,  zu  reden  oder  weg- 
zugehen.« - »Ach«,  sprach  der  Vater,  »mit  dir  erleb*  ich  nur  Unglück, 
geh  mir  aus  den  Augen,  ich  will  dich  nicht  mehr  ansehen.«  - »Ja, 
Vater,  recht  gerne,  wartet  nur,  bis  Tag  ist,  da  will  ich  ausgehen  und  das 
Gruseln  lernen,  so  versteh*  ich  doch  eine  Kunst,  die  mich  ernähren 
kann.«  - »Lerne,  was  du  willst«,  sprach  der  Vater,  »mir  ist  alles  einer- 
lei. Da  hast  du  fünfzig  Taler,  damit  geh  in  die  weite  Welt  und  sage 
keinem  Menschen,  wo  du  her  bist,  und  wer  dein  Vater  ist;  denn  ich 
muß  mich  deiner  schämen.«  - »Ja,  Vater,  wie  Ihr‘s  haben  wollt,  wenn 
Ihr  nicht  mehr  verlangt,  das  kann  ich  leicht  in  acht  behalten.« 

Als  nun  der  Tag  anbrach,  steckte  der  Junge  seine  fünfzig  Taler  in  die 
Tasche,  ging  hinaus  auf  die  große  Landstraße  und  sprach  immer  vor 
sich  hin:  »wenn  mir‘s  nur  gruselte!  wenn  mir's  nur  gruselte!«  Da  kam 
ein  Mann  heran,  der  hörte  das  Gespräch,  das  der  Junge  mit  sich  sel- 
ber führte,  und  als  sie  ein  Stück  weiter  waren,  daß  man  den  Galgen 
sehen  konnte,  sagte  der  Mann  zu  ihm:  »siehst  du,  dort  ist  der  Baum, 
wo  siebene  mit  des  Seilers  Tochter  Hochzeit  gehalten  haben  und  jetzt 
das  Fliegen  lernen:  setz  dich  darunter  und  warte,  bis  die  Nacht 
kommt,  so  wirst  du  schon  das  Gruseln  lernen.«  - «Wenn  weiter  nichts 
dazu  gehört«,  antwortete  der  Junge,  »das  ist  leicht  getan;  lerne  ich 
aber  so  geschwind  das  Gruseln,  so  sollst  du  meine  fünfzig  Taler  ha- 
ben: komm  nur  morgen  früh  wieder  zu  mir.«  Da  ging  der  Junge  zu 
dem  Galgen,  setzte  sich  darunter  und  wartete,  bis  der  Abend  kam. 


213 


BrMer  Grimm 


Und  weil  ihn  fror,  machte  er  sich  ein  Feuer  an:  aber  um  Mitternacht 
ging  der  Wind  so  kalt,  daß  er  trotz  des  Feuers  nicht  warm  werden 
wollte.  Und  als  der  Wind  die  Gehenkten  gegeneinander  stieß,  daß  sie 
sich  hin  und  her  bewegten,  so  dachte  er:  »du  frierst  unten  bei  dem 
Feuer,  was  mögen  die  da  oben  erst  frieren  und  zappeln.«  Und  weil  er 
mitleidig  war,  legte  er  die  Leiter  an,  stieg  hinauf,  knüpfte  einen  nach 
dem  andern  los  und  holte  sie  alle  siebene  herab.  Darauf  schürte  er 
das  Feuer,  blies  es  an  und  setzte  sie  rings  herum,  daß  sie  sich  wärmen 
sollten.  Aber  sie  saßen  da  und  regten  sich  nicht,  und  das  Feuer  ergriff 
ihre  Kleider.  Da  sprach  er:  »nehmt  euch  in  acht,  sonst  häng“  ich  euch 
wieder  hinauf«  Die  Toten  aber  hörten  nicht,  schwiegen  und  ließen 
ihre  Lumpen  fort  brennen.  Da  ward  er  bös  und  sprach:  »wenn  ihr 
nicht  acht  geben  wollt,  so  kann  ich  euch  nicht  helfen,  ich  will  nicht  mit 
euch  verbrennen«,  und  hing  sie  nach  der  Reihe  wieder  hinauf  Nun 
setzte  er  sich  zu  seinem  Feuer  und  schhef  ein,  und  am  andern  Mor- 
gen, da  kam  der  Mann  zu  ihm,  wollte  die  fünfzig  Taler  haben  und 
sprach:  »nun,  weißt  du,  was  Gruseln  ist?«  — »Nein«,  antwortete  er, 
»woher  sollte  ich‘s  wissen?  die  da  droben  haben  das  Maul  nicht  aufge- 
tan und  waren  so  dumm,  daß  sie  die  paar  alten  Lappen,  die  sie  am 
Leibe  haben,  brennen  ließen.«  Da  sah  der  Mann,  daß  er  die  fünfzig 
Taler  heute  nicht  davontragen  würde,  ging  fort  und  sprach:  »so  einer 
ist  mir  noch  nicht  vorgekommen.« 

Der  Junge  ging  auch  seines  Weges  und  fing  wieder  an  vor  sich  hin  zu 
reden:  »ach,  wenn  mir‘s  nur  gruselte!  Ach,  wenn  mir  nur  gruselte!« 
Das  hörte  ein  Fuhrmann,  der  hinter  ihm  herschritt,  und  fragte:  »wer 
bist  du?«  “ »Ich  weiß  nicht«,  antwortete  der  Junge.  Der  Fuhrmann 
fragte  weiter:  „wo  bist  du  her?“  - „Ich  weiß  nicht.“  - »Wer  ist  dein 
Vater?«  - »Das  darf  ich  nicht  sagen.«  - »Was  brummst  du  beständig 
in  den  Bart  hinein?«  - »Ei«,  antwortete  der  Junge,  »ich  wollte,  daß 
mir‘s  gruselte,  aber  niemand  kann  mir‘s  lehren.«  - »Laß  dein  dum- 
mes Geschwätz«,  sprach  der  Fuhrmann,  »komm,  geh  mit  mir,  ich  will 
sehen,  daß  ich  dich  unterbringe.«  Der  Junge  ging  mit  dem  Fuhr- 
mann, und  abends  gelangten  sie  zu  einem  Wirtshaus,  wo  sie  über- 
nachten wollten.  Da  sprach  er  beim  Eintritt  in  die  Stube  wieder  ganz 
laut:  »wenn  mir‘s  nur  gruselte!  wenn  mir‘s  nur  gruselte!«  Der  Wirt, 
der  das  hörte,  lachte  und  sprach:  »wenn  dich  danach  lüstet,  dazu  soll- 
te hier  wohl  Gelegenheit  sein.«  - »Ach,  schweig  stille«,  sprach  die 
Wirtsfrau,  »so  mancher  Vorwitzige  hat  schon  sein  Leben  eingebüßt, 
es  wäre  Jammer  und  Schade  um  die  schönen  Augen,  wenn  die  das 


214 


Märchen  von  einem,  der  auszog,  das  Fürchten  zu  lernen 


Tageslicht  nicht  wieder  sehen  sollten.«  Der  Junge  aber  sagte:  »wenn‘s 
noch  so  schwer  wäre,  ich  will's  einmal  lernen,  deshalb  bin  ich  ja 
ausgezogen.«  Er  ließ  dem  Wirt  auch  keine  Ruhe,  bis  dieser  erzählte, 
nicht  weit  davon  stände  ein  verwünschtes  Schloß,  wo  einer  wohl  ler- 
nen könnte,  was  Gruseln  wäre,  wenn  er  nur  drei  Nächte  darin  wa- 
chen wollte.  Der  König  hätte  dem,  der's  wagen  wollte,  seine  Tochter 
zur  Frau  versprochen,  und  die  wäre  die  schönste  Jungfrau,  welche  die 
Sonne  beschien;  in  dem  Schlosse  steckten  auch  große  Schätze,  von 
bösen  Geistern  bewacht,  die  würden  dann  frei  und  könnten  einen 
Armen  reich  genug  machen.  Schon  viele  wären  wohl  hinein,  aber 
noch  keiner  wieder  herausgekommen.  Da  ging  der  Junge  am  andern 
Morgen  vor  den  König  und  sprach:  »wenn‘s  erlaubt  wäre,  so  wollte 
ich  wohl  drei  Nächte  in  dem  verwünschten  Schlosse  wachen.«  Der 
König  sah  ihn  an,  und  weil  er  ihm  gefiel,  sprach  er:  »du  darfst  dir 
noch  dreierlei  ausbitten,  aber  es  müssen  leblose  Dinge  sein,  und  das 
darfst  du  mit  ins  Schloß  nehmen.«  Da  antwortete  er:  »so  bitt‘  ich  um 
ein  Feuer,  eine  Drehbank  und  eine  Schnitzbank  mit  dem  Messer.« 
Der  König  ließ  ihm  das  alles  bei  Tage  in  das  Schloß  tragen.  Als  es 
Nacht  werden  wollte,  ging  der  Junge  hinauf,  machte  sich  in  einer 
Kammer  ein  helles  Feuer  an,  stellte  die  Schnitzbank  mit  dem  Messer 
daneben  und  setzte  sich  auf  die  Drehbank.  »Ach,  wenn  mir's  nur 
gruselte!«  sprach  er,  »aber  hier  werde  ich's  auch  nicht  lernen.«  Gegen 
Mitternacht  wollte  er  sich  sein  Feuer  einmal  aufschüren:  wie  er  so 
hineinblies,  da  schric‘s  plötzlich  aus  einer  Ecke:  »au,  miau!  was  uns 
friert!«  - »Ihr  Narren«,  rief  er,  »was  schreit  ihr?  wenn  euch  friert, 
kommt,  setzt  euch  ans  Feuer  und  wärmt  euch.«  Und  wie  er  das  gesagt 
hatte,  kamen  zwei  große  schwarze  Katzen  in  einem  gewaltigen 
Sprunge  herbei,  setzten  sich  ihm  zu  beiden  Seiten  und  sahen  ihn  mit 
ihren  feurigen  Augen  ganz  wild  an.  Über  ein  Weilchen,  als  sie  sich 
gewärmt  hatten,  sprachen  sie:  »Kamerad,  wollen  wir  eins  in  der  Kar- 
te spielen?«  - »Warum  nicht?«  antwortete  er,  »aber  zeigt  einmal  eure 
Pfoten  her.«  Da  streckten  sic  die  Krallen  aus.  »Ei«,  sagte  er,  »was  habt 
ihr  lange  Nägel!  wartet,  die  muß  ich  euch  erst  abschneiden.«  Damit 
packte  er  sie  beim  Kragen,  hob  sie  auf  die  Schnitzbank  und  schraub- 
te ihnen  die  Pfoten  fest.  »Euch  habe  ich  auf  die  Finger  gesehen«, 
sprach  er,  »da  vergeht  mir  die  Lust  zum  Kartenspiel«,  schlug  sie  tot 
und  warf  sie  hinaus  ins  Wasser.  Als  er  aber  die  zwei  zur  Ruhe  ge- 
bracht hatte  und  sich  wieder  zu  seinem  Feuer  setzen  wollte,  da  kamen 
aus  allen  Ecken  und  Enden  schwarze  Katzen  und  schwarze  Hunde 


215 


Brüder  Grimm 


an  glühenden  Ketten,  immer  mehr  und  mehr,  daß  er  sich  nicht  mehr 
bergen  konnte:  die  schrieen  greulich,  traten  ihm  auf  sein  Feuer,  zerr- 
ten es  auseinander  und  wollten  es  ausmachen.  Das  sah  er  ein  Weil- 
chen ruhig  mit  an,  als  es  ihm  aber  zu  arg  ward,  faßte  er  sein  Schnitz- 
messer und  rief:  »fort  mit  dir,  du  Gesindel«,  und  haute  auf  sie  los.  Ein 
Teil  sprang  weg,  die  andern  schlug  er  tot  und  warf  sie  hinaus  in  den 
Teich.  Als  er  wiedergekommen  war,  blies  er  aus  den  Funken  sein  Feu- 
er frisch  an  und  wärmte  sich.  Und  als  er  so  saß,  wollten  ihm  die  Au- 
gen nicht  länger  offen  bleiben,  und  er  bekam  Lust  zu  schlafen.  Da 
blickte  er  um  sich  und  sah  in  der  Ecke  ein  großes  Bett;  »das  ist  mir 
eben  recht«,  sprach  er  und  legte  sich  hinein.  Als  er  aber  die  Augen 
Zutun  wollte,  so  fing  das  Bett  von  selbst  an  zu  fahren  und  fuhr  im 
ganzen  Schloß  herum.  »Recht  so«,  sprach  er,  »nur  besser  zu.«  Da 
rollte  das  Bett  fort,  als  wären  sechs  Pferde  vorgespannt,  über  Schwel- 
len und  Treppen  auf  und  ab:  auf  einmal  hopp  hopp!  warf  es  um,  das 
Unterste  zu  oberst,  daß  es  wie  ein  Berg  auf  ihm  lag.  Aber  er  schleu- 
derte Decken  und  Kissen  in  die  Höhe,  stieg  heraus  und  sagte:  »nun 
mag  fahren,  wer  Lust  hat«,  legte  sich  an  sein  Feuer  und  schlief,  bis  es 
Tag  war.  Am  Morgen  kam  der  König,  und  als  er  ihn  da  auf  der  Erde 
liegen  sah,  meinte  er,  die  Gespenster  hätten  ihn  umgebracht,  und  er 
wäre  tot.  Da  sprach  er:  »es  ist  doch  schade  um  den  schönen  Men- 
schen.« Das  hörte  der  Junge,  richtete  sich  auf  und  sprach:  »so  weit 
ist‘s  noch  nicht!«  Da  verwunderte  sich  der  König,  freute  sich  aber  und 
fragte,  wie  es  ihm  gegangen  wäre.  »Recht  gut«,  antwortete  er,  »eine 
Nacht  wäre  herum,  die  zwei  andern  werden  auch  herumgehen.«  Als 
er  zum  Wirt  kam,  da  machte  der  große  Augen.  »Ich  dachte  nicht«, 
sprach  er,  »daß  ich  dich  wieder  lebendig  sehen  würde;  hast  du  nun 
gelernt,  was  Gruseln  ist?«  - »Nein«,  sagte  er,  »es  ist  alles  vergeblich: 
wenn  mir‘s  nur  einer  sagen  könnte!« 

Die  zweite  Nacht  ging  er  abermals  hinauf  ins  alte  Schloß,  setzte  sich 
zum  Feuer  und  fing  sein  altes  Lied  wieder  an:  »wenn  mir's  nur  grusel- 
te!« Wie  Mitternacht  herankam,  ließ  sich  ein  Lärm  und  Gepolter  hö- 
ren, erst  sachte,  dann  immer  stärker,  dann  war's  ein  bißchen  still,  end- 
lich kam  mit  lautem  Geschrei  ein  halber  Mensch  den  Schornstein 
herab  und  fiel  vor  ihn  hin.  »Heda!«  rief  er,  »noch  ein  halber  gehört 
dazu,  das  ist  zuwenig.«  Da  ging  der  Lärm  von  frischem  an,  es  tobte 
und  heulte,  und  fiel  die  andere  Hälfte  auch  herab.  »Wart«,  sprach  er, 
»ich  will  dir  erst  das  Feuer  ein  wenig  anblasen.«  Wie  er  das  getan  hatte 
und  sich  wieder  umsah,  da  waren  die  beiden  Stücke  zusam- 


216 


Märchen  von  einem,  der  auszog,  das  Fürchten  zu  lernen 


mengefahren,  und  saß  da  ein  greulicher  Mann  auf  seinem  Platz.  »So 
haben  wir  nicht  gewettet«,  sprach  der  Junge,  »die  Bank  ist  mein.« 
Der  Mann  wollte  ihn  wegdrängen,  aber  der  Junge  ließ  sich‘s  nicht 
gefallen,  schob  ihn  mit  Gewalt  weg  und  setzte  sich  wieder  auf  seinen 
Platz.  Da  fielen  noch  mehr  Männer  herab,  einer  nach  dem  andern, 
die  holten  neun  Totenbeine  und  zwei  Totenköpfe,  setzten  auf  und 
spielten  Kegel.  Der  Junge  bekam  auch  Lust  und  fragte:  »hört  ihr, 
kann  ich  mit  sein?«  - >Ja,  wenn  du  Geld  hast.«  - »Geld  genug«,  ant- 
wortete er,  »aber  eure  Kugeln  sind  nicht  recht  rund.«  Da  nahm  er  die 
Totenköpfe,  setzte  sie  in  die  Drehbank  und  drehte  sie  rund.  »So,  jetzt 
werden  sie  besser  schüppeln«,  sprach  er,  »heida!  nun  geht‘s  lustig!«  Er 
spielte  mit  und  verlor  etwas  von  seinem  Geld,  als  es  aber  zwölf  Uhr 
schlug,  war  alles  vor  seinen  Augen  verschwunden.  Er  legte  sich  nieder 
und  schlief  ruhig  ein.  Am  andern  Morgen  kam  der  König  und  wollte 
sich  erkundigen.  »Wie  ist  dir‘s  diesmal  gegangen?«  fragte  er.  - »Ich 
habe  gekegelt«,  antwortete  er,  »und  ein  paar  Heller  verloren.«  - »Hat 
dir  denn  nicht  gegruselt?«  - »Ei  was«,  sprach  er,  »lustig  hab‘  ich  mich 
gemacht.  Wenn  ich  nur  wüßte,  was  Gruseln  wäre!« 

In  der  dritten  Nacht  setzte  er  sich  wieder  auf  seine  Bank  und  sprach 
ganz  verdrießlich;  »wenn  es  mir  nur  gruselte!«  Als  es  spät  ward,  ka- 
men sechs  große  Männer  und  brachten  eine  Totenlade  hereingetra- 
gen. Da  sprach  er:  »ha,  ha,  das  ist  gewiß  mein  Vetterchen,  das  erst  vor 
ein  paar  Tagen  gestorben  ist«,  winkte  mit  dem  Finger  und  rief: 
»komm,  Vetterchen,  komm!«  Sie  stellten  den  Sarg  auf  die  Erde,  er 
aber  ging  hinzu  und  nahm  den  Deckel  ab:  da  lag  ein  toter  Mann 
darin.  Er  fühlte  ihm  ans  Gesicht,  aber  es  war  kalt  wie  Eis.  »Wart«, 
sprach  er,  »ich  will  dich  ein  bißchen  wärmen«,  ging  ans  Feuer,  wärm- 
te seine  Hand  und  legte  sie  ihm  aufs  Gesicht,  aber  der  Tote  blieb 
kalt. 

Nun  nahm  er  ihn  heraus,  setzte  sich  ans  Feuer  und  legte  ihn  auf  sei- 
nen Schoß  und  rieb  ihm  die  Arme,  damit  das  Blut  wieder  in  Be- 
wegung kommen  sollte.  Als  auch  das  nichts  helfen  wollte,  fiel  ihm  ein: 
»wenn  zwei  zusammen  im  Bett  liegen,  so  wärmen  sie  sich«,  brachte 
ihn  ins  Bett,  deckte  ihn  zu  und  legte  sich  neben  ihn.  Über  ein  Weil- 
chen ward  auch  der  Tote  warm  und  fing  an  sich  zu  regen.  Da  sprach 
der  Junge:  »siehst  du,  Vetterchen,  hätt‘  ich  dich  nicht  gewärmt!«  Der 
Tote  aber  hub  an  und  rief:  »jetzt  will  ich  dich  erwürgen.«  - »Was«, 
sagte  er,  »ist  das  dein  Dank?  Gleich  sollst  du  wieder  in  deinen  Sarg«, 
hub  ihn  auf,  warf  ihn  hinein  und  machte  den  Deckel  zu;  da  kamen 


217 


Brüder  Grimm 


die  sechs  Männer  und  trugen  ihn  wieder  fort.  »Es  will  mir  nicht  gru- 
seln«, sagte  er,  »hier  lerne  ich‘s  mein  Lebtag  nicht.« 

Da  trat  ein  Mann  herein,  der  war  größer  als  alle  andere  und  sah 
fürchterlich  aus;  er  war  aber  alt  und  hatte  einen  langen  weißen  Bart. 
»O  du  Wicht«,  rief  er,  »nun  sollst  du  bald  lernen,  was  Gruseln  ist; 
denn  du  sollst  sterben.«  - »Nicht  so  schnell«,  antwortete  der  Junge, 
»soll  ich  sterben,  so  muß  ich  auch  dabei  sein.«  - »Dich  will  ich  schon 
packen«,  sprach  der  Unhold.  - »Sachte,  sachte,  mach  dich  nicht  so 
breit;  so  stark  wie  du  bin  ich  auch  und  wohl  noch  stärker.«  - »Das 
wollen  wir  sehn«,  sprach  der  Alte,  »bist  du  stärker  als  ich,  so  will  ich 
dich  gehn  lassen;  komm,  wir  wollen's  versuchen.«  Da  führte  er  ihn 
durch  dunkle  Gänge  zu  einem  Schmiedefeuer,  nahm  eine  Axt  und 
schlug  den  einen  Amboß  mit  einem  Schlag  in  die  Erde.  »Das  kann  ich 
noch  besser«,  sprach  der  Junge  und  ging  zu  dem  andern  Amboß:  der 
Alte  stellte  sich  neben  hin  und  wollte  Zusehen,  und  sein  weißer  Bart 
hing  herab.  Da  faßte  derjunge  die  Axt,  spaltete  den  Amboß  auf  einen 
Hieb  und  klemmte  den  Bart  des  Alten  mit  hinein. 

»Nun  hab‘  ich  dich«,  sprach  derjunge,  »jetzt  ist  das  Sterben  an  dir.« 
Dann  faßte  er  eine  Eisenstange  und  schlug  auf  den  Alten  los,  bis  er 
wimmerte  und  bat,  er  möchte  aufhören,  er  wollte  ihm  große  Reichtü- 
mer  geben.  Der  Junge  zog  die  Axt  raus  und  ließ  ihn  los.  Der  Alte 
führte  ihn  wieder  ins  Schloß  zurück  und  zeigte  ihm  in  einem  Keller 
drei  Kasten  voll  Gold.  »Davon«,  sprach  er,  »ist  ein  Teil  den  Armen, 
der  andere  dem  König,  der  dritte  dein.«  Indem  schlug  es  zwölfe,  und 
der  Geist  verschwand,  also  daß  derjunge  im  Finstern  stand.  »Ich  wer- 
de mir  doch  heraushelfen  können«,  sprach  er,  tappte  herum,  fand  den 
Weg  in  die  Kammer  und  schlief  dort  bei  seinem  Feuer  ein.  Am  an- 
dern Morgen  kam  der  König  und  sagte:  »nun  wirst  du  gelernt  haben, 
was  Gruseln  ist?«  — »Nein«,  antwortete  er,  »was  ist‘s  nur?  Mein  toter 
Vetter  war  da,  und  ein  bärtiger  Mann  ist  gekommen,  der  hat  mir  da 
unten  viel  Geld  gezeigt,  aber  was  Gruseln  ist,  hat  mir  keiner  gesagt.« 
Da  sprach  der  König:  »du  hast  das  Schloß  erlöst  und  sollst  meine 
Tochter  heiraten.«  ~ »Das  ist  all  recht  gut«,  antwortete  er,  »aber  ich 
weiß  noch  immer  nicht,  was  Gruseln  ist.« 

Da  ward  das  Gold  heraufgebracht  und  die  Hochzeit  gefeiert,  aber  der 
junge  König,  so  lieb  er  seine  Gemahlin  hatte  und  so  vernügt  er  war, 
sagte  doch  immer:  »wenn  mir  nur  gruselte,  wenn  mir  nur  gruselte.« 
Das  verdroß  sie  endlich.  Ihr  Kammermädchen  sprach:  »ich  will  Hilfe 
schaffen,  das  Gruseln  soll  er  schon  lernen.«  Sie  ging  hinaus  zum 


218 


Kommentar 


Bach,  der  durch  den  Garten  floß,  und  ließ  sich  einen  ganzen  Eimer 
voll  Gründlinge  holen.  Nachts,  als  der  junge  König  schlief,  mußte  sei- 
ne Gemahlin  ihm  die  Decke  wegziehen  und  den  Eimer  voll  kalt  Was- 
ser mit  den  Gründlingen  über  ihn  herschütten,  daß  die  kleinen  Fische 
um  ihn  herum  zappelten.  Da  wachte  er  auf  und  rief:  »ach,  was  gruselt 
mir,  was  gruselt  mir,  liebe  Frau!  Ja,  nun  weiß  ich,  was  Gruseln  ist.« 


Kommentar 

Das  Märchen  der  Brüder  Grimm  »Von  einem,  der  aus  zog,  das 
Fürchten  zu  lernen«  schildert  genau  das  Gegenteil  einer  Angststö- 
rung bziv.  einer  durch  Angststörung  geplagten  Persönlichkeit  bzw. 
einer  ängstlichen  Persönlichkeitsstörung.  Der  naive  und  in  seinem 
Denken  einfach  strukturierte  Protagonist  wird  als  jemand  dargestellt,  der  keinerlei 
Angst  vor  etwas  empfindet,  der  nie  das  »Gruseln«  erlebt  hat.  Er  wird  von  seinem 
Vater  in  die  Welt  geschickt,  um  sich  zu  bewähren,  um  das  »Gruseln«  kennen  zu 
lernen.  Der  Protagonist  geht  in  viele,  bei  anderen  Menschen  angstauslösende  Situa- 
tionen hinein.  Es  kommt  zu  leichten  und  schwierigen  Bewährungsproben,  die  er 
besteht.  Er  kann  so  schließlich  eine  Königstochter  als  seine  Frau  gewinnen.  Weil  er 
so  unängstlich  ist,  gelingt  es  ihm,  diejeweiligen  an  ihn  herangetragenen  Aufgaben  in 
einer  Jur  alle  anderen  Beteiligten  nicht  erwarteten  Weise  zu  lösen.  Natürlich  hätte 
die  ganze  Geschichte  auch  schlimm  ausgehen  können,  denn  Angst  und  Furcht  ist 
entwicklungsgesckichtlich  betrachtet  ein  sehr  sinnvolles  Verhaltensmuster,  das  den 
Menschen  schützt  vor  bedrohlichen  Wesen/ Situationen.  Ein  völlig  unängstlicher 
Mensch  kann  in  Situationen  kommen,  dk  er  nkht  mehr  bewältigen  kann  und  die 
für  ihn  lebensbedrohlich  sind.  In  dem  hier  abgedruckten  Märchen  wird  diese  Alter- 
native nicht  dargestellt.  Der  Bezug  zu  dm  phobischen  Störungen  bzw.  Angststörun- 
gen ergibt  sich  im  Schlusstdl  des  Märchens,  wmn  es  den  Protagonisten  erstmals 
gruselt,  als  ihm  die  Königstochter  Fische  in  sein  Bett  schüttet.  In  dieser  Situation 
reagiert  er  ojfmsichtlich  phobisch  auf  Lebewesm,  die  an  skh  keine  Gefahr  bedeu- 
ten, die  aber  wegen  ihrer  Kälte,  Feuchtigkeit,  Schleimigkeit  und  fappeligkeit  doch 
bei  vielen  Menschen  unangenehme  Gefühle  hervorrufm. 


219 


Armin  Ayren 


Buhl  oder  Der  Konjunktiv 

aus:  Armin  Ayren.  Buhl  oder  Der  Konjunktiv. 

© 1982  by  Armin  jfyren.  Wunderlich,  Tübingen 


Einführung 

Der  Schriftsteller  und  Literaturkritiker  Armin  Ayren  (Jahrgang 
1934),  der  viele  Jahre  als  Lehrer  und  Hochschuldozent  (Aix-en- 
Provence,  Toulouse,  Mailand,  (Nizza)  tätig  war,  wurde  nicht  zu- 
letzt vom  allenthalben  umfassend  zu  beklagenden  Verfall  des  kor- 
rekten Gebrauchs  des  Konjunktivs  zu  seinem  Roman  »Buhl  oder  Der  Konjunktiv« 
(1982)  angeregt:  Ein  Mann  fahrt  an  den  Izigo  Maggiore,  um  dort  einen  Roman 
zu  schreiben.  Ein  Bekannter  namens  Buhl,  der  Ex-Mann  seiner  Erau  Else,  hat 
ihm  einen  Turm  oberhalb  von  Cannobio  zur  Verfügung  gestellt.  Buhl  selbst  ist 
verschwunden,  hat  aber  auf  dem  Schreibtisch  Hefte  zurückgelassen,  die  wiederum 
von  einem  Studienrat  namens  Mürzig  erzählen,  der  mit  seinen  Schülern  exzessiv 
den  Konjunktiv  durchnimmt,  was  ihm  zunächst  Schwierigkeiten  mit  seinem  Vorge- 
setzten einträgt.  Immer  mehr  verbeißt  sich  dieser  Mürzig  in  die  Probleme  des  Kon- 
junktivs, der für  ihn  längst  nicht  mehr  nur  eine  grammatische  Form  ist,  sondern  zur 
fundamentalistischen  Lebensphilosophie  und  omnipotenten  Weltanschauung  wird. 
Mürzigfindet  aus  dem  Korijunktw  nicht  mehr  hinaus.  Kortjunktiv  I und  Konjunktiv 
II  werden  ihm  zum  alles  beherrschenden  fwang,  denn  Sprache  und  Existenz  sind 
ihm  eins:  der  Konjunktiv  als  die  Möglichkeit,  das  Leben  nicht  nur  von  indikativi- 
schen Realitäten  beherrscht  zu  erfahren.  In  der  Zwanghaftigkeit  wird fir  Mürzig 
der  Konjunktiv  jedoch  auch  zur  Versuchung,  formale  Fragen  bis  ins  Aberwitzige, 
Absurd-Groteske  hinein  zu  steigern. 

Es  gibt  kaum  einen  Roman  der  zeitgenössischen  Literatur,  in  dem  Sprachkritik, 
Linguistik,  Sprachphilosophie  und  unterhaltsam-spannendes  Erzählen  auf  derart 
virtuose  Weise  verknüpft  sind.  Der  über  den  Abenteuerroman  promovierte  Germa- 
nist und  Romanist  Ayren  ist  eine  der  wenigen  sprachwissenschcrftlichen  Autoritäten 
auf  dem  Gebiet  des  Konjunktivs. 

Weiterführende  Literatur: 

Armin  Agren:  Uber  den  Konjunktiv.  Isek  1992 


220 


Buhl  oder  Der  Koryunktio 


Buhl  oder  Der  Konjunktiv 

Mürzig  will  nicht  mehr  nur  die  Leute  zum  richti- 
gen Sprechen  bringen,  er  will  die  Sprache  selbst 
dorthin  bringen,  wohin  sie,  wie  er  findet,  gehört, 
Mürzig  haßt  die  schwachen  Verben. 

Aber  er  gibt  diesem  Haß  nicht  einfach  nach,  er 
läßt  ihn  nur  langsam  in  sich  wachsen,  er  sucht 
sich  Gründe  dafür.  Ein  Grund  ist,  daß  manche 
schwachen  Verben  stark  und  die  starken  dafür 
schwach  sind.  Stehen,  sitzen,  liegen,  diese  Verben  drücken  einen  Zustand 
aus,  Passivität,  mithin  Schwächen;  stellen,  setzen,  legen  dagegen  eine 
Handlung,  also  etwas  Aktives,  Starkes.  Ebenso  ist  es  bei  anderen  Dop- 
pelverben, bei  hängen  und  bangen,  bei  stecken  und  erschrecken.  Er  erschreckte 
ist  schwach  und  müßte  stark  sein,  er  erschrak  ist  stark  und  müßte 
schwach  sein. 

Aber  da  kann  man  nicht  mehr  viel  machen.  Das  ist  so  widersinnig  wie 
der  männliche  Löffel  und  die  weibliche  Gabel.  Seht  sie  euch  doch  an! 
eifert  Mürzig  und  streckt  der  Klasse  sein  mitgebrachtes  Besteck  ent- 
gegen, seht  euch  diese  Formen  an! 

In  Buhls  ersten  Kapiteln  hat  sich  Mürzig  darauf  beschränkt,  für  die 
aussterbenden  alten  Konjunktiv  II-Formen  zu  kämpfen,  büke,  schlüge, 
mölke,  stürbe,  vor  allem  für  die  «-Formen,  wo  es  auch  die  mit  ä gibt:  er 
stünde  ist  tausendmal  schöner  als  er  stände,  und  wer  dafür  er  würde  stehen 
sagt,  gehört  an  einen  Pranger  mit  einem  riesigen  Schild:  Ich  Sprachver- 
hunzer 

Jetzt  geht  Mürzig  weiter.  Er  beginnt  beim  Sprechen  darauf  zu  achten, 
daß  er  keine  schwachen  Verben  in  der  Vergangenheit  mehr  verwen- 
det. Dieses  kraftlose  Zeug  bleibt  ihm  im  Halse  stecken:  er  rechnete,  er 
wedelte,  er  wendete,  redete,  wechselte,  werkelte,  tätschelte.  Leerlauf,  Langeweile. 
Auf  die  Miste  damit.  Aber  selbst  die  zweisilbigen  schwachen  Verben 
läßt  Mürzig  nicht  mehr  gelten.  Er  holte,  sparte,  nannte: 
warum  nicht  er  hal,  .spur,  nann? 

Mürzig  legt  sich  Listen  an. 

Fragen,  frug;  tragen,  trug;  sagen,  sug;  plagen,  plug; 
backen,  buk;  hacken,  huk; 
bieten,  bot;  mieten,  mot; 

die  Konjunktivformen  heißen  dann  süge,  plüge,  hüke,  möte.  Das  muß  nur 


221 


Armin  Ayren 


ganz  konsequent  durchgeführt  werden,  dann  wird  die  Sprache  wie- 
der kräftig  und  schön. 

Leiden,  litt;  weiden,  witt;  oder  meiden,  mied;  weiden,  wied.  Schwellen,  schwoll; 
bellen,  boll.  Hüke  der  Bauer  das  Feld,  wüchse  dort  mehr,  und  die  Kuh 
witte  dort  lieber.  Dazu  bölle  der  Hund. 

Aber  Mürzig  begnügt  sich  nicht  mit  Analogiebildungen.  Weg  mit  al- 
len schwachen  Verben.  Mürzig  macht  sie  stark.  Reizen,  ritz;  heizen,  hitz; 
spreizen,  spritz-  Er  rötze,  h'ötze,  Sprötze.  Blitzen,  blotz,  geblotzen;  schwitzen, 
schwotz,  geschwotzen,  ebenso  gehen  erhitzen,  flitzm,  stibitzen,  ritzen  und  so 
weiter.  Verschränken,  verschränk,  verschränke;  verwehren,  verwohr,  verwahre; 
sperren,  sporr,  spörre.  Oder  so:  stützen,  stauz,  stäuze;  nützen,  nauz,  nuuze.  Die 
Fremdwörter  sind  besonders  häßlich,  die  deutscht  Mürzig  ein.  Frieren, 
fior,  fröre,  demnach  auch  integrieren,  integrer,  integröre.  Annulöre  jemand 
diese  Neuerungen,  er  pervertöre  die  Kraft  der  zu  sich  selbst  gebrun- 
genen  Sprache.  So  einen,  denkt  Mürzig,  spörre  ich  ins  Gefängnis,  der 
hätte  uns  geschwochen. 

Hier  hält  Buhl  inne.  Mürzig  sperrt  niemand  ein,  er  wird  höchstens 
selbst  eingesperrt,  ins  Irrenhaus.  Buhl  rettet  ihn,  er  schickt  ihn  fort, 
Mürzig  wandert  aus  und  gründet  eine  Konjunktiv-Republik,  ein 
Land  weit  droben  im  Gebirg,  noch  unentdeckt,  noch  auf  keiner  Kar- 
te verzeichnet,  Mürzig-Land.  Mürzig  wird  dort  Alleinherrscher  sein, 
wird  das  Land  bevölkern,  wird  alle  Kinder,  die  dort  aufwachsen,  in 
der  neuen  Sprache  erziehen;  das  werden  glückliche  Kinder  sein  und 
ihre  Sprache  die  reine  Musik. 

Kommentar 

Die  Zwangsstörung  wird  geprägt  durch  Zwangsgedanken,  Zwangs- 
befiirchtungen,  Zwangshandlungen.  Als  Zwänge  bezeichnet  man 
Inhalt  oder  Handlungen,  die  sich  immer  wieder  aufdrängen,  vom 
Kranken  als  irrational  erkannt  werden,  aber  nicht  unterdrückt  wer- 
den können.  Sie  werden  vom  Patienten  als  ihm  zugehörig  empfunden,  sind  also 
nicht  wie  bei  äner  Psychose  von  außen  gemacht.  Beim  Versuch  sie  zu  unterdrücken, 
kommt  es  meist  zu  unerträglicher  Angst  und  Spannung.  Der  Kranke  fühlt  sich  sei- 
nen Zwängen  in  quälender  Weise  ausgeliefert.  Die  Zwänge  beanspruchen  oft  einen 
Großteil  seiner  Tageszeit. 

Bei  der  Geschichte  von  Armin  Ayren  »Buhl  oder  Der  Konjunktiv«  handelt  es  sich 
wahrscheinlich  nicht  um  eine  Zwangsstörung  im  eben  dargestellten  Sinne.  Zwar 


222 


KomrmnUiT 


kommt  es  zu  zwangsartig  anmutenden  Umgangsweisen  mit  der  Sprache,  es  fehlen 
aber  Hinweise  darauf  dass  diese  Verhaltensweisen  vom  Protagonisten  als  irratio- 
nal erkannt  werden.  Ganz  im  Gegenteil,  er findet  seine  Sichtweise  der  Spache,  die 
er  mit  Engagement  und  Nachdruck  vermitteln  möchte,  und  als  eine  Art  imchtige 
Lebensaufgabe  eines  von  seiner  erzieherischen  Aufgabe  begeisterten  Lehrers;  einer 
Art  Berufung. 

Insgesamt  scheint  es  sich  bei  dem  Protagonisten  eher  um  eine  akzentuierte,  kauzige 
Persönlichkeit  zu  handeln,  die  vielleicht  zjwanghafle  Persönlichkeitszüge  hat  und 
überwertige  Ideen  bezüglich  seiner  beruflichen  Aufgaben  im  Hinblick  auf  die  deut- 
sche Sprache.  Eine  Zwangsstörung  im  oben  diskutierten  Sinne  liegt  nicht  vor. 


Ernst  Weiß 


Der  Augenzeuge 

aus:  Ernst  Weiß.  Der  Augenzeuge. 

© 1982  by  Suhrkamp  Verlag,  Franl^rt  am  Main 


Einführung 


Der  Lyriker,  Dramatiker  und  Romancier  Ernst  Weiß  (1882  bis 
1940)  ist  einer  der  wichtigsten  Repräsentanten  der  pragerdeut- 
Literatur.  Vier  Jahre  nach  der  Geburt  stirbt  der  Vater.  Dieser 
^ Verlust  wird  eines  der  zentralen  Motive  des  späteren  literarischen 
Werks.  Ernst  Weiß  studierte  Medizin  in  Prag  und  Wien,  hörte  zeitweilig  bei 
Freud,  arbeitete  als  Chirurg  in  Bern,  Berlin  und  Wien  unter  Prof.  Julius  Schnitz- 
ler, einem  Bruder  des  Arztes  und  Schrftstellers  Arthur  Schnitzler  (1862-1931). 
Jur  Ausheilung  einer  Lungentuberkulose  fuhr  der  Freund  Franz  Kafkas  1913  als 
Schiffsarzt  nach  Indien  und  Japan. 

Pf  ach  Erscheinen  seines  ersten  Romans  »Die  Galeere«  (1913),  der  Geschichte  eines 
Röntgenologen  und  Strahlenphysikers,  erlebte  Weiß  den  Ersten  Weltkrieg  als  Regi- 
mentsarzt an  der  Ostfront  und  wurde  mit  der  Tapferkeitsmedaille  ausgezeichnet. 
Danach  arbeitete  er  als  Chirurg  an  einem  Prager  Krankenhaus  und  übersiedelte 
1921  nach  Berlin. 


Es  folgten  literarisch  produktive  und  effolgreiche  Jahre.  So  erschien  1931  der  Ro- 
man »Georg  Letham,  Arzt  und  Mörder«  (Dtham  ist  ein  Anagramm  von  Hamlet). 
Nach  dem  Reichstagsbrand  1933  reiste  Weiß  nach  Prag  und  pflegte  dort  seine 
sterbenskranke  Mutter  bis  zu  deren  Tod  1934.  Eigenen  Angaben  zufolge  ist  diese 
Jeit  mit  einer  schweren  Depression  verbunden.  1934  emigrierte  der  Autor  nach 
Paris.  Der  Roman  »Der  Gefdngnisarzt  oder  Die  Vaterlosen«  erschien. 

Literarisch  war  Weiß  vor  allem  mit  Thomas  Mann  und  Stefan  Jweig  verbunden. 
Juletzt  arbeitete  er  an  seinem  Roman  »Der  Augenzeuge«.  In  einer fiktiven  Autobio- 
graphie erzählt  der  namenlos  bleibende  süddeutsche  Psychiater  seine  Lebensge- 
schichte von  der  Jahrhundertwende  bis  zur  Jeit  des  Spanischen  Bürgerkriegs.  Einer 
seiner  Patienten  wird  der  kriegsblinde  Gefreite  A.  H.  Hinter  dieser  Abkürzung 
verbirgt  sich  zwe  fellos  Adolf  Hitler,  dessen  ihn  einst  behandelnder  Psychiater  Prof. 
Edmund  Förster  dem  Arzt  Ernst  Weiß  seine  eigenen  Aufzeichnungen  zu  Hitler  in 
Paris  zugespielt  hatte,  ehe  er  1933  von  der  Ge.stapo  zum  Selbstmord  gezwungen 


224 


Der  Augenzeuge 


wurde.  Im  Zentrum  des  Romans  »Der  Augenzeuge«  steht  ein  Ereignis:  Ein  Psy- 
chiater heilt  durch  Hypnose  und  Auto.suggestion  im  Lazarett  zu  P.  anno  1918  den 
Patienten  A.  H.  von  einer  eingebildeten  hysterischen  Blindheit.  Von  seinen  politi- 
schen Vorstellungen  und  von  seinem  Hass  kann  der  Arzt  seinen  Patienten  nicht 
befreien.  Indem  er  ihm  aber  sein  Selbstvertrauen  zurückgibt,  wird  er  - aus  seiner 
eigenen  Sicht  - mitverantwortlich  an  dessen  fiirchtbarer  Karriere.  So  jedenfalls  in- 
terpretiert es  dieser  Arzt.  Und  dies  ist  der  Grund  seines  bohrenden  Verzwefelns. 
Am  Tag  des  Einmarsches  deutscher  Truppen  1940  in  Paris  beging  Ernst  Weiß 
Selbstmord.  Sein  Roman  »Der  Augenzeuge«  erschien  erst  1963. 

Weiterfrihrende  Literatur: 

Gerhard  Köpf:  Hitlers  psychogene  Erblindung.  In:  Nervenheilkunde  24/2005 


Der  Augenzeuge 

Das  Los  eines  mit  hysterischer  Blindheit  geschla- 
genen Menschen  ist  immer  sehr  schwer.  Er  ist 
mehr  Krüppel  als  einer,  der  auf  zwei  Prothesen 
daherhumpelt.  Er  ist  unglücklicher  als  ein  >ech- 
ter  Blinden.  Ein  solcher  Mensch  findet  sich  oft 
sehr  schnell  mit  seinem  Unglück  ab.  Die  echten 
Blinden  sehen  nach  innen.  Sie  arbeiten  sehr  ger- 
ne, sind  anstellig,  bescheiden,  lernen  ein  Blinden- 
gewerbe ausüben,  lernen  Blindenschrift  lesen. 
Oft  gründen  sie  eine  Familie,  und  man  ist  überrascht  von  ihrem 
zufriedenen  Gesichtsausdruck.  Man  bemideidet  sie,  was  sie  gar  nicht 
wollen,  und  hilft  ihnen.  Anders  ist  es  aber  mit  den  hysterisch  Blinden. 
Hier  im  Lazarett  hatte  H.  gut  Sympathien  sammeln.  Er  war  hier 
noch  von  Staats  wegen  und  auf  Staatskosten  untergebracht,  er  litt 
keine  äußere  Not,  hatte  sogar  viel  Gesellschaft,  er  war  mit  allem  Nöti- 
gen versehen.  Der  Krieg  ging  aber  zweifellos  seinem  Ende  entgegen. 
Was  konnte  dann  für  diesen  Mann  kommen?  Wer  nahm  ihn  auf? 
Nicht  die  Blindenanstalt,  nicht  die  Heimatgemeinde,  nicht  einmal 
eine  Irrenanstalt.  Er  hatte  keine  Familie,  seine  Heimat  war  die  Kaser- 
ne. Er  war  nicht  richtig  avanciert,  denn  der  Unteroffizier  beginnt  erst 
beim  Sergeanten,  aber  er  war  ein  guter  Soldat,  der  Gefreite.  Er  war 
Soldat,  Soldat,  Soldat  und  sonst  nichts. 

Aber  selbst  wenn  die  alte  Armee  weiter  bestünde,  was  sollte  sie  mit 


225 


Emst  We^ 


einem  Menschen  beginnen,  der  nicht  sehen  konnte?  Er,  der  schon 
einmal  beinahe  gebettelt  hatte,  der  auf  Hausieren  mit  Postkarten  an- 
gewiesen war,  er  konnte  weiter  betteln;  Postkarten  zu  bemalen  war  er 
aber  nicht  mehr  imstande. 

War  ihm  zu  helfen?  Ich  dachte  lange  nach,  und  endlich  ging  es  mir 
auf.  Ich  konnte  versuchen,  durch  eine  ingeniöse  Verkuppelung  seiner 
zwei  Leiden  mit  seinem  Geltungstrieb,  seinem  Gottähnlichkeitstrieb, 
seiner  Überenergie  einen  Weg  zu  finden,  ihn  von  seinen  Symptomen 
zu  befreien.  Daß  ich  ihn  damit  nicht  von  seiner  Grundkrankheit  hei- 
len konnte,  gestand  ich  mir  nicht  ein.  Da  war  ich  blind.  Ich  wollte  es 
nicht  sehen,  weil  mich  eine  Art  Leidenschaft  ergriffen  hatte.  Auch  ich 
wollte  wirken,  ich  mußte  handeln.  Ich  wollte  herrschen,  und  jedeTat 
ist  mehr  oder  weniger  ein  Herrschen,  ein  Verändern,  ein  Sich-über- 
das-Schicksal-aktiv-Erheben.  Auch  H.  hatte  sich  über  das  Schicksal 
erhoben.  Er  wurde  lieber  blind,  als  daß  er  sich  den  Untergang 
Deutschlands  ansah.  Seine  Blindheit  war  ein  Zeichen  seines  außerge- 
wöhnlich starken  Willens. 

Ich  mußte  diesen  Mann,  der  bei  aller  seiner  Nüchternheit  beim  Wein 
in  seinem  Größenwahn  ein  hemmungsloser  Phantast  war,  mit  der 
Phantasie  fassen.  Er,  der  vielleicht  im  einzelnen  nicht  immer  mit  Ab- 
sicht, Ziel  und  Zweck  log,  sondern  im  ganzen  ein  Stück  gigantischer 
Lüge  war,  für  den  es  keine  absolute  Wahrheit  gab,  sondern  nur  die 
Wahrheit  seiner  Phantasie,  seines  Strebens,  seiner  Triebe,  ihm  mußte 
ich  nicht  mit  logischen  Überlegungen,  sondern  mit  einer  großartigen 
Lüge  kommen,  um  ihn  zu  überwältigen. 

Ich  ließ  ihm  durch  den  ihm  so  sehr  gewogenen  Unteroffizier  mittei- 
len,  ich  interessiere  mich  für  seinen  Fall,  der  etwas  Außergewöhnliches 
sei  und  der  vielleicht  in  einer  Stunde  geheilt  sein  könne,  und  ich  würde 
ihn  im  Laufe  des  Tages  sofort  holen  lassen,  sobald  ich  eine  freie  Minu- 
te hätte.  Er  setzte  eine  abweisende  Miene  auf,  berichtete  man  mir, 
vielleicht  hatte  er  Angst,  ich  könnte  ihn  durchschaut  haben.  Ich  ließ 
ihn  gar  nicht  erst  kommen.  Ich  hatte  tatsächlich  andere  Arbeit  genug. 
Er  sollte  gespannt  sein.  Er  sollte  nach  mir  rufen,  er  sollte  mich 
sehnsüchtig  erwarten,  und  er  war  es,  der  eines  Abends  durch  den  ver- 
lassenen Korridor  angetappt  kam  und  Einlaß  begehrte.  Ich  ließ  ihn 
eintreten,  schrieb  aber  seelenruh^  weiter,  das  Kritzeln  der  Feder 
mußte  er  hören.  Er  wagte  nicht,  mich  anzusprechen.  Ich  ließ  ihn  ste- 
hen und  ging  aus  dem  Raum.  Er  kehrte  erst  viel  später  in  den  Korri- 
dor zurück. 


226 


Der  Augenzeuge 


r 

Ich  ließ  mir  Zeit.  Ich  wußte,  er  schlief  jetzt  gar  nicht  mehr.  Die  Aus- 
sicht, ich  könne  ihm  den  Schlaf  wiedergeben,  erregte  ihn  so,  daß  er 
nicht  einmal  zwei  bis  drei  Stunden  schlief,  was  er  vorher  getan  hatte. 
Endlich  glaubte  ich,  er  sei  vorbereitet.  Ich  ließ  ihn  eintreten,  zündete 
zwei  Kerzen  an  und  begann,  seine  Augen  mit  dem  Augenspiegel  zu 
untersuchen.  Die  Hornhaut  spiegelte,  sie  war  glatt,  die  Bindehaut 
war  etwas  gerötet,  eine  Folge  der  Schlaflosigkeit.  Die  Augen,  etwas 
hervorstehende,  blaugraue  Augen  von  merkwürdig  stechendem,  be- 
stechendem Ausdruck,  tränten  ein  wenig.  In  seinen  Zügen  drückte 
sich  furchtbare  Spannung  aus,  ich  sah,  er  fürchtete,  ich  würde  ihm 
sagen,  was  ihm  bisher  alle  Ärzte  und  der  jüdische  Pfleger  gesagt  hatte, 
daß  er  lüge,  daß  seine  Augen  gesund  seien  und  daß  er  doch  sehen 
müsse,  wenn  er  nur  wolle. 

Ich  tat  das  Gegenteil.  Aufseufzend  tat  ich  den  Augenspiegel  wieder  in 
das  Futteral  zurück,  löschte  die  Kerzen  aus  und  sprach  im  Dunkel  mit 
ihm.  Eigentlich  war  es  ja  nur  für  mich  dunkel  geworden,  für  ihn  war 
es  immer  so  gewesen  seit  seinem  Abgang  oder  seiner  Flucht  von  der 
Front.  Ich  sagte  ihm,  meine  ursprüngliche  Ansicht  habe  sich  nach 
verschiedenen  Zweifeln  doch  als  wahr  erwiesen,  seine  Augen  seien 
durch  das  Gelbkreuz  furchtbar  geschädigt,  er  könnte  tatsächlich 
nichts  sehen.  Ich  hörte  ihn  aufatmen.  Ich  fügte  hinzu,  ich  hätte  auch 
niemals  annehmen  können,  daß  er,  ein  reiner  Arier,  ein  guter  Soldat, 
ein  Ritter  des  Eisernen  Kreuzes  Erster  Klasse,  lüge  und  etwas  vortäu- 
sche, das  nicht  bestehe. 

Leider  sei  damit  auch  meine  Möglichkeit,  ihm  zu  helfen,  abge- 
schnitten. Es  wäre  mir  ein  leichtes  gewesen,  ihn  von  seiner  Schlaflo- 
sigkeit zu  befreien,  wenn  er  meinen  Blick  hätte  aufnehmen  können 
oder  wenn  er  seinen  Blick  auf  irgendein  glänzendes  Objekt  hätte  kon- 
zentrieren können.  Die  Hypnose  wirke  durch  das  Auge.  Blinde  könne 
man  nicht  hypnotisieren,  ich  wenigstens  könne  es  nicht.  Jedermann 
müsse  sich  in  alles  schicken,  gegen  das  Schicksal  sei  nichts  zu  tun. 
Außer  diesen  wenigen  Sätzen  sagte  ich  nichts.  Er  tat,  als  wolle  er  von 
seinem  Stuhl  aufstehen  und  fortgehen,  aber  ich  hatte  ihn  schon  ge- 
bannt, und  er  setzte  sich  wieder  hin.  Er  schüttelte  den  Kopf  Er  wehr- 
te sich  gegen  mich,  aber  jetzt  war  ich  der  Stärkere,  da  ich  auf  die 
Unterseele  dieses  Menschen  wirkte.  Denn  im  Grunde  seiner  Seele 
wollte  er  wieder  sehen,  und  sein  Wunsch  war,  ich  sollte  ihn  mit  Ge- 
walt dazu  zwingen.  Voll  Freude  an  meiner  Übermacht  fühlte  ich,  ich 
hatte  ihn  in  der  Gewalt.  Ohne  es  ihm  zu  befehlen,  dachte  ich  mit  aller 


227 


Ernst  Weiß 


Energie  daran,  er  solle  seine  Hände  über  dem  Schoß  falten.  Er  tat  es. 
Er  solle  an  seinem  Eisernen  Kreuz  nesteln,  als  wollte  er  es  abnehmen. 
Er  gehorchte.  Ich  befahl  ihm,  er  solle  mir  sein  Geheimnis  mit  den 
Frauen  mitteilen.  Ich  überwand  den  Widerstand,  und  er  sprach.  Ich 
befahl  ihm,  er  solle  den  rechten  Arm  ausstrecken,  er  zögerte,  aber 
dann  tat  er  auch  dies. 

Kein  Wort  mehr,  ich  wußte,  was  ich  wissen  mußte.  Alles  ging  jetzt 
stumm  vor  sich,  Geist  gegen  Geist.  Ich  sah,  er  hatte  Durst.  Ich  brach- 
te ihm  kein  Wasser,  wozu  auch?  Es  wäre  Wahnsinn  gewesen,  die  Sit- 
zung jetzt  zu  unterbrechen. 

Nachdem  ich  alles  in  Erfahrung  gebracht  hatte,  hieß  es  wirken.  »Es 
geschehen  keine  Wunder  mehr«,  sagte  ich.  Er  ließ  den  Kopf  auf  die 
Brust  sinken  und  antwortete  nicht.  »Aber«,  setzte  ich  fort,  »das  gilt 
bloß  für  Durchschnittsmenschen.  Es  sind  an  auserwählten  Menschen 
dennoch  oft  Wunder  geschehen,  es  muß  doch  Wunder  geben  und 
große  Menschen  geben,  vor  denen  die  Natur  sich  beugt,  glauben  Sie 
nicht?«  - »Wie  Sie  denken,  Herr  Stabsarzt«,  sagte  er  heiser.  ~ »Ich 
selbst  bin  kein  Scharlatan,  kein  Wundertäter«,  sagte  ich,  »ich  bin  ein 
einfacher  Arzt,  aber  vielleicht  haben  Sie  selbst  die  seltene,  in  allen 
tausend  Jahren  einmal  vorkommende  Kraft,  ein  Wunder  zu  tun.  Jesus 
hat  solche  getan,  Mohammed,  die  Heiligen.«  Er  antwortete  nicht, 
sondern  starrte  vor  sich  hin  und  atmete  schwer.  »Ich  könnte  Ihnen 
nur  die  Methode  angeben,  mit  deren  HUfe  Sie  sehen  würden,  ob- 
gleich Ihre  Augen  verätzt  sind  vom  Gelbkreuz.  Ein  gewöhnlicher 
Mensch  wäre  mit  Ihrem  Augenbefund  blind  auf  Lebenszeit.  Aber  für 
einen  Menschen  von  besonderer  Willenskraft  und  geistiger  Energie 
gibt  es  keine  Grenzen,  die  naturwissenschaftliche  Erkenntnis  gilt  für 
ihn  nicht  mehr,  und  der  Geist  sprengt  die  Mauern,  bei  Ihnen  die  dik- 
ke  weiße  Schicht  in  der  Hornhaut,  aber  vielleicht  haben  Sie  diese 
Kraft  zum  Wunder  nicht.«  - »Wie  kann  ich  es  denn  wissen?«  fragte  er. 
»Das  müssen  Herr  Stabsarzt  wissen.«  - »Trauen  Sie  sich  aber  den 
Willen  zu?«  antwortete  ich.  »Dann  versuchen  Sie  es,  öffnen  Sie  die 
Augen  weit.  Ich  werde  jetzt  meine  Kerze  mit  einem  Zündhölzchen 
anzünden.  Haben  Sie  den  Funken  gesehen?«  - »Ich  weiß  nicht«,  sag- 
te er,  »ein  Licht  nicht,  aber  eine  Art  weißen  runden  Schimmers.«  ~ 
»Das  ist  nicht  genug«,  sagte  ich,  »das  reicht  nicht.  Sie  müssen  blind  an 
sich  glauben,  dann  werden  Sie  aufhören,  blind  zu  sein.  Sie  sind  jung, 
es  wäre  schade  um  Sie!  Sie  wissen,  daß  Deutschland  jetzt  Menschen 
braucht,  die  Energie  und  blindes  Vertrauen  in  sich  haben.  Mit  Oster- 


228 


Der  Augenzeuge 


reich  ist  es  zu  Ende,  aber  mit  Deutschland  nicht.«  ~ »Das  weiß  ich«, 
sagte  er  mit  ganz  veränderter  Stimme,  stand  auf  und  hielt  sich  an  der 
Tischkante  fest.  Aber  er  zitterte  noch.  »Hören  Sie«,  sagte  ich  fest,  »ich 
habe  hier  zwei  Kerzen,  eine  rechts,  eine  links.  Sie  müssen  sehen!  Sehen 
Sie  sie?«  - »Ich  fange  an  zu  sehen«,  sagte  er,  »wenn  es  doch  möglich 
wäre!  « - »Ihnen  ist  alles  möglich!  Gott  hilft  Ihnen,  wenn  Sie  sich  selbst  helfen!  In 
jedem  Menschen  steckt  ein  Stück  Gott,  das  ist  der  Wille,  die  Energie! 
Fassen  Sie  alle  Ihre  Kraft  zusammen.  Noch  mehr,  noch  mehr!  Gut! 
Jetzt  genug!  Was  sehen  Sie  jetzt?«  - »Ich  sehe  Ihr  Gesicht,  Ihren  Voll- 
bart, Ihre  Hand  und  den  Siegelring,  Ihren  weißen  Kittel,  die  Zeitung 
auf  dem  Tisch  und  die  Aufzeichnungen  über  mich.«  - »Setzen  Sie 
sich«,  sagte  ich,  »ruhen  Sie  sich  aus.  Sic  sind  geheilt.  Sie  haben  sich 
selbst  sehend  gemacht.«  Ich  stand  auf  und  ging  im  Zimmer  umher. 
H.  folgte  mir  jetzt  mit  seinen  Blicken,  ganz  wie  es  ein  Mensch  mit 
normalem  Auge  tut.  Er  sah  auch  auf  den  Tisch  und  versuchte,  meine 
Aufzeichnungen  über  ihn  zu  entziffern.  »Sie  haben  sich  wie  ein  Mann 
gehalten«,  sagte  ich,  »und  wenn  Sie  in  Ihre  Augen  Licht  gebracht 
haben  kraft  Ihres  Willens,  so  werde  ich  in  Ihre  Gehirnzellen  kraft 
meines  Willens  etwas  wohltätige  Dämmerung  bringen,  und  Sie  wer- 
den von  heute  an  wieder  beginnen  zu  schlafen.  Sie  werden  bis  auf 
Widerruf  alles  tun,  was  ich,  zu  Ihrem  Wohl,  befehle.  Wollen  Sie  das?« 
- »Wie  Herr  Stabsarzt  befehlen.  Schlafen!  W'enn  Sie  aber  das  zustan- 
de bringen  könnten?!!«  Ich  sagte  nun  nichts  mehr,  ließ  ihn  nochmals 
aufstehen,  um  sich  von  mir  auf  den  Untersuchungstisch  betten  zu 
lassen.  Ich  schob  ihm  die  in  die  Stirn  hereinfallende  Stirnlocke  zur 
Seite,  strich  ihm  über  die  feuchte  kalte  Stirn  und  suggerierte  ihm, 
ohne  ein  Wort,  ihm  unablässig  in  die  Augen  blickend,  er  werde  die 
Augen  schließen  und  werde  sic,  auch  wenn  ich  sie  ihm  auseinander- 
zuziehen suche,  nicht  mehr  öffnen  können  und  werde  dann  ohne  ei- 
nen Traum  bis  zum  nächsten  Morgen  schlafen. 

Alles  geschah,  wie  ich  cs  wollte.  Ich  hatte  das  Schicksal,  den  Gott  ge- 
spielt und  einem  Blinden  das  Augenlicht  und  den  Schlaf  wiedergege- 
ben. Am  nächsten  Tag  schrieb  ich  an  Helmut,  der  im  Kriegsministe- 
rium diente,  er  möge  versuchen,  einem  Gefreiten  A.  H.  einen  Druck- 
posten zu  t'erschaffen.  Druckposten  hieß  leichter  Posten,  wo  ein 
solcher  Mensch  sich  erholen  konnte. 


229 


Kommentar 


/Kommentar 

Die  dissoziative  Störung  in  der  Terminologie  Freuds  (Konversions- 
neurose) ist  geprägt  durch  p^chogene  organische  Befunde.  Auch  kog- 
nitive Störungen  wie  z-B.  Amnesie  können  aufireten.  Alk  dissoziati- 
ven z(ustände  tendieren  dazu,  nach  einigen  Wochen  oder  Monaten 
zu  remittieren,  besonders  wenn  der  Beginn  mit  einem  traumatisierenden  Lebenser- 
eignis verbunden  war  und  die  Störung  sehr  plötzlich  auftrat.  Eher  chronische  Zu- 
stände, besonders  Lähmungen  und  Körpergejühbstärungen,  entwickeln  sich  manch- 
mal recht  langsam,  wenn  der  Begmn  mit  unlösbaren  Problemen  oder  innerpersonel- 
len Schwierigkeiten  verbunden  ist.  Der  appeUative  Charakter  der  Störung  ist 
meistens  zu  ersehen:  sie  erfordert  Beachtung  und  Aufmerksamkeit,  ihre  Dramatik 
beeindruckt  und  beeinflusst  das  Umfeld. 

In  der  Geschichte  von  Ernst  Weiß  »Der  Augenzeuge«  wird  die  Blindheit  eines  Sol- 
daten geschildert.  Dabei  wird  allerdings  keine  Ausßhrung  zur  Entstehung  der 
Blindheit  gemacht.  Man  kann  lediglich  vermuten,  dass  schreckliche  Kriegserkbnis- 
se  bei  dem  Soldaten  die  offensichtlich  ßnktionelk  Blindheit  ausgelöst  haben.  Es 
handelt  sich  wahrscheinlich  um  eine  dissoziative  Störung  (Konversionsneurose). 
Dem  entspricht  auch,  dass  die  Störungen  durch  eine  einfache  suggestive  Pgfchothe- 
rapie  behoben  werden  kann.  Es  wird  dargestellt,  wie  ein  Arzt  in  geschickter  Weise 
versucht,  das  Leiden  des  Patienten  ernst  nehmend,  ihn  wieder  auf  den  Weg  des 
Sehens  zu  fihren.  Das  macht  er  in  so  geschickter  und  suggestiver  Miise,  dass  die 
Therapie  erfolgreich  ist. 


230 


Cees  Nooteboom 


Die  folgende  Geschichte 


aus:  Cees  Nooteboom.  Die  folgende  Geschichte. 

© 1991  by  Suhrkamp  Verlag,  FrarJfurt  am  Main 


Einführung 

Der  niederländische  Journalist,  Lyriker,  Essayist,  Reisende  und 
Schriftsteller  Cees  Nooteboom  Jahrgang  1933)  zählt  zu  den  he- 
rausragenden Repräsentanten  niederländischer  Literatur  nach  dem 
fweiten  Weltkrieg.  Bewundert  werden  vor  allem  psychologischer 
Scharfsinn  und  stilistische  Brillanz.  Poetische  Reiseberichte  gehören  ebenso  zu  sei- 
nem Repertoire  wie  hautnahe  Beschreibungen  historischer  Aufstände,  wie  etwa  des 
Ungarn-Aufstandes  1 956 oder  der  Pariser  Studentenrevolte  1968.  Seinen  literari- 
schen Durchbruch  brachte  der  Roman  »Rituale«  (1 980). 

Am  Anfang  von  »Die folgende  Geschichte«  (1991),  die  ohne  Gattungsbezeichnung 
bleibt,  wacht  der  Lehrer  und  Altphilologe  Herman  Mussert,  von  seinen  Schülern 
Sokrates  gerufen,  in  Lissabon  in  einem  ihm  vertrauten  rfimmer  auf,  obwohl  er  in 
Amsterdam  wohnt  und  sich  dort  am  Vorabend  zum  Schlafen  niedergelegt  hat. 

Das  Reisen  wird  zum  existentiellen  Topos,  das  in  der  Erfahrung  des  Fremden,  des 
Unbekannten  und  Ungewohnten  nicht  nur  eine  Lebensphilosophie  entdeckt,  son- 
dern auch  die  Chance,  sän  bisheriges  Leben  zu  ändern  und  in  neue,  überraschende 
Beziehungen  und  Wechselwirkungen  mit  anderen  Biographien  zu  setzen,  die  jen- 
seits realer  Grenzen  von  feit  und  Raum  vorstellbar  und  deshalb  auch  möglich  sind. 
Die  Grenzen  von  Traum  und  Wirklichkeit  werden  aufgehoben,  was  einzig  zählt, 
ist  die  Möglichkeitsform,  die  aus  philosophischer  Reflexion  und  psychischer  Sensi- 
bilität erwächst. 

Weiterfihrende  Literatur: 

Peter  Fiedler:  Dissoziative  Störungen  und  Konversion.  Beltz  PVU  2001 


231 


Cees  Nooteboom 


Die  folgende  Geschichte 

Meine  eigene  Person  hat  mich  nie  sonderlich  in- 
teressiert, doch  das  hieß  nicht,  daß  ich  auf 
Wunsch  einfach  hätte  aufhören  können,  über 
mich  nachzudenken  - leider  nicht.  Und  an  jenem 
Morgen  hatte  ich  etwas  zum  Nachdenken,  soviel 
ist  sicher.  Ein  anderer  würde  es  vielleicht  als  eine 
Sache  von  Leben  und  Tod  bezeichnen,  doch  der- 
lei große  Worte  kommen  mir  nicht  über  die  Lip- 
pen, nicht  einmal,  wenn  niemand  zugegen  ist, 
wie  damals. 

Ich  war  mit  dem  lächerlichen  Gefühl  wach  geworden,  ich  sei  viel- 
leicht tot,  doch  ob  ich  nun  wirklich  tot  war  oder  tot  gewesen  war,  oder 
nichts  von  alledem,  konnte  ich  zu  diesem  Zeitpunkt  nicht  feststellen. 
Der  Tod,  so  hatte  ich  gelernt,  war  nichts,  und  wenn  man  tot  war,  auch 
das  hatte  ich  gelernt,  dann  hörte  Jegliches  Nachdenken  auf.  Das  also 
traf  nicht  zu,  denn  sie  waren  noch  da,  Überlegungen,  Gedanken, 
Erinnerungen.  Und  ich  war  noch  da,  wenig  später  sollte  sich  sogar 
heraussteilen,  daß  ich  gehen  konnte,  sehen,  essen  (den  süßen  Ge- 
schmack dieser  aus  Muttermilch  und  Honig  zubereiteten  Teigklöße, 
die  die  Portugiesen  zum  Frühstück  essen,  hatte  ich  noch  Stunden  da- 
nach im  Mund).  Ich  konnte  sogar  mit  richtigem  Geld  bezahlen.  Und 
dieser  Umstand  war  für  mich  der  überzeugendste.  Man  wacht  in  ei- 
nem Zimmer  auf,  in  dem  man  nicht  eingeschlafen  ist,  die  eigene 
Brieftasche  liegt,  wie  sich  das  gehört,  auf  einem  Stuhl  neben  dem 
Bett.  Daß  ich  in  Portugal  war,  wußte  ich  bereits,  wenngleich  ich  am 
Abend  zuvor  wie  üblich  in  Amsterdam  zu  Bett  gegangen  war,  aber 
daß  sich  portugiesisches  Geld  in  meiner  Brieftasche  befinden  würde, 
das  hätte  ich  nicht  erwartet.  Das  Zimmer  selbst  hatte  ich  auf  Anhieb 
erkannt.  Hier  hatte  sich  schließlich  eine  der  bedeutsamsten  Episoden 
meines  Lebens  abgespielt,  sofern  in  meinem  Leben  von  derlei  über- 
haupt die  Rede  sein  konnte. 

Doch  ich  schweife  ab.  Aus  meiner  Zeit  als  Lehrer  weiß  ich,  daß  man 
alles  mindestens  zweimal  erzählen  muß  und  damit  die  Möglichkeit 
eröffnen,  daß  Ordnung  sich  einstellt,  wo  Chaos  zu  herrschen  scheint. 
Ich  kehre  also  zur  ersten  Stunde  jenes  Morgens  zurück,  dem  Augen- 
blick, in  dem  ich  die  Augen,  die  ich  demnach  noch  besaß,  aufschlug. 
»Wir  werden  spüren,  wie  es  durch  die  Ritzen  des  Kausalgebäudes 


232 


Die  folgende  Geschichte 


r 

zieht«,  hat  jemand  gesagt.  Nun,  an  jenem  Morgen  zog  es  bei  mir  ganz 
gehörig,  auch  wenn  mein  Blick  als  erstes  auf  eine  Decke  mit  mehre- 
ren äußerst  stabilen,  parallel  zueinander  verlaufenden  Balken  fiel, 
eine  Konstruktion,  die  durch  ihre  funktionale  Klarheit  den  Eindruck 
von  Ruhe  und  Sicherheit  erweckt,  etwas,  was  jedes  menschliche  We- 
sen, und  mag  es  noch  so  ausgeglichen  sein,  braucht,  wenn  es  aus  dem 
dunklen  Reich  des  Schlafes  zurückkehrt.  Funktional  waren  diese  Bal- 
ken, weil  sie  mit  ihrer  Kraft  das  darüber  liegende  Stockwerk  stützten, 
und  klar  war  die  Konstruktion  wegen  der  völlig  gleichbleibenden  Ab- 
stände zwischen  den  Balken.  Das  hätte  mich  folglich  beruhigen  müs- 
sen, doch  davon  war  keine  Rede.  Zum  einen  waren  es  nicht  meine 
Balken,  und  zum  anderen  war  von  oben  jenes  für  mich,  in  diesem 
Zimmer,  so  schmerzliche  Geräusch  menschlicher  Lust  zu  hören.  Es 
gab  nur  zwei  Möglichkeiten:  entweder  war  es  nicht  mein  Zimmer, 
oder  es  war  nicht  ich,  und  in  diesem  Fall  waren  es  auch  nicht  meine 
Augen  und  Ohren,  denn  diese  Balken  waren  nicht  nur  schmaler  als 
die  meines  Schlafzimmers  an  der  Keizersgracht,  sondern  dort  wohn- 
te auch  niemand  über  mir,  der  mich  mit  seiner  - oder  ihrer  - unsicht- 
baren Leidenschaft  belästigen  konnte.  Ich  blieb  ganz  still  liegen,  und 
sei  es  nur,  um  mich  an  den  Gedanken  zu  gewöhnen,  meine  Augen 
seien  möglicherweise  nicht  meine  Augen,  was  natürlich  eine  um- 
ständliche Art  und  Weise  ist,  zu  sagen,  daß  ich  totenstill  dalag,  weil  ich 
tödliche  Angst  hatte,  ich  sei  jemand  anders.  Dies  ist  das  erste  Mal,  daß 
ich  es  zu  erzählen  versuche,  und  es  fällt  mir  nicht  leicht.  Ich  wagte 
nicht,  mich  zu  bewegen,  denn  wenn  ich  jemand  anders  war,  dann 
wußte  ich  nicht,  wie  das  vor  sich  gehen  sollte.  So  ungefähr.  Meine 
Augen,  so  nannte  ich  sie  fürs  erste  weiter,  sahen  die  Balken,  die  nicht 
meine  Balken  waren,  und  meine  Ohren  oder  die  jenes  möglichen  an- 
deren hörten,  wie  das  erotische  Crescendo  über  mir  mit  der  Sirene 
eines  Krankenwagens  draußen  verschmolz,  der  auch  nicht  die  richti- 
gen Töne  von  sich  gab. 

Ich  befühlte  meine  Augen  und  merkte,  daß  ich  sie  dabei  schloß.  Die 
eigenen  Augen  wirklich  befühlen  ist  nicht  möglich,  man  schiebt  im- 
mer erst  den  Schutz  davor,  der  dafür  gedacht  ist,  nur:  dann  kann  man 
natürlich  nicht  die  Hand  sehen,  die  diese  verschleierten  Augen  be- 
fühlt. Kugeln,  das  fühlte  ich.  Wenn  man  sich  traut,  kann  man  sogar 
vorsichtig  hineinkneifen.  Ich  schäme  mich,  zugeben  zu  müssen,  daß 
ich  nach  all  den  vielen  Jahren,  die  ich  auf  der  Welt  bin,  noch  immer 
nicht  weiß,  woraus  ein  Auge  eigendich  besteht.  Hornhaut,  Netzhaut 


233 


Kommentar 


sowie  Iris  und  Linse,  aus  denen  in  jedem  Kryptogramm  eine  Blume 
und  eine  Hülsenfrucht  wird,  die  kannte  ich,  aber  das  eigentliche 
Zeug,  diese  zähe  Masse  aus  erstarrtem  Gelee,  die  hat  mir  immer 
Angst  eingejagt.  Ich  wurde  unweigerlich  ausgelacht,  wenn  ich  von 
Gelee  sprach,  und  doch  sagt  der  Herzog  von  Cornwall,  als  er  in  King 
Lear  dem  Grafen  von  Gloucester  die  Augen  ausreißt:  out!  vik jelly!,  und 
genau  daran  mußte  ich  denken,  als  ich  in  diese  nichtssehenden  Ku- 
geln kniff,  die  meine  Augen  waren  oder  nicht  waren. 

Lange  Zeit  blieb  ich  so  liegen  und  versuchte,  mich  an  den  vergange- 
nen Abend  zu  erinnern.  Es  ist  nichts  Aufregendes  an  den  Abenden 
eines  Junggesellen,  wie  ich  einer  bin,  sofern  ich  zumindest  derjenige 
war,  um  den  es  hier  ging.  Manchmal  sieht  man  das,  einen  Hund,  der 
sich  in  den  eigenen  Schwanz  zu  beißen  versucht.  Dann  entsteht  eine 
Art  hündischer  Wirbelwind,  der  erst  aufhört,  wenn  aus  diesem  Sturm 
der  Hund  als  Hund  hervortritt.  Leere,  das  ist  es,  was  man  dann  in 
diesen  Hundeaugen  sieht,  und  Leere  war  es,  was  ich  in  jenem  frem- 
den Bett  empfand.  Denn  angenommen,  daß  ich  nicht  ich  war  und 
folglich  jemand  anders  (niemand  zu  sein,  dachte  ich,  würde  zu  weit 
gehen),  dann  würde  ich  bei  den  Erinnerungen  jenes  anderen  doch 
denken  müssen,  daß  es  meine  Erinnerungen  seien,  schließlich  sagt  je- 
der »meine«  Erinnerungen,  wenn  er  seine  Erinnerungen  meint. 

Kommentar 

Za  den  dissoziativen  Störungen  gehört  auch  die  seltene  Fugue  und 
die  multipk  Persönlichkeitsstörung.  Bei  dem  Text  von  Cees  Kook- 
boom  »Die  folgende  Geschichte«  handelt  es  sich  mit  einer  gewissen 
Wahrscheinlichkeit  um  den  Zustand  des  Sich-Wiedereinfindens  in 
die  Realität  nach  einer  dissoziativen  Fugue. 

Hauptmerkmal  der  dissoziativen  Fugue  ist  ein  plötzliches  unerwartetes  Weggehen 
von  zu  Hause  oder  aus  der  gewohnten  Umgebung,  oft  verbunden  mit  der  Annahme 
einer  neuen  Identität  und  der  Unfähigkeit,  sich  an  dk  frühere  Identität  zu  erinnern. 
Typischerweise  gehen  der  dissoziativen  Fugue  belastende  Ereignisse  oder  Situatio- 
nen voraus.  Während  der  Zeit  der  Fugue  werden  häufig  zielgerichtete  Reisen  unter- 
nommen, eventuell  zu  Orten,  dk für  den  Betroffenen  von  besonderer  gefühlsmäßiger 
Bedeutung  sind.  Nach  außen  erscheinen  dk  Patienten  in  dieser  Zeit  oft  völlig  geord- 
net; Selbstversorgung  (z.B.  Essen,  Waschen  oder  einfachere  soziale  Interaktionen, 
auch  der  Kauf  von  Fahrkarten,  Bestellung  von  Mahlzeiten)  sind  oft  ungestört. 


234 


Kommentar 


In  dem  Auszug  der  Geschichte  von  Nooteboom  versucht  sich  der  Protagonist  müh- 
selig zu  reorientieren  über  seine  Identität  und  seine  Lebensumstände,  die  geographi- 
sche Lokalisation  und  die  eigentlkhen  Hintergründe ßir  seine  Anwesenheit  in  einer 
neuen, ßemden  Situation.  Die  Hintergründe  seines  Hier-Seins  sind  ihm  nicht  erin- 
nerlich, insbesondere  weiß  er  nicht,  wie  er  von  Amsterdam  nach  Portugal  gekommen 
ist.  Neben  einer  dissoziativen  Fugue  wäre  differentialdiagnostisch  u.a.  an  Ausnah- 
mezustände, z.B.  im  Rahmen  komplex-partieller  epileptischer  Anfälle  zu  denken. 
Die  Epilepsie  wird  im  Text  der  ICD- 10  zur  dissoziativen  Fugue  auch  ausdrück- 
lich als  Differentialdiagnose  genannt. 


235 


Robert  Louis  Stevenson 


Henry  Jekylls  vollständige  Erklärung 

aus:  Robert  Louis  Stevenson.  Unheimliche  Geschichten  Bd.  1:  Der  seltsame  Fall 
des  Dn  Jet^ll  und  Mr.  Hyde.  AusgewähU  und  herausgegeben  von  Manfred  Kluge. 
© 1986  by  Heyne,  München 


Einführung 


Mit  seinem  Roman  »Die  SchatzinseL  (1883)  sicherte  sich  der 
Schotte  Robert  Louis  Stevenson  (1850-1894)  einen  Platz  im 
Olymp  der  Jugendliteratur.  In  seinem  kurzen  Dben  schuf  er  ein 
vor  Fabulierlust  überbordendes  Werk  aus  Romanen,  Reiseberich- 
ten, autobiographischen  Skizzen,  Essays  und  Gedichten  fir  Kinder.  Seine  Eltern 
und  Vorfahren  waren  namhafte  schottische  Leuchtturmbauer,  doch  eine  frühe  labile 
gesundheitliche  Konstitution  verhinderte  eine  Karriere  als  Ingenieur.  Stevenson  stu- 
dierte Jura  in  Edinburgh  und  reiste  aufgrund  seiner  Tuberkulose  hauptsächlich 
durch  südliche  Länder.  Zusammen  mit  seiner  Ehefrau,  der  um  zehn  Jahre  älteren 
Amerikanerin  Fanny  van  de  Grift  Osbourne,  die  ihn  nachhaltig  zum  Schreiben 
ermunterte,  war  er  fast  ständig  auf  Reisen,  sammelte  mit  Eifer  neue  Eindrücke, 
was  allerdings  immer  mehr  auf  Kosten  seiner  angegriffenen  Gesundheit  ging.  »Die 
Schutzinsel«  war  zunächst  nur  an  Achtungserfolg.  Der  literarische  Durchbruch 
kam  mit  der  Erzählung  »The  Strange  caserf  Dr.  Jelyll  and  Mr.  Hyde«  (1886;  dt. 
1889:  »Der  seltsame  Eall  des  Dr.  Jekyll  und  Mr.  Hyde«)  niedergeschrieben  nach 
einem  Traum  in  drei  Tagen.  Doch  diese  erste  Fassung  fand  aufgrund  eines  man- 
gelnden moralischen  Schlusses  nicht  die  Billigung  seiner  Ehefrau,  woraufhin  Ste- 
venson die  Story  erneut  in  drei  Tagen  in  die  endgiltige  Version  brachte.  Die  vielfach 
verfilmte  Geschichte  beruht  auf  dem  keltischen  Mythos  des  tfeth»,  des  Doppelgän- 
gers, der  dem  Menschen  kurz  vor  seinem  Tod  erscheint.  Eine  artistisch  komplexe, 
auf  wechselnden  Perspektiven  beruhende  raffinierte  Erzählstruktur  verhindert  vor- 
sätzlich eine  eindeutige  Interpretation,  obgleich  eine  intendierte  Kritik  an  einer  rigi- 
den viktorianischen  Doppelmoral  nicht  zu.  verkennen  ist.  Literarhistorisch  ist  Ste- 
vensons Erzählung  dem  Motivkreis  des  Doppelgängers  verpflichtet,  wie  er  seit  der 
Antike  im  Alkmene-Stojf  geläufig  ist  und  besonders  in  der  Romantik  von  jener 
großen  antiaufklärerischer  Attraktivität  war  (vgl.  auch  E.  TA.  HoJJmanns  Roman 
»Die  Elixiere  des  Teufels«,  1815),  die  sich  bis  zur  Jahrhundertwende  hielt  (vgl. 


236 


Henry  Jekjlk  mllständige  Erklärung 


Oscar  Wilde:  »Das  Bildnis  desDorian  Gray«,  1890).  Mit  Stevenson  erobert  der 
Stoff  die  moderne  Vorstellung  einer  inkohärenten  Persönlichkeit  im  Kontext  spezff 
scher  gesellschaftlicher  Bedingungen  jenseits  einer  moralisch  eindeutig  gefestigten 
Identität.  Die  Entdeckung  der  bedrohlichen,  bislang  ungekannten  Abgründe  im  ei- 
genen Ich,  eine  als  beglückend  und  euphorisierend  erlebte  Amoralität  sowie  das 
gesteigerte  Interesse  an  den  Verirrungen  des  indißerenten  Sozialwesens  Mensch  in 
einer  zunehmend  vom  Kommerz,  nicht  aber  von  der  Moral  diktierten  Gesellschaft 
ermöglichten  Stevenson  eine  Ver.schiebung  der  Akzente  ins  Psychopathologische,  das 
die  Dissoziation  des  Individuums  nicht  zuletzt  als  Resultat  desintegrativer  sozialer 
Prozesse  deutet.  Die  Faszination  an  dieser  Thematik  hält  bis  in  die  Gegenwart  an 
(vgl.  Bret  Easton  Ellis  mit  seinem  Roman  »American  Psycho«,  1991). 

In  den  ersten  sechs  Wochen  wurden  40.000  Exemplare  von  »Dr.  Jekyll  und Mr. 
Hyde«  verkauf.  Die  Erzählung  machte  ihren  Autor  endlich finanziell  unabhängig, 
aber  Stevenson,  von  den  Eingeborenen  als  Geschichtenerzähler  verehrt,  starb  im 
Alter  von  erst  44  Jahren  auf  der  Südseeinsel  Opolu/ Samoa  an  einer  Gehirnblu- 
tung. 

WeiterJuhrende  Literatur: 

Alex  Capus:  Reisen  im  Licht  der  Sterne.  Eine  Vermutung.  Knaus  2005 


Henry  Jekylls  vollständige  Erklärung 

Ich  wurde  im  Jahre  18..  geboren,  besaß  ein  gro- 
ßes Vermögen,  erfreute  mich  der  schönsten  Ta- 
lente, war  von  Natur  aus  fleißig,  genoß  die  Ach- 
tung der  besten  meiner  Kameraden  und  hatte 
also  alle  Aussicht  auf  eine  ehrenvolle  und  glän- 
zende Laufbahn.  Mein  schlimmster  Fehler  war 
ein  gewisses  ungeduldiges,  fröhliches  Tempera- 
ment, das  sonst  vielen  Menschen  zum  Glück  ge- 
reicht, mir  aber  schadete,  da  ein  hochfahrendes 
Verlangen  mich  dazu  trieb  den  Kopf  hoch  zu  tragen  und  hochmütig 
dreinzusehen,  wenn  ich  mich  öffentlich  zeigte. 

So  kam  es,  daß  ich  meine  Vergnügungen  vor  den  andern  Menschen 
verbarg  und  bereits  die  Doppelnatur  meines  Wesens  empfand,  als  ich 
in  das  ,Alter  kam,  in  dem  man  vernünftig  zu  überlegen  beginnt  und 
ich  mich  in  der  Welt  nach  einem  Berufe  umsah.  Viele  Männer  hätten 
sich  der  Seitensprünge,  die  ich  mir  zuschulden  kommen  ließ,  ge- 


237 


Robert  Louis  Stevenson 


rühmt;  aber  im  Hinblick  auf  die  hohen  Ziele,  die  mir  vorschwebten, 
betrachtete  und  verheimlichte  ich  diese  Laster  mit  einer  fast  krank- 
haften Scham.  So  war  es  also  doch  eher  mein  Streben  nach  dem  Gu- 
ten als  meine  Fehler,  die  mich  zu  dem  machten,  was  ich  wurde  und 
die  mich  stärker  unter  diesem  Einfluß  des  Guten  und  des  Bösen  lei- 
den ließ  als  die  meisten  andern  Menschen.  Das  führte  mich  zu  tiefen 
quälenden  Gedanken  über  das  unbarmherzige  Gesetz  des  Lebens,  in 
dem  einerseits  wohl  die  Religion  wurzelt,  das  aber  andererseits  auch 
die  Ursache  allen  Elends  ist.  War  ich  solcherart  ein  Doppelwesen,  so 
war  ich  dennoch  kein  Heuchler.  Beide  Teile  meiner  Natur  waren  voll- 
kommen wirklich.  Warf  ich  aUe  Hemmungen  ab  und  überließ  ich 
mich  dem  Laster,  so  war  ich  nicht  weniger  ich,  als  wenn  ich  vor  den 
Augen  aller  Welt  arbeitete,  um  die  Wissenschaft  zu  fördern  oder  die 
Sorgen  und  Leiden  der  Menschheit  zu  lindern. 

So  kam  es,  daß  meine  wissenschaftlichen  Studien,  die  sich  ganz  und 
gar  dem  Mystischen  und  Übersinnlichen  zuwandten,  ein  helles  Licht 
auf  die  Kämpfe  meines  Innern  warfen.  Tag  und  Tag  kam  ich,  sowohl 
von  der  moralischen  Seite  her  wie  auch  von  der  des  Verstandes  im- 
mer mehr  zu  jener  Erkenntnis,  deren  teilweise  Entdeckung  mich  so 
entsetzlich  Schiflbruch  leiden  ließ,  daß  der  Mensch  nicht  ein  Wesen 
ist,  sondern  aus  zweien  besteht.  Ich  sage  zwei,  weil  mein  augenblickli- 
ches Wissen  über  diesen  Punkt  nicht  hinausreicht.  Andere  werden 
meinen  Spuren  folgen  und  mich  auf  diesem  Gebiet  überholen.  Ich 
glaube  sogar  Voraussagen  zu  können,  daß  der  Mensch  zu  der  Er- 
kenntnis kommen  wird,  daß  er  im  Grunde  genommen  aus  einer  Un- 
zahl von  einander  unabhängiger  und  gänzlich  widersinniger  Wesen 
besteht.  Ich  folgte  freüich  diesem  Wege  nur  in  einer  Richtung.  Von 
der  moralischen  Seite  her  lernte  ich  in  meiner  eigenen  Person  diese 
vollkommene  Doppelnatur  im  Menschen  erkennen.  Ich  begriff: 
konnte  ich  von  einer  meiner  beiden  Naturen  sagen,  daß  sie  vollkom- 
men mein  eigenes  Ich  sei,  so  war  ich  nur  deshalb  dazu  berechtigt,  weil 
ich  in  Wahrheit  in  beiden  Naturen  zugleich  existierte. 

Schon  sehr  früh,  noch  ehe  der  Gang  meiner  wissenschaftlichen  Ar- 
beiten mich  dazu  verführte,  an  die  Möglichkeit  eines  solchen  Wun- 
ders zu  glauben,  spielte  ich  oft  in  wachen  Träumen  mit  dem  Gedan- 
ken einer  Trennung  dieser  beiden  Naturen.  Gelänge  es  mir,  so  sagte 
ich,  jeder  der  beiden  einen  eigenen  Körper  zu  geben,  so  müßte  das 
Leben  mit  einem  Schlag  von  allem  befreit  sein,  das  es  uns  jetzt  so 
unerträglich  macht.  Der  böse  Teil  könnte,  befreit  von  dem  Streben 


238 


Henry  Jekjlb  vollständige  Erklärung 


und  den  Gewissensbissen  seines  besseren  Zwillingsbruders,  seinen  ei- 
genen Weg  gehen;  und  der  gute  könnte  seinen  aufwärtsführenden 
Pfad  weiterverfolgen  und  das  Gute,  das  seine  Freude  ist,  tun,  ohne 
sich  noch  länger  seines  schlechteren  Teiles  schämen  zu  müssen.  War 
es  doch  der  Fluch  der  Menschheit,  daß  diese  beiden  entgegengesetz- 
ten Naturen  so  eng  verbunden  waren  und  diese  feindlichen  Brüder 
einander  im  Innern  eines  jeden  Menschen  unaufhörlich  bekämpften. 
Nun  war  die  Frage,  was  geschähe,  wenn  man  diese  beiden  trennen 
könnte. 

So  weit  war  die  Sache,  als  meine  Arbeit  im  Laboratorium  mir  das 
Ganze  von  einer  neuen  Seite  her  beleuchtete.  Mehr  denn  je  war  ich 
überzeugt,  daß  der  scheinbar  so  feste  Körper,  mit  dem  bekleidet  wir 
durch  unser  Dasein  wandern,  ganz  zufällig,  wesenlos  und  nebelhaft 
ist.  Nun  entdeckte  ich,  daß  gewisse  Chemikalien  die  fleischliche  Hülle 
zu  verdrängen  vermögen,  wie  etwa  der  Wind  die  Vorhänge  eines 
Gartenhäuschen  zurückschlägt.  Aus  zwei  sehr  guten  Gründen  will  ich 
mich  nicht  näher  auf  die  wissenschaftliche  Seite  meiner  Beichte  ein- 
lassen. Erstens,  weil  ich  die  Erfahrung  machte,  daß  die  ganze  Bürde 
und  Last  unseres  Lebens  in  dem  Buch  unseres  Schicksal  vorgezeich- 
net ist  und  das  Geschick,  will  man  ihm  entfliehen,  einen  nur  noch 
unbarmherziger  und  mitleidloser  umklammert.  Zweitens,  weil  - 
mein  Bericht  beweist  es  nur  zu  sehr  - meine  Entdeckungen  sehr  un- 
vollkommen waren.  Es  möge  daher  genügen,  daß  ich  meinen  Körper 
nicht  nur  als  Materialisation  gewisser  Kräfte  erkannte,  sondern  auch 
auf  ein  Mittel  stieß,  diese  Mächte  zu  entthronen,  um  sie  in  einer  zwei- 
ten menschlichen  Gestalt  in  die  Welt  zu  schicken.  Diese  neue  Gestalt 
mußte  nicht  weniger  natürlich  sein,  weil  sie  ja  alle  Merkmale  der 
schlechten  Eigenschaften  meiner  selbst  in  sich  trüge. 

Ich  zögerte  lange,  ehe  ich  diese  Theorie  in  die  Praxis  umsetzte.  Ich 
war  mir  dessen  wohl  bewußt,  daß  es  mich  das  Leben  kosten  könnte. 
Denn  ein  Mittel,  das  in  dem  Innersten  des  Menschen  eine  solche 
Umwälzung  hervorruft  und  es  so  sehr  verändert,  konnte  leicht  durch 
den  kleinsten  Tropfen  zuviel,  oder  durch  das  geringste  Versehen  in 
der  Zusammensetzung  jene  immaterielle  Hülle,  die  ich  verändern 
wollte,  gänzlich  vernichten. 

Längst  schon  hatte  ich  meine  Tinktur  bereitet.  Ich  hatte  von  einer 
berühmten  chemischen  Firma  eine  große  Menge  eines  besonderen 
Salzes  gekauft,  das,  wie  ich  durch  meine  Experimente  wußte,  die  letz- 
te noch  erforderliche  Substanz  war.  In  einer  unseligen  Nacht  mischte 


239 


Robert  Louis  Stevenson 


ich  diese  Grundstoffe,  sah  sie  in  dem  Glas  kochen  und  dampfen  und 
stürzte,  als  sich  die  Lösung  gesetzt  hatte,  mutig  die  ganze  Dosis  hinun- 
ter. 

Es  folgten  wahre  Folterqualen:  ein  Ziehen  in  allen  Knochen,  tödliche 
Übelkeit  und  eine  Seelenangst,  wie  sie  auch  in  der  Stunde  der  Geburt 
oder  des  Todes  kaum  gefühlt  werden  kann.  Allmählich  ließen  diese 
Qualen  nach,  und  ich  kam  wieder  zu  mir,  wie  ein  Mensch,  der  aus 
schwerer  Krankheit  erwacht. 

Meine  Gefühle  waren  mir  seltsam  fremd,  etwas  unbeschreiblich  Neu- 
es und  daher  unendlich  Wohltuendes  war  in  ihnen.  Ich  fühlte  mich 
jünger,  leichter,  glücklicher.  In  meinem  Innern  empfand  ich  eine  ge- 
waltige Unruhe;  ein  Strom  ungeordneter  Vorstellungen  wirbelte  in 
mir  herum,  ich  fühlte  mich  losgelöst  von  allen  Pflichten,  und  das  Ge- 
fühl einer  mir  unbekannten  doch  nicht  unschuldigen  Freiheit  erfüllt 
meine  Seele.  Vom  ersten  Augenblicke  dieses  neuen  Lebens  an  er- 
kannte ich,  daß  ich  schlechter  geworden  sei,  zehnmal  schlechter  als 
zuvor.  Ich  war  der  Sklave  meiner  bösen  Leidenschaften;  allein  dieser 
Gedanke  beglückte  und  berauschte  mich  in  diesem  Augenblick.  Im 
Gefühl  dieser  seelischen  Frische  breitete  ich  die  Arme  aus  und  merkte 
plötzlich,  daß  ich  kleiner  geworden  war. 

Damals  stand  in  meinem  Zimmer  noch  kein  Spiegel;  der  jetzt  - da  ich 
dies  schreibe  - hier  steht,  wurde  erst  später  und  eben  wegen  dieser 
Verwandlungen  hierhergebracht.  Die  Nacht  wurde  zum  Morgen  und 
auch  dieser  wurde,  so  düster  er  auch  war,  beinahe  schon  zum  Tage; 
doch  alle  Bewohner  des  Hauses  lagen  noch  in  tiefem  Schlaf. 

Von  Hoffnung  geschwellt  und  in  dem  Gefühl,  gesiegt  zu  haben,  ent- 
schloß ich  mich  zu  dem  Wagnis,  in  dieser  neuen  Gestalt  bis  in  mein 
Schlafzimmer  zu  gehen.  Ich  eilte  durch  den  Garten,  wobei  der  Him- 
mel, wie  es  mir  schien,  verwundert  auf  mich  niedersah.  Ich  schlich, 
ein  Fremder  in  meinem  eigenen  Haus,  durch  die  Gänge,  und  als  ich 
mein  Zimmer  betrat,  sah  ich  im  Spiegel  zum  erstenmale  die  Gestalt 
Edward  Hydes. 

Ich  kann  darüber  nur  theoretisch  sprechen  und  nicht  etwas  Sicheres 
behaupten,  sondern  nur  sagen,  was  ich  für  das  Wahrscheinlichste  hal- 
te. Die  schlechtere  Hälfte  meines  Wesens,  auf  die  ich  ja  diese  neuent- 
deckte Kraft  verwandt  hatte,  war  weniger  kräftig  und  entwickelt  als 
die  gute,  die  ich  soeben  verlassen  hatte.  Im  Laufe  meines  Lebens,  das 
trotz  allem  durch  Jahrzehnte  hindurch  ein  unaufhörliches  Arbeiten 
der  Tugend  und  der  Selbstzucht  gewesen  ist,  war  das  Schlechte  nicht 


240 


Henry  Jekylk  vollständige  Erklärung 


r 

so  ausgebildet,  doch  auch  nicht  so  erschöpft  gewesen.  Das  war,  glaube 
ich,  der  Grund,  warum  Edward  Hyde  um  soviel  kleiner,  schmächtiger 
und  jünger  war  als  Henry  Jekyll.  Wie  das  Gute  aus  dem  Antlitz  des 
einen  Wesens  leuchtete,  so  war  aus  den  Zügen  des  anderen  klar  und 
unverkennbar  die  Bosheit  zu  lesen.  Das  Böse,  das,  wie  ich  heute  noch 
glaube,  der  sterbliche  Teil  des  Menschen  ist,  hatte  seinen  Körper  ver- 
unstaltet. Denn  noch  besah  ich  das  Ungeheuer  im  Spiegel  nicht  mit 
Widerwillen,  sondern  hieß  es  sogar  willkommen.  Denn  auch  dieses 
war  ich  ja  selbst.  Es  schien  mir  ganz  natürlich  und  menschlich.  Mei- 
nen Augen  erschien  das  andere  Wesen  lebhafteren  Geistes  zu  sein 
auch  charakteristischer  und  in  sich  abgeschlossener  als  das  ausdrucks- 
lose und  doppelte  Wesen,  das  bisher  mein  eigenes  Wesen  war. 

Solange  ich  Edward  Hyde  war,  bemerkte  ich,  daß  jeder  Mensch,  bei 
der  ersten  Begegnung  mit  mir  ein  unwillkürliches  Grauen  empfand. 
Dies  kam,  wie  ich  annehme,  daher,  daß  alle  Menschen,  mit  denen  ich 
in  Berührung  kam,  ebenfalls  aus  einem  guten  und  einem  bösen  We- 
sen bestehen.  Dieser  Edward  Hyde  aber  war  der  einzige  Mensch  auf 
der  Welt,  der  wirklich  nur  aus  Bösem  bestand. 

Ich  blieb  nur  einige  Augenblicke  vor  dem  Spiegel  stehen,  denn  das 
zweite  und  wichtigere  Experiment  mußte  noch  ausgeführt  werden. 
Ich  mußte  wissen,  ob  meine  Persönlichkeit  ganz  verloren  gegangen 
war  und  ob  ich  deshalb  bis  Morgengrauen  aus  meinem  Haus,  das  ja 
dann  nicht  länger  mein  eigenes  war,  fliehen  mußte.  Ich  eilte  in  mein 
Arbeitszimmer  zurück,  braute  und  trank  noch  einmal  diese  Mixtur, 
machte  wieder  die  gleichen  Qualen  der  Auflösung  durch  und  erwach- 
te mit  der  Persönlichkeit,  der  Gestalt  und  den  Gesichtszügen  Henry 
Jekylls. 

ln  dieser  Nacht  war  ich  an  dem  verhängnisvollen  Scheidewege  ange- 
langt. Es  hätte  alles  anders  kommen  können  und  ich  wäre  aus  diesen 
Qualen  des  Todes  und  der  Wiedergeburt  als  Engel  statt  als  Teufel  neu 
erstanden,  hätte  ich  meine  Entdeckung  in  einem  edleren  Sinne  weiter 
verfolgt  und  meine  Versuche  unter  einem  besseren  und  gläubigeren 
Stern  ausgeführt.  Das  Getränk  selbst  war  neutral;  es  war  an  sich  we- 
der teuflisch  noch  göttlich.  Es  erschütterte  gleichsam  nur  die  Türen 
meines  Gefängnisses.  Zu  dieser  Zeit  schlief  meine  Tugend;  das  Böse 
in  mir,  durch  Ehrgeiz  erweckt,  lauerte  und  ergriff  gerne  und  rasch  die 
Gelegenheit;  und  das  Wesen,  das  dadurch  entstand,  war  Edward 
Hyde.  Wenngleich  ich  von  nun  an  zwei  Charaktere  und  zwei  Gestal- 
ten besaß,  so  war  mein  eines  Wesen  vollkommen  böse,  das  andere 


241 


Robert  Louis  Stevenson 


aber  blieb  der  alte  Henry  Jekyll,  jenes  völlig  ungereimte  Gebilde,  an 
dessen  Veredlung  und  Besserung  ich  bereits  längst  verzweifelt  war. 
Mein  Werk  war  also  ganz  nach  der  bösen  Seite  geraten. 

Sogar  zu  jener  Zeit  hatte  ich  meine  Abneigung  gegen  das  nüchterne 
Leben  des  Gelehrten  noch  nicht  ganz  überwunden.  Ich  war  bisweilen 
noch  genußsüchtig,  und  meine  Verfügungen  waren  zum  mindesten 
nicht  ehrbar.  Da  ich  nicht  nur  sehr  bekannt  und  geachtet  war,  son- 
dern auch  schon  zu  den  älteren  Herrn  gezählt  wurde,  so  waren  mir 
diese  Widersprüche  in  meinem  Leben  täglich  unwillkommener.  Hier 
trat  die  Versuchung  durch  die  von  mir  entdeckte  neue  Macht  an  mich 
heran,  bis  ich  ihr  verfiel.  Ich  brauchte  ja  nur  das  Mittel  zu  trinken,  um 
sogleich  die  Gestalt  des  berühmten  Professors  schwinden  zu  sehen 
und  mich  wie  mit  einem  dicken  Mantel  mit  dem  Körper  Edward 
Hydes  zu  umgeben.  Als  ich  daran  dachte,  lachte  ich.  Es  erschien  mir 
manchmal  geradezu  humoristisch,  und  ich  traf  meine  Vorkehrungen 
mit  der  größten  Sorgfalt.  Ich  mietete  und  richtete  jenes  Haus  in  Soho 
ein,  wo  Hyde  durch  die  Pohzei  gesucht  wurde.  Als  Wirtschafterin 
nahm  ich  eine  Person,  von  der  ich  wohl  wußte,  daß  sie  verschwiegen 
und  gewissenlos  sei.  Überdies  sagte  ich  meinen  Dienstboten,  daß  ein 
Mr.  Hyde,  den  ich  ihnen  beschrieb,  in  meinem  Hause  tun  und  lassen 
könne,  was  er  wollte.  Um  jedem  Mißverständnis  vorzubeugen,  kam 
ich  sogar  manchmal  in  meiner  zweiten  Gestalt  zu  Besuch,  so  daß  die 
Leute  im  Haus  mich  genau  kannten.  Zunächst  verfaßte  ich  jenes  Te- 
stament, über  das  Du  so  böse  warst,  damit,  wenn  mir  als  Dr.  Jekyll 
etwas  zustieße,  ich  ohne  einen  materiellen  Verlust  als  Edward  Hyde 
weiterleben  könnte.  Nachdem  ich  mich  so  nach  allen  Seiten  gesichert 
hatte,  begann  ich  aus  den  seltsamen  Vorrechten  meiner  Lage  Nutzen 
zu  ziehen. 

Es  hat  früher  Männer  gegeben,  die  sich  Schurken  mieteten,  die  ihre 
Verbrechen  ausführen  mußten,  während  ihre  eigene  Person  und  ihr 
Ruf  ungefährdet  blieben.  Ich  aber  war  der  erste,  der  das  Gleiche  tat, 
um  seinen  Lastern  nachzugehen,  der  erste,  der  sich  in  dem  einen  Au- 
genblick als  ein  ehrlicher  Mann  zeigen  konnte,  um  im  nächsten  gleich 
einem  Schuljungen  diese  Fesseln  abzuwerfen  und  die  Freiheit  in  vol- 
len Zügen  zu  genießen. 

Ich  war  in  dieser  unkenntlichen  Maske  vollkommen  sicher.  Überlege 
Dir  doch  nur,  daß  ich  ja  nicht  einmal  wirklich  existierte.  Ich  brauchte 
nichts  anderes  zu  tun,  als  mich  hinter  die  Tür  meines  Laboratoriums 
zurückzuziehen;  in  ein  bis  zwei  Minuten  konnte  ich  meine  Mixtur,  die 


242 


Henry  Jekylk  vollständige  Erklärung 


stets  bereit  stand,  mischen  und  austrinken;  was  auch  immer  Hyde 
verbrochen  haben  mochte,  es  sank  doch  in  ein  Nichts  zusammen  wie 
der  Hauch  auf  einem  Spiegel. 

An  seiner  Stelle  saß  seelenruhig  ein  Mann  um  Mitternacht  bei  der 
Lampe  über  seinen  Studien,  ein  Mann,  der  über  jeden  Verdacht  er- 
haben lachen  konnte:  Henry  Jekyll. 

Die  Freuden,  denen  ich  in  meiner  Maske  nachging,  waren,  wie  ich 
bereits  sagte,  meiner  Stellung  unwürdig;  aber  in  der  Gestalt  Edward 
Hydes  wurden  sie  bald  zu  Verbrechen.  Kehrte  ich  von  solchen  Ausflü- 
gen heim,  so  wunderte  ich  mich  hinterher  oft  selbst  über  die  Schlech- 
tigkeit meines  Stellvertreters.  Jener  dienende  Geist,  den  ich  aus  mei- 
ner Seele  herauflaeschwor  und  ausschickte,  war  durchaus  schlecht 
und  böse;  sein  ganzes  Handeln  und  seine  Gedanken  drehten  sich  nur 
um  seine  eigene  Person;  an  den  Qualen  anderer  fand  er  in  tierischer 
Lust  sein  Vergnügen  und  war  hartherzig  wie  ein  Stein. 

Bisweilen  war  Henry  Jekyll  über  die  Taten  Edward  Hydes  entsetzt, 
aber  dieser  stand  so  gänzlich  außerhalb  des  Gesetzes,  daß  diese  Tatsa- 
che sein  Gewissen  beruhigte.  Es  war  ja  schließlich  Hyde  und  nur 
Hyde  allein,  der  alle  Schuld  trug.  Jekyll  selbst  war  nicht  schlechter 
geworden,  er  erwachte  stets  unverändert  mit  allen  seinen  guten  Ei- 
genschaften und  bemühte  sich  sogar  nach  Möglichkeit,  das  Böse,  das 
Hyde  verbrochen  hatte,  wiedergutzumachen.  Das  schläferte  sein  Ge- 
wissen ein. 

Auf  die  Einzelheiten  der  Verbrechen,  die  ich  auf  diese  Weise  duldete 
- denn  selbst  jetzt  kann  ich  noch  nicht  zugeben,  daß  ich  sie  selbst 
beging  - will  ich  mich  nicht  weiter  einlassen.  Ich  möchte  nur  von  den 
Warnungen  erzählen  und  berichten,  wie  auch  meine  Strafe  sich  all- 
mählich vorbereitete.  Eine  Grausamkeit,  die  ich  an  einem  Kinde  ver- 
übte, erregte  den  Zorn  eines  zufällig  Vorübergehenden,  den  ich  am 
nächsten  Tage  als  einen  Deiner  Bekannten  erkannte.  Der  Arzt  und 
die  Angehörigen  des  Kindes  nahmen  für  ihn  Partei;  eine  Weile  fürch- 
tete ich  sogar  für  mein  Leben,  und  schließlich  mußte  Hyde,  um  ihre 
nur  allzu  gerechte  Entrüstung  zu  beschwichtigen,  sie  zu  jener  Tür 
führen  und  ihnen  einen  auf  den  Namen  Henry  Jekyll  lautenden 
Scheck  ausstellen.  Für  die  Zukunft  war  diese  Gefahr  leicht  zu  bannen, 
weil  ich  auf  Edward  Hydes  Namen  bei  einer  Bank  ein  Konto  eröffnet 
hatte. 

Ungefähr  zwei  Monate  vor  dem  Mord  an  Sir  Danvers,  als  ich  wieder 
auf  einem  meiner  Abenteuer  gewesen  und  spät  nach  Hause  gekom- 


243 


Robert  Louis  Stevenson 


men  war,  erwachte  ich  am  nächsten  Tage  mit  einem  merkwürdigen 
Gefühl.  Ich  sah  mich  ratlos  um,  erkannte  die  vornehme  Zimmerein- 
richtung meines  Hauses,  betrachtete  die  Bettvorhänge  und  das  Ma- 
hagonigetäfel und  es  schien  mir,  als  wäre  ich  nicht  dort  erwacht,  wo 
ich  mich  befand,  sondern  in  dem  viel  kleineren  Zimmer  in  Soho,  wo 
ich  gewohnt  war,  in  dem  Körper  Edward  Hydes  zu  schlafen.  Ich  lach- 
te über  mich  selbst,  grübelte  über  dieses  psychologische  Rätsel  nach 
und  verfiel  darüber  wieder  in  einen  angenehmen  Halbschlummer.  So 
lag  ich  da,  als  mein  Blick  auf  meine  Hand  fiel.  Wie  Du  oft  bemerkt 
haben  wirst,  war  die  Hand  Henry  Jekylls  nach  Form  und  Gestalt,  wie 
es  mein  Beruf  mit  sich  bringt,  groß  und  fest,  doch  weiß  und  wohlge- 
staltet, während  die  auf  der  Bettdecke  ruhende  Hand,  die  ich  trotz 
der  fahlen  Beleuchtung  eines  londoner  Morgens  deutlich  erkennen 
konnte,  mager,  rauh  und  knochig,  bräunlich  und  stark  mit  Haaren 
bewachsen  war.  Es  war  die  Hand  Edward  Hydes. 

Etwa  eine  halbe  Minute  starrte  ich  dieses  Wunder  an,  dann  durchfuhr 
mich  ein  tödlicher  Schreck,  ich  sprang  aus  dem  Bett  und  lief  zum 
Spiegel.  Bei  dem  Anblick,  der  sich  mir  nun  bot,  überlief  es  mich  eis- 
kalt. Als  Henry  Jekyll  war  ich  schlafen  gegangen,  als  Edward  Hyde 
war  ich  aufgewacht.  »Wie  war  das  zu  erklären?«  so  fragte  ich  mich 
dann  mit  einem  neuen  Schrecken.  »Wie  konnte  es  wieder  gut  ge- 
macht werden?«  Es  war  schon  spät  am  Morgen,  die  Dienstboten 
längst  auf,  alle  meine  Geheimmittel  waren  im  Arbeitsraum  und  bis 
dorthin  führte  ein  weiter  Weg,  zwei  Treppen  hinunter,  durch  den  hin- 
tern Durchgang  über  den  offenen  Hof  und  durch  den  anatomischen 
Hörsaal.  Ich  konnte  wohl  mein  Gesicht  verhüllen,  aber  was  nutzte 
mir  das,  da  ja  auch  meine  Gestalt  verändert  war.  Aber  dann  erinnerte 
ich  mich,  daß  ja  meine  Dienerschaft  schon  daran  gewöhnt  war,  mich 
in  dieser  zweiten  Gestalt  ein-  und  ausgehen  zu  sehen.  Ich  zog  mich 
darauf,  so  gut  es  ging,  an,  durcheilte  schnell  das  Haus,  wo  Bradshaw 
mich  anstarrte  und  erschreckt  zurücksprang  und  sich  wohl  wunderte, 
Mr.  Hyde  zu  so  ungewohnter  Stunde  und  dazu  in  diesem  Aufzug  zu 
sehen.  Zehn  Minuten  später  saß  Dr.  Jekyll  in  seiner  wirklichen  Gestalt 
in  böser  Laune  beim  Frühstück.  Mein  Appetit  war  allerdings  ge- 
ring. 

Dieser  unerklärliche  Vorfall,  der  alle  meine  bisherigen  Erfahrungen 
umstürzte,  schien  mir,  gleich  dem  babylonischen  Finger  auf  der 
Wand,  mein  Urteil  zu  verkünden.  Ernsthafter  als  sonst  dachte  ich 
über  die  Folgen  nach,  die  dieses  Doppelleben  für  mich  haben  konnte. 


244 


Henry  Jekylk  volktändige  Erklärung 


Der  Teil  meiner  selbst,  der  durch  meine  Macht  hervorgebracht  wer- 
den konnte,  war  in  der  letzten  Zeit  allzusehr  geübt  und  verwöhnt 
worden;  es  schien  mir  auch,  als  hätte  Edward  Hyde  an  Körper  zuge- 
nommen, und  ich  glaubte,  wenn  ich  dessen  Gestalt  annahm,  mein 
Blut  auch  kräftiger  durch  die  Adern  strömen  zu  spüren.  Ich  fing  an, 
die  Gefahr  zu  ahnen,  daß  meine  eigentliche  Natur  völlig  unterliegen 
würde,  wenn  es  noch  lange  so  weiter  ginge;  daß  die  Macht  der  freiwil- 
ligen Verwandlung  von  mir  genommen  werden  könnte  und  ich  dann 
ganz  Edward  Hyde  bleiben  müßte.  Auch  schien  die  Wirkung  der 
Mixtur  nicht  immer  die  gleiche  zu  sein;  einmal  ziemlich  zu  Anfang 
war  mir  die  Sache  ganz  mißglückt.  Von  da  ab  mußte  ich  die  Dosie- 
rung verdoppeln  und  einmal,  was  mit  der  größten  Todesgefahr  ver- 
bunden war,  sogar  verdreifachen.  Diese  Unregelmäßigkeiten  hatten 
bisher  alle  meine  Freuden  getrübt.  Gelegentlich  dieses  Vorfalls  mach- 
te ich  die  Wahrnehmung,  daß  während  anfangs  die  Schwierigkeit 
daran  lag,  den  Körper  des  Dr.  Jekyll  abzulegen,  nun  das  Umgekehrte 
der  Fall  war.  Dies  alles  sprach  dafür,  daß  ich  nach  und  nach  mein 
besseres  Ich  verlor  und  allmählich  ganz  zu  meinem  andern  und  bösen 
Wesen  wurde. 

Ich  fühlte,  daß  ich  nun  zwischen  diesen  beiden  Naturen  wählen  muß- 
te. Meine  beiden  Wesen  hatten  das  gleiche  Gedächtnis,  aber  alle  an- 
dern Funktionen  waren  verschieden.  Jekyll,  der  zuweilen  sehr  zart  zu 
empfinden  vermochte,  dann  aber  wieder  sich  lüsternen  Begierden 
hingab,  entwarf  und  teilte  die  Vergnügungen  und  Abenteuer  Hydes. 
Hyde  aber  hatte  keinerlei  Interesse  für  Jekyll  oder  er  erinnerte  sich 
seiner  nur,  wie  der  Räuber  sich  der  Höhle  erinnert,  die  ihm  bei  der 
Verfolgung  Unterschlupf  gewährt.  Jekyll  hatte  mehr  das  Interesse  ei- 
nes Vaters.  Hyde  wiederum  w'ar  gleichgültiger  als  ein  Sohn.  Wollte 
ich  ganzjekyll  werden,  so  hieß  das,  allen  diesen  Reizen  zu  entsagen, 
denen  ich  mich  seit  langem  heimlich  hingegeben  und  die  ich  in  der 
letzten  Zeit  auch  in  vollen  Zügen  genossen  hatte.  Ganz  Hyde  zu  wer- 
den aber  hieß,  auf  alle  meine  Bestrebungen  und  Interessen  zu  ver- 
zichten und  fortan  als  ein  Verachteter  ohne  Freunde  in  dieser  Welt  zu 
leben.  Die  Vorteile  mögen  ungleich  erscheinen,  aber  etwas  anderes 
gab  den  Ausschlag.  Während  Jekyll  unter  den  sich  selbst  auferlegten 
Entsagungen  litte,  wäre  sich  Hyde  dessen,  was  er  verloren  hätte,  gar 
nicht  bewußt.  So  seltsam  nun  meine  Lage  war,  so  war  das  Ergebnis 
etwas  ganz  Alltägliches;  dieselben  Entschlüsse,  die  jeder  reumütige 
Sünder  faßt,  der  der  Versuchung  erliegt,  gewannen  bei  mir  die  Ober- 


245 


Robert  Imm  Stevenson 


hand.  Es  erging  mir  wie  den  meisten  Menschen:  ich  erwählte  den 
besseren  Teil,  hatte  aber  nachher  nicht  die  Kraft,  gut  zu  bleiben. 

Ja,  ich  gab  dem  alternden,  unbefriedigten  Doktor,  der,  umgeben  von 
seinen  Freunden,  ehrliche  Hoffnungen  hegte,  den  Vorzug  und  sagte 
der  Freiheit,  der  zügellosen  Jugend,  den  heimlichen  Vergnügungen, 
deren  ich  mich  in  der  Gestalt  Hydes  erfreut  hatte,  ein  entschiedenes 
Lebewohl.  Ich  traf  diese  Wahl  vielleicht  mit  einem  mir  unbewußten 
Vorbehalt  und  gab  weder  das  Haus  in  Soho  auf,  noch  vernichtete  ich 
die  Kleider  Hydes,  die  noch  in  meinem  Arbeitszimmer  lagen. 
Doch  blieb  ich  zwei  Monate  lang  meinem  Entschluß  treu;  führte  die- 
se zwei  Monate  hindurch  ein  ernsteres  und  geordneteres  Leben 
als  je  zuvor  und  erfreute  mich  des  besten  Gewissens.  Aber  die 
Zeit  verscheuchte  meine  Befürchtungen;  es  ergriff  mich  ein  Sehnen 
und  Verlangen,  als  dränge  Hyde  nach  Freiheit,  und  schließlich  braute 
ich  in  einer  schwachen  Stunde  wieder  die  geheimnisvolle  Mischung 
und  trank  sie. 

Unter  tausenden  erkennt  wohl  kaum  ein  Säufer,  wenn  er  mit  sich 
selbst  über  seine  Laster  abrechnet,  die  Gefahren,  denen  er  sich  durch 
seine  rohen  Ausschweifungen  aussetzt;  ebensowenig  hatte  ich,  so  oft 
ich  auch  schon  meine  Lage  durchdacht  hatte,  das  Fehlen  jedes 
moralischen  Halts  und  die  Bereitwilligkeit  zu  allem  Bösen,  das  den 
Charakter  Edward  Hydes  ausmachte,  erkannt.  Und  doch  sollte  ich 
gerade  dadurch  gestraft  werden.  Der  Teufel  in  mir  war  lange  genug 
gefesselt  gewesen,  jetzt  trat  er  wie  ein  brüllender  Löwe  hervor.  Als  ich 
den  Trank  nahm,  fühlte  ich  eine  noch  weit  ungezügeltere  Neigung 
zum  Bösen  als  je  vorher.  So  mag  die  unselige  Ungeduld  in  meiner 
Seele  entstanden  sein,  mit  der  ich  auf  die  höfliche  Anrede  eines  un- 
glücklichen Opfers  hörte.  Ich  erkläre  wenigstens,  daß  wahrhaftig  kein 
Mensch,  der  seines  Verstandes  mächtig  ist,  ein  so  schweres  Verbre- 
chen aus  einem  so  unbedeutenden  Anlaß  hätte  vollbringen  können 
und  daß  ich  ebenso  überlegt  zuschlug,  wie  ein  krankes  Kind,  das  seine 
Spielsachen  zertritt.  Aber  ich  hatte  mich  freiwillig  aller  dieser  Hem- 
mungen beraubt,  durch  die  sonst  sogar  sehr  böse  Menschen  in  den 
Stand  gesetzt  werden,  den  Versuchungen  einigermaßen  aussichtsvoll 
zu  begegnen;  aber  in  meiner  Lage  war  die  Versuchung  gleichbedeu- 
tend mit  dem  Unterliegen. 

Der  böse  Geist  in  mir  erwachte  sofort  zu  voller  Wut.  Mit  einer  wahren 
Wollust  mißhandelte  ich  den  wehrlosen  Körper;  jeder  einzelne 
Schlag  war  für  mich  eine  Freude,  und  erst  als  ich  müde  wurde,  erfaßte 


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Henry  Jekylls  vollständige  Erklärung 


mich  ein  plötzliches  Entsetzen.  Ich  sah  mein  Leben  verloren,  ich  floh 
von  dem  Schauplatz  der  Tat,  indem  ich  zugleich  triumphierte  und 
zitterte;  mein  Durst  nach  dem  Bösen  war  befriedigt  und  gestillt,  je- 
doch mein  Leben  war  in  größter  Gefahr.  Ich  lief  nach  dem  Haus  in 
Soho,  und  um  ganz  sicher  zu  sein,  vernichtete  ich  meine  Papiere. 
Dann  ging  ich  durch  die  hellerleuchteten  Straßen  weiter  und  war 
noch  immer  in  derselben  zwiespältigen  Stimmung,  in  der  ich  noch 
Gefallen  an  meinem  Verbrechen  fand  und  leichten  Herzens  andere 
für  die  Zukunft  erfand;  doch  zugleich  eilte  ich  so  schnell  ich  konnte 
vorwärts,  um  einer  Verfolgung  zu  entgehen.  Hyde  hatte  noch  ein  Lied 
auf  den  Lippen,  als  er  den  Trank  mischte,  und  trank  dem  Ermorde- 
ten zu. 

Kaum  waren  die  Qualen  der  Verwandlung  vorüber,  als  Henry  Jekyll 
voll  Dankbarkeit  und  Reue  in  die  Knie  sank  und  seine  Hände  betend 
zu  Gott  erhob.  Der  Schleier  des  Selbstbetrugs  zerriß,  und  ich  sah 
mein  Leben  als  ein  Ganzes  vor  mir.  Ich  verfolgte  seinen  Lauf  von  den 
Tagen  der  Kindheit  an,  da  ich  noch  von  meinem  Vater  an  der  Hand 
geführt  wurde,  und  dann  weiter  durch  alle  Handlungen  der  Selbstver- 
leugnung, die  mein  Beruf  mit  sich  bringt,  um  dann  wieder  mit  jenem 
Schreckensabend  zu  enden.  Ich  hätte  laut  aufschreien  können,  mit 
Tränen  und  Gebeten  versuchte  ich  die  furchtbare  Stimme,  mit  der 
mein  Gedächtnis  zu  mir  redete,  zu  übertönen  und  zu  dämpfen,  den- 
noch sah  selbst  in  meine  Gebete  das  fratzenhafte  Gesicht  meiner 
Schlechtigkeit  herein. 

Als  die  Heftigkeit  der  Gewissensbisse  abnahm,  folgte  ein  Gefühl  der 
Freude,  denn  jetzt  lag  der  Weg  klar  vor  mir.  Hyde  hatte  sich  nun  un- 
möglich gemacht;  ob  ich  wollte  oder  nicht,  ich  war  nun  mit  meinem 
bessern  Teil  unlösbar  verbunden.  O wie  freute  ich  mich!  Lind  mit  wel- 
cher Demut  und  Bereitwilligkeit  fügte  ich  mich  von  Neuem  in  die 
Schranken  des  natürlichen  Lebens.  Wie  aufrichtig  war  doch  die  Ent- 
sagung, mit  der  ich  die  Tür  verschloß,  durch  die  ich  so  oft  ein-  und 
ausgegangen  war;  den  Schlüssel  warf  ich  zu  Boden  und  zertrat  ihn 
mit  den  Füßen. 

Am  nächsten  Tage  hörte  ich  die  Nachricht,  daß  der  Mord  beobachtet 
worden  sei,  daß  die  Schuld  Hydes  aller  Welt  bekannt  sei  und  das  Op- 
fer eine  von  allen  hochgeachtete  Persönlichkeit  wäre.  Ich  war  froh, 
das  zu  erfahren  und  zugleich  zu  hören,  daß  auf  diese  Weise  mein 
besseres  Selbst  gestärkt  wurde  und  vor  dem  Schrecken  des  Schafotts 
bewahrt  war.  Nun  war  Jekyll  meine  einzige  Zuflucht;  Hyde  brauchte 


247 


Robert  Louis  Stevenson 


sich  nur  einen  Augenblick  sehen  zu  lassen  und  alle  Hände  würden 
sich  gegen  ihn  erheben,  um  ihn  zu  ergreifen  oder  zu  töten. 

Durch  mein  künftiges  Leben  wollte  ich  das  Geschehene  wiedergut- 
machen; und  ich  kann  wohl  sagen,  dtiß  mir  das  auch  einigermaßen 
gelang.  Du  weißt  ja  selbst,  wie  ich  mich  in  den  letzten  Monaten  des 
verflossenen  Jahres  bemühte,  die  Leiden  meiner  Mitmenschen  zu 
mildern.  Du  weißt,  daß  ich  sehr  viel  für  andere  tat  und  daß  mir  die 
Tage  ruhig,  ja  beinahe  glücklich  verliefen.  Ich  kann  auch  nicht  sagen, 
daß  dieses  Leben  voll  Wohltaten  mir  überdrüssig  geworden  wäre;  ich 
freute  mich  im  Gegenteil  täglich  mehr  daran.  Allein  ich  litt  noch  im- 
mer unter  dem  Fluch  eines  Doppelwesens,  und  das  Böse  in  mir,  das 
solange  gefesselt  war,  rang  nach  Freiheit.  Ich  wollte  nicht  etwa  wieder 
die  Gestalt  Hydes  annehmen  — der  Gedanke  allein  machte  mich 
schaudern  -,  nein,  der  Grund,  daß  ich  versucht  wurde  gegen  das  gute 
Gewissen  zu  handeln,  lag  in  mir  selbst,  und  schließlich  unterlag  ich 
wie  irgendein  gewöhnlicher  Sünder. 

Jede  Sache  erreicht  schließlich  ihr  Ende,  und  das  größte  Gefäß  läuft 
einmal  über;  dieser  plötzhche  Umschwung  zerstörte  mein  inneres 
Gleichgewicht.  Doch  noch  beunruhigte  mich  das  nicht;  alles  schien  so 
natürlich  wie  in  jenen  alten  Tagen,  da  ich  meine  Entdeckung  noch 
nicht  gemacht  hatte.  Es  war  ein  schöner  klarer  Tag  im  Monat  Januar, 
und  da  der  Frost  gebrochen  war,  so  war  es  feucht;  doch  war  der  Him- 
mel wolkenlos,  der  Regent-Park  bot  zugleich  ein  winterliches  Bild  und 
war  doch  schon  von  milden  Frühlingslüften  durchweht.  Ich  saß  in  der 
Sonne  auf  einer  Bank,  das  Tierische  in  mir  versuchte  mich,  und  die 
reineren  Gefühle  schlummerten;  nach  alledem  war  ich  überzeugt, 
daß  ich  meinen  Nächsten  ähnlich  war  und  ich  lächelte,  als  ich  mich 
mit  andern  Menschen  verglich.  Um  wievieles  besser  war  ich,  der  ich 
meinen  guten  Willen  auch  durch  Taten  bewies,  als  jene,  die  in  den 
Tag  hineinlebten  und  deren  Nachlässigkeit  oft  an  Faulheit,  ja  selbst  an 
Grausamkeit  grenzt. 

In  diesem  Augenblick  der  Selbstverherrlichung  erfaßte  mich  Todes- 
angst und  Grauen;  doch  war  das  bald  vorüber  und  ich  fiel  in  Ohn- 
macht. Als  ich  wieder  erwachte,  war  eine  Veränderung  in  meinem 
Innern  vor  sich  gegangen;  ich  fühlte  mich  gehobener,  verachtete  die 
Gefahr  und  fühlte  mich  frei  von  allen  Pflichten.  Ich  sah  an  mir  nieder; 
die  Kleidungsstücke  hingen  formlos  um  meine  zusammenge- 
schrumpften Glieder;  die  auf  meinen  Knien  ruhende  Hand  war  rauh 
und  behaart.  Ich  war  wieder  einmal  Edward  Hyde.  Noch  kurz  zuvor 


248 


Henry  JekyUs  vollständige  Erklärung 


erfreute  ich  mich  der  Achtung  aller  Menschen,  war  reich  und  beliebt 
- zu  Hause  wartete  das  Mittagessen  auf  mich,  und  nun  war  ich  der 
Abscheu  der  Menschheit,  verfolgt  und  heimatlos,  ein  bekannter  Mör- 
der und  reif  für  den  Galgen. 

Meine  Sinne  taumelten,  aber  verließen  mich  nicht  ganz.  Ich  hatte 
schon  mehr  als  einmal  bemerkt,  daß  ich  in  meiner  zweiten  Gestalt 
meine  geistigen  Fähigkeiten  mehr  zu  konzentrieren  verstand.  Daher 
kam  es  auch,  daß  dort,  wo  Jekyll  in  entscheidenden  Augenblicken  den 
Kopf  hängen  ließ,  Hyde  ihn  aufrecht  trägt.  Meine  Geheimmittel  be- 
fanden sich  in  einem  der  Wandschränke  meines  Arbeitsraums.  Wie 
konnte  ich  zu  ihnen  gelangen?  Das  war  das  Rätsel,  das  ich,  den  Kopf 
in  die  Hände  stützend,  zu  lösen  versuchte. 

Die  Türe  des  Laboratoriums  hatte  ich  versperrt;  betrat  ich  mein 
Haus,  so  würden  mich  meine  eigenen  Diener  an  den  Galgen  schlep- 
pen. Ich  begriff,  daß  mir  dies  nur  mit  Hilfe  einer  zweiten  Person  gelin- 
gen könnte  und  dachte  dabei  an  Lanyon.  Aber  wie  konnte  ich  ihn 
erreichen?  Wie  ihn  dazu  überreden?  Wie  sollte  ich  selbst,  wenn  ich 
mich  in  den  Straßen  der  Verfolgung  entzöge,  zu  ihm  gelangen?  Und 
wie  konnte  ich,  ein  ihm  ja  dann  unbekannter,  unwillkommener  Gast, 
den  berühmten  Physiker  überreden,  das  Arbeitszimmer  seines  Kolle- 
gen Dr.  Jekyll  zu  berauben?  Dann  aber  fiel  mir  ein,  daß  mir  von  mei- 
nem eigentlichen  Wesen  noch  die  Handschrift  geblieben  war;  und 
weil  mir  dieser  Hoffnungsstrahl  aufleuchtete,  so  lag  mit  einem  Mal 
der  Weg,  den  ich  einzuschlagen  hatte,  klar  vor  mir. 

Da  brachte  ich,  so  gut  es  ging,  meinen  Anzug  in  Ordnung,  rief  eine 
Droschke  an  und  fuhr  in  ein  Hotel  in  die  Portland  Straße,  dessen 
Name  mir  gerade  einfiel.  Der  Kutscher  konnte  beim  Anblick  meiner 
Erscheinung,  die  allerdings  belustigend  genug  war,  so  traurig  auch 
das  Los  dessen,  dem  sie  gehörte,  sein  mochte,  das  Lachen  nicht  unter- 
drücken. Ich  knirschte  vor  Wut  mit  den  Zähnen,  und  das  Lächeln 
verschwand  zu  seinem  Glück  - aus  seinem  Gesicht;  für  mich  war  es 
noch  ein  größeres  Glück,  denn  sonst  hätte  ich  ihn  im  nächsten  Au- 
genblick von  seinem  Sitz  gerissen  und  erwürgt.  Als  ich  in  das  Gast- 
zimmer trat,  sah  ich  mich  mit  einem  so  düstern  Blicke  um,  daß  die 
Kellner  darüber  erschraken;  in  meiner  Gegenwart  wagten  sie  einan- 
der nicht  anzusehen,  nahmen  still  meine  Befehle  entgegen,  führten 
mich  dann  in  ein  abseits  gelegenes  Zimmer  und  brachten  mir 
Schreibzeug.  Hyde  in  Lebensgefahr,  das  war  mir  ein  unbekanntes 
Gefühl;  er  fürchtete  sich,  er  war  als  Mörder  gezeichnet  und  dürstete 


249 


Robert  Louis  Stevenson 


doch  nach  neuen  bösen  Taten.  Doch  das  Geschöpf  war  schlau;  es 
unterdrückte  mit  aller  Gewalt  seine  Wut  und  schrieb  seine  beiden 
wichtigen  Briefe  an  Lanyon  und  Poole.  Um  ganz  sicher  zu  sein,  ließ  er 
sie  einschreiben. 

Dann  saß  er  den  ganzen  Tag  in  seinem  Zimmer,  kaute  an  den  Nägeln, 
nahm  sein  Mittagessen  ein  und  hatte  niemanden  zur  Gesellschaft  als 
die  Angst.  Die  Kellner  benahmen  sich  ihm  gegenüber  sichtlich  ge- 
drückt. Als  die  Nacht  hereinbrach,  nahm  er  einen  geschlossenen  Wa- 
gen und  ließ  sich  durch  alle  Straßen  der  Stadt  fahren. 

Ich  sage  stets  er,  denn  ich  kann  nicht  ich  sagen:  Jene  Höllengeburt 
hatte  kaum  etwas  Menschliches  an  sich;  in  diesem  Menschen  gab  es 
nichts  als  Furcht  und  Haß.  Schließlich  glaubte  er,  der  Kutscher  habe 
Verdacht  geschöpft,  entließ  deshalb  den  Wagen  und  wagte  es,  zu  Fuß 
weiter  zu  gehen.  Mit  seinen  schlechtsitzenden  Kleidern  zog  er  die 
Blicke  der  nächtlichen  Passanten  auf  sich,  indessen  in  seiner  Seele  die 
beide  früher  genannten  Leidenschaften  wie  ein  Sturmwind  tobten. 
Von  der  Furcht  gejagt,  schritt  er  eiligst  vorwärts,  sprach  mit  sich  selbst 
und  zählte,  durch  die  entlegensten  Gassen  gehend,  die  Minuten  bis 
Mitternacht.  Einmal  sprach  ihn  eine  Frau  an,  die  ihm,  wie  ich  glaube, 
eine  Schachtel  Streichhölzer  anbot;  er  warf  sie  ihr  ins  Gesicht  und 
lief  davon. 

Als  ich  zu  Lanyon  kam,  packte  mich  auf  das  tiefste  das  Entsetzen,  das 
meinen  alten  Freund  vor  mir  ergriff;  aber  es  war  nur  wie  ein  Tropfen 
im  Meer,  verglichen  mit  dem  Grauen,  das  ich  empfand,  wenn  ich  an 
die  letzten  Stunden  dachte.  In  meiner  Seele  war  eine  Veränderung 
vor  sich  gegangen.  Mich  quälte  nicht  länger  die  Angst  vor  dem  Gal- 
gen, sondern  der  Ekel,  Hyde  zu  sein.  Wie  im  Traum  horchte  ich  auf 
die  Strafpredigt  Lanyons,  kam  halb  träumend  nach  Hause  und  legte 
mich  zu  Bett.  Nach  den  Erlebnissen  dieses  Tages  verfiel  ich  in  einen 
festen  und  tiefen  Schlaf,  den  selbst  die  Schreckensbilder,  die  mich  um- 
schwebten, nicht  zu  stören  vermochten.  Am  andern  Morgen  fühlte 
ich  mich  schwach,  aber  dennoch  frischer.  Ich  fürchtete  und  haßte 
noch  immer  die  in  mir  schlummernde  Bestie  und  hatte  durchaus 
nicht  die  Gefahren  vergessen,  denen  ich  ausgesetzt  war;  aber  ich  war 
froh,  zu  Hause  und  in  der  Nähe  meiner  Geheimmittel  zu  sein.  Mein 
Herz  war  so  von  Dankbarkeit  erfüllt,  daß  ich  wieder  hoffte. 

Nach  dem  Frühstück  schlenderte  ich  im  Hofe  umher  und  freute  mich 
an  der  frischen  Luft,  als  ich  wieder  von  jenen  nicht  zu  beschreibenden 
Empfindungen  befallen  wurde,  die  stets  die  Wandlung  meines  Wesens 


250 


Henry  Jekylb  vollständige  Erklärung 


r 

ankündigten.  Ich  hatte  gerade  noch  Zeit,  in  mein  Arbeitszimmer  zu 
flüchten,  ehe  mich  wieder  die  wütenden  Leidenschaften  Hydes  befie- 
len. Diesmal  mußte  ich  die  doppelte  Dosis  nehmen,  um  mein  eigent- 
liches Wesen  wieder  zu  gewinnen  und  sechs  Stunden  später  saß  ich 
abermal  traurig  am  Feuer,  die  Schmerzen  kehrten  wieder  und  ich 
mußte  mein  Mittel  nochmals  anwenden. 

Kurzum,  ich  konnte  von  jenem  Tag  an  nur  noch  mit  größter  Anstren- 
gung, und  indem  ich  fortwährend  mein  Mittel  anwandte,  die  Gestalt 
Dr.  Jekylls  beibehalten.  Zu  allen  Tages-  und  Nachtzeiten  erfaßte  mich 
dieses  Grauen,  und  wenn  ich  nur  wenige  Minuten  schlief,  so  erwachte 
ich  stets  als  Hyde.  Durch  die  Anstrengung  und  die  Schlaflosigkeit 
magerte  ich  ab,  wie  vom  Fielter  verzehrt,  wurde  schwach  an  Geist 
und  Körper  und  hatte  nur  noch  einen  Gedanken:  die  Furcht  vor  dem 
bösen  Teil  meines  Ich.  Aber  im  Schlaf,  oder  wenn  die  Wirkung  des 
Mittels  nachließ,  wurde  ich  fast  unmerklich  (denn  die  Schmerzen  der 
Verwandlung  verschwanden  nach  und  nach)  zu  Mr.  Hyde.  Meine 
Fantasie  verfolgte  mich  mit  gespenstischen  Gestalten,  mein  Herz  war 
von  unbegreiflichem  Haß  erfüllt  und  der  Körper  schien  kaum  stark 
genug,  um  dies  alles  zu  ertragen.  Mit  Jekylls  Schwäche  wuchs  die 
Macht  Hydes.  Der  Haß,  der  diese  beiden  Wesen  voneinander  trenn- 
te, war  bei  beiden  gleich  groß.  Jekyll  hatte  nun  die  volle  Mißgestalt 
dieser  Kreatur,  die  ihm  bis  in  den  Tod  folgte,  und  zum  Teil  das  Be- 
wußtsein mit  ihm  teilte,  gesehen.  Über  dieses  Band  hinaus,  das  ihn 
vollkommen  zur  Verzweiflung  brachte,  dachte  er  an  Hyde,  nicht  nur 
als  an  etwas,  das  der  Hölle  entstammte,  sondern  hielt  ihn  auch  gera- 
dezu für  unorganisch.  Es  war  gräßlich,  daß  dieser  Unhold  Sprache 
und  Stimme  besaß  und  daß  dieses  unvollkommene  Gebilde  Mienen 
und  Gebärden  hatte,  ja  ihm  sogar  die  Macht  zu  sündigen  gegeben 
war. 

Und  dieses  Ungeheuer  war  mit  ihm  enger  verbunden  als  ein  Weib,  ja 
sogar  enger  als  sein  eigenes  Auge,  es  war  in  seinem  Fleisch,  er  fühlte, 
wie  es  sich  in  ihm  regte  und  nach  Geborenwerden  drängte.  In  jeder 
schwachen  Stunde,  im  leisesten  Schlaf,  stand  es  gegen  ihn  auf  und 
verdrängte  ihn  aus  dem  Leben.  Der  Haß  Hydes  gegen  Jekyll  war  an- 
derer Art.  Die  Angst  vor  dem  Galgen  drängte  ihn  dazu,  Jekyll  als  sein 
Versteck  zu  benutzen,  doch  er  fluchte  dieser  Notwendigkeit,  fluchte 
der  Abhängigkeit,  in  die  er  geraten  war  und  vergalt  den  Haß,  der  ihm 
entgegengebracht  wurde,  doppelt.  Daher  auch  die  Streiche,  die  er 
mir  spielte,  indem  er  Lästerungen  in  meiner  Handschrift  auf  die  Sei- 


251 


Robert  Louis  Stevenson 


ten  meiner  Bücher  schrieb,  diese  verbrannte  und  auch  das  BUd  mei- 
nes Vaters  vernichtete. 

Hätte  er  den  Tod  nicht  so  sehr  gefürchtet,  so  hätte  er  sich  getötet,  um 
auch  mich  zu  vernichten.  Aber  seine  Lust  am  Leben  war  erstaunlich, 
ja  noch  mehr  als  das;  ich,  der  ich  krank  bin  und  der  ich  bei  dem  blo- 
ßen Gedanken  an  ihn  friere,  ich  habe  Mitleid  mit  ihm,  wenn  ich  an 
dieses  leidenschaftliche  Anklammern  denke,  und  seine  Angst  sehe,  die 
ihn  befällt,  wenn  er  daran  denkt,  daß  ich  Selbstmord  begehen  könnte. 
Es  wäre  zwecklos,  und  es  fehlt  mir  auch,  so  furchtbar  das  ist,  die  Zeit, 
um  diesen  Bericht  fortzusetzen.  Es  mag  genügen,  daß  niemand  je  sol- 
che Leiden  ausgestanden  hat.  Und  selbst  diese  brachten  durch  die 
Gewohnheit  - nein,  ich  will  dieses  Wort  nicht  aussprechen  - eine  ge- 
wisse Unempfindlichkeit,  ein  Vertrautsein  mit  der  Verzweiflung  in 
meine  Seele,  und  meine  Strafe  hätte  wohl  noch  viele  Jahre  gedauert, 
wenn  nicht  jener  Umstand  eingetreten  wäre,  der  mich  nun  ganz  mei- 
nes eigentlichen  Wesens  und  meiner  Natur  beraubt. 

Mein  Vorrat  an  dem  notwendigen  Salz,  den  ich  nie  erneuert  hatte, 
ging  allmählich  zur  Neige.  Ich  ließ  mir  ein  frisches  Quantum  holen 
und  braute  die  Mixtur.  Die  Aufwallung  und  der  erste  Farbenwechsel 
erfolgten,  doch  schon  der  zweite  nicht  mehr;  ich  trank  alles  aus,  aber 
ohne  Erfolg,  Du  wirst  durch  Poole  erfahren,  wie  ich  in  ganz  London 
danach  suchen  ließ,  aber  vergebens.  Und  heute  bin  ich  überzeugt, 
daß  die  erste  Portion  chemisch  nicht  rein  war  und  eben  diese  mir  un- 
bekannte Unreinheit  der  Mischung  solche  Kraft  verlieh. 

Seither  ist  eine  Woche  vergangen  und  ich  schließe  meinen  Bericht, 
während  ich  unter  der  Wirkung  des  letzten  Restes  meines  alten  Mit- 
tels stehe.  Das  ist  also  das  letzte  Mal,  daß  Henry  Jekyll  seine  eigenen 
Gedanken  fassen  oder  sein  eigenes,  jetzt  so  trauriges  Gesicht  im  Spie- 
gel sehen  kann.  Noch  darf  ich  zögern,  dieses  Schreiben  zu  beenden. 
Denn  wenn  mein  Bericht  bisher  noch  der  Zerstörung  entging,  so  ver- 
danke ich  dies  dem  Zufall  und  meiner  Klugheit.  Überkäme  mich  die 
Verwandlung,  während  ich  schreibe,  so  würde  Hyde  alles  in  Stücke 
zerreißen.  Wenn  aber  einige  Zeit  darüber  vergangen  ist  und  ich  es 
beiseite  gelegt  habe,  so  hält  sein  wunderbarer  Trieb  der  Selbsterhal- 
tung und  die  Beschränkung  des  Augenblicks  ihn  wohl  nochmals  von 
dieser  Handlung  ab.  Und  in  der  Tat  hat  ihn  schon  das  Verderben,  das 
uns  beiden  droht,  ein  wenig  geändert  und  gebeugt. 

Wenn  eine  weitere  halbe  Stunde  vergeht,  so  weiß  ich,  daß  ich  wieder, 
und  diesmal  für  immer,  die  Gestalt  dieses  scheußlichsten  Wesens  an- 


252 


Kommentar 


genommen  haben  werde.  Dann  werde  ich  schauernd  und  weinend  in 
meinem  Stuhle  sitzen  oder  mit  der  gespanntesten  und  entsetzlichsten 
Aufmerksamkeit  in  diesem  Zimmer  auf  und  abgehen,  um  auf  jedes 
verdächtige  Geräusch  zu  horchen.  Wird  Hyde  auf  dem  Schafott  ster- 
ben? Oder  wird  er  den  Mut  finden,  sich  im  letzten  Augenblick  selbst 
zu  erlösen?  Gott  weiß  es,  und  mir  ist  es  gleich.  Dies  ist  meine  ei- 
gentliche Todesstunde,  und  was  nun  folgt,  betrifft  einen  andern  und 
nicht  mich. 

Jetzt  eben,  da  ich  die  Feder  niederlege  und  diese  Beichte  versiegle,  ist 
auch  das  Leben  des  unglücklichen  Henry  Jekyll  zu  Ende  . . . 

Nach  einer  älteren  anonymen  Übersetzung 

/'■  Kommentar 

Die  Geschichte  von  Robert  Louis  Stevenson  »Henry  Jekylls  vollstän- 
dige Erklärungr  schildert  wahrscheinlich  eine  multiple  Persönlich- 
keitsstörung (dissoziative  Identitätsstörungen).  Das  Merkmal  der 
multiplen  Persönlichkeitsstörung  ist  die  Existenz  von  zwei  oder  mehr 
unterschiedlichen  Persönlichkeiten  oder  Persönlichkeitszuständen  innerhalb  eines 
Individuums.  Dabei  ut  zu  einem  bestimmten  Jeitpunktjeweik  nur  eine  der  Persön- 
lichkeiten nachweisbar,  wobei  jede  in  der  Regel  eigene  Persönlichkeitszüge,  Erinne- 
rungen und  Verhaltensweisen  besitzt.  In  typischen  Fallen  sind  diese  vollständig 
voneinander  getrennt,  keiner  hat  Zugang  zu  den  Erhebungen  der  anderen,  und  eine 
Persönlichkeit  ist  sich  der  Existenz  der  anderen  selten  bewusst.  Der  Wechsel  von 
einer  Persönlichkeit  zur  anderen  vollzieht  sich  beim  ersten  Mal  gewöhnlich  plötz- 
lich und  ist  eng  mit  traumatischen  Erlebnissen  verbunden.  Spätere  Wechsel  sind  oft 
begrenzt  auf  traumatische  oder  belastende  Ereignisse.  Die  multiple  Persönlichkeit 
ist,  auch  wenn  sie  in  den  letzten  Jahren  viel  Aufmerksamkeit  in  der  Laienpresse, 
u.a.  im  Zusammenhang  mit  forensisch-psychiatrischen  Fällen  gewonnen  hat,  eine 
eher  sehr  seltene  Störung. 

Der  in  der  Geschichte  dargestellte  Fall  kommt  diesem  Konzept  sehr  nahe,  allerdings 
sieht  es  so  aus,  als  ob,  zumindest  über  einen  langen  Zeitraum,  der  jeweilig  handeln- 
den Person  die  Freiheit  bleibt,  sich  in  die  jeweils  andere  Person  erneut  zu  verwan- 
deln. Erst  im  weiteren  Verlauf  wird  diese  Möglichkeit  erschwert  und  schlussendlich 
genommen  bleibt  nur  der  eine  Teil  der  Person,  „das  scheußliche  Wesen  “,  übrig.  In 
der  Geschichte  vollzieht  sich  der  Wandel  von  dner  zur  anderen  Persönlichkeit  durch 
ein  chemisches  Gemisch,  das  der  Protagonist  selber  nach  geheimnisvollen  Rezepten 


253 


Kommentar 


zusammmgestellt  hat,  und  das  an  akhemistische  Traditionen  erinnert.  Insgesamt 
entsteht  so  eine  interessante  Parabel  von  den  guten  und  schlechten  Persönlichkeitsan- 
teilen eines  Menschen. 


254 


Thomas  Mann 


Buddenbrooks 

aus:  Thomas  Mann.  Buddenbrooks. 
© 1901  by  S.  Fischer  Verlag,  Berlin 


Einführung 


Die  ^ahl  wissenschaftlicher  Abhandlungen  zu  Themen  und  Mo- 
tiven der  Medizin  im  Werk  des  Nobelpreisträgers  (1929)  Tho- 
mas Mann  (1875-1955)  ist  mittlerweile  Legion,  gleichviel,  ob 
sie  sich  mit  »Der  Tod  in  Venedig<<  (1912),  »Der  ^auberberg« 
(1924),  »Doktor  Faustus«  (1947)  oder  mit  »Bekenntnisse  des  Hochstaplers  Felix 
Krull«  (1954)  beschäftigen.  Es  ist  längst  kein  Geheimnis  mehr,  dass  sich  Thomas 
Mann  häufig  von  namhcfiten  Medizinern  ausgiebig  beraten  ließ  und  sich  nicht 
scheute,  deren  Auskünfte  produktiv  in  sein  Werk  aufzunehmen  und  sie  situations- 
oderpersonenadäquat literarisch  zu  verarbeiten. 

Im  Mittelpunkt  des  Romans  »Buddenbrooks«  (1901)  stehen  der  Gedanke  und  das 
Phänomen  des  Verfalls,  wcrrauf  im  Untertitel  (Vefall  einer  Familie)  ausdrücklich 
hingewiesen  wird.  Dabei  vollzieht  sich  dieser  Vefall  nicht  nur  als  gesellschaftlicher 
und  ökonomischer  Abstieg,  sondern  auch  ah  wesenhüfk  und  charakterliche  Degene- 
ration, die  sich  wiederum  in  den  deutlich  zur  Sprache  kommenden  physischen  und 
psychischen  Problemen  nahezu  sämtlicher  Romanjiguren  spiegelt:  Mit  Jeans  pietis- 
tischem  Frömmlertum  zeichnet  sich  die  Dekadenz  bereits  ab,  Thomas  stirbt  noch 
vor  seinem  50.  Geburtstag  an  einem  eitrigen  ^ahn,  sein  Sohn  Hanno  1 6-jährig  an 
Typhus,  Bendix  Grünlich  ist  ein  Hochstapler  und  Pseudologe,  Alois  Permaneder 
säift,  die  ungebrochen  naive  Tony  scheitert  in  zwei  Ehen  und  bleibt  reflektorisch 
erheblich  defizitär. 

Der  Roman,  der  geschickt  auf  ausländische  Muster  des  generationenübergrefenden 
Familienromans  (z.B.  bei  fplu)  zuräckgreiß,  wurde  zum  Welte  folg,  dreimal  ver- 
filmt (zuletzt  1979)  und  vom  Bildungsbürgertum  nicht  zuletzt  wegen  seiner  gedie- 
gen realistischen  Darstellungsweise  (vgl.  Buddenbrook-Haus  in  Lübeck)  überwie- 
gend genüsslich  rezipiert,  was  oft  zu  Lasten  der  Dekadenz-Thematik  ging  und 
somit  Thomas  Manns  Intention  (siehe  Untertitel)  partiell  verfehlte. 

Der  vorliegende  Textauszug  rückt  nicht  den  zerbrechlichen,  früh  kränkelnden, 
schließlich  an  Typhus  sterbenden  letzten  Spross  Hanno,  sondern  den  arbeitsunfdhi- 


255 


Thomas  Mann 


gen,  obeiflächlich  hypochondrisch  anmutenden,  deutlich  selbstreflexiven  und  dandy- 
haft antibürgerlichen  Christian  Buddenbrook  ins  Zentrum,  dessen  eigentümliches 
Verhalten  selbst  von  seinen  engsten  Familienangehörigen  als  bloß  exzentrisch  abge- 
tan wird  und  tragisch  unverstanden  bleibt. 

Weiteflihrende  Literatur: 

Helmut  Koopmann:  Thomas  Mann  Handbuch.  S.  Fischer  2005 


Buddenbrooks 

Es  war  anders  mit  Christian.  Er  vermochte  bei 
den  naiven  und  kindlichen  Ergüssen  seiner 
Schwester  schlechterdings  nicht,  seine  Haltung 
zu  bewahren;  er  bückte  sich  über  seinen  Teller, 
wandte  sich  ab,  zeigte  das  Bedürfnis,  sich  zu  ver- 
kriechen, und  unterbrach  sie  mehrere  Male  sogar 
mit  einem  leisen  und  gequälten:  »Gott  . . . Tony 
...«,  wobei  seine  große  Nase  in  unzählige  Fält- 
chen  gezogen  war. 

Ja,  er  legte  Unruhe  und  Verlegenheit  an  den  Tag,  sobald  das  Ge- 
spräch sich  dem  Verstorbenen  zuwandte,  und  es  schien,  als  ob  er 
nicht  nur  die  undelikaten  Äußerungen  tiefer  und  feierlicher  Gefühle, 
sondern  auch  die  Gefühle  selbst  fürchtete  und  mied. 

Man  hatte  ihn  noch  keine  Träne  über  den  Tod  des  Vaters  vergießen 
sehen.  Die  lange  Entwöhnung  allein  erklärte  dies  nicht.  Das  Merk- 
würdige aber  war,  daß  er,  im  Gegensätze  zu  seinem  sonstigen  Wider- 
willen gegen  derartige  Gespräche,  immer  wieder  seine  Schwester 
Tony  ganz  allein  beiseite  nahm,  um  sich  von  ihr  die  Vorgänge  jenes 
fürchterlichen  Sterbenachmittages  so  recht  anschaulich  und  im  ein- 
zelnen erzählen  zu  lassen:  denn  Madame  Grünlich  erzählte  am  leb- 
haftesten. 

»Also  gelb  sah  er  aus?«  fragte  er  zum  fünften  Male  . . . »Was  schrie  das 
Mädchen,  als  es  zu  euch  hereinstürzte?  Er  sah  also  ganz  gelb  aus?  . . . 
Und  hat  nichts  mehr  sagen  können,  bevor  er  starb?  . . . Was  sagte  das 
Mädchen?  Wie  hat  er  nur  noch  machen  können:  >Ua  . . . ua<?  . . .«  Er 
schwieg,  schwieg  lange  Zeit,  indes  seine  kleinen,  runden,  tiefliegen- 
den Augen  schnell  und  gedankenvoll  im  Zimmer  umherirrten.  »Gräß- 
lich», sagte  er  plötzlich,  und  man  sah,  daß  ein  Schauer  ihn  überlief. 


256 


Buddenbrooks 


während  er  aufstand.  Und  immer  mit  unruhigen  und  grübelnden  Au- 
gen ging  er  auf  und  nieder,  während  Tony  sich  wunderte,  daß  ihr 
Bruder,  der  sich  aus  unbegreiflichen  Gründen  zu  schämen  schien, 
wenn  sie  laut  den  Vater  betrauerte,  mit  einer  Art  schauerlicher  Nach- 
denklichkeit ganz  laut  die  Todeslaute  desselben  wiederholen  mochte, 
die  er  mit  vieler  Mühe  von  Line,  dem  Mädchen,  erfragt  hatte  . . . 
Christian  hatte  sich  durchaus  nicht  verschönt.  Er  war  hager  und 
bleich.  Die  Haut  umspannte  straff  seinen  Schädel,  zwischen  den 
Wangenknochen  sprang  die  große,  mit  einem  Höcker  versehene  Nase 
scharf  und  fleischlos  hervor,  und  das  Haupthaar  war  schon  merklich 
gelichtet.  Sein  Hals  war  dünn  und  zu  lang,  und  seine  mageren  Beine 
zeigten  eine  starke  Krümmung  nach  außen  . . . Übrigens  schien  sein 
Londoner  Aufenthalt  ihn  am  nachhaltigsten  beeinflußt  zu  haben, 
und  da  er  auch  in  Valparaiso  am  meisten  mit  Engländern  verkehrt 
hatte,  so  hatte  seine  ganze  Erscheinung  etwas  Englisches  angenom- 
men, was  nicht  übel  zu  ihr  paßte.  Es  lag  etwas  davon  in  dem  beque- 
men Schnitt  und  dem  wolligen,  durablen  Stoff  seines  Anzuges,  in  der 
breiten  und  soliden  Eleganz  seiner  Stiefel  und  in  der  Art,  wie  sein 
rotblonder,  starker  Schnurrbart  mit  etwas  säuerlichem  Ausdruck  ihm 
über  den  Mund  hing.  Ja  selbst  seine  Hände,  die  von  jenem  matten 
und  porösen  Weiß  waren,  wie  die  Hitze  es  hervorbringt,  machten  mit 
ihren  rund  und  kurz  geschnittenen  sauberen  Nägeln  aus  irgend- 
welchen Gründen  einen  englischen  Eindruck. 

»Sage  mal  . . .«,  fragte  er  unvermittelt,  »kennst  du  das  Gefühl ...  es  ist 
schwer  zu  beschreiben  . . . wenn  man  einen  harten  Bissen  verschluckt 
und  es  tut  hinten  den  ganzen  Rücken  hinunter  weh?«  Dabei  war  wie- 
der seine  ganze  Nase  in  straffe  kleine  Fältchen  gezogen. 

»Ja«,  sagte  Tony,  »das  ist  etwas  ganz  Gewöhnliches.  Man  trinkt  einen 
Schluck  Wasser  . . .« 

»So?«  erwiderte  er  unbefriedigt.  »Nein,  ich  glaube  nicht,  daß  wir  das- 
selbe meinen.«  Und  ein  unruhiger  Ernst  bewegte  sich  auf  seinem 
Gesichte  hin  und  her  . . . 

Dabei  war  er  der  erste,  der  im  Hause  eine  freie  und  der  Trauer  abge- 
wandte Stimmung  vertrat.  Er  hatte  von  der  Kunst,  den  verstorbenen 
Marcellus  Stengel  nachzuahmen,  nichts  verlernt  und  redete  oft 
stundenlang  in  seiner  Sprache.  Bei  Tische  erkundigte  er  sich  nach 
dem  Stadttheater  ...  ob  eine  gute  Truppe  dort  sei,  was  gespielt  werde 

»Ich  weiß  nicht«,  sagte  Tom  mit  einer  Betonung,  die  übertrieben 


257 


Thomas  Mann 


gleichgültig  war,  um  nicht  ungeduldig  zu  sein.  »Ich  kümmere  mich 
jetzt  nicht  darum.« 

Christian  aber  überhörte  dies  vöUig  und  fing  an,  vom  Theater  zu 
sprechen  . . . »Ich  kann  gar  nicht  sagen,  wie  gern  ich  im  Theater  bin! 
Schon  das  Wort  >Theater<,  macht  mich  geradezu  glücklich  ...  Ich 
weiß  nicht,  ob  jemand  von  euch  dies  Gefühl  kennt?  Ich  könnte  stun- 
denlang stUlsitzen  und  den  geschlossenen  Vorhang  ansehen  . . . Dabei 
freue  ich  mich  wie  als  Kind,  wenn  wir  hier  herein  zur  Weihnachtsbe- 
scherung gingen  ...  Schon  das  Stimmen  der  Orchesterinstrumente! 
Ich  würde  ins  Theater  gehen,  nur  um  das  zu  hören!  ...  Besonders 
gern  habe  ich  die  Liebesszenen  . . . Einige  Liebhaberinnen  verstehen 
es,  den  Kopf  des  Liebhabers  so  zwischen  beide  Hände  zu  nehmen  . . . 
Überhaupt  die  Schauspieler  . . . ich  habe  in  London  und  auch  in  Val- 
paraiso viel  mit  Schauspielern  verkehrt.  Zu  Anfang  war  ich  wahrhaf- 
tig stolz,  mit  ihnen  so  im  ganz  gewöhnlichen  Leben  sprechen  zu  kön- 
nen. Im  Theater  achte  ich  auf  jede  ihrer  Bewegungen  . . . das  ist  sehr 
interessant!  Einer  sagt  sein  letztes  Wort,  dreht  sich  in  aller  Ruhe  um 
und  geht  ganz  langsam  und  sicher  und  ohne  Verlegenheit  zur  Tür, 
obgleich  er  weiß,  daß  die  Augen  des  ganzen  Theaters  auf  seinem 
Rücken  liegen  . . . wie  man  das  kann!  Früher  habe  ich  mich  fortwäh- 
rend gesehnt,  einmal  hinter  die  Kulissen  zu  kommen  - ja,  jetzt  bin  ich 
da  ziemlich  zu  Hause,  das  kann  ich  sagen.  Stellt  euch  vor  ...  in  einem 
Operettentheater  - es  war  in  London  - ging  eines  Abends  der  Vor- 
hang auf,  als  ich  noch  auf  der  Bühne  stand  . . . Ich  unterhielt  mich  mit 
Miss  Watercloose  ...  einem  Fräulein  Watercloose  ...  ein  sehr  hüb- 
sches Mädchen!  Genug!  plötzlich  öffnet  sich  der  Zuschauerraum  . . . 
mein  Gott,  ich  weiß  nicht,  wie  ich  von  der  Bühne  heruntergekommen 
bin!« 

Madame  Grünlich  lachte  so  ziemlich  allein  in  der  kleinen  Tafelrunde; 
aber  Christian  fuhr  mit  umherwandernden  Augen  zu  sprechen  fort. 
Er  sprach  von  englischen  Cafe-Konzertsängerinnen,  er  erzählte  von 
einer  Dame,  die  mit  einer  gepuderten  Perücke  aufgetreten  sei,  mit 
einem  langen  Stock  auf  die  Erde  gestoßen  und  ein  Lied  namens 
>That‘s  Maria!<  gesungen  habe  ...  »Maria,  wißt  ihr,  Maria  ist  die 
Schändlichste  von  allen  ...  Wenn  eine  das  Sündhafteste  begangen 
hat:  that‘s  Maria!  Maria  ist  die  Allerschlimmsk,  wißt  ihr  ...  das  Laster 
...«  Und  das  letzte  Wort  sprach  er  mit  abscheulichem  Ausdruck,  in- 
dem er  die  Nase  krauste  und  die  rechte  Hand  mit  gekrümmten  Fin- 
gern erhob. 


258 


Buddenbrooks 


»Assez,  Christian!«  sagte  die  Konsulin.  »Dies  interessiert  uns  durch- 
aus nicht.« 

Allein  Christians  Blick  schweifte  abwesend  über  sie  hin,  und  er  hätte 
auch  wohl  ohne  ihren  Einwurf  zu  sprechen  aufgehört,  denn  während 
seine  kleinen,  runden,  tiefliegenden  Augen  rastlos  wanderten,  schien 
er  in  ein  tiefes,  unruhiges  Nachdenken  über  Maria  und  das  Laster 
versunken. 

Plötzlich  sagte  er:  »Sonderbar  ...  manchmal  kann  ich  nicht  schluk- 
ken!  Nein,  da  ist  nichts  zu  lachen;  ich  finde  es  furchtbar  ernst.  Mir  fällt 
ein,  daß  ich  vielleicht  nicht  schlucken  kann,  und  dann  kann  ich  es 
wirklich  nicht.  Der  Bissen  sitzt  schon  ganz  hinten,  aber  dies  hier,  der 
Hals,  die  Muskeln  ...  es  versagt  ganz  einfach  ...  Es  gehorcht  dem 
Willen  nicht,  wißt  ihr.  Ja,  die  Sache  ist:  ich  wage  nicht  einmal,  es  or- 
dentlich zu  wollen.« 

Tony  rief  ganz  außer  sich:  »Christian!  mein  Gott,  was  für  dummes 
Zeug!  Du  wagst  nicht,  schlucken  zu  wollen  . . . Nein,  du  machst  dich  ja 
lächerlich!  Was  erzählst  du  uns  eigentlich  alles  ...!« 

Thomas  schwieg.  Die  Konsulin  aber  sagte:  »Das  sind  die  Nerven, 
Christian,  ja,  es  war  höchste  Zeit,  daß  du  nach  Hause  kamst;  das  Kli- 
ma drüben  hätte  dich  noch  krank  gemacht.«  - 
Nach  Tische  setzte  er  sich  an  das  kleine  Harmonium,  das  im  Eßsaale 
stand,  und  machte  einen  Klaviervirtuosen.  Er  tat,  als  ob  er  sein  Haar 
zurückwürfe,  rieb  sich  die  Hände  und  blickte  von  unten  herauf  ins 
Zimmer;  dann,  lautlos,  ohne  die  Bälge  zu  treten,  denn  er  konnte 
durchaus  nicht  spielen  und  war  überhaupt  unmusikalisch  wie  die  mei- 
sten Buddenbrooks,  begann  er,  emsig  vornübergebeugt,  den  Baß  zu 
bearbeiten,  vollführte  wahnsinnige  Passagen,  warf  sich  zurück,  blick- 
te entzückt  nach  oben  und  griff  mit  beiden  Händen  machtvoll  und 
sieghaft  in  die  Fasten  ...  Selbst  Clara  geriet  ins  Lachen.  Sein  Spiel 
war  täuschend,  voll  von  Ixidenschaft  und  Charlatanerie,  voll  von  un- 
widerstehlicher Komik,  die  den  burlesken  und  exzentrischen  eng- 
lisch-amerikanischen Charakter  trug  und  weit  entfernt  war,  einen 
Augenblick  unangenehm  zu  berühren,  denn  er  selbst  fühlte  sich  allzu 
wohl  und  sicher  darin. 

»Ich  bin  immer  sehr  häufig  in  Konzerte  gegangen«,  sagte  er;  »ich 
sehe  es  gar  zu  gern,  wie  die  Leute  sich  mit  ihren  Instrumenten  beneh- 
men! . . . Ja,  es  ist  wahrhaftig  wunderschön,  ein  Künstler  zu  sein!« 
Dann  begann  er  von  neuem.  Plötzlich  jedoch  brach  er  ab.  Ganz 
unvermittelt  wurde  er  ernst;  so  überraschend,  daß  es  aussah,  als  ob 


259 


Thomas  Mann 


eine  Maske  von  seinem  Gesicht  hinunterfiel;  er  stand  auf,  strich  mit 
der  Hand  durch  sein  spärliches  Haar,  begab  sich  an  einen  anderen 
Platz  und  blieb  dort,  schweigsam,  übellaunig,  mit  unruhigen  Augen 
und  einem  Gesichtsausdruck,  als  horche  er  auf  irgendein  unheimli- 
ches Geräusch. 


Die  Qual,  die  unbestimmte  Qual  in  Christians  linkem  Beine,  war  seit 
einiger  Zeit  mehreren  äußerlichen  Mitteln  gewichen;  die  Schluckbe- 
schwerden aber  kehrten  noch  oft  bei  Tische  wieder,  und  neuerdings 
war  eine  zeitweilige  Atemnot,  ein  asthmatisches  Übel  hinzugetreten, 
das  Christian  während  längerer  Wochen  für  Lungenschwindsucht 
hielt  und  dessen  Wesen  und  Wirkungen  er  seiner  Familie  mit  gekrau- 
ster Nase  in  ausführlichen  Beschreibungen  mitzuteilen  bemüht  war. 
Doktor  Grabow  wurde  zu  Rate  gezogen.  Er  stellte  fest,  daß  Herz  und 
Lunge  recht  kräftig  arbeiteten,  daß  aber  der  gelegentliche  Atemman- 
gel auf  eine  gewisse  Trägheit  gewisser  Muskeln  zurückzuführen  sei, 
und  verordnete  zur  Erleichterung  der  Respiration  erstens  den  Ge- 
brauch eines  Fächers,  zweitens  ein  grünliches  Pulver,  das  man  ent- 
zünden und  dessen  Rauch  man  einatmen  mußte.  Des  Fächers  be- 
diente Christian  sich  auch  im  Kontor,  und  auf  einen  Vorhalt  des 
Chefs  antwortete  er,  daß  in  Valparaiso  jeder  Kontorist  schon  der  Hit- 
ze wegen  einen  Fächer  besessen  habe:  »Johnny  Thunderstorm  ...  du 
lieber  Gott!«  Als  er  aber  eines  Tages,  nachdem  er  längere  Zeit  ernst 
und  unruhig  auf  seinem  Sessel  hin  und  her  gerückt,  auch  sein  Pulver 
im  Kontor  aus  der  Tasche  zog  und  einen  so  starken  und  übelriechen- 
den Qualm  entwickelte,  daJ5  mehrere  Leute  zu  husten  begannen  und 
Herr  Mareus  sogar  ganz  blaß  wurde  ...  da  gab  es  einen  öffentlichen 
Eklat,  einen  Skandal,  eine  fürchterliche  Auseinandersetzung,  die  zum 
sofortigen  Bruch  geführt  haben  würde,  hätte  nicht  die  Konsulin  noch 
einmal  alles  vertuscht,  mit  Vernunft  besprochen  und  zum  Guten  ge- 
wandt. 

[...] 

»Nun?«  fragte  der  Konsul. 

»Ich  kann  es  nun  nicht  mehr«,  antwortete  Christian,  indem  er  sich, 
Hut  und  Stock  zwischen  den  mageren  Knien,  seitwärts  auf  einem  der 
hochlehnigen  Stühle  niederließ,  die  den  Eßtisch  umstanden. 

»Darf  ich  fragen,  was  du  nun  nicht  mehr  kannst,  und  was  dich  zu  mir 
führt?«  sagte  der  Konsul,  der  stehen  blieb. 

»Ich  kann  es  nun  nicht  mehr«,  wiederholte  Christian,  drehte  mit 


260 


Buddenbrooks 


fürchterlich  unruhigem  Ernst  seinen  Kopf  hin  und  her  und  ließ  seine 
kleinen,  runden,  tiefliegenden  Augen  schweifen.  Er  zählte  jetzt  drei- 
unddreißigjahre,  aber  er  sah  weit  älter  aus.  Sein  rötlichblondes  Haar 
war  so  stark  gelichtet,  daß  fast  schon  die  ganze  Schädeldecke  freilag. 
Über  den  tief  eingefallenen  Wangen  traten  die  Knochen  scharf  her- 
vor; dazwischen  aber  buckelte  sich,  nackt,  fleischlos,  hager,  in  unge- 
heurer Wölbung  seine  große  Nase  . . . 

»Wenn  es  nur  dies  wäre«,  fuhr  er  fort,  indem  er  mit  der  Hand  an 
seiner  linken  Seite  hinunterstrich,  ohne  seinen  Körper  zu  berühren 
. . . »Es  ist  kein  Schmerz,  es  ist  eine  Qual,  weißt  du,  eine  beständige, 
unbestimmte  Qual.  Doktor  Drögemüller  in  Hamburg  hat  mir  gesagt, 
daß  an  dieser  Seite  alle  Nerven  zu  kurz  sind  . . . Stelle  dir  vor,  an  der 
ganzen  linken  Seite  sind  alle  Nerven  zu  kurz  bei  mir!  Es  ist  so  sonder- 
bar . . . manchmal  ist  mir,  als  ob  hier  an  der  Seite  irgendein  Krampf 
oder  eine  Lähmung  stattfinden  müßte,  eine  Lähmung  für  immer  . . . 
Du  hast  keine  Vorstellung  ...  Keinen  Abend  schlafe  ich  ordentlich 
ein.  Ich  fahre  auf,  weil  plötzlich  mein  Herz  nicht  mehr  klopft  und  ich 
einen  ganz  entsetzlichen  Schreck  bekomme  . . . Das  geschieht  nicht 
einmal,  sondern  zehnmal,  bevor  ich  einschlafe.  Ich  weiß  nicht,  ob  du 
es  kennst  . . . ich  wül  es  dir  ganz  genau  beschreiben  ...  Es  ist  . . .« 
»Laß  nur«,  sagte  der  Konsul  kalt.  »Ich  nehme  nicht  an,  daß  du 
hierhergekommen  bist,  um  mir  dies  zu  erzählen?« 

»Nein,  Thomas,  wenn  es  nur  das  wäre;  aber  das  ist  es  nicht  allein!  Es 
ist  mit  dem  Geschäft  . . . Ich  kann  es  nun  nicht  mehr.« 

»Du  bist  wieder  in  Unordnung?«  Der  Konsul  fuhr  nicht  einmal  auf, 
er  wurde  nicht  mehr  laut.  Er  fragte  es  ganz  ruhig,  während  er  seinen 
Bruder  von  der  Seite  mit  einer  müden  Kälte  ansah. 

»Nein,  Thomas.  Und  um  die  Wahrheit  zu  sagen  - es  ist  ja  nun  doch 
gleich  - ich  bin  niemals  recht  in  Ordnung  gekommen,  auch  durch  die 
zehntausend  damals  nicht,  wie  du  selbst  weißt  . . . Die  waren  eigent- 
lich nur,  damit  ich  nicht  gleich  zuzumachen  brauchte.  Die  Sache  ist 
die  - Ich  habe  gleich  darauf  noch  Verluste  gehabt,  in  Kaffee  - und 
bei  dem  Bankerott  in  Antwerpen  . . . Das  ist  wahr.  Aber  dann  habe  ich 
eigentlich  gar  nichts  mehr  getan  und  mich  still  verhalten.  Aber  man 
muß  doch  leben  . . . und  nun  sind  da  Wechsel  und  andere  Schulden  . . . 
fünftausend  Taler  . . . Ach,  du  weißt  nicht,  wie  sehr  ich  herunter  bin! 
Und  zu  allem  diese  Qual  ...« 


261 


Kommentar 


/Kommentar 

In  der  dargeskUten  Episode  aus  Thomas  Manns  »Buddenbrooks« 
geht  es  um  eine  eigenartige  krankhcfie  Veränderung  Christians,  die 
auch  äußerlich  den  beteiligten  Bezugspersonen  auffällt,  ganz  beson- 
ders den  Protagonisten  aber  sehr  zu  beschäftigen  scheint.  Er  klagt 
u.a.  über  eigenartige  Schluckbeschwerden,  die  sogar  bis  in  den  Rücken  ausstrahlen, 
dass  die  Muskeln  des  Halses  beim  Schlucken  nicht  seinem  Willen  gehorchen  wür- 
den, dass  unbestimmk  Qualen  im  linken  Bein  schon  fiüher  aufgetrekn,  in  letzter 
Zeit  aber  besser  geworden  seien.  Zeitweilig  habe  er  Atemnot,  weshalb  er  auch  an 
Lungenschwindsucht  gedacht  habe.  Der  Doktor  fand  bei  entsprechender  Untersu- 
chung keine  organischen  Hintergründe  und  rät  zu  eitmr  symptomatischen  Behand- 
lung. Dem  Kontext  der  Geschichte  ist  zu  entnehmen,  dass  die  Symptomatik  sich 
möglicherweise  als  Reaktion  auf  den  Tod  des  Großvaters  entwickelk.  Am  Ende  der 
hier  ausgewählten  Textepisode  wird  deutlich,  dass  wahrscheinlich  auch  geschäflli- 
che  und  finanzielle  Schwierigkeiten  den  situativen  Hintergrund  für  die  Störung 
abgeben.  Es  handelt  sich  wahrscheinlich  um  eine  Somatisierungsstörung.  Differen- 
tialdiagnostisch ist  eine  hypochondrische  Störung  zu  erwägen. 

Funktionelle  Krankheitszustände,  bei  denen  das  Auftreten  meist  multipler  körperli- 
cher Symptome  beobachkt  wird,  für  die  sich  keine  ausreichenden  organischen  Ursa- 
chenfinden  lassen,  gehört  zum  ärztlichen  Alltag.  Jedes  Organ  und  jede  Körperfimk- 
tion  kann  von  der  Störung  betroffen  sein.  Die  Folgen  sind  oft  gravierend,  da  die 
dargebotene  Symptomatik  mit  ihrer  Vielgestaltigkeit  und  Inknsität  immer  wieder 
Anlass  zu  umfangreichen  körperlichen  Untersuchungen,  evtl,  sogar  zu  Operationen 
gibt  An  eine funktionelle  Störung  wird  oft  erst  sehr  spät  gedacht  und  der  Psychiater 
wird  ebenfalb  oft  erst  sehr  spät  einbezogen.  In  der  ICD-10  werden  diese  funktio- 
nellen Störungen,  fir  die  eine  orgattische  Ursache  nicht  nachwebbar  bt,  ab  »soma- 
toforme  Störungen«  klassifiziert,  die  je  nach  klinbcher  Ausgestaltung  in  weitere 
Sub typen  unkrteilt  werden  können,  u.a.  in  die  Somatbierungsstörung.  Im  19. 
Jahrhundert  wurden  dbse  Störungen  im  Gesamtkontext  des  Hysterbkontextes gese- 
hen. Paul  Briquet  beschrieb  eine  Hysterieform  ab  polysymptomatbche  Störung,  bei 
der  eine  Vielzahl  von  funktionellen  körperlichen  Symptomen  auftrat.  Sein  Konzept 
gilt  ab  Ursprung  der  ab  »Somatbierungsstörung<  benannten  Erkrankung.  Kenn- 
zeichen der  Somatbierungsstörung  sind  multiple,  meist  viele  Jahre  bestehende  Kör- 
perymptome,  du  umfangreiche  diagnostische  und  therapeutbche  Maßnahmen  zur 
Folge  haben.  Eine  körperliche  Verursachung  wird  trotz  intensiver  diagnostbcher 
Maßnahmen  nicht  gefunden.  Eine  psychogene  Verursachung  wird  unterstellt,  kann 
aber  häufig  nicht  bewiesen  werden,  da  die  Patienten  meist  wenig  introspektionsfähig 
sind  und  ihnen  bestimmte  Korflikte  bzw.  Belastungen  nicht  ausreichend  bewusst 


262 


Kommentar 


sind  (Alexithymie).  Nach  psychoanalytischer  Auffassung  liegt  den  Somatisierungs- 
störungen wie  überhaupt  den  somatqformen  Störungen,  ähnlich  wie  den  dissoziati- 
ven Störungen,  eine  Übersetzung  unbewusster  Konflikte  in  die  Körpersprache  zu- 
grunde. Innerpsychische  Konflikte  werden  auf  der  »Bühne  des  Körpers«  ausagiert. 
Dabei  spielt  das  Auftreten  einer  diffusen  Ar^st  (besonders  Schuldängste)  eine  be- 
sondere Rolle.  Durch  den  entstehenden  primären  (inneren)  und  sekundären  (äuße- 
ren) Krankheitsgewinn  kann  eine  Entlastung  von  der  Aflfektspannung  erreicht  wer- 
den. Die  Somatisierungsstörung  ist  relativ  häufig,  in  der  allgemeinen  Bevölkerung 
liegt  die  Prävalenz  bei  etwa  4 Prozent,  in  der  Primärversorgung  leiden  etwa  10 
Prozent  der  Patienten  an  dieser  Störung.  Sie  ist  eine  chronisch  verlaufende  Erkran- 
kung mit fluktuierender  Symptomatik. 


263 


Molihe 


Der  eingebildete  Kranke 

aus:  Moliere.  Der  eingebildete  Kranke.  Kommödie  in  drei  Aufzügen. 
Übersetzung  und  Machmort  von  Doris  Distelmaier-Haas. 

© 1981  by  Philipp  Redamjun.  GmbH  & Co.,  Stuttgart 


Einführung 

»Der  eingebildete  Kranke«  (1673)  des  fianzösischen  Theater- 
direktors, Schauspielers  und  Dichters  Moliere  (eigentlich  Jean 
Baptiste  Poquelin,  1622-1673)  ist  eine  der  unsterblichen  Komö- 
dien  der  Weltliteratur. 

Argan,  Hypochonder,  Meurotiker  und  Haustyrann  zugleich,  der  sich  und  smer 
Umgebung  das  Leben  zur  Hölle  macht,  stellt  sich  als  angeblich  Schwerkranker  tot, 
entlarvt  die  Gattin,  gibt  am  Ende  seiner  Tochter  doch  die  Erlaubnis,  den  Mann  zu 
heiraten,  den  sie  liebt,  und  verspottet  die  Arzte  (wie  schon  in  Molieres  Satiren 
»L’Amour  Medecin«  und  »Medecin  malgre  hi«,  1672)  als  digenigen,  welche  Ge- 
sunde krank  machen. 

Im  Stück  lässt  der  Autor  seinen  beklagenswerten  Helden  sagen:  »Der  Moliere  ist 
doch  ein  unverschämter  Kerl  . . . Wenn  ich  Arzt  wäre  - ich  würde  mich  schon 
rächen,  und  wenn  er  krank  würde,  dann  ließe  ich  ihn  ohne  Hilfe  sterben.« 
Makabre  Ironie  der  Geschichte:  Moliere  starb  während  der  vierten  Aufführung  sei- 
nes Stückes,  in  dem  er  seine  Lieblingsrolle,  nämlich  die  Hauptrolle,  spielte.  Im 
dritten  Akt  brach  er  auf  offener  Bühne  im  Kostüm  des  eingebildeten  kranken  Argan 
zusammen.  Das  Publikum  hielt’s  für  eine  schauspielerische  Glanzleistung  und 
amüsierte  sich  köstlich. 

Weite  führende  Literatur: 

Jürgen  von  Stackeiberg:  Moliere.  Eine  Eirtßhrung.  Reclam  2005 


264 


Der  eingebildete  Kranke 


Der  eingebildete  Kranke 

Erster  Aufzug 
Erster  Auftritt 
Argon 

Argan  [sitzt  allein  in  seinem  Zimmer  an  einem  Tisch, 
rechnet  mit  Spielmarken  die  Aufstellungen  seines  Apothe- 
kers nach  und  hält  folgendes  Z^i^S^sp^hch).  Drei  und 
zwei  macht  fünf,  und  fünf  macht  zehn,  und  zehn 
macht  zwanzig.  Drei  und  zwei  macht  fünf  »Ferner,  am  vierundzwan- 
zigsten, ein  gleitfreudiges,  vorbereitendes,  beruhigendes  Klistierchen 
zwecks  Erweichung,  Befeuchtung  und  Erfrischung  der  Eingeweide  des 
gnädigen  Herrn.«  Was  mir  an  meinem  Apotheker,  Herrn  Fleurant, 
gefällt,  ist  der  höfliche  Ton  seiner  Rechnungen.  »Für  die  Eingeweide 
des  gnädigen  Herrn  dreißig  Sous.«  Ja,  aber  Herr  Fleurant,  Höflich- 
keit ist  nicht  alles,  man  muß  auch  vernünftig  bleiben  und  darf  den 
Kranken  nicht  das  Fell  über  die  Ohren  ziehen.  Dreißig  Sous  für  eine 
Spülung!  Ergebenster  Diener,  noch  einmal!  Aber  Ihr  habt  in  den  an- 
deren Rechnungen  nur  zwanzig  Sous  dafür  angesetzt,  und  zwanzig 
Sous,  das  heißt  bei  euch  Apothekern  zehn  Sous;  da  habt  Ihr  sie,  zehn 
Sous!  »Ferner,  am  gleichen  Tage,  ein  gutes,  reinigendes  Klistier,  nach 
ärztlicher  Verordnung  zusammengestellt  aus  einer  doppelten  Dosis 
Latwerge  von  Sennesstrauch  und  Rhabarber,  Rosenhonig  und  ande- 
ren Ingredienzien,  um  den  Unterleib  des  gnädigen  Herrn  auszufe- 
gen, zu  spülen  und  zu  säubern,  dreißig  Sous.«  Mit  Eurer  Erlaubnis, 
zehn  Sous.  »Ferner,  am  Abend  des  gleichen  Tages,  einen  beruhigen- 
den, sedierenden  Trank  für  die  Leber,  um  dem  gnädigen  Herrn 
Schlaf  zu  schenken,  fünfunddreißig  Sous.«  Dagegen  will  ich  nichts 
sagen,  denn  ich  konnte  gut  darauf  schlafen.  Zehn,  fünfzehn,  sech- 
zehn und  siebzehn  Sous,  sechs  Deniers.  »Ferner,  am  fünfundzwanzig- 
sten, eine  gute  reinigende  und  kräftigende  Arznei,  nach  der  Verord- 
nung des  Herrn  Purgon  zusammengestellt  aus  frischer  Kassie,  le- 
vantinischen  Sennesblättern  und  anderen  Ingredienzien,  um  die 
Galle  des  gnädigen  Herrn  in  Fluß  zu  bringen  und  abzuführen,  vier 
Livres.«  Oh,  Herr  Fleurant,  Ihr  scherzt  wohl!  Man  muß  leben  und 
leben  lassen.  Herr  Purgon  hat  Euch  nicht  aufgetragen,  vier  Francs 
dafür  anzusetzen.  Schreibt,  schreibt  drei  Livres,  wenn  es  beliebt! 


265 


Molike 


Zwanzig  und  dreißig  Sous,  »Ferner,  am  gleichen  Tage,  einen 
schmerzlindernden  und  adstringierenden  Heiltrank,  um  dem  gnädi- 
gen Herrn  Ruhe  zu  verschaffen,  dreißig  Sous.«  Also,  zehn,  fünfzehn 
Sous.  »Ferner,  am  sechsundzwanzigsten,  ein  Beruhigungsldistier,  um  die 
Winde  des  gnädigen  Herrn  zu  vertreiben,  dreißig  Sous.  » Zehn  Sous, 
Herr  Fleurant.  »Ferner,  am  Abend,  eine  Wiederholung  des  oben  ge- 
nannten Klistiers,  dreißig  Sous.«  Herr  Fleurant,  zehn  Sous.  »Ferner, 
am  siebenundzwanzigsten,  eine  gute  Arznei,  eigens  zusammenge- 
stellt, um  den  Stuhlgang  zu  beschleunigen  und  die  bösen  Säfte  des 
gnädigen  Herrn  auszuscheiden,  drei  Livres.«  Also,  zwanzig,  dreißig 
Sous,  Es  gefällt  mir,  daß  Ihr  vernünftig  seid.  »Ferner,  am  acht- 
undzwanzigsten, etwas  geklärte  und  gesüßte  Molke,  um  das  Blut  des 
gnädigen  Herrn  zu  besänftigen,  zu  beruhigen,  zu  mäßigen  und  auf- 
zufrischen, zwanzig  Sous.«  Gut,  zehn  Sous.  »Ferner,  einen  herzstär- 
kenden, vorbeugenden  Trank,  der  Verordnung  entsprechend  zu- 
sammengesetzt aus  zwölf  Gran  Bezoar,  Sirup  von  Zitronen  und 
Granatäpfeln  und  aus  anderen  Ingredienzien,  fünf  Livres.«  Immer 
langsam,  Herr  Fleurant,  wenn  ich  bitten  darf!  Wenn  Ihr  es  derge- 
stalt treibt,  mag  ja  niemand  mehr  krank  sein;  begnügt  Euch  mit  vier 
Francs!  Zwanzig,  vierzig  Sous.  Drei  und  zwei  macht  fünf,  und  fünf 
macht  zehn,  und  zehn  macht  zwanzig.  Dreiundsechzig  Livres,  vier 
Sous,  sechs  Deniers.  So  habe  ich  also  in  diesem  Monat  eins,  zwei, 
drei,  vier,  fünf,  sechs,  sieben,  acht  Arzneien  erhalten  und  eins,  zwei, 
drei,  vier,  fünf,  sechs,  sieben,  acht,  neun,  zehn,  elf,  zwölf  Einläufe; 
im  vorigen  Monat  waren  es  zwölf  Arzneien  und  zwanzig  Einläufe. 
Da  wundere  ich  mich  nicht,  daß  es  mir  in  diesem  Monat  nicht  so  gut 
geht  wie  im  vorhergehenden.  Das  muß  ich  Herrn  Purgon  sagen,  da- 
mit er  das  ein  wenig  in  die  Reihe  bringt.  Vorwärts,  schafft  dies  alles 
weg.  (Da  er  sieht,  daß  niemand  kommt  und  daß  keiner  seiner  Leute  im  ^immer 
ist.)  Da  ist  ja  niemand.  Ich  kann  sagen,  was  ich  will,  sie  lassen  mich 
immer  allein.  Um  nichts  in  der  Welt  wollen  sie  hierbleiben.  (Er  klin- 
gelt mit  einer  Glocke,  um  seine  Leute  herheizurufen.)  Die  hören  nicht,  und 
meine  Glocke  ist  nicht  laut  genug.  Klingling,  klingling,  klingling. 
(iMachdem  er  zum  zweiten  Mal  geläutet  hat.)  Da  rührt  sich  nichts!  Kling- 
ling, klingling,  klingling.  (Nachdem  er  nochmals  geläutet  hat.)  Die  sind 
taub.  Toinette!  Klingling,  klingling,  klingling.  (Nachdem  er  mit  aller 
Kraft  geklingelt  hat.)  Das  ist  ja  so,  als  ob  ich  überhaupt  nicht  klingelte. 
Du  Biest,  du  Luder!  Klingling,  klingling,  klingling.  (Er  sieht,  daß  er 
weiterhin  vergeblich  läutet.)  Ich  werde  rasend.  (Er  läutet  nicht  mehr,  sondern 


266 


Kommentar 


schreit.)  Du  Rabenaas,  zum  Teufel  mit  dir!  Ist  denn  das  die  Möglich- 
keit? Einen  armen  Kranken  so  allein  zu  lassen!  Klingling,  klingling, 
klingling.  Das  schreit  doch  zum  Himmel!  Klingling,  klingling,  kling- 
ling. O mein  Gott,  die  lassen  mich  hier  sterben.  Klingling,  klingling, 
klingling. 


Kommentar 

Der  kurze  Auszug  aus  Moliires  »Der  eingebildete  Kranke«  be- 
schreibt die  absurden  und  übertriebenen  Therapiemaßnahmen,  die 
das  Ausmaß  der  Störung  des  Protagonisten  verdeutlichen  sollen. 
Deutlich  klagt  der  »eingebildete  Kranke«  darüber,  dass  noch  immer 
nicht  genügend  Jur  ihn  getan  wird,  und  dass  er  viel  zu  viel  allein  gelassen  wird. 
„Der  eingebildete  Kranke“ gilt  als  klassische  Darstellung  des  Hypochonders.  Es  ist 
aber  die  Frage,  ob  er  das  wirklich  im  Sinne  der  modernen  psychiatrischen  Diagno- 
stik ist.  Demnach  ist  ein  „eingebildeter  Kranker“,  also  ein  Simulant,  jemand,  der 
aus  dem  Simulieren  von  Krankheitssymptomen  positive  Konsequenzen  zieht  wie 
ständige  Beachtung  etc. 

Die  »hypochondrische  Störunge  gehört  zu  den  eben  bereits  genannten  »somatoformen 
Störungen«.  Es  handelt  sich  bd  dieser  Störung  um  eine  anhaltende  übermäßige 
Angst  oder  Befürchtung,  an  einer  schweren  körperlichen  Erkrankung  zu  leiden,  ob- 
wohl Jur  die  weitgehend  unspezifischen  körperlichen  Symptome  keine  organischen 
Ursachen  gefunden  werden  können.  Die  Überzeugung,  dass  eine  ernsthafte  körper- 
liche Erkrankung  bestehen  könnte,  gründet  sieh  auf  die  in  der  Regel  subjektive 
Interpretation  von  vermeintlichen  oder  tatsächlichen  funktionellen  Organstörungen. 
Das  Wesentliche  in  der  hypochondrischen  Störung  besteht  aber  nicht  in  dem  Vor- 
handensein dieser  funktionellen  Störung,  sondern  in  der  übermäßigen  gedanklichen 
Beschäftigung  damit  und  den  daraus  resultierenden,  teilweise  gravierenden  sozialen 
Folgen.  Die  sozialen  Beziehungen  sowie  die  berufliche  Leistungsfähigkeit  sind  oft 
gestört,  da  der  Betreffende  fast  ausschließlich  mit  seinen  Beschwerden  und  der  da- 
hinter vermuteten  Erkrankung  beschäftigt  ist.  fum  Verhaltensmuster  dieser  Patien- 
ten wird  u.a.  der  häufige  Arztwechsel,  da  die  Patienten  sich  von  keinem  Arzt  richtig 
behandelt  fühlen  und  immer fiirchtm,  fehldiagnostiziert  zu  werden.  Hypochondri- 
sche Störungen  sind  häufig,  ihre  Prävalenz  in  der  Bevölkerung  liegt  bei  ca.  4 bis  6 
Prozent,  in  der  primärärztlichen  Versorgung  ist  die  Inzidenz  natürlich  deutlich  hö- 
her. Die  hypochondrische  Störung  verläuft  meist  chronisch,  kann  jedoch  Intensitäts- 
schwankungen der  Symptomatik  zeigen. 


267 


Franz  Kafia 


Die  Verwandlung 

aus:  Franz  Kaßa.  Erzählungen.  Herausgegeben  von  Max  Brod. 
© 1986  by  S.  Fischer  Verlag  GmbH,  Franlßrt  am  Main 


Einführung 


Wu  kaum  ein  anderer  Autor  des  20.  Jahrhunderts  hat  Franz 
Kaßa  (1883-1924)  die  Moderne  beeinflusst  und  geprägt.  Die 
wissenschaftliche  Literatur  zum  Werk  des  pragerdeutschen 
Schriftstellers  ist  von  einem  Einzelnen  längst  nicht  mehr  zu  be- 
wältigen. Der  schon  in  fiäher  Jugend  schriftstellerisch  tätige  Kafka  verbrachte  seine 
Ferien  gerne  bei  seinem  Onkel,  einem  Landarzt.  Nach  der  Matura  studierte  er  in 
Prag  zunächst  Chemie,  daneben  Germanistik  und  Kunstgeschichte,  hauptsächlich 
aber  Jura  (Promotion  1906).  Nach  einem  Rechtspraktikum  am  Zivil-  und  Straf- 
gericht arbeitete  Kafka  von  1908  bis  1922  in  der  Arbeiter-Unfall-Versicherungs- 
anstalt  fir  das  Königreich  Böhmen  und  fand  Zugang  zu  Prager  Schriftstellerkxd- 
sen.  Maßgeblich  gefördert  wurde  er  von  seinem  späteren  Nachlassverwalter  Max 
Brod  (1884-1968).  Anhaltende  Familienkonßikte  insbesondere  mit  dem  Vater, 
schwer  wiegende  Selbstzweifel  und  Depressionen  sowie  tragfche  Liebesbeziehun- 
gen ßssen  zwar  in  das  Werk  ein,  überschatteten  aber  auch  das  Lieben  des  Autors. 
Die  1917  diagnostizierte,  1924  schließlich  zum  Tode ßhrende  Tuberkulose  domi- 
nierte schließlich  die  Biographie.  Das  Gesamtwerk  Kafkas  wurde  erst  durch  Max 
Brod  der  Öffentlichkeit  zugänglich,  weil  sieh  dieser  dem  ausdrücklichen  Wunsch 
des  Autors,  das  Werk  ungesehen  zu  vernichten,  widersetzt  hatte.  Die  Romane  »Der 
»Prozeß<  (1925)  und  »Das  Schloß<  (1926)  wurden  mehrfach  (u.  a.  von  Orson 
Weites  und  Maximilian  Schell)  verfilmt,  der  Schriftsteller  Martin  Waker  Jahr- 
gang 1927)  promovierte  1951  mit  der  LHssertation  »Beschreibung  einer  Form. 
Versuch  über  Kaßa«. 

Ln  der  Erzählung  »Die  Verwandlung«  (1915)  erwacht  der  Handlungsreisende 
Gregor  Samsa  eines  Morgens  ab  ein  auf  dem  Rücken  liegendes  monströses  Lnsekt. 
Seine  Eamilie  wendet  sich  angeekelt  und  entsetzt  ab,  Samsa  verwahrlost  und  ver- 
endet Klassische  Parabeform  und  Diagnose  der  Moderne  verschmelzen  in  eins. 

Ln  alle  Weltsprachen  übersetzt  und  mehrmab  verfilmt  wirkte  diese  in  schier  jede 
Richtung  deutbare  Parabel  nachhaltig  auf  die  Literatur  des  20.  Jahrhunderts.  Es 


268 


Zfe  Verwandhmg 


gibt  nur  wenige  wissenschaßliche  Disziplinen,  die  sieh  aus  ihrer  Perspektive  nicht 
am  Versuch  einer  Deutung  eines  Werkes  von  Franz  Kafia  beteiligt  hätten.  Vielfach 
wurden  daher  die  Texte  Kcfkas  auch  missbraucht  oder  unter  einem  Wust  von  Se- 
kundärliteraturverschüttet. Der  Nobelpreisträger  Elias  Canetti  (1905-1994)  ur- 
teilte dagegen:  »Franz  Kafka  ist  der  Dichter,  der  unser  Jahrhundert  am  reinsten 
ausgedrückt  hat.» 

Weiterjuhrende  Literatur: 

Hartmut  Binder:  Kafkas  Erzählung  »De  Verwandlung<.  Entstehung,  Deutung, 
Wirkung.  Stroerrfeld  2004 


Die  Verwandlung 

Als  Gregor  Samsa  eines  Morgens  aus  unruhigen 
Träumen  erwachte,  fand  er  sich  in  seinem  Bett  zu 
einem  ungeheueren  Ungeziefer  verwandelt.  Er 
lag  auf  seinem  panzerartig  harten  Rücken  und 
sah,  wenn  er  den  Kopf  ein  wenig  hob,  seinen  ge- 
wölbten, braunen,  von  bogenförmigen  Verstei- 
fungen geteilten  Bauch,  auf  dessen  Höhe  sich  die 
Bettdecke,  zum  gänzlichen  Niedergleiten  bereit, 
kaum  noch  erhalten  konnte.  Seine  vielen,  im  Ver- 
gleich zu  seinem  sonstigen  Umfang  kläglich  dünnen  Beine  flimmer- 
ten ihm  hilflos  vor  den  Augen. 

>Was  ist  mit  mir  geschehen?<  dachte  er.  Es  war  kein  Traum.  Sein  Zim- 
mer, ein  richtiges,  nur  etwas  zu  kleines  Menschenzimmer,  lag  ruhig 
zwischen  den  vier  wohlbekannten  Wänden.  Über  dem  Tisch,  auf 
dem  eine  auseinandergepackte  Musterkollektion  von  Tuchwaren  aus- 
gebreitet war  - Samsa  war  Reisender  -,  hing  das  Bild,  das  er  vor  kur- 
zem aus  einer  illustrierten  Zeitschrift  ausgeschnitten  und  in  einem 
hübschen,  vergoldeten  Rahmen  untergebracht  hatte.  Es  stellte  eine 
Dame  dar,  die,  mit  einem  Pelzhut  und  einer  Pelzboa  versehen,  auf- 
recht dasaß  und  einen  schweren  Pelzmuff,  in  dem  ihr  ganzer  Unter- 
arm verschwunden  war,  dem  Beschauer  entgegenhob. 

Gregors  Blick  richtete  sich  dann  zum  Fenster,  und  das  trübe  Wetter  - 
man  hörte  Regentropfen  auf  das  Fensterblech  aufschlagen  - machte 
ihn  ganz  melancholisch.  >Wie  wäre  es,  wenn  ich  noch  ein  wenig  wei- 
terschliefe und  alle  Narrheiten  vergäße<,  dachte  er,  aber  das  war 


269 


Franz  Kafka 


gänzlich  undurchführbar,  denn  er  war  gewöhnt,  auf  der  rechten  Seite 
zu  schlafen,  konnte  sich  aber  in  seinem  gegenwärtigen  Zustand  nicht 
in  diese  Lage  bringen.  Mit  welcher  Kraft  er  sich  auch  auf  die  rechte 
Seite  warf,  immer  wieder  schaukelte  er  in  die  Rückenlage  zurück.  Er 
versuchte  es  wohl  hundertmal,  schloß  die  Augen,  um  die  zappelnden 
Beine  nicht  sehen  zu  müssen,  und  ließ  erst  ab,  als  er  in  der  Seite  einen 
noch  nie  gefühlten,  leichten,  dumpfen  Schmerz  zu  fühlen  begann. 
>Ach  Gott<,  dachte  er,  >was  für  einen  anstrengenden  Beruf  habe  ich 
gewählt!  Tagaus,  tagein  auf  der  Reise.  Die  geschäftlichen  Aufre- 
gungen sind  viel  größer  als  im  eigentlichen  Geschäft  zu  Hause,  und 
außerdem  ist  mir  noch  diese  Plage  des  Reisens  auferlegt,  die  Sorgen 
um  die  Zuganschlüsse,  das  unregelmäßige,  schlechte  Essen,  ein  im- 
mer wechselnder,  nie  andauernder,  nie  herzlich  werdender  menschli- 
cher Verkehr.  Der  Teufel  soll  das  alles  holen!<  Er  fühlte  ein  leichtes 
Jucken  oben  auf  dem  Bauch;  schob  sich  auf  dem  Rücken  langsam 
näher  zum  Bettpfosten,  um  den  Kopf  besser  heben  zu  können;  fand 
die  juckende  Stelle,  die  mit  lauter  kleinen  weißen  Pünktchen  besetzt 
war,  die  er  nicht  zu  beurteilen  verstand;  und  wollte  mit  einem  Bein  die 
Stelle  betasten,  zog  es  aber  gleich  zurück,  denn  bei  der  Berührung 
umwehten  ihn  Kälteschauer. 

Er  glitt  wieder  in  seine  frühere  Lage  zurück.  >Dies  frühzeitige  Auf- 
stehent,  dachte  er,  >macht  einen  ganz  blödsinnig.  Der  Mensch  muß 
seinen  Schlaf  haben.  Andere  Reisende  leben  wie  Haremsfrauen. 
Wenn  ich  zum  Beispiel  im  Laufe  des  Vormittags  ins  Gasthaus  zu- 
rückgehe, um  die  erlangten  Aufträge  zu  überschreiben,  sitzen  diese 
Herren  erst  beim  Frühstück.  Das  sollte  ich  bei  meinem  Chef  versu- 
chen; ich  würde  auf  der  Stelle  hinausfliegen.  Wer  weiß  übrigens,  ob 
das  nicht  sehr  gut  für  mich  wäre.  Wenn  ich  mich  nicht  wegen  meiner 
Eltern  zurückhielte,  ich  hätte  längst  gekündigt,  ich  wäre  vor  den  Chef 
hingetreten  und  hätte  ihm  meine  Meinung  von  Grund  des  Herzens 
aus  gesagt.  Vom  Pult  hätte  er  fallen  müssen!  Es  ist  auch  eine  sonder- 
bare Art,  sich  auf  das  Pult  zu  setzen  und  von  der  Höhe  herab  mit  dem 
Angestellten  zu  reden,  der  überdies  wegen  der  Schwerhörigkeit  des 
Chefs  ganz  nahe  herantreten  muß.  Nun,  die  Hoffnung  ist  noch  nicht 
gänzlich  aufgegeben;  habe  ich  einmal  das  Geld  beisammen,  um  die 
Schuld  der  Eltern  an  ihn  abzuzahlen  - es  dürfte  noch  fünf  bis  sechs 
Jahre  dauern  -,  mache  ich  die  Sache  unbedingt.  Dann  wird  der  große 
Schnitt  gemacht.  Vorläufig  allerdings  muß  ich  aufstehen,  denn  mein 
Zug  fährt  um  fünf.< 


270 


Die  Verwandlung 


Und  er  sah  zur  Weckuhr  hinüber,  die  auf  dem  Kasten  tickte. 
>Himmlischer  Vater!<  dachte  er.  Es  war  halb  sieben  Uhr,  und  die  Zei- 
ger gingen  ruhig  vorwärts,  es  war  sogar  halb  vorüber,  es  näherte  sich 
schon  drei  Viertel.  Sollte  der  Wecker  nicht  geläutet  haben?  Man  sah 
vom  Bett  aus,  daß  er  auf  vier  Uhr  richtig  eingestellt  war;  gewiß  hatte 
er  auch  geläutet.  Ja,  aber  war  es  möglich,  dieses  möbelerschütternde 
Läuten  ruhig  zu  verschlafen?  Nun,  ruhig  hatte  er  ja  nicht  geschlafen, 
aber  wahrscheinlich  desto  fester.  Was  aber  sollte  er  jetzt  tun?  Der 
nächste  Zug  ging  um  sieben  Uhr;  um  den  einzuholen,  hätte  er  sich 
unsinnig  beeilen  müssen,  und  die  Kollektion  war  noch  nicht  einge- 
packt, und  er  selbst  fühlte  sich  durchaus  nicht  besonders  frisch  und 
beweglich.  Und  selbst  wenn  er  den  Zug  einholte,  ein  Donnerwettter 
des  Chefs  war  nicht  zu  vermeiden,  denn  der  Geschäftsdiener  hatte 
beim  Fünfuhrzug  gewartet  und  die  Meldung  von  seiner  Versäumnis 
längst  erstattet.  Er  war  eine  Kreatur  des  Chefs,  ohne  Rückgrat  und 
Verstand.  Wie  nun,  wenn  er  sich  krank  meldete?  Das  wäre  aber  äu- 
ßerst peinlich  und  verdächtig,  denn  Gregor  war  während  seines  fünf- 
jährigen Dienstes  noch  nicht  einmal  krank  gewesen.  Gewiß  würde 
der  Chef  mit  dem  Krankenkassenarzt  kommen,  würde  den  Eltern 
wegen  des  faulen  Sohnes  Vorwürfe  machen  und  alle  Einwände  durch 
den  Hinweis  auf  den  Krankenkassenarzt  abschneiden,  für  den  es  ja 
überhaupt  nur  ganz  gesunde,  aber  arbeitsscheue  Menschen  gibt.  Und 
hätte  er  übrigens  in  diesem  Falle  so  ganz  unrecht?  Gregor  fühlte  sich 
tatsächlich,  abgesehen  von  einer  nach  dem  langen  Schlaf  wirklich 
überflüssigen  Schläfrigkeit,  ganz  wohl  und  hatte  sogar  einen  beson- 
ders kräftigen  Hunger. 

Als  er  dies  alles  in  größter  Eile  überlegte,  ohne  sich  entschließen  zu 
können,  das  Bett  zu  verlassen  - gerade  schlug  der  Wecker  drei  Viertel 
sieben  -,  klopfte  es  vorsichtig  an  die  Tür  am  Kopfende  seines  Bettes. 
»Gregor«,  rief  es  - es  war  die  Mutter  -,  »es  ist  drei  Viertel  sieben. 
Wolltest  du  nicht  wegfahren?«  Die  sanfte  Stimme!  Gregor  erschrak, 
als  er  seine  antwortende  Stimme  hörte,  die  wohl  unverkennbar  seine 
frühere  war,  in  die  sich  aber,  wie  von  unten  her,  ein  nicht  zu  unter- 
drückendes, schmerzliches  Piepsen  mischte,  das  die  Worte  förmlich 
nur  im  ersten  Augenblick  in  ihrer  Deutlichkeit  beließ,  um  sie  im 
Nachklang  derart  zu  zerstören,  daß  man  nicht  wußte,  ob  man  recht 
gehört  hatte.  Gregor  hatte  ausführlich  antworten  und  alles  erklären 
wollen,  beschränkte  sich  aber  bei  diesen  Umständen  darauf,  zu  sagen: 
»Ja,  ja,  danke  Mutter,  ich  stehe  schon  auf«  Infolge  der  Holztür  war 


271 


Franz  K/^t 


die  Veränderung  in  Gregors  Stimme  draußen  wohl  nicht  zu  merken, 
denn  die  Mutter  beruhigte  sich  mit  dieser  Erklärung  und  schlürfte 
davon.  Aber  durch  das  kleine  Gespräch  waren  die  anderen  Familien- 
mitglieder darauf  aufmerksam  geworden,  daß  Gregor  wider  Erwar- 
ten noch  zu  Hause  war,  und  schon  klopfte  an  der  einen  Seitentür  der 
Vater,  schwach,  aber  mit  der  Faust.  »Gregor,  Gregor«,  rief  er,  »was  ist 
denn?«  Und  nach  einer  kleinen  Weile  mahnte  er  nochmals  mit  tiefe- 
rer Stimme:  »Gregor!  Gregor!«  An  der  anderen  Seitentür  aber  klagte 
leise  die  Schwester:  »Gregor?  Ist  dir  nicht  wohl?  Brauchst  du  etwas?« 
Nach  beiden  Seiten  hin  antwortete  Gregor:  »Bin  schon  fertig«,  be- 
mühte sich,  durch  die  sorgfältigste  Aussprache  und  durch  Einschal- 
tung von  langen  Pausen  zwischen  den  einzelnen  Worten  seiner  Stim- 
me alles  Auffallende  zu  nehmen.  Der  Vater  kehrte  auch  zu  seinem 
Frühstück  zurück,  die  Schwester  aber  flüsterte:  »Gregor,  mach  auf, 
ich  beschwöre  dich.«  Gregor  aber  dachte  gar  nicht  daran  aufzuma- 
chen, sondern  lobte  die  vom  Reisen  her  übernommene  Vorsicht, 
auch  zu  Hause  alle  Türen  während  der  Nacht  zu  versperren. 
Zunächst  wollte  er  ruhig  und  ungestört  aufstehen,  sich  anziehen  und 
vor  allem  frühstücken,  und  dann  erst  das  Weitere  überlegen,  denn, 
das  merkte  er  wohl,  im  Bett  würde  er  mit  dem  Nachdenken  zu  keinem 
vernünftigen  Ende  kommen.  Er  erinnerte  sich,  schon  öfters  im  Bett 
irgendeinen  vielleicht  durch  ungeschicktes  Liegen  erzeugten,  leichten 
Schmerz  empfunden  zu  haben,  der  sich  dann  beim  Aufstehen  als  rei- 
ne Einbildung  herausstellte,  und  er  war  gespannt,  wie  sich  seine  heu- 
tigen Vorstellungen  allmählich  auflösen  würden.  Daß  die  Verände- 
rung der  Stimme  nichts  anderes  war  als  der  Vorbote  einer  tüchtigen 
Verkühlung,  einer  Berufskrankheit  der  Reisenden,  daran  zweifelte  er 
nicht  im  geringsten. 

Die  Decke  abzuwerfen  war  ganz  einfach;  er  brauchte  sich  nur  ein 
wenig  aufzublasen  und  sie  fiel  von  selbst.  Aber  weiterhin  wurde  es 
schwierig,  besonders  weil  er  so  ungemein  breit  war.  Er  hätte  Arme 
und  Hände  gebraucht,  um  sich  aufzurichten;  statt  dessen  aber  hatte 
er  nur  die  vielen  Beinchen,  die  ununterbrochen  in  der  verschieden- 
sten Bewegung  waren  und  die  er  überdies  nicht  beherrschen  konnte. 
Wollte  er  eines  einmal  einknicken,  so  war  es  das  erste,  daß  er  sich 
streckte;  und  gelang  es  ihm  endlich,  mit  diesem  Bein  das  auszuführen, 
was  er  wollte,  so  arbeiteten  inzwischen  alle  anderen,  wie  freigelassen, 
in  höchster,  schmerzlicher  Aufregung.  »Nur  sich  nicht  im  Bett  unnütz 
aufhalten«,  sagte  sich  Gregor. 


272 


Die  Verwandlung^ 


Zuerst  wollte  er  mit  dem  unteren  Teil  seines  Körpers  aus  dem  Bett 
hinauskommen,  aber  dieser  untere  Teü,  den  er  übrigens  noch  nicht 
gesehen  hatte  und  von  dem  er  sich  auch  keine  rechte  Vorstellung  ma- 
chen konnte,  erwies  sich  als  zu  schwer  beweglich;  es  ging  so  langsam; 
und  als  er  schließlich,  fast  wild  geworden,  mit  gesammelter  Kraft, 
ohne  Rücksicht  sich  vorwärtsstieß,  hatte  er  die  Richtung  falsch  ge- 
wählt, schlug  an  den  unteren  Bettpfosten  heftig  an,  und  der  brennen- 
de Schmerz,  den  er  empfand,  belehrte  ihn,  daß  gerade  der  untere  Teil 
seines  Körpers  augenblicklich  vielleicht  der  empfindlichste  war. 

Er  versuchte  es  daher,  zuerst  den  Oberkörper  aus  dem  Bett  zu  be- 
kommen, und  drehte  vorsichtig  den  Kopf  dem  Bettrand  zu.  Dies  ge- 
lang auch  leicht,  und  trotz  ihrer  Breite  und  Schwere  folgte  schließlich 
die  Körpermasse  langsam  der  Wendung  des  Kopfes.  Aber  als  er  den 
Kopf  endlich  außerhalb  des  Bettes  in  der  freien  Luft  hielt,  bekam  er 
Angst,  weiter  auf  diese  Weise  vorzurücken,  denn  wenn  er  sich  schließ- 
lich so  fallen  ließ,  mußte  geradezu  ein  Wunder  geschehen,  wenn  der 
Kopf  nicht  verletzt  werden  sollte.  Und  die  Besinnung  durfte  er  gerade 
jetzt  um  keinen  Preis  verlieren;  lieber  wollte  er  im  Bett  bleiben. 

Aber  als  er  wieder  nach  gleicher  Mühe  aufseufzend  so  dalag  wie  frü- 
her, und  wieder  seine  Beinchen  womöglich  noch  ärger  gegeneinander 
kämpfen  sah  und  keine  Möglichkeit  fand,  in  diese  W'illkür  Ruhe  und 
Ordnung  zu  bringen,  sagte  er  sich  wieder,  daß  er  unmöglich  im  Bett 
bleiben  könne  und  daß  es  das  Vernünftigste  sei,  alles  zu  opfern,  wenn 
auch  nur  die  kleinste  Hoffnung  bestünde,  sich  dadurch  vom  Bett  zu 
befreien.  Gleichzeitig  aber  vergaß  er  nicht,  sich  zwischendurch  daran 
zu  erinnern,  daß  viel  besser  als  verzweifelte  Entschlüsse  ruhige  und 
ruhigste  Überlegung  sei.  In  solchen  Augenblicken  richtete  er  die  Au- 
gen möglichst  scharf  auf  das  Fenster,  aber  leider  war  aus  dem  Anblick 
des  Morgcnnebels,  der  sogar  die  andere  Seite  der  engen  Straße  ver- 
hüllte, wenig  Zuversicht  und  Munterkeit  zu  holen.  »Schon  sieben 
Uhr<,  sagte  er  sich  beim  neuerlichen  Schlagen  des  Weckers,  »schon 
sieben  Uhr  und  noch  immer  ein  solcher  Nebel. < Und  ein  Weilchen 
lang  lag  er  ruhig  mit  schwachem  Atem,  als  erwarte  er  vielleicht  von 
der  völligen  Stille  die  Wiederkehr  der  wirklichen  und  selbstverständli- 
ehen  Verhältnisse.  [...] 


273 


Kommentar 


Kommentar 

Die  Erzählung  von  Franz  Kafia  »Die  Verwandlung«  schildert  einen 
jungen  Mann,  der  nach  dem  Aufivachen  feststellt,  dass  er  in  seiner 
Körperlichkeit  verändert  ist,  dass  er  zu  einem  »ungeheuren«  Ungezie- 
fer verwandek  ist.  Dies  alles  kann  er  in  vielen  Details  reflektieren, 
seine  sonstigen  kognitiven  und  Bewusstsänsprozesse  scheinen  unverändert  zu  sein. 
Er  reagiert  mit  großer  Gelassenheit  auf  die  Veränderung  und  wartet  auf  eine  Wen- 
de. Sein  Bezug  zur  Außenwelt,  z-B.  die  Aufaahme  der  Mahnung  von  Mutter  und 
Vater,  er  müsse  aufstehen,  sind  ungestört.  Man  kann  in  dieser  Geschichte  die  Dar- 
stellung eines  Depersonalisationssyndroms  vermuten. 

Unter  einem  Depersonalisationssyndrom  wird  die  Veränderung  der  Wahrnehmung 
der  eigenen  Person  oder  des  eigenen  Körpers  verstanden.  Die  Patienten  berichten  in 
der  Regel  über  ein  Gefühl  des  Losgelöstseins  von  den  eigenen  psychischen  Prozessen 
oder  ihrem  eigenen  Körper.  Auch  wird  über  ein  Gefihl  der  Leere  im  Kopf  oder  ein 
stumpfes  Druckgefühl  geklagt.  Das  Gefiihlserleben  wird  ab  unpersönlich  beschrie- 
ben, die  eigenen  Handlungen  erscheinen  dem  Patienten  mechanuch.  Manche  Pati- 
enten geben  an,  sie fühlten  sich  wie  ein  Roboter  oder  »wie  im  Traum«.  Dabei  bleibt 
zwar  das  Wbsen  über  die  Integrität  des  eigenen  Körpers  erhalten,  aber  dieser  ratio- 
nale Vorgang  löst  sich  vom  gfuhbmäßigen  Erleben.  Oft  geht  das  Erlebnis  der 
Depersonalbation  mit  dem  Erlebnb  der  Derealisation,  abo  der  Veränderung  der 
Wahrnehmung  der  Umgebung  als  fiemd  und  eigenartig  einher.  Das  Syndrom  der 
Depersonalbation  ist  unspezifisch  und  kommt  bei  einer  Vielzahl  von  Erkrankungen 
vor,  so  Z-B.  im  Rahmen  von  Störungen,  Depressionen  und  Schizophrenien.  Ab 
Depersonalbationsstörung  im  Rahmen  der  ICD- 10  werden  nur  die  Depersonali- 
sationssyndrome gefasst,  die  ab  eigenständige  funktionelle  Störungen  anzusehen 
sind.  Traditionellerwebe  wurde  sie  ab  neurotbche  Störung  im  Sinne  der  psf/chody- 
nambchen  Theorie  erklärt.  Die  Abgrenzung  zu  wohnhafter  Depersonalbation  (au- 
topsychbcher  Wahn)  kann  schwierig  sein.  Bei  einer  Depersonalbationsstörung  er- 
kennt der  Betreffende  in  der  Regel,  dass  eine  subjektiv  empfundene  Veränderung 
stattgefunden  hat,  die  nicht  von  äußeren  Kräften  oder  anderen  Personen  verursacht 
worden  bt  Die  Realitätsprüfung  bleibt  intakt. 


274 


t 

F5;  Verhaltensauffälligkeiten  mit  körperlichen 
Störungen  und  Faktoren 


Unter  diesem  Kapitel  werden  u.a.  Essstörungen  und  Schlafstörungen 
subsumiert.  Ess-  und  Schlafstörungen  sind  sehr  häufig  Störungen,  die 
als  isolierte  Störung  Vorkommen,  oder  aber,  wie  insbesondere  die 
Schlafstörung,  oft  im  Rahmen  anderer  Erkrankungen  als  Teilsympto- 
matik bestehen. 

Essstörungen  sind  u.a.  durch  ein  verändertes  Essverhalten  und  die 
daraus  resultierende  Veränderung  des  Körpergewichts  nach  oben 
oder  unten  gekennzeichnet.  Die  Anorexia  nervosa  (Magersucht)  ist 
gekennzeichnet  durch  erheblich  reduzierte  Nahrungsaufnahme  ver- 
bunden mit  z.T.  exzessivem,  lebensbedrohlichem  Gewichtsverlust. 
Damit  verbunden  sind  typische  Symptome  wie  Körper-Wahrneh- 
mungsstörungen (die  Patienten  empfinden  den  Körper  als  zu  dick 
u.a.)  und  einer  Reihe  körperlicher  Folgesymptome.  Die  Bulimia  ner- 
vosa (Ess-Brech-Sucht)  ist  durch  Heißhunger-Attacken  und  selbst- 
induziertes Erbrechen  gekennzeichnet.  Beide  Störungen  sind  häufig 
assoziiert.  Die  Anorexia  ner\'Osa  und  die  Bulimia  nervosa  kommen 
hauptsächlich  im  jungen  Alter  vor  und  vorzugsweise  bei  jungen  Frau- 
en zwischen  15  und  25  Jahren.  Die  Häufigkeit  in  dieser  Risikogruppe 
liegt  bei  etwa  1 Prozent  bei  der  Anorexie  und  1 bis  3 Prozent  bei  der 
Bulimie.  Atiopathogenetisch  besteht  ein  komplexes  Zusammenspiel 
prädisponierender  Faktoren  und  Faktoren,  die  wechselseitig  die  Stö- 
rung aufrechterhalten.  Neben  den  neurobiologischen  und  psycho- 
sozialen wie  auch  soziokulturellen  Faktoren  kommt  auch  der  Fami- 
lienstruktur oft  eine  wichtige  Rolle  zu.  Es  scheint  in  den  Familien 
essgestörter  Patienten  häufig  ein  bestimmtes  Interaktionsmuster 
vorzuliegen,  im  Sinne  von  gesteigerter  Rigidität,  Überbehütung, 
Konfliktv'ermeidung  und  geringer  Konfliktlösungsfähigkeit.  Essge- 
störte Patienten  versuchen  die  Kontrolle  über  seelische  und  körperli- 
che Funktionen  zu  behalten.  Nahrungsaufnahme  wird  in  diesem  Zu- 


275 


F5 


sammenhang  oft  als  Kontrollverlust  erlebt.  Auch  setzen  Essgestörte 
ihre  Symptomatik  zur  Kontrolle  der  Umgebungsbedingungen  ein, 
z.B.  im  Hinblick  auf  die  Interaktion  mit  den  unmittelbaren  Bezugs- 
personen. 

Bei  der  primären  Insomnie  spielen  offensichtlich  eine  erhöhte  Ange- 
spanntheit („Nicht-Abschaltenkönnen“),  schlafbehindernde  Gedan- 
ken sowie  ungünstige  Schlafgewohnheiten  (z.B.  zu  frühes  Zubettge- 
hen) eine  wichtige  Rolle.  Weitere  Ursachen  sind  emotionale  Belastun- 
gen und  Stresssituationen.  Schlafstörungen  sind  sehr  häufig,  die 
Prävalenz  liegt  zwischen  15  bis  30  Prozent  in  der  Allgemeinbevölke- 
rung, behandlungsbedürftige  Insomnien  dürften  bei  1 0 bis  1 5 Prozent 
vorliegen,  wobei  primär  psychogene  Insomnien  dominieren.  Über  1 
Million  Bundesbürger  (1,5  %)  nehmen  regelmäßig  ein  Schlafmittel. 
Bei  über  drei  Viertel  der  Schlafgestörten  lassen  sich  organische, 
psychiatrische  oder  neurologische  Störungen  und  Erkrankungen  fest- 
steilen.  Bei  ca.  10  Prozent  bestehen  Missbrauch  bzw.  Abhängigkeit 
von  Alkohol  oder  Medikamenten,  die  auch  ursächlich  für  die  beste- 
hende Schlafstörung  sein  können.  Schlafstörungen  sind  ein  häufiges 
Symptom  psychischer  Erkrankungen.  So  weisen  z.B.  90  Prozent  an 
einer  Depression  Erkrankte  Schlafstörungen  auf 


276 


Franz  Hohler 


Bedingungen  für  die  Nahrungsaufnahme 


aus:  Franz  Hohler.  Der  Rand  von  Ostermundigen.  Geschichten. 
© 1975  by  Luchterhand,  Darmstadt  und  Neuwied 


Einführung 


Der  Schweizer  Schriftsteller,  Kabarettist  und  Musiker  Franz 
Hohler  (Jahrgang  1943)  studierte  Germanistik  und  Romanistik 
in  Zürich,  bis  er  nach  finf  Semestern  aufgrund  eines  ersten  erfolg- 
reichen Soloprogramms  sein  Studium  abbrach  und  seither  - meist 
als  Ein-Mann-Show,  nur  in  Begleitung  seines  Cellos  - durch  Europa  und  Übersee 
tourt.  Hohler  publizierte  sozialkritisch-pfiffige  Erzählungen,  Romane,  Gedichte, 
Portäts  und  Kinderbücher,  schrieb  Theaterstücke,  Hörspiele  und  Eernsehfilme,  ver- 
öffentlichte Schallplatten  mit  seinen  Soloprogrammen,  übersetzte  Moliere  und  wur- 
de mehrfach  ausgezeichnet  (u.  a.  Kunstpreis  der  Stadt  Zürich  2005). 

Hehlers  niemals  denunziatorischer,  sondern  stets  zutiefst  humanistischer  und 
sprachartistisek  ausgefeüter  Humor  gibt  sich  nicht  mit  oberflächlicher  Effektha- 
scherei zufrieden,  sondern  basiert  auf  tiefen  Einsichten  in  die  menschliche  Psyche, 
deren  Verletzbarkeit,  aber  auch  deren  Absurdität  und  Lächerlichkeit. 


Weiterführende  Literatur: 

Corinna  Jacobi:  Essstörungen.  Hogrefe  2004 


Bedingungen  für  die  Nahrungsaufnahme 


Mir  ist  der  Fall  eines  Kindes  bekannt,  das,  knapp 
nachdem  es  ein  Jahr  alt  geworden  war,  nichts 
mehr  essen  woUte.  Wenn  man  ihm  seine  Nah- 
rung, die  meistens  aus  einem  Brei  bestand,  einge- 
ben wollte,  verwarf  es  die  Hände  vor  dem  Ge- 
sicht, schüttelte  den  Kopf  und  wand  sich,  so  daß 
es  unmöglich  war,  ihm  auch  nur  einen  Löffel  da- 
von in  den  Mund  zu  bringen.  War  man  doch  ein- 


277 


Franz  Hohler 


mal  so  weit  vorgedrungen,  spuckte  es  sofort  alles  wieder  aus  und  be- 
gann zu  schreien.  Das  einzige,  was  es  zu  sich  nahm,  war  etwas  Wasser, 
aber  schon  wenn  man  ihm  statt  dessen  Milch  hinhielt,  wollte  es  nichts 
mehr  davon  wissen. 

Die  Eltern  waren  beunruhigt  und  konnten  sich  diese  plötzliche  Ände- 
rung nicht  erklären.  Sie  versuchten  das  Kind  zuerst  mit  Zureden, 
dann  mit  Drohungen  und  Schlägen  zur  Annahme  des  Breis  zu  bewe- 
gen, aber  es  war  vergebens;  sie  legten  ihm  eine  Banane  hin,  die  es 
sonst  unter  allen  Umständen  gegessen  hätte,  doch  das  Kind  nahm  sie 
nicht.  Erst  ein  Zufall  führte  zu  einer  Lösung.  Das  Zimmer  des  Kindes 
war  mit  einem  Gatter,  das  man  in  den  Türrahmen  einklemmte,  abge- 
sperrt, so  daß  das  Kind  bei  offener  Türe  im  Zimmer  gelassen  werden 
konnte  und  man  hörte,  was  drinnen  vorging,  ohne  daß  es  die  Mög- 
lichkeit hatte  hinauszurennen.  Am  dritten  Tag  der  Nahrungsverwei- 
gerung wollte  der  Vater  der  Mutter,  die  sich  schon  im  Zimmer  be- 
fand, um  das  Kind  zu  Bett  zu  bringen,  den  Brei  hineinreichen,  da 
kam  das  Kind  an  das  Gatter  gelaufen  und  schaute  begierig  zum  Teller 
hinauf.  Sogleich  beugte  sich  der  Vater  hinunter  und  begann,  ihm 
über  das  Gatter  hinweg  den  Brei  einzulöffeln,  und  das  Kind,  das  sich 
mit  den  Händen  an  den  Stäben  hielt  und  mit  dem  Kopf  gerade  über 
den  Gatterrand  hinausreichte,  schien  sehr  zufrieden  und  aß  den  gan- 
zen Brei  auf  Am  nächsten  Morgen  fütterte  der  Vater,  bevor  er  zur 
Arbeit  ging,  das  Kind  auf  dieselbe  Weise,  und  es  zeigte  nicht  die  ge- 
ringsten Widerstände.  Als  aber  die  Mutter  am  Mittag  dem  Kind  den 
Brei  über  das  Gatter  geben  wollte,  lief  es  weg  und  schlug  den  Deckel 
seiner  Spieltruhe  solange  auf  und  zu,  bis  sich  die  Mutter  aus  dem 
Türrahmen  entfernte.  Vom  Vater  nahm  es  am  Abend  wieder  ohne 
Umstände  den  Brei  über  das  Gatter. 

Nun  aß  das  Kind  zwar  wieder,  aber  die  Tatsache,  daß  es  nur  von 
seinem  Vater  gespeist  werden  wollte,  machte  den  Eltern  zu  schaffen. 
Abgesehen  davon,  daß  es  so  nur  zwei  Mahlzeiten  am  Tag  bekam,  war 
es  für  den  Vater  nicht  einfach,  jeden  Abend  pünktlich  dazusein,  um 
dem  Kind  sein  Essen  zu  verabreichen,  er  mußte  sich  von  Berufs  we- 
gen öfters  von  seinem  Wohnort  wegbegeben.  Einmal  erschien  er 
leicht  verspätet  und  hörte  das  Kind  schon  schreien,  warf  den  Mantel 
rasch  über  einen  Stuhl,  ging  zum  Kinderzimmer  und  gab  dem  Kind 
sein  Essen.  Erst  nachher  merkte  er,  daß  er  vergessen  hatte,  seinen  Hut 
dazu  abzunehmen.  Als  er  am  andern  Morgen  wieder  zum  Kind  ging, 
wollte  es  nicht  essen,  zeigte  ihm  jedoch  unablässig  auf  den  Kopf  Da 


278 


Bedingungen  ßir  dk  Nahrur^saujnahme 


erinnerte  sich  der  Vater  an  den  vorigen  Abend,  holte  seinen  Hut  und 
setzte  ihn  auf,  und  befriedigt  ließ  sich  das  Kind  nun  seinen  Brei  ge- 
ben. Von  nun  an  mußte  der  Vater  immer  einen  Hut  anhaben,  wenn 
er  wollte,  daß  das  Kind  aß. 

Bisher  war  die  Mutter  stets  zugegen  gewesen,  wenn  das  Kind  sein 
Essen  erhielt,  nun  blieb  sie  einmal  am  Morgen,  als  sie  schlecht  ge- 
schlafen hatte,  im  Bett,  da  sich  der  Vater  anerboten  hatte,  das  Kind 
allein  zu  besorgen.  Das  Kind  weigerte  sich  aber,  den  Brei  ohne  die 
Gegenwart  der  Mutter  zu  essen,  und  so  blieb  dem  Vater  nichts  ande- 
res übrig,  als  die  Mutter  herzuholen,  welche  sich  im  Nachthemd  auf 
ein  Kinderstühlchen  setzte. 

Am  selben  Abend  wehrte  sich  das  Kind  schreiend  gegen  die  Zumu- 
tung, seinen  Brei  zu  essen,  dabei  war  alles  in  Ordnung.  Der  Vater 
stand  außerhalb  des  Gatters  und  hatte  seinen  Hut  an,  und  die  Mutter 
war  auch  dabei.  Allerdings  trug  sie  jetzt  ihre  Tageskleidung,  und  da 
das  Kind  immer  wieder  auf  die  Mutter  zeigte,  zog  sie  schließlich  ihr 
Nachthemd  an  und  kam  wieder  ins  Zimmer.  Das  Kind  war  aber  erst 
zufrieden,  als  sie  sich  wieder  auf  das  Kinderstühlchen  setzte  und  von 
dort  aus  zuschaute,  wie  es  aß. 

Von  jetzt  an  mußte  sich  die  Mutter  immer  zur  Essenszeit  des  Kindes 
das  Nachthemd  anziehen,  sonst  war  an  eine  Nahrungsaufnahme  gar 
nicht  zu  denken. 

Bald  ließ  sich  das  Kind  nicht  mehr  von  zufällig  eingetretenen  Ereig- 
nissen leiten,  die  es  wiederholt  haben  wollte,  sondern  begann,  sich 
selbst  neue  Forderungen  auszudenken.  So  deutete  es  als  nächstes  auf 
den  Schrank,  der  im  Zimmer  stand  und  schaute  dazu  seine  Mutter 
an.  Die  Mutter  ging  auf  den  Schrank  zu  und  wollte  ihn  öffnen,  doch 
da  heulte  das  Kind  auf  und  zeigte  auf  die  Decke  des  Schranks.  Die 
Mutter  sagte,  nein,  das  mache  sie  nicht,  da  legte  sich  das  Kind  auf 
den  Boden  und  strampelte  mit  Händen  und  Füßen  in  der  Luft,  indem 
es  gellende  Schreie  von  besonderer  Widerlichkeit  dazu  ausstieß. 
Trotzdem  beschlossen  die  Eltern,  auf  diesen  Wunsch  des  Kindes 
nicht  einzugehen,  und  so  mußte  es  ohne  Essen  ins  Bett.  Bis  zum  Mor- 
gen, so  hofften  sie,  hätte  es  den  Gedanken  bestimmt  wieder  vergessen. 
Als  die  Mutter  am  andern  Morgen  im  Nachthemd  auf  dem  Kinder- 
stühlchen saß  und  der  Vater  im  Hut  vor  dem  Gatter  stand  und  dem 
Kind  das  Essen  eingeben  wollte,  lehnte  es  wieder  ab  und  zeigte  auf 
die  Decke  des  Schranks.  Die  Eltern  erfüllten  ihm  den  Wunsch  nicht, 
aber  das  Kind  aß  nichts. 


279 


Franz  Hohler 


Nach  zwei  Tagen,  als  es  bereits  Schwächeerscheinungen  zeigte,  weil 
es  außer  Wasser  nichts  zu  sich  genommen  hatte,  gaben  die  Eltern 
nach,  die  Mutter  kletterte  im  Nachthemd  auf  den  Schrank  und  legte 
sich  flach  hin,  worauf  das  Kind  sofort  und  mit  großer  Begeisterung 
seinen  Brei  aß,  sich  aber  immer  wieder  mit  Blicken  versicherte,  ob  die 
Mutter  ihm  auch  wirklich  beim  Essen  zuschaue.  Die  Eltern  waren 
nach  dieser  Niederlage  sehr  geschlagen  und  schauten  geängstigt  dem 
entgegen,  was  noch  kommen  würde.  Man  kann  sich  fragen,  ob  ihr 
Verhalten  richtig  war,  aber  sie  sahen  keinen  andern  Weg,  um  das 
Kind  nicht  verhungern  zu  lassen.  Die  Kinderärztin,  die  immer  für  die 
Kinder  und  gegen  die  Eltern  entschied,  empfahl  dringend,  den  Wün- 
schen des  Kindes  nachzugeben,  da  es  wichtiger  sei,  daß  das  Kind  esse, 
als  daß  die  Eltern  möglichst  sorglos  lebten,  und  ein  Kinderpsycholo- 
ge, mit  dem  der  Vater  bekannt  war,  konnte  auch  nicht  helfen,  sprach 
von  einer  etwas  verfrühten  Trotzphase  und  machte  vage  Hoffnungen, 
daß  sie  vorübergehend  sei. 

Dafür  gab  es  aber  noch  keine  Anzeichen,  denn  als  das  Kind  das  näch- 
stemal essen  sollte,  rannte  es  zum  Fenster  und  war  nicht  mehr  davon 
wegzubringen.  Der  Vater  wies  das  Kind  auf  die  Mutter  hin,  die  ord- 
nungsgemäß im  Nachthemd  auf  dem  Schrank  lag,  deutete  auf  seinen 
Hut  und  wollte  ihm  das  Essen  über  das  Gatter  geben,  aber  das  Kind 
schüttelte  sich  am  ganzen  Körper  und  griff  mit  beiden  Händen  nach 
dem  Fenstersims.  Der  Vater  wollte  es  zwar  nicht  wahrhaben,  aber  er 
wußte,  was  das  bedeutete.  Das  Zimmer  lag  im  ersten  Stock,  er  holte 
also  eine  Leiter  im  Keller,  stellte  sie  außen  an  das  Haus,  stieg  darauf 
zum  Kinderzimmer  hoch  und  reichte  dem  Kind  den  Brei  durch  das 
offene  Fenster.  Das  Kind  strahlte  und  aß  alles  auf 
Am  folgenden  Tag  regnete  es,  und  der  Vater  erstieg  die  Leiter  zum 
Kinderzimmer  mir  einem  Regenschirm.  Von  nun  an  mußte  er  immer 
mit  dem  Regenschirm  ans  Fenster  kommen,  unabhängig  vom  Wetter, 
sonst  wurde  der  Brei  nicht  gegessen. 

Inzwischen  hatten  die  Eltern,  um  sich  etwas  zu  entlasten,  ein  Dienst- 
mädchen genommen.  Das  Kind  jedoch  lehnte  dieses  gänzlich  ab  und 
wollte  sich  nur  von  der  Mutter  betreuen  lassen.  Auch  die  Hoffnung, 
das  Dienstmädchen  könne  sich  im  Nachthemd  der  Mutter  auf  den 
Schrank  legen,  erwies  sich  als  falsch,  das  Kind  verfiel  fast  in  Tobsucht 
ob  des  plumpen  Täuschungsversuches.  Als  aber  das  Dienstmädchen 
das  Zimmer  verlassen  wollte,  war  es  auch  wieder  nicht  recht.  Es  muß- 
te am  Gatter  stehenbleiben  und  ebenfalls  Zusehen,  wie  das  Kind  aß. 


280 


Kommentar 


und  auch  das  reichte  noch  nicht.  Es  aß  erst,  wenn  das  Dienstmädchen 
bei  jedem  Löfi’el,  den  es  schluckte,  einmal  eine  Rasselbüchse  schüt- 
telte. 

Das,  hätte  man  annehmen  können,  war  nun  fast  das  äußerste,  aber 
jetzt  fing  das  Kind  an,  den  Vater  wegzustoßen,  wenn  er  sich  über  den 
Sims  lehnte  und  auch  denTeller  mit  dem  Brei  hinunterzuwerfen,  den 
der  Vater  jeweils  aufs  Fensterbrett  stellte.  Dem  Vater  fiel  nichts  ande- 
res mehr  ein  als  sich  eine  sehr  hohe  Bockleiter  zu  kaufen.  Die  stellte  er 
in  einiger  Entfernung  von  der  Hausmauer  auf,  stieg  dann  hoch  und 
verabreichte  dem  Kind  den  Brei  mit  einem  Löffel,  den  er  an  einem 
Bambusrohr  befestigt  hatte.  Um  mit  diesem  Löffel  in  den  Brei  ein  tau- 
chen zu  können,  mußte  er  den  linken  Arm  mit  dem  Teller  ganz  aus- 
strecken, konnte  also  den  Brei  nicht  auf  der  Leiter  abstellen.  Da  er 
aber  nicht  ohne  Schirm  auftreten  durfte  und  ihn  nicht  wie  bisher  in 
der  Hand  halten  konnte,  hatte  er  sich  ein  Drahlgestell  angefertigt,  das 
er  auf  die  Schultern  nehmen  konnte  und  in  welches  der  Schirm  ein- 
gesteckt wurde,  so  daß  er  ihn  etwa  in  derselben  Höhe  über  sich  trug, 
wie  wenn  er  ihn  in  der  Hand  gehabt  hätte. 

Ein  Nachbar,  der  zu  diesem  Zeitpunkt  seinen  Feldstecher  auf  das 
Haus  gerichtet  hat,  sieht  also  folgendes: 

Der  Vater  reicht  dem  Kind  den  Brei  in  einem  an  einer  Bambusstange 
befestigten  Löffel  von  einer  Bockleiter  außerhalb  des  ersten  Stockes 
durchs  Fenster.  Dazu  trägt  er  einen  Hut  und  einen  Regenschirm,  den 
er  an  einem  Drahtgestell  über  den  Schultern  festgemacht  hat.  Die 
Mutter  liegt  im  Nachthemd  auf  dem  Schrank,  und  das  Dienst- 
mädchen steht  vor  dem  Gatter,  das  im  Türrahmen  eingeklemmt  ist. 
Beide  schauen  zu,  wie  das  Kind  ißt,  und  das  Dienstmädchen  schüttelt 
zusätzlich  beijedem  Löffel,  den  das  Kind  schluckt,  eine  Rasselbüchse. 
Wenn  diese  Bedingungen  erfüllt  sind,  und  nur  dann,  dann  ißt  das 
Kind. 


Kommentar 


Die  Geschichte  von  Franz  Flohler  schildert  fast  protokollarisch  die 
J Geschichte  eines  Konditionierungsprozesses,  der  dazu  fuhrt,  dass  die 
Nahrungsaufnahme  eines  1 -jährigen  Kindes  gekoppelt  wird  an  im- 
mer  komplexere  situative  Bedingungen,  die  zunächst  zufällig  sind, 
dann  aber  vom  Kind  zunehmend  gestaltet  werden.  Das  Kind  isst  nur,  wenn  die 
jeweiligen  .situativen  Elemente  erfüllt  .sind.  Die  Eltern  geraten  dadurch  in  eine  im- 


281 


Kommentar 


mer groteskere  Rolle,  wagen  es  aber  rächt  mit  ausreichender  Kraft,  sich  zur  Wehr  zu 
setzen,  zumal  die  Kinderärztin  rät,  dem  Kind  mehr  oder  weniger  zu  Willen  zu 
sein.  Die  Geschichte  schildert  mögliche  Entstehungsmechanismen  von  Essverhalten 
und  auch  die  Machtausübung,  die  durch  gestörtes  Essverhalten  auf  die  Umgebung 


282 


Jean  Paul 


Die  Kunst,  einzuschlafen 

am:  Jean  Paul.  Sämtliche  Werke,  Band.  6.  Herausgegeben  von  Norbert  Miller. 
Nachwort  von  Walter  Hollerer. 

© 1963  by  Carl  Hanser  Verlag,  München  - Wien 


Einführung 

Der  deutsche  Schriftsteller  Jean  Paul  (1763-1825)  hieß  eigent- 
lich Johann  Paul  Friedrich  Richter  und  wählte  seinen  »Nom  de 
plume»  aus  Bewunderungßir  Jean  Jacques  Rousseau  (1712  bis 
1778).  Er  war  der  Sohn  eines  Lehrers  und  Organisten  und  wuchs 
in  ärmlichen  Verhältnissen  auf,  denen  er  seine  Lesewut  entgegensetzte.  In  Leipzig 
studierte  er  lustlos  Theolofe,  musste  vor  seinen  Gläubigern  fliehen  und  kehrte  als 
gescheiterte  Existenz  Zu  seiner  Mutter  nach  Hof  zurück.  Der  Tod  eines  Freundes 
(1 786)  sowie  der  Suizid  seines  Bruders  Heinrich  ( 1 789)  überschatteten  die  Jahre 
der  Armut  zusätzlich.  Erst  das  Romanflagment  »Die  unsichtbare  Loge«  (1793) 
brachte  aufgrund  des  überschwänglichen  Lobes  von  Karl  Philipp  Moritz  (1756  bis 
1793)  den  Durchbruch.  Schlagartig  berühmt  jedoch  wurde  Jean  Paul  durch  den 
Roman  »Hesperus«  (1795),  dem  größten  literarischen  Erfolg  nach  Goethes  Wert- 
her.  Herder,  Wieland  und  Gleim  äußerten  sich  enthusiastisch,  Goethe  und  Schiller 
ablehnend.  Auf  Einladung  seiner  glühenden  Verehrerin  Charlotte  von  Kalb  besuch- 
te Jean  Paul  1796  Weimar,  Goethe  und  Schiller  jedoch  blieben  höchst  distanziert. 
Seine  Berliner  Blütezeit  als  Lieblingsautor  insbesondere  der  gebildeten  Damenwelt, 
darunter  auch  die.  preußische  Königin  Luise,  ist  mit  den  Romanen  »Siebenkäs« 
(1796/97),  »Titan«  (1800-1803)  und  »Flegeljahre«  (1804/05)  verbunden. 
Er  verlobte  sich  mit  Karoline  von  Feuchtersieben,  was  wegen  der  Standesunterschie- 
de problematisch  war.  Als  die  Hindernisse  endlich  überwunden  schienen,  entlobte 
sich  Jean  Paul  wieder  und  heiratete  1801  Karoline  Meyer,  mit  der  er  in  Begleitung 
ihrer  beiden  Kinder  1805  nach  Bayreuth  übersiedelte.  Dort  führte  er  fortan  ein 
zurückgezogenes  Leben,  wegen  häufigen  häuslichen  Janks  bevorzugte  er  allerdings 
das  Landgasthaus  Rollwenzelei  vor  den  Toren  der  Stadt  und  sprach  tüchtig  dem 
Braunbier  zu.  Im  Jahre  1823  erkrankte  Jean  Paul  am  grauen  Star  und  erblindete, 
1825  kam  eine  Brustwassersucht  hinzu,  an  der  er  1825  verstarb  und  in  Bayreuth 
unter  großer  Anteilnahme  beigesetzt  wurde. 


283 


Jean  Paul 


Erzähltechnik,  Stilistik  und  Sprachmtistikjem  Pauls  zeigen  deutliche  Wirkungen 
bis  hinein  in  die  Gegenwartsliteratur  (z.B.  Arno  Schmidt,  Günter  Grass,  Hanns- 
Josef  Ortheil,  Günter  de  Bruyn),  obgleich  viele  seiner  Romane  heute  ohnephilolo- 
gischen  Kommentar  kaum  mehr  genussvoll  lesbar  sind.  Die  Bewunderungßir  seine 
Werke  ist  dennoch  ungebrochen. 

Weitefuhrende  Literatur: 

Hanns -Josef  Ortheil:  Jean  Paul.  Rowohlt  198 


Die  Kunst,  einzuschlafen 

Nicht  Einschlafen,  sondern  Wiedereinschlafen  ist 
schwer. 

Dies  ist  ungemein  verdrießlich,  besonders  wenn 
man  keine  Mittel  dagegen  weiß. 

Ich  weiß  und  gebe  sie  aber;  sämtlich  laufen  sie  in 
der  Kunst  zusammen,  sich  selber  Langweile  zu 
machen,  eine  Kunst,  die  bei  gedachten  logischen 
Köpfen  auf  die  unlogische  Kunst,  nicht  zu  den- 
ken, hinauskommt. 

1)  Das  erste  Mittel,  das  schon  Leibniz  als  ein  gutes  vorschlug,  ist 
Zählen.  Denn  die  ganze  Philosophie,  ja  die  Mathematik  hat  keine  ab- 
strakte Größe,  die  uns  so  wenig  interessiert  als  die  Zahl;  nur  aber  kann 
man  einem  Einschläfer  nicht  genug  einschärfen,  das  Zählen  äußerst 
langsam  und  schläfrig  zu  verrichten.  Indes  diese  Beobachtung  höchst- 
möglicher Faultierlangsamkeit  ist  wohl  Kardinalregel  aller  Einschlä- 
fermittel überhaupt. 

2)  Töne,  sagt  Bako,  schläfern  mehr  ein  als  ungegliederte  Schälle. 
Auch  Töne  zählen  und  werden  gezählt.  Da  aber  hier  nicht  von  frem- 
den, sondern  von  Selbendadungen  - das  Einschläfern  ist  der  einzige 
schöne  Seibermord  - die  Rede  ist:  so  gehören  nur  Töne  her,  die  man 
in  sich  selber  hört  und  macht.  Es  gibt  kein  süßres  Wiegenlied  als  die- 
ses innere  Hören  des  Hörens.  Wer  nicht  musikalisch  phantasieren 
kann,  der  höre  sich  wenigstens  iigendein  Lieblingslied  oder  eine 
Trauermusik  in  seinem  Kopfe  ab;  der  Schlaf  wird  kommen  und  viel- 
leicht den  Traum  mitbringen,  dessen  Saiten  in  keiner  Luft  mehr  zit- 
tern, sondern  im  Äther. 

3)  Vom  zweiten  Mittel  ist  das  dritte  nicht  sehr  verschieden,  sich 


284 


Die  Kunst,  änzuschla/en 


r 

nämlich  in  gleichem  Silben-Dreschen  leere  Schilderungen  langsam 
innen  vorzusagen,  wie  ich  z.B.  mir:  wenn  die  Wolken  fliegen,  wenn 
die  Nebel  fliehen,  wenn  die  Bäume  blühen  etc.  Darauf  lass*  ich  aufs 
Wenn  kein  So  folgen,  sondern  nichts,  nämlich  Entschlafen;  denn  die 
kleinste  Rücksicht  auf  Sinn  oder  Zusammenhang  oder  Silbenzahl 
würde,  wie  ein  Nachtwächter-Gesang,  alles  wieder  einreißen,  was  das 
poetische  Seiberwiegenlied  aufgebaut.  Da  aber  nicht  jeder  Talent 
zum  Dichten  hat  - zumal  so  spät  im  Bette  so  kommen  ja  dem 
Nicht-Dichter  zu  Tausenden  Bett-Lieder  mit  diesem  poetischen  fau- 
len Trommelbaß  entgegen,  wovon  er  nur  eines  auswendig  zu  lernen 
braucht,  um  für  alle  Nächte  damit  sein  Glück  zu  machen. 

4)  Ein  gutes  Mittel,  einzuschlafen  nicht  sowohl  als  wieder  einzu- 
schlafen, ist,  falls  man  aus  einem  Traum  erwacht,  sich  in  diesen  mit 
den  schläfrigen  Augen,  indem  man  ihm  unaufhörlich  nachschaut, 
wieder  einzusenken;  bald  wird  die  Welle  eines  neuen  Traumes  wieder 
anfallen  und  dich  in  ihr  Meer  fortspülen  und  eintauchen.  Der  Traum 
sucht  den  Traum.  Im  großen  Schatten  der  Nacht  spielt  jeder  Schatten 
mit  uns  Sterblichen  und  hält  uns  für  seinesgleichen. 

5)  Hefte  dein  inneres  Nachtauge  lange  auf  einen  optischen  Gegen- 
stand, z.B.  auf  eine  Morgenaue,  auf  einen  Berggipfel,  es  wird  sich 
schließen.  Überhaupt  sind  Landschaften  - weil  sie  unserm  innern 
Menschen,  der  mehr  Augen  hat  als  Ohren,  leicht  zu  erschaffen  wer- 
den, und  weil  sie  uns  in  keine  mit  Menschen  bevölkerte  und  er- 
weckende Zukunft  ziehen  - die  beste  Schaukel  und  Wiege  des  unru- 
higen Geistes. 

6)  Das  sechste  Mittel  half  mir  mehrere  Nachmitternächte  durch, 
aber  es  fordert  Übung;  man  schaut  nämlich  bloß  unverrückt  in  den 
leeren  schwarzen  Raum  hinein,  der  sich  vor  den  zugeschloßnen  Augen 
ausstreckt.  Nach  einigen  Minuten,  wenn  nicht  Sekunden,  wird  sich 
das  Schwarze  färben  und  erleuchten  und  so  den  Chaos-Stoff  zu  den 
bunten  Traum-  oder  Empfmdbildern  liefern,  welche  in  den  Schlaf 
hinüberführen. 

7)  Wer  seine  Augen  schließen  will,  mache  an  seinem  innern  Janus- 
kopfe zuerst  das  Paar,  das  nach  der  Zttkunfl  blicket,  zu;  das  zweite, 
nach  der  Vorzeit  gerichtet,  lasse  er  immer  offen.  Am  Tage  vor  einer 
Reise  oder  Haupttat  schläft  man  so  schwer  als  am  Tage  nachher  so 
leicht;  die  Zukunft  ergreift  uns  (so  wie  den  Traum)  mehr  als  die  Ge- 
genwart und  Vergangenheit. 

8)  Für  manche  geübte  gewandte  Geister  im  Kopfe  mag  das  wildeste 


285 


Jean  Paul 


Springen  von  Gegen-  zu  Gegenstand  - aber  ohne  Vergleichungzweck 
mit  welchem  der  Verfasser  sich  sonst  einschläferte,  von  einiger 
Brauchbarkeit  sein.  Eigendich  ist  dieses  Springenlassen  nichts  anders, 
wenn  es  gut  sein  will,  als  das  obige  Gehenlassen  des  Gehirns;  der 
Geist  läßt  das  Organ  auszucken  in  Bildern. 

9)  Seelenlehrer  und  deren  Seelenschüler  schläfern  sich  ein  - falls  sie 
wollen  - wenn  sie  geradezu  jede  Gedankenreihe  ganz  vorn  abbre- 
chen, die  neue  wieder  und  so  fort,  indem  sie  sich  fragen  bei  jedem 
Mächtigen,  was  sie  ausdenken  und  vollenden  möchten:  »Kann  ich 
denn  nicht  morgen  eine  Stunde  länger  wach  liegen  und  meine  Kopf- 
arbeit auf  dem  Kopfkissen  verrichten?  Und  warum  denn  nicht?«  - 
Wer  aber  so  wenig  Denkkraft  hat,  daß  er  sie  damit  nicht  einmal  hem- 
men kann,  wo  er  will,  der  höre  hier  wieder  ein  Ausmittel;  nämlich  er 
horche  sich  innen  zu,  wie  ihm  ohne  sein  Schaffen  ein  Substantivum  nach 
dem  andern  zutönt  und  zufliegt,  z.  B.  mir  gestern:  »Kaiser  - Rotman- 
tel - Purpurschnecke  — Stadtrecht  — Donnersteine  - Hunde  - Blut- 
scheu - atque  - panis  - piscis  - crinis  - Karol  magnus  -Partebona  - et 
so  weiter.« 

10)  Niemand  merkte  noch  scharf  genug  darauf,  daß  er  zwei  der  be- 
sten Säemaschinen  der  Schlummerkörner  an  seinem  eignen  Kopfe 
herumtrage,  nämlich  seine  beiden  Gehörgänge,  nach  außenhin  Oh- 
ren genannt.  Höchstens  nahm  vielleicht  einer  und  der  andere  wahr, 
daß  ihm  Einschläferndes  zufließe  durch  die  Gehörgänge  in  Hofkir- 
chen, in  Redesälen  akademischer  Mitglieder,  in  Freimaurerlogen  und 
in  Theaterlogen,  wiewohl  er  am  hellen  Tage  wenig  Gebrauch  davon 
zu  machen  wußte;  aber  ich  darf  wohl  mich  als  den  Erfinder  ansehen, 
welcher  die  eignen  Gehörwerkzeuge,  auch  ohne  alle  Unterstützung 
fremder  Sprachwerkzeuge  und  folglich  in  der  Einsamkeit  der  Nacht 
und  der  Bettstelle,  als  die  besten  Schltiftrunkzubringer  zuerst  beob- 
achtet hat.  Wie  nämlich  Mäzen  sich  durch  Wasserfälle  einschläferte 
oder  wie  in  den  achtziger  Jahren  der  Wunderdoktor  Schlippach  in  der 
Schweiz  ein  besonderes  Schlafzimmer  hatte,  worin  alle  Kranke  ent- 
schliefen an  den  um  dasselbe  niederrauschenden  Strömen:  so  tragen 
wir  alle  ja  ähnliche  Wasserfalle  in  uns,  ich  meine  die  Pulsadern- 
Springbrunnen  und  Blutadern-Wasserfälle,  welche  unaufhörlich 
dicht  neben  unsern  Ohrnerven  rauschen,  und  die  jeder  - sogar  am 
Tage  mit  einiger  Aufmerksamkeit  nach  Innen,  aber  noch  lauter  in  der 
Nacht  auf  dem  Kopfkissen  - vernehmen  kann.  Nun  auf  dieses  innere 
Rauschen  richte  ein  Beflißner  des  Wiedereinschlafens  recht  bestimmt 


286 


Die  Kunst,  einzuschlafen 

sein  Seelenohr;  - und  er  wird  mir  danken,  wenn  er  erwacht,  und  es 
rühmen,  daß  er  durch  mich  früher  eingeschlafen.  Noch  trefQicher 
wirkt  dieses  zehnte  Mittel  ein,  wenn  man  ihm  noch  das  sechste  als  ein 
adjuvans  beimischt,  was  ich  in  meiner  nächtlichen  Praxis  selten  ver- 
gesse. 

1 1)  Das  eilfte  Einschlafmittel  ist  irgendeine  Historie,  die  man  sich  me- 
trisch in  den  freiesten  Silbenmaßen  vorerzählt.  Gewöhnlich  nehm' 
ich  des  biblischen  Josephs  Geschichte  dazu  und  halte  damit  gut  sie- 
ben, ja  bis  zwölf  Nächte  Haus; 

1 2)  Kein  gemeines  Einschlafmittel  - sondern  vielmehr  ein  neues  und 
das  zwölfte  - ist  Buchstabieren  unendlich  langgestreckter  Wörter,  wie  sie 
die  Kanzleien  des  Reichstags,  des  Bundtags,  die  wienerischen  sämt- 
lich, ja  die  meisten  deutschen  als  höhere  bureaux  des  longitudes  uns 
hinlänglich  zulangen  und  schenken. 

1 3)  Das  dreizehnte  Seelen-  und  Bett-Laudanum  kann  jeder  gebrau- 
chen, er  habe  so  viele  Ideen,  als  er  will,  oder  so  wenige  oder  gar  keine. 
Ich  schäme  mich,  es  aber  anzugeben,  da  es  in  nichts  Geistigerem  be- 
steht als  darin,  daß  man  die  fünf  Finger,  einen  nach  dem  andern, 
langsam  auf  oder  unter  dem  Deckbette  auf-  und  niederbewegt  und 
fortfährt  und  daran  so  lange  denkt,  bis  man,  ohne  daran  zu  denken, 
an  kein  Aufheben  oder  Achtgeben  mehr  denkt,  sondern  schnarcht.  Es 
ist  erbärmlich,  daß  unser  Geist  so  oft  der  Mitbelehnte  des  Leibes  ist 
und  besonders  hier  das  Faustrecht  der  toten  Hand  und  deren  Finger- 
setzung hat,  und  daß  sein  geistiger  oder  geistlicher  Arm  in  der  Arm- 
röhre des  weltlichen  steckt.  Schlafdurstige,  also  Schlaftrunkene,  z.B. 
Soldaten,  Postillione,  schlummern  im  Reiten  und  Marschieren  halb 
ein,  bloß  weil  gleiche  Bewegungen  des  Körpers  dieselben  langweilig- 
geistigen, die  das  Gehirn  wenig  mehr  reizen,  in  sich  schließen.  Läßt 
man  aber  den  schlafenden  Postillion  die  Pferde  abspannen,  ein- 
ziehen, abschirren  und  füttern:  so  wird  und  bleibt  der  Mann  ganz 
wach;  bloß  weil  seine  (körperlichen  und  geistigen)  Bewegungen  jetzt 
immer  etwas  anderes  anzufangen  und  abzusetzen  haben.  Der  Grund 
ist:  die  Einförmigkeit  fehlt.  Wenn  man  in  Tangotaboo  (nach  Förster) 
die  Großen  dadurch  einschläfert,  daß  man  lange  und  linde  auf  ihrem 
Leibe  trommelt:  so  ist  der  Grund  gar  nicht  von  diesem  vorletzten  Mit- 
tel verschieden.  Denn  das 

1 4)  ist  das  letzte.  Da  die  Kunst,  einzuschlafen,  nichts  ist  als  die  Kunst, 
sich  selber  auf  die  angenehmste  Weise  Langweile  zu  machen  - denn 
im  Bette  oder  Leibe  findet  man  doch  keinen  andern  Gesellschafter  als 


287 


Kommentar 


sich  so  taugt  alles  dazu,  was  nicht  aufhört  und  ohne  Absätze  wie- 
derkehrt. Der  eine  stellt  sich  auf  einen  Stern  und  wirft  aus  einem  Kor- 
be voll  Blumen  eine  nach  der  andern  in  den  Weltabgrund,  um  ihn 
(hofft  er)  zu  füllen;  er  entschläft  aber  vorher.  Ein  anderer  stellt  sich  an 
eine  Kirchentüre  und  zählt  und  sieht  die  Menge  ohne  Ende,  die  her- 
auszieht. Ein  dritter,  z.  B.  ich  selber,  reitet  um  die  Erde,  eigentlich  auf 
der  Wolkenbergstraße  des  Dunstkreises,  auf  der  wahren,  um  uns  hän- 
genden Bergkette  von  Riesengebirgen,  und  reitet  (indem  er  unauf- 
hörlich selber  das  Roß  bewegt)  von  Wolke  zu  Wolke  und  zu  Pol-Schei- 
nen und  Nebelfeldern,  und  dann  schwimmt  er  durch  langes  Blau  und 
durch  Äquator-Güsse,  und  endlich  sprengt  er  zum  andern  Pole  wie- 
der zu  uns  herauf  - Ein  vierter  Schlaflustiger  setzt  irgendeinen  Geni- 
us bis  an  den  halben  Leib  in  eine  lichte  Wolke  und  will  ihn  mit  Rosen 
rund  umlegen  und  überdecken,  die  aber  alle  in  die  weiche  Wolke  un- 
tersinken; der  Mann  läßt  indes  nicht  ab  und  umblümet  weiter  - in  die 
Runde  - und  immer  fort  - und  die  Blumen  weichen  - und  der  Genius 
ragt  - wahrhaftig  ich  schliefe  hier,  hielte  mich  nicht  das  Schreiben 
munter,  unter  demselben  selber  ein.  So  wird  uns  nun  der  Schlaf  - 
dieses  schöne  Stilleben  des  Lebens  - von  allem  zugeführt,  was  einför- 
mig so  fortgeht.  So  schlafen  Menschen  über  dem  Leben  selber  ein, 
wenn  es  kaum  acht  oder  neun  Jahrzehende  gedauert  hat.  So  könnte 
sogar  dieser  muntere  Aufsatz  den  Lesern  die  Kunst,  einzuschlafen, 
mitteilen,  wenn  er  ganz  und  gar  nicht  aufhörte. 


Kommentar 

Die  Einschlqfregeln,  die  Jean  Paul  in  seinem  Beitrag  »Die  Kunst, 
einzuschlqfen«  gibt,  erscheinen  größtenteils  als  sinnvoll,  wenn  sie 
auch  in  einer  etwas  poetischen  bzw.  z-  T.  parodierenden  Weise  for- 
muliert sind. 

Gerade  bei  der  Therapie  der  primären  Insomnie,  also  der  nicht  durch  andere  Er- 
krankungen bedingten  Schlaflosigkeit,  spielen  verschiedene  »diätetische«  MqßnaJi- 
men  (diätetisch  im  Sinne  von  Hippokrates  als  Kunst  der  Lebensführung)  der 
Schlqfförderung  eine  zentrale  Rolle.  Dazu  gehört  eine  Veränderung  der  Lebensfüh- 
rung in  dem  Sinne,  dass  man  am  Abend  vor  dem  Schlcfengehen  ermüdet  genug  ist 
und  dass  Umgebungsfaktoren,  wie  die  Schlafzimmertemperatur,  akustische  Bedin- 
gungen, Lichtverhältnisse  so  modifiziert  sind,  dass  sie  das  Schiefen  befördern. 
Schließlich  gehört  dazu  auch,  dass  man  sich  mit  verschiedenen  Maßnahmen  so 


288 


Kommentar 


»beruhigt«,  dass  der  Schlafiorgang  einsetzen  kann,  bzm.  dass  man  beim  nächtli- 
chen Wieder aujwachen  erneut  zum  Schlafen  kommt. 


August  Strindberg 


Inferno 

aus:  August  Strindberg.  Werke.  Deutsche  Gesamtausgabe.  Inferno.  Legende. 
Deutsch  von  Emil  Schering. 

© 1920  ly  Georg  Müller  Verlag,  München 


Einführung 


Der  schwedische  Schriflsteller  Augist  Strindberg  (1849-1912) 
ist  als  Dramatiker  mit  der  von  ihm  erstmals  verwendeten  traumar- 
tig assoziativen  Stationentechnik  einer  der  Wegbereiter  der  literari- 
schen Moderne.  Nach  dem  Verlust  der  Mutter  im  Alter  von  13 


Jahren  (Lungentuberkulose)  folgen  schwere  Vaterkoriflikte.  Das  Medizinstudium 
bricht  Strindberg  ab  und  scheitert  als  Hifslehrer  und  Schauspielaspirant,  was  in 
einen  Suizidversuch  mündet.  Danach  verdirgte  sich  der  Hochsensible  als  Journalist 
und  Bibliothekar,  hielt  sich  die  meiste  ^eit  im  Ausland  auf,  lebte  in  der  Schweiz 
und  in  Paris,  ehe  er  1899  endgültig  nach  Stockholm  zurückkehrte.  Die  Trennung 
von  seiner  zweiten  Frau  durchlebte  er  1894—1896  als  seine  Inferno-Krise.  Alk 
drei  Ehen  wurden  unglücklich  geschieden  und  endeten  in  einem  Desaster.  Seine  späte 
Beschäfligung  mit  Religion,  Theokgjie  und  Okkultismus  antizipierk  Grundzüge 
des  literarischen  Expressionismus. 

Ju  seinen  wichtigsten  Prosawerken  zählen  der  Roman  »Das  rok  Jimmer«  (1879), 
der  vierteilige  autobiographische  Romanzyklus  »Der  Sohn  einer  Magd«,  »Entwick- 
lung einer  Seele«  (1886-1909)  sowie  der  Rottum  »Am  offenen  Meer«  (1890). 
Gemeinsam  ist  all  dusen  Texten  an  soHaUcritischer  Impetus,  da  dk  zeitgenössi- 
schen Efahrungen  von  der  En^renzung  und  Dissoziation  des  Ich  sowu  den  nicht 
atfhebbaren  Konflikt  zwischen  den  Geschkchtem  thematisiert. 

Obgleich  lange  Jeit  als  Dichkr  der  Triebhfftigkeit,  des  Weiberhasses  und  Ge- 
schkchterkampfes  vaschrien,  zählen  seine  Dramen  »Da  Vater«  (1887),  »Fräulein 
Julie«  (1888),  »Ein  Traumspkl«  (1902),  »Der  Totentanz«  (1901)  und  »Ge- 
spenstersonate« (1907)  zur  Weltlitaatur 

Der  nachfolgende  Text  stammt  aus  dem  autobiographischen  Roman  Inferno 
(1897),  da  Strindbags  schwae pychische  Krise  darstellt,  du  a zwischen  1894 
und  1896  nach  der  Trennung  von  sauer  zweiten  Frau  Frida  Uhl  (seiner  schönen 
Gefdngniswärterin)  in  Paris  durchlitt.  In  dem  umgearbeiteten  Tagebuch  wird  da 


290 


Inferno 


überreizte  Nervenzustand  Strindbergs  deutlich:  übersteigerte  Hysterie,  belastende 
Träume,  Angstzustände,  Verfolgungswahn,  Flucht-  und  Selbstmordgedanken 
wechseln  mit  religiöser  Trostsuche  undMetzsches  Idee  mm  Ubermenschentum.  Die 
Forschung  sieht  jedoch  in  der  Form  der  Bearbeitung  des  Tagebuchs  bereits  eine 
therapeutische  Veräußerlichung  seines  Schuldkomplexes  (siehe  zur  Psychopathologie 
Strindbergs:  Karl  Jaspers:  Strindberg  und  van  Gogh,  1922). 

Strindberg  starb  1912  in  Stockholm  an  Magenkrebs  und  wurde  unter  der  Anteil- 
nahme einer  vieltausendköpfigen  Trauergemeinde  beigesetzt. 

Weiterfiihrende  Literatur: 

Peter  Schütze:  August  Strindberg.  Rowohlt  2002 


Inferno 


August  Strindberg  hat  in  einer  Lebenskrise  das  Schreiben 
aufgegeben  und  ist  nach  Paris  gezogen,  wo  er  in  wechseln- 
den Hotelzimmern  chemische  Versuche  anstellt,  in  dieser 
Ztil  befällt  ihn  ein  schwerer  Verfolgungswahn,  der  in  der 
Vision  gipfelt,  ein  »Unbekannter«  attackiere  ihn  jede  Nacht 
mit  einer  »Elektrisiermaschine«.  Es  dauert  lange,  bis  er 
wieder  schlafen  kann. 

Anfang  Juli  gehen  die  Studenten  in  die  Ferien 
und  lassen  das  Hotel  leer. 


Darum  erregt  ein  Fremder,  der  in  das  Zimmer  neben  meinem 
Arbeitstisch  einzieht,  meine  Neugier.  Der  Unbekannte  spricht  nie- 
mals; er  scheint  sich  hinter  der  Wand,  die  uns  trennt,  mit  Schreiben 
zu  beschäftigen.  Seltsam  ist  jedenfalls,  dass  er  seinen  Stuhl  zurück- 
schiebt, wenn  ich  meinen  bewege;  dass  er  meine  Bewegungen  wieder- 
holt, als  wolle  er  mich  durch  seine  Nachahmung  necken. 

Das  dauert  drei  Tage.  Am  vierten  mache  ich  diese  Beobachtung; 
wenn  ich  schlafen  gehe,  legt  sich  der  andere  in  dem  Zimmer  neben 
meinem  Tisch  nieder;  bin  ich  aber  im  Bett,  so  höre  ich,  wie  er  sich  in 
das  andere  Zimmer  begibt  und  das  Bett  neben  meinem  Bett  ein- 
nimmt. Ich  höre  ihn,  wie  er  sich  parallel  mit  mir  ausstreckt:  er  blättert 
in  einem  Buch,  löscht  dann  die  I^ampe,  holt  tief  Atem,  dreht  sich  auf 
die  Seite  und  schläft  ein. 


Eine  vollständige  Stille  herrscht  in  dem  Zimmer  neben  meinem 


291 


August  Strindberg 


Tisch.  Er  bewohnt  also  beide  Zimmer.  Es  ist  unangenehm,  von  zwei 
Seiten  belagert  zu  werden. 

Abends  wage  ich  aus  Furcht  nicht  mehr  an  meinem  Tisch  zu  bleiben. 
Ich  lege  mich  zu  Bett,  ohne  dass  ich  mich  getraue  einzuschlafen.  Es  ist 
Nacht,  und  die  Lampe  ist  angesteckt.  Auf  der  Mauer,  meinem  Fenster 
gegenüber,  sehe  ich  den  Schatten  einer  menschlichen  Gestalt  sich  ab- 
zeichnen. Ob  Mann  oder  Weib,  ich  wusste  es  nicht  zu  sagen,  aber  der 
Eindruck,  der  mir  geblieben  ist,  war  der  eines  Weibes.  Als  ich  aufste- 
he, um  nachzusehen,  wird  die  Gardine  mit  einem  kurzen  Geräusch 
herabgelassen.  Dann  höre  ich  den  Unbekannten  in  das  Zimmer  ein- 
treten,  das  neben  meinem  Alkoven  liegt,  und  Stille  tritt  ein. 

Drei  Stunden  liege  ich  wach  da,  ohne  den  Schlaf  zu  finden,  der  sonst 
nicht  auf  sich  warten  lässt. 

Da  schleicht  sich  ein  beunruhigendes  Gefühl  durch  meinen  Körper: 
ich  bin  das  Opfer  eines  elektrischen  Stroms,  der  zwischen  den  beiden 
benachbarten  Zimmern  läuft.  Die  Spannung  wächst,  und  trotzdem 
ich  Widerstand  leiste,  verlasse  ich  das  Bett,  von  diesem  Gedanken 
besessen: 

- Man  tötet  mich!  Ich  will  mich  nicht  töten  lassen! 

Ich  gehe  hinaus,  um  den  Diener  in  seiner  Zelle  am  Ende  des  Korri- 
dors zu  suchen.  Aber,  ach,  er  ist  nicht  da.  Also  entfernt,  fortgeschickt, 
geheimer  Mitschuldiger,  gekauft. 

Ich  steige  die  Treppe  hinab  und  durchschreite  den  Korridor,  um  den 
Pensionsvorsteher  zu  wecken. 

Mit  einer  Geistesgegenwart,  deren  ich  mich  nicht  für  fähig  gehalten, 
schütze  ich  ein  Unwohlsein  vor,  das  von  den  Ausdünstungen  der  Che- 
mikalien komme,  und  bitte  um  ein  anderes  Zimmer  für  die  Nacht. 
Infolge  eines  Zufalls,  den  die  zornige  Vorsehung  herbeigeführt  hat, 
liegt  das  einzige  verfügbare  Zimmer  unter  dem  meines  Feindes.  So- 
bald ich  allein  bin,  öffne  ich  das  Fenster  und  atme  die  frische  Luft 
einer  sternklaren  Nacht  ein.  Über  den  Dächern  der  Rue  d' Assas  und 
der  Rue  Madame  leuchten  der  große  Bär  und  der  Polarstern. 

- Gegen  Norden  also!  Omen  accipiol 

Als  ich  die  Vorhänge  des  Alkovens  zurückziehe,  höre  ich  über  mir 
meinen  Feind,  wie  er  aus  dem  Bett  steigt  und  einen  schweren  Ge- 
genstand in  einen  Koffer  fallen  lässt,  dessen  Deckel  er  mit  einem 
Schlüssel  abschließt. 

Er  verbirgt  also  etwas;  vielleicht  die  Elektrisiermaschine. 


292 


Infirno 


Ich  erwache;  eine  Uhr  schlägt  zwei,  eine  Tür  wird  zugemacht,  und  . . . 
ich  bin  aus  dem  Bett,  wie  gehoben  durch  eine  Säugpumpe,  die  mir 
das  Herz  aussaugt.  Als  ich  auf  den  Füßen  bin,  trifft  eine  elektrische 
Dusche  meinen  Nacken  und  drückt  mich  zu  Boden. 

Ich  erhebe  mich  wieder,  fasse  meine  Kleider  und  stürze  in  den  Garten 
hinaus,  ein  Raub  des  furchtbarsten  Herzklopfens. 

Als  ich  mich  angekleidet  habe,  ist  mein  erster  klarer  Gedanke,  die 
Polizei  zu  rufen,  um  eine  Haussuchung  vornehmen  zu  lassen. 

Aber  die  Haustür  ist  verschlossen,  ebenso  die  Portierloge;  ich  tappe 
mich  im  Finstern  vorwärts,  öffne  eine  Tür  rechts  und  trete  in  die  Kü- 
che, wo  ein  Nachtlicht  brennt.  Ich  stoße  es  um  und  stehe  in  tiefster 
Dunkelheit. 

Die  Furcht  bringt  mich  wieder  zur  Besinnung,  und  von  dem  Gedan- 
ken, wenn  ich  mich  täusche,  bin  ich  verloren,  geleitet,  kehre  ich  in 
mein  Zimmer  zurück. 

Ich  schleppe  einen  Sessel  in  den  Garten  und,  unter  dem  Sterngewöl- 
be sitzend,  denke  ich  an  das,  was  sich  zugetragen  hat. 

Eine  Krankheit?  Unmöglich,  da  es  mir  gut  ging,  bis  ich  mein  Inkogni- 
to lüftete.  - Ein  Attentat?  Offenbar,  da  ich  selber  die  Vorbereitungen 
gesehen  habe.  Übrigens,  hier  in  diesem  Garten,  außer  Bereich  meiner 
Feinde,  bin  ich  wieder  hergestellt,  und  mein  Herz  funktioniert  voll- 
kommen normal. 

Während  ich  diese  Überlegungen  anstelle,  höre  ich  in  dem  Zimmer, 
das  an  meines  stößt,  jemand  husten.  Kurz  darauf  antwortet  ein  leises 
Husten  im  Zimmer;  das  darüber  liegt.  Wahrscheinlich  sind  es  Zei- 
chen und  sie  gleichen  genau  denen,  die  ich  in  der  letzten  Nacht  im 
Hotel  Orfila  gehört  hatte. 

Ich  mache  mich  an  die  Glastür  des  Zimmers  im  Erdgeschoss,  um  das 
Schloss  aufzubrechen,  aber  es  ist  vergebens. 

Vom  nutzlosen  Kampf  gegen  die  Unsichtbaren  ermüdet,  sinke  ich  in 
den  Sessel  nieder;  der  Schlaf  erbarmt  sich  meiner;  ich  schlummere 
ein,  unter  den  Sternen  einer  schönen  Sommernacht,  während  die 
Stockrosen  sich  im  lauen  Juliwind  wiegen. 

Es  ist  die  Nacht  vom  25.  auf  den  26.  Juli  1896.  Meine  Freunde  haben 
ihr  Möglichstes  getan,  um  mich  zu  beruhigen;  wir  haben  zusammen 
alle  Dachkammern,  die  neben  meinem  Zimmer  liegen,  sogar  den  Bo- 
den untersucht,  damit  ich  sicher  sei,  dass  sich  niemand  in  strafbarer 
Absicht  dort  versteckt  habe.  Als  man  aber  die  Tür  einer  Rumpelkam- 


293 


At^l  Strindberg 


mer  öffnet,  macht  ein  an  sich  gleichgültiger  Gegenstand  einen  ent- 
mutigenden Eindruck  auf  mich.  Es  ist  ein  Eisbär,  der  als  Teppich 
dient;  aber  der  gähnende  Rachen,  die  drohenden  Eckzähne,  die  fun- 
kelnden Augen  reizen  mich.  Warum  muss  dieses  Tier  gerade  in  die- 
sem Augenblick  dort  liegen? 

Ohne  mich  auszuziehen,  lege  ich  mich  aufs  Bett,  entschlossen,  den 
verhängnisvollen  Glockenschlag  der  zweiten  Stunde  abzuwarten. 

Ich  warte  bis  Mitternacht,  mit  Lesen  beschäftigt. 

Ein  Uhr  ist  vorbei,  und  das  ganze  Haus  schläft  ruhig. 

Endlich  schlägt  es  zwei  Uhr!  Nichts  geschieht!  Da,  in  einem  Anfall 
von  Anmaßung,  und  um  die  Unsichtbaren  herauszufordern,  viel- 
leicht auch  in  der  Absicht,  ein  physikalisches  Experiment  zu  machen, 
stehe  ich  auf,  öffne  die  beiden  Fenster,  stecke  zwei  Kerzen  an.  Ich 
setze  mich  an  den  Tisch  hinter  die  Leuchter  und  biete  mich  mit  unbe- 
deckter Brust  als  Zielscheibe  dar  und  fordere  die  Unbekannten  her- 
aus. 

- Hier  bin  ich,  ihr  Einfältigen! 

Da  macht  sich  ein  Fluidum,  wie  ein  elektrisches,  fühlbar,  zuerst 
schwach.  Ich  blicke  auf  meine  Magnetnadel,  die  ich  als  Zeuge  aufge- 
stellt habe;  aber  nicht  die  Spur  einer  Abweichung:  also  keine  Elektri- 
zität. 

Aber  die  Spannung  nimmt  zu,  mein  Herz  schlägt  kräftig;  ich  wider- 
stehe, aber  schnell  wie  ein  Blitz  erfüllt  ein  Fluidum  meinen  Körper, 
erstickt  mich  und  saugt  an  meinem  Herzen  . . . 

Ich  stürze  die  Treppe  hinunter,  um  den  Salon  im  Erdgeschoss  zu  er- 
reichen, wo  man  mir  für  den  Fall  der  Not  ein  provisorisches  Bett  be- 
reitet hat.  Da  liege  ich  fünf  Minuten  und  denke  nach.  Ist  es  strahlende 
Elektrizität?  Nein,  da  die  Magnetnadel  nichts  angezeigt  hat.  Eine 
Krankheit,  veranlasst  durch  die  Furcht  vor  der  zweiten  Stunde?  Auch 
nicht,  da  mir  nicht  der  Mut  fehlt,  den  Angriffen  zu  trotzen.  Warum 
musste  ich  denn  die  Kerzen  anstecken,  die  das  unbekannte  Fluidum, 
dessen  Opfer  ich  war,  anzogen? 

Ohne  Antwort  zu  erhalten,  in  einem  endlosen  Labyrinth  verirrt, 
zwinge  ich  mich,  einzuschlafen;  da  aber  greift  mich  eine  neue  Entla- 
dung an,  gleich  einem  Zyklon,  reißt  mich  aus  dem  Bett,  und  die  Jagd 
beginnt  wieder.  Ich  ducke  mich  hinter  der  Wand,  ich  lege  mich  unter 
das  Gesims  der  Türen,  vor  die  Kamine.  Überall,  überall  finden  mich 
die  Furien.  Die  Seelenangst  nimmt  überhand,  der  panische  Schre- 
cken vor  allem  und  nichts  ergreift  mich  so,  dass  ich  von  Zimmer  zu 


294 


Inferno 


Zimmer  fliehe;  schließlich  flüchte  ich  mich  auf  den  Balkon,  wo  ich 
mich  zusammenkauere. 

1 7.  September.  - Ich  erwache  in  der  Nacht  davon,  dass  ich  die  Dorf- 
kirche dreizehn  Male  schlagen  höre.  Sofort  fühle  ich  die  elektrische 
Einwirkung,  und  auf  dem  Boden  über  meinem  Kopfe  wird  ein  Ge- 
räusch hervorgebracht. 

19.  September.  - Als  ich  den  Boden  durchsuche,  entdecke  ich  ein 
Dutzend  Spinnrocken,  deren  Räder  mich  an  Elektrisiermaschinen 
erinnern.  Ich  öffne  einen  großen  Koffer;  er  ist  beinahe  leer  und  ent- 
hält nur  fünf  schwarz  gestrichene  Stäbe,  deren  Gebrauch  mir  unbe- 
kannt ist;  in  der  Form  eines  Pentagramms  liegen  sie  auf  dem  Boden. 
Wer  hat  mir  diesen  Streich  gespielt,  und  was  hat  das  zu  bedeuten?  Ich 
wage  nicht  danach  zu  fragen,  und  die  Sache  bleibt  rätselhaft. 

In  der  Nacht  wütet  ein  furchtbares  Gewitter  zwischen  Mitternacht 
und  zwei  Uhr.  Gewöhnlich  erschöpft  sich  ein  Gewitter  in  kurzer  Zeit 
und  zieht  davon;  dieses  bleibt  zwei  Stunden  über  dem  Dorfe  stehen. 
Ich  empfinde  das  wie  einen  persönlichen  Angriff:  jeder  Blitz  zielt  auf 
mich,  ohne  mich  zu  treffen. 

An  den  Abenden  erzählt  mir  meine  Schwiegermutter  die  gegenwär- 
tige Chronik  der  Gegend.  Welche  ungeheure  Sammlung  Tragödien, 
häuslicher  und  anderer!  Ehebruch,  Scheidung,  Familienprozesse, 
Mord,  Diebstahl,  Vergewaltigung,  Blutschande,  Verleumdung.  Die 
Schlösser,  die  Villen,  die  Hütten  bergen  Unglückliche  aller  Art,  Bett- 
ler, Irre,  Kranke,  Krüppel  halten  die  Gräben  der  großen  Landstraße 
besetzt,  zu  Füßen  eines  Gekreuzigten,  einer  Madonna,  eines  Märty- 
rers kniend. 

In  der  Nacht  irren  diese  Unglücklichen,  die  unter  Schlaflosigkeit  und 
Alpdrücken  leiden,  auf  den  Wiesen  und  in  den  Wäldern  umher,  um 
die  Müdigkeit  zu  finden,  die  ihnen  Schlaf  geben  wird.  Unter  diesen 
Heimgesuchten  sind  Leute  aus  der  guten  Gesellschaft,  wohlerzogene 
Damen,  sogar  ein  Pfarrer. 

Ein  junger  Mensch  besucht  mich. 

- Was  muss  man  tun,  um  nachts  ruhig  zu  schlafen? 

- Was  ist  geschehen? 

- Ich  weiß  es  wahrhaftig  nicht  zu  sagen,  aber  ich  habe  einen  Schre- 
cken vor  meinem  Schlafzimmer  bekommen,  und  ich  ziehe  morgen 
aus. 


295 


Kommentar 


-Junger  Mann,  Atheist  und  Realist,  was  ist  geschehen? 

~ Als  ich  heute  nacht  die  Tür  öffnete,  um  einzutreten,  fasste  mich 
jemand  beim  Arm  und  schüttelte  mich. 

- Es  ist  also  jemand  in  Ihrem  Zimmer? 

- Aber  nein!  Ich  habe  die  Kerzen  angezündet  und  ich  habe  niemand 
gesehen. 

-Junger  Mann,  es  gibt  jemand,  den  man  bei  Kerzenlicht  nicht  sieht. 

- Wer  ist  das? 

- Das  ist  der  Unsichtbare,  junger  Mann.  Haben  Sie  Sulfonal,  Brom- 
kalium, Morphium,  Chloral  genommen? 

- Ich  habe  alles  versucht! 

- Und  der  Unsichtbare  räumt  nicht  das  Feld.  Sie  wollen  nachts  ruhig 
schlafen  und  Sie  verlangen  von  mir  ein  Mittel.  Hören  Sie,  junger 
Mann,  ich  bin  weder  ein  Arzt  noch  ein  Prophet;  ich  bin  ein  alter  Sün- 
der, der  Buße  tut.  Verlangen  Sie  weder  Predigten  noch  Prophezeiun- 
gen von  einem  Schächer,  der  kaum  Zeit  genug  hat,  sich  selber  zu  pre- 
digen. Ich  habe  an  Schlaflosigkeit  und  Niedergeschlagenheit  gelitten, 
ich  habe  Körper  an  Körper  mit  dem  Unsichtbaren  gerungen,  und  ich 
habe  endlich  Schlaf  und  Gesundheit  wiedergewonnen.  Wissen  Sie, 
wie?  Raten  Sie? 

Der  junge  Mann  errät  mich  und  schlägt  die  Augen  nieder. 

- Sie  erraten  es!  Dann  gehen  Sie  in  Frieden  und  schlafen  Sie  gut! 

Kommentar 

In  der  Geschichte  von  August  Strindberg  »Inferno«  wird  von  einer 
schweren  Schlaflosigkeit  berichtet,  die  als  Folge  psychotischen  Erle- 
bens aufiritt.  Der  Erzähler,  offenbar  Strindberg  selbst,  berichtet  über 
einen  schweren  Verfolgungswahn,  der  in  der  Überzeugung  gipfelt,  ein 
Unbekannter  attackiere  ihn  jede  Nacht  mit  einer  »Elektrisiermaschine«.  Die  psycho- 
tischen Vorstellungswelten  entwickeln  sich  immer  mehr  zu  einem  komplexen  syste- 
matischen Wahngebilde.  Es  handelt  sich  um  einen  Eall  von  sekundärer  Insomnie 
im  Rahmen  eines  psychotischen  Erkrankungsprozesses. 


296 


t 

F6:  Persönlichkeits-  und  Verhaltensstörungen 


In  diesem  Großkapitel  der  ICD- 10  werden  mehrere  psychische  Stö- 
rungen zusammengefasst,  u.a.  Persönlichkeitsstörungen,  Störungen 
der  Impulskontrolle  und  Störungen  der  Geschlechtsidentität  und  se- 
xuellen Präferenz.  Unter  Persönlichkeitsstörungen  versteht  man  tief 
verwurzelte,  anhaltende  und  weitgehend  stabile  Verhaltensmuster, 
die  sich  in  starren  Reaktionen  auf  unterschiedliche  persönliche  und 
soziale  Lebenslagen  zeigen.  Gegenüber  der  Mehrheit  der  Bevölke- 
rung zeigen  sich  deutliche  Abweichungen  im  Wahrnehmen,  Denken, 
Fühlen  und  in  Beziehung  zu  anderen.  In  vielen  Fällen  gehen  diese 
Störungen  mit  persönlichem  Leiden  und  gestörter  sozialer  Funktions- 
fähigkeit einher.  Die  einzelnen  Formen  der  Persönlichkeitsstörung 
werden  nach  den  vorherrschenden  Verhaltensmustern  klassifiziert: 
in  paranoide,  schizoide,  schizotype,  dissoziale  (meistens  wird  in 
Deutschland  dafür  der  Psychopathie-Begriff  verwendet),  emotional 
instabile,  histrionische,  anankastische,  zwanghafte,  ängstlich/vermei- 
dende  und  abhängige/asthenische  Persönlichkeitsstörung.  Bei  allen 
Persönlichkcitsslörungen  handelt  es  sich  um  Extremvarianten  der 
Normalverteilung  von  Persönlichkeitszügen,  die  wiederum  zu  indivi- 
duellen Persönlichkeitslypen  zusammengefasst  werden  können.  Die 
individuelle  Persönlichkeit  zeichnet  sich  durch  das  Bestehen  unter- 
schiedlicher Persönlichkeitszüge  aus  und  kann  verstanden  werden  als 
ein  Muster  von  charakteristischen  Gedanken,  Gefühlen  und  Verhal- 
tensweisen, die  eine  Person  von  einer  anderen  unterscheiden  und  die 
über  Zeit  und  Situation  fortdauern.  Verschiedene  Persönlichkeits- 
züge können  einen  Persönlichkeitstyp  charakterisieren,  wie  z.B.  die 
ängstlich/vermeidende,  die  abhängig/ asthenische,  die  zwanghafte, 
die  emotional  instabile,  die  histrionische  Persönlichkeit.  Eine  starke 
Ausprägung  eines  solchen  Persönlichkeitstypus  bezeichnet  man  als 
akzentuierte  Persönlichkeit,  eine  noch  weitergehende  Abweichung 


297 


F6 


von  den  »normalen«  Persönlichkeitstypen  als  Persönlichkeitsstörung. 
Insgesamt  ist  die  Abgrenzung  zwischen  akzentuierter  Persönlichkeit 
bzw.  Persönlichkeitsstörung  zu  noch  ungestörtem  Verhalten  nicht 
leicht  und  sehr  stark  von  normativen  Vorannahmen  abhängig,  die  in 
bestimmten  gesellschaftlichen  Kontexten  unterschiedlich  sein  kön- 
nen. 

Eine  frühe  Persönlichkeitstypologie  ist  die  von  Hippokrates  (ca.  400  v. 
Chr.)  entwickelte  Temperamendehre,  die  auf  der  Basis  seiner  Humo- 
ralpathologie (»Säfte-Lehre«)  entstand.  Hippokrates  unterschied 
Sanguiniker  (leichtblütig,  wechselhafte  Stimmung),  Melancholiker 
(schwerblütig,  schwermütig),  Choleriker  (heftig,  leicht  erregbar)  und 
Phlegmatiker  (kaltblütig,  schwer  erregbar).  In  der  Neuzeit  wurde  die 
Persönlichkeitslehre  lange  Zeit  durch  das  Werk  des  Tübinger  Psychia- 
ters Ernst  Kretschmer  (1888-1964)  geprägt.  Er  entwarf  eine  so  ge- 
nannte Konstitutionslehre.  Darin  wurden  drei  Körperbautypen  von- 
einander unterschieden,  die  eine  biologisch  determinierte  Beziehung 
zu  jeweils  bestimmten  psychischen  Krankheitsformen  aufweisen  soll- 
ten: 


Pykniker:  breitwüchsiger,  gedrungener  Körperbau  »zyklo- 
thymes« Temperament,  Neigung  zu  affektiven  Beschwer- 
den 

Leptosomer  Typ:  schmal,  Neigung  zu  »Schizothymie«  (In- 
trovertiertheit mit  Nähe  zur  Schizophrenie) 

Athletischer  Typ:  breitschultrig,  muskulös,  besondere  Affi- 
nität zu  Epilepsie 

Eine  den  heutigen  Ansichten  schon  sehr  nahe  stehende  Auffassung 
zur  Persönlichkeitslehre  wurde  durch  Kurt  Schneider  (1887-1967) 
dargestellt.  Nach  seiner  Ansicht  beruht  die  Abnormität  der  Persön- 
lichkeit nicht  auf  einem  Krankheitsvorgang,  sondern  bezieht  sich  auf 
»Abweichungen  von  einer  uns  vorschwebenden  Durchschnittsbreite 
von  Persönlichkeiten«.  Dem  entsprechend  wurden  abnorme  Persön- 
lichkeiten von  ihm  als  Extremvarianten  einer  bestimmten  Wesensart 
aufgefasst.  Von  Kurt  Schneider  wurden  folgende  Formen  der  abnor- 
men Persönlichkeit  unterschieden:  Hyperthymisch,  depressiv,  selbst- 
unsicher, fanatisch,  geltungsbedürftig,  stimmungslabil,  gemüdos  und 
asthenisch.  Persönlichkeitsstörungen  haben  eine  komplexe  Genese. 
Der  Mensch  ist  immer  mehr  als  d^is  Produkt  von  Anlagen  und  Um- 
welt. Er  ist  immer  auch  das,  was  er  selbst  aus  den  Anlagen  und  Um- 


298 


F6 


Welteinflüssen  macht.  Hinsichtlich  der  detaillierten  Ätiopathogenese 
gibt  es,  je  nach  Schulrichtung  unterschiedliche  Vorstellungen,  die 
mehr  psychologische  oder  mehr  biologische  Aspekte  in  den  Vorder- 
grund stellen. 

Zu  den  Störungen  der  ImpulskontroUe  gehören  das  pathologische 
Stehlen  (Kleptomanie),  die  pathologische  Brandstiftung  (Pyromanie) 
und  das  pathologische  Spielen.  Diese  Erkrankungen  weisen  große 
Überschneidungen  zu  den  nicht  stoffgebundenen  Abhängigkeiten 
auf.  Das  gemeinsame  Merkmal  dieser  Störungen  ist  das  wiederholte, 
vollständige  oder  teilweise  Versagen  der  (willentlichen)  Beherrschung 
eines  Wunsches  oder  Antriebs  (Impuls).  Durch  das  daraus  resultieren- 
de Verhalten  kommt  es  meist  zur  Schädigung  der  eigenen  Person 
oder  anderer.  Die  Störungen  beziehungsweise  der  Verlust  der  Impuls- 
kontrolle ist  nicht  in  jedem  Fall  eine  eigenständige  psychische  Stö- 
rung, sondern  kommt  als  Symptom  auch  bei  anderen  psychischen  Er- 
krankungen vor.  Die  heute  noch  gebräuchlichen  Bezeichnungen  für 
einzelne  Störungen  der  Impulskontrolle  (Kleptomanie,  Pyromanie) 
gehen  auf  das  Konzept  der  so  genannten  (instinktiven)  Monomanien 
zurück,  das  besonders  in  der  französischen  Psychiatrie  des  19.  Jahr- 
hunderts vertreten  wurde.  Dieser  Bezeichnung  lag  die  Vorstellung 
zugrunde,  dass  die  Psyche  nur  in  einem  Punkt  krankhaft  verändert 
sei,  während  Urteilsvermögen  und  affektive  (gefühlsmäßige)  Schwin- 
gungsfähigkeit ansonsten  erhalten  bleiben.  Zeitweise  wurden  über 
100  verschiedene  Formen  von  Monomanien  in  dem  so  definierten 
Sinne  beschrieben.  Anklänge  an  diese  Begriffsdefmition  finden  sich 
noch  heute  in  der  umgangssprachlichen  Verwendung,  wonach  eine 
etwas  übertriebene  Leidenschaft  für  einen  bestimmten  Gegenstand 
oder  seltsame  Gewohnheiten  als  »Manie«  bezeichnet  werden. 

Als  Störungen  der  Geschlechtsidentität  bezeichnet  man  eine  tiefe 
Unzufriedenheit  mit  dem  eigenen  Geschlecht  sowie  den  dringenden 
und  anhaltenden  Wunsch,  die  Rolle  des  anderen  Geschlechts  teilwei- 
se oder  vollständig  anzunehmen.  Dazu  gehören  der  Transsexualis- 
mus, also  der  Wunsch,  als  Angehöriger  des  anderen  anatomischen 
Geschlechts  zu  leben  und  anerkannt  zu  werden,  sowie  der  Transvesti- 
tismus, also  die  Vorliebe  für  das  Tragen  der  jeweils  gegengeschlechtli- 
chen typischen  Kleidung.  Als  Störungen  der  sexuellen  Präferenz,  im 
allgemeinen  Sprachgebrauch  auch  als  »sexuelle  Perversion«  bezeich- 
net, versteht  man  weitgehend  fixierte  Formen  der  Erlangung  sexuel- 


299 


F6 


1er  Befriedigung,  die  an  außergewöhnliche  Bedingungen  geknüpft 
sind.  Dazu  gehören  u.a.  der  Fetischismus,  der  Exhibitionismus,  der 
Voyeurismus  sowie  der  Sadomasochismus. 


300 


Heinrich  von  Kleist 


Michael  Kohlhaas 

aus:  Heinrich  von  Kleist.  Die  Erzählungen. 

Mit  einer  Einleitung  von  Thomas  Mann. 

© 1956  by  S.  Fischer  Verlag  GmbH,  Franl^rt  am  Main 


Einführung 

Heinrich  von  Kleist  (1 777-1811)  blieb  sein  Lebtag  ein  Außen- 
seiter. Weder  wollte  er  die  preußische  Offizierstradition  seiner  Fa- 
milie fortsetzen,  noch  gelang  es  ihm,  eine  solide  bürgerliche  Exis- 
tenz aufzubauen.  Sein  Studium  (Mathematik,  Physik,  Jura, 
Volkswirtschaft)  brach  er  ebenso  ab  wie  seine  Tätigkeiten  in  der  Berliner  und  Kö- 
nigsberger  Finanzverwaltung,  .sane  Dramen  (»Penthesilea»,  1 808;  »Käthchen  von 
Heilbronn»,  1810;  »Der  zerbrochene  Krug»,  1811;  »Prinz  Friedrich  von  Hom- 
burg<,  1821)  fielen  durch,  die  Novellen  erzielten  besterfalls  Achtungserfolge.  Den 
literarischen  Zeitgenossen  war  er  zu  experimentell  und  zu  radikal,  mit  seinen  The- 
men von  Missverständnissen  und  zerbrechenden  familiären  und  gesellschaftlichen 
Ordnungen  sowie  seiner  subtilen  Ironie  passte  er  weder  in  die  Klassik  noch  in  die 
Romantik.  Dazu  kamen  private  Niederlagen  in  Liebesbeziehungen:  zwei  Ehen 
scheiterten.  Verarmt  und  verkmmt  nahm  sich  Kleist  im  Alter  von  erst  34  Jahren 
zusammen  mit  seiner  Geliebten  Henriette  Vogel  181 1 am  Wannsee  bei  Berlin  das 
Leben.  In  seinem  Abschiedsbrief  schreibt  er:  »Die  Wahrheit  ist,  dass  mir  auf  Er- 
den nicht  zu  helfen  war.» 

Kleists  bekannteste  und  zugleich  bedeutendste  Novelle  »Michael  Kohlhaas«  (1810) 
basiert  auf  einer  realen  Geschichte  eines  Hans  Kahlhase,  vermerkt  in  der  Maercki- 
schen  Chronik  (um  1595).  Erzählt  wird  von  einem  Iferdehändler,  der  aus  einem 
gekränkten  Rechtsgefühl  heraus  derart  hartnäckig  um  sein  Recht  kämpft,  bis  er 
dabei  alle  Grenzen  der  Vernuriß  überschreitet,  ins  Maßlose  des  Unrechts  gerät  und 
brandschatzend  das  Land  überzieht,  ehe  er  aufs  Rad  geflochten  wird. 

Die  literarische  Vielschichtigkeit  des  Textes  provozierte  zu  vielfältigen,  z-T  hetero- 
genen Deutungen  aus  recktsphilosophischer,  rechtshistorischer,  religiöser,  sozialkriti- 
scher, ideologiekritischer  und  nicht  zuletzt  psychologischer  Sicht.  Die  Novelle  wurde 
insbesondere  von  der  68er  Generation  neu  rezipiert,  am  überzeugendsten  in  dem 
Roman  »Kohlhaas«  von  Elisabeth  Plessen  (1979).  Unter  dem  Titel  »Michael 


301 


Heinrich  von  Kleist 


Kohlhaas  - Der  Rebelh  wurde  Kleists  Novelle  1969  von  Volker  Schlöndorff  ver- 
filmt. 

In  Peters’  Lexikon  »Psychiatrie«  (2000)  wird  die  (literarische  und  historische)  Fi- 
gur Kohlhaas  ab  »Paradigma  des  Kampfparanoikers«  bezeichnet. 

Wüterfiihrende  Literatur: 

Günter  Hagedorn:  Heinrich  von  Kleist.  Michael  Kohlhaas.  Erläuterungen  und 
Dokumente.  Reclam  2003 


Michael  Kohlhaas 

Unter  diesen  Umständen  übernahm  der  Doktor 
Martin  Luther  das  Geschäft,  den  Kohlhaas, 
durch  die  Kraft  beschwichtigender  Worte,  von 
dem  Ansehn,  das  ihm  seine  Stellung  in  der  Welt 
gab,  unterstützt,  in  den  Damm  der  menschlichen 
Ordnung  zurückzudrücken,  und  auf  ein  tüchti- 
ges Element  in  der  Brust  des  Mordbrenners  bau- 
end, erließ  er  ein  Plakat  folgenden  Inhalts  an  ihn, 
das  in  allen  Städten  und  Flecken  des  Kurfürsten- 
tums angeschlagen  ward: 

»Kohlhaas,  der  du  dich  gesandt  zu  sein  vorgibst,  das  Schwert  der 
Gerechtigkeit  zu  handhaben;  was  unterfängst  du  dich,  Vermessener, 
im  Wahnsinn  stockblinder  Leidenschaft,  du,  den  Ungerechtigkeit 
selbst,  vom  Wirbel  bis  zur  Sohle,  erfüllt?  Weil  der  Landesherr  dir,  dem 
du  untertan  bist,  dein  Recht  verweigert  hat,  dein  Recht  in  dem  Streit 
um  ein  nichtiges  Gut,  erhebst  du  dich.  Heilloser,  mit  Feuer  und 
Schwert  und  brichst,  wie  der  Wolf  der  Wüste,  in  die  friedliche  Ge- 
meinheit, die  er  beschirmt.  Du,  der  die  Menschen  mit  dieser  Angabe, 
voll  Unwahrhaftigkeit  und  Arglist,  verführt:  meinst  du,  Sünder,  vor 
Gott  dereinst,  an  dem  Tage,  der  in  die  Falten  aller  Herzen  scheinen 
wird,  damit  auszukommen?  Wie  kannst  du  sagen,  daß  dir  dein  Recht 
verweigert  worden  ist,  du,  dessen  grimmige  Brust,  vom  Kitzel  schnö- 
der Selbstrache  gereizt,  nach  den  ersten,  leichtfertigen  Versuchen,  die 
dir  gescheitert,  die  Bemühung  gänzlich  aufgegeben  hat,  es  dir  zu  ver- 
schaffen? Ist  eine  Bank  voll  Gerichtsdienern  und  Schergen,  die  einen 
Brief,  der  gebracht  wird,  unterschlagen  oder  ein  Erkenntnis,  das  sie 
abliefern  sollen,  zurückhalten,  deine  Obrigkeit?  Und  muß  ich  dir  sa- 


302 


Michael  KohUmas 


gen,  Gottvergessener,  daß  deine  Obrigkeit  von  deiner  Sache  nichts 
weiß  ~ was  sag  ich?  daß  der  Landesherr,  gegen  den  du  dich  auflehnst, 
auch  deinen  Namen  nicht  kennt,  dergestalt,  daß,  wenn  dereinst  du 
vor  Gottes  Thron  trittst,  in  der  Meinung,  ihn  anzuklagen,  er,  heiteren 
Antlitzes,  wird  sprechen  können:  diesem  Mann,  Herr,  tat  ich  kein  Un- 
recht, denn  sein  Dasein  ist  meiner  Seele  fremd?  Das  Schwert,  wisse, 
das  du  führst,  ist  das  Schwert  des  Raubes  und  der  Mordlust,  ein  Re- 
bell bist  du  und  kein  Krieger  des  gerechten  Gottes,  und  dein  Ziel  auf 
Erden  ist  Rad  und  Galgen,  und  jenseits  die  Verdammnis,  die  über  die 
Missetat  und  die  Gottlosigkeit  verhängt  ist. 

Wittenberg,  usw.  Martin  Luther.« 

Kohlhaas  wälzte  eben  auf  dem  Schlosse  zu  Lützen  einen  neuen  Plan, 
Leipzig  einzuäschern,  in  seiner  zerrissenen  Brust  herum  - denn  auf 
die  in  den  Dörfern  angeschlagene  Nachricht,  daß  der  Junker  Wenzel 
in  Dresden  sei,  gab  er  nichts,  weil  sie  von  niemand,  geschweige  denn 
vom  Magistrat,  wie  er  verlangt  hatte,  unterschrieben  war  -,  als  Stern- 
bald  und  Waldmann  das  Plakat,  das  zur  Nachtzeit  an  den  Torweg  des 
Schlosses  angeschlagen  worden  war,  zu  ihrer  großen  Bestürzung  be- 
merkten. Vergebens  hofften  sie  durch  mehrere  Tage,  daß  Kohlhaas, 
den  sie  nicht  gern  deshalb  antreten  wollten,  es  erblicken  würde;  fin- 
ster und  in  sich  gekehrt,  in  der  Abendstunde,  erschien  er  zwar,  aber 
bloß  um  seine  kurzen  Befehle  zu  geben,  und  sah  nichts;  dergestalt, 
daß  sie  an  einem  Morgen,  da  er  ein  paar  Knechte,  die  in  der  Gegend 
wider  seinen  Willen  geplündert  hatten,  aufknüpfen  lassen  wollte,  den 
Entschluß  faßten,  ihn  darauf  aufmerksam  zu  machen.  Eben  kam  er, 
während  das  Volk  von  beiden  Seiten  schüchtern  auswich,  in  dem  Auf- 
zuge, der  ihm  seit  seinem  letzten  Mandat  gewöhnlich  war,  von  dem 
Richtplatz  zurück:  ein  großes  Cherubsschwert,  auf  einem  rotleder- 
nen Kissen,  mit  Quasten  von  Gold  verziert,  ward  ihm  vorangetragen, 
und  zwölf  Knechte  mit  brennenden  Fackeln  folgten  ihm;  da  traten 
die  beiden  Männer,  ihre  Schwerter  unter  dem  Arm,  so,  daß  es  ihn 
befremden  mußte,  um  den  Pfeiler,  tm  welchem  das  Plakat  angeheftet 
war,  herum.  Kohlhaas,  als  er,  mit  auf  dem  Rücken  zusammengeleg- 
ten Händen,  in  Gedanken  vertieft,  unter  das  Portal  kam,  schlug  die 
Augen  auf  und  stutzte;  und  da  die  Knechte  bei  seinem  Anblick  ehrer- 
bietig auswichen:  so  trat  er,  indem  er  sie  zerstreut  ansah,  mit  einigen 
raschen  Schritten  an  den  Pfeiler  heran.  Aber  wer  beschreibt,  was  in 
seiner  Seele  vorging,  als  er  das  Blatt,  dessen  Inhalt  ihn  der  Ungerech- 


303 


Heinrich  von  Kleist 


tigkeit  zieh,  daran  erblickte:  unterzeichnet  von  dem  teuersten  und 
verehrungswürdigsten  Namen,  den  er  kannte,  von  dem  Namen  Mar- 
tin Luthers!  Eine  dunkle  Röte  stieg  in  sein  Antlitz  empor;  er  durchlas 
es,  indem  er  den  Helm  abnahm,  zweimal  von  Anfang  bis  zu  Ende; 
wandte  sich,  mit  ungewissen  Blicken,  mitten  unter  die  Knechte  zu- 
rück, als  ob  er  etwas  sagen  wollte,  und  sagte  nichts;  löste  das  Blatt  von 
der  Wand  los,  durchlas  es  noch  einmal  und  rief:  »Waldmann!  laß  mir 
mein  Pferd  satteln!«,  sodann:  »Sternbald!  folge  mir  ins  Schloß!«,  und 
verschwand.  Mehr  als  dieser  wenigen  Worte  bedurfte  es  nicht,  um  ihn 
in  der  ganzen  Verderblichkeit,  in  der  er  dastand,  plötzlich  zu  entwaff- 
nen. Er  warf  sich  in  die  Verkleidung  eines  thüringischen  Landpäch- 
ters; sagte  Sternbald,  daß  ein  Geschäft  von  besonderer  Wichtigkeit 
ihn  nach  Wittenberg  zu  reisen  nötige;  übergab  ihm  in  Gegenwart  ei- 
niger der  vorzüglichsten  Knechte  die  Anführung  des  in  Lützen  zu- 
rückbleibenden Haufens  und  zog  unter  der  Versicherung,  daß  er  in 
drei  Tagen,  binnen  welcher  Zeit  kein  Angriff  zu  fürchten  sei,  wieder 
zurück  sein  werde,  nach  Wittenberg  ab. 

Er  kehrte  unter  einem  fremden  Namen  in  ein  Wirtshaus  ein,  wo  er, 
sobald  die  Nacht  angebrochen  war,  in  seinem  Mantel  und  mit  einem 
Paar  Pistolen  versehen,  die  er  in  der  Tronkenburg  erbeutet  hatte,  zu 
Luthern  ins  Zimmer  trat.  Luther,  der  unter  Schriften  und  Büchern  an 
seinem  Pulte  saß  und  den  fremden,  besonderen  Mann  die  Tür  öffnen 
und  hinter  sich  verriegeln  sah,  fragte  ihn:  wer  er  sei  und  was  er  wolle, 
und  der  Mann,  der  seinen  Hut  ehrerbietig  in  der  Hand  hielt,  hatte 
nicht  so  bald,  mit  dem  schüchternen  Vorgefühl  des  Schreckens,  den 
er  verursachen  würde,  erwidert:  daß  er  Michael  Kohlhaas,  der  Roß- 
händler, sei,  als  Luther  schon:  »Weiche  fern  hinweg!«  ausrief  und, 
indem  er,  vom  Pult  erstehend,  nach  einer  Klingel  eilte,  hinzusetzte: 
»Dein  Odem  ist  Pest  und  deine  Nähe  Verderben!«  Kohlhaas,  indem 
er,  ohne  sich  vom  Platz  zu  regen,  sein  Pistol  zog,  sagte:  »Hochwürdi- 
ger Herr,  dies  Pistol,  wenn  Ihr  die  Klingel  rührt,  streckt  mich  leblos  zu 
Euren  Füßen  nieder!  Setzt  Euch  und  hört  mich  an;  unter  den  Engeln, 
deren  Psalmen  Ihr  aufschreibt,  seid  Ihr  nicht  sicherer  als  bei  mir.« 
Luther,  indem  er  sich  niedersetzte,  fragte:  »Was  willst  du?«  Kohlhaas 
erwiderte:  »Eure  Meinung  von  mir,  daß  ich  ein  ungerechter  Mann 
sei,  widerlegen!  Ihr  habt  mir  in  Eurem  Plakat  gesagt,  daß  meine  Ob- 
rigkeit von  meiner  Sache  nichts  weiß:  wohlan,  verschafft  mir  freies 
Geleit,  so  gehe  ich  nach  Dresden  und  lege  sie  ihr  vor.«  - »Heilloser 
und  entsetzlicher  Mann!«  rief  Luther,  durch  diese  Worte  verwirrt  zu- 


304 


Michael  Kohlhaas 


gleich  und  beruhigt:  »wer  gab  dir  das  Recht,  den  Junker  von  Tronka, 
in  Verfolg  eigenmächtiger  Rechtsschlüsse,  zu  überfallen  und,  da  du 
ihn  auf  seiner  Burg  nicht  fandst,  mit  Feuer  und  Schwert  die  ganze 
Gemeinschaft  heimzusuchen,  die  ihn  beschirmt?«  Kohlhaas  erwider- 
te: »Hochwürdiger  Herr,  niemand,  fortan!  Eine  Nachricht,  die  ich 
aus  Dresden  erhielt,  hat  mich  getäuscht,  mich  verführt!  der  Krieg, 
den  ich  mit  der  Gemeinheit  der  Menschen  führe,  ist  eine  Missetat, 
sobald  ich  aus  ihr  nicht,  wie  Ihr  mir  die  Versicherung  gegeben  habt, 
verstoßen  war!«  »Verstoßen!«  rief  Luther,  indem  er  ihn  ansah. 
»Welch  eine  Raserei  der  Gedanken  ergriff  dich?  Wer  hätte  dich  aus 
der  Gemeinschaft  des  Staats,  in  welchem  du  lebtest,  verstoßen?  Ja,  wo 
ist,  solange  Staaten  bestehen,  ein  Fall,  daß  jemand,  wer  es  auch  sei, 
daraus  verstoßen  worden  wäre?«  - »Verstoßen«,  antwortete  Kohl- 
haas, Indem  er  die  Hand  zusammendrückte,  »nenne  ich  den,  dem  der 
Schutz  der  Gesetze  versagt  ist!  Denn  dieses  Schutzes,  zum  Gedeihen 
meines  friedlichen  Gewerbes,  bedarf  ich;  ja,  er  ist  es,  dessenhalb  ich 
mich  mit  dem  Kreis  dessen,  was  ich  erworben,  in  diese  Gemeinschaft 
flüchte;  und  wer  mir  ihn  versagt,  der  stößt  mich  zu  den  Wilden  der 
Einöde  hinaus;  er  gibt  mir,  wie  wollt  Ihr  das  leugnen,  die  Keule,  die 
mich  selbst  schützt,  in  die  Hand.«  - »Wer  hat  dir  den  Schutz  der  Ge- 
setze versagt?«  rief  Luther.  »Schrieb  ich  dir  nicht,  daß  die  Klage,  die 
du  eingereicht,  dem  Landesherrn,  dem  du  sie  eingereicht,  fremd  ist? 
Wenn  Staatsdiener  hinter  seinem  Rücken  Prozesse  unterschlagen 
oder  sonst  seines  geheiligten  Namens,  in  seiner  Unwissenheit,  spot- 
ten: w'er  anders  als  Gott  darf  ihn  wegen  der  Wahl  solcher  Diener  zur 
Rechenschaft  ziehen,  und  bist  du,  gottverdammter  und  entsetzlicher 
Mensch,  befugt,  ihn  deshalb  zu  richten?«  - »Wohlan«,  versetzte 
Kohlhaas,  »wenn  mich  der  Landesherr  nicht  verstößt,  so  kehre  ich 
auch  wieder  in  die  Gemeinschaft,  die  er  beschirmt,  zurück.  Verschafft 
mir,  ich  wiederhol“  cs,  freies  Geleit  nach  Dresden:  so  lasse  ich  den 
Haufen,  den  ich  im  Schloß  zu  Lützen  versammelt,  auseinandergehen 
und  bringe  die  Klage,  mit  der  ich  abgewiesen  worden  bin,  noch  ein- 
mal bei  dem  Tribunal  des  Landes  vor.«  - Luther,  mit  einem  verdrieß- 
lichen Gesicht,  warf  die  Papiere,  die  auf  seinem  Tische  lagen, 
übereinander  und  schwieg.  Die  trotzige  Stellung,  die  dieser  Mensch 
im  Staat  einnahm,  verdroß  ihn;  und  den  Rechtsschluß,  den  er  von 
Kohlhaasenbrück  aus  an  den  Junker  erlassen,  erwägend,  fragte  er: 
was  er  denn  \ on  dem  Tribunal  zu  Dresden  verlange?  Kohlhaas  ant- 
wortete: »Bestrafung  des  Junkers,  den  Gesetzen  gemäß;  Wiederher- 


305 


Heinrich  von  Kleist 


Stellung  der  Pferde  in  den  vorigen  Stand;  und  Ersatz  des  Schadens, 
den  ich  sowohl  als  mein  bei  Mühlberg  gefallener  Knecht  Herse  durch 
die  Gewalttat,  die  man  an  uns  verübte,  erlitten.«  - Luther  rief:  »Er- 
satz des  Schadens!  Summen  zu  Tausenden,  bei  Juden  und  Christen, 
auf  Wechseln  und  Pfändern,  hast  du,  zur  Bestreitung  deiner  wilden 
Selbstrache,  aufgenommen.  Wirst  du  den  Wert  auch  auf  der  Rech- 
nung, wenn  es  zur  Nachfrage  kommt,  ansetzen?«  - 
»Gott  behüte!«  erwiderte  Kohlhaas.  »Haus  und  Hof  und  den  Wohl- 
stand, den  ich  besessen,  fordere  ich  nicht  zurück;  so  wenig  als  die 
Kosten  des  Begräbnisses  meiner  Frau!  Hersens  alte  Mutter  wird  eine 
Berechnung  der  Heilkosten  und  eine  Spezifikation  dessen,  was  ihr 
Sohn  in  der  Tronkenburg  eingebüßt,  beibringen;  und  den  Schaden, 
den  ich  wegen  Nichtverkaufs  der  Rappen  erlitten,  mag  die  Regierung 
durch  einen  Sachverständigen  abschätzen  lassen.«  - Luther  sagte: 
»Rasender,  unbegreiflicher  und  entsetzlicher  Mensch!«  und  sah  ihn 
an.  »Nachdem  dein  Schwert  sich  an  dem  Junker  Rache,  die  grimmig- 
ste, genommen,  die  sich  erdenken  läßt:  was  treibt  dich,  auf  ein 
Erkenntnis  gegen  ihn  zu  bestehen,  dessen  Schärfe,  wenn  es  zuletzt 
fällt,  ihn  mit  einem  Gewicht  von  so  geringer  Erheblichkeit  nur  trifft?« 
- Kohlhaas  erwiderte,  indem  ihm  eine  Träne  über  die  Wangen  rollte: 
»Hochwürdiger  Herr!  es  hat  mich  meine  Frau  gekostet;  Kohlhaas  wiU 
der  Welt  zeigen,  daß  sie  in  keinem  ungerechten  Handel  umgekom- 
men ist.  Fügt  Euch  in  diesen  Stücken  meinem  Willen  und  laßt  den 
Gerichtshof  sprechen;  in  allem  anderen,  was  sonst  noch  streitig  sein 
mag,  füge  ich  mich  Euch.«  - Luther  sagte:  »Schau  her,  was  du  for- 
derst, wenn  anders  die  Lfmstände  so  sind,  wie  die  öffentliche  Stimme 
hören  läßt,  ist  gerecht;  und  hättest  du  den  Streit,  bevor  du  eigenmäch- 
tig zur  Selbstrache  geschritten,  zu  des  Landesherrn  Entscheidung  zu 
bringen  gewußt,  so  wäre  dir  deine  Forderung,  zweifle  ich  nicht,  Punkt 
vor  Punkt  bewilligt  worden.  Doch  hättest  du  nicht,  alles  wohl  erwo- 
gen, besser  getan,  du  hättest,  um  deines  Erlösers  wiUen,  dem  Junker 
vergeben,  die  Rappen,  dürre  und  abgehärmt,  wie  sie  waren,  bei  der 
Hand  genommen,  dich  aufgesetzt  und  zur  Dickfütterung  in  deinen 
Stall  nach  Kohlhaasenbrück  heimgeritten?«  - Kohlhaas  antwortete: 
»Kann  sein!«,  indem  er  ans  Fenster  trat;  »kann  sein,  auch  nicht!  Hätte 
ich  gewußt,  daß  ich  sie  mit  Blut  aus  dem  Herzen  meiner  lieben  Frau 
würde  auf  die  Beine  bringen  müssen:  kann  sein,  ich  hätte  getan,  wie 
Ihr  gesagt,  hochwürdiger  Herr,  und  einen  Scheffel  Hafer  nicht  ge- 
scheut! Doch  weil  sie  mir  einmal  so  teuer  zu  stehen  gekommen  sind, 


306 


Mkfmel  Kohlhaas 


r 

so  habe  es  denn,  meine  ich,  seinen  Lauf:  laßt  das  Erkenntnis,  wie  es 
mir  zukömmt,  sprechen  und  den  Junker  mir  die  Rappen  auffüttern.« 

Luther  sagte,  indem  er  unter  mancherlei  Gedanken  wieder  zu 

seinen  Papieren  griff:  er  wolle  mit  dem  Kurfürsten  seinethalben  in 
Unterhandlung  treten.  Inzwischen  möchte  er  sich  auf  dem  Schlosse 
zu  Lützen  still  halten;  wenn  der  Herr  ihm  freies  Geleit  bewillige,  so 
werde  man  es  ihm  auf  dem  Wege  öffentlicher  Anplackung  bekannt- 
machen. - »Zwar«,  fuhr  er  fort,  da  Kohlhaas  sich  herabbog,  um  seine 
Hand  zu  küssen,  »ob  der  Kurfürst  Gnade  für  Recht  ergehen  lassen 
wird,  weiß  ich  nicht;  denn  einen  Heerhaufen,  vernehm'  ich,  zog  er 
zusammen  und  steht  im  Begriff,  dich  im  Schlosse  zu  Lützen  aufzu- 
heben: inzwischen,  wie  ich  dir  schon  gesagt  habe,  an  meinem  Bemü- 
hen soll  cs  nicht  liegen.«  Und  damit  stand  er  auf  und  machte  Anstalt, 
ihn  zu  entlassen.  Kohlhaas  meinte,  daß  seine  Fürsprache  ihn  über 
diesen  Punkt  völlig  beruhige;  worauf  Luther  ihn  mit  der  Hand  grüß- 
te, jener  aber  plötzlich  ein  Knie  vor  ihm  senkte  und  sprach:  er  habe 
noch  eine  Bitte  auf  seinem  Herzen.  Zu  Pfingsten  nämlich,  wo  er  an 
den  Tisch  des  Herrn  zu  gehen  pflege,  habe  er  die  Kirche,  dieser  sei- 
ner kriegerischen  Unternehmung  wegen,  versäumt;  ob  er  die  Gewo- 
genheit haben  wolle,  ohne  weitere  Vorbereitung  seine  Beichte  zu 
empfangen  und  ihm,  zur  Auswechselung  dagegen,  die  Wohltat  des 
heiligen  Sakraments  zu  erteilen?  Luther,  nach  einer  kurzen  Be- 
sinnung, indem  er  ihn  scharf  ansah,  sagte:  »Ja,  Kohlhaas,  das  will  ich 
tun!  Der  Herr  aber,  dessen  Leib  du  begehrst,  vergab  seinem  Feind.  - 
Willst  du«,  setzte  er,  da  jener  ihn  betreten  ansah,  hinzu,  »dem  Junker, 
der  dich  beleidigt  hat,  gleichfalls  vergeben,  nach  der  Tronkenburg 
gehen,  dich  auf  deine  Rappen  setzen  und  sie  zur  Dickfütterung  nach 
Kohlhaasenbrück  heimreiten?«  - »Hochwürdiger  Herr«,  sagte  Kohl- 
haas errötend,  indem  er  seine  Hand  ergriff  - »Nun?«  -,  »der  Herr 
auch  vergab  allen  seinen  Feinden  nicht.  Laßt  mich  den  Kurfürsten, 
meinen  beiden  Herren,  dem  Schloßvogt  und  Verwalter,  den  Herren 
Hinz  und  Kunz,  und  wer  mich  sonst  in  dieser  Sache  gekränkt  haben 
mag,  vergeben:  den  Junker  aber,  wenn  es  sein  kann,  nötigen,  daß  er 
mir  die  Rappen  wieder  dickfüttere.«  - Bei  diesen  Worten  kehrte  ihm 
Luther,  mit  einem  mißvergnügten  Blick,  den  Rücken  zu  und  zog  die 
Klingel.  Kohlhaas,  während,  dadurch  herbeigerufen,  ein  Famulus 
sich  mit  Licht  in  dem  Vorsaal  meldete,  stand  betreten,  indem  er  sich 
die  Augen  trocknete,  vom  Boden  auf;  und  da  der  Famulus  vergebens, 
weil  der  Riegel  vorgeschoben  war,  an  der  Türe  wirkte,  Luther  aber 


307 


Kommmtar 


sich  wieder  zu  seinen  Papieren  niedergesetzt  hatte;  so  machte  Kohl- 
haas  dem  Mann  die  Türe  auf.  Luther,  mit  einem  kurzen,  auf  den 
fremden  Mann  gerichteten  Seitenblick,  sagte  dem  Famulus:  »Leuch- 
te!«, worauf  dieser,  über  den  Besuch,  den  er  erblickte,  ein  wenig  be- 
fremdet, den  Hausschlüssel  von  der  Wand  nahm  und  sich,  auf  die 
Entfernung  desselben  wartend,  unter  die  halboffene  Tür  des  Zim- 
mers zurückbegab.  - Kohlhaas  sprach,  indem  er  seinen  Hut  bewegt 
zwischen  beide  Hände  nahm:  »Und  so  kann  ich,  hochwürdigster 
Herr,  der  Wohltat,  versöhnt  zu  werden,  die  ich  mir  von  Euch  erbat, 
nicht  teilhaftig  werden?«  Luther  antwortete  kurz:  »Deinem  Heiland, 
nein!  dem  Landesherrn  - das  bleibt  einem  Versuch,  wie  ich  dir  ver- 
sprach, Vorbehalten!«  und  damit  winkte  er  dem  Famulus,  das  Ge- 
schäft, das  er  ihm  aufgetragen,  ohne  weiteren  Aufschub  abzumachen. 
Kohlhaas  legte,  mit  dem  Ausdruck  schmerzlicher  Empfindung,  seine 
beiden  Hände  auf  die  Brust;  folgte  dem  Mann,  der  ihm  die  Treppe 
hinunter  leuchtete,  und  verschwand. 


Kommentar 

Der  von  Heinrich  von  Kleist  geschilderte  »Michael  Kohlhaas«  wird 
als  Prototyp  der  querulatorischen  Persönlichkeitsstörung  beschrieben. 
Der  Begriff  der  Persönlichkeitsstörung  kennzeichnet  Persönlichkei- 
ten mit  einer  extremen  Ausprägung  bestimmter  Persönlichkeitsmerk- 
male, welche  im  Allgemeinen  zu  Störungen  und  Beeinträchtigungen  fihren.  Es 
handelt  sich  dabei  um  andauernde,  situationsübergreifende  Persönlichkeitseigen- 
schqften,  die  bereits  in  der  Jugendzeit  oder  dem frühen  Erwachsenenalter  erkennbar 
werden.  Die  Betroffenen  leiden  entweder  an  sich  selber  oder  die  Gesellschaft  leidet 
an  ihrer  Abnormität.  Es  bestehen  fließende  Übergänge  von  bestimmten,  noch  im 
Normbereich  anzusiedelnden  Persönlichkeitsausprägungen  bzw.  Charaktereigen- 
schaften und  den  Persönlichkeitsstörungen.  Die  Definition  der  Persönlichkeitsstö- 
runggeht vor  allem  von  den  sozialen  Auswirkungen,  der  beeinträchtigten  Selbstver- 
wirklichung  und/ oder  dem  persönlichen  Leidensdruck  aus. 

Bei  der  in  der  traditionellen  Symptomatologie  als  querulatorisch /fanatisch  be- 
schriebenen Persönlichkeit  handelt  es  sich  um  rechthaberische  Menschen,  die  meist 
sehr  selbstbewusst  und  expansiv  sind,  durch  Feldschläge  nicht  belehrbar  sind  und 
ihre  meist  überwertigen  Ideen  der  Umwelt  aufzwingen  wollen.  Bei  kleineren  Rück- 
schlägen oder  Benaehtäligungen  können  sie  meist  einen  unverhältnismäßigen 
Kampf  gegen  die  gesamte  Welt  beflnnen. 


308 


Kommentar 


r 

Schon  in  der  traditionellen  Psychopathologie  gab  es  von  der  querulatorischen  Per- 
sönlichkeit enge  Überlappungen  mit  der  paranoiden  Persönlichkeit,  die  durch  starke 
Empfindlichkät  gegenüber  Misserfolgen  oder  vermeintlichen  Demütigungen  ge- 
kennzeichnet ist,  wobei  hier  eine  Tendenz  besteht,  neutrale  oder  sonstige  Handlun- 
gen anderer  als  feindlich  oder  verächtlich  zu  missdeuten. 

In  der  ICD- 1 0 wird  beides  unter  dem  Konzept  dn  »paranoiden  Persönlichkeitsstö- 
rung« zusammengefasst.  Die  wesentlichen  Merkmale  dafür  sind  ein  ausgeprägtes 
Misstrauen,  übertriebene  Empfindlichkeit  und  ein  rigides  und  streitsüchtiges  Be- 
harren auf  vermeintlichen  eigenen  Rechten.  Eher  unbedeutende  Erlebnisse  werden 
als  feindselige  Handlungen  und  gegen  die  eigene  Person  gerichtet  missdeutet.  Sie 
werden  zornig  und  mit  anhaltendem  Groll  beantwortet.  Richtet  sich  die  situations- 
angemessene Reaktion  auf  eine  überwertige  Idee,  so  spricht  man  auch  von  fanati- 
scher Persönlichkeit.  Steht  der  Kampf  gegen  ein  wirkliches  oder  vermeintliches  Un- 
recht im  Mittelpunkt,  wird  auch  von  querulatorischer  Persönlichkeit  gesprochen. 
Diese  Begriffe  tauchen  in  der  ICD- 10  aber  nur  noch  als  Unterbegriffe  zur  parano- 
iden Persönlichkeitsstörung  auf. 


309 


Graham  Greene 


Dr.  Fischer  aus  Genf  oder  Die  Bomben-Party 

aus:  Graham  Greene.  Dr.  Fischer  aus  Genf  oder  Die  Bomben-Partji.  Roman. 
Aus  dem  Englischen  von  Peter  Michael  und  Hans  W.  Polak. 

© 1980  by  Paul  ^solnay  Verlag,  Wien 


Einführung 


Über  kaum  einen  zeitgenössischen  Autor  ist  mehr  geschrieben  wor- 
den, von  kaum  einem  weiß  man  weniger:  Der  englische  Schriftstel- 
ler Graham  Greene  (1904-1991)  gehört  mit  seinem  umfangrei- 
chen, weltweit  millionerfach  aufgelegten  Werk  zu  jenen  Autoren, 
denen  der  Nobelpreis  zu  Unrecht  verweigert  wurde.  Seine  Romane  erreichten  nicht 
zuletzt  aufgrund  zahlreicher  Vefilmungen  (z-  B.  »Der  dritte  Mann«;  »Die  Stunde 
der  Komödianten«;  »Der  Honorarkonsul«;  »Unser  Mann  in  Havannas:;  »Der  stille 
Amerikaner«)  eine  ungeheure  Popularität. 

Sein  Biograph  Michael  Shelden  (»Graham  Greene.  The  Man  Within«,  1994) 
beschreibt  Greene  als  Menschen  mit  einer  »^extravaganten  Phantasie  und  einer  lei- 
denschaftlichen Illoyalität«.  Zeitlebens  hat  der  weitgereiste  und  stets  polyglotte,  sich 
inmitten  internationaler  Krisenherde  bewegende  Greene  mehr  von  seinem  Leben  ver- 
schleiert, als  er  in  seinen  Romanen  preisgibt:  seine  anhaltenden  Depressionen  und 
Suizidgefdhrdungen,  die  latente  Neigung  zur  Homosexualität,  Experimente  mit 
Drogen,  die  Faszination  Alkohol,  ausschwefende  Liebesabenteuer. 

Die  jahrzehntelange  Agententätigkeit  rechfertigte  Greene  mit  der  Begründung,  der 
britische  Geheimdienst  sei  »das  beste  Reisebüro  der  Welt«.  Auch  den  Katholizis- 
mus, als  dessen  globaler  literarischer  Repräsentant  er  lange  missverstanden  wurde, 
hat  der  Agent  und  Autor  nie  ernst  genommen,  zumal  er  bekannte,  er  sei  nur  deshalb 
konvertiert,  um  sich  leichter  einer  jungen  Katholikin  nähern  zu  können.  Die  kom- 
plexe und  stets  gfährdete  eigene  Psyche  offenbart  Graham  Greene  in  seinen  auto- 
biographischen Aufzeichnungen  »A  Sort  of  Life»  (1971,  dt.:  »Eine  Art  Lxben«, 
2004)  sowie  in  seinem  Traumjournal  »In  meiner  eigenen  WelU<  (1995). 

In  dem  Roman  »Doktor  Fischer  aus  Genf  oder  Die  Bomben-Party»  (1980)  er- 
weist sich  Graham  Greene  als  GeseUschqßskritiker  mit  beißendem  Sarkasmus,  der 
mit  den  psychologisch  subtilen  Mitteln  des  tiefschwarzen  Humors  die  Welt  der 
raffgierigen  und  habsüchtigen  Rüchen  (The  beautijul  People)  geißelt,  die  ohne 


310 


Dr.  Fischer  aus  Genf  oder  Die  Bomben-Party 


Skrupel  bereit  sind,  sich  für  Platinuhren  und  Millionenschecks  von  dem  satanisch 
zynischen  und  menschenverachtenden  Genfer  Krösus  Doktor  Fischer  auf  dessen 
exklusiven  Partys  demütigen  zu  lassen. 

Graham  Greene  starb  1991  in  Vevey  über  dem  Genfer  See.  Die  Todesursache  ist  - 
nach  Schweizer  Recht  - der  Öffentlichkeit  unzugänglich.  Beschrieben  wird  aller- 
dings eine  Krankheit  des  Blutes,  bei  der  das  Knochenmark  nicht  mehr  genügend  rote 
Blutkörperchen  produziert.  Der  Biograph  Shelden  meint:  »Leukämie  war  es  nicht.« 

Weiterfihrende  Literatur: 

Michael  Shelden:  Graham  Greene.  Eine  Biographie.  Steidl  1995 


Dr.  Fischer  aus  Genf  oder  Die  Bomben-Party 

Der  übellaunige  Diener,  den  nie  wiederzusehen 
ich  gehofft  hatte,  öffnete  mir  die  Tür.  Fünf  kost- 
spielige Autos  rekelten  sich  auf  dem  Zufahrtsweg 
zur  Villa,  zwei  davon  mit  Chauffeur,  und  ich 
spürte,  wie  er  meinen  kleinen  Fiat  500  mit  Ge- 
ringschätzung musterte.  Dann  betrachtete  er 
meinen  Anzug,  und  seine  Augenbrauen  schossen 
hinauf.  »Wie  ist  Ihr  Name?«  fragte  er,  obwohl  ich 
überzeugt  war,  daß  er  sich  ganz  gut  erinnern 
konnte.  Er  sprach  Englisch  mit  einem  leichten  Vorstadtakzent.  Meine 
Nationalität  konnte  er  also  nicht  vergessen  haben. 

»Jones«,  sagte  ich, 

»Dr,  Fischer  ist  beschäftigt.« 

»Er  erwartet  mich«,  sagte  ich. 

»Dr,  Fischer  speist  heute  mit  Freunden.« 

»Zufällig  speise  ich  auch  mit  ihm.« 

»Haben  Sie  eine  Einladung?« 

»Natürlich  habe  ich  eine.« 

»Bitte  zeigen  Sie  die  Karte  vor.« 

»Geht  leider  nicht.  Ich  habe  sie  zu  Hause  gelassen.« 

Er  knurrte  etwas,  aber  seine  Selbstsicherheit  war  erschüttert,  das  sah 
ich.  Ich  sagte:  »Dr.  Fischer  würde  kaum  schätzen,  daß  ein  Platz  bei 
Tisch  unbesetzt  bliebe.  Vielleicht  fragen  Sie  ihn  doch  lieber.« 

»Wie,  sagten  Sie,  war  Ihr  Name?« 

»Jones.« 


311 


Graham  Greene 


»Folgen  Sie  mir.« 

Ich  marschierte  hinter  seiner  weißen  Jacke  her,  durch  die  Halle  und 
die  Stiegen  hinauf.  Auf  dem  Treppenabsatz  drehte  er  sich  zu  mir  um 
und  sagte:  »Wenn  Sie  mich  angelogen  haben  . . . wenn  Sie  nicht  einge- 
laden waren  . . . « Mit  den  Fäusten  machte  er  eine  Bewegung  wie  ein 
Boxer  beim  Sparring. 

»Wie  heißen  Sie?«  fragte  ich. 

»Was  kümmert  Sie  das?« 

»Ich  möchte  nur  dem  Doktor  mitteilen,  wie  Sie  seine  Freunde  begrü- 
ßen.« 

»Freunde«,  sagte  er.  »Er  hat  keine  Freunde.  Ich  sag  es  Ihnen  noch 
einmal,  wenn  Sie  nicht  eingeladen  sind  . . .« 

»Ich  bin  eingeladen.« 

Wir  gingen  nicht  in  die  Richtung  zum  Arbeitszimmer,  wo  ich  Dr.  Fi- 
scher zuletzt  gesehen  hatte,  sondern  in  die  entgegengesetzte,  und  er 
stieß  eine  Tür  auf  »Mr.  Jones«,  grunzte  der  Mensch,  und  ich  trat  ein. 
Da  standen  sie  alle,  die  Kriechtiere,  und  starrten  mich  an.  Die  Herren 
trugen  Smoking  und  Mrs.  Montgomery  ein  Abendkleid. 

»Kommen  Sie  rein,  Jones«,  sagte  Dr.  Fischer.  »Sie  können  servieren. 
Albert,  sobald  alles  fertig  ist.« 

Der  Tisch  war  kostbar  gedeckt:  Im  Schliff  der  Kristallgläser  blitzte 
das  Licht  des  Lüsters,  selbst  die  Suppenteller  sahen  teuer  aus.  Ich  war 
ein  bißchen  überrascht,  sie  vorzufinden  - schließlich  war  es  nicht  die 
Jahreszeit  für  kalte  Suppen.  »Das  ist  Jones,  mein  Schwiegersohn«, 
sagte  Dr.  Fischer.  »Seien  Sie  nachsichtig  wegen  seines  Handschuhs. 
Die  Hand  darunter  ist  verkrüppelt.  Mrs.  Montgomery,  Mr.  Kips, 
Monsieur  Beimont,  Mr.  Richard  Deane,  Divisionär  Krueger.«  (Ihm 
wäre  nicht  eingefallen,  Krueger  einen  falschen  Titel  zu  geben.)  Ich 
spürte,  daß  mir  Schwaden  von  Feindseligkeit  entgegenströmten  wie 
Tränengas.  Warum  wohl?  Vielleicht  meines  dunklen  Anzugs  wegen. 
Ich  war  ein  Eindringling  in  ihrem  exklusiven  Zirkel,  ein  Straßenköter 
unter  Rassehunden. 

»Ich  bin  Monsieur  Jones  schon  begegnet«,  meldete  sich  Beimont  wie 
ein  Zeuge  der  Anklage,  der  den  Beschuldigten  identifizierte. 

»Ich  auch«,  sagte  Mrs.  Montgomery,  »ganz  kurz.« 

»Jones  ist  ein  bedeutender  Sprachgelehrter«,  erklärte  Dr.  Fischer.  »Er 
übersetzt  Briefe  über  Pralinen«,  und  dabei  dämmert  mir,  daß  er  bei 
meinem  Arbeitgeber  Erkundigungen  über  mich  eingezogen  haben 
mußte.  «Hier,  Jones,  bei  unseren  kleinen  Parties,  ist  Englisch  die  Um- 


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Dr.  Fischer  aus  Genf  oder  Die  Bomben- Party 


gangssprache,  weil  Richard  Deane,  obwohl  er  als  großer  Star  gilt,  kei- 
ne andere  Sprache  spricht,  obwohl  er  sich  manchmal  an  eine  Art 
Französisch  wagt,  sobald  er  bezecht  ist  - frühestens  nach  dem  dritten 
Glas.  Das  Französisch,  das  Sie  von  ihm  am  Fernsehschirm  hören  kön- 
nen, ist  synchronisiert.« 

Alle  lachten  wie  auf  ein  Stichwort,  ausgenommen  Deane,  der  freud- 
los lächelte.  »Wenn  er  einen  oder  zwei  Drinks  intus  hat,  vermag  er 
sogar  den  Falstaff  zu  spielen,  nur  fehlen  ihm  dazu  der  Humor  und 
das  Gewicht.  Letzteren  Mangel  werden  wir  uns  heute  abend  bemü- 
hen zu  mildern.  Was  den  Humor  anlangt,  sind  wir  leider  überfordert. 
Sie  werden  fragen,  was  dann  noch  bleibt.  Nur  sein  rasch  dahin- 
schwindendes Renommee  bei  Frauen  und  Teenagern.  Kips,  Sie  se- 
hen aus,  als  amüsierten  Sie  sich  nicht.  Paßt  Ihnen  etwas  nicht?  Viel- 
leicht fehlt  Ihnen  unser  sonst  üblicher  Aperitif,  aber  heute  abend 
wollte  ich  Ihre  Geschmacksnerven  wegen  der  kommenden  Gaumen- 
freuden nicht  abstumplen.« 

»Nein,  nein.  Mir  ist  alles  recht,  Dr.  Fischer,  be.stimmt.  Alles.« 

«Ich  bestehe  nämlich  darauf«,  erklärte  Dr.  Fischer,  »daß  sich  jeder  bei 
meinen  kleinen  Parties  unterhält.« 

»Saus  und  Braus  sind  sie«,  versicherte  Mrs.  Montgomery,  »Saus  und 
Braus.« 

»Dr.  Fischer  ist  ein  besonders  aufmerksamer  Gastgeber«,  klärte  mich 
Divisionär  Krueger  ein  wenig  herablassend  auf 
»Und  so  großzügig«,  sagte  Mrs.  Montgomery.  »Diese  Halskette,  sie 
war  ein  Preis  bei  unserer  letzten  Party.«  Sie  trug  ein  Halsband  aus 
Goldmünzen  - von  weitem  hielt  ich  sie  für  Krügerrands. 

»Jeder  gewinnt  immer  einen  kleinen  Preis«,  brabbelte  der  Divisionär. 
Er  war  wirklich  ein  müder  alter  Mann  und  wahrscheinlich  erfüllt  von 
einem  gewaltigen  Schlafbedürfnis.  Mir  gefiel  er  noch  am  besten  von 
allen,  denn  er  schien  mich  noch  am  ehesten  in  diesem  Kreis  gelten  zu 
lassen. 

»Dort  drüben  sind  ja  die  Preise«,  rief  Mrs.  Montgomery.  »Ich  hab  ge- 
holfen, sie  auszusuchen.«  Sie  ging  zu  einer  Anrichte,  wo  ich  jetzt  ei- 
nen Berg  Pakete  erblickte,  die  in  Geschenkpapier  gewickelt  waren.  In 
eines  bohrte  sie  die  Fingerspitze,  wie  ein  Kind,  das  eine  Weihnachts- 
überraschung durch  das  Papier  hindurch  zu  erkennen  versucht. 
»Preise  wofür?«  fragte  ich. 

»Nicht  für  Intelligenz«,  antwortete  Dr.  Fischer,  »sonst  könnte  der  Di- 
visionär nie  gewinnen.« 


313 


Graham  Greene 


Jeder  einzelne  starrte  auf  die  Pakete. 

»Wir  haben  nur  eine  Aufgabe  zu  lösen:  Wir  müssen  uns  mit  seinen 
kleinen  Launen  abfinden«,  erklärte  Mrs.  Montgomery,  »und  dann 
verteilt  er  die  Preise.  Wir  hatten  einmal  einen  Abend,  da  ließ  er  - ob 
Sie  es  glauben  oder  nicht  - lebende  Hummer  auftragen  und  dazu 
jedem  einen  Topf  mit  kochendem  Wasser  hinstellen.  Jeder  mußte  ei- 
nen fangen  und  selber  kochen.  Ein  Hummer  zwickte  den  General  in 
den  Finger.« 

»Die  Narbe  sieht  man  immer  noch«,  maulte  Divisionär  Krueger. 
»Die  einzige  Narbe,  die  er  je  im  Gefecht  davongetragen  hat«,  sagte 
Dr.  Fischer. 

»Saus  und  Braus  war  es«,  erklärte  mir  Mrs.  Montgomery,  als  hätte  ich 
nichts  verstanden. 

»Jedenfalls  verdanken  wir  diesem  Abend  Ihre  blauen  Haare«,  sagte 
Dr.  Fischer.  »Vorher  waren  sie  ein  unappetitliches  Grau  mit  Nikotin- 
flecken.« 

»Nicht  grau  - naturblond  - und  doch  nicht  mit  Nikotinflecken.« 
»Denken  Sie  an  die  Spielregeln,  Mrs.  Montgomery«,  mahnte  Dr.  Fi- 
scher. »Wenn  Sie  mir  noch  einmal  widersprechen,  bekommen  Sie  kei- 
nen Preis.« 

»Mr.  Kips  ist  das  einmal  bei  einer  unserer  Parties  passiert«,  sagte 
Monsieur  Beimont.  »Damit  ist  er  um  ein  achtzehnkarätiges  goldenes 
Feuerzeug  gekommen.  So  eines«,  er  zog  ein  Lederetui  aus  der  Tasche. 
»Da  habe  ich  nicht  viel  verloren«,  sagte  Mr.  Kips.  »Ich  bin  Nichtrau- 
cher.« 

»Seien  Sie  vorsichtig,  Kips.  Verunglimpfen  Sie  meine  Gaben  nicht, 
oder  Sie  werden  heute  wieder  einmal  leer  ausgehen.« 

Ich  dachte:  Aber  das  ist  doch  ein  Tollhaus  hier,  mit  einem  wahnsinni- 
gen Doktor  als  Leiter.  Nur  Neugier  hielt  mich  dort,  gewiß  nicht  der 
Wunsch,  irgendeinen  »Preis«  zu  bekommen. 

»Und  nun«,  sagte  Dr.  Fischer,  »ehe  wir  uns  zum  Abendessen  setzen  - 
ein  Essen,  von  dem  ich  sehr  hoffe,  dsiß  es  Ihnen  Vergnügen  bereitet 
und  Sie  ihm  Gerechtigkeit  widerfahren  lassen,  denn  ich  habe  über  die 
Speisenfolge  viel  nachgegrübelt  - sollte  ich  unserem  neuen  Gast  viel- 
leicht das  Zeremoniell  erklären,  dtis  wir  bei  diesen  Dinners  einhalten.« 
»Absolut«,  sagte  Beimont.  »Ich  glaube  ja  - wenn  Sie  gestatten  Sie 
hätten  vielleicht  doch  - sollen  wir  sagen,  hm  — über  sein  Erscheinen 
hier  bei  uns  - hm,  abstimmen  lassen  sollen?  Immerhin  sind  wir  doch 
so  eine  Art  Klub.« 


314 


Dr.  Fischer  aus  Gerif  oder  Die  Bomben-Party 


Mr.  Kips  sagte:  »Ich  bin  der  gleichen  Meinung  wie  Beimont.  Wir  alle 
wissen,  wo  wir  stehen.  Wir  akzeptieren  gewisse  Bedingungen.  Im 
Sinn  von  Spiel  und  Spaß.  Ein  Fremder  könnte  manches  mißverstehen.« 
»Mr.  Kips  auf  der  Suche  nach  einem  Dollar«,  sagte  Dr.  Fischer.  »Sie 
fürchten,  daß  sich  durch  einen  neu  hinzukommenen  Gast  der  Wert 
der  Preise  verringern  könnte,  so  wie  Sie  auch  hoffen,  ihr  Wert  könnte 
durch  den  Tod  von  zweien  aus  unserem  Kreis  steigen.« 

Es  herrschte  Schweigen.  Nach  dem  Ausdruck  in  seinen  Augen  zu 
schließen,  erwartete  ich  eine  ärgerliche  Antwort  von  Mr.  Kips,  aber  er 
gab  sie  nicht.  Er  sagte  nur:  »Sie  mißverstehen  mich.« 

Nun  könnte  jemand,  der  an  der  Party  nicht  teilnahm,  denken,  all  dies 
wäre  nicht  mehr  als  ein  fröhliches  Geplänkel  unter  Klubmitgliedern 
gewesen,  die  einander  zuerst  herzhaft  beflegeln  und  sich  dann  zu  ei- 
nem guten  Abendessen  und  einer  gewaltigen  Trinkerei  mit  kamerad- 
schaftlichen Gesprächen  an  einen  gemeinsamen  Tisch  setzen.  Ich 
aber,  der  ich  ihre  Gesichter  beobachtete  und  sah,  wie  knapp  die  Sti- 
cheleien bis  an  die  Grenze  des  Erträglichen  gingen,  bemerkte,  wie 
schal  und  heuchlerisch  diese  humorvoll  scheinenden  Wechselreden 
waren  und  daß  Haß  sich  wie  eine  Regenwolke  im  Zimmer  ausbreitete 
- Haß  vom  Hausherrn  gegen  seine  Gäste  und  Haß  gegen  den  Gast- 
geber von  seinen  Besuchern.  Ich  fühlte  mich  ganz  und  gar  als  Ein- 
dringling, denn  wenn  mir  auch  jeder  einzelne  von  ihnen  mißfiel,  wa- 
ren meine  Gefühle  doch  noch  nicht  stark  genug,  um  sie  als  Haß  zu 
bezeichnen. 

»Dann  bitte  ich  Sie  also  zu  Tisch«,  verkündete  Dr.  Fischer,  »und  ich 
will  dem  neuen  Gast  in  unserer  Mitte  den  Sinn  meiner  kleinen 
Abendgesellschaft  erklären,  während  Albert  das  Essen  aufträgt.« 
Mein  Platz  war  neben  Mrs.  Montgomery,  die  rechts  vom  Gastgeber 
saß.  Rechts  von  mir  hatte  ich  Beimont  als  Nachbar  und  den  Schau- 
spieler Richard  Deane  als  Gegenüber.  Neben  jedem  Teller  stand  eine 
Flasche  mit  ausgezeichnetem  Yvorne,  außer  bei  unserem  Gastgeber, 
der,  wie  ich  merkte,  polnischen  Wodka  bevorzugte. 

«Zunächst«,  hob  Dr.  Fischer  an,  »bitte  ich  Sie,  mit  mir  Ihr  Glas  zu 
erheben,  um  auf  das  Andenken  unserer  beiden  - Freunde,  soll  ich  sie 
aus  diesem  Anlaß  so  nennen?  - anläßlich  ihres  Todestages  vor  zwei 
Jahren  zu  trinken.  Ein  seltsames  Zusammentreffen.  Ich  habe  den 
heutigen  Tag  aus  diesem  Grund  gewählt.  Madame  Faverjon  starb 
von  eigener  Hand.  Ich  glaube,  sie  vermochte  sich  selbst  nicht  mehr 
länger  zu  ertragen  - sogar  mir  fiel  es  schwer  genug,  sie  zu  ertragen. 


315 


Graham  Greene 


obwohl  ich  anfangs  fand,  daß  sie  ein  interessantes  Studienobjekt  war. 
Von  allen  Menschen  um  diesen  Tisch  war  sie  die  habgierigste  - und 
das  will  schon  etwas  heißen.  Sie  war  auch  die  wohlhabendste  unter 
Ihnen.  Wenn  ich  jeden  beobachtete,  gab  es  Augenblicke,  da  zeigten 
Sie  alle  Anzeichen  von  Auflehnung,  weil  ich  Kritik  an  Ihnen  übte, 
sodaß  ich  mich  gezwungen  sah.  Sie  an  die  Preise  nach  unserem 
Abendessen  zu  erinnern,  die  Sie  Gefahr  liefen  zu  verwirken.  Bei  Ma- 
dame Faverjon  war  dies  niemals  der  Fall.  Sie  nahm  alles  und  jedes 
hin,  um  ihre  Eignung  als  Empfänger  eines  Geschenks  nachzuweisen, 
obwohl  sie  es  sich  ohne  weiteres  hätte  leisten  können,  etwas  von  glei- 
chem Wert  selbst  zu  kaufen.  Sie  war  eine  abscheuliche  Person,  eine 
unbeschreibliche  Person,  und  doch  muß  ich  zugeben,  daß  sie  zuletzt 
einen  gewissen  Mut  zeigte.  Ich  bezweifle,  daß  irgendjemand  von  Ih- 
nen ein  solches  Ausmaß  an  Mut  aufbrächte,  nicht  einmal  unser  tapfe- 
rer Divisionär.  Ja,  ich  zweifle  sogar,  daß  irgend  jemand  von  Ihnen 
auch  nur  erwogen  hat,  die  Welt  von  der  eigenen  unnötigen  Gegen- 
wart zu  befreien.  Deshalb  also  bitte  ich  Sie,  mit  mir  das  Glas  auf  den 
Geist  von  Madame  Faveijon  zu  erheben.« 

Ich  gehorchte  wie  alle  anderen  auch. 

Albert  kam  mit  einem  Silbertablett  herein,  auf  dem  eine  große  Schale 
Kaviar  stand  sowie  kleine  süberne  Schüsselchen  mit  Ei,  Zwiebel  und 
Zitronenscheiben. 

»Ich  darf  um  Nachsicht  bitten,  daß  Albert  mir  zuerst  serviert«,  sagte 
Dr.  Fischer. 

»Ich  liebe  Kaviar«,  sagte  Mrs.  Montgomery.  »Ich  brauchte  über- 
haupt nichts  anderes  zu  essen.« 

»Sie  könnten  es  sich  leisten,  überhaupt  nichts  anderes  zu  essen,  wenn 
Sie  nur  bereit  wären,  dafür  Ihr  eigenes  Geld  auszugeben.« 

»Ich  bin  nicht  so  reich.« 

»Schade  um  die  Mühe,  mich  anzulügen.  Wären  Sie  nicht  so  reich, 
wie  Sie  sind,  dann  säßen  Sie  nicht  an  meinem  Tisch.  Ich  lade  nur  die 
ganz  Reichen  ein.« 

»Und  was  ist  mit  Mr.  Jones?« 

»Er  ist  hier  mehr  als  Beobachter  und  nicht  als  Gast,  aber  als  mein 
Schwiegersohn  wird  er  sich  vielleicht  vorstellen,  daß  er  einmal  viel  zu 
erwarten  hat.  Auch  Erwartungen  sind  eine  Art  Reichtum.  Ich  bin 
überzeugt,  Mr.  Kips  könnte  für  ihn  beträchtliche  Kredite  erwirken, 
und  Hoffnungen  unterliegen  nicht  der  Steuer  - er  brauchte  daher 
Monsieur  Beimonts  Rat  nicht.  Albert,  die  Lätzchen.« 


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Dr.  Fischer  aus  Gerrf  oder  Die  Bomben-Partji 


Jetzt  erst  entdeckte  ich,  daß  bei  keinem  von  uns  Servietten  gedeckt 
waren.  Albert  befestigte  ein  Lätzchen  um  Mrs,  Montgomerys  Hals. 
Sie  kreischte  vor  Vergnügen.  »Ecremses!  Ich  liebe  erevisses!« 

»Wir  haben  noch  nicht  auf  das  Andenken  des  verstorbenen  und  be- 
trauerten Monsieur  Groseli  getrunken«,  sagte  der  Divisionär  und 
schob  sein  Lätzchen  zurecht.  »Ich  kann  nicht  behaupten,  daß  ich  den 
Menschen  je  leiden  mochte.« 

»Dann  schnell,  während  Albert  Ihr  Dinner  holt.  Auf  Monsieur  Gro- 
seli. Er  nahm  nur  an  zweien  unserer  Abendessen  teil,  ehe  er  an  Krebs 
starb,  und  deshalb  hatte  ich  nicht  genug  Zeit,  seinen  Charakter  zu 
studieren.  Hätte  ich  von  seinem  Krebs  gewußt,  dann  hätte  ich  ihn  nie 
eingeladen,  sich  uns  anzuschließen.  Ich  erwarte  von  meinen  Gästen, 
daß  sie  mich  viel  länger  unterhalten.  Ah,  da  kommt  schon  Ihr  Essen, 
also  kann  ich  mit  meinem  beginnen.« 

Mrs.  Montgomery  stieß  einen  schrillen  Schrei  aus.  »Aber,  das  ist  ja 
Porridge,  kaltes  Porridge.« 

»Echtes  schottisches  Porridge.  Gerade  Sie  sollten  es  zu  schätzen  wis- 
sen, mit  Ihrem  schottischen  Namen.«  Dr.  Fischer  bediente  sich  von 
seinem  Kaviar  und  goß  sich  ein  Glas  Wodka  ein. 

»Das  wird  uns  den  Appetit  ganz  verderben«,  sagte  Deane. 

»Keine  Sorge,  es  gibt  nichts  anderes.« 

»Das  geht  wirklich  zu  weit,  Dr.  Fischer«,  sagte  Mrs.  Montgomery. 
»Kaltes  Porridge.  Das  ist  ja  völlig  ungenießbar.« 

»Dann  essen  Sie  es  nicht,  Mrs.  Montgomery.  Nach  den  Spielregeln 
verlieren  Sie  dadurch  nur  Ihr  kleines  Geschenk.  Ehrlich  gesagt,  ich 
habe  extra  Porridge  bestellt,  Jones  zuliebe.  Ich  hatte  zuerst  an  Reb- 
hühner gedacht,  aber  wie  hätte  er  sie  mit  nur  einer  Hand  essen  sol- 
len?« 

Zu  meinem  Erstaunen  sah  ich,  daß  der  Divisionär  und  Richard  Dea- 
ne zu  essen  begonnen  hatten,  während  Mr.  Kips  wenigstens  den  Löf- 
fel aufnahm. 

»Wenn  wir  um  ein  bißchen  Zucker  bitten  dürften«,  sagte  Beimont. 
»Das  würde  vielleicht  den  Geschmack  verbessern.« 

»Wie  ich  höre,  halten  es  die  Waliser  - nein;  nein,  ich  weiß  schon, 
Jones  - ich  meine  die  Schotten  - für  Blasphemie,  ihr  Porridge  durch 
Zucker  zu  verderben.  Sie  essen  es  sogar,  sagt  man  mir,  mit  Salz.  Salz 
soll  Ihnen  nicht  vorenthalten  werden.  Bringen  Sie  den  Herrschaften 
Salz,  Albert.  Mrs.  Montgomery  hat  beschlossen,  heute  abend  hungrig 
zu  bleiben.« 


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Graham  Greem 


»Ach  nein,  Dr.  Fischer,  ich  werde  Ihnen  doch  nicht  den  Spaß  verder- 
ben. Geben  Sie  mir  das  SsJz.  Schlechter  kann  das  Porridge  damit 
auch  nicht  schmecken  als  ohne.« 

Ein  oder  zwei  Minuten  später  löffelten  alle  zu  meiner  Überraschung 
schweigend  und  grimmig  entschlossen  ihr  Porridge.  Vielleicht  ver- 
schlug es  ihnen  die  Sprache.  »Sie  scheinen  es  nicht  versuchen  zu  wol- 
len, Jones?«  fragte  mich  Dr.  Fischer  und  nahm  noch  ein  wenig  Kaviar. 
»So  hungrig  bin  ich  nicht.« 

»Auch  nicht  so  reich«,  sagte  Dr.  Fischer.  »Mehrere  Jahre  lang  studiere 
ich  jetzt  schon  die  Habgier  der  Reichen.  >Gib,  auf  daß  dir  gegeben 
werde<,  diesen  zynischen  Ausspruch  von  Christus  nehmen  sie  sehr, 
sehr  wörtlich.  >Geben<  heißt  es,  beachten  Sie  das  wohl,  nicht  werdie- 
nen<.  Die  Geschenke,  die  ich  verteile,  sobald  das  Essen  vorüber  ist, 
können  sie  sich  alle  selbst  machen,  aber  dann  hätten  sie  sie  verdient, 
wenn  auch  nur  dadurch,  daß  sie  einen  Scheck  unterschrieben  haben. 
Die  Reichen  hassen  es,  Schecks  zu  unterschreiben.  Darauf  beruht  der 
Erfolg  von  Kreditkarten.  Eine  Karte  ersetzt  hundert  Schecks.  Diese 
Leute  würden  alles  tun,  nur  um  ihre  Präsente  zu  bekommen.  Das  war 
heute  einer  der  härtesten  Tests  bisher,  und  schauen  Sie  nur,  wie 
schnell  sie  ihr  kaltes  Porridge  aufessen,  damit  sie  endlich  ihre  Ge- 
schenke erhalten.  Sie,  fürchte  ich,  werden  gar  nichts  bekommen, 
wenn  Sie  nicht  essen.« 

»Auf  mich  wartet  zu  Hause  etwas  von  größerem  Wert  als  Ihr  Ge- 
schenk.« 

»Sehr  chevaleresk  gesagt«,  meinte  Dr.  Fischer,  »aber  seien  Sie  nicht 
gar  zu  selbstsicher.  Frauen  warten  nicht  immer.  Ich  bezweifle,  daß 
eine  Handprothese  romantische  Gefühle  stärkt.  Albert,  Mr.  Deane 
kann  schon  nachserviert  werden.« 

»Also  nein«,  sagte  Mrs.  Montgomery,  »nicht  noch  ein  zweites  Mal.« 
»Das  geschieht  Mr.  Deane  zuliebe.  Ich  will  ihn  aufluttern,  damit  er 
einen  besseren  Falstaff  abgibt.« 

Deane  schoß  ihm  einen  wütenden  Blick  zu,  aber  er  ließ  sich  noch 
einmal  auflegen. 

»Ich  habe  natürlich  nur  Spaß  gemacht.  Deane  könnte  ebensowenig 
den  Falstaff  geben  wie  Britt  Ekland  die  Cleopatra.  Deane  ist  kein 
Schauspieler,  er  ist  Gegenstand  sexueller  Begierden.  Mädchen  unter 
zwanzig  beten  ihn  an,  Jones.  Wie  enttäuscht  die  wären,  wenn  sie  ihn 
einmal  ohne  Kleider  sehen  würden.  Ich  habe  Grund  zu  der  Annah- 
me, daß  er  unter  vorzeitigem  Samenerguß  leidet.  Vielleicht  bremst 


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Dr.  Fischer  aus  Genf  oder  Die  Bomben-Party 


r 

Sie  das  Porridge  ein  wenig,  Deane,  meine  armer  Junge.  Albert,  einen 
frischen  Teller  für  Mr.  Kips,  und  ich  sehe  gerade,  Mrs.  Montgomery 
hat  fast  aufgegessen.  Schnell,  Divisionär,  beeilen  Sie  sich,  Beimont. 
Die  Geschenke  gibt  es  erst,  wenn  alle  ihre  Teller  geleert  haben.«  Mich 
erinnerte  die  Szene  an  einen  Jäger,  der  seine  Hundemeute  mit  dem 
Knall  der  Peitsche  dirigiert. 

»Beobachten  Sie  sie,  Jones.  Sie  sind  so  bedacht,  fertig  zu  werden,  daß 
sie  das  Trinken  vergessen.« 

»Ich  glaube  nicht,  daß  Yvorne  zu  Porridge  schmeckt.« 

»Lachen  Sie  ruhig  über  sie,  Jones.  Die  werden  es  nicht  übelnehmen.« 
»Ich  finde  sie  nicht  komisch.« 

»Ich  gebe  natürlich  zu,  daß  eine  Party  wie  die  heutige  ihre  ernsten 
Seiten  hat,  aber  trotzdem  . . . Müssen  Sie  nicht  auch  ein  bißchen  an 
Schweine  denken,  die  aus  einem  Trog  fressen?  Beinahe  hat  man  den 
Eindruck,  sie  genießen  es.  Mr.  Kips  hat  ein  wenig  Porridge  auf  sein 
Hemd  gekleckert.  Säubern  Sie  ihn,  Albert.« 

»Sie  widern  mich  an,  Dr.  Fischer.« 

Er  wandte  sich  mir  zu  und  sah  mich  an:  seine  Augen  waren  wie  glän- 
zende Splitter  aus  blaßblauem  Stein.  Ein  paar  graue  Kaviarkörner 
hatten  sich  in  seinen  roten  Schnurrbart  verirrt. 

»Ja,  ich  verstehe,  was  Sie  empfinden.  Manchmal  geht  es  mir  genauso, 
aber  ich  werde  nicht  ablassen  von  meiner  Untersuchung,  bis  zum  bit- 
teren Ende.  Ich  werde  nicht  aufgeben.  Bravo,  Divisionär.  Sie  holen 
auf.  Sie  schwingen  einen  tollen  Löffel,  Deane,  mein  Junge,  ich 
wünschte,  Ihre  Bewunderinnen  könnten  Sie  jetzt  sehen,  wie  Sie 
schlingen.« 

»Warum  tun  Sie  das?«  fragte  ich. 

»Warum  sollte  ich  Ihnen  das  auf  die  Nase  binden?  Sie  sind  keiner  der 
Unsrigen.  Sie  werden  es  auch  nie  sein.  Zählen  Sie  mit  Ihren  Erwar- 
tungen nur  nicht  auf  mich.« 

»Das  sowieso  nicht.« 

»Sie  haben  den  Stolz  der  Armen,  aha.  Schließlich,  warum  sollte  ich  es 
Ihnen  nicht  sagen.  Sie  sindp.  eine  Art  Sohn.  Ich  möchte  feststellen, 
Jones,  ob  die  Habgier  unserer  reichen  Freunde  irgendwelche  Gren- 
zen hat.  Ob  es  so  was  gibt:  bis  hierher  und  nicht  weiter.  Ob  der  Tag 
kommt,  an  dem  sie  sich  weigern,  ihre  Geschenke  anzunehmen.  Stolz 
ist  sicher  keine  Hürde  für  ihre  Habgier.  Weil  er  sich  Vorteile  erhofft, 
würde  Mr.  Kips  sich  ebensogern,  wie  Herr  Krupp  das  getan  hat,  an 
einen  Tisch  mit  Herrn  Hitler  setzen,  was  immer  ihm  auch  vorgesetzt 


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Graham  Greene 


wird.  Dem  Divisionär  ist  Porridge  über  das  Lätzchen  geflossen.  Ge- 
ben Sie  ihm  ein  sauberes,  Albert.  Ich  glaube,  heute  abend  kann  ich 
ein  Experiment  abschließen.  Ich  habe  neue  Pläne.« 

»Sie  sind  selbst  ein  reicher  Mann.  Hat  Ihre  Habgier  Grenzen?« 
»Vielleicht  werde  ich  es  eines  Tages  wissen.  Aber  meine  Gier  ist  von 
anderer  Art.  Ich  bin  nicht  gierig  auf  Schmuck.« 

»Schmuck  ist  ohnehin  etwas  Harmloses.« 

»Ich  stelle  mir  vor,  daß  meine  Gier  etwas  von  der  Art  ist,  wie  Gott  sie 
empfindet.« 

»Ist  Gott  gierig?« 

»Ach,  glauben  Sie  doch  ja  nicht,  daß  ich  von  seiner  Existenz  mehr 
überzeugt  bin  als  von  der  des  Teufels,  aber  ich  fand  immer  schon, 
Theologie  ist  ein  amüsantes  intellektuelles  Spiel.  Albert,  Mrs.  Mont- 
gomery  hat  ihr  Porridge  aufgegessen.  Sie  können  ihren  Teller  abser- 
vieren. Was  wollte  ich  sagen?« 

»Daß  Gott  gierig  ist.« 

»Nun,  die  Gläubigen  und  die  Empfindsamen  sagen,  daß  er  nach  un- 
serer Liebe  giert.  Betrachtet  man  die  Welt,  die  er  angeblich  geschaf- 
fen hat,  dann,  meine  ich,  kann  er  wohl  nur  danach  gieren,  uns  zu 
erniedrigen,  und  diese  Gier,  wie  kann  er  die  je  stillen?  Sie  ist  bodenlos. 
Die  Welt  wird  immer  elender  und  elender,  während  er  die  Schraube 
ohne  Ende  noch  ein  Stückchen  weiterdreht,  obwohl  er  uns  Gaben 
anbietet  - denn  ein  allumfassender  Selbstmord  würde  seine  Absich- 
ten verhindern  -,  um  die  Demütigungen  zu  lindern,  die  wir  erleiden. 
Ein  Darmkrebs,  eine  rinnende  Nase,  Geilheit.  Sie,  zum  Beispiel,  Sie 
sind  ein  armer  Mann,  also  gibt  er  Ihnen  ein  kleines  Geschenk,  meine 
Tochter,  um  Sie  ein  bißchen  länger  zufriedenzustellen.« 

»Sie  ist  eine  sehr  große  Linderung«,  sagte  ich.  »Wenn  es  Gott  war,  der 
sie  mir  geschenkt  hat,  dann  bin  ich  dankbar  dafür.« 

»Und  doch  wird  vielleicht  Mrs.  Montgomerys  Halskette  länger  wäh- 
ren als  Ihre  sogenannte  Liebe.« 

»Weshalb  sollte  er  wünschen,  uns  zu  erniedrigen?« 

»Wünsche  ich  das  nicht  auch?  Und  man  sagt  doch,  er  habe  uns  nach 
seinem  Bilde  geschaffen.  Vielleicht  hat  er  entdeckt,  daß  er  ein  ziem- 
lich elender  Handwerker  ist,  und  er  ist  von  dem  Ergebnis  enttäuscht. 
Ein  fehlerhaftes  Produkt  wirft  man  in  den  Abfalleimer.  Sehen  Sie  sich 
sie  doch  an,  und  lachen  Sie  darüber,  Jones.  Haben  Sie  keinen  Hu- 
mor? Jeder  von  ihnen  hat  seinen  Teller  geleert,  nur  Mr.  Kips  nicht. 
Und  wie  ungeduldig  sie  jetzt  alle  werden.  Da,  Beimont  hilft  ihm  sogar 


320 


Kommentar 


und  ißt  für  ihn  von  seinem  Teller.  Ich  bin  nicht  ganz  sicher,  daß  die 
Spielregeln  das  gestatten,  aber  ich  will  es  hingehen  lassen.  Haben  Sie 
noch  einen  Augenblick  Geduld  mit  mir,  meine  Freunde,  bis  ich  mit 
meinem  Kaviar  fertig  bin.  Sie  können  ihnen  die  Lätzchen  abnehmen. 
Albert.« 


/Kommentar 

Im  Roman  von  Graham  Greene  »Doktor  Fischer  aus  Genf  oder  Die 
Bomben-Party«  wird  eine  eigenartige,  groteske  Party  geschildert,  im 
Rahmen  derer  der  einladende  »Doktor  Fischer«  seine  Partygäste  he- 
rabsetzend, demütigend,  zynisch  und  missachtend  behandelt.  Er  be- 
gründet sein  ungewöhnliches  Vorgehen  damit,  dass  er  experimentieren  möchte,  wie 
weit  die  Menschen  seinen  Wünschen /Befehlen  folgen,  fynisch  geht  er  davon  aus, 
dass  er  fast  alles  von  diesen  sogar  größtenteils  wohlhabenden  Menschen  haben 
kann,  wenn  diese  dqßr  durch  ein  Geschenk  belohnt  werden.  Insgesamt  tritt  er  herz- 
los, egoistisch  auf  und  erfreut  sieh  an  der  Demütigung  der  von  ihm  Eingeladenen. 
Man  kann  das  Verhaltensmuster  des  Protagonisten  als  eine  - wenn  auch  unge- 
wöhnliche - Ausbildungsform  einer  »dissozialen  Persönlichkeitsstörungr  sehen. 
Hauptmerkmal  dieser  Persönlichkeitsstörung  ist  sein  verantwortungsloses  und  anti- 
soziales Verhalten.  Die  Betroffenen  können  sich  gesellschaftlichen  Normen  nicht 
anpassen.  Sie  können  sich  meist  nicht  oder  nur  sehr  unzureichend  in  die  Gefühle 
anderer  hineinuersetzen.  Die  Fähigkeit,  emotional  vertrauensvolle  und  tagende  Be- 
ziehungen aufzubauen,  ist  gering.  Normen  werden  ungenügend  internalisiert,  die 
innere  Verhaltenskontrolle  wird  unzureichend  ausgebildet.  Die  Schuld  Jur  eigenes 
Fehlverhalten  wird  bei  anderen  gesucht.  Mit  »Acting-out«  bezeichnet  man  das  un- 
kontrollierte Ausafreren  und  Ausleben  von  Antrieben  und  Gefühlen.  Häufig  ist  die- 
se Persönlichkeitsstörung  bei  chronisch  rezidivierenden  Straftätern  zu  finden.  Bei 
dem  Protagonisten  handelt  es  sich  insofern  um  eine  besondere  Gegebenheit,  als  er 
durch  seinen  finanziellen  Wohlstand  sich  offenbar  antisoziale  Verhaltensweisen 
erlauben  kann,  die  nicht  im  Sinne  des  Strafgesetzbuches  bewertet  werden  können. 


321 


Hamito  von  Doderer 


Die  Heilungen 

aus:  Heimito  von  Doderer.  Die  Merowinger  oder  Die  totale  Familie. 

© 1963  by  Verlag  C.H.  Beck,  München. 

Die  erste  Auflage  dieses  Werkes  ist  im  Biederstein  Verlag  erschienen. 


Einführung 


Der  österreichische  Erzähler  Franz  Carl  Heimito  Ritter  von  Do- 
derer (1896-1966)  zählt  vor  allem  wegen  seiner  Werke  »Die 
Strudlhofstiege»  (1951)  und  »Die  Dämonen»  (1956)  zu  den  be- 
deutendsten Romanautoren  der  österreichischen  Literatur  des  20. 


Jahrhunderts.  Doderer  war  Historiker  und  Psychologe  und  schloss  seine  Studien 
mit  der  Promotion  ab.  Im  Ersten  Weltkrieg  diente  er  bä  den  Dreier-Dragonern, 
geriet  1916  in  russische  Gefangenschaft.  In  dnem  sibirischen  Straflager  beschloss 
er,  Schriftsteller  zu  werden.  Erst  1920  kehrte  er  nach  Wien  zurück.  Seine  Schwes- 
ter Helga,  Vorbild  der  Etelka  in  der  Strudlhofstiege,  beging  1927  Selbstmord. 
Doderer  trat  bereits  1933  der  NSDAP  bä,  schrieb  aber  nie  dne  ^dle  ßr  die 
Nazis,  konvertierte  1940  zum  Katholizismus,  diente  als  Reserveoffizier  bei  der 
Luftwaffe  und  erlebte  das  Kriegsende  1945  in  Oslo.  Sdt  1942  litt  er  verstärkt  an 
Neuralgien.  Nachdem  (auch  jüdische)  Freunde  ßr  ihn  bürgten  sowie  nach  Bezah- 
lung dner  »Sühneabgabe»  wurde  er  1947  von  der  Liste  der  »Belasteten» gestrichen. 
Der  vielfach  geehrte,  frdlich  auch  verbitterte  und  zur  Paranoia  wie  zum  Sadismus 
nagende  Autor  gab  sich  gerne  als  aristokratischer  Dandy  und  starb  in  Wien  1966 
nach  einer  erfolglosen  Operation  (Morbus  Crohn). 

Der  Erzählduktus  seiner  umfangreichen  Arbeiten  ist  bestimmt  von  der  präzisen 
Erfassung  des  Jeitpanoramas,  von  dnem  ausgeprägtem  Sinn  ßr  Humor  und  Gro- 
teske sowie  von  dnem  hohen  Rrflexionsgrad  bd  der  Darstellung  psychischer  Pro- 
zesse und  Befindlichkeiten.  Sdne  ebenso  penibel  wie  kontinuierlich  geßhrten  Ta- 
gebücher »Tangenten»  (1964)  und  »Commentarn»  (1976186)  stellen  dies  ein- 
drucksvoll unter  Beweis. 


Der  Roman  »Die  Merowinger  oder  Die  totale  Familie»  (1962)  erzählt  diegrotes- 
ke,  Zeitgeschichte  und  barocke  Schnurren  amüsant  verdnigende  Geschichte  des  letz- 
ten Merowinger-Sprösslings  Freiherr  Childerich  von  Bartenbruch,  Majoratsherr  in 
Mittelfranken. 


322 


Die  Heilungen 


Der  zu  plötzlich  auftretenden,  schweren  Wutanfällen  neigende  schmächtige  und 
kleinwüchsige  Mann  fuhrt  nicht  zufällig  eine  Keule  in  seinem  Wappen.  Childerich 
III.  will  - mit  neidvollem  Blick  auf  die  über  Jahrhunderte  erfolgreiche  habsburgi- 
sche Heiratspraxis  ( ...  tu felix Austria  nube)  - durch  eine  ausgetüf teile,  wissen- 
schaftlich systematisch  betriebene  Familien-  und  Heiratspolitik  sein  eigener  Vater, 
Großvater,  Sohn,  Enkel,  Neffe  und  vor  allem  Alleinerbe  des  Bartenbruchschen  Ver- 
mögens werden.  Die  beiden  ersten familiären  Positionen  erreicht  er  dadurch,  dass  er 
jene  jungen  Damen,  die  sein  Großvater  und  Vater  in  hohem  Alter  in  zweiter  Ehe 
geheiratet  hatten,  nach  dem  Tode  der  betagten  Ahnen  selbst  heimfuhrt. 

Sein  Ideal  einer  »totalen  Familie«  lautet:  La  famille,  c’est  moi. 

Weiterführende  Literatur: 

Heinz  Ludwig  Arnold  (Hrsg):  Heimito  von  Doderer.  Edition  Text  und  Kritik 

2001 

Die  Heilungen 

Bachmeyer,  ein  kleiner,  lebhafter,  sehr  gut  geklei- 
deter Mann  mit  schwarzem  Spitzbarte,  stieg  die 
Treppen  zur  Privat-Ordination  des  Direktors  der 
neurologischen  und  psychiatrischen  Klinik,  Pro- 
fessor Dr.  Horn,  hinauf  und  ließ  dabei  einen 
spürbaren  Duft-Streifen  von  Lavendelwasser  hin- 
ter sich:  bitter  und  rundlich  zugleich,  ein  sozusa- 
gen comfortabler  Geruch.  Als  ihm  geöffnet  war, 
betrat  er  die  weiten  Vor-Räume  und,  auf  die  Mi- 
nute bestellt,  auf  die  Minute  gekommen,  hatte  er  nicht  lange  Zeit, 
sich  in  dieser  neuen  Umgebung  umzusehen;  schon  erschien  eine 
weißgekleidete,  blond  überschopfte,  hübsche,  große  Krankenschwe- 
ster - ihre  Augen  konnte  Bachmeyer  nicht  recht  sehen,  wegen  ihrer 
Brillen,  zu  seinem  Glücke!  - und  sagte,  der  Herr  Professor  lasse 
Herrn  Bachmeyer  bitten.  Im  Ordinationsraume  selbst  ward  der  Pa- 
tient alsbald  vom  Arzte  sozusagen  überwölbt,  wie  von  einem  vorhän- 
genden Felsen:  der  Professor  trug  ebenfalls  reinstes  Weiß,  einen  Arz- 
tekittel,  wovon  aber  ungeheuer  viel  vorhanden  war,  ganz  oben  erst 
gekrönt  vom  Antlitze,  vom  runden,  breiten  Barte,  von  den  blinkenden 
goldnen  Brillen.  Es  gehörte  Horn  zu  jenen  Leuten,  die  ständig  vor 
Wohlwollen  schnaufen  und,  auch  wenn  sie  nichts  reden,  immer 
irgendwelche  kleine  Töne  von  sich  geben,  eine  Art  asthmatisches  lei- 


323 


Heimito  von  Doderer 


ses  Piepsen,  das  in  seltsamer  Weise  an  jenes  feine  Getön  erinnern 
kann,  wie  es  eine  gewisse  Art  von  Schmetterlingen  zu  erzeugen  ver- 
mag, die  zwar  in  Europa  einheimisch,  aber  doch  selten  ist:  wir  meinen 
den  dicken,  samtigen  >Totenkopf<.  So  piepste  denn  Horn,  wenn  er 
nicht  gerade  schnaufte  oder  sprach.  Bachmeyer  hatte  Platz  genom- 
men und  Horn  ließ  seine  gletscherweißen  Massen  ihm  gegenüber  nie- 
der, rückte  die  Brillen,  sah  auf  Bachmeyers  elegante  Schuhe  hinab 
und  sagte:  »Nun,  Herr  Bachmeyer,  wo  fehlt‘s  denn,  was  haben  Sie 
denn  für  Beschwerden?« 

Bachmeyers  intelligente  Augen,  glänzend  wie  facettierte  schwarze 
Jettknöpfe,  bewegten  sich  lebhtift,  während  er  antwortete,  korrekt 
sprechend,  urban  und  wohlerzogen: 

»Die  Wut,  Herr  Professor.  Ich  leide  unter  schweren  Wutanfällen,  die 
mich  entsetzlich  anstrengen  und  sehr  mitnehmen.« 

»Hm«,  sagte  Horn  mit  leichtem  Schnauben  und  Schnaufen,  den 
Blick  immer  auf  Bachmeyers  Schuhspitzen  geheftet,  »können  Sie  mir, 
Herr  Bachmeyer,  vielleicht  sagen,  welchen  Grund  diese  Wutanfälle 
haben?« 

Bachmeyers  Augen  blickten  auf  wie  das  Mündungsfeuer  bei  einer 
Schußwaffe;  zugleich  beobachtete  der  Professor,  wie  die  Spitzen  sei- 
ner Schuhe  sich  immer  weiter  voneinander  entfernten,  so  daß  die 
auseinander  gedrehten  Füße  jetzt  schon  einen  stumpfen  Winkel  bil- 
deten. Zugleich  begannen  beide  Füße  eine  Art  verhaltenen  Tretens 
und  Stampfens,  ohne  daß  freilich  die  Sohlen  sich  eigentlich  vom  Bo- 
den lösten.  Wenngleich  Bachmeyer  die  folgenden  Worte  urban  und 
höflich  wie  das  Frühere  sprach,  schien  doch  sein  Grimm  jäh  zu 
schwellen,  und  er  zerrieb  geradezu,  was  er  sagte,  zwischen  den  Zäh- 
nen. Zugleich  wurde  seine  Stimmlage  jetzt  hoch,  fast  fistelnd: 

»Wenn  ich  den  Grund  wüßte,  Herr  Professor,  wäre  ich  vielleicht  gar 
nicht  zu  Ihnen  gekommen.« 

Horn  hielt  sich  dabei  nicht  auf;  er  hätte  wohl  sagen  können,  daß  er 
nicht  eigentlich  nach  dem  Grunde,  sondern  nur  nach  den  Anlässen 
der  Wutanfälle  habe  fragen  wollen  und  daß  der  Ausdruck  >Grund< 
von  ihm  versehentlich  gewählt  worden  sei.  Inzwischen  aber  hatten 
sich  Bachmeyers  Fußspitzen  noch  erheblich  weiter  auseinander  ge- 
dreht und  der  Professor  sagte  beiseite  und  halblaut  zu  der 
Ordinationsschwester  Helga,  die  herangetreten  war: 
»Hundertunddreißig  Grad.  Nasenzange.« 

Schon  saß  das  Instrument,  etwa  von  der  Größe  eines  kleinen  Schmet- 


324 


Die  Heilungen 


terlings  - es  sah  auch  ähnlich  aus  ~ auf  Bachmeyers  Nase  (dem  Horn 
durch  einen  Augenblick  sanft  die  Hände  festhielt),  in  der  Art  eines 
Kneifers,  nur  erheblich  weiter  unten.  Es  war  eine  feine  und  lange 
Schnur  daran  befestigt,  deren  Ende  Schwester  Helga  in  der  Hand 
hatte;  jedoch  war  die  Schnur  nicht  etwa  gespannt,  sondern  locker  und 
durchhängend.*  Die  Schwester  blickte  auf  den  Patienten;  ihre 
schmalgeschlitzten  Äuglein  hinter  den  Brillengläsern  aber  zeigten  ei- 
gentlich keinen  richtigen  Blick,  sondern  nur  die  dünne  und  wäßrige 
Substanz  einer  fast  unbegreiflichen,  alleräußersten  Frechheit,  und  ei- 
ner sanften  Befriedigung  eben  darüber. 

»Wir  beginnen  nun  gleich  mit  der  Behandlung«,  sagte  Horn  zu  dem 
perplexen  Bachmeyer  und  schnaufte  begütigend.  »Bitte  jetzt  keinerlei 
heftigere  oder  plötzliche  Bewegung  zu  machen,  es  könnten  sonst 
leicht  Beschwerden  eintreten.  Und  langsam  aufstehen,  ja,  so,  Herr 
Bachmeyer.«  Er  drehte  ihn  sanft  herum,  so  daß  Bachmeyer  mit  dem 
Rücken  gegen  den  Arzt  stand.  Die  Schwester  betätigte  einen  elek- 
trischen Kontakt:  im  nächsten  Augenblicke  schmetterte  der  Krö- 
nungsmarsch aus  Giacomo  Meyerbeers  Oper  >Der  Prophet<,  von  ei- 
nem Lautsprecher  machtvoll  verstärkt,  in  den  Raum.  Dieser  gewalti- 
ge Rhythmus  löste  endlich  Bachmeyers  Sohlen  ganz  vom  Boden.  Die 
Fußspitzen  weit  auseinandergestellt  - der  Fußwinkel  mochte  jetzt 
bald  140  Grad  betragen  - begann  er  zu  treten,  ja,  bald  zu  stampfen, 
und  bewegte  sich  so,  immer  die  Fußspitzen  seitwärts,  mit  kleinen 
Schritten  fort,  bald  in  ein  noch  kraftvolleres  Stampfen  übergehend: 
rhythmisierter,  geordneter  Grimm.  Helga  schwebte  voran.  Sie  glich 
einem  Botticelli-Engel,  aus  dessen  Augen  jedoch  äußerster  Hohn 
blinzle.  So  leitete  sie  Bachmeyern,  das  Ende  der  Schnur,  die  zur  Na- 
senzange lief,  leicht  emporhaltend,  den  anderen  Arm  tänzerisch  in 
die  Hüfte  gestützt.  So  leitete  sie  Bachmeyern  wie  einen  Bären.  Die 


* Die  Nasenzange  gehört  zur  Gruppe  der  sogenannten  Blattzangen.  Es  sind 
dies  Flachzangen  mit  sehr  verbreiterter  Dmckfläche,  zu  deren  Fertigung  das 
Material  dünner  genommen  wird.  Den  Sitz  am  Nasenrücken  bewirkt  ein 
Feder-Bügel.  Handhaben  fehlen.  Jedoch  läßt  ein  kleines  Hebelwerk  bei  ge- 
ringer Spannung  der  Schnur  drei  scharfe  Nadeln  durch  jedes  Blatt  treten, 
welche  sogleich  bis  in  die  Beinhaut  dringen,  und  dadurch  auch  schwerst  to- 
bende Individuen  mühelos  bändigen.  Die  Nasenzange  ist  nicht  zu  verwech- 
seln mit  dem  gleichnamigen,  bei  der  Jagd  beim  Ausheben  des  Dachses  ge- 
brauchten Instrument,  wenn  die  Hunde  jenen  in  der  Röhre  gestellt  haben. 
Eine  gewisse  Analogie  zur  Daehszange  besteht  allerdings. 


325 


Heimito  von  Doderer 


Schnur  hing  durch.  Eine  geringste  Anspannung  nur  hätte,  vermöge 
des  sinnreichen,  kleinen  Hebelwerkes  der  Nasenzange,  dem  Wüten- 
den einen  äußersten,  ja,  fast  betäubenden  Schmerz  zugefügt  und  ihn 
unverzüglich  gebändigt,  wenn  er  etwa  versuchen  wollte,  aus  dem 
rhythmisch  geordneten  Wutmarsch  seitwärts  auszubrechen.  Der  Pro- 
fessor hatte  indessen  aus  zahlreichen  Pauken-  und  Trommelschlö- 
geln,  Klöppeln,  Klöpfeln  und  hölzernen  Hämmern,  die  in  Taschen 
an  der  Wand  gereiht  waren,  zwei  Instrumente  gewählt  ~ lange 
Paukenschlögel,  vorne  gut  umwickelt  - und  schritt  hinter  Bach- 
meyern  drein,  den  Rhythmus  mäßig  auf  dessen  Schädel  paukend, 
wobei  er  die  Schlögel  elegant  und  routiniert  aus  dem  Handgelenke 
fallen  ließ.  So  bewegte  sich  dieses  dreigliedrige  therapeutische  Wut- 
Element  unter  Trompetenschall  durch  das  weite  Ordinations-Zim- 
mer, sodann  durch  eine  im  Hintergründe  offen  stehende  Flügeltüre 
und  den  benachbarten  Raum,  um  schließlich  in  ein  sehr  ausgedehn- 
tes Gemach  einzutreten,  welches  völlig  leer  war,  bis  auf  den  lang 
ausgezogenen  Tisch  in  der  Mitte  - es  war  ein  solcher,  wie  man  ihn  oft 
in  sehr  groß  dimensionierten  Eßzimmern  sehen  kann  - welcher,  ganz 
nach  Art  der  Schaukasten  oder  Schaugestelle  in  den  Museen,  mehre- 
re Stufen  von  rotem  Samt  zeigte.  Sie  waren  in  Abständen  mit  billigen 
Porzellan-  oder  Steingutfiguren  besetzt:  Mädchen  mit  Harfen,  Tän- 
zerinnen mit  Tamburins,  Knaben  mit  Hirtenflöten,  weiblichen  Figu- 
ren, die  Krüge  auf  der  Schulter  hielten,  und  ähnlichem  Unfug  mehr. 
Bachmeyers  Stampfen  hatte  sich  während  des  Wutmarsches  er- 
heblich gesteigert,  zur  Befriedigung  des  Professors,  der  ja  nur  bei  kräf- 
tigem Durchkochen  und  Durchtreiben  des  Grimms  etwas  für  seine 
therapeutischen  Ziele  hoffen  durfte;  als  man  in  den  letzten,  großen 
Raum  kam,  trat  Bachmeyer  bereits  derart  machtvoll  auf,  daß  der  Bo- 
den zitterte  und  mit  ihm  alle  Figuren  auf  dem  Tische.  Der  Professor, 
nachdem  er  sich  durch  einen  kurzen  Blick  davon  überzeugt  hatte,  daß 
Bachmeyers  Fußwinkel  noch  keineswegs  abnahm,  sondern  eher  grö- 
ßer zu  werden  im  Begriffe  war,  vertauschte  blitzschnell  die  Pauken- 
schlögel gegen  zwei  hölzerne  Hämmer,  welche  in  den  Taschen  seines 
weißen  Kittels  staken:  die  rhythmische  Applikation  wurde  zudem 
jetzt  noch  bedeutend  kräftiger  als  vorher  erteilt,  was  angesichts  der 
dicken,  schwarzen  Haarwirbel  Bachmeyers  dem  Arzte  als  angängig 
erschien;  allerdings  waren  die  Hämmer  an  der  Schlagfläche  mit  Le- 
der gepolstert.  Man  war  noch  keine  zwei  Schritte  an  dem  Tische  mit 
den  roten  Samtstufen  entlang  gegangen,  als  Bachmeyer  blitzschnell. 


326 


Dü  Heilungen 


ja,  geradezu  mit  Gier,  eine  der  Figuren  ergriff  und  sie  zu  Boden 
schmetterte,  so  daß  die  Scherben  weithin  über  das  glatte  Parkett 
sprangen.  »Eins«,  sagte  der  Professor  laut,  und  Schwester  Helga  wie- 
derholte; »Eins!«  Während  des  weiteren  Umganges  consumierte 
Bachmeyer  noch  zwei  Figuren,  darunter  einen  Faun  mit  Spitzbart 
und  Bocksbeinen.  Jedesmal  wurde  laut  mitgezählt.  Schon  nach  der 
zweiten  Figur  begann  der  Fußwinkel  rapid  zu  sinken  und  das  Stamp- 
fen Bachmeyers  schwächte  sich  mehr  und  mehr  ab.  Nach  der  dritten 
Figur  sagte  der  Professor  laut  »neunzig«,  die  Schwester  wiederholte, 
die  Applikation  ward  neuerlich  modifiziert,  von  den  Hämmern  wie- 
der zurück  auf  die  Schlögel,  welche  Horn  jetzt  nur  leicht  auf  Bach- 
meyers Haupt  tanzen  ließ;  dieser  langte  schließlich  vorne  im  Or- 
dinationszimmer mit  dem  Fußwinkel  eines  normalen  und  menschli- 
chen Ganges  an.  Noch  blieb  die  Nasenzange  am  Ort.  Erst  nachdem 
der  Arzt  durch  einen  kurzen,  mäßig  starken  Riss  an  Bachmeyers  Bart 
- es  erfolgte  darauf  keinerlei  Reaktion  - sich  von  der  nunmehr  einge- 
tretenen Harmlosigkeit  dieses  Patienten  überzeugt  hatte,  ward  sie 
entfernt. 

»Ich  danke  vielmals,  Herr  Bachmeyer«,  sagte  Professor  Horn,  sich 
mit  seiner  ganzen  Masse  langsam  verbeugend  (während  im  Blick  der 
Schwester  Helga  die  Frechheit  gallertig  wie  Eierklar  stand),  »Sie  wer- 
den jetzt  zweifellos  ein  Nachlassen  der  Beschwerden  während  der 
nächsten  Tage  beobachten  können;  die  Reaktionen  waren  ja  sehr 
günstig,  durchaus  erfolgversprechend.  Doch  möchte  ich  empfehlen, 
in  zehn  Tagen  wieder  vorzusprechen;  wie  Sic  wissen,  ordiniere  ich  für 
solche  speziale  Fälle  jeden  1.,  10.  und  20.  des  Monates;  das  wäre  also 
das  nächste  Mal  am  20.« 

Schon  hatte  Schwester  Helga  in  einem  Buche  nachgeschlagen  und 
rief  Bachmeyern,  freundlich  lächelnd,  die  genaue  Uhrzeit  seines  Er- 
scheinens zu.  Horn  verbeugte  sich  nochmals,  vor  Wohlwollen  schnau- 
fend. Und  damit  ging  Bachmeyer  ab:  in  tiefstem  Staunen,  leicht 
schwitzend  - dies  trieb  den  Lavendelduft  noch  mehr  heraus  - und  in 
glücklicher  Benommenheit.  In  tiefstem  Staunen:  nicht  so  sehr  über 
alles,  was  ihm  jetzt  widerfahren  war,  sondern  über  das  Fehlen  der 
Wut,  ja,  mehr  als  das,  über  das  augenblickliche  Fehlen  jedes  Verhält- 
nisses, jeder  Beziehung,  jeder  Möglichkeit  zur  Wut  oder  zum  Grim- 
me. In  Bachmeyer  war  die  unschuldige  Freundlichkeit  und  Sanftmut 
eines  gutgearteten  Jünglings,  während  er  leichten  Schrittes  über  den 
Treppenabsatz  vor  der  Ordination  des  Professors  Horn  ging.  Eben  als 


327 


Heindto  von  Doderer 


er  dann  die  ersten  Stufen  betrat,  kam  von  unten  ein  kleiner,  sehr  bär- 
tiger Herr,  den  er  im  Vorbeipassieren  versehentlich  leicht  streifte; 
Bachmeyer  lüftete  den  Hut,  entschuldigte  sich  rasch  und  lief  leichtfü- 
ßig die  Treppen  hinab,  voll  tiefer  Bewunderung  für  den  Arzt,  von 
dem  er  eben  kam,  und  beflügelt  von  der  Aussicht,  daß  ihm  wirklich 
könnte  geholfen  werden. 

Hätte  Bachmeyer  sich  umgewandt  — zu  seinem  Glücke  tat  er‘s  nicht  - 
dann  wäre  ihm  vielleicht  das  Mark  gefroren  vor  Entsetzen  über  den 
Blick,  welchen  das  vielfach  bärtige  Wesen,  das  er  auf  der  obersten 
Stufe  leicht  gestreift  hatte,  ihm  nun  nachsandte:  beispiellose  Wut, 
gräßlicher  Grimm  brachen  als  gelblich-grün  aufleuchtender  Strahl 
aus  den  Augen  des  Kleinen:  ja,  die  Wut  stand  wie  in  bebenden  Tür- 
men ob  seinem  Haupte.  Er  schritt  über  den  Treppenabsatz  auf 
Horns  Türe  zu,  indem  er  die  Knie  weit  höher  hob,  als  zum  Gehen 
erforderlich  gewesen  wäre,  er  ging  im  Hahnentritt;  und  einem  kundi- 
gen Auge  hätte  sein  Fußwinkel  allein  schon  gesagt,  daß  hier  eine  be- 
denkliche Lage  herrschte.  Der  Professor,  als  er  des  Kleinen  ansichtig 
wurde  - welcher  den  Namen  eines  Freiherrn  Childerich  von  Barten- 
bruch trug  und  Chüderich  III.  gentmnt  wurde,  zum  Unterschiede  von 
seinem  Vater  und  Großvater,  die  ebenso  geheißen  - der  Professor  also 
erkannte  sogleich  die  Gefährlichkeit  des  Zustandes,  in  welchem  sich 
dieser  ihm  schon  lange  bektmnte  Patient  heute  befand;  und  Horn 
wußte  auch  sehr  wohl  um  die  bestehende  Möglichkeit,  daß  zwei  oder 
drei  Sekunden  später  das  kleine,  bärtige  Wesen  tief  in  seine  Schulter 
verbissen  sein  konnte,  mit  einem  ungeheuren  Satze  ihn  anspringend. 
Jedoch  der  Professor  dosierte  meist  richtig  und  rechtzeitig.  Seine  fla- 
chen Hände  gebrauchend,  die  ungefähr  die  Größe  von  Suppentellern 
haben  mochten,  begann  er  sofort,  dem  Herrn  von  Bartenbruch  der- 
art kräftige  Ohrfeigenpaare  zu  applizieren,  daß  der  Kleine  bald  mit 
rotem  Gesicht  im  Ordinationszimmer  nur  so  herumtaumelte:  nach 
dem  sechsten  Ohrfeigenpaar  konnte  schon  die  Nasenzange  gesetzt 
und  der  Baron  auf  den  Trab,  das  heißt  auf  den  Wutmarsch,  gebracht 
werden.  Helga  schwebte  voran.  Immerhin  erst  nach  der  fünften  Figur 
- im  ganzen  consumierte  Herr  von  Bartenbruch  heute  deren  neun  - 
begann  der  Fußwinkel  zu  sinken,  so  daß  Professor  Horn  einen  zwei- 
ten Umgang  vornahm,  an  dessen  Beginn  man  noch  auf  100-110 
Grad  stand;  und  erst  ganz  am  Ende  trat  die  Normalisierung  ein  und 
wurde  das  Maß  eines  menschlichen  Ganges  erreicht.  Bartenbruch 


328 


Kommentar 


mußte  sofort  gebadet  und  in  einem  für  solche  Zwecke  neben  der 
Ordination  befindlichen  Ruhe-Raume  gebettet  werden. 


Kommentar 

In  der  Geschichte  von  Heimito  von  Doderer  »Die  Heilungen«  wird 
eine  eigenartige,  sadistisch  anmutende  »ärztliche  Kur« ßir  aggressive, 
gereizte  Persönlichkeiten  dargestellt,  im  Verlauf  derer  es  schließlich 
zu  einem  kathartischen  Abreagieren  der  Wut  und  der  Erregungspo- 
tenziale dieser  Personen  kommt. 

Offensichtlich  geht  es  um  Personen,  die  in  der  traditionellen  Psychopatholo^e  als 
»erregbare  Persönlichkeiten«  beschrieben  werden.  Diese  Persönlichkeitsstörung  ist 
dadurch  gekennzeichnet,  dass  bereits  geringßgige  Anlässe  zu  expressiven  Ausbrü- 
chen von  Arger,  Hass  oder  Gewalttätigkeit  fuhren  können.  Insgesamt  besteht  bei 
diesen  Menschen  meist  eine  starke  Unbeständigkeit  in  der  Stimmungslage.  Diese 
Störung  taucht  in  der  ICD- 10  nicht  auf.  Es  gibt  aber  Überschneidungen  mit  der 
dissozialen  Persönlichkeitsstörung,  in  die  auch  die  geringe  Frustrationstoleranz  ein- 
gehen  kann  und  die  niedrige  Schwelle  für  aggressives  und  gewalttätiges  Verhalten. 


329 


Arthur  Schnitzler 


Fräulein  Else 

aus:  Arthur  Schnitzler.  Die  erzählenden  Schriflen.  2.  Band. 
© 1961  by  S.  Fischer  Verlag  GmbH,  Franl^rt  am  Main 


Einführung 


Der  Wiener  Romancier  und  Dramatiker  Arthur  Schnitzler 
(1862-1931)  war  der  älteste  Sohn  des  Medizinprofessors  Jo- 
hann Schnitzler  (Laryngologe),  schrieb  schon  als  Gymnasiast 
Theaterstücke,  studierte  Medizin  und  eröffhete  nach  dem  Tod  des 
Vaters  1893  eine  eigene  Praxis  und  experimentierte  mit  Hypnose.  Ermutigt  nicht 
zuletzt  von  der  Schauspielerin  Adele  Sandrock  (1864-1937)  und  dem  Kajfee- 
haus-Literatenkreis  Jung- Wien  um  Hermann  Bahr,  Felix  Salten,  Peter  Altenberg, 
Hugo  von  Hqfmannsthal  und  Karl  Kraus  widmete  ersieh  zunehmend  seinen  litera- 
rischen Werken  und  entwickelte  seine  Meisterschafl  als  wohl  bedeutendster  P^cho- 
loge  der  deutschsprachigen  Literatur  und  skeptisch  ironischer  Chronist  der  vom 
Wertezerfall  (Fröhliche  Apokalypse)  gezeichneten  Gesellschqfi  im  Wiener  Fin  de 
Siede.  Sän  zunächst  wegen  Pornographie  von  der  Jensur  verbotenes  Theaterstück 
»Der  Reigen«  (1897,  Uraufführung  1920)  machte  Schnitzler  zum  so  genannten 
»Skandalautor«.  Aufsehen  erregte  er  eberrfalls  mit  seiner  Novelle  »Leutnant  Gustlt< 
(1900),  dem  ersten,  an  französischem  Vorbild  (Dujardin)  geschulten  inneren  Mo- 
nolog in  der  deutschsprachigen  Literatur.  Er  dient  der  unmittelbaren  Darstellung  des 
Bewusstseinsstroms.  Wegen  angeblicher  Verunglimpfung  der  k.u.k.-Armee  wurde 
Schnitzler  daraufhin  sein  Reserveoffiziersrang  aberkannt.  Seine  Ehe  mit  der 
Schauspielerin  Olga  Gussmann  scheiterte  und  wurde  geschieden.  Nach  dem  Suizid 
seiner  Tochter  Lili  (1928)  vereinsamte  der  von  Sigmund  Freud  »aus  einer  Art  Dop- 
pelgängerscheu gemiedene«  Schnitzler  und  erlag  1931  in  Wien  einer  Gehirnblu- 
tung. 

Stanley  Kubrkk  verfilmte  1999  unter  dem  Titel  »Eyes  Wide  Shut«  Schnitzlers 
»Traumnovellen.  Die  Novelle  »Fräulein  Else«  (1924),  eberrfalls  im  inneren  Mono- 
loggehalten, erzählt  die  Geschichte  der  neunzehnjährigen  Else,  die  sich  dem  altern- 
den Kunsthändler  und  Lebemann  Herrn  von  Dorsday  eine  Viertelstunde  lang  nackt 
zeigen  soll,  um  ihren  in  Schulden  verstrickten  Vater  vor  dem  Offenbarungseid  und 
dem  Grfdngnis  zu  bewahren.  Else  schwankt  zwischen  Scham  und  dem  koketten 


330 


Fräulein  Else 


Impuls,  jedwede  Moral  hinter  sich  zu  lassen.  »Ein  Luder  will  ich  sein,  aber  nicht 
eine  Dirne.«  In  immer  größerer  Zerrissenheit  zeigt  sie  sich  schließlich  Dorsday  nicht 
allein,  sondern  vor  dem  versammelten  Musiksalon  eines  Hotels  nackt,  bricht  zu- 
sammen, wird  auf  ihr  Zimmer  gebracht,  wo  sie  sich  mit  dem  schon  bereit  gestellten 
Veronal  vergftet. 

Weiterfiihrende  Literatur: 

Konstanze  Fliedl:  Arthur  Schnitzler.  Reclam  2005 


Fräulein  Else 


»Du  willst  wirklich  nickt  mehr  weiterspielen,  Else?«  - 
»Nein,  Paul,  ich  kann  nicht  mehr.  Adieu.  - Auf 
Wiedersehen,  gnädige  Frau.«  ~ »Aber,  Else,  sagen 
Sie  mir  doch:  Frau  Ciss)i.  Oder  lieber  noch:  Cissy,  ganz 
einfach.«-  »Auf  Wiedersehen,  Frau  Cissy.«  - »Aber 
warum  gehen  Sie  denn  schon?  Es  sind  noch  volle  zwei 
Stunden  bis  zum  Dinner.«-  »Spielen  Sie  nur  Ihr  Sin- 
gle mit  Paul,  Frau  Cissy,  mit  mir  ist‘s  doch  heut‘ 
wahrhaftig  kein  Vergnügen.«  - »Lassen  Sie  sie,  gnä- 
dige Frau,  sie  hat  heut‘  ihren  ungnädigen  Tag.  — Steht  dir  übrigens  ausgezeichnet  zu 
Gesicht,  das  Ungnädigsein,  Else.  - Und  der  rote  Sweater  noch  besser.«  - »Bei 
Blau  wirst  du  hoffentlich  mehr  Gnade  finden,  Paul.  Adieu.« 

Das  war  ein  ganz  guter  Abgang.  Hoffendich  glauben  die  Zwei  nicht, 
daß  ich  eifersüchtig  bin.  - Daß  sie  was  miteinander  haben,  Cousin 
Paul  und  Cissy  Mohr,  darauf  schwör“  ich.  Nichts  auf  der  Welt  ist  mir 
gleichgültiger.  - Nun  wende  ich  mich  noch  einmal  um  und  winke  ih- 
nen zu.  Winke  und  lächle.  Sehe  ich  nun  gnädig  aus?  - Ach  Gott,  sie 
spielen  schon  wieder.  Eigendich  spiele  ich  besser  als  Cissy  Mohr;  und 
Paul  ist  auch  nicht  gerade  ein  Matador.  Aber  gut  sieht  er  aus  - mit 
dem  offenen  Kragen  und  dem  Bösen-Jungen-Gesicht.  Wenn  er  nur 
weniger  affektiert  wäre.  Brauchst  keine  Angst  zu  haben,  Tante  Emma 


Was  für  ein  wundervoller  Abend!  Fleut“  wär“  das  richtige  Wetter  ge- 
wesen für  die  Tour  auf  die  Rosetta-FIütte.  Wie  herrlich  der  Cimone  in 
den  Himmel  ragt!  - Um  fünf  Uhr  früh  wär“  man  aufgebrochen.  An- 
fangs war“  mir  natürlich  übel  gewesen,  wie  gewöhnlich.  Aber  das  ver- 
liert sich.  - Nichts  kösdicher  als  das  Wandern  im  Morgengrauen.  - 


331 


Arthur  Schnitzler 


Der  einäugige  Amerikaner  auf  der  Rosetta  hat  ausgesehen  wie  ein 
Boxkämpfen  Vielleicht  hat  ihn  beim  Boxen  wer  das  Aug‘  ausgeschla- 
gen. Nach  Amerika  würd‘  ich  ganz  gern  heiraten,  aber  keinen  Ameri- 
kaner. Oder  ich  heirat‘  einen  Amerikaner  und  wir  leben  in  Europa. 
Villa  an  der  Riviera.  Marmorstufen  ins  Meer.  Ich  liege  nackt  auf  dem 
Marmor.  - Wie  lang  ist‘s  her,  daß  wir  in  Mentone  waren?  Sieben  oder 
acht  Jahre. 

Ich  war  dreizehn  oder  vierzehn.  Ach  ja,  damals  waren  wir  noch  in 
besseren  Verhältnissen.  - Es  war  eigendich  ein  Unsinn  die  Partie  auf- 
zuschieben. Jetzt  wären  wir  jedenfalls  schon  zurück.  - Um  vier,  wie 
ich  zum  Tennis  gegangen  bin,  war  der  telegraphisch  angekündigte 
Expreßbrief  von  Mama  noch  nicht  da.  Wer  weiß,  ob  jetzt.  Ich  hätt‘ 
noch  ganz  gut  ein  Set  spielen  können.  - Warum  grüßen  mich  diese 
zwei  jungen  Leute?  Ich  kenn*  sie  gar  nicht. 

Seit  gestern  wohnen  sie  im  Hotel,  sitzen  beim  Essen  links  am  Fenster, 
wo  früher  die  Holländer  gesessen  sind.  Hab*  ich  ungnädig  gedankt? 
Oder  gar  hochmütig?  Ich  bin*s  ja  gar  nicht.  Wie  sagte  Fred  auf  dem 
Weg  vom  >Coriolan<  nach  Hause?  Frohgemut.  Nein,  hochgemut. 
Hochgemut  sind  Sie,  nicht  hochmütig,  Eise.  Ein  schönes  Wort.  Er  fin- 
det immer  schöne  Worte.  - Warum  geh*  ich  so  langsam?  Fürcht*  ich 
mich  am  Ende  vor  Mamas  Brief?  Nun,  Angenehmes  wird  er  wohl 
nicht  enthalten.  Expreß!  Vielleicht  muß  ich  wieder  zurückfahren.  O 
weh.  Was  für  ein  Leben  — trotz  rotem  Seidensweater  und  Seiden- 
strümpfen. Drei  Paar!  Die  arme  Verwandte,  von  der  reichen  Tante 
eingeladen.  Sicher  bereut  sie*s  schon.  Soll  ich*s  dir  schriftlich  geben, 
teuere  Tante,  daß  ich  an  Paul  nicht  im  Traum  denke?  Ach,  an  nie- 
manden denke  ich.  Ich  bin  nicht  verliebt.  In  niemanden.  Und  war 
noch  nie  verliebt.  Auch  in  Albert  bin  ich*s  nicht  gewesen,  obwohl  ich 
es  mir  acht  Tage  lang  eingebildet  habe.  Ich  glaube,  ich  kann  mich 
nicht  verlieben.  Eigentlich  merkwürd%.  Denn  sinnlich  bin  ich  gewiß. 
Aber  auch  hochgemut  und  ungnädig  Gott  sei  Dank.  Mit  dreizehn 
war  ich  vielleicht  das  einzige  Mal  wirklich  verliebt.  In  den  Van  Dyck  - 
oder  vielmehr  in  den  Abbe  Des  Grieux,  und  in  die  Renard  auch.  Und 
wie  ich  sechzehn  war,  am  Wörthersee.  - Ach  nein,  das  war  nichts. 
Wozu  nachdenken,  ich  schreibe  ja  keine  Memoiren.  Nicht  einmal  ein 
Tagebuch  wie  die  Bertha.  Fred  ist  mir  sympathisch,  nicht  mehr.  Viel- 
leicht, wenn  er  eleganter  wäre.  Ich  bin  ja  doch  ein  Snob.  Der  Papa 
findet*  s auch  und  lacht  mich  aus.  Ach,  lieber  Papa,  du  machst  mir  viel 
Sorgen.  Ob  er  die  Mama  einmal  betrogen  hat?  Sicher.  Öfters.  Mama 


332 


Fräulein  Ehe 


ist  ziemlich  dumm.  Von  mir  hat  sie  keine  Ahnung,  Andere  Menschen 
auch  nicht.  Fred?  - Aber  eben  nur  eine  Ahnung.  - Himmlischer 
Abend.  Wie  festlich  das  Hotel  aussieht.  Man  spürt:  Lauter  Leute,  de- 
nen es  gut  geht  und  die  keine  Sorgen  haben.  Ich  zum  Beispiel.  Haha! 
Schad“.  Ich  wär‘  zu  einem  sorgenlosen  Leben  geboren.  Es  könnt'  so 
schön  sein.  Schad‘.  --  Auf  dem  Cimone  liegt  ein  roter  Glanz.  Paul 
würde  sagen:  Alpenglühen.  Das  ist  noch  lang'  kein  Alpenglühen.  Es 
ist  zum  Weinen  schön.  Ach,  warum  muß  man  wieder  zurück  in  die 
Stadt! 

»Guten  Abend,  Fräulein  Else.«  - »Küss‘  die  Hand  gnädige  Frau.«  - »Vom 
Tennis?«-  Sie  sieht's  doch,  warum  fragt  sie?  >Ja,  gnädige  Frau.  Beinah 
drei  Stunden  lang  haben  wir  gespielt.  - Und  gnädige  Frau  machen 
noch  einen  Spaziergang?«  - »Ja,  meinen  gewohnten  Abendspaziergang.  Den 
Rolleweg.  Der  geht  so  schön  zwischen  den  Wiesen,  bei  Tag  ist  er  beinahe  zu  son- 
nig.«- »Ja,  die  Wiesen  hier  sind  herrlich.  Besonders  im  Mondenschein 
von  meinem  Fenster  aus.«-  »Guten  Abend,  Fräulän  Else.  - Küss‘  die  Hand, 
gnädige  Frau.«  - »Guten  Abend,  Herr  von  Dorsday.«  - »Vom  Tennis, 
Fräulein  Else?«  - »Was  für  ein  Scharfblick,  Herr  von  Dorsday.«  - »Spot- 
ten Sie  nicht,  Else.«  - Warum  sagt  er  nicht  >Fräulein  Else?<  - »Wem  man 
mit  dem  Rakett  so  gut  ausschaut,  darf  man  es  gewissermcfen  auch  als  Schmuck 
tragen.«  - Esel,  darauf  antworte  ich  gar  nicht.  »Den  ganzen  Nachmit- 
tag haben  wir  gespielt.  Wir  waren  leider  nur  Drei.  Paul,  Frau  Mohr 
und  ich.«  - »Ich  war früher  ein  enragierter  Tennisspieler.«-  »Und  jetzt  nicht 
mehr?«  --  »Jetzt  bin  ich  zu  alt  dazu.«  - »Ach,  alt,  in  Marienlyst,  da  war 
ein  fünfundsechzigjähriger  Schwede,  der  spielte  jeden  Abend  von 
sechs  bis  acht  Uhr.  Und  im  Jahr  vorher  hat  er  sogar  noch  bei  einem 
Turnier  mitgespielt.«  - »Jlun,  fünjundsechzig  bin  ich  Gott  sei  Dank  noch 
nicht,  aber  leider  auch  kein  Schwede.«  - Warum  leider?  Das  hält  er  wohl  für 
einen  Witz.  Das  Beste,  ich  lächle  höflich  und  gehe.  »Küss‘  die  Hand, 
gnädige  Frau.  Adieu,  Herr  von  Dorsday«.  Wie  tief  er  sich  verbeugt 
und  was  für  Augen  er  macht.  Kalbsaugen.  Hab  ich  ihn  am  Ende  ver- 
letzt mit  dem  fünfundsechzigjährigen  Schweden?  Schad't  auch 
nichts.  Frau  Winawer  muß  eine  unglückliche  Frau  sein.  Gewiß  schon 
nah  an  fünfzig.  Diese  Tränensäcke,  - als  wenn  sie  viel  geweint  hätte. 
Ach  wie  furchtbar,  so  alt  zu  sein.  Herr  von  Dorsday  nimmt  sich  ihrer 
an.  Da  geht  er  an  ihrer  Seite.  Er  sieht  noch  immer  ganz  gut  aus  mit 
dem  graumelierten  Spitzbart.  Aber  sympathisch  ist  er  nicht.  Schraubt 
sich  künstlich  hinauf  Was  hilft  Ihnen  Ihr  erster  Schneider,  Herr  von 
Dorsday?  Dorsday!  Sie  haben  sicher  einmal  anders  geheißen.  - Da 


333 


Arthur  Schnitzler 


kommt  das  süße  kleine  Mädel  von  Cissy  mit  ihrem  Fräulein.  - »Grüß 
dich  Gott,  Fritzi.  Bon  soir,  Mademoiselle.  Vous  allez  bien?«  - »Merci, 
Mademoiselle.  Et  vous?»  - »Was  seh‘  ich,  Fritzi,  du  hast  ja  einen  Berg- 
stock. Willst  du  am  End‘  den  Cimone  besteigen?«  - »Aber  nein,  so  hoch 
hinauf  darf  ich  noch  nicht»- »Im  nächsten  Jahr  wirst  du  es  schon  dürfen. 
Pah,  Fritzi.  A bientöt,  Mademoiselle.«  - »Bon  soir,  Mademoiselle.» 

Eine  hübsche  Person.  Warum  ist  sie  eigentlich  Bonne?  Noch  dazu  bei 
Cissy.  Ein  bitteres  Los.  Ach  Gott,  kann  mir  auch  noch  blühen.  Nein, 
ich  wüßte  mir  jedenfalls  was  Besseres.  Besseres?  - Köstlicher  Abend. 
>Die  Luft  ist  wie  Champagner<,  sagte  gestern  Doktor  Waldberg.  Vor- 
gestern hat  es  auch  einer  gesagt.  - Warum  die  Leute  bei  dem  wunder- 
vollen Wetter  in  der  Halle  sitzen?  Unbegreiflich.  Oder  wartet  jeder 
auf  einen  Expreßbrief?  Der  Portier  hat  mich  schon  gesehen;  - wenn 
ein  Expreßbrief  für  mich  da  wäre,  hätte  er  mir  ihn  sofort  hergebracht. 
Also  keiner  da.  Gott  sei  Dank.  Ich  werde  mich  noch  ein  bißl  hinlegen 
vor  dem  Diner.  Warum  sagt  Cissy  >Dinner<?  Dumme  Affektation. 
Passen  zusammen,  Cissy  und  Paul.  - Ach,  war  der  Brief  lieber  schon 
da.  Am  Ende  kommt  er  während  des  >Dinner<.  Und  wenn  er  nicht 
kommt,  hab‘  ich  eine  unruhige  Nacht.  Auch  die  vorige  Nacht  hab‘  ich 
so  miserabel  geschlafen.  Freilich,  es  sind  gerade  diese  Tage.  Drum 
hab‘  ich  auch  das  Ziehen  in  den  Beinen.  Dritter  September  ist  heute. 
Also  wahrscheinlich  am  sechsten.  Ich  werde  heute  Vcronal  nehmen. 
O,  ich  werde  mich  nicht  daran  gewöhnen.  Nein,  lieber  Fred,  du  mußt 
nicht  besorgt  sein.  In  Gedanken  bin  ich  immer  per  Du  mit  ihm.  - 
Versuchen  sollte  man  alles,  - auch  Haschisch.  Der  Marinefähnrich 
Brandei  hat  sich  aus  China,  glaub'  ich,  Haschisch  mitgebracht.  Trinkt 
man  oder  raucht  man  Htischisch?  Man  soll  prachtvolle  Visionen  ha- 
ben. Brandei  hat  mich  eingeladen  mit  ihm  Haschisch  zu  trinken  oder 
- zu  rauchen  - Frecher  Kerl.  Aber  hübsch.  - 
»Bitte  sehr,  Fräulein,  ein  Brief.»  - Der  Portier!  Also  doch!  - Ich  wende 
mich  ganz  unbefangen  um.  Es  könnte  auch  ein  Brief  von  der  Karoli- 
ne  sein  oder  von  der  Bertha  oder  von  Fred  oder  Miß  Jackson?  »Danke 
schön.«  Doch  von  Mama.  Expreß.  Warum  sagt  er  nicht  gleich:  ein 
Expreßbrief?  »O,  ein  Expreß!«  Ich  mach'  ihn  erst  auf  dem  Zimmer 
auf  und  les'  ihn  in  aller  Ruhe.  - Die  Marchesa.  Wie  jung  sie  im  Halb- 
dunkel aussieht.  Sicher  fünfundvierzig.  Wo  werd'  ich  mit  fünfundvier- 
zig sein?  Vielleicht  schon  tot.  Hoffentlich.  Sie  lächelt  mich  so  nett  an, 
wie  immer.  Ich  lasse  sie  vorbei,  nicke  ein  wenig,  - nicht  als  wenn  ich 
mir  eine  besondere  Ehre  daraus  machte,  daß  mich  eine  Marchesa 


334 


Fräulein  Ehe 


anlächelt.  - »Buona  sera.«—  Sie  sagt  mir  buona  sera.  Jetzt  muß  ich  mich 
doch  wenigstens  verneigen.  War  das  zu  tief?  Sie  ist  ja  um  so  viel  älter. 
Was  für  einen  herrlichen  Gang  sie  hat.  Ist  sie  geschieden?  Mein  Gang 
ist  auch  schön.  Aber  - ich  weiß  es.  Ja,  das  ist  der  Unterschied.  - Ein 
Italiener  könnte  mir  gefährlich  werden.  Schade,  daß  der  schöne 
Schwarze  mit  dem  Römerkopf  schon  wieder  fort  ist.  >Er  sieht  aus  wie 
ein  Filou<,  sagte  Paul.  Ach  Gott,  ich  hab‘  nichts  gegen  Filous,  im  Ge- 
genteil. - So,  da  wär‘  ich.  Nummer  siebenundsiebzig.  Eigentlich  eine 
Glücksnummer.  Hübsches  Zimmer.  Zirbelholz.  Dort  steht  mein  jung- 
fräuliches Bett.  - Nun  ist  es  richtig  ein  Alpenglühen  geworden.  Aber 
Paul  gegenüber  werde  ich  es  abstreiten.  Eigentlich  ist  Paul  schüch- 
tern. Ein  Arzt,  ein  Frauenarzt!  Vielleicht  gerade  deshalb.  Vorgestern 
im  Wald,  wie  wir  so  weit  voraus  waren,  hätt‘  er  schon  etwas  unterneh- 
mender sein  dürfen.  Aber  dann  wäre  es  ihm  übel  ergangen.  Wirklich 
unternehmend  war  eigentlich  mir  gegenüber  noch  niemand.  Höch- 
stens am  Wörthersee  vor  drei  Jahren  im  Bad;.  Unternehmend?  Nein, 
unanständig  war  er  ganz  einfach.  Aber  schön.  Apoll  vom  Belvedere. 
Ich  hab‘  es  ja  eigentlich  nicht  ganz  verstanden  damals.  Nun  ja  mit  - 
sechzehn  Jahren.  Meine  himmlische  Wiese!  Meine-!  Wenn  man  sich 
die  nach  Wien  mitnehmen  könnte.  Zarte  Nebel.  Herbst?  Nun  ja,  drit- 
ter September,  Hochgebirge. 

Nun,  Fräulein  Else,  möchten  Sie  sich  nicht  doch  entschließen,  den 
Brief  zu  lesen?  Er  muß  sich  ja  gar  nicht  auf  den  Papa  beziehen. 
Könnte  es  nicht  auch  etwas  mit  meinem  Bruder  sein?  Vielleicht  hat  er 
sich  verlobt  mit  einer  seiner  Flammen?  Mit  einer  Choristin  oder  ei- 
nem Handschuhmädel.  Ach  nein,  dazu  ist  er  wohl  doch  zu  gescheit. 
Eigentlich  weiß  ich  ja  nicht  viel  von  ihm.  Wie  ich  sechzehn  war  und  er 
einundzwanzig,  da  waren  wir  eine  ZeiÜang  geradezu  befreundet.  Von 
einer  gewissen  Lotte  hat  er  mir  viel  erzählt.  Dann  hat  er  plötzlich 
aufgehört.  Diese  Lotte  muß  ihm  irgend  etwas  angetan  haben.  Und 
seitdem  erzählt  er  mir  nichts  mehr.  — Nun  ist  er  offen,  der  Brief,  und 
ich  hab‘  gar  nicht  bemerkt,  daß  ich  ihn  aufgemacht  habe.  Ich  setze 
mich  aufs  Fensterbrett  und  lese  ihn.  Achtgeben,  daß  ich  nicht  hinun- 
terstürze. Wie  uns  aus  San  Martino  gemeldet  wird,  hat  sich  dort  im 
Hotel  Fratazza  ein  beklagenswerter  Unfall  ereignet.  Fräulein  Else  T., 
ein  neunzehnjähriges  bildschönes  Mädchen,  Tochter  des  bekannten 
Advokaten  . . . Natürlich  würde  es  heißen,  ich  hätte  mich  umgebracht 
aus  unglücklicher  Liebe  oder  weil  ich  in  der  Hoffnung  war.  Unglück- 
liche Liebe,  ah  nein. 


335 


Arthur  Schnitzler 


>Mein  liebes  Kind<  - Ich  will  mir  vor  allem  den  Schluß  anschaun.  - 
>Also  nochmals,  sei  uns  nicht  böse,  mein  liebes  gutes  Kind  und  sei 
tausendmah  - Um  Gottes  willen,  sie  werden  sich  doch  nicht  umge- 
bracht haben!  Nein,  - in  dem  Fall  wär‘  ein  Telegramm  von  Rudi  da.  - 
>Mein  liebes  Kind,  du  kannst  mir  glauben,  wie  leid  es  mir  tut,  daß  ich 
dir  in  deine  schönen  Ferialwochen<  - Als  wenn  ich  nicht  immer  Ferien 
hält“,  leider  - >mit  einer  so  unangenehmen  Nachricht  hineinplatze. < - 
Einen  furchtbaren  StU  schreibt  Mama  - >Aber  nach  reiflicher  Überle- 
gung bleibt  mir  wirklich  nichts  anderes  übrig.  Also,  kurz  und  gut,  die 
Sache  mit  Papa  ist  akut  geworden.  Ich  weiß  mir  nicht  zu  raten,  noch 
zu  helfen.<  - Wozu  die  vielen  Worte?  — >Es  handelt  sich  um  eine  ver- 
hältnismäßig lächerliche  Summe  - dreißigtausend  Gulden<,  lächer- 
lich? - >die  in  drei  Tagen  herbeigeschafft  sein  müssen,  sonst  ist  alles 
verloren,<  Um  Gottes  willen,  was  heißt  das?  - >Denk  dir,  mein  gelieb- 
tes Kind,  daß  der  Baron  Höning<,  - wie,  der  Staatsanwalt?  - >sich 
heut  früh  den  Papa  hat  kommen  lassen.  Du  weißt  ja,  wie  der  Baron 
den  Papa  hochschätzt,  ja  geradezu  liebt.  Vor  anderthalb  Jahren,  da- 
mals, wie  es  auch  an  einem  Haar  gehangen  hat,  hat  er  persönlich  mit 
den  Hauptgläubigern  gesprochen  und  die  Sache  noch  im  letzten 
Moment  in  Ordnung  gebracht.  Aber  diesmal  ist  absolut  nichts  zu  ma- 
chen, wenn  das  Geld  nicht  beschafft  wird.  Und  abgesehen  davon,  daß 
wir  alle  ruiniert  sind,  wird  es  ein  Skandal,  wie  er  noch  nicht  da  war. 
Denk“  dir,  ein  Advokat,  ein  berühmter  Advokat,  - der,  - nein,  ich 
kann  es  gar  nicht  niederschreiben.  Ich  kämpfe  immer  mit  den  Trä- 
nen. Du  weißt  ja,  Kind,  du  bist  ja  klug,  wir  waren  ja,  Gott  sei's  ge- 
klagt, schon  ein  paar  Mal  in  einer  ähnlichen  Situation  und  die  Familie 
hat  immer  herausgeholfen.  Zuletzt  hat  es  sich  gar  um  hundertzwan- 
zigtausend gehandelt.  Aber  damals  hat  der  Papa  einen  Revers  unter- 
schreiben müssen,  daß  er  niemals  wieder  an  die  Verwandten,  speziell 
an  den  Onkel  Bernhard,  herantreten  wird.<  - Na  weiter,  weiter,  wo 
will  denn  das  hin?  Was  kann  denn  ich  dabei  tun?  - >Der  Einzige,  an 
den  man  eventuell  noch  denken  könnte,  wäre  der  Onkel  Viktor,  der 
befindet  sich  aber  unglücklicherweise  auf  einer  Reise  zum  Nordkap 
oder  nach  Schottland<  -Ja,  der  hat‘s  gut,  der  ekelhafte  Kerl  - >und  ist 
absolut  unerreichbar,  wenigstens  für  den  Moment.  An  die  Kollegen, 
speziell  Dr.  Sch.,  der  Papa  schon  öfter  ausgeholfen  hat<  - Herrgott, 
wie  stehn  wir  da  - >ist  nicht  mehr  zu  denken,  seit  er  sich  wieder  ver- 
heiratet hat<  - also  was  denn,  was  denn,  was  wollt  ihr  denn  von  mir?  - 
>Und  da  ist  nun  dein  Brief  gekommen,  mein  liebes  Kind,  wo  du  unter 


336 


Fräulein  Else 


andern  Dorsday  erwähnst,  der  sich  auch  im  Fratazza  aufhält,  und  das 
ist  uns  wie  ein  Schicksalswink  erschienen.  Du  weißt  ja,  wie  oft  Dors- 
day in  früheren  Jahren  zu  uns  gekommen  ist<  - na,  gar  so  oft  - >es  ist 
der  reine  Zufall,  daß  er  sich  seit  zwei,  drei  Jahren  seltener  blicken  läßt; 
er  soll  in  ziemlich  festen  Banden  sein  - unter  uns,  nichts  sehr  Feines<  - 
warum  >unter  uns?<  - >Im  Residenzklub  hat  Papa  jeden  Donnerstag 
noch  immer  seine  Whistpartic  mit  ihm,  und  im  verflossenen  Winter 
hat  er  ihm  im  Prozeß  gegen  einen  andern  Kunsthändler  ein  hübsches 
Stück  Geld  gerettet.  Im  übrigen,  warum  sollst  du  es  nicht  wissen,  er  ist 
schon  früher  einmal  dem  Papa  beigesprungen.<  - Hab‘  ich  mir  ge- 
dacht - >Es  hat  sich  damals  um  eine  Bagatelle  gehandelt,  achttausend 
Gulden,  - aber  schließlich  - dreißig  bedeuten  für  Dorsday  auch  kei- 
nen Betrag.  Darum  hab‘  ich  mir  gedacht,  ob  du  uns  nicht  die  Liebe 
erweisen  und  mit  Dorsday  reden  könntest<  - Was?  - >Dich  hat  er  ja 
immer  besonders  gern  gehabt<  - Hab“  nichts  davon  gemerkt.  Die 
Wange  hat  er  mir  gestreichelt,  wie  ich  zwölf  oder  dreizehn  Jahre  alt 
war.  >Schon  ein  ganzes  Fräulein.<  - >Und  da  Papa  seit  den  achttau- 
send glücklicherweise  nicht  mehr  an  ihn  herangetreten  ist,  so  wird  er 
ihm  diesen  Liebesdienst  nicht  verweigern.  Neulich  soll  er  an  einem 
Rubens,  den  er  nach  Amerika  verkauft  hat,  allein  achtzigtausend  ver- 
dient haben.  Das  darfst  du  selbstverständlich  nicht  erwähnen. < - 
Hältst  du  mich  für  eine  Gans,  Mama?  - >Aber  im  übrigen  kannst  du 
ganz  aufrichtig  zu  ihm  reden.  Auch,  daß  der  Baron  Höning  sich  den 
Papa  hat  kommen  lassen,  kannst  du  erwähnen,  wenn  es  sich  so  erge- 
ben sollte.  Und  daß  mit  den  dreißigtausend  tatsächlich  das  Schlimm- 
ste abgewendet  ist,  nicht  nur  für  den  Moment,  sondern,  so  Gott  will, 
für  immer.<  - Glaubst  du  wirklich,  Mama?  - >Denn  der  Prozeß  Erbes- 
heimer,  der  glänzend  steht,  trägt  dem  Papa  sicher  hunderttausend, 
aber  selbstverständlich  kann  er  gerade  in  diesem  Stadium  von  den 
Erbesheimers  nichts  verlangen.  Also,  ich  bitte  dich,  Kind,  sprich  mit 
Dorsday.  Ich  versichere  dich,  es  ist  nichts  dabei.  Papa  hätte  ihm  ja 
einfach  telegraphieren  können,  wir  haben  es  ernstlich  überlegt,  aber 
es  ist  doch  etwas  ganz  anderes,  Kind,  wenn  man  mit  einem  Menschen 
persönlich  spricht.  Am  sechsten  um  zwölf  muß  das  Geld  da  sein, 
Doktor  F.<  - Wer  ist  Doktor  E?  Ach  ja,  Fiala.  - »ist  unerbittlich.  Natür- 
lich ist  da  auch  persönliche  Rancune  dabei.  Aber  da  es  sich  unglück- 
licherweise um  Mündelgelder  handelt<  - Um  Gottes  willen!  Papa,  was 
hast  du  getan?  - »kann  man  nichts  machen.  Und  wenn  das  Geld  am 
fünften  um  zwölf  Uhr  mittags  nicht  in  Fialas  Händen  ist,  wird  der 


337 


Arthur  Schnitzler 


Haftbefehl  erlassen,  vielmehr  so  lange  hält  der  Baron  Höning  ihn 
noch  zurück.  Also  Dorsday  müßte  die  Summe  telegraphisch  durch 
seine  Bank  an  Doktor  E überweisen  lassen.  Dann  sind  wir  gerettet.  Im 
andern  Fall  weiß  Gott  was  geschieht.  Glaub‘  mir,  du  vergibst  dir  nicht 
das  Geringste,  mein  geliebtes  Kind.  Papa  hatte  ja  anfangs  Bedenken 
gehabt.  Er  hat  sogar  noch  Versuche  gemacht  auf  zwei  verschiedenen 
Seiten.  Aber  er  ist  ganz  verzweifelt  nach  Hause  gekommen.<  - Kann 
Papa  überhaupt  verzweifelt  sein?  - >Vielleicht  nicht  einmal  so  sehr 
wegen  des  Geldes,  als  darum,  weil  die  Leute  sich  so  schändlich  gegen 
ihn  benehmen.  Der  eine  von  ihnen  war  einmal  Papas  bester  Freund. 
Du  kannst  dir  denken,  wen  ich  meine.<~Ich  kann  mir  gar  nichts  den- 
ken; Papa  hat  so  viel  beste  Freunde  gehabt  und  in  Wirklichkeit  keinen. 
Warnsdorf  vielleicht?  - >Um  ein  Uhr  ist  Papa  nach  Hause  gekom- 
men, und  jetzt  ist  es  vier  Uhr  früh.  Jetzt  schläft  er  endlich,  Gott  sei 
Dank.<  - Wenn  er  lieber  nicht  aufwachte,  das  wär‘  das  beste  für  ihn.  ~ 
>lch  gebe  den  Brief  in  aller  früh  selbst  auf  die  Post,  expreß,  da  mußt 
du  ihn  vormittag  am  dritten  haben. < - Wie  hat  sich  Mama  das  vorge- 
stellt? Sie  kennt  sich  doch  in  diesen  Dingen  nie  aus.  - >Also  sprich 
sofort  mit  Dorsday,  ich  beschwöre  dich  und  telegraphiere  sofort,  wie 
es  ausgefallen  ist.  Vor  Tante  Emma  laß  dir  um  Gottes  willen  nichts 
merken,  es  ist  ja  traurig  genug,  daß  man  sich  in  einem  solchen  Fall  an 
die  eigene  Schwester  nicht  wenden  kann,  aber  da  könnte  man  ja 
ebensogut  zu  einem  Stein  reden.  Mein  liebes,  liebes  Kind,  mir  tut  es 
ja  so  leid,  daß  du  in  deinen  jungen  Jahren  solche  Dinge  mitmachen 
mußt,  aber  glaub“  mir,  der  Papa  ist  zum  geringsten  Teil  selber  daran 
schuld.<  - Wer  denn,  Mama?  - >Nun,  hoffen  wir  zu  Gott,  daß  der 
Prozeß  Erbesheimer  in  jeder  Hinsicht  einen  Abschnitt  in  unserer  Exi- 
stenz bedeutet.  Nur  über  diese  paar  Wochen  müssen  wir  hinaus  sein. 
Es  wäre  doch  ein  wahrer  Hohn,  wenn  wegen  der  dreißigtausend  Gul- 
den ein  Unglück  geschähe?<  - Sie  meint  doch  nicht  im  Ernst,  daß 
Papa  sich  selber  . . . Aber  wäre  - das  andere  nicht  noch  schlimmer?  - 
>Nun  schließe  ich,  mein  Kind,  ich  hoffe,  du  wirst  unter  allen  Umstän- 
den<  - Unter  allen  Umständen?  >noch  über  die  Feiertage,  wenigstens 
bis  neunten  oder  zehnten  in  San  Martino  bleiben  können.  Unseret- 
wegen  mußt  du  keineswegs  zurück.  Grüße  die  Tante,  sei  nur  weiter 
nett  mit  ihr.  Also  nochmals,  sei  uns  nicht  böse,  mein  liebes  gutes  Kind, 
und  sei  tausendmah  - ja,  das  weiß  ich  schon. 

Also,  ich  soll  Herrn  Dorsday  anpumpen  . . . Irrsinnig.  Wie  stellt  sich 
Mama  das  vor?  Warum  hat  sich  Papa  nicht  einfach  auf  die  Bahn  ge- 


338 


Fräulein  Else 


setzt  und  ist  hergefahren?  - Wär‘  grad‘  so  geschwind  gegangen  wie 
der  Expreßbrief.  Aber  vielleicht  hatten  sie  ihn  auf  dem  Bahnhof  we- 
gen Fluchtverdacht  - - Furchtbar,  furchtbar!  Auch  mit  den  dreißig- 
tausend wird  uns  ja  nicht  geholfen  sein.  Immer  diese  Geschichten! 
Seit  sieben  Jahren!  Nein  - länger.  Wer  möcht‘  mir  das  ansehen?  Nie- 
mand sieht  mir  was  an,  auch  dem  Papa  nicht.  Und  doch  wissen  es  alle 
Leute.  Rätselhaft,  daß  wir  uns  immer  noch  halten.  Wie  man  alles  ge- 
wöhnt! Dabei  leben  wir  eigentlich  ganz  gut.  Mama  ist  wirklich  eine 
Künstlerin.  Das  Souper  am  letzten  Neujahrstag  für  vierzehn  Perso- 
nen - unbegreiflich.  Aber  dafür  meine  zwei  Paar  Ballhandschuhe,  die 
waren  eine  Affäre.  Und  wie  der  Rudi  neulich  dreihundert  Gulden 
gebraucht  hat,  da  hat  die  Mama  beinah'  geweint.  Und  der  Papa  ist 
dabei  immer  gut  aufgelegt.  Immer?  Nein.  O nein.  In  der  Oper  neu- 
lich bei  Figaro  sein  Blick,  - plötzlich  ganz  leer  - ich  bin  erschrocken. 
Da  war  er  wie  ein  ganz  anderer  Mensch.  Aber  dann  haben  wir  im 
Grand  Hotel  soupiert  und  er  war  so  glänzend  aufgelegt  wie  nur  je. 
Und  da  halte  ich  den  Brief  in  der  Hand.  Der  Brief  ist  ja  irrsinnig.  Ich 

soll  mit  Dorsday  sprechen?  Zu  Tod'  würde  ich  mich  schämen. 

Schämen,  ich  mich?  Warum?  Ich  bin  ja  nicht  schuld.  - Wenn  ich 
doch  mit  Tante  Emma  spräche?  Unsinn.  Sie  hat  wahrscheinlich  gar 
nicht  so  viel  Geld  zur  Verfügung.  Der  Onkel  ist  ja  ein  Geizkragen. 
Ach  Gott,  warum  habe  ich  kein  Geld?  Warum  hab'  ich  mir  noch 
nichts  verdient?  Warum  habe  ich  nichts  gelernt?  O,  ich  habe  was  ge- 
lernt! Wer  darf  sagen,  daß  ich  nichts  gelernt  habe?  Ich  spiele  Klavier, 
ich  kann  französisch,  englisch,  auch  ein  bißl  italienisch,  habe  kunstge- 
schichtliche Vorlesungen  besucht  - Haha!  Und  wenn  ich  schon  was 
Gescheiteres  gelernt  hätte,  was  hülfe  es  mir?  Dreißigtausend  Gulden 
hätte  ich  mir  keineswegs  erspart.  — 

Aus  ist  es  mit  dem  Alpenglühen.  Der  Abend  ist  nicht  mehr  wunder- 
bar. Traurig  ist  die  Gegend.  Nein,  nicht  die  Gegend,  aber  das  Leben 
ist  traurig.  Und  ich  sitz'  da  ruhig  auf  dem  Fensterbrett.  Und  der  Papa 
soll  eingesperrt  werden.  Nein.  Nie  und  nimmer.  Es  darf  nicht  sein. 
Ich  werde  ihn  retten.  Ja,  Papa,  ich  werde  dich  retten.  Es  ist  ja  ganz 
einfach.  Ein  paar  Worte  ganz  nonchalant,  das  ist  ja  mein  Fall,  >hoch- 
gemut<,  - haha,  ich  werde  Herrn  Dorsday  behandeln,  als  wenn  es 
eine  Ehre  für  ihn  wäre,  uns  Geld  zu  leihen.  Es  ist  ja  auch  eine.  - Herr 
von  Dorsday,  haben  Sie  vielleicht  einen  Moment  Zeit  für  mich?  Ich 
bekomme  da  eben  einen  Brief  von  Mama,  sie  ist  in  augenblicklicher 
Verlegenheit,  - vielmehr  der  Papa  — >Aber  selbstverständlich,  mein 


339 


Arämr  Schnitzler 


Fräulein,  mit  dem  größten  Vergnügen.  Um  wieviel  handelt  es  sich 
denn?<  - Wenn  er  mir  nur  nicht  so  unsympathisch  wäre.  Auch  die  Art, 
wie  er  mich  ansieht.  Nein,  Herr  Dorsday,  ich  glaube  Ihnen  Ihre  Ele- 
ganz nicht  und  nicht  Ihr  Monokel  und  nicht  Ihre  Noblesse.  Sie  könn- 
ten ebensogut  mit  alten  Kleidern  handeln  wie  mit  alten  Bildern.  - 
Aber  Else!  Else,  was  fällt  dir  denn  ein.  - O,  ich  kann  mir  das  erlauben. 
Mir  sieht's  niemand  an.  Ich  bin  sogar  blond,  rötlichblond,  und  Rudi 
sieht  absolut  aus  wie  ein  Aristokrat.  Bei  der  Mama  merkt  man  es  frei- 
lich gleich,  wenigstens  im  Reden.  Beim  Papa  wieder  gar  nicht.  Übri- 
gens sollen  sie  es  merken.  Ich  verleugne  es  durchaus  nicht  und  Rudi 
erst  recht  nicht.  Im  Gegenteil.  Was  täte  der  Rudi,  wenn  der  Papa  ein- 
gesperrt würde?  Würde  er  sich  erschießen?  Aber  Unsinn!  Erschießen 
und  Kriminal,  all  die  Sachen  gibt‘s  ja  gar  nicht,  die  stehn  nur  in  der 
Zeitung. 

Die  Luft  ist  wie  Champagner.  In  einer  Stunde  ist  das  Diner,  das  >Din- 
ner<.  Ich  kann  die  Cissy  nicht  leiden.  Um  ihr  Mäderl  kümmert  sie  sich 
überhaupt  nicht.  Was  zieh“  ich  an?  Das  blaue  oder  das  schwarze? 
Heut“  wär  vielleicht  das  schwarze  richtiger.  Zu  dekolletiert?  Toilette 
de  circonstance  heißt  es  in  den  französischen  Romanen.  Jedesfalls 
muß  ich  berückend  aussehen,  wenn  ich  mit  Dorsday  rede.  Nach  dem 
Dinner,  nonchalant.  Seine  Augen  werden  sich  in  meinen  Ausschnitt 
bohren.  Widerlicher  Kerl.  Ich  hasse  ihn.  Alle  Menschen  hasse  ich. 
Muß  es  gerade  Dorsday  sein?  Gibt  es  denn  wirklich  nur  diesen  Dors- 
day auf  der  Welt,  der  dreißigtausend  Gulden  hat?  Wenn  ich  mit  Paul 
spräche?  Wenn  er  der  Tante  sagte,  er  hat  Spielschulden,  - da  würde 
sie  sich  das  Geld  sicher  verschaffen  können. 

- Beinah  schon  dunkel.  Nacht,  Grabesnacht.  Am  liebsten  möcht“  ich 
tot  sein.  - Es  ist  ja  gar  nicht  wahr.  Wenn  ich  jetzt  gleich  hinunterginge, 
Dorsday  noch  vor  dem  Diner  spräche?  Ah,  wie  entsetzlich!  - Paul, 
wenn  du  mir  die  dreißigtausend  verschaffst,  kannst  du  von  mir  haben, 
was  du  willst.  Das  ist  ja  schon  wieder  aus  einem  Roman.  Die  edle 
Tochter  verkauft  sich  für  den  geliebten  Vater,  und  hat  am  End“  noch 
ein  Vergnügen  davon.  Pfui  Teufel!  Nein,  Paul,  auch  für  dreißigtau- 
send kannst  du  von  mir  nichts  haben.  Niemand.  Aber  für  eine  Mil- 
lion? - Für  ein  Palais?  Für  eine  Perlenschnur?  Wenn  ich  einmal  heira- 
te, werde  ich  es  wahrscheinlich  billiger  tun.  Ist  es  denn  gar  so 
schlimm?  Die  Fanny  hat  sich  am  Ende  auch  verkauft.  Sie  hat  mir  sel- 
ber gesagt,  daß  sie  sich  vor  ihrem  Manne  graust.  Nun,  wie  wär‘s, 
Papa,  wenn  ich  mich  heute  Abend  versteigerte?  Um  dich  vor  dem 


340 


Fräulein  Else 


Zuchthaus  zu  retten.  Sensation  -!  Ich  habe  Fieber,  ganz  gewiß.  Oder 
bin  ich  schon  unwohl?  Nein,  Fieber  habe  ich.  Vielleicht  von  der  Luft. 
Wie  Champagner.  - Wenn  Fred  hier  wäre,  könnte  er  mir  raten?  Ich 
brauche  keinen  Rat.  Es  gibt  ja  auch  nichts  zu  raten.  Ich  werde  mit 
Herrn  Dorsday  aus  Eperies  sprechen,  werde  ihn  anpumpen,  ich  die 
Hochgemute,  die  Aristokratin,  die  Marchesa,  die  Bettlerin,  die  Toch- 
ter des  Defraudanten.  Wie  komm‘  ich  dazu?  Wie  komm“  ich  dazu? 
Keine  klettert  so  gut  wie  ich,  keine  hat  so  viel  Schneid,  - sporting  girl, 
in  England  hätte  ich  auf  die  Welt  kommen  sollen,  oder  als  Gräfin. 

Da  hängen  die  Kleider  im  Kasten!  Ist  das  grüne  Loden  überhaupt 
schon  bezahlt,  Mama?  Ich  glaube  nur  eine  Anzahlung.  Das  schwarze 
zieh“  ich  an.  Sie  haben  mich  gestern  alle  angestarrt.  Auch  der  blasse 
kleine  Herr  mit  dem  goldenen  Zwicker.  Schön  bin  ich  eigentlich 
nicht,  aber  interessant.  Zur  Bühne  hätte  ich  gehen  sollen.  Bertha  hat 
schon  drei  Liebhaber,  keiner  nimmt  es  ihr  übel  ...  In  Düsseldorf  war 
es  der  Direktor.  Mit  einem  verheirateten  Manne  war  sie  in  Hamburg 
und  hat  im  Atlantic  gewohnt,  Appartement  mit  Badezimmer.  Ich 
glaub“  gar,  sie  ist  stolz  darauf  Dumm  sind  sie  alle.  Ich  werde  hundert 
Geliebte  haben,  tausend,  warum  nicht?  Der  Ausschnitt  ist  nicht  tief 
genug;  wenn  ich  verheiratet  wäre,  dürfte  er  tiefer  sein.  - Gut  daß  ich 
Sie  treffe,  Herr  von  Dorsday,  ich  bekomme  da  eben  einen  Brief  aus 
Wien  . . . Den  Brief  stecke  ich  für  alle  Fälle  zu  mir.  Soll  ich  dem  Stu- 
benmädchen läuten?  Nein,  ich  mache  mich  allein  fertig.  Zu  dem 
schwarzen  Kleid  brauche  ich  niemanden.  Wäre  ich  reich,  würde  ich 
nie  ohne  Kammerjungfer  reisen. 

Ich  muß  Licht  machen.  Kühl  wird  es.  Fenster  zu.  Vorhang  herunter? 
- Überflüssig.  Steht  keiner  auf  dem  Berg  drüben  mit  einem  Fernrohr. 
Schade.  - Ich  bekomme  da  eben  einen  Brief,  Herr  von  Dorsday.  - 
Nach  dem  Dinner  wäre  es  doch  vielleicht  besser.  Man  ist  in  leichterer 
Stimmung.  Auch  Dorsday  - ich  könnt  ja  ein  Glas  Wein  vorher  trin- 
ken. Aber  wenn  die  Sache  vor  dem  Diner  abgetan  wäre,  würde  mir 
das  Essen  besser  schmecken.  Pudding  a la  merveille,  fromage  et  fruits 
divers.  Und  wenn  Herr  von  Dorsday  Nein  sagt?  - Oder  wenn  er  gar 
frech  wird?  Ah  nein,  mit  mir  ist  noch  keiner  frech  gewesen.  Das  heißt, 
der  Marineleutnant  Brandl,  aber  es  war  nicht  bös  gemeint.  - Ich  bin 
wieder  etwas  schlanker  geworden.  Das  steht  mir  gut.  - Die  Dämme- 
rung starrt  herein.  Wie  ein  Gespenst  starrt  sie  herein.  Wie  hundert 
Gespenster.  Aus  meiner  Wiese  herauf  steigen  die  Gespenster.  Wie 
weit  ist  Wien?  Wie  lange  bin  ich  schon  fort?  Wie  allein  bin  ich  da!  Ich 


341 


Arlhir  Schnitzler 


habe  keine  Freundin,  ich  habe  auch  keinen  Freund.  Wo  sind  sie  alle? 
Wen  werd‘  ich  heiraten?  Wer  heiratet  die  Tochter  eines  Defraudan- 
ten? - Eben  erhalte  ich  einen  Brief,  Flerr  von  Dorsday.  - >Aber  es  ist 
doch  gar  nicht  der  Rede  wert,  Fräulein  Else,  gestern  erst  habe  ich 
einen  Rembrandt  verkauft,  Sie  beschämen  mich,  Fräulein  Else.<  Und 
jetzt  reißt  er  ein  Blatt  aus  seinem  Scheckbuch  und  unterschreibt  mit 
seiner  goldenen  Füllfeder;  und  morgen  früh  fahr“  ich  mit  dem  Scheck 
nach  Wien.  Jedenfalls;  auch  ohne  Scheck.  Ich  bleibe  nicht  mehr  hier. 
Ich  könnte  ja  gar  nicht,  ich  dürfte  ja  gar  nicht.  Ich  lebe  hier  als  elegan- 
te junge  Dame  und  Papa  steht  mit  einem  Fuß  im  Grab  - nein  im 
Kriminal.  Das  vorletzte  Paar  Seidenstrümpfe.  Den  kleinen  Riß  grad 
unterm  Knie  merkt  niemand.  Niemand?  Wer  weiß.  Nicht  frivol  sein, 
Else.  - Bertha  ist  einfach  ein  Luder.  Aber  ist  die  Christine  um  ein 
Haar  besser?  Ihr  künftiger  Mann  kann  sich  freuen.  Mama  war  gewiß 
immer  eine  treue  Gattin.  Ich  werde  nicht  treu  sein.  Ich  bin  hochge- 
mut, aber  ich  werde  nicht  treu  sein.  Die  Filous  sind  mir  gefährlich. 
Die  Marchesa  hat  gewiß  einen  Filou  zum  Liebhaber.  Wenn  Fred  mich 
wirklich  kennte,  dann  wäre  es  aus  mit  seiner  Verehrung.  - >Aus  Ihnen 
hätte  alles  Mögliche  werden  können,  Fräulein,  eine  Pianistin,  eine 
Buchhalterin,  eine  Schauspielerin,  es  stecken  so  viele  Möglichkeiten 
in  Ihnen.  Aber  es  ist  Ihnen  immer  zu  gut  gegangen. < Zu  gut  gegan- 
gen. Haha.  Fred  überschätzt  mich.  Ich  hab“  ja  eigentlich  zu  nichts 
Talent.<  Wer  weiß?  So  weit  wie  Bertha  hätte  ich  es  auch  noch  ge- 
bracht. Aber  mir  fehlt  es  an  Energie.  Junge  Dame  aus  guter  Familie. 
Ha,  gute  Familie.  Der  Vater  veruntreut  Mündelgelder.  Warum  tust  du 
mir  das  an,  Papa?  Wenn  du  noch  etwas  davon  hättest!  Aber  an  der 
Börse  verspielt!  Ist  das  der  Mühe  wert?  Und  die  dreißigtausend  wer- 
den dir  auch  nichts  helfen.  Für  ein  Vierteljahr  vielleicht.  Endlich  wird 
er  doch  durchgehen  müssen.  Vor  anderthalb  Jahren  war  es  ja  fast 
schon  so  weit.  Da  kam  noch  Hilfe.  Aber  einmal  wird  sie  nicht  kom- 
men - und  was  geschieht  dann  mit  uns?  Rudi  wird  nach  Rotterdam 
gehen  zu  Vanderhulst  in  die  Bank.  Aber  ich?  Reiche  Partie.  O,  wenn 
ich  es  darauf  anlegte!  Ich  bin  heute  wirklich  schön.  Das  macht  wahr- 
scheinlich die  Aufregung.  Für  wen  bin  ich  schön?  Wäre  ich  froher, 
wenn  Fred  hier  wäre?  Ach  Fred  ist  im  Grunde  nichts  für  mich.  Kein 
Filou!  Aber  ich  nähme  ihn,  wenn  er  Geld  hätte.  Und  dann  käme  ein 
Filou  - und  das  Malheur  wäre  fertig.  - Sie  möchten  wohl  gern  ein 
Filou  sein,  Herr  von  Dorsday?  - Von  weitem  sehen  Sie  manchmal 
auch  so  aus.  Wie  ein  verlebter  Vicomte,  wie  ein  Don  Juan  - mit  Ihrem 


342 


Fräulein  Ehe 


blöden  Monocle  und  Ihrem  weißen  Flanellanzug.  Aber  ein  Filou  sind 
Sie  noch  lange  nicht.  - Habe  ich  alles?  Fertig  zum  >Dinner<?  - Was 
tue  ich  aber  eine  Stunde  lang,  wenn  ich  Dorsday  nicht  treffe?  Wenn  er 
mit  der  unglücklichen  Frau  Winawer  spazieren  geht?  Ach,  sie  ist  gar 
nicht  unglücklich,  sie  braucht  keine  dreißigtausend  Gulden.  Also  ich 
werde  mich  in  die  Halle  setzen,  großartig  in  einen  Fauteuil,  schau  mir 
die  Illustrated  News  an  und  die  Vie  parisienne,  schlage  die  Beine 
übereinander,  - den  Riß  unter  dem  Knie  wird  man  nicht  sehen.  Viel- 
leicht ist  gerade  ein  Milliardär  angekommen.  - Sie  oder  keine.  - Ich 
nehme  den  weißen  Schal,  der  steht  mir  gut.  Ganz  ungezwungen  lege 
ich  ihn  um  meine  herrlichen  Schultern.  Für  wen  habe  ich  sie  denn, 
die  herrlichen  Schultern?  Ich  könnte  einen  Mann  sehr  glücklich  ma- 
chen. Wäre  nur  der  rechte  Mann  da.  Aber  Kind  will  ich  keines  haben. 
Ich  bin  nicht  mütterlich.  Marie  Weil  ist  mütterlich.  Mama  ist  mütter- 
lich, Tante  Irene  ist  mütterlich.  Ich  habe  eine  edle  Stirn  und  eine 
schöne  Figur.  - >Wenn  ich  Sie  malen  dürfte,  wie  ich  wollte,  Fräulein 
Else.<  - Ja,  das  möchte  Ihnen  passen.  Ich  weiß  nicht  einmal  seinen 
Namen  mehr.  Tizian  hat  er  keineswegs  geheißen,  also  war  es  eine 
Frechheit.  - Eben  erhalte  ich  einen  Brief,  Herr  von  Dorsday.  - Noch 
etwas  Puder  auf  den  Nacken  und  Hals,  einen  Tropfen  Verveine  ins 
Taschentuch,  Kasten  zusperren,  Fenster  wieder  auf,  ah,  wie  wunder- 
bar! Zum  Weinen.  Ich  bin  nervös.  Ach,  soll  man  nicht  unter  solchen 
Umständen  nervös  sein.  Die  Schachtel  mit  dem  Veronal  hab‘  ich  bei 
den  Hemden.  Auch  neue  Hemden  brauchte  ich.  Das  wird  wieder 
eine  Affäre  sein.  Ach  Gott. 

Unheimlich,  riesig  der  Cimone,  als  wenn  er  auf  mich  herunterfallen 
wollte!  Noch  kein  Stern  am  Himmel.  Die  Luft  ist  wie  Champagner. 
Und  der  Duft  von  den  Wiesen!  Ich  werde  auf  dem  Land  leben.  Einen 
Gutsbesitzer  werde  ich  heiraten  und  Kinder  werde  ich  haben.  Doktor 
Froriep  war  vielleicht  der  Einzige,  mit  dem  ich  glücklich  geworden 
wäre.  Wie  schön  waren  die  beiden  Abende  hintereinander,  der  erste 
bei  Kniep,  und  dann  der  auf  dem  Künstlerball.  Warum  ist  er  plötz- 
lich verschwunden  - wenigstens  für  mich?  Wegen  Papa  vielleicht? 
Wahrscheinlich.  Ich  möchte  einen  Gruß  in  die  Luft  hinausrufen,  ehe 
ich  wieder  hinuntersteige  unter  das  Gesindel.  Aber  zu  wem  soll  der 
Gruß  gehen?  Ich  bin  ja  ganz  allein.  Ich  bin  ja  so  furchtbar  allein,  wie 
es  sich  niemand  vorstellen  kann.  Sei  gegrüßt,  mein  Geliebter.  Wer? 
Sei  gegrüßt,  mein  Bräutigam!  Wer?  Sei  gegrüßt,  mein  Freund!  Wer?  - 
Fred?  - Aber  keine  Spur.  So,  das  Fenster  bleibt  offen.  Wenn‘s  auch 


343 


Arthur  Schnitzler 


kühl  wird.  Licht  abdrehen.  So.  - Ja  richtig,  den  Brief.  Ich  muß  ihn  zu 
mir  nehmen  für  alle  Fälle.  Das  Buch  aufs  Nachtkastel,  ich  lese  heut‘ 
Nacht  noch  weiter  in  >Notre  Coeur<,  unbedingt,  was  immer  ge- 
schieht. Guten  Abend,  schönstes  Fräulein  im  Spiegel,  behalten  Sie 
mich  in  gutem  Angedenken,  auf  Wiedersehen  . . . 

Warum  sperre  ich  die  Tür  zu?  Hier  wird  nichts  gestohlen.  Ob  Cissy  in 
der  Nacht  ihre  Türe  offen  läßt?  Oder  sperrt  sie  ihm  erst  auf,  wenn  er 
klopft?  Ist  es  denn  ganz  sicher?  Aber  natürlich.  Dann  liegen  sie  zu- 
sammen im  Bett.  Unappetitlich.  Ich  werde  kein  gemeinsames  Schlaf- 
zimmer haben  mit  meinem  Mann  und  mit  meinen  tausend  Gelieb- 
ten. - Leer  ist  das  ganze  Stiegenhaus!  Immer  um  diese  Zeit.  Meine 
Schritte  hallen.  Drei  Wochen  bin  ich  jetzt  da.  Am  zwölften  August  bin 
ich  von  Gmunden  abgereist.  Gmunden  war  langweilig.  Woher  hat  der 
Papa  das  Geld  gehabt,  Mama  und  mich  aufs  Land  zu  schicken?  Und 
Rudi  war  sogar  vier  Wochen  auf  Reisen.  Weiß  Gott  wo.  Nicht  zwei- 
mal hat  er  geschrieben  in  der  Zeit.  Nie  werde  ich  unsere  Existenz 
verstehen.  Schmuck  hat  die  Mama  freilich  keinen  mehr.  - Warum 
war  Fred  nur  zwei  Tage  in  Gmunden?  Hat  sicher  auch  eine  Geliebte! 
Vorstellen  kann  ich  es  mir  zwar  nicht.  Ich  kann  mir  überhaupt  gar 
nichts  vorstellen.  Acht  Tage  sind  es,  daß  er  mir  nicht  geschrieben  hat. 
Er  schreibt  schöne  Briefe.  - Wer  sitzt  denn  dort  an  dem  kleinen 
Tisch?  Nein,  Dorsday  ist  es  nicht.  Gott  sei  Dank.  Jetzt  vor  dem  Diner 
wäre  es  doch  unmöglich,  ihm  etwas  zu  sagen.  - Warum  schaut  mich 
der  Portier  so  merkwürdig  an?  Hat  er  am  Ende  den  Expreßbrief  von 
der  Mama  gelesen?  Mir  scheint,  ich  bin  verrückt.  Ich  muß  ihm  näch- 
stens wieder  ein  Trinkgeld  geben.  - Die  Blonde  da  ist  auch  schon  zum 
Diner  angezogen.  Wie  kann  man  so  dick  sein!  - Ich  werde  noch  vor‘s 
Hotel  hinaus  und  ein  bißchen  auf  und  abgehen.  Oder  ins  Musikzim- 
mer? Spielt  da  nicht  wer?  Eine  Beethovensonate!  Wie  kann  man  hier 
eine  Beethovensonate  spielen!  Ich  vernachlässige  mein  Klavierspiel. 
In  Wien  werde  ich  wieder  regelmäßig  üben.  Überhaupt  ein  anderes 
Leben  anfangen.  Das  müssen  wir  alle.  So  darf  es  nicht  weitergehen. 
Ich  werde  einmal  ernsthaft  mit  Papa  sprechen  - wenn  noch  Zeit  dazu 
sein  sollte.  Es  wird,  es  wird.  Warum  habe  ich  es  noch  nie  getan?  Alles 
in  unserem  Haus  wird  mit  Scherzen  erledigt,  und  keinem  ist  scherz- 
haft zu  Mut.  Jeder  hat  eigentlich  Angst  vor  dem  Andern,  jeder  ist 
allein.  Die  Mama  ist  allein,  weU  sie  nicht  gescheit  genug  ist  und  von 
niemandem  was  weiß,  nicht  von  mir,  nicht  von  Rudi  und  nicht  vom 
Papa.  Aber  sie  spürt  es  nicht  und  Rudi  spürt  es  auch  nicht.  Er  ist  ja  ein 


344 


Fräulan  Else 


netter  eleganter  Kerl,  aber  mit  einundzwanzig  hat  er  mehr  verspro- 
chen. Es  wird  gut  für  ihn  sein,  wenn  er  nach  Holland  geht.  Aber  wo 
werde  ich  hingehen?  Ich  möchte  fortreisen  und  tun  können  was  ich 
will.  Wenn  Papa  nach  Amerika  durchgeht,  begleite  ich  ihn.  Ich  bin 
schon  ganz  konfus  . . . Der  Portier  wird  mich  für  wahnsinnig  halten, 
wie  ich  da  auf  der  Lehne  sitze  und  in  die  Luft  starre.  Ich  werde  mir 
eine  Zigarette  anzünden.  Wo  ist  meine  Zigarettendose?  Oben.  Wo 
nur?  Das  Veronal  habe  ich  bei  der  Wäsche.  Aber  wo  habe  ich  die 
Dose?  Da  kommen  Cissy  und  Paul.  Ja,  sie  muß  sich  endlich  umklei- 
den zum  >Dinner<,  sonst  hätten  sie  noch  im  Dunkeln  weitergespielt.  - 
Sie  sehen  mich  nicht.  Was  sagt  er  ihr  denn?  Warum  lacht  sie  so  blitz- 
dumm? Wär‘  lustig,  ihrem  Gatten  einen  anonymen  Brief  nach  Wien 
zu  schreiben.  Wäre  ich  so  was  imstande?  Nie.  Wer  weiß?  Jetzt  haben 
sie  mich  gesehen.  Ich  nicke  ihnen  zu.  Sie  ärgert  sich,  daß  ich  so 
hübsch  aussehe.  Wie  verlegen  sie  ist. 

»Wie,  Else,  Sie  sind  schon  fertig  zum  Diner  ?«-  Warum  sagt  sie  jetzt  Diner 
und  nicht  Dinner.  Nicht  einmal  konsequent  ist  sie.  ~ »Wie  Sie  sehen, 
Frau  Cissy.«  - »Du  siehst  wirklich  entzückend  aus,  Else,  ich  hätte  große  Lust,  dir 
den  Hof  zu  machen.«  - »Erspar*  dir  die  Mühe,  Paul,  gib  mir  lieber  eine 
Zigarette.«  - »Aber  mit  Wonne.«-  »Dank*  schön.  Wie  ist  das  Single  aus- 
gefallen?« - »Frau  Cissy  hat  mich  dreimal  hinkreinander geschlagen.«-  »Er  war 
nämlich  zerstreut.  Wissen  Sie  übrigens,  Else,  daß  morgen  der  Kronprinz  von  Grie- 
chenland hier  ankommt?«  - Was  kümmert  mich  der  Kronprinz  von  Grie- 
chenland? »So,  wirklich?«  O Gott,  - Dorsday  mit  Frau  Winawer!  Sie 
grüßen.  Sie  gehen  weiter.  Ich  habe  zu  höflich  zurückgegrüßt.  Ja,  ganz 
anders  als  sonst.  O,  was  bin  ich  für  eine  Person.  - »Deine  figarette  brennt 
ja  nicht,  Else?«  - »Also,  gib  mir  noch  einmal  Feuer.  Danke.«  - »Ihr  Schal 
ist  sehr  hübsch,  Else,  zu  dem  schwarzen  Kleid  steht  er  Ihnen  fabelhafi.  Übrigens 
muß  ich  mich  jetzt  auch  umziehen.«  - Sie  soll  lieber  nicht  Weggehen,  ich 
habe  Angst  vor  Dorsday.  - » Und  für  sieben  habe  ich  mir  die  Friseurin  bestellt, 
sie  ist  famos.  Im  Winter  ist  sie  in  Mailand.  Also  adieu,  Else,  adieu,  Paul.«  - 
»Küss‘  die  Hand,  gnädige  Frau.«  »Adieu,  Frau  Cissy.«  - Fort  ist  sie.  Gut, 
daß  Paul  wenigstens  da  bleibt.  »Darf  ich  mich  einen  Moment  zu  dir  setzen, 
Else,  oder  .stör‘  ich  dich  in  deinen  Träumen?«  - »Warum  in  meinen  Träu- 
men? Vielleicht  in  meinen  Wirklichkeiten.«  Das  heißt  eigentlich  gar 
nichts.  Er  soll  lieber  fortgehen.  Ich  muß  ja  doch  mit  Dorsday  spre- 
chen. Dort  steht  er  noch  immer  mit  der  glücklichen  Frau  Winawer,  er 
langweilt  sich,  ich  seh*  es  ihm  an,  er  möchte  zu  mir  herüberkommen. 
- »Gibt  es  denn  solche  Wirklichkeiten,  in  denen  du  nicht  gestört  sein  willst?«  - 


345 


Arthur  Schnitzler 


Was  sagt  er  da?  Er  soll  zum  Teufel  gehen.  Warum  lächle  ich  ihn  so 
kokett  an?  Ich  mein  ihn  ja  gar  nicht.  Dorsday  schielt  herüber.  Wo  bin 
ich?  Wo  bin  ich?  »Hits  hast  du  denn  heute,  Ehe?«  — »Was  soll  ich  denn 
haben?«  - »Du  bist  geheimnisvoll,  dämonisch,  verführerisch.«  »Red‘  keinen 
Unsinn,  Paul.«  »Man  konnte  geradezu  toll  werden,  wenn  man  dich  ansieht.«  - 
Was  fällt  ihm  denn  ein?  Wie  redet  er  denn  zu  mir?  Hübsch  ist  er.  Der 
Rauch  meiner  Zigarette  verfangt  sich  in  seinen  Haaren.  Aber  ich 
kann  ihn  jetzt  nicht  brauchen.  - »Du  siehst  so  über  mich  hinweg.  Warum 
denn,  Else?«  - Ich  antworte  gar  nichts.  Ich  kann  ihn  jetzt  nicht  brau- 
chen. Ich  mache  mein  unausstehlichstes  Gesicht.  Nur  keine  Konver- 
sation jetzt.  - »Du  bist  mit  deinen  Gedanken  ganz  wo  anders.«  - »Das  dürfte 
stimmen.«  Er  ist  Luft  für  mich.  Merkt  Dorsday,  daß  ich  ihn  erwarte? 
Ich  sehe  nicht  hin,  aber  ich  weiß,  daß  er  hersieht.  - »Also,  leb‘  wohl, 
Else.«  - Gott  sei  Dank.  Er  küßt  mir  die  Hand.  Das  tut  er  sonst  nie. 
»Adieu,  Paul.«  Wo  hab‘  ich  die  schmelzende  Stimme  her?  Er  geht, 
der  Schwindler.  Wahrscheinlich  muß  er  noch  etwas  abmachen  mit 
Cissy  wegen  heute  Nacht.  Wünsche  viel  Vergnügen.  Ich  ziehe  den 
Schal  um  meine  Schulter  und  stehe  auf  und  geh‘  vors  Hotel  hinaus. 
Wird  freilich  schon  etwas  kühl  sein.  Schad‘,  daß  ich  meinen  Mantel  ~ 
Ah,  ich  habe  ihn  ja  heute  früh  in  die  Portierloge  hineingehängt.  Ich 
fühle  den  Blick  von  Dorsday  auf  meinem  Nacken,  durch  den  Schal. 
Frau  Winawer  geht  jetzt  hinauf  in  ihr  Zimmer.  Wieso  weiß  ich  denn 
das?  Telepathie.  »Ich  bitte  Sie,  Herr  Portier  - « »Fräulein  wünschen  den 
Mantel?«-  »Ja,  bitte.«  - »Schon  etwas  kühl  dü  Abende,  Fräulein.  Das  kommt 
bei  uns  so  plötzlich.«  - »Danke.«  Soll  ich  wirklich  vors  Hotel?  Gewiß, 
was  denn?  Jedenfalls  zur  Türe  hin.  Jetzt  kommt  einer  nach  dem  an- 
dern. Der  Herr  mit  dem  goldenen  Zwicker.  Der  lange  Blonde  mit  der 
grünen  Weste.  Alle  sehen  sie  mich  an.  Hübsch  ist  diese  kleine  Genfe- 
rin. Nein,  aus  Lausanne  ist  sie.  Es  ist  eigentlich  gar  nicht  so  kühl. 
»Guten  Abend,  Fräulein  Else.«- Um  Gotteswillen,  er  ist  es.  Ich  sage  nichts 
von  Papa.  Kein  Wort.  Erst  nach  dem  Essen.  Oder  ich  reise  morgen 
nach  Wien.  Ich  gehe  persönlich  zu  Doktor  Fiala.  Warum  ist  mir  das 
nicht  gleich  eingefallen?  Ich  wende  mich  um  mit  einem  Gesicht,  als 
wüßte  ich  nicht,  wer  hinter  mir  steht.  »Ah,  Herr  von  Dorsday.«  - »Sie 
wollen  noch  einen  Spaziergang  machen,  Fränkin  Else?«  - »Ach,  nicht  gerade 
einen  Spaziergang,  ein  bißchen  auf  und  abgehen  vor  dem  Diner.«  - 
»Es  ist  fast  noch  eine  Stunde  bis  dahin.«  - »Wirklich?«  Es  ist  gar  nicht  so 
kühl.  Blau  sind  die  Berge.  Lustig  wär‘s,  wenn  er  plötzlich  um  meine 
Hand  anhielte.  - »Es  gibt  doch  auf  der  Welt  keinen  schöneren  Fleck  als  diesen 


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Fröjddn  Else 


r 

hier.»  - »Plnden  Sie,  Herr  von  Dorsday?  Aber  bitte,  sagen  Sie  nicht, 
daß  die  Luft  hier  wie  Champagner  ist.«  - »Nein,  Fräulein  Else,  das  sage 
ich  erst  von  zweitausend  Metern  an.  Und  hier  stehen  wir  kaum  sechzehnhundert- 
ßinfzig  über  dem  Meeresspiegel.»  ~ »Macht  das  einen  solchen  Unter- 
schied?« - »Aber  selbstverständlich.  Waren  Sie  schon  einmal  im  Engadin?»  - 
»Nein,  noch  nie.  Also  dort  ist  die  Luft  wirklich  wie  Champagner?«  - 
»Man  könnte  es  beinah'  sagen.  Aber  Champagner  ist  nicht  mein  Lieblingsgetränk. 
Ich  ziehe  diese  Gegend  vor.  Schon  wegen  der  wundervollen  Wälder.«  - Wie  lang- 
weilig er  ist.  Merkt  er  das  nicht?  Er  weiß  offenbar  nicht  recht,  was  er 
mit  mir  reden  soll.  Mit  einer  verheirateten  Frau  wäre  es  einfacher. 
Man  sagt  eine  kleine  Unanständigkeit  und  die  Konversation  geht  wei- 
ter. - »Bleiben  Sie  noch  längere  ^dt  hier  in  San  Martina,  Fräulein  Else?»  - 
Idiotisch.  Warum  schau'  ich  ihn  so  kokett  an?  Und  schon  lächelt  er  in 
der  gewissen  Weise.  Nein,  wie  dumm  die  Männer  sind.  »Das  hängt 
zum  Teil  von  den  Dispositionen  meiner  Tante  ab.«  Ist  ja  gar  nicht 
wahr.  Ich  kann  ja  allein  nach  Wien  fahren.  »Wahrscheinlich  bis  zum 
zehnten.«  - »Die  Mama  ist  wohl  noch  in  Gmunden?»  - »Nein,  Herr  von 
Dorsday.  Sie  ist  schon  in  Wien.  Schon  seit  drei  Wochen.  Papa  ist  auch 
in  Wien.  Er  hat  sich  heuer  kaum  acht  Tage  Urlaub  genommen.  Ich 
glaube,  der  Prozeß  Erbesheimer  macht  ihm  sehr  viel  Arbeit.«  - »Das 
kann  ich  mir  denken.  .Aber  Ihr  Papa  ist  wohl  der  Einzige,  der  Erbesheimer  heraus- 
reißen kann  ...Es  bedeutet  ja  schon  einen  Erfolg,  daß  es  überhaupt  eine  Zivilsache 
geworden  ist.»  - Das  ist  gut,  das  ist  gut.  »Es  ist  mir  angenehm  zu  hören, 
daß  auch  Sie  ein  so  günstiges  Vorgefühl  haben.«  - »Vorgeßhl?  Inwie- 
fern?» - »Ja,  daß  der  Papa  den  Prozeß  für  Erbesheimer  gewinnen 
wird.«  - »Das  will  ich  nicht  dnmal  mit  Bestimmtheit  behauptet  haben.»  - Wie, 
weicht  er  schon  zurück?  Das  soll  ihm  nicht  gelingen.  »O,  ich  halte 
etwas  von  Vorgefühlen  und  von  Ahnungen.  Denken  Sie,  Herr  von 
Dorsday,  gerade  heute  habe  ich  einen  Brief  von  zu  Hause  bekom- 
men.« Das  war  nicht  sehr  geschickt.  Er  macht  ein  etwas  verblüfftes 
Gesicht.  Nur  weiter,  nicht  schlucken.  Er  ist  ein  guter  alter  Freund  von 
Papa.  Vorwärts.  Vorwärts.  Jetzt  oder  nie.  »Herr  von  Dorsday,  Sie  ha- 
ben eben  so  lieb  von  Papa  gesprochen,  es  wäre  geradezu  häßlich  von 
mir,  wenn  ich  nicht  ganz  aufrichtig  zu  Ihnen  wäre.«  Was  macht  er 
denn  für  Kalbsaugen?  O weh,  er  merkt  was.  Weiter,  weiter.  »Nämlich 
in  dem  Brief  ist  auch  von  Ihnen  die  Rede,  Herr  von  Dorsday.  Es  ist 
nämlich  ein  Brief  von  Mama.«  — »So.»—  »Eigentlich  ein  sehr  trauriger 
Brief.  Sie  kennen  ja  die  Verhältnisse  in  unserem  Haus,  Herr  von 
Dorsday.«  - Um  Himmels  willen,  ich  habe  ja  Tränen  in  der  Stimme. 


347 


Arthur  Schnitzler 


Vorwärts,  vorwärts,  jetzt  gibt  es  kein  Zurück  mehr.  Gott  sei  Dank. 
»Kurz  und  gut,  Herr  von  Dorsday,  wir  wären  wieder  einmal  so  weit.« 
-Jetzt  möchte  er  am  liebsten  verschwinden.  »Es  handelt  sich  - um 
eine  Bagatelle.  Wirklich  nur  um  eine  Bagatelle,  Herr  von  Dorsday. 
Und  doch,  wie  Mama  schreibt,  steht  alles  auf  dem  Spiel.«  Ich  rede  so 
blöd‘  daher  wie  eine  Kuh.  - »Aber  beruhigen  Sie  sich  doch,  Fräulein  Else.«  - 
Das  hat  er  nett  gesagt.  Aber  meinen  Arm  brauchte  er  darum  nicht  zu 
berühren.  - »Also,  was gibt‘s  denn  eigentlich,  Fräulein  Ehe?  Was  steht  denn  in 
dem  traurigen  Brief  von  Mama!«  - »Herr  von  Dorsday,  der  Papa«  - Mir 
zittern  die  Knie.  »Die  Mama  schreibt  mir,  daß  der  Papa«  - »Aber  um 
Gottes  willen,  Else,  was  ist  Ihnen  denn?  Wollen  Sie  nicht  lieber  - hier  ist  eine 
Bank.  Darf  ich  Ihnen  den  Mantel  umgeben?  Es  ist  etwas  kühl.«  — »Danke, 
Herr  von  Dorsday,  o,  es  ist  nichts,  gar  nichts  besonderes.«  So,  da  sitze 
ich  nun  plötzlich  auf  der  Bank.  Wer  ist  die  Dame,  die  da  vorüber 
kommt?  Kenn‘  ich  gar  nicht:  Wenn  ich  nur  nicht  weiterreden  müßte. 
Wie  er  mich  ansieht!  Wie  konntest  du  das  von  mir  verlangen,  Papa? 
Das  war  nicht  recht  von  dir,  Papa.  Nun  ist  es  einmal  geschehen.  Ich 
hätte  bis  nach  dem  Diner  warten  sollen.  - »Nun,  Eräulein  Else?«  - Sein 
Monokel  baumelt.  Dumm  sieht  das  aus.  Soll  ich  ihm  antworten?  Ich 
muß  ja.  Also  geschwind,  damit  ich  es  hinter  mir  habe.  Was  kann  mir 
denn  passieren?  Er  ist  ein  Freund  von  Papa.  »Ach  Gott,  Herr  von 
Dorsday,  Sie  sind  ja  ein  alter  Freund  unseres  Hauses.«  Das  habe  ich 
sehr  gut  gesagt.  »Und  es  wird  Sie  wahrscheinlich  nicht  wundern, 
wenn  ich  Ihnen  erzähle,  daß  Papa  sich  wieder  einmal  in  einer  recht 
fatalen  Situation  befindet.«  Wie  merkwürdig  meine  Stimme  klingt. 
Bin  das  ich,  die  da  redet?  Träume  ich  vielleicht?  Ich  habe  gewiß  jetzt 
auch  ein  ganz  anderes  Gesicht  als  sonst.  - »Es  wundert  mich  allerdings 
nicht  übermäßig.  Da  haben  Sie  schon  recht,  liebes  Fräulein  Else,  - wenn  ich  es 
auch  lebhaft  bedauere.«  - Warum  sehe  ich  denn  so  flehend  zu  ihm  auf? 
Lächeln,  lächeln.  Geht  schon.  - »Ich  empfinde  Jur  Ihren  Papa  eine  so  auf- 
richtige Ereundschaft,für  Sie  alle.«  - Er  soll  mich  nicht  so  ansehen,  es  ist 
unanständig.  Ich  will  anders  zu  ihm  reden  und  nicht  lächeln.  Ich  muß 
mich  würdiger  benehmen.  »Nun,  Herr  von  Dorsday,  jetzt  hätten  Sie 
Gelegenheit,  Ihre  Freundschaft  für  meinen  Vater  zu  beweisen.«  Gott 
sei  Dank,  ich  habe  meine  alte  Stimme  wieder.  »Es  scheint  nämlich, 
Herr  von  Dorsday,  daß  alle  unsere  Verwandten  und  Bekannten  - die 
Mehrzahl  ist  noch  nicht  in  Wien  - sonst  wäre  Mama  wohl  nicht  auf 
die  Idee  gekommen.  - Neulich  habe  ich  nämlich  zufällig  in  einem 
Brief  an  Mama  Ihrer  Anwesenheit  hier  in  Martino  Erwähnung  getan 


348 


Fräukin  Else 


- unter  anderm  natürlich.«  »Ick  vermutete  gleich,  Fräulein  Else,  daß  ich  nicht 
das  einzige  Thema  Ihrer  Korrespondenz  mit  Mama  vorstelle. «-  Warum  drückt 
er  seine  Knie  an  meine,  während  er  da  vor  mir  steht.  Ach,  ich  lasse  es 
mir  gefallen.  Was  tut‘s!  Wenn  man  einmal  so  tief  gesunken  ist.  - »Die 
Sache  verhält  sich  nämlich  so.  Doktor  Fiala  ist  es,  der  diesmal  dem 
Papa  besondere  Schwierigkeiten  zu  bereiten  scheint.«  - »Ach,  Doktor 
Fiala.«  - Er  weiß  offenbar  auch,  was  er  von  diesem  Fiala  zu  halten  hat. 
»Ja,  Doktor  Fiala.  Und  die  Summe,  um  die  es  sich  handelt,  soll  am 
fünften,  das  ist  übermorgen  um  zwölf  Uhr  Mittag,  vielmehr,  sie 
muß  in  seinen  Händen  sein,  wenn  nicht  der  Baron  Höning  - ja,  den- 
ken Sie,  der  Baron  hat  Papa  zu  sich  bitten  lassen,  privat,  er  liebt  ihn 
nämlich  sehr.«  Warum  red‘  ich  denn  von  Höning,  das  wär‘  ja  gar 
nicht  notwendig  gewesen.  - »Sie  wollen  sagen,  Else,  daß  andernfalls  eine 
Verhaftung  unausbleiblich  wäre?«-  Warum  sagt  er  das  so  hart?  Ich  antwor- 
te nicht,  ich  nicke  nur.  >Ja.«  Nun  habe  ich  doch  Ja  gesagt.  - »Hm,  das 
ist  ja  - schlimm,  das  ist  ja  wirklich  sehr  - dieser  hochbegabte  geniale  Mensch.  - 
Und  um  welchen  Betrag  handelt  es  sich  denn  eigentlich,  Fräulein  Else?«  - Wa- 
rum lächelt  er  denn?  Er  findet  es  schlimm  und  er  lächelt.  Was  meint 
er  mit  seinem  Lächeln?  Daß  es  gleichgültig  ist  wieviel?  Und  wenn 
er  Nein  sagt!  Ich  bring‘  mich  um,  wenn  er  Nein  sagt.  Also,  ich  soll  die 
Summe  nennen.  »Wie,  Herr  von  Dorsday,  ich  habe  noch  nicht  gesagt, 
wieviel?  Eine  Million.«  Warum  sag‘  ich  das?  Es  ist  doch  jetzt  nicht  der 
Moment  zum  Spassen?  Aber  wenn  ich  ihm  dann  sage,  um  wieviel 
weniger  es  in  Wirklichkeit  ist,  wird  er  sich  freuen.  Wie  er  die  Augen 
aufreißt?  Hält  er  es  am  Ende  wirklich  für  möglich,  daß  ihn  der  Papa 
um  eine  Million  - »Entschuldigen  Sie,  Herr  von  Dorsday,  daß  ich  in 
diesem  Augenblick  scherze.  Es  ist  mir  wahrhaftig  nicht  scherzhaft 
zumute.«  - Ja,  ja,  drück‘  die  Knie  nur  an,  du  darfst  es  dir  ja  erlauben. 
»Es  handelt  sich  natürlich  nicht  um  eine  Million,  es  handelt  sich  im 
ganzen  um  dreißigtausend  Gulden,  Herr  von  Dorsday,  die  bis  über- 
morgen Mittag  um  zwölf  Uhr  in  den  Händen  des  Herrn  Doktor  Fiala 
sein  müssen.  Ja.  Mama  schreibt  mir,  daß  Papa  alle  möglichen  Versu- 
che gemacht  hat,  aber  wie  gesagt,  die  Verwandten,  die  in  Betracht 
kämen,  befinden  sich  nicht  in  Wien.«  - O,  Gott,  wie  ich  mich  ernied- 
rige. - »Sonst  wäre  es  dem  Papa  natürlich  nicht  eingefallen,  sich  an 
Sie  zu  wenden,  Herr  von  Dorsday,  respektive  mich  zu  bitten  -«  - Wa- 
rum schweigt  er?  Warum  bewegt  er  keine  Miene?  Warum  sagt  er  nicht 
Ja?  Wo  ist  das  Scheckbuch  und  die  Füllfeder?  Er  wird  doch  um  Him- 
mels willen  nicht  Nein  sagen?  Soll  ich  mich  auf  die  Knie  vor  ihm  wer- 


349 


Arthur  Schnitzler 


fen?  O Gott!  O Gott  - »Am ßiriflen  sagtm  Sie,  Fräulein  Ehe?«  - Gott  sei 
Dank,  er  spricht.  »Jawohl  übermoi^en,  Herr  von  Dorsday,  um  zwölf 
Uhr  mittags.  Es  wäre  also  nötig  - ich  glaube,  brieflich  ließe  sich  das 
kaum  mehr  erledigen.«  - »J^atürHch  nicht,  Fräulein  Ehe,  das  müßten  wir 
wohl  auf  telegraphischem  Higetr-  >Wir<,  das  ist  gut,  das  ist  sehr  gut.  »Mtn, 
das  wäre  das  wenigste.  Wieviel  sagten  Sie,  Else?«-  Aber  er  hat  es  ja  gehört, 
warum  quält  er  mich  denn?  »Dreißigtausend,  Herr  von  Dorsday.  Ei- 
gentlich eine  lächerliche  Summe.«  Warum  habe  ich  das  gesagt?  Wie 
dumm.  Aber  er  lächelt.  Dummes  Mädel,  denkt  er.  Er  lächelt  ganz 
liebenswürdig.  Papa  ist  gerettet.  Er  hätte  ihm  auch  fünfzigtausend  ge- 
liehen, und  wir  hätten  uns  allerlei  anschaffen  können.  Ich  hätte  mir 
neue  Hemden  gekauft.  Wie  gemein  ich  bin.  So  wird  man.  - »Nicht ganz 
so  lächerlich,  liebes  .föW«-  Warum  sagt  er  >liebes  Kind<?  Ist  das  gut  oder 
schlecht?  - »wie  Sie  sich  das  vorstellen.  Auch  dreißigtausend  Gulden  wollen  ver- 
dient sein.«  - »Entschuldigen  Sie,  Herr  von  Dorsday,  nicht  so  habe  ich 
es  gemeint.  Ich  dachte  nur,  wie  traurig  es  ist,  daß  Papa  wegen  einer 
solchen  Summe,  wegen  einer  solchen  Bagatelle«  - Ach  Gott,  ich  ver- 
hasple mich  ja  schon  wieder.  »Sie  können  sich  gar  nicht  denken,  Herr 
von  Dorsday,  - wenn  Sie  auch  einen  gewissen  Einblick  in  unsere  Ver- 
hältnisse haben,  wie  furchtbar  es  für  mich  und  besonders  für  Mama 
ist«  - Er  stellt  den  einen  Fuß  auf  die  Bank.  SoU  das  elegant  sein  - oder 
was?  - »0,  ich  kann  mir  schon  denken,  liebe  Else.«  - Wie  seine  Stimme 
klingt,  ganz  anders,  merkwürdig.  - »Und  ich  habe  mir  selbst  schon  manches- 
mal gedacht:  schade,  schade  um  diesen  genialen  Menschen.«  - Warum  sagt  er 
>schade<?  Will  er  das  Geld  nicht  hergeben?  Nein,  er  meint  es  nur  im 
allgemeinen.  Warum  sagt  er  nicht  endlich  Ja?  Oder  nimmt  er  das  als 
selbstverständlich  an?  Wie  er  mich  ansieht!  Warum  spricht  er  nicht 
weiter?  Ah,  weil  die  zwei  Ungarinnen  Vorbeigehen.  Nun  steht  er  we- 
nigstens wieder  anständig  da,  nicht  mehr  mit  dem  Fuß  auf  der  Bank. 
Die  Krawatte  ist  zu  grell  für  einen  älteren  Herrn.  Sucht  ihm  die  seine 
Geliebte  aus?  Nichts  besonders  Feines  >unter  uns<,  schreibt  Mama. 
Dreißigtausend  Gulden!  Aber  ich  lächle  ihn  ja  an.  Warum  lächle  ich 
denn?  O,  ich  bin  feig.  »Und  wenn  man  wenigstens  annehmen  düfte,  mein 
liebes  Fräulein  Else,  daß  mit  dieser  Summe  wirklich  etwas  getan  wäre?  Aber- Sie 
sind  doch  ein  so  kluges  Geschöpf,  Else,  was  wären  diese  dreißigtausend  Gulden? 
Ein  Tropfen  auf  einen  heißen  Stein.«—  Um  Gottes  willen,  er  will  das  Geld 
nicht  hergeben?  Ich  darf  kein  so  erschrockenes  Gesicht  machen.  Alles 
steht  auf  dem  Spiel.  Jetzt  muß  ich  etwas  Vernünftiges  sagen  und  ener- 
gisch. »O  nein,  Herr  von  Dorsday,  diesmal  wäre  es  kein  Tropfen  auf 


350 


Fräulein  Else 


einen  heißen  Stein.  Der  Prozeß  Erbesheimer  steht  bevor,  vergessen 
Sie  das  nicht,  Herr  von  Dorsday,  und  der  ist  schon  heute  so  gut  wie 
gewonnen.  Sie  hatten  ja  selbst  diese  Empfindung,  Herr  von  Dorsday. 
Und  Papa  hat  auch  noch  andere  Prozesse.  Und  außerdem  habe  ich 
die  Absicht,  Sie  dürfen  nicht  lachen,  Herr  von  Dorsday,  mit  Papa  zu 
sprechen,  sehr  ernsthaft.  Er  hält  etwas  auf  mich.  Ich  darf  sagen, 
wenn  jemand  einen  gewissen  Einfluß  auf  ihn  zu  nehmen  imstande  ist, 
so  bin  es  noch  am  ehesten  ich.«  - »Sie  sind  ja  ein  rührendes,  ein  entzückendes 
Geschöpf,  Fräulein  Ehe.«-  Seine  Stimme  klingt  schon  wieder.  Wie  zuwi- 
der ist  mir  das,  wenn  es  so  zu  Idingen  anfangt  bei  den  Männern.  Auch 
bei  Fred  mag  ich  es  nicht.  - »Ein  entzückendes  Geschöpf  in  der  Tat.«  - 
Warum  sagt  er  >in  der  Tat<?  Das  ist  abgeschmackt.  Das  sagt  man  doch 
nur  im  Burgtheater.  - »Aber  so  gern  ich  Ihren  Optimismus  teilen  möchte  - 
wenn  der  Karren  einmal  so  verfahren  ist.«  - »Das  ist  er  nicht,  Herr  von  Dors- 
day. Wenn  ich  an  Papa  nicht  glauben  würde,  wenn  ich  nicht  ganz 
überzeugt  wäre,  daß  diese  dreißigtausend  Gulden«  - Ich  weiß  nicht, 
was  ich  weiter  sagen  soll.  Ich  kann  ihn  doch  nicht  geradezu  anbetteln. 
Er  überlegt.  Offenbar.  Vielleicht  weiß  er  die  Adresse  von  Fiala  nicht? 
Unsinn.  Die  Situation  ist  unmöglich.  Ich  sitze  da  wie  eine  arme  Sün- 
derin. Er  steht  vor  mir  und  bohrt  mir  das  Monokel  in  die  Stirn  und 
schweigt.  Ich  werde  jetzt  aufstehen,  das  ist  das  beste.  Ich  lasse  mich 
nicht  so  behandeln.  Papa  soll  sich  umbringen.  Ich  werde  mich  auch 
umbringen.  Eine  Schande  dieses  Leben.  Am  besten  wär‘s,  sich  dort 
von  dem  Felsen  hinunterzustürzen  und  aus  wär‘s.  Geschähe  euch 
recht,  allen.  Ich  stehe  auf.  - »Fräulein  Else«-  »Entschuldigen  Sie,  Herr 
von  Dorsday,  daß  ich  Sie  unter  diesen  Umständen  überhaupt  bemüht 
habe.  Ich  kann  Ihr  ablehnendes  Verhalten  natürlich  vollkommen  ver- 
stehen« - So,  aus,  ich  gehe.  - »Bleiben  Sie,  Fräulein  Else.«  - Bleiben  Sie, 
sagt  er?  Warum  soll  ich  bleiben?  Er  gibt  das  Geld  her.  Ja.  Ganz  be- 
stimmt. Er  muß  ja.  Aber  ich  setze  mich  nicht  noch  einmal  nieder.  Ich 
bleibe  stehen,  als  wär's  nur  für  eine  halbe  Sekunde.  Ich  bin  ein  biß- 
chen größer  als  er.  -»Sie  haben  meine  Antwort  noch  nicht  abgewartet.  Ehe.  Ich 
war  ja  schon  einmal,  verzeihen  Sie,  Else,  daß  ich  das  in  diesem  Zusammenhang 
erwähne«  - Er  müßte  nicht  so  oft  Else  sagen  - »in  der  Lage,  dem  Papa  aus 
einer  Verlegenheit  zu  helfen.  Allerdings  mit  einer  - noch  lächerlicheren  Summe  als 
diesmal,  und  schmeichelte  mir  keineswegs  mit  der  Hoffnung,  diesen  Betrag  jemals 
Wiedersehen  zu  dürfen,  und  so  wäre  eigentlich  kein  Grund  vorhanden,  meine 
Hilfe  diesmal  zu  verweigern.  Und  gar  wenn  ein  junges  Mädchen  wie  Sie,  Else, 
wenn  Sie  selbst  als  Fürbitterin  vor  mich  hintreten  — « - Worauf  will  er  hinaus? 


351 


Arthur  Schnitzler 


Seine  Stimme  >klingt<  nicht  mehr.  Oder  anders!  Wie  sieht  er  mich 
denn  an?  Er  soll  acht  gehenW— »Abo,  Ehe,  ich  bin  bereit  - Doktor  Fiala  soll 
übermorgen  um  zuiölf  Uhr  mittags  die  dreißigtausend  Gulden  haben  - unter  einer 
Bedingung«  - Er  soll  nicht  weiterreden,  er  soll  nicht.  »Herr  von  Dors- 
day,  ich,  ich  persönlich  übernehme  die  Garantie,  daß  mein  Vater  die- 
se Summe  zurückerstatten  wird,  sobald  er  das  Honorar  von  Erbeshei- 
mer  erhalten  hat.  Erbesheimers  haben  bisher  überhaupt  noch  nichts 
gezahlt.  Noch  nicht  einmal  einen  Vorschuß  - Mama  selbst  schreibt 
mir«  - »Lassen  Sie  doch,  Ehe,  man  soll  niemab  eine  Garantie ßir  einen  anderen 
Menschen  übernehmen,  - nicht  einmal  ßir  sieh  selbst.«  - Was  will  er?  Seine 
Stimme  klingt  schon  wieder.  Nie  hat  mich  ein  Mensch  so  angeschaut. 
Ich  ahne,  wo  er  hinaus  will.  Wehe  ihm!  - »Hätte  ich  es  vor  einer  Stunde ßir 
möglich  gehalten,  daß  ich  in  einem  solchen  Falk  überhaupt  mirjemab  einfallen 
lassen  würde,  eine  Bedingung  zu  stellen?  Und  nun  tue  ich  es  doch.  Ja,  Else,  man  ist 
eben  nur  ein  Mann,  und  es  ist  nicht  meine  Schuld,  daß  Sie  so  schön  sind,  Else.«  - 
Was  will  er?  Was  will  er  -?  — »Vielleicht  hätte  ich  heute  oder  morgen  das 
Gkiche  von  Ihnen  erbeten,  was  ich  jetzt  erbitten  will,  auch  wenn  Sie  nicht  eine 
Million,  pardon  - dreißigtausend  Gulden  vor  mir  gewünscht  hätten.  Aber  fieilich, 
unter  anderen  Umständen  hätten  Sie  mir  wohl  kaum  Gelegenheit  vergönnt,  so  lange 
Zeit  unter  vier  Augen  mit  Ihnen  zu  reden.« 

- »O,  ich  habe  Sie  wirklich  allzu  lange  in  Anspruch  genommen,  Herr 
von  Dorsday.«  Das  habe  ich  gut  gesagt.  Fred  wäre  zufrieden.  Was  ist 
das?  Er  faßt  nach  meiner  Hand?  Was  fällt  ihm  denn  ein?  - »Wbsen  Sie 
es  denn  nicht  schon  lange,  Ebe.«- Er  soll  meine  Hand  loslassen!  Nun,  Gott 
sei  Dank,  er  läßt  sie  los.  Nicht  so  nah,  nicht  so  nah.  - »Sie  müßten  keine 
Frau  sein,  Ebe,  wenn  Sie  es  nicht  gemerkt  hätten.  Je  vous  desire.«  - Er  hätte  es 
auch  deutsch  sagen  können,  der  Herr  Vicomte.  - »Muß  ich  noch  mehr 
sagen?«  - »Sie  haben  schon  zu  viel  gesagt,  Herr  Dorsday.«  Und  ich 
stehe  noch  da.  Warum  denn?  Ich  gehe,  ich  gehe  ohne  Gruß.  - »Ebe! 
Ebe!«  - Nun  ist  er  wieder  neben  mir.  - »Verzeihen  Sie  mir,  Ebe.  Auch  ich 
habe  nur  einen  Scherz  gemacht,  geradeso  wie  Sie  vorher  mit  der  Million.  Auch 
meine  Forderung  stelk  ich  nicht  so  hoch  - ab  Sie  gejurchtet  haben,  wie  ich  leider 
sagen  muß,  - so  daß  die  geringere  Sie  vielleicht  angenehm  überraschen  wird.  Bitte, 
bleiben  Sie  doch  stehen,  Ebe.«-  Ich  bleibe  wirklich  stehen.  Warum  denn? 
Da  stehen  wir  uns  gegenüber.  Hätte  ich  ihm  nicht  einfach  ins  Gesicht 
schlagen  sollen?  Wäre  nicht  noch  jetzt  Zeit  dazu?  Die  zwei  Engländer 
kommen  vorbei.  Jetzt  wäre  der  Moment.  Gerade  darum.  Warum  tu‘ 
ich  es  denn  nicht?  Ich  bin  feig,  ich  bin  zerbrochen,  ich  bin  erniedrigt. 
Was  wird  er  nun  wollen  statt  der  Million?  Einen  Kuß  vielleicht?  Dar- 


352 


Fräulein  Ebe 


über  ließe  sich  reden.  Eine  Million  zu  dreißigtausend  verhält  sich  wie 

— Komische  Gleichungen  gibt  es.  - »Wmn  Sie  wirklich  einmal  eine  Mil- 
lion brauchen  solllen,  Ebe,  - ich  bin  zjuar  kein  reicher  Mann,  dann  wollen  wir 
sehen.  Aber ßir  diesmal  will  ich  genügsam  sein,  wie  Sie.  Und för  diesmal  will  ich 
nichts  anderes,  Ebe,  als  - Sie  sehen.«  ~ Ist  er  verrückt?  Er  sieht  mich  doch. 

- Ah,  so  meint  er  das,  so!  Warum  schlage  ich  ihm  nicht  ins  Gesicht, 
dem  Schuften!  Bin  ich  rot  geworden  oder  blaß?  Nackt  willst  du  mich 
sehen?  Das  möchte  mancher.  Ich  bin  schön,  wenn  ich  nackt  bin.  War- 
um schlage  ich  ihm  nicht  ins  Gesicht?  Riesengroß  ist  sein  Gesicht. 
Warum  so  nah,  du  Schuft?  Ich  will  deinen  Atem  nicht  auf  meinen 
Wangen.  Warum  lasse  ich  ihn  nicht  einfach  stehen?  Bannt  mich  sein 
Blick?  Wir  schauen  uns  ins  Auge  wie  Todfeinde.  Ich  möchte  ihm 
Schuft  sagen,  aber  ich  kann  nicht.  Oder  will  ich  nicht?  - »Sie  sehen  mich 
an,  Else,  ab  wenn  ich  verrückt  wäre.  Ich  bin  es  vielleicht  ein  wenig,  denn  es  geht  ein 
Zauber  von  Ihnen  aus,  Ebe,  den  Sie  selbst  wohl  nicht  ahnen.  Sie  müssen  fühlen, 
Ebe,  daß  meine  Bitte  keine  Beleidigung  bedeutet.  Ja,  >Bitte<  sage  ich,  wenn  sie  auch 
einer  Erpressung  zum  Verzweifeln  ähnlich  sieht.  Aber  ich  bin  kein  Erpresser,  ich 
bin  nur  ein  Mensch,  der  mancherlei  Erfahrungen  gemacht  hat,  - unter  andern  die, 
daß  alles  auf  der  Welt  seinen  Preb  hat  und  daß  einer,  der  sein  Geld  verschenkt, 
wenn  er  in  der  Lage  bt,  einen  Gegenwert  dcrfür  zu  bekommen,  ein  ausgemachter 
Narr  ist.  Und  - was  ich  mir  diesmal  kaufen  will,  Ebe,  so  viel  es  auch  bt.  Sie 
werden  nicht  ärmer  dadurch,  daß  Sie  es  verkaufen.  Und  daß  es  ein  Geheimnb 
bleiben  würde  zwischen  Ihnen  und  mir,  das  schwöre  ich  Ihnen,  Ebe,  bä  - bä  all 
den  Reizen,  durch  deren  Enthüllung  Sie  mich  beglücken  würden.«-  Wo  hat  er  so 
reden  gelernt?  Es  klingt  wie  aus  einem  Buch.  - »Und  ich  schwöre  Ihnen 
auch,  daß  ich  - von  der  Situation  keinen  Gebrauch  machen  werde,  der  in  unserem 
Vertrag  nicht  vorgesehen  war.  Mchb  anderes  verlange  ich  von  Ihnen,  ab  eine  Vier- 
tebtunde  dastehen  dürfen  in  Andacht  vor  Ihrer  Schönheit.  Mein  Zimmer  liegt  im 
gleichen  Stockwerk  wie  das  Ihre,  Ebe,  Nummer Jünfundsechzig,  leicht  zu  merken. 
Der  schwedische  Tennisspieler,  von  dem  Sie  heut‘  sprachen,  war  doch  gerade fiinf 
undsechzig  Jahre  alt?«  - Er  ist  verrückt!  Warum  lasse  ich  ihn  weiterre- 
den? Ich  bin  gelähmt.  - »Aber  wenn  es  Ihnen  aus  irgendänem  Grunde  nicht 
paßt,  mich  auf  Zimmer  Nummer fiirrfimdsechzig  zu  besuchen,  Else,  so  schlage  ich 
Ihnen  einen  kleinen  Spaziergang  nach  dem  Diner  vor.  Es  gibt  äne  Lichtung  im 
Walde,  ich  habe  sie  neulich  ganz  zu  entdeckt,  kaum  fünf  Minuten  weit  von  unse- 
rem Hotel.  - Es  wird  eine  wundervolle  Sommernacht  heute,  beinahe  warm,  und 
das  Sternenlicht  wird  Sie  herrlich  kleiden.«-  Wie  zu  einer  Sklavin  spricht  er. 
Ich  spucke  ihm  ins  Gesicht.  ~ »Sie  sollen  mir  nicht  gleich  antworten,  Ebe. 
Überlegen  Sie.  Nach  dem  Diner  werden  Sie  mir  gütigst  Ihre  Entscheidung  kund- 


353 


Arthur  Schnitzler 


tun.«-  Warum  sagt  er  denn  >kundtun<.  Was  für  ein  blödes  Wort:  kund- 
tun. - » Überlegen  Sie  in  aller  Ruhe.  Sie  werden  vielleicht  spüren,  daß  es  nicht 
einfach  ein  Handel  ist,  den  ich  Ihnen  vorschlage.«-  Was  denn,  du  klingender 
Schuft!  - »Sie  werden  möglicherweise  ahnen,  daß  ein  Mann  zu  Ihnen  spricht,  der 
ziemlich  einsam  und  nicht  besonders  glücklich  ist  und  der  vielleicht  einige  Nachsicht 
Affektierter  Schuft.  Spricht  wie  ein  schlechter  Schauspieler. 
Seine  gepflegten  Finger  sehen  aus  wie  Krallen.  Nein,  nein,  ich  will 
nicht.  Warum  sag‘  ich  es  denn  nicht.  Bring*  dich  um,  Papa!  Was  will 
er  denn  mit  meiner  Hand?  Ganz  schlaff  ist  mein  Arm.  Er  führt  meine 
Hand  an  seine  Lippen.  Heiße  Lippen.  Pfui!  Meine  Hand  ist  kalt.  Ich 
hätte  Lust,  ihm  den  Hut  herunter  zu  blasen.  Ha,  wie  komisch  wär* 
das.  Bald  ausgeküßt,  du  Schuft?  - Die  Bogenlampen  vor  dem  Hotel 
brennen  schon.  Zwei  Fenster  stehen  offen  im  dritten  Stock.  Das,  wo 
sich  der  Vorhang  bewegt,  ist  meines.  Oben  auf  dem  Schrank  glänzt 
etwas.  Nichts  liegt  oben,  es  ist  nur  der  Messingbeschlag.  - »Also  auf 
Wiedersehen,  Else.«  - Ich  antworte  nichts.  Regungslos  stehe  ich  da.  Er 
sieht  mir  ins  Auge.  Mein  Gesicht  ist  undurchdringlich.  Er  weiß  gar 
nichts.  Er  weiß  nicht,  ob  ich  kommen  werde  oder  nicht.  Ich  weiß  es 
auch  nicht.  Ich  weiß  nur,  daß  alles  aus  ist.  Ich  bin  halbtot.  Da  geht  er. 
Ein  wenig  gebückt.  Schuft!  Er  fühlt  meinen  Blick  auf  seinem  Nacken. 
Wen  grüßt  er  denn?  Zwei  Damen.  Als  wäre  er  ein  Graf,  so  grüßt  er. 
Paul  soll  ihn  fordern  und  ihn  totschießen.  Oder  Rudi.  Was  glaubt  er 
denn  eigentlich?  Unverschämter  Kerl!  Nie  und  nimmer.  Es  wird  dir 
nichts  anderes  übrig  bleiben,  Papa,  du  mußt  dich  umbringen.  - Die 
Zwei  kommen  offenbar  von  einer  Tour.  Beide  hübsch,  er  und  sie. 
Haben  sie  noch  Zeit,  sich  vor  dem  Diner  umzukleiden?  Sind  gewiß 
auf  der  Hochzeitsreise  oder  vielleicht  gar  nicht  verheiratet.  Ich  werde 
nie  auf  einer  Hochzeitsreise  sein.  Dreißigtausend  Gulden.  Nein,  nein, 
nein!  Gibt  es  keine  dreißigtausend  Gulden  auf  der  Welt?  Ich  fahre  zu 
Fiala.  Ich  komme  noch  zurecht.  Gnade,  Gnade,  Herr  Doktor  Fiala. 
Mit  Vergnügen,  mein  Fräulein.  Bemühen  Sie  sich  in  mein  Schlafzim- 
mer. - Tu  mir  doch  den  Gefallen,  Paul,  verlange  dreißigtausend  Gul- 
den von  deinem  Vater.  Sage,  du  hast  Spielschulden,  du  mußt  dich 
sonst  erschießen.  Gern,  liebe  Kusine.  Ich  habe  Zimmer  Nummer  so- 
undsoviel, um  Mitternacht  erwarte  ich  dich.  O,  Herr  von  Dorsday, 
wie  bescheiden  sind  Sie.  Vorläufig.  Jetzt  kleidet  er  sich  um.  Smoking. 
Also  entscheiden  wir  uns.  Wiese  im  Mondenschein  oder  Zimmer 
Nummer  fünfundsechzig?  Wird  er  mich  im  Smoking  in  den  Wald  be- 
gleiten? 


354 


Kommentar 


/Kommentar 

Die  Novelle  schildert  die  inrwren  Spannungen  und  Ambivalenzen  der 
neunzehnjährigen  Tochter  eines  Advokaten  aus  der  Wiener  »Fin  de 
Siede«- Szenerie.  Wegen  der  Spielschulden  ihres  Vaters  muss  sie  sich 
in  Abhän^gkeit  zu  einem  aMerndm  Lebemann  begeben,  der  diese 
Situation  im  erotischen  Sinne  ausnutzen  will.  Fräuldn  Else  stirbt  kurz  darauf 
wegen  der  erlittenen  Demütigung  durch  Suizid.  Diese  im  Prinzip  verständliche 
Reaktionsweise  ist  vorwiegend  als  Folge  der  besonderen  Moralvorstellungen  der 
damaligen  feit  zu  verstehen,  obendrein  wahrscheinlich  auch  im  Kontext  einer  sehr 
sensiblen  und  labilen  Persönlichkeit. 


355 


I^odor  Dostqjewsky 


Der  Spieler 

aus:  Fjodor  Dostyewsky.  Der  Spieler. 

Aus  den  Aufzekhnimgen  eines  jungen  Mannes. 
Übersetzt  und  herausgegeben  von  Elisabeth  Markstein. 

© 1992  by  Philipp  Reclamjun.  GmbH  & Co.,  Stuttgart 


Einführung 

Fjodor  M.  Dostojewski  (1821-1881),  Sohn  eines  Moskauer 
Armenarztes  und  laut  Nietzsche  der  einzige  Psychologe,  von  dem 
man  etwas  lernen  kann,  zählt  zu  den  bedeutendsten  Roman- 
schriftstellern der  Weltliteratur.  In  seinem  Roman  >Der  Spieler« 
(1867)  thematisiert  und  verarbeitet  der  Autor  seine  eigene  Spielleidenschqft,  die  ihn 
wiederholt  zur  Flucht  vor  seinen  Gläubigern  ins  Ausland  (u.a.  Deutschland) 
zwingt. 

Der  Roman  gilt  als  Musterbeispiel  Jur  die  Darstellung  des  Psychogramms  eines 
Spielsüchtigen.  Dostojeweskij  war  nicht  mir  zeitlebens  von  schwacher  Gesundheit, 
sondern  litt  auch  unter  epileptischen  Ajfallen  (wie  Fürst  Myschkin,  der  Held  seines 
Romanes  »Der  Idiot«,  1868/ 69),  von  denen  er  (ßlschlicherweise)  behauptete,  sie 
seien  erst  nach  seiner  Verurteilung  zum  Tode  und  der  begnadigenden  Verbannung 
nach  Sibirien  (1849)  aufgetreten.  Sein  zxvegähriger  Sohn  Aljoscha  starb  1878  an 
Epilepsie.  Dostojewskij  selbst  erlag  1881  in  Sankt  Petersburg  den  Folgen  eines 
Lungenleidens.  Dem  öffentlichen  Trauerzug faxten  sechzigtausend  Menschen. 

Weitefuhrende  Literatur: 

Birgit  Harreß:  Dostojewskis  Romane.  Interpretaüonen.  Reclam  2005 


356 


Der  Spieler 


Der  Spieler 

Die  Großmutter  befand  sich  in  ungeduldiger  und 
gereizter  Gemütsverfassung;  es  war  ihr  anzuse- 
hen, daß  sich  das  Roulette  in  ihrem  Kopf  festge- 
setzt hatte.  Sie  fand  für  nichts  anderes  Interesse 
und  war  überhaupt  sehr  zerstreut.  Auch  gab's 
kein  neugieriges  Fragen  unterwegs,  ganz  anders 
als  noch  einige  Stunden  zuvor.  Wohl  hob  sie  die 
Hand,  als  eine  überaus  prunkvolle  Kutsche  an 
uns  vorbeijagte,  und  wollte  wissen,  wer  das  sei, 
doch  meiner  Antwort  hörte  sie,  scheint‘s,  nicht  mehr  zu;  ihre  Nach- 
denklichkeit wurde  in  einem  fort  von  schroffen  und  ungeduldigen 
Gesten  und  Ausfällen  unterbrochen.  Und  als  ich  ihr,  schon  fast  beim 
Kurhaus,  von  weitem  Baron  und  Baronin  Wurmerheim  zeigte,  sah  sie 
nur  flüchtig  hin  und  murmelte  ein  völlig  gleichgültiges  »Aha!«,  drehte 
sich  rasch  zu  Potapytsch  und  Marfa  hinter  uns  um  und  fauchte; 

»Was  zottelt  ihr  uns  nach?!  Soll  ich  euch  am  Ende  jedesmal  mitneh- 
men? Nach  Hause  mit  euch!  Mir  reicht  schon  deine  Begleitung«,  füg- 
te sie,  an  mich  gewandt,  hinzu,  nachdem  die  beiden  mit  einer  eiligen 
Verbeugung  kehrtgemacht  hatten. 

Im  Kurhaus  wurde  die  Großmutter  bereits  erwartet.  Sofort  machte 
man  für  sie  den  alten  Platz  frei,  jenen  neben  dem  Croupier.  Ich  glau- 
be, daß  diese  allemal  steifen  und  manierlichen  Croupiers,  die  sich  den 
schlichten  Anschein  von  Amtspersonen  geben,  denen  es  beinahe  egal 
ist,  ob  die  Bank  gewinnt  oder  verliert  - daß  sie  in  Wahrheit  gar  nicht 
so  gleichgültig  gegenüber  den  Verlusten  der  Bank  sind  und  zweifels- 
ohne ihre  Instruktionen  hinsichtlich  der  Spielerbetreuung  und  Wah- 
rung geschäftlicher  Interessen  haben,  wofür  sie  gewißlich  auch  Prä- 
mien und  Auszeichnungen  einstecken.  Die  Großmutter  jedenfalls  war 
bereits  als  Opferlämmchen  auserkoren.  Danach  geschah,  was  die 
Unsrigen  vorausgesagt  hatten. 

Und  zwar  so: 

Die  Großmutter  stürzte  sich  geradezu  auf  das  Zero  und  ließ  mich  von 
Anbeginn  jedesmal  zwölf  Friedrichsdor  darauf  setzen.  Einmal,  zwei- 
mal, dreimal  - kein  Zero.  »Weiter,  weiter«,  stieß  mich  die  Großmutter 
ungeduldig  an.  Ich  gehorchte. 

»Wie  oft  haben  wir  gesetzt?«  fragte  sie  endlich,  vor  Ungeduld  mit  den 
Zähnen  knirschend. 


357 


Ijodor  Dostyewskg 


»Zwölfmal  schon,  Großmutter.  Hundertvierundvierzig  Friedrichsdor 
sind  dahin.  Glauben  Sie  mir,  Großmutter,  bis  zum  Abend  wird  wohl 
. . .« 

»Schweig!«  unterbrach  sie.  »Setze  auf  Zero  und  auch  noch  tausend 
Gulden  auf  Rot.  Da  hast  du  ...« 

Das  Rot  kam,  aber  das  Zero  war  abermals  geplatzt;  sie  erhielt  tausend 
Gulden. 

»Siehst  du,  siehst  du!«  zischelte  die  Großmutter.  »Fast  alles  ist  wieder 
zurück.  Setze  wieder  auf  Zero,  wir  wollen‘s  noch  zehnmal  versuchen, 
und  dann  ist  Schluß.« 

Doch  beim  fünften  Mal  war‘s  die  Großmutter  leid. 

»Schick  das  verfluchte  Zero  zum  Teufel.  Da  hast  du,  setz  viertausend 
Gulden  auf  Rot«,  befahl  sie. 

»Großmutter!  Es  ist  zuviel;  was,  wenn  Rot  nicht  kommt?«  flehte  ich; 
beinah  hätte  sie  mich  geschlagen.  (Im  übrigen  stieß  sie  mich  dauernd 
so  heftig  in  die  Seite,  daß  man‘s  durchaus  als  Hiebe  verstehen  konnte.) 
Was  sollte  ich  tun?  Ich  setzte  alle  am  Vormittag  gewonnenen  viertau- 
send Gulden  auf  Rot.  Die  Kugel  rollte.  Die  Großmutter  saß  ruhig 
und  stolz  aufgerichtet  da,  nicht  im  geringsten  am  Erfolg  zweifelnd. 
»Zero«,  verlautete  der  Croupier. 

Zunächst  begriff  die  Großmutter  nicht,  doch  als  sie  sah,  wie  der 
Croupier  ihre  viertausend  Gulden  samt  allem,  was  sonst  am  Tisch 
lag,  einkassierte,  als  sie  erfuhr,  daß  das  Zero,  das  so  lange  auf  sich 
warten  gelassen  und  fast  zweihundert  Friedrichsdor  unsres  Einsatzes 
verschlungen  hatte,  wie  zum  Fleiß  gerade  jetzt,  nachdem  sich  die 
Großmutter  schimpfend  von  ihm  abgewandt  hatte,  gekommen  war, 
schlug  sie  mit  einem  laut  vernehmlichen  Aufstöhnen  die  Hände  zu- 
sammen. 

»Gott  im  Himmel!  Das  verflixte  Ding  mußte  just  jetzt  kommen!« 
brüUte  die  Großmutter.  »Vermaledeite  Null!  Du,  du  bist  schuld!«  fiel 
sie  wütend  über  mich  her.  »Du  hast's  mir  ausgeredet.« 

»Großmutter,  ich  hab  Ihnen  zur  Vernunft  geraten,  wie  soll  ich  für  alle 
Chancen  haften?« 

»Papperlapapp,  ich  werd's  dir  schon  zeigen!«  zischte  sie  drohend. 
»Fort  mit  dir!« 

»Leben  Sie  wohl,  Großmutter.«  Ich  machte  Anstalten,  mich  zurück- 
zuziehen. 

»Alexej  Iwanowitsch,  Alexej  Iwanowitsch,  wohin  willst  du  denn?  Ach 
bleib  doch!  Was  denn?  Bist  gar  böse?  Dummkopf!  Na,  bleib  schon. 


358 


Der  Spieler 


bleib,  und  ärgere  dich  nicht,  bin  selbst  ein  dummes  Weibsbild!  Sag 
mir  lieber,  was  wir  jetzt  tun  solln?« 

»Ich  will  Ihnen  keinen  Rat  geben,  Großmutter,  weil  Sie  mir  hernach 
Vorwürfe  machen.  Spielen  Sie  aus  eignem;  Sie  befehlen  - ich  setze.« 
»Schon  gut,  schon  gut.  Wieder  viertausend  Gulden  auf  Rot!  Da  hast 
du  meine  Brieftasche,  nimm.«  Sie  zog  das  Geld  hervor  und  reichte  es 
mir.  »Na,  nimm  schon,  es  sind  zwanzigtausend  Rubel  in  Scheinen 
drin.« 

»Großmutter«,  flüsterte  ich,  »solche  Einsätze  . . . 

»Daß  mich  der  Blitz  trifft  - ich  will  alles  zurückgewinnen.  Setze!«  Wir 
setzten  und  verloren. 

»Setze,  setze,  die  ganzen  achttausend!« 

»Das  geht  nicht,  Großmutter,  viertausend  ist  der  Höchsteinsatz  . . .« 
»Dann  nimm  viertausend!« 

Diesmal  gewannen  wir.  Großmutters  Gesicht  hellte  sich  auf.  »Siehst 
du,  siehst  du!«  stieß  sie  mich  an.  »Nimm  nochmals  vier!« 

Wir  setzten  und  verloren.  Verloren  immer  wieder. 

»Großmutter,  die  ganzen  zwölftausend  sind  futsch«,  meldete  ich. 

»Ich  seh‘s  Ja  selbst«,  sagte  sie  - wie  soll  ich  es  ausdrücken?  - gefaßt 
und  ruhig  vor  Wut.  »Ich  sehe,  mein  Lieber,  ich  sehe«,  murmelte  sie 
mit  stierem  Blick  und  scheinbar  ganz  in  Gedanken.  »Naja,  auf  Teufel 
komm  raus  - setze  nochmals  viertausend  Gulden!« 

»'s  ja  kein  Geld  mehr  übrig,  Großmutter,  in  der  Brieftasche  sind 
Wertpapiere  und  irgendwelche  Überweisungen,  bloß  kein  Geld.« 
»Und  in  der  Börse?« 

»Nur  Kleingeld,  Großmutter.« 

»Gibt‘s  hier  Wechselstuben?«  fragte  sie  kurz  entschlossen. 

»Man  hat  mir  gesagt,  sie  nehmen  alle  unsre  Papiere  zum  Wechseln.« 
»O,  soviel  Sie  wollen.  Aber  was  Sie  beim  Wechseln  verlieren,  darüber 
würde  sich  selbst  ein  Jud  grausen!« 

»Unsinn!  Ich  gewinn‘s  ja  zurück!  Los!  Ruf  diese  Tölpel  herbei!« 

Ich  schob  sie  vom  Tisch  weg,  die  Träger  erschienen,  und  wir  verlie- 
ßen die  Spielsäle.  »Schneller,  schneller!«  kommandierte  die  Groß- 
mutter. »Zeig  ihnen  den  Weg,  Alexej  Iwanowitsch,  etwas  in  der  Nähe. 
Ist‘s  weit?« 

»Sind  gleich  da,  Großmutter.« 

Als  wir  jedoch  in  die  Allee  einbogen,  kam  uns  die  ganze  Partie  entge- 
gen: der  General,  des  Grieux,  Mademoiselle  Blanche  samt  Mütter- 
chen. Polina  Alexandrowna  war  nicht  dabei,  auch  Mister  Astley  fehlte. 


359 


Fjodor  Dostqjewskij 


»He,  he,  nicht  stehenbleiben«,  rief  die  Großmutter.  »Was  gibt‘s  denn? 
Hab  keine  Zeit  für  euch!« 

Ich  ging  hinter  ihr,  des  Grieux  sprang  auf  mich  zu. 

»Sie  hat  alles  vom  Vormittag  verspielt  und  zwölftausend  Gulden 
dazu.  Jetzt  sind  wir  auf  dem  Weg,  die  Wertpapiere  einzuwechseln«, 
raunte  ich  ihm  hastig  zu. 

Des  Grieux  stampfte  auf  und  stürzte  mit  der  Neuigkeit  zum  General. 
Wir  schoben  die  Großmutter  an. 

»Halt,  halt!«  flüsterte  mir  der  General  außer  sich  zu. 

»Versuchen  Sie  mal,  sie  aufzuhalten«,  flüsterte  ich  zurück. 
»Tantchen!  Tantchen!  ...«  Seine  Stimme  zitterte  und  brach.  »Wir 
wollten  . . . wollten  eben  . . . Pferde  mieten  und  ins  Grüne  fahren  . . . 
Ein  herrlicher  Ausblick  ...  die  Aussichtswarte  . . . wir  wollten  gerade 
zu  Ihnen,  Sie  einladen.« 

»Ach,  laß  mich  mit  deinem  Ausblick!«  Die  Großmutter  winkte  un- 
gnädig ab. 

»Dort  ist  ein  Dorf  ...  Wir  werden  eine  Jause  ...  « fuhr  der  General 
vollends  verzweifelt  fort. 

»Nous  boirons  du  lait,  sur  l'herbe  fraiche«,  fügte  des  Grieux  mit  zäh- 
neknirschender Wut  hinzu. 

Du  lait,  de  l'herbe  fraiche  - das  ist,  was  sich  ein  Pariser  Bourgeois  als 
Idylle  vorstellt;  seine  allseits  bekannte  Auffassung  von  »la  nature  et  la 
verite.« 

»Ach,  laß  mich  mit  deiner  Milch  in  Frieden!  Sauf  sie  selbst,  ich  krieg 
Bauchgrimmen  davon.  Und  rückt  mir  überhaupt  vom  Leib«,  brüllte 
die  Großmutter.  »Sagte  ich  nicht,  daß  wir‘s  eilig  haben?« 
»Angekommen,  Großmutter«,  schrie  ich.  »Wir  sind  da!« 

Wir  waren  an  einem  Haus  angelangt,  in  dem  sich  eine  Bank  befand. 
Ich  ging  wechseln;  die  Großmutter  wartete  vor  dem  Eingang;  des 
Grieux,  der  General  und  Mademoiselle  Blanche  standen  abseits,  un- 
entschlossen, was  sie  tun  sollten.  Die  Großmutter  warf  ihnen  einen 
zornigen  Blick  zu,  worauf  sie  sich  in  Richtung  Kurhaus  in  Bewegung 
setzten. 

Mir  wurde  in  der  Bank  ein  so  lausiges  Angebot  gemacht,  daß  ich 
zögerte  und  zurückging,  um  von  Großmutter  Anweisungen  zu  erbit- 
ten. 

»So  eine  Räuberbande!«  schrie  sie  und  schlug  die  Hände  zusammen. 
»Naja,  macht  nichts!  Geh  nur  . . . Nein,  halt,  hol  mir  den  Direktor  raus!« 
»'s  sind  nur  Angestellte  da,  Großmutter.« 


360 


Der  Spieler 


»Na  dann  einen  Angestellten,  ist  egal.  So  eine  Räuberbande!« 

Als  ich  drinnen  verlautete,  daß  eine  alte,  geschwächte  und  gehbehin- 
derte Gräfin  vor  der  Tür  wartete,  erklärte  sich  ein  Angestellter  bereit, 
herauszukommen.  Die  Großmutter  erging  sich  lange  in  zornigen  und 
lauten  Beschuldigungen,  nannte  ihn  einen  Gauner  und  verhandelte 
in  einem  Mischmasch  von  Russisch,  Französisch  und  Deutsch,  wobei 
ich  bei  der  Übersetzung  helfen  mußte.  Der  gestrenge  Angestellte  sah 
von  einem  zum  andren  und  schüttelte  stumm  den  Kopf.  Die  Groß- 
mutter musterte  er  sogar  mit  geradezu  penetranter  Neugier,  es  war 
bereits  unhöflich;  schließlich  feixte  er. 

»Dann  verschwinde!«  rief  die  Großmutter.  »Erstick  an  meinem  Geld! 
Wechsle  bei  ihm,  Alexej  Iwanowitsch.  Wenn  wir  Zeit  hätten,  könnten 
wir's  anderswo  versuchen  ...« 

»Er  sagt,  woanders  kriegen  wir  noch  weniger.« 

Ich  erinnere  mich  nicht  mehr  genau,  wieviel  man  uns  abknöpfte,  aber 
es  war  schrecklich.  Ich  bekam  zwölftausend  Florin  in  Gold  und  Bank- 
noten, nahm  die  Quittung  und  trat  zur  Großmutter  hinaus. 

»Na  schön,  brauchst  nicht  nachzählen«,  winkte  sie  mit  beiden  Hän- 
den. »Schnell,  schnell  zurück!« 

»Ich  will  nie  wieder  auf  das  verfluchte  Zero  setzen  und  auf  Rot  auch 
nicht«,  sagte  sie,  als  wir  uns  dem  Kurhaus  näherten. 

Diesmal  bemühte  ich  mich  aus  Kräften,  ihr  weiszumachen,  daß  sie 
zunächst  wenig  setzen  möge,  da  es  im  Falle  einer  Glückswende  noch 
immer  Zeit  war,  größere  Einsätze  zu  placieren.  Doch  sie  war  so  unge- 
duldig, daß  sie  zwar  fürs  erste  zustimmtc,  sich  aber  während  des 
Spiels  nicht  und  nicht  bremsen  ließ.  Kaum  begann  sie  Einsätze  von 
zehn,  zwanzig  Friedrichsdor  zu  gewinnen,  stieß  sie  mich  sofort  an: 
»Siehst  du!  Siehst  du!  Wir  gewinnen.  Hätten  bloß  viertausend  statt 
zehn  setzen  müssen  - und  viertausend  wären  gewonnen,  nicht  so  wie 
jetzt.  Du,  nur  du  bist  schuld!« 

Und  so  sehr  mich  ihr  Spiel  auch  ärgerte,  beschloß  ich  schließlich,  den 
Mund  zu  halten  und  ihr  keine  Ratschläge  mehr  zu  geben. 

Plötzlich  trat  des  Grieux  zu  uns.  Sie  hatten  alle  drei  in  der  Nähe  ge- 
standen; ich  bemerkte,  daß  sich  Mademoiselle  Blanche  samt  Mütter- 
chen etwas  abseits  hielt  und  mit  dem  kleinen  Fürsten  flirtete.  Der 
General  war  eindeutig  in  Ungnade  gefallen,  geradezu  mit  Bann  be- 
legt. Blanche  mochte  ihn  nicht  mal  ansehen,  obwohl  er  um  sie 
scharwenzelte  und  aus  der  Haut  fuhr,  ihr  zu  gefallen.  Der  arme  Gene- 
ral! Er  erbleichte,  er  errötete,  er  erbebte  und  beachtete  nicht  einmal 


361 


Fjodor  Dostqjewskij 


mehr  Großmutters  Spiel.  Blanche  und  der  Fürst  verließen  schließlich 
den  Saal,  der  General  trottete  ihnen  nach. 

»Madame,  Madame«,  flötete  des  Grieux,  der  sich  bis  zu  Großmutters 
Ohr  vorgezwängt  hatte.  »Madame,  so  man  nicht  setzt  . . . nein,  nein, 
nicht  möglich  ...«  radebrechte  er  auf  russisch.  »Njet!« 

»Wie  denn?  Bring‘s  mir  htJt  bei!«  gab  die  Großmutter  zurück.  Des 
Grieux  begann  plötzlich  hastig  schnell  auf  französisch  zu  sprechen, 
gab  Ratschläge,  unter  anderem  den,  auf  eine  bessere  Chance  zu  war- 
ten, drehte  sich  ungeduldig  dahin  und  dorthin,  rechnete  ihr  etwas  vor 
. . . , die  Großmutter  verstand  gar  nichts.  Er  wandte  sich  jeden  Augen- 
blick zu  mir,  auf  daß  ich  übersetzte;  deutete  mit  dem  Finger  auf  den 
Tisch;  schnappte  schließlich  einen  Bleistift  und  kritzelte  Zahlen  auf 
ein  Stück  Papier.  Die  Großmutter  verlor  schließlich  die  Geduld. 
»Geh  mir  aus  den  Augen!  Nichts  als  dummes  Geplapper.  Madame, 
Madame  - aber  verstehn  tut  er  rein  gar  nichts!  Fort!« 

»Mais,  Madame«,  zwitscherte  des  Grieux  und  hob  wiederum  an  zu 
stoßen  und  zu  deuten.  Die  Sache  setzte  ihm  doch  sehr  zu. 

»Na,  mach  mal,  wie  er‘s  sagt«,  befahl  mir  die  Großmutter,  »wir  wer- 
den ja  sehen:  vielleicht  klappt's  wirklich.« 

Des  Grieux  wollte  sie  lediglich  von  den  großen  Einsätzen  abbringen: 
er  schlug  vor,  auf  Zahlen  zu  spielen,  einzeln  und  kombiniert.  Ich  setz- 
te nach  seinen  Anweisungen  je  einen  Friedrichsdor  auf  einige  Impair 
aus  dem  ersten  Dutzend  und  je  fünf  Friedrichsdor  auf  Zahlengrup- 
pen in  Pair;  insgesamt  machte  es  sechzehn  Friedrichsdor. 

Die  Kugel  rollte.  »Zero«,  schrie  der  Croupier.  Wir  hatten  alles  verloren. 
»Hohlkopf!«  herrschte  die  Großmutter  des  Grieux  an.  »Fieser  Franz- 
mann, der  du  bist.  Ratschläge  will  er  geben,  der  Halsabschneider. 
Mach,  daß  du  fortkommst!  Versteht  keinen  Deut  und  gibt  groß  an!« 
Aufs  tiefste  gekränkt,  zog  des  Grieux  die  Schultern  hoch,  warf  der 
Großmutter  einen  kurzen  Blick  zu  und  ging.  Es  dauerte  ihn  bereits 
selbst,  sich  dreingemischt  zu  haben;  die  Versuchung  war  zu  groß  ge- 
wesen. 

Nach  einer  Stunde  hatten  wir,  so  sehr  wir  auch  dagegen  anrannten, 
alles  verloren. 

»Nach  Hause!«  kommandierte  die  Großmutter. 

Bis  zur  Allee  sagte  sie  kein  Wort.  In  der  Allee  dann  und  schon  kurz  vor 
dem  Hotel  brachen  Verwünschungen  aus  ihr  hervor. 

»Hat  man  schon  eine  solche  Idiotin  gesehen!?!  Ein  solches  altes,  altes 
blödes  Weibsbild!?« 


362 


Der  Spieler 


r 

Kaum  waren  wir  in  ihrem  Appartement  angelangt,  ließ  sie  Tee  auf- 
tragen und  sofort  zu  packen  beginnen.  »Wir  fahren!« 

[•••] 

O ja,  mitunter  kann  sich  einem  der  wildeste,  der  scheinbar  unmög- 
lichste Gedanke  so  stark  im  Gehirn  festsetzen,  daß  man  ihn  schließ- 
lich erfüllbar  glaubt  . . . Mehr  noch;  Wenn  sich  die  Idee  mit  einem 
mächtigen,  leidenschaftlichen  Wollen  vereint,  nimmt  man  sie  bald  als 
etwas  Fatales  an,  etwas,  was  notwendig  und  vorausbestimmt  ist,  als 
etwas  unbedingt  zu  Geschehendes!  Vielleicht  fügt  sich  noch  anderes 
hinzu,  eine  Kombination  von  Ahnungen,  eine  ungewöhnliche  Wil- 
lensanstrengung, die  Selbstvergiftung  durch  die  eigene  Phantasie 
oder  noch  etwas  - ich  weiß  es  nicht;  wie  immer,  mir  war  an  diesem 
Abend  (den  ich  mein  Leben  lang  nicht  vergessen  werde)  Wunderbares 
geschehen.  Obgleich  ganz  und  gar  durch  die  Arithmetik  begründbar, 
bleibt  es  für  mich  bis  heute  wunderbar.  Von  woher  denn,  von  woher 
kam  damals  diese  Sicherheit,  die  sich  so  tief  und  seit  so  langer  Zeit  in 
mir  festgesetzt  hatte?  Und  ich  versichere  Ihnen  nochmals:  Ich  habe 
darin  wahrhaftig  nicht  eine  Episode  gesehen,  die  sich  neben  mehre- 
ren anderen  ereignet  (folglich  geschehen  kann  oder  auch  nicht),  son- 
dern als  etwas  Besonderes,  was  sich  ereignen  muß\ 

Es  war  viertel  nach  zehn;  ich  betrat  das  Kurhaus  mit  einer  so  festen 
Hoffnung  und  zugleich  einer  solchen  Erregung,  wie  ich  sie  noch  nie 
erfahren  hatte.  In  den  Spielsälen  tummelte  sich  noch  reichlich  viel 
Publikum,  allerdings  halb  soviel  wie  vormittags. 

Nach  zehn  Uhr  bleiben  an  den  Spieltischen  die  wahren,  die  verbisse- 
nen Spieler  zurück,  für  sie  besteht  das  Kurbad  allein  aus  dem  Rou- 
lette, dem  zuliebe  sie  allein  hergekommen  sind,  und  sie  nehmen  kaum 
wahr,  was  um  sie  herum  geschieht,  und  haben  während  der  ganzen 
Saison  für  nichts  anderes  Interesse  als  für  das  Spiel  von  früh  bis  spät, 
das  sie  gerne,  wäre  dies  bloß  möglich,  die  ganze  Nacht  lang  bis  zum 
Morgengrauen  fortsetzen  würden.  Und  nur  widerwillig  brechen  sie 
auf,  wenn  um  zwölf  die  Säle  geschlossen  werden.  Und  sobald  der 
Chefcroupier  kurz  vor  der  Sperrstunde  sein  »Les  trois  derniers  coups, 
messieurs«  kundtut,  sind  sie  gerüstet,  bei  diesen  letzten  drei  Spielen 
auch  mal  alles  zu  setzen,  was  sie  in  der  Tasche  haben  - und  eben  dann 
wird  am  meisten  verloren.  Ich  steuerte  auf  den  Tisch  zu,  an  dem  die 
Großmutter  gesessen  hatte,  und  konnte,  weil‘s  kein  Gedränge  gab, 
rasch  einen  Platz  - stehend  - am  Tisch  ergattern.  Direkt  vor  mir 
stand  auf  dem  grünen  Tuch  das  Wort  »Passe«  geschrieben.  Das  Wort 


363 


J^odor  Dostojewskij 


»Passe«  bedeutet  die  Zahlenreihe  von  neunzehn  bis  einschließlich 
sechsunddreißig.  Die  erste  Reihe  hingegen,  von  eins  bis  einschließlich 
achtzehn,  heißt  Manque.  Allein  - was  kümmerte  es  mich?  Ich  kalku- 
lierte nicht,  hatte  nicht  mal  gehört,  auf  welche  Zahl  die  Kugel  vorher 
gefallen  war,  und  fragte  nicht  danach,  als  ich  das  Spiel  begann,  wie  es 
jeder  auch  nur  ein  bißchen  kalkulierende  Spieler  getan  hätte.  Ich  zog 
meine  zwanzig  Friedrichsdor  aus  der  Tasche  und  warf  sie  auf  das 
Passe  vor  mir. 

»Vingt-deux«,  verlautbarte  der  Croupier. 

Ich  hatte  gewonnen  und  setzte  abermals  das  ganze,  das  frühere  Geld 
und  den  Gewinn,  ein. 

»Trente-et-un«,  rief  der  Croupier.  Wieder  gewonnen!  Ich  besaß  so- 
mit bereits  achtzig  Friedrichsdor!  Ich  schob  alle  achtzig  auf  das  mitt- 
lere Dutzend  (dreifacher  Gewinn,  aber  eine  Chance  gegen  zwei)  - die 
Scheibe  drehte  sich,  die  Kugel  fiel  auf  vierundzwanzig.  Mir  wurden 
drei  Bündel  zu  fünfzig  Friedrichsdor  und  zehn  Goldmünzen  zugeteilt; 
alles  in  allem  fand  ich  mich  als  Besitzer  von  zweihundert  Friedrichs- 
dor wieder. 

Ich  war  wie  von  Fieber  geschüttelt  und  schob  den  ganzen  Haufen 
Geld  auf  Rot  - und  kam  plötzlich  zur  Besinnung!  Ein  einziges  Mal  an 
diesem  Abend,  bei  diesem  Spiel,  fuhr  mir  kalter  Schrecken  durch  die 
Glieder  und  ließ  Hände  und  Beine  erzittern.  Mit  Entsetzen  wurde 
mir  plötzlich  bewußt,  was  es  für  mich  jetzt  bedeuten  würde,  zu  verlie- 
ren! Der  Einsatz  war  mein  Leben! 

»Rouge!«  verlautete  der  Croupier  - und  ich  konnte  wieder  atmen, 
spürte  ein  feuriges  Prickeln  am  ganzen  Körper.  Man  zahlte  mir  Bank- 
noten aus;  somit  waren  es  bereits  viertausend  Florin  und  achtzig 
Friedrichsdor!  (Da  vermochte  ich  noch  mitzuzählen.) 

Danach  setzte  ich,  wie  ich  mich  erinnere,  zweitausend  Florin  wieder 
auf  das  mittlere  Dutzend  - und  verlor;  setzte  mein  Gold  und  achtzig 
Friedrichsdor  - und  verlor.  Wut  packte  mich:  Ich  schnappte  die  übri- 
gen letzten  zweitausend  Florin  und  setzte  auf  das  erste  Dutzend,  ein- 
fach so,  auf  gut  Glück,  ohne  lange  zu  überlegen!  Nein,  doch:  es  gab 
einen  Augenblick  des  Wartens,  der  vielleicht  - Eindruck  vom  Ein- 
druck - mit  dem  zu  vergleichen  ist,  was  Madame  Blanchard  emp- 
fand, als  sie  damals  in  Paris  mit  dem  Luftballon  zur  Erde  stürzte. 
»Quatre!«  rief  der  Croupier.  Wieder  besaß  ich  samt  dem  Vorigen 
sechstausend  Florin.  Schon  blickte  ich  in  Siegerpose  um  mich,  schon 
fürchtete  ich  nichts,  aber  auch  gar  nichts  mehr,  und  warf  viertausend 


364 


Der  Spieler 


/ 

Florin  auf  Schwarz.  Gut  ein  halbes  Dutzend  Spieler  beeilten  sich,  mir 
gleichzutun,  und  setzten  ebenfalls  auf  Schwarz.  Die  Croupiers  war- 
fen sich  Blicke  zu  und  tuschelten.  Die  Umsitzenden  unterhielten  sich 
und  warteten. 

Es  kam  Schwarz.  Von  nun  an  erinnere  ich  mich  an  nichts  mehr,  we- 
der an  meine  Kalkulationen  noch  an  die  Reihenfolge  der  Einsätze. 
Ich  erinnere  mich  lediglich  wie  im  Traum,  daß  ich  bereits  etwa  sech- 
zehntausend Florin  gewonnen  hatte,  ehe  ich  durch  dreimal  Pech  auch 
schon  wieder  zwölftausend  verlor;  danach  setzte  ich  die  letzten  vier- 
tausend auf  Passe  (kaum  etwas  dabei  empfindend;  ich  wartete  bloß, 
stumpf,  ohne  einen  Gedanken  im  Kopf)  - und  gewann  wieder;  da- 
nach gewann  ich  abermals,  viermal  hintereinander.  Ich  erinnere 
mich  nur,  daß  ich  das  G(dd  zu  Tausenden  an  mich  zog;  erinnere  mich 
noch,  daß  am  häufigsten  das  mittlere  Dutzend  kam,  das  ich  mir  denn 
auch  zu  eigen  machte.  Es  kam  irgendwie  regelmäßig,  immerzu  drei- 
bis  viermal  hintereinander,  blieb  danach  zweimal  aus  und  tauchte 
wieder  auf  - drei-,  viermal.  Derlei  Regelmäßigkeit  beobachtet  man 
mitunter  in  Serien,  und  eben  dadurch  werden  notorische  Spieler, 
jene,  die  mit  dem  Bleistift  in  der  Hand  Berechnungen  anstellen,  ver- 
wirrt. Und  was  für  grausame  Streiche  einem  das  Schicksal  hier 
manchmal  spielt! 

Ich  glaube,  seit  meiner  Ankunft  war  nicht  mehr  als  eine  halbe  Stunde 
vergangen.  Plötzlich  teilte  mir  der  Croupier  mit,  daß  ich  dreißig- 
tausend Florin  gwonnen  hatte  und  das  Roulette,  weil  die  Bank  für 
nicht  mehr  als  einmal  hafte,  bis  morgen  früh  geschlossen  werde.  Ich 
verstaute  mein  Gold  in  der  Tasche,  packte  alle  Banknoten  und  mach- 
te mich  unverzüglich  zu  einem  anderen  Roulettetisch  in  einem  an- 
deren Saal  auf;  die  ganze  Meute  lief  mir  nach;  dort  wurde  wiederum 
ein  Platz  für  mich  freigemacht,  und  ich  legte  los,  ohne  zu  überlegen, 
ohne  zu  rechnen.  Ich  verstehe  nicht,  wie  ich  da  heil  davongekommen 
bin! 

Im  übrigen  flackerten  in  meinem  Kopf  manchmal  doch  so  was  wie 
rechnerische  Überlegungen  auf  Ich  hielt  mich  an  bestimmte  Zahlen 
und  Chancen,  ließ  sie  jedoch  bald  wieder  fallen  und  setzte  von  neuem 
aufs  Geratewohl.  Ich  muß  sehr  zerstreut  gewesen  sein;  weiß  noch, 
daß  die  Croupiers  mehrmals  Fehler  von  mir,  grobe  Fehler,  korrigier- 
ten. Meine  Schläfen  waren  schweißnaß,  die  Hände  zitterten.  Immer 
wieder  drängte  sich  diensteifrig  das  Polengelichter  an  mich  heran, 
doch  ich  hörte  auf  niemand.  Das  Glück  riß  nicht  ab!  Plötzlich  kam 


365 


Fjodor  Dostqjewskij 


rundum  lautes  Gemurmel  und  Gelächter  auf.  »Bravo!  Bravo!« 
schrien  alle,  manch  einer  klatschte  gar  in  die  Hände.  Ich  habe  auch 
hier  dreißigtausend  Florin  eingeheimst,  und  die  Bank  wurde  wieder 
bis  morgen  geschlossen. 

»Schluß,  machen  Sie  Schluß!«  flüsterte  mir  eine  Stimme  von  rechts 
ins  Ohr.  Es  war  ein  Frankfurter  Jude,  er  hatte  die  ganze  Zeit  neben 
mir  gestanden  und  mir,  glaub  ich,  manchmal  beim  Spielen  geholfen. 
»Um  Himmels  willen,  machen  Sie  Schluß«  flüsterte  mir  eine  andere 
Stimme  ins  linke  Ohr.  Ich  sah  kurz  hin.  Es  war  eine  äußerst  beschei- 
den und  züchtig  gekleidete  Dame  um  die  dreißig,  mit  einem  krank- 
haft blassen,  müden  Gesicht,  das  jedoch  durchaus  erahnen  ließ,  wie 
wunderbar  schön  es  früher  gewesen  sein  mußte.  Ich  war  eben  dabei, 
das  Gold  vom  Tisch  aufzuklauben  und  mir  die  Taschen  mit  hastig 
zusammengeknüllten  Banknoten  voUzustopfen.  Als  ich  beim  letzten 
Bündel  mit  fünfzig  Friedrichsdor  ankam,  gelang  es  mir,  das  Geld  ganz 
unauffällig  der  blassen  Dame  zuzustecken;  ich  hatte  ein  ganz  starkes 
Verlangen  damals,  dies  zu  tun,  und  weiß  noch,  wie  ihre  zarten,  dün- 
nen Finger  zum  Zeichen  tiefster  Dankbarkeit  meine  Hand  drückten. 
Es  dauerte  nicht  länger  als  einen  Augenblick. 

Sobald  alles  eingesammelt  war,  machte  ich  mich  zum  Trente-et-qua- 
rante  auf 

Beim  Trente-et-quarante  spielt  das  erlauchte  Publikum.  Es  ist  etwas 
anderes  als  Roulette,  es  sind  Karten.  Hier  haftet  die  Bank  für  hun- 
derttausend Taler  auf  einmal.  Der  Höchsteinsatz  ist  ebenfalls  mit 
viertausend  Florin  festgesetzt.  Ich  kannte  mich  bei  diesem  Spiel  und 
den  Einsätzen  überhaupt  nicht  aus,  wußte  nur  von  Rot  und  Schwarz, 
die  es  auch  dabei  gab.  Daran  hielt  ich  mich  denn  auch.  Alles,  was 
noch  im  Kurhaus  war,  drängte  sich  um  mich.  Ich  weiß  nicht,  ob  ich 
während  der  ganzen  Dauer  auch  nur  einmal  an  Polina  dachte.  Ich 
erfuhr  damals  den  unüberwindlichen  Genuß  am  Geldnehmen  und 
Geldeinstecken  - die  Banknoten  türmten  sich  vor  mir  auf 
Wahrhaftig,  es  war,  als  drängte  mich  mein  Schicksal  an  den  Tisch. 
Diesmal  ereignete  sich  wie  absichtlich  ein  Vorkommnis,  wie  es  im  üb- 
rigen recht  oft  beim  Spielen  passiert.  Da  wählt  sich  die  Fortüne  sagen 
wir  Rot  aus  und  bleibt  zehn-,  ja  fünfzehnmal  hintereinander  dabei. 
Schon  vor  zwei  Tagen  hörte  ich,  daß  es  in  der  Vorwoche  zwanzigmal 
hintereinander  Rot  gegeben  hat;  es  wurde  mit  Verwunderung 
herumerzählt.  Klarerweise  wendet  sich  alsbald  alles  vom  Rot  ab, 
nach  dem  zehnten  Mal  gibt  es  kaum  noch  jemanden,  der  darauf  zu 


366 


Der  Spieler 


setzen  wagt.  Doch  auch  auf  Schwarz,  den  Widerpart  des  Rot,  werden 
erfahrene  Spieler  nicht  setzen.  Ein  erfahrener  Spieler  weiß,  was  er 
von  dieser  »Laune  des  Zufalls«  zu  halten  hat.  Man  sollte  doch  bei- 
spielsweise meinen,  daß  nach  sechzehnmal  Rot  beim  siebzehnten 
Mal  unbedingt  Schwarz  kommen  müsse.  Neulinge  stürzen  sich  en 
masse  darauf,  verdoppeln  und  verdreifachen  die  Einsätze  - und  ver- 
lieren haushoch. 

Ich  aber  folgte  einer  seltsamen  Laune  und  hängte  mich  absichdich 
ans  Rot,  nachdem  es  siebenmal  gekommen  war.  Ich  bin  überzeugt, 
daß  eine  gute  Portion  Eitelkeit  mit  dabei  war;  die  Zuschauer  sollten 
meinen  wahnwitzigen  Wagemut  bewundern.  Und  dann,  o seltsames 
Empfinden,  ich  erinnere  mich  genau,  bemächtigte  sich  meiner  plötz- 
lich ein  schrecklich  starkes  und  wirklich  durch  keinerlei  Eitelkeit 
hervorgerufenes  Verlangen,  einen  großen  Coup  zu  wagen.  Mag  sein, 
daß  die  Seele  nach  einer  solchen  Kette  von  Empfindungen  nicht  ge- 
sättigt wird,  sondern  nur  gereizt  und  nach  immer  neueren  und  stärke- 
ren Empfindungen  verlangt,  ehe  am  Ende  die  vollkommene  Erschöp- 
fung eintritt.  Glauben  Sie  mir,  's  ist  wahr:  Wenn  es  die  Spielregeln 
erlaubt  hätten,  fünfzigtausend  Florin  auf  einmal  zu  setzen  - ich  hätte 
cs  zweifellos  getan.  Von  rundherum  wurde  mir  zugerufen,  es  sei 
Wahnsinn,  und  Rot  käme  bereits  zum  vierzehnten  Mal! 

»Monsieur  a gagne  dejä  Cent  mille  florins«,  vernahm  ich  eine  Stimme 
neben  mir. 

Plötzlich  kam  ich  zur  Besinnung.  Wie?  Ich  habe  an  diesem  Abend 
hunderttausend  Florin  gewonnen!  Ja  wozu  brauche  ich  mehr?  Ich 
beugte  mich  über  die  Banknoten,  stopfte  sie,  ohne  zu  zählen,  in  die 
Tasche,  raffte  mein  ganzes  Gold  und  alle  Geldbündel  auf  und  stürzte 
zum  Ausgang.  Alles  lachte,  als  ich  durch  die  Säle  ging:  mit  prallvollen 
Taschen  und  wankenden  Schritts  — wegen  des  Goldgewichts,  gut  ein 
halbes  Pud  wird  es  gewesen  sein.  Etliche  Hände  streckten  sich  mir 
entgegen;  ich  teilte  aus,  soviel  ich  auf  einmal  greifen  konnte.  Zwei 
Juden  hielten  mich  am  Ausgang  an. 

»Sie  sind  kühn!  Sehr  kühn«,  sagten  sie,  »aber  beeilen  Sie  sich  abzurei- 
sen, morgen  früh,  möglichst  zeitig,  sonst  verspielen  Sie  alles. . .« 


367 


Kommentar 


/Kommentar 

Bei  dem  Textemzug  aus  dem  Roman  »Der  Spieler»  von  Dostojews- 
kij  wird  in  geradezu  paradigmatischer  Weise  die  Spielsucht  zweier 
Personen  geschildert  und  insbesondere  das  Süchtige  des  Verhaltens, 
dargestellt  an  zwei  verschiedenen  Protagonisten,  herausgearbeitet. 
Der  Roman  beschreibt  die  vielen  Facetten  der  Spielsucht  mit  den  finanziellen  und 
sozialen  Konsequenzen  einer  nicht  kontrollierten  Spielsucht  und  deren  Faszination 
und  Gefahren  fir  die  davon  Befallenen.  Die  Spielsucht  wird  zusammen  mit  dem 
pathologischen  Stehlen  (Kleptomanie)  und  der  pathologischen  Brandstiftung  (Pyro- 
manie) unter  die  übergeordnete  Kategorie  »abnorme  Gewohnheiten  und  Störungen 
der  Impulskontrolle»  gefasst.  Das  gemeinsame  Merkmal  dieser  Störungen  ist  das 
wiederholte,  vollständige  oder  teilweise  Versagen  der  »willentlichen»  Kontrolle  eines 
dranghafien  Impulses.  Durch  das  resultierende  Verhalten  kommt  es  meist  zur  Schä- 
digungen der  eigenen  Person  oder  anderer. 

Die  heute  noch  gebräuchliche  Bezeichnung  ßir  eine  Störung  der  Impubkontrolle 
(Kleptomanie,  Pyromanie)  ging  auf  das  Konzept  der  so  genannten  (instinktiven) 
Monomanien  zurück,  das  besonders  in  der französbchen  Psychiatrie  des  vorletzten 
Jahrhunderts  vertreten  wurde.  Dieser  Bezeichnung  lag  die  Vorstellung  zugrunde, 
dass  die  Psyche  dabei  in  nur  einem  Punkt  krankhaft  verändert  sei,  während  Urteib- 
vermögen  und  gefihbmäßige  Sckwingungsfdhigkeiten  ansonsten  erhalten  bleiben. 
Das  Hauptmerkmal  des  pathokfischen  Spielens  bt  eine  chronuche  Unfähigkeit, 
der  Versuchung  zu  Glücksspielen  und  anderem  Spielverhalten  zu  widerstehen.  Die 
Triebfeder  zum  Spielen  bt  dabei  nicht  der  Wunsch  nach  Freizeitgestaltung.  Auch 
die  Chance  auf  einen  finanzbllen  Gewinn  bt  eher  sekundär.  Im  Vordergrund  ste- 
hen vblmehr  du  Anspannung  und  Erregung,  du  mit  dem  Spulen  verbunden  sind. 
Die  Störung  webt  viele  Ähnlichkeiten  mit  süchtigem  Verhalten  auf  So  kommt  es 
mebtens  zu  einer  Steigerung  der  Einsätze  oder  einer  ^unahrru  der  Spulhäufigkeit, 
um  weiterhin  du  gewünschte  Erregung  zu  erreichen.  Ruhelosigkeit  oder  Reizbarkeit 
treten  auf,  wenn  nicht  gespult  werden  kann.  Wiederholte  Versuche,  das  Spielen 
einzuschränken  oder  zu  beenden,  mbslingen  in  der  Regel.  Häufige  Folgen  dieses 
Verhaltens  sind  totale  Verschuldung,  gestörte  Familienverhältnbse,  Vernachlässi- 
gung beruflicher  Tätigkeiten  sowie  gegebenenfalls  strqßare  Handlungen,  um  Geld 
für  das  Spielen  zu  beschaffen.  Die  Häufigkeit  des  pathologbchen  Spulens  scheint 
deutlich  höher  zu  sein  als  die  der  aruieren  rStörungen  der  Impulskontrollei.  Größere 
Studien  geben  eine  Häufigkeit  zwbchen  1 bb  3 Prozent  in  der  Erwachsenenbevöl- 
kerung an.  Heute  steht  dabei  unter  den  Arten  des  Glücksspielens  das  Spulen  an 
einem  Geldspielautomaten  bei  weitem  im  Vordergrund.  Die  Jahl  der  behandlungs- 
bedüftigen  Glücksspuler  dürfte  in  Deutschland  bei  ca.  100.000  liegen. 


368 


Gerhard  Roth 


Das  Labyrinth 

aus:  Gerhard  Roth.  Das  Labyrinth. 

© 2005  by  S.  Fischer  Verlag  GmbH,  Frankfurt  am  Main 


Einführung 

Der  österreichische  Schrifisteller,  Dramatiker  und  Filmemacher 
Gerhard  Roth  Qahrgang  1942),  Sohn  eines  Argtes,  studierte 
Medizin,  war  dann  Angestellter  im  Rechenzentrum  von  Graz  and 
lebt  seit  1978  als freier  Autor.  Er  erhielt  zahlreiche  namhafte  Li- 
teraturpreise und  arbeitet  in  fast  obsessiv  zu  nennender  Art  und  Weise  an  einem 
riesigen  epischen  Kosmos,  in  dessen  Zentrum  nicht  nur  die  Geschichte  Österreichs 
steht,  sondern  alle  denkbaren  Abgründe  und  Verwerfungen  der  menschlichen 
Psyche. 

Krankheit,  Medizin  und  Psychiatrie  durchziehen  Roths  Erzählkosmos  ebenso  ar- 
tistisch wie  leitmotivisch  thematisch,  woba  der  Autor  immer  wieder  neu  versucht, 
auch  experimentelle  Erzählweisen  als  adäquate  Formen  für  die  epische  Vergegen- 
wärtigung dieses  hochkomplexen  und  heterogenen  Themenkreises  auf  deren  Eig- 
nung hin  zu  reflektieren.  Zu  Roths  Hauptwerken  zählt  »Der  Wille  zur  Krankheit« 
(1973),  »Landläufiger  Tod«  (1984),  der  1991  abgeschlossene  siebenbändige  Zy- 
klus »Die  Archive  des  Schweigens«  sowie  der  ebenfalb  siebenteilige  Zyklus  »Orkus«, 
von  dem  mittlerweile  mit  »Das  Labyrinth«  (2005)  sechs  Bücher  vorliegen. 

Am  Anfang  des  Romanes  »Das  Labyrinth«  steht  - nach  einem  Motto  aus  Tsche- 
chows Novelle  »Krankenzimmer  6«  - im  Prolog  und  Krankenbericht  der  Verdacht 
des  Psychiaters  Heinrich  Pollanzy,  Leiter  der  Anstalt  zu  Gugging,  sein  pyromani- 
scher  Patient  Philipp  Stourzh  könne  die  Wiener  Hofiurg  in  Brand  gesetzt  haben. 
Damit  beginnt  eine  erzählerische  Odyssee  auf  der  stets  changierenden  Grenze  zwi- 
schen Wahn  und  Wirklichkeit,  die  durch  halb  Europa  und  quer  durch  hbtorische 
Epochen  führt.  Dabei  werden  die  konventionellen  Grenzen  des  Romangenres  so  oft 
ausgeweitet  und  schließlich  gesprengt,  bu  sich  der  Leser  einem  kaum  mehr  über- 
und durchschaubaren  Kompendium  von  Kunst,  Religion,  Geschichte,  vor  allem  aber 
eben  auch  von  Psychiatrie  und  nicht  auslotbarer  menschlicher  Seelenpein  ausgesetzt 
sieht. 


369 


Gerhard  Roth 


Weiterßhrende  Literatur: 

Uwe  Wittstock:  Gerhard  Roth.  Materialien  zu  »Die  Archive  des  Schweigens.« 
S.  Fischer  1992 

Das  Labyrinth 

Prolog 

Krankenbericht 

aMein  Name  ist  Heinrich  Pollanzy.  Als  Psychiater 
und  Leiter  der  Anstalt  Gugging  bin  ich  es  ge- 
wohnt, seltsame  Lebensläufe  und  Ansichten  zu 
hören.  Meinen  ehemaligen  Patienten  und  heuti- 
gen PflegegehUfen  Philipp  Stourzh  kenne  ich  seit 
mehr  als  fünfzehn  Jahren.  Er  wurde  mit  einem 
epileptischen  Anfall  in  meine  Abteilung  eingelie- 
fert, der  auf  den  Schuß  aus  einem  Flobertgewehr 
zurückzuführen  war.  Das  Projektil  war  in  den 
Hinterkopf  des  Patienten  eingedmngen  und,  ohne  das  Gehirn  zu  ver- 
letzen, in  einem  Bogen  unter  der  knöchernen  Schädeldecke  bis  zur 
Nasenwurzel  gelangt. 

Auf  der  Röntgenaufnahme  ist  das  steckengebliebene  Geschoß  deut- 
lich zu  erkennen.  Hunderte  Ärzte  haben  es  auf  Kongressen  gesehen. 
Die  Neurologen  sind  sich  jedoch  darüber  einig,  daß  eine  Operation 
ausgeschlossen  ist,  da  die  Gefährlichkeit  eines  Eingriffes  in  keinem 
Verhältnis  zum  Resultat  steht.  Zudem  ist  der  Status  quo  für  den  Pati- 
enten nicht  bedrohlich.  Jedenfalls  konnten  keine  Anzeichen  festge- 
stellt werden,  daß  das  Projektil  wandert,  und  auch  der  epileptische 
Anfall  blieb  ein  einmaliges  Ereignis. 

Die  Erinnerung  an  den  Unfall  ist  vollständig  aus  dem  Gedächtnis  des 
Patienten  gelöscht. 

Philipp  Stourzh  hatte  seinen  Vater,  einen  Sportschützen,  in  das  Über- 
schwemmungsgebiet an  der  Donau  begleitet  und  auf  der  Zielscheibe, 
wie  er  es  immer  tat,  gerade  die  Treffer  abgelesen,  als  sich  aus  dem 
Flobertgewehr  der  verhängnisvolle  Schuß  löste. 

Der  unglückliche  Vater  hatte  bis  vor  kurzem  das  größte  Briefmarken- 
geschäft von  Wien  besessen,  in  dem  Philipp  sechs  Jahre  nach  dem 
Ereignis  einen  Brand  legte,  der  aber  keinen  großen  Schaden  verur- 
sachte und  daher  von  den  Eltern  vertuscht  wurde.  Sie  bestanden  je- 


370 


Das  Labyrinth 


doch  auf  einer  therapeutischen  Behandlung  ihres  Sohnes,  aus  der 
sich  ein  gewisses  Nahverhältnis  zwischen  Philipp  und  mir  entwickelte. 
Ich  fand  heraus,  daß  er  schon  seit  seiner  Pubertät  ein  heftiges  pyro- 
manisches  Verlangen  verspürte. 

Wann  immer  sich  die  Gelegenheit  ergab,  »zündelte«  er  an  der  Alten 
Donau.  Dabei  trug  er  eine  Flugtasche  der  Austrian  Airlines  aus  rotem 
Kunststoff  mit  sich,  in  die  er  alte  Zeitungen,  Kartonstücke  und  eine 
Flasche  Petroleum  gestopft  hatte.  Am  Ufer  eines  versteckten  Ne- 
benarmes legte  er  dann  Feuer.  Der  pyromanische  Drang  steht  also 
nicht  in  Zusammenhang  mit  dem  Kopfschuß.  Ich  halte  Philipps  Be- 
sessenheit vielmehr  für  das  Ergebnis  von  unterdrücktem  Haß  auf  die 
eigene  Familie.  Er  warf  seinen  Eltern  vor,  daß  ihr  Briefmarkenge- 
schäft vom  Großvater  Johann  Stourzh  nach  dem  Einmarsch  Hitlers 
in  Österreich  dem  jüdischen  Eigentümer  geraubt  worden  sei.  Johann 
war  ein  sogenannter  »Illegaler«  gewesen,  das  heißt  Mitglied  der 
NSDAP,  als  sie  in  Österreich  verboten  war.  Nach  der  Verschleppung 
des  jüdischen  Besitzers,  der  später  in  Dachau  ermordet  wurde,  hatte 
er  das  Geschäft  mit  seltenen  und  kostbaren  Postwertzeichen  wie  der 
British  Guiana  IC  aus  dem  Jahr  1856,  der  Bayerischen  Schwarzen  Einser 
mit  Mühlradstempd  »3 1 7«  und  der  schwarzen  One  Penny  mit  Malteserstem- 
pel zugesprochen  erhalten.  Sein  Großvater  log  später,  daß  es  sich  bei 
den  Raritäten  um  Fälschungen  gehandelt  hätte,  die  er  nach  der 
»Übernahme«  des  Geschäftes  in  den  Ofen  geworfen  habe.  Ich  führe 
Philipps  versuchte  Brandstiftung  auf  diesen  Vorfall  zurück  und  auch 
seine  pyromanische  Leidenschaft,  die  etwas  mit  Rache  zu  tun  hat, 
denn  sein  Vater  hat  ihm  stets  eine  Antwort  auf  die  Frage,  woher  der 
Reichtum  der  Familie  komme,  verweigert.  Außerdem  war  Johann 
Stourzh  in  die  »beschlagnahmte«  Wohnung  des  jüdischen  Besitzers 
eingezogen  und  hatte  dessen  Bücher,  Ölbilder,  Silbergeschirr  und 
Teppiche  geraubt,  die  er  seinem  einzigen  Sohn  Adolf  weitervererbt 
hatte. 

Ich  vermittelte  Philipp  als  Therapie  gegen  seine  pyromanische  Lei- 
denschaft in  den  Sommerferien  an  eine  Feuerversicherung  (ein  ris- 
kantes Experiment,  wie  ich  zugebe),  wo  er  in  der  Schadensabteilung 
aushalf  Dort  lernte  er  Wolfgang  Unger  kennen.  Unger  ist  von  Beruf 
Restaurator  im  Kunsthistorischen  Museum  und  arbeitet  nur  ne- 
benbei als  Fotograf  für  Brandschäden.  Er  zeigte  Philipp  das  Archiv 
mit  über  700  Ordnern,  von  dem  Stourzh  so  fasziniert  war,  daß  er 
stundenlang  Akten  und  Fotografien  studierte.  Noch  immer  fuhr  er  an 


371 


Kommentar 


die  Alte  Donau,  um  alles  mögliche  anzuzünden  und  Zigaretten  zu 
rauchen.  Unger  zeigte  auch  mir  die  ungewöhnliche  Sammlung  von 
Aufnahmen  ausgebrannter  Wohnungen  und  verkohlter  Leichen,  Rui- 
nen von  Gebäuden  und  verrußter  Autowracks.  Auf  die  Frage,  warum 
die  vom  Feuer  beschädigten  und  zerstörten  Gegenstände  auch  ein- 
zeln fotografiert  würden,  Kleidungsstücke,  Möbel,  Uhren,  Flaushalts- 
geräte,  Bücher,  Bilder,  Füllhalter  oder  Brillen,  erklärte  er,  dies  sei  not- 
wendig, um  die  Höhe  des  Schadensersatzes  zu  bestimmen. 


Kommentar 

Der  kurzf  Auszug  am  der  Geschichte  von  Roth  »Das  Labyrinth« 
beschreibt  eine  Pyromanie,  ihre  möglichen  biographischen  Hinter- 
gründe und  einen  ungewöhnlichen  Therapieversuch.  Die  pyromanen 
Verhaltensmuster  Philipps  teten  schon  im  Kindesalter  auf  und 
werden  u.a.  ab  das  Ergebnu  von  unterdrücktem  Hass  auf  die  eigene  Familie  inter- 
pretiert. 

Bei  der  Ifromanü  handelt  es  sich  um  eine  krankhafte  Störung,  bei  der  wiederholt 
vorsätzlich  Feuer  gelegt  wird.  Die  Paßenten  sind  in  der  Regel  von  Feuer  und  damit 
zusammenhängenden  Situationen  stark  fasziniert.  The  Brandstiflung  erfolgt,  zu- 
mindest oberflächlich  betrachtet,  nicht  am  Wut,  Rache  oder  um  bestimmte  fiele 
durchzusetzen.  Das  Legen  von  Feuer  bt  mit  einer  intensiven  Spannung  und  Erre- 
gung, teilweise  mit  Vergnügen  und  Brfriedigung  verbunden.  Obgleich  das  Feuerle- 
gen aus  der  Unfähigkeit  resultiert,  einem  Impub  zu  widerstehen,  können  dem  Feu- 
erlegen dennoch  eventuell  sogar  unrfangreiche  Vorbereitungen  vorangehen.  Personen 
mit  dieser  Störung  werden  häufig  ab  regelmäßige  »Beobachter«  angetroffen,  wenn  es 
in  ihrer  JVachbarschaß  brennt  Oft  geben  sie fabchen  Alarm  oder  zeigen  auffälliges 
Interesse  an  der  Feuerbekämpfung.  Die  Faszination  an  allem,  was  mit  Feuer  zu  tun 
hat,  kann  einige  Betroffene  sogar  dazu  bringen,  im  Rahmen  der  freiwilligen  Feuer- 
wehr tätig  zu  sein.  Den  Folgen,  die  am  ihrer  Brandstiftungßir  das  Leben  oder  den 
Besitz  anderer  Menschen  resultieren,  stehen  sie  ofl  gleichgültig  gegenüber.  Die  Stö- 
rung beginnt  gewöhnlich  in  der  Kindheit  und  verläuft  periodbch  mit  Exazerbatio- 
nen mebt  während  Krbensituationen.  Die  patholoßsche  Brandstiftung  (Pyroma- 
nie) ist  auf  die  Allgemeinbevölkerung  bezogen  zwar  eine  seltene  Störung,  unter 
Brandstiftern  bt  sie  jedoch  relativ  häufig  anzutrrffen. 


372 


Leopold  Günther-Scimerin 


Der  Kleptomane 

aus:  Leopold  Günther-Schwerin.  Der  Kleptomane. 

© 2002  by  Achilla  Presse  Verlagsbuchhandlung,  Hamburg,  Bombay,  Friesland 


Einführung 

Der  Autor  Leopold  Karl  Gustav  Günther-Schwerin  (1865  bis 
1945)  ist  ein  Unbekannter.  Daher  kann  hier  nur  referiert  werden, 
was  die  ebenso  verdienstvolle  wie  liebevoll  gestaltete  Ausgabe  von 
»Der  Kleptomane«  der  Achilla  Presse  vermerkt. 

Diesen  Angaben  zufolge  besuchte  der  in  Hamburg  geborene  Günther-Schwerin 
1885  bis  1888  die  Kunstakademie  in  Düsseldorf  und  lebte  seit  1893  als  akade- 
mischer Kunstmaler  und  Bildhauer  in  Wiesbaden,  fwischen  1891  und  1903 
fanden  Ausstellungen  seiner  Werke  in  Berlin  und  Wiesbaden  statt.  Er  war  Mitbe- 
gründer der  Renten-  und  Pensionsarutalt Jur  deutsche  bildende  Künstler  und  betä- 
tigte sich  unter  dem  .Namen  Leopold  von  Schwerin  auch  als  Schriftsteller  (»Chris- 
tentum und  Spiritismus  und  die  Gleichartigkeit  ihrer  Beweise«,  1895).  Sein  Er- 
zählungsband »Wahr  oder  Wahn?  Seltsame  Geschichten«  erschien  1910  in  einem 
Wiesbadener  Kleinverlag  und  wurde  kaum  wahrgenommen.  Man  weiß  außerdem, 
dass  der  Künstler  mit  Emilie  Pfefferkorn  verheiratet  war. 

Die  Literaturkritikerin  Kristina  Maidt- finke  schreibt  in  der  Süddeutschen  feitung 
vom  1 0.  Mai  2003,  es  handle  sich  bei  »Der  Kleptomane«  um  eine  Geschichte,  die 
»irgendwo  zwischen  Krimi,  Krankenakte  und  Kleinstadtsatire  irrlichtert  und  stilis- 
tisch mal  mehr,  mal  weniger  elegant  am  Sonntagsschreibertum  vorbeischrammt, 
unter  Verwendung  vieler  expressionistischer  Gedankenstriche«. 

Gelegentlich  ist  in  Literatenkreisen  auch  die  These  zu  hören,  Günther- Schwerin  sei 
ein  Pseudonym  (von  wem?),  oder  der  Autor  sei  in  Wirklichkeit  eine  hübsche  Fik- 
tion. Mit  Karl  Valentin  formuliert:  »Mchts  Genaues  weiß  man  nicht.« 

Weiterjuhrende  Literatur: 

Fehlanzeige 


373 


Leopold  Günther-Schwerin 


Der  Kleptomane 


»Mit  seiner  Verhaftung  hörten  alle  jene  rätsel- 
haften,  unbegreiflichen  Diebstähle  in  unserer 
Stadt  auf«  - Beweis  genug,  hieß  es,  daß  er,  wenn 
man  auch  die  Brillanten  nicht  bei  ihm  gefunden 
hatte,  der  Täter  gewesen  sein  mußte,  mit  einem 
Raffinement  und  einer  Fingerfertigkeit  begabt, 
V die  kein  Gegenstück  in  der  modernen  Verbre- 

cherwelt  fand  - und  das  will  was  heißen! 

Es  handelte  sich  um  Brillanten  von  größerem 
Wert,  nur  solche  ließ  der  Herr  verschwinden,  und  wie  sich  unsere 
Goldschmiede  und  Juweliere  auch  zu  schützen  suchten,  es  gelang  die- 
sem Meisterdieb  doch,  diese  oder  jene  Steine  an  sich  zu  bringen.  Si- 
milibrillanten  wußte  er,  scheinbar  auf  den  ersten  Blick,  als  solche  zu 
erkennen.  Man  stellte  ihm  Fallen  damit,  aber  er  fiel  nicht  darauf  her- 


Man  versah  Türen  und  Auslagekasten  mit  elektrischer  Leitung,  ein 
IClingelzeichen  verkündete  ihre  Berührung.  Sogar  die  wertvollen 
Schmuck  enthaltenden  Kästchen  wurden  auf  diese  Weise  gesichert, 
schon  die  geringste  Verminderung  des  Gewichtes  eines  Schmuckes 
hätte  genügt,  die  Klingel  in  Bewegung  zu  setzen  - alles  das  half  kurze 
Zeit,  doch  in  dem  Maße,  wie  das  Gefühl  der  Sicherheit  zunahm  und 
die  Wachsamkeit  sich  dagegen  abschwächte,  begannen  die  Diebstäh- 
le aufs  neue  und  blieben  jahrelang  an  der  Tagesordnung.  Unsere  Poli- 
zei war  außer  sich,  wurde  sie  doch  zum  Gespött  des  Publikums,  der 
Nachbarstädte,  ja  des  ganzen  Landes! 

Von  auswärts  kamen  Privatdetektive  - aber  auch  ihre  Kunst  scheiter- 


te an  der  Geschicklichkeit  des  Diamantendiebes,  der  sich  nicht  scheu- 
te, sogar  in  Gesellschaften  und  auf  Bällen  der  oberen  Zehntausend 
sein  Gewerbe  zu  treiben  - wenigstens  schob  man  seiner  Tätigkeit  die 
bei  solchen  Gelegenheiten  vielleicht  verlorenen  Schmuckstücke  in  die 
Schuhe,  wie  sich  denn  auch  schon  eine  Legende  um  die  Person  des 
Diebes  zu  ranken  begann. 

[•■■] 

Jedenfalls  aber  war  er  - soweit  man  ihn  in  der  Öffentlichkeit  kannte  - 
ein  harmloser  Mensch,  ein  großer  Tierfreund,  der  keinem  etwas  zu- 
leide tat.  In  punkto  Weiber,  überhaupt  irgendeines  dahin  zielenden 
Gefühls,  schien  er  ein  vollkommenes  Neutrum  zu  sein.  Gleich  kon- 


374 


Der  Kleptomane 


ventionell  höflich  und  phrasenhaft  gegen  Frauen  wie  Männer  - auch 
letzteren  keine  stärkere  Zuneigung  beweisend,  wie  manche  Leute  wis- 
sen wollten. 

Seine  Mutter  war,  wie  gesagt,  als  reiche  Frau  stadtbekannt,  hielt  Pfer- 
de und  Wagen,  Dienerschaft,  gab  große  Gesellschaften,  kurz,  sie  führ- 
te ein  Leben,  wie  es  einer  Dame  von  Stand  zukam.  Wo  sie  in  einen 
Laden  trat,  wurde  sie  mit  Freude  begrüßt  und  mit  ausgesuchtester 
Flöflichkeit  bedient,  denn  ihr  Besuch  bedeutete  stets  ein  gutes  Ge- 
schäft. 

Ihr  Sohn  also  - Fritzchen  -,  wie  er  trotz  seiner  3 1 Jahre  von  groß  und 
klein,  hoch  und  gering  genannt  wurde,  erschien  also  eines  Nachmit- 
tags vor  der  Auslage  Nathans  und  betrachtete  den  dort  alles  beherr- 
schenden Brillantschmuck  mit  scheinbar  größtem  Interesse,  während 
der  Eigentümer  in  seinem  Versteck  wie  eine  Kreuzspinne  auf  ihr 
Opfer  lauerte. 

Als  er  Fritzchen  sah,  begann  sein  Gesicht  sich  in  schmunzelnde  Falten 
zu  legen,  und  viel  hätte  nicht  gefehlt,  so  wäre  er  - wie  er  später  nicht 
oft  genug  erzählen  konnte  — hinausgeeilt  und  hätte  den  »jungen 
Herrn  Baron«  - er  nannte  ihn  selbstverständlich  nur  andern  gegen- 
über Fritzchen  - in  den  I^den  komplimentiert.  Aber  er  beherrschte 
sich  und  gab  diesem  Impuls  zu  seinem  und  seiner  Kollegen  Glück, 
wie  wir  sehen  werden,  nicht  nach. 

Währenddessen  betrachtete  Fritzchen  den  Schmuck  weiter  mit  gro- 
ßen Augen.  - Seine  Augen  waren  überhaupt  etwas  hervorgequollen  - 
gestielt,  wie  man  es  nennt  - und  von  einem  eigentümlichen  Ausdruck, 
den  man  mit  dem  Wort  verschwommen  bezeichnen  konnte,  aber  das 
war  nicht  ganz  richtig  - sie  waren  vielmehr  denen  der  Hypnotisierten 
gleich,  sie  besaßen  etwas  Vages,  Unbestimmtes,  In-sich-Gekehrtes  - 
ja  es  ist  schwer,  ihren  Ausdruck  zu  beschreiben! 

Voller  Freude  bemerkte  nun  Nathan,  daß  Fritzchens  Augen  immer 
größer  zu  werden  schienen,  immer  stierer,  daß  er  den  Schmuck  or- 
dentlich mit  den  Augen  verschlang  und  sich  dabei  die  Nase  an  der 
Scheibe  platt  drückte!  - Das  bedeutete  vielleicht  den  Verkauf  des  Ge- 
schmeides an  die  Frau  Mama,  zumindest  ihren  Besuch  im  Geschäft  - 
und  das  war  auch  schon  etwas,  dabei  blieb  dann  immer  etwas  hän- 
gen! 

So  kalkulierte  Nathan,  als  er  plötzlich  zusammenfuhr!  War‘s  ihm 
doch  gewesen,  als  sei  - ganz  leise  - das  Klingelzeichen  ertönt,  welches 
unter  dem  Schmuck  Wache  hielt!  Mit  schnellem  Blick  umfaßte  er  den 


375 


Leopold  Günther-Schwerin 


Laden,  das  Schaufenster,  nichts  - kein  Mensch  - die  reine  Nervosität 
also! 

Aufatmend  schaute  er  nun  wieder  nach  Fritzchen  aus,  aber  dieser  war 
inzwischen  fortgegangen  - hinter  dem  Schaufenster  standen  andere 
Menschen  - schade! 

Nach  Ladenschluß  nahm  Nathan  den  Schmuck  aus  dem  Fenster  und 
untersuchte  ihn  noch  einmal,  besonders  den  großen  Diamanten,  wel- 
cher das  Mittelstück  bildete,  und  fand  diesen  ein  wenig  locker  in  der 
Fassung.  War  er  das  schon  immer  gewesen?  Er  glaubte  nicht.  - Ko- 
misch! - Mit  diesem  Wort  schloß  er  den  Schmuck  in  den  diebessiche- 
ren Schrank,  um  ihn  am  anderen  Morgen  wieder  an  seinen  Platz,  auf 
den  elektrischen  Kontakt,  zu  legen  und  um  sein  Versteck  aufs  neue  zu 
beziehen. 

Um  dieselbe  Zeit  wie  am  Tage  vorher  erschien  nun,  zu  seiner  größten 
Freude,  Fritzchen  wieder  vor  dem  Schaufenster  und  betrachtete  den 
Schmuck.  Während  dies  geschah  und  Nathan  doppelte  Hoffnungen 
an  das  wiederholte  Erscheinen  des  jungen  Mannes  knüpfte,  kam  eine 
Dame  in  den  Laden,  um  etwas  zu  kaufen. 

Nathan  schoß  voll  Eifer  aus  seinem  Versteck  hervor,  klingelte  schnell 
dem  Gehülfen,  doch  entweder  hatte  die  Leitung  versagt,  oder  er  hatte 
in  der  Eile  nicht  richtig  auf  den  Knopf  gedrückt,  kurz,  der  Gehülfe 
kam  nicht,  und  so  mußte  der  dadurch  etwas  nervöse  Juwelier  der  ihm 
gut  bekannten  Dame  - der  alten  Gräfin  Rosen  - das  Gewünschte 
selber  vorlegen. 

Zu  diesem  Zwecke  mußte  er  auf  einen  Tritt  steigen,  um  oben  aus 
dem  Auslageschrank  die  gewünschten  Gegenstände  - kostbare 
Prunkgläser  - herabzunehmen,  und  mußte  so  lange  dem  Laden  und 
dem  Schaufenster  den  Rücken  zuwenden. 

In  dem  Augenblicke,  als  er  hinaufstieg,  entstand  draußen  auf  der 
Straße  ein  Volksauflauf  - Nathan  hörte  gleich  darauf  die  Ladentür 
klingeln,  und  ehe  er  Zeit  fand,  sich  auf  dem  kleinen  wackelnden  Tritt, 
in  jeder  Hand  eines  der  zerbrechlichen  Gläser,  herumzudrehen,  hörte 
er  jemand  in  den  Laden  treten. 

Von  Mißtrauen  erfaßt,  sprang  er  nun  vom  Tritt,  wobei  ihm  eines  der 
Gläser  aus  der  Hand  und  zu  Boden  fiel.  Total  verwirrt  vor  Schreck 
darüber,  bückte  er  sich  danach  hinter  den  Ladentisch,  stieß  sich  heftig 
den  Kopf  an  und  - in  diesem  Augenblick  erscholl  zu  seinem  Entset- 
zen das  Klingelzeichen  unter  dem  Brillantschmuck. 

Nathan  fuhr  empor  und  überflog  mit  seinen  Blicken  den  Laden  und 


376 


Der  Kleptomane 


das  Schaufenster.  - Die  alte  halbtaube  Gräfin  saß  ganz  ruhig  auf  dem 
Stuhl  und  hatte  scheinbar  nichts  von  allem  gehört  - aber  in  dem  Au- 
genblick seines  Aufrichtens  sah  Nathan  jemanden  aus  dem  Laden 
verschwinden,  denjenigen,  dessen  Hereintreten  die  Türglocke  ver- 
kündet hatte,  und  dieser  jemand  war  - wenn  ihn  nicht  alles  täuschte  - 
der  junge  Herr  Baron  - Fritzchen! 

Ein  Blick  nach  dem  Schmuck  belehrte  Nathan  zu  seiner  Beruhigung, 
daß  dieser  noch  auf  seinem  Platze  stand;  als  er  ihn  aber,  nachdem  die 
alte  Dame  den  Laden  verlassen  hatte,  näher  betrachtete,  fehlte  der 
große  kostbare  Mittelstein! 

[•••] 

. . . der  Haussuchung,  und  war  sie  ergebnislos,  Fritzchen  unschuldig, 
dann  war  es  um  die  gute  Kundschaft  und  um  die  ihres  Bekanntenkrei- 
ses geschehen! 

Aber  es  kam  anders!  - Man  fand  bei  Fritzchen,  oberflächlich  in  einer 
Pappschachtel  versteckt,  den  Nathan'schen  Diamanten.  Fritzchen 
selbst  leugnete  bei  seiner  Verhaftung  absolut  nicht,  ihn  im  Besitz  zu 
haben,  und  führte  die  Beamten  selber  zu  seinem  Versteck,  ihnen  den 
Stein  ausliefernd.  Andere  ihn  belastende  Funde  machte  man,  trotz- 
dem kein  Winkelchen  undurchsucht  blieb,  nicht. 

Er  wurde  abgeführt.  - Seine  Mutter  war  außer  sich  und  schwur,  sich 
von  diesem  Menschen,  der  nicht  wert  sei,  ihr  Kind  zu  sein,  loszusa- 
gen, wie  sie  sich  denn  auch  von  Stund  an  vorläufig  nicht  mehr  als  wie 
sie  unbedingt  zur  Regelung  der  Verhältnisse  nötig  hatte,  um  ihn  küm- 
merte. 

Fritzchen  nun  brachte  bei  seinen  Verhören  nichts  als  konfuses  Zeug 
vor:  Er  sei  kein  Dieb  - er  habe  den  Diamanten  nicht  gestohlen! 

Wo  er  ihn  denn  her  habe? 

Er  sei  zu  ihm  gekommen  - Das  sei  wohl  nicht  gut  möglich! 

Ja  - er  sei  zu  ihm  gekommen! 

Dann  Schweigen,  kein  Wort  mehr  - oder  so  merkwürdige,  unmögli- 
che Erklärungen,  in  abgerissenen,  unzusammenhängenden  Sätzen 
vorgebracht,  daß  sie  das  Gegenteil  dessen  erzeugten,  als  was  er  offen- 
bar wünschte,  nämlich,  daß  sie  ihn  um  so  mehr  belasteten,  je  mehr  er 
sich  scheinbar  Mühe  gab,  seine  Schuld  hinter  allerhand  mystischem 
Unsinn,  den  er  den  Richtern  zu  glauben  zumutete,  zu  verstecken. 
Nach  Ansicht  der  Herren  hatte  man  es  mit  einem  abgefeimten,  ver- 
stockten Dieb  zu  tun,  und  die  ganze  Ausführung  des  Diebstahls,  bei 
welchem  er  erwischt  wurde,  ließ  darauf  schließen,  daß  er  wohl  auch 


377 


Leopold  Günther-Schwerm 


die  früheren  ausgeführt  habe,  mithin  der  lange  gesuchte  Diamanten- 
dieb sei! 

Die  Verhandlung  begann  - aber  sein  Rechtsbeistand  beantragte,  den 
jungen  Mann,  der  doch  in  seiner  gesellschaftlichen  Stellung  und  Ver- 
mögenslage, bei  seiner  einfachen,  soliden  Lebensführung,  kein  ge- 
wöhnlicher Dieb  sein  könne,  auf  seinen  Geisteszustand  hin  untersu- 
chen zu  lassen.  Er  hielte  ihn  für  einen  Kleptomanen!  - Weiter  führte 
der  Justizrat  aus,  daß  Fritzchen  sicher  nicht  ganz  normal  sei  und  daß 
man  gerade  bei  solchen  Kranken  bewunderungswürdige  Gaben  fän- 
de, die  sich  auf  Kosten  der  anderen,  zurückgebliebenen  zu  einer 
ungeahnten  Blüte  entwickelten.  So  könne  man  vielleicht  seine  Ge- 
schicklichkeit, sein  Raffinement  bei  diesem  letzten  Diamanten- 
diebstahl erklären,  denn,  daß  die  anderen  ihm  auch  zur  Last  fallen 
sollten,  sei  unbewiesen  und  fraglich  - er  glaube  in  letzterer  Beziehung 
nicht  an  die  Schuld  seines  Klienten.  Auch  könne  nach  den  Erfahrun- 
gen des  Hypnotismus,  durch  das  Beschauen  der  glitzernden  Steine 
eine  Auto-Hypnose  bei  ihm  eingetreten  sein  - hypnotisierte  doch 
Hansen  mit  sogenannten  Theaterbrillanten  und  in  diesem  Zustand 
habe  er  wohl  unbewußt  seine  diebischen  Fähigkeiten  entwickelt,  die 
allerdings  erstaunlich  seien. 

Dank  der  eindringlichen  Verteidigung  des  geschulten  und  belesenen 
Juristen  gelang  es,  sein  Gesuch  durchzusetzen,  und  so  wurde  Fritz- 
chen zwecks  Beobachtung  und  Feststellung  seines  Geisteszustandes  in 
meine  Irrenanstalt  gesandt. 

Was  ich  dort  mit  ihm  erlebte,  meine  Herren,  soll,  nach  dieser  orientie- 
renden Einleitung,  meine  eigentliche  Erzählung  abgeben,  welche  ich 
Ihnen  neulich  versprach,  als  wir  über  den  mittelalterlichen  Aberglau- 
ben wie  über  Inkubation  und  ihre  Möglichkeit  stritten.  Also  hören 
Sie: 

Als  Fritzchen  eingeliefert  wurde,  ließ  ich  ihn  einige  Tage  beobachten, 
aber  sonst  noch  persönlich  in  Ruhe.  Er  trug  ein  gedrücktes  Wesen  zur 
Schau,  war  still,  benahm  sich  aber,  oberflächlich  betrachtet,  normal. 
Es  ist  meine  Art,  zuerst  einmal  das  Vertrauen  der  Kranken  zu  gewin- 
nen, wenn  dies  auch  nicht  immer  gelingt.  — Für  krank  hielt  ich  ihn,  er 
war  meiner  Überzeugung  nach  geistig  nicht  normal  und  dazu  Klep- 
tomane. 

Indem  ich  ihm  freundlich  begegnete  und  ihn  nicht  vom  ersten  Augen- 
blick an  mit  Fragen  belästigte  oder  mich  ihm  durch  prüfende  Blicke 
und  dergleichen  verdächtig  machte,  verlor  sich  nach  und  nach  auch 


378 


Der  Kleptomane 


bei  ihm  jene  Vorsicht  gegen  mich,  die  namendich  den  in  Untersu- 
chung befindlichen  Kranken  eigen  ist.  Jenes  Mißtrauen  und  die 
Furcht  fielen  fort,  durch  eine  unbedachte  Äußerung  oder  Handlung 
sich  - so  oder  so  - bloßzustellen.  - Man  muß  trotzdem  noch  äußerst 
individuell  Vorgehen,  und  besonders  war  es  bei  Fritzchen  schwerer, 
die  richtige  Art  und  Weise  des  Benehmens  zu  finden  als  bei  manchem 
anderen,  denn  auch  ich  hatte  mich  vorläufig  auf  den  Standpunkt  zu 
stellen,  daß  er  Komödie  spielte,  Geisteskrankheit  vorspiegelte,  um  die 
Verfolgung  wegen  bewußten  Diebstahls  von  sich  abzuwälzen. 

Die  chronologische  Reihenfolge  meiner  Fragen  und  seiner  Antworten 
ist  mir  natürlich  entfallen.  Ich  vermag  Ihnen  also  nur  ein  Bild  dessen 
zu  geben,  was  ich  mit  ihm  erreichte. 

In  der  ersten  Zeit  war  er,  wie  gesagt,  wortkarg  und  gedrückt.  Die  ver- 
änderten Lebensbedingungen  gingen  ihm  scheinbar  nahe.  Er  war, 
trotz  seiner  verhältnismäßig  jungen  Jahre,  ein  ganzer  Gewohnheits- 
mensch, vermißte  die  herrische  egoistische  Mutter,  die  täglichen  Spa- 
zierfahrten mit  ihr,  das  Theater  - ja  sogar  die  Dienstleistungen,  zu 
welchen  sie  ihn  heranzuziehen  liebte,  die  aber  immerhin  sein  Gehirn 
ein  wenig  ausgefüllt  hatten. 

Den  Alkohol  vermißte  er  nicht,  er  hatte  ihn  nie  oder  beinahe  damen- 
haft mäßig  in  Gestalt  von  - Sekt  - getrunken.  Sekt  war  sein  Lieblings- 
getränk,  wie  mir  die  Mutter  auf  meine  Frage  gesagt  hatte.  Raucher 
war  er  auch  nicht,  aber  es  fiel  auf,  daß  er  viel  aß,  namentlich  viel 
Süßigkeiten,  immerfort,  ohne  Ende,  bis  man  ihn  schließlich  am  Wei- 
teressen hindern  mußte.  - Das  ließ  bereits,  mit  den  anderen  Anzei- 
chen zusammen,  auf  einen  Gehirndefekt  schließen!  Als  er  sich  einmal 
unbeobachtet  glaubte,  nahm  er  ein  Stück  Fleisch  mit  den  Fingern  aus 
der  Suppe,  um  es  zu  essen  - fehlte  da  vielleicht  der  Bändigerblick  der 
Mutter? 

Er  war  auch  nicht  reinlich,  man  mußte  ihn,  wenn  auch  nicht  gerade 
dazu  zwingen,  so  doch  an  Waschen  und  Baden  ständig  erinnern,  und 
häufiger  passierten  ihm  in  meiner  oder  in  Gesellschaft  Kranker  - 
Damen  und  Herren  - Dinge,  die  auf  einen  Mangel  an  Selbstbeherr- 
schung schließen  ließen  und  die  in  ärgster  Weise  gegen  jede  gesell- 
schaftliche Form  verstießen! 

Das  alles  genügte  mir  wie  gesagt  schon,  um  ihn  für  nicht  normal  zu 
erklären,  trotzdem  er  zuzeiten  - später  -,  als  er  mehr  Vertrauen  zu 
mir  gefaßt  hatte,  ruhig,  ja  auf  seine  Art  unterhaltend  sein  konnte.  Er 
zeigte  eine  gewisse  oberflächliche  Bildung  und  Belesenheit,  klassische 


379 


Leopold  Günther-Schwerin 


Verse  rezitierte  er  wie  ein  Papagei,  so,  als  habe  er  sie  nur  dem  Wort- 
laut, nicht  dem  Inhalt  nach  auswendig  gelernt.  Er  konnte  auch 
manchmal  mit  herrischer  Gebärde  und  lauter  Stimme  die  Wärter 
anfahren,  die  ihn  bedienten,  plötzlich  in  Wut  geratend  über  Dinge, 
die  ihn  sonst  gleichgültig  ließen. 

Es  las  viel,  schrieb  ein  Tagebuch,  unklar,  unfertig  wie  ein  Sextanerauf- 
satz - kurz,  für  mich  stand  es  nach  den  ersten  paar  Wochen  fest,  daß 
ich  in  ihm  einen  geistig  nicht  normalen  Menschen  vor  mir  hatte,  von 
harmloser  Art  - wenn  die  Kleptomanie  nicht  gewesen  wäre  -,  von 
der  Sorte,  wie  sie  vielfach  frei  umherlaufen,  ohne  ihren  Mitmenschen 
gefährlich  zu  werden. 

Das  letztere  war  ja  nun  durch  Fritzchens  Diebstahl  anders.  Er  war 
jedenfalls  ein  Mensch  - vielleicht  durch  die  strenge  Erziehung  und 
Konsequenz  der  Mutter  erst  dazu  gemacht  -,  der  die  gesellschaftli- 
chen Formen,  namentlich  solange  er  sich  unbeobachtet  wußte,  äußer- 
lich wahrte.  Es  gab  aber,  wie  schon  erwähnt,  Augenblicke,  wo  ihm 
dies  nicht  gelang,  wo  seine  ureigene  Natur  mit  ihm  durchging,  und 
dann  fiel  dieser  künstliche  gesellschaftliche  Firnis,  welchen  ihm  die 
Erziehung  - besser  Dressur  - gegeben  hatte,  ab,  und  er  sank  ins  Kin- 
derstadium zurück. 

So  war  der  Mensch  beschaffen,  welcher  mit  der  jenen  Kranken  oft 
eigenen  Schlauheit  den  - vielleicht  auch  die  - Diebstähle  ausgeführt 
hatte,  unter  den  schwierigsten  Verhältnissen. 

- Wie?  - Das  mögen  die  Götter  wissen,  ich  weiß  es  heutigen  Tags 
noch  nicht,  denn  was  er  angab,  war  eitel  Phantasterei,  Dinge,  die  er 
irgendwo  mal  gelesen  oder  aufgeschnappt  haben  mochte  und  die  ihm 
nun  vielleicht  helfen  sollten,  seine  Kunstgriffe,  auf  die  er  offenbar 
stolz  war  und  die  ein  ihm  liebes  Geheimnis  bildeten,  zu  verschleiern. 
Unser  Gutachten  hatte  ihn  außer  strafrechtliche  Verfolgung  gesetzt, 
er  verblieb  aber  in  der  Anstalt  auf  Wunsch  der  Mutter,  um  Heilung 
von  seinen  kleptomanischen  Anfallen  zu  finden.  Vom  ersten  Augen- 
blick an  hatte  er  geleugnet,  gestohlen  zu  haben. 

Er  sei  kein  Dieb  - der  Stein  sei  zu  ihm  gekommen! 

Wie?- 

Ja,  dann  schwieg  er  oder  erzählte  jenes  konfuse  Zeug.  - Als  ich  dann 
endlich  sein  Vertrauen  erworben  hatte,  suchte  ich,  mehr  aus  Neugier- 
de, ihm  sein  Geheimnis  zu  entlocken,  nicht  einmal,  häufiger  machte 
ich  einen  Anlauf  dazu,  - aber  stets  ohne  Erfolg! 

Da  änderte  ich  meine  Maxime: 


380 


Der  Kleptomane 


Ich  lud  ihn  eines  Tages  zu  mir  zu  Tisch! 

Er  war  hoch  erfreut  und  begann  sich,  wie  mir  die  Wärter  erzählten, 
zu  putzen  und  zurechtzumachen,  wie  er  dies  von  den  häufigen  ähnli- 
chen Gelegenheiten  und  Anlässen  von  zu  Hause  her  gewohnt  war. 
Mit  einigen  konventionellen,  gesellschaftlichen  - scheinbar  auswen- 
dig gelernten  - Redensarten  trat  er  bei  uns  ein,  erkundigte  sich  nach 
meiner  noch  nicht  anwesenden  Frau  und  meinte  dann,  es  sei  schreck- 
lich heiß  bei  uns,  ob  wir  uns  nicht  die  Röcke  ausziehen  wollten,  so 
lange,  bis  die  Dame  des  Hauses  erschiene? 

Ich  versicherte  ihm,  daß  ich  ihr  Kommen  jeden  Augenblick  erwarte  - 
und  so  behielt  er  glücklich  den  Rock  an. 

Sie  kam.  Er  war  sehr  liebenswürdig,  küßte  ihr  sogar  die  Hand  und 
dankte  auch  ihr  noch  einmal  für  die  Einladung. 

Das  Essen  wurde  aufgetragen.  - Die  Suppe  schien  ihm  nicht  scharf 
genug,  und  er  entnahm  mit  den  Fingern  dem  Salzfaß  eine  Prise,  sie  in 
seinen  Teller  werfend. 

Ich  bot  ihm  ein  Glas  Wein  an;  »Danke,  ja!«  - Ich  goß  ein,  aber  er 
trank  nicht,  Selterswasser  dagegen  in  Menge. 

Beim  Essen  schmatzte  er  häufig  laut  und  kaute  schnell  und  kurz  wie 
ein  Kaninchen. 

Auf  alle  Fragen  antwortete  er  — manchmal  ganz  richtig  - und  unter- 
hielt uns  viel  vom  Theater,  seiner  Leidenschaft. 

Da  fiel  mir  mein  Kneifer  zur  Firde  und  in  seine  Nähe.  Er  hob  ihn  auf, 
und  anstatt  ihn  mir  zu  reichen,  schleuderte  er  ihn  in  hohem  Bogen 
über  den  Tisch,  so  daß  er  auf  meinen  Teller  fiel  und  dort  zerbrach!  - 
Ein  »Ohhh«  war  alles,  und  dann  griff  er  das  durch  diesen  Zwischen- 
fall unterbrochene  Gespräch  wieder  auf. 

So  verlief  das  Essen,  und  Fritzchen  fühlte  sich  sichtlich  wohl. 

Er  begann  lebhafter  zu  werden  und  redseliger. 

Ich  hatte  mit  meiner  Frau  verabredet,  daß  sie  verschwinden  solle,  so- 
bald das  Essen  vorüber  sei,  an  dessen  Schluß  ich  eine  Flasche  Sekt 
aufmachen  ließ  und,  beim  Dessert  angekommen,  Henkelf  s edles  Naß 
in  den  Gläsern  perlte. 

Meine  Frau  entschuldigte  sich  gleich  darauf  damit,  daß  sie  nach  unse- 
rem leicht  erkrankten  Töchterchen  sehen  müsse,  und  hob  die  Tafel  auf 
So  saßen  Fritzchen  und  ich  uns  denn  allein  gegenüber.  Er  nippte  nur 
am  Glase,  aber  ich  animierte  ihn  fortgesetzt  zu  trinken  - allein  mit 
wenig  Erfolg. 

Er  wurde  jedoch  lustiger,  gab  allerhand  pfeifende  oder  zischende 


381 


Leopold  Günther-Schwerin 


Töne  von  sich,  ungefähr  wie  sie  der  aus  der  Karpenterbremse  entwei- 
chende Dampf  erzeugt,  und  amüsierte  sich  sichtlich  selber  königlich 
über  seine  Künste!  - 

Dann  stieß  er  mit  mir  auf  das  Wohl  meiner  Frau  an.  - Wir  tranken  - 


»Hören  Sie,  mein  lieber  Freund,  Sie  sind  ja,  wie  Sie  wissen,  jetzt  au- 
ßer Verfolgung  gesetzt  wegen  jener  Geschichte  da  - bei  Nathan  -,  die 
Sache  ist  also  erledigt.  Trotzdem  sind  Sie  aber  noch  nicht  wieder  frei. 
Sie  werden  noch  einige  Zeit  bei  uns  bleiben  müssen,  wir  woUen  sehen, 
ob  wir  Sie  nicht  heilen  können  von  Ihrem  Diamantenfieber  - oder  Sie 
vielmehr  von  den  Besuchen  der  letzteren  bei  Ihnen  befreien  - Sie 
verstehen,  nicht  wahr?« 

Fritzchen  sah  mich  groß  an  - förmlich  durchdringend,  als  wollte  er  in 
meiner  Seele  lesen  dann  nickte  er  eifrig  mit  dem  Kopf: 

»Ja  gesund  machen  - von  ihrem  Zumirkommen  heilen  und  dann 
darf  ich  wieder  nach  Hause  zur  Mama,  nicht  wahr?«  - 
»Gewiß«,  sagte  ich,  »aber  dazu  gehört,  daß  Sie  uns  einmal  beichten, 
wie  Sie  jenen  Stein  erlangt  haben,  ganz  ehrlich  und  offen,  durch  wel- 
che - sagen  wir  - Kunstgriffe  -« 

Fritzchen  blickte  mich  starr  an: 

»Ich  sagte  doch  - ich  bin  kein  Dieb  - habe  keine  Kunstgriffe  -« 

Ich  hob  die  Hand  beschwichtigend  und  sagte: 

»Nun  ja,  wenn  Sie  aber  wollen,  daß  wir  letzteres  nicht  mehr  glauben, 
dann  müssen  Sie  einmal  im  Zusammenhang  erzählen,  wie  es  denn 
ging  - wie  die  Steine  - zu  Ihnen  kamen  - Sie  verstehen,  man  kann 
sich  doch  keinen  Begriff  davon  machen?« 

»Keinen  Begriff  davon  machen«,  sagte  er  mit  großen  Augen  vor  sich 
hinblickend.  Plötzlich  raffte  er  sich  aber  auf,  blies  die  Luft  zischend 
zwischen  den  Zähnen  durch,  seufzte,  schlug  die  Augen  zu  mir  empor 
und  sagte: 

»Nun  ja,  dann  will  ich‘s  Ihnen  erzählen,  so  gut  ich‘s  kann.  Ich  weiß 
nicht,  ob  ich‘s  noch  so  zusammenbringe,  aber  ich  wilfs  erzählen.« 
Geräuschvoll  machte  er  die  Karpenterbremse,  rückte  sich  in  seinem 
Stuhl  zurecht,  aufrecht  sitzend  mit  geradem  Rücken  und  indem  er 
sich  die  Weste  herunterzog,  begann  er  in  abgebrochenen  Sätzen  mit 
wenig  Erzählertalent,  schwerfällig  im  Ausdruck  und  vielfach  nach 
Worten  suchend,  folgendes  zu  erzählen: 

»Das  erste  Mal  - wissen  Sie  - das  erste  Mal  - wann  das  war? 

-Ja,  das  weiß  ich  nicht  mehr  - da  machte  mir  ein  Diamant,  den  eine 


382 


Der  Kleptomam 


/ 

Bekannte  von  Mama  als  Brosche  trug,  Übelkeit.  - Mein  Magen  be- 
gann - während  mir  die  Augen  überliefen  und  schmerzten  und  ich 
nichts  mehr  um  mich  herum  sah  wie  den  Diamanten,  der  riesengroß 
wurde  - wie  eine  Sonne  - sich  zusammenzuziehen  und  wieder  aus- 
einander - zusammen  und  auseinander  - wie  eine  Harmonika,  wie 
eine  Hand,  die  etwas  greifen  will,  und  das  machte  mich  so  übel,  daß 
ich  aus  dem  Zimmer  gehen  mußte. 

Ich  entsinne  mich  nur  noch  ganz  dunkel  - aber  ich  glaube,  von  da  ab 
konnte  ich  keine  glitzernden  Diamanten  mehr  sehen,  sie  machten 
mich  furchtbar  übel  - ich  hatte  Furcht  vor  ihnen  - und  ich  versteckte 
deshalb  einmal  Mamas  Brillantschmuck  und  bekam  Schläge  dafür  - 
ja,  jetzt  weiß  ich‘s  -,  ich  war  damals  noch  ein  Junge. 

Ich  sah  von  da  ab  immer  weg,  wenn  jemand  in  meiner  Nähe  Brillan- 
ten trug,  ich  konnte  sonst  nicht  mehr  los  von  ihnen,  wenn  sie  mir  ein- 
mal in  die  Augen  geflimmert  hatten  - und  dann  wurde  mir  wieder  so 
übel  - ich  haßte  diese  ekligen  Steine! 

Und  wer  die  Steine  trug,  der  konnte  mit  mir  alles  anfangen,  dem 
mußte  ich  nachlaufen,  ob  Mann  oder  Frau,  das  war  egal  - ich  mußte 
zu  ihm  und  fürchtete  mich  doch  davor. 

Später  --  ich  war  wohl  älter  - wohl  1 5 Jahre  - da  war  es  einmal  eine 
junge  Französin,  die  so  schrecklich  glitzernde  Steine  trug  und  bei  uns 
zu  Besuch  war.  Da  wurde  mir  nicht  mehr  allein  übel,  sondern  wie 
ohnmächtig  - es  verging  mir  alles  - ganz  leicht  wurd‘s  mir  - es  war 
schön  und  übel  zugleich.  Die  Steine,  besonders  ein  großer  in  der  Bro- 
sche, glitzerten  so  scheußlich  - so,  daß  ich  ihn  nicht  mehr  aus  den 
Augen  lassen  konnte  - ich  mußte  ihn  ansehen  - sie  meinte  immer,  ich 
sähe  sie  so  an,  aber  es  war  der  Stein  - und  da  wurde  mir  auf  einmal, 
als  ob  meine  Augen  in  ihn  übergingen,  sich  in  ihm  träfen  - eins  mit 
ihm  wurden  - es  gab  mir  einen  Ruck  im  Kopf  - mein  Magen  krampf- 
te  auf  und  zu,  und  dann  war  der  Stein  fort  - weg  aus  der  Brosche!  Ich 
war  froh  - aber  mir  wurd's  wieder  übel.  Ich  mußte  in  mein  Zimmer, 
mich  übergeben  und  - da  kam  etwas  Glitzerndes  mit  heraus  — ein 
Stein  - ein  Diamant  ~ wohl  jener  der  Dame!  - Ich  versteckte  ihn 
schnell  - wenn  ich  ihn  ansah,  wurd‘s  mir  wieder  so  komisch  - daher 
versteckte  ich  ihn,  damit  ich  ihn  nicht  mehr  sah.  Ich  war  froh,  daß  ich 
diesen  gräßlichen  Stein  nun  beherrschte,  ihn  unschädlich  gemacht 
hatte  - er  war  nun  mein  Gefangener  - nun  war‘s  umgekehrt! 

Am  andern  Morgen  hörte  ich,  daß  die  Französin  ihren  prachtvollen 
Stein  aus  der  Brosche  verloren  habe.  Sie  habe  es  am  Abend,  als  sie 


383 


Leopold  Gänther-Schwerin 


von  uns  nach  Hause  kam,  bemerkt,  es  sei  ihr  aber  nicht  klar,  ob  sie  ihn 
vielleicht  schon  auf  dem  Wege  zu  uns,  bei  uns  oder  auf  dem  Nach- 
hausewege verloren  habe.  Er  hätte  sich  jedenfalls  aus  der  Fassung  ge- 
löst, schrieb  sie,  wir  sollten  mal  suchen! 

Ich  freute  mich,  daß  ich  ihn  hatte  und  daß  er  mich  nicht  mehr  krank 
machen  konnte,  und  ich  sagte  nichts. 

Man  fand  ihn  natürlich  nie  wieder! 

Das  war  das  erste  Mal.  - Es  kamen  neue  Steine  dazu.  Ich  habe  auch 
sie  nicht  gestohlen  - ich  bin  kein  Dieb!  Sie  kamen  zu  mir,  wie  der  erste 
zu  mir  kam  ~ in  mich  ~ in  meinen  Magen  - immer  in  meinen  Magen 
- ich  habe  von  ihnen  zu  leiden  gehabt  und  mich  dann  gefreut,  wenn 
sie  da  waren  und  ich  sie  in  der  dunklen  Schachtel  verstecken  konnte. 
Es  ging  aber  nicht  immer:  Manchmtil  hat  mich  so  ein  Ding  gequält 
und  immer  gequält  und  konnte  doch  nicht  zu  mir.  - Oh,  wenn‘s  im- 
mer gegangen  wäre,  hätte  ich  viele!«  - Fritzchen  schwieg  und  stieß 
zischend  die  Luft  aus. 

»Warum  haben  Sie  denn  niemandem  - nicht  einmal  Ihrer  Mutter 
oder  Ihrem  Hausarzt  diese  — merkwürdigen  - Phänomene  mitge- 
teilt?«, fragte  ich. 

»J^.,  weil  ich  nie  was  sagte  — das  Ganze  war  mir  auch  egal,  wenn  ich 
den  Stein  erst  hatte  -« 

»Und  Sie«,  fragte  ich  weiter,  »was  dachten  Sie  sich  denn  nun  dabei?  - 
Waren  Sie  denn  gar  nicht  verwundert,  erschrocken  - das  war  doch 
nichts  Natürliches?  - Haben  Sie  sich  nie  vor  den  daraus  entstehenden 
Konsequenzen  gefürchtet?« 

»Ich?  - Nein!  - Es  war  mal  so,  und  da  habe  ich  mir  auch  weiter  nichts 
dabei  gedacht  - auch  später  nicht  - ich  wollte  auch  gar  nicht!  Wenn 
ich  darüber  nachdenke,  wird‘s  mir  drehend  - so  leer  im  Kopf  - ich 
denke  über  nichts  mehr  nach  - auch  nicht  darüber,  weshalb  mein 
Arm  manchmal  so  lang  wurde  - das  ist  eben  alles  da  - ja  -« 

»Ihr  Arm  wurde  lang«,  fragte  ich  - neugierig,  was  die  blühende  Phan- 
tasie dieses  eigentümlichen  Menschen  mir  wohl  noch  alles  vorzau- 
bern würde.  - »Wieso?« 

»Nun,  einmal  ging  ich  an  einem  Juwelierladen  vorüber,  und  da  mußte 
ich  wieder  einen  großen  Diamanten  ansehen,  der,  in  einen  Schmuck 
gefaßt,  im  Schaufenster  lag.  - Meine  Augen  zogen  sich  zusammen  - 
ich  sah  ihn  doppelt  - konnten  nicht  mehr  weg,  ob  ich  auch  wollte,  sie 
wurden  eins  mit  dem  Stein  - ich  wartete  auf  den  Ruck  - aber  er  kam 
nicht  - der  Stein  blieb,  wo  er  war.  Der  Magen  krampfte  auf  und  zu  - 


384 


Der  Kleptomane 


mir  wurde  trotzdem  nicht  übel,  und  doch  konnte  ich  nicht  von  der 
Stelle!  - Da  - auf  einmal  merke  ich,  wie  sich  mein  Arm  ganz  von 
selber  hebt  und  meine  Hand  mit  gespreizten  Fingern,  zum  Greifen 
bereit,  gegen  die  Scheibe  fährt  - und  - durch  diese  hindurch  - den 
Stein  erfaßt  - nur  den  Stein  - nicht  den  Schmuck  — « 

»Sie  haben  also  die  Scheibe  zertrümmert?«,  fragte  ich. 

»Nein  - ach  wo  - ich  bin  doch  kein  Dieb?!  - Zertrümmert?  Durch  die 
Scheibe  hindurch  langte  mein  Arm  - eine  dünne  Verlängerung  von 
ihm  - oder  war‘s  ein  dritter  Arm  aus  der  Magengrube  heraus  mit 
meinem  Magen  als  Hand?  - Ach,  ich  weiß  nicht.  Er  ging  durch  die 
Scheibe  wie  durch  Luft,  und  dann  hatte  ich  den  Stein  in  mir.  Ich  fühl- 
te ihn,  wie  er  drückte  und  brannte  - ich  wurde  auch  frei,  konnte  Weg- 
gehen und  erbrach  mich  nachher  - So  mußten  häufiger  Steine  in 
mich  - durch  doppeltes  Glas  hindurch  - durch  dreifaches  - wenn  ich 
sie  nur  sehen  konnte  -« 

»Sie  wollen  also  damit  sagen«,  unterbrach  ich  ihn,  »daß  Sie  die  Steine 
nicht  mit  Absicht,  mit  Gewalt,  nicht  mit  Fingerfertigkeit  oder  Kunst- 
griffen sich  angecignet  haben,  sondern  daß  dieselben  ganz  von  selber 
- wie  durch  die  Art  magnetische  Kraft,  die  von  Ihren  Augen,  Ihrem 
Magen,  Ihrem  - verlängerten  - Arm  ausging  zu  Ihnen  kamen  - ange- 
zogen wurden  durch  Sie  - wie  ein  Magnet  Eisen  anzieht  - in  Ihren 
Organismus  hinein,  nicht  auf  dem  gewöhnlichen  Wege  - sondern 
quasi  durch  die  Augen?!« 

»Ja«,  sagte  Fritzchen  - mich  harmlos  ansehend  und  die  leise  Ironie  in 
meinen  Fragen  nicht  verstehend  oder  absichtlich  überhörend.  - »Ge- 
wiß - so  ungefähr  war  es  wohl  - sie  wollten  zu  mir  - mußten  zu  mir  - 
sonst  machten  sie  mir  Unruhe.  - Ich  konnte  sie  nicht  hindern  - sie 
kamen  eben  - mußten  eben,  und  ich  versteckte  sie.  Ich  hatte  große 
Furcht  vor  ihnen,  und  eines  Tages  warf  ich  sie  ins  Klosett.  Da  wurd‘s 
mir  mit  einem  Mal  ganz  frei! 

»Sehen  Sie«,  fuhr  er  nach  einer  Pause  fort,  »sehen  Sie,  Herr  Doktor  - 
so  ging‘s  mit  allen.  Ich  wollte  mich  auch  einmal  zwingen,  nicht  hinzu- 
sehen, wo  Diamanten  lagen  oder  getragen  wurden,  wollte  Juwelier- 
auslagen vermeiden,  aber  es  zog  mich  dahin  - die  Steine  zogen  mich 
auf  weite  Entfernung  - bis  ich  sie  in  mich  sog.  - So  war‘s  auch  bei 
Nathan.  - Aber  Stimmung  mußte  dafür  sein,  es  ging  nicht  immer  - 
meine  Augen  mußten  erst  eins  sein  mit  dem  Stein  - dann  kam  er  - 
dann  kam  er  mit  einem  Ruck  in  mich  - dann  war  er  unschädlich  für 
mich«  - und  bei  diesen  Worten  begannen  seine  Augen  größer  zu  wer- 


385 


Leopold  Günther-Schwerin 


den,  zu  schielen  und  auf  einen  Punkt  hinzustieren,  als  ob  dort  ein 
Diamant  läge. 

Ein  Erzschauspieler  - sagte  ich  mir  - halb  Idiot,  mit  der  diesen  Men- 
schen eigenen  Phantasie  ausgestattet  - und  eigensinnig  dabei!  Ver- 
stockt! - Nicht  um  die  Welt  gab  er  sein  Geheimnis  preis,  die  natürli- 
che Erklärung,  wie  er  die  Brillanten  an  sich  gebracht  hatte.  - Oder!  - 
Oder  waren  diese  Fähigkeiten,  war  dieser  Teil  der  Diebstähle  unbe- 
wußt vor  sich  gegangen?  - Schlafwandler  tun  und  vollbringen  auch 
Kunststücke  unbewußt,  die  z.B.  nur  geübte  Seiltänzer  vollbringen 
können?!  - Vielleicht  war  es  so  - und  er  hatte  sich  zur  Erklärung  der 
Tatsachen,  die  er  erlebte,  dies  alles  nur  zusammengereimt  und  glaub- 
te nun  selber  daran?  Fast  schien  es  so  - und  vielleicht  war  er  auch  gar 
nicht  der  Dieb  der  anderen  Diamanten,  machte  sich  nur  interessant 
damit,  wie  es  hysterische  Menschen  manchmal  tun?!  - Jedenfalls  war 
mir  dieser  Mensch  ein  Rätsel!  Ich  gab  aber  die  Lösung  desselben 
noch  nicht  auf  und  nahm  mir  vor,  ihn  noch  einmal  zu  mir  einzuladen 
und  ihn  dann  auf  eine  Probe  zu  stellen.  Ich  entließ  ihn  für  heute  - 
Arbeit  vorschützend  und  er  entfernte  sich  dankend  mit  der  Bitte, 
doch  nichts  von  seinen  Mitteilungen  anderen  Leuten  zu  erzählen  - 
nicht  einmal  seiner  »Mama«. 

Der  Kerl  mußte  - das  wurde  mir  bei  längerem  Nachdenken  immer 
klarer  - einmal  was  von  den  wüsten  Hexengeschichten  des  Mittelal- 
ters, von  Besessenheit,  von  Inkubation  - jener  mystischen  Einsaugung 
von  Gegenständen  durch  die  Augen  in  den  Organismus  - gelesen  ha- 
ben, vielleicht  in  einem  Hexenroman  verwendet  oder  in  den  Akten 
eines  solchen  Prozesses,  die  von  ähnlichem  Blödsinn  wimmeln.  Die 
damaligen  hochgelehrten  Herrn  Doktores  haben  sich  von  diesen 
Schwindlern  schon  an  der  Nase  herumführen  lassen  - das  sollte  Fritz- 
chen  in  unserem  Fall  nicht  gelingen,  soviel  er  auch  phantasierte,  ab- 
sichtlich oder  unabsichtlich  jenes  Gelesene  reproduzierte  und  es  zur 
Verschleierung  des  natürlichen  Vorganges  benutzte!  - Die  Probe  soll- 
te gemacht  werden,  und  bald! 

Zu  diesem  Zwecke  kaufte  ich  einen  glitzernden  Similibrillantschmuck 
und  bat  meine  Frau,  ihn  an  dem  Tag,  an  welchem  Fritzchen  wieder 
bei  uns  essen  würde,  anzulegen. 

Es  war  an  einem  Sonntag,  als  er  - in  seinem  Gesellschaftsanzug  glän- 
zend - mit  den  gleichen  konventionellen  Redensarten  wie  damals 
mich  begrüßte  und  dann  auf  meine  später  hinzukommende  Frau  zu- 
schoß, um  ihr  sein  Kompliment  zu  machen. 


386 


Der  Kleptomane 


In  dem  Augenblick,  als  ihm  der  glitzernde  Schmuck  in  die  Augen  fiel, 
stutzte  er  einen  Moment  — seine  Augen  bohrten  sich  schielend  in  den 
großen  Stein  in  der  Mitte  -,  dann  verlor  sich  diese  Augenstellung  wie- 
der, sein  Blick  wurde  normal  - und  er  redete  nun  und  aß,  ohne  weiter 
von  dem  Schmuck  Notiz  zu  nehmen,  - er  ließ  ihn  offenbar  absichtlich 
oder  unabsichtlich  - kalt! 

War  das  nun  wieder  Schauspielerei?  - Er  konnte  allerdings  viele 
Gründe  - sehr  gewichtige  Gründe  - dazu  haben,  wenn  er  mich  - und 
es  schien  mir,  daß  es  so  sei  - durchschaut  hatte. 

Das  Essen  ging  vorüber,  wir  hatten  uns  zum  Kaffee  in  das  Zimmer 
neben  dem  Salon  begeben  und  meine  Frau  uns  bereits  verlassen  - als 
mir  eine  Dame  gemeldet  wurde,  die  beruflich  zu  mir  kam. 

Ich  bat  Fritzchen,  ruhig  im  Zimmer  zu  bleiben,  und  ging  in  das  Emp- 
fangszimmer der  Dame  entgegen. 

Der  Durchgang  von  letzterem  zu  dem  Raum,  in  dem  Fritzchen  sich 
befand,  war  nun  durch  eine  Portiere  abgeschlossen,  die  seitlich  gerafft 
einen  Durchblick  gestattete. 

Die  Dame,  welche  mit  einer  Frage  wegen  eines  in  unserer  Anstalt  be- 
findlichen, ihr  verwandten  Herren  zu  mir  kam,  war  dunkel  gekleidet 
und  trug,  als  einzigen  Schmuck,  einen  großen  Brillanten,  welcher  am 
Halsbund  steckte.  --  Leider  konnte  ich  ihr  keine  guten  Mitteilungen 
machen,  im  Gegenteil  - ich  konnte  ihr  sogar  den  Hinweis  auf  das 
Schlimmste  nicht  ersparen  - sie  bekam  Weinkrämpfe  und  dann  einen 
plötzlichen  tiefen  Ohnmachtsanfall. 

Ich  eilte  hinaus,  um  ein  Glas  Wasser  zu  holen,  da  die  Bedienung  auf 
mein  Klingeln  nicht  gleich  erschien,  und  sah  noch  im  Vorbeigehen, 
daß  Fritzchen  mit  langem  Hals  und  großen  Augen  aus  dem  Neben- 
zimmer, beinahe  im  Türrahmen  stehend,  die  Dame  neugierig  an- 
stierte. 

Ich  winkte  ihm  zurückzubleiben,  und  als  ich,  das  Wasser  in  der  Hand, 
den  Salon  wieder  betrat,  sah  ich,  daß  er  ruhig  im  Nebenzimmer  am 
Tische  saß  und  in  einem  Buche  blätterte. 

Die  Dame  erholte  sich  langsam,  entfernte  sich  dann,  und  - nach 
Fritzchen  sehend  --  bemerkte  ich,  daß  das  Zimmer  leer  war,  er  sich 
also  wohl  - aus  Langeweile  - entfernt  hatte. 

Abends  wurde  ich  zu  ihm  gerufen.  Eine  plötzliche  Blinddarm- 
entzündung mit  vorhergehendem  Erbrechen  hatte  ihn  befallen,  und 
zwar  so  heftig,  daß  sofort  zur  Operation  geschritten  werden  mußte. 
Dieselbe  wurde  ausgeführt,  und  im  Wurmfortsatz  fand  man  einen 


387 


Kommentar 


harten  Gegenstand  - einen  Stein  oder  so  etwas  den  der  Operateur 
zur  näheren  Untersuchung  fortlegte. 

Leider  starb  Fritzchen  - nachdem  alles  glücklich  vorüber  war  - an 
einem  Anfall  von  Herzschwäche. 

Am  andern  Morgen  kam  der  Arzt  zu  mir  und  brachte  mir  jenen  bei 
Fritzchens  Operation  gefundenen  Gegenstand  - es  war  ein  Stein  - 
ein  großer  geschliffener  Diamant!  - Wo  kam  er  her? 

Einige  Stunden  später  traf  ein  Brief  Jener  Dame  vom  Tag  vorher  ein, 
in  welchem  sie  anfragte,  ob  sie  wohl  bei  ihrem  gestrigen  Besuch,  viel- 
leicht während  ihrer  Ohnmacht,  einen  großen  Brillanten,  den  sie  am 
Halsbund  getragen  habe,  bei  mir  verloren  hätte,  ich  möchte  doch  die 
Güte  haben  und  nachsehen  lassen,  da  sie  dieses  Wertstück  seitdem 
vermisse. 

Also  ihr  Diamant  war's,  den  man  bei  Fritzchen  gefunden  hatte! 

Ihr  Diamant  - von  Fritzchen  gestohlen?  - Verschluckt? Oder 

durch  die  Augen  eingesogen??!  - Das  Rätsel  wird  ungelöst  bleiben 
wie  so  vieles!«  - 


Kommentar 

Die  Geschichte  »Der  Kleptomane«  von  Leopold  Günther-Schwerin 
schildert  in  einer  faszinierenden  Hhse  das  Schicksal  eines  jungen 
Mannes  aus  bester  Familie,  der  mit  31  Jahren  noch  bei  seiner  Mut- 
ter lebt  und  offenbar  keine  Neigung  zu.  Männern  oder  Frauen  ver- 
spürt. Allerdings  ist  der  Akt  der  Aneignung  von  begehrten  Gegenständen,  in  seinem 
Fall  ausschließlich  wertvollen  Diamanten,  mysteriös.  Er  berichtet,  dass  diese  Dia- 
manten - nur  echte  - von  ihm  in  einem  geheimnisvollen  Vorgang  und  ohne  sein 
intentionales  Dazutun  »aufgesaugt«  werden.  Auch  seine  Arme  haben  offenbar  be- 
sondere Fähigkeiten,  indem  sie  sogar  durch  Schaufensterglas  gehen  können,  ohne 
dies  zu  zerbrechen,  und  so  Diamanten  entwenden.  Dies  mag  eine  geschickte  Ratio- 
nalisierung von  hochqualifizierten  Fähigkeiten  eines  Trickdiebes  sein;  der  Autor 
lässt  diese  Möglichkeit  offen.  Interessant  ist  auch  die  Motivation  des  Täters.  Er 
berichtet,  dass  die  Diamanten  in  ihm  eine  eigenartige,  größtenteils  unangenehme 
Körpersensation  hervorrufen,  andererseits  aber  aueh  eine  große  Anziehung  auf  ihn 
ausüben,  selbst  in  der  Fernwirkung.  Er  hat  die  Tendenz,  alle  Diamanten  an  sich  zu 
bringen,  nicht  aber,  um  sich  an  ihrem  Besitz  zu  fieuen,  sondern  größtenteils,  um  sie 
dann  über  die  Toilette  zu  entsorgen.  Die  Steine  interessieren  ihn  offenbar  nicht  mehr, 
nachdem  er  sie  an  sich  genommen  hat.  Die  eigenartige  Faszination  der  Diamanten 


388 


Kommentar 


mrd  mit  dem  Hinweis  darauf,  dass  manche  Hypnotiseure  glitzernde  Steine  ver- 
wenden, erklärt.  Offenbar  soll  hier  eine  Art  hypnotisdws  Geschehen  suggeriert  wer- 
den. 

Auch  wenn  einiges  an  dieser  Geschichte  mysteriös  klingt,  so  bleiben  doch  einige 
Charakteristika  typisch  fiir  das  kkptorrume  Stehlverhalten:  u.a.  das  blitzschnelle 
Sichaneignen  der  Gegenstände,  die  vorausgehende  und  damit  verbundene  Anspan- 
nung und  Erregung,  das  Desinteresse  an  der  »Beute«  nach  dem  kleptomanen  Stehl- 
akt sowie  auch  der  persönliche  Hintergrund  eines  eher  unreifen,  auch  in  sexueller 
Hinsicht  unerfahrenen  Menschen.  Es  sei  darauf  verwiesen,  dass  insbesondere  die 
französische  Psychiatrie  die  Kleptomanie  auch  mit  sexuellen  Problemen  in  Verbin- 
dunggebracht hat  und  eine  quasisexuelle  Befnediging  beim  Stehlakt  als  ein  wich- 
tiges Motiv  sieht. 

Kennzeichen  des  pathologischen  Stehlens  (Kleptomanie)  ist  der  unwiderstehliche 
Impuls,  Dinge  zu  .stehlen,  die  in  der  Regel  nicht  dem  persönlichen  Gebrauch  oder 
der  Bereicherung  dienen.  Die  Gegenstände  werden  häufig  weggeworfen,  weggegeben 
oder  gehortet.  Die  Betroffenen  beschreiben  gewöhnlich  eine  steigende  Spannung  vor 
der  Handlung  und  ein  Geßhl  der  Befriedigung  während  und  sofort  nach  der  Tat. 
Im  Allgemeinen  wird  versucht,  die  Tat  zu  verbergen,  dies  geschieht  aber  oft  nicht 
.sehr  konsequent.  Der  Diebstahl  wird  alleine  und  ohne  Komplizen  durchgefiihrt. 
fwischen  den  einzelnen  Diebstahlsdelikten  kann  es  zu  Angst,  Verzagtheit  oder 
Schuldgefühlen  kommen,  wodurch  jedoch  die  Wiederholung  in  der  Regel  nicht  ver- 
hindert wird.  Die  genaue  Häufigkeit  des  patholofischen  Stehlens  ist  nicht  bekannt. 
Es  ist  jedoch  davon  auszugehen,  dass  bei  weniger  als  5 Prozent  der  Personen,  die 
Z.B.  wegen  Ladendiebstahls  angezeigt  werden,  eine  entsprechende  Motivation  oder 
Vorgeschichte  besteht.  In  einigen  Fällen  von  Ladendiebstahl  wird  durch  die  Betrof- 
fenen versucht,  die  Umstände  des  Diebstahls  so  darzustellen,  dass  die  Kriterien 
einer  Kleptomanie  erfüllt  werden,  um  negative forensische  Konsequenzen  des  Dieb- 
stahlverhaltens zu  vermeiden. 


Virginia  Woolf 


Orlando 

aus:  Virginia  Woolf.  Orlando.  Gesammelte  Werke.  Prosa  7. 

Deutsch  von  Brigitte  Walizek. 

© 1990  by  S.  Fischer  Verlag  GmbH,  Franifurt  am  Main 


Einführung 


Die  englische  Schriflstellerin  Virginia  Woolf  (1882-1941)  zog 
nach  dem  frühen  Tod  der  Eltern  mit  ihren  Geschwistern  in  ein 
Haus  im  Londoner  Stadtteil  Bloomsbury,  das  rasch  zum  Treff- 
punkt von  Künstlern,  Literaten,  Verlegern  und  Bohemiens  wurde. 
Woolf,  geborene  Stephen,  gilt  heute  als  bedeutende,  richtungweisende  Erzählerin 
spezifisch  weiblicher  psychischer  Prozesse,  deren  konversationelle  Erörterung  auch 
im  Zentrum  der  Bloomsbury  Group  stand. 

Der  Roman  Orlando  (1928)  wurde  erst  spät  von  der  Literaturkritik  gewürdigt  und 
lange  Zeit  als  bloß  historische  Biographie  missverstanden.  Er  gilt  aber  mittlerweile 
aufgrund  seiner  Idee  einer  sowohl  die  Zeit  wie  auch  die  Geschlechtereigenschafien 
tibergreifenden  Icbensgeschichte  sowie  der  virtuosen  Unterscheidung  zwischen  ob- 
jektiv messbarer  Zeit  (clock-time)  und  innerlich,  psychisch  erlebter  Zeit  (mind- 
time),  die  erst  das  subjektive  Empfinden  einer  Person  erzählerisch  verdeutlichen,  ab 
avantgardistuches  Mebterwerk  der  Romanbiographie,  die  dennoch  traditionell 
chronologbch  sowie  unter  Verwendung  der  konvenlionalisierten  Muster  des  histori- 
schen Romans  und  des  Entwicklungsromans  ein  immerhin  über  400 Jahre  umfas- 
sendes Leben  epbch  ausbreitet. 

Das  literarische  Ideal  der  Androgynität  bt  zugleich  das  private  Ideal  der  Autorin 
Virginia  Woof,  db  in  Orlando  deutlich  erkennbare  Teile  der  Familiengeschichte  der 
englischen  Schrftstellerin  und  Freundin  Vita  Sackville-West  (1892-1962)  in 
spezfisch  britisch  humorvoll-ironischem  Erzählduktus  verarbeitet. 

Virginia  Woof  war  von  höchst  fiagjler  psychischer  Konstitution  und  nahm  sich 
während  einer  schweren  Depression  1941  im  Fluß  Ouse  bei  Rodmell  das  Leben. 


Weite  führende  Literatur: 

Hermione  Lee:  Virginia  Woof.  Ein  Leben.  S.  Fbcher  1999 


390 


Orlando 


Orlando 

_ Der  Klang  der  Trompeten  erstarb,  und  Orlando 

stand  splitternackt  da.  Kein  menschliches  Wesen, 
seit  Anbeginn  der  Welt,  sah  je  hinreißender  aus. 

' » Seine  Gestalt  vereinigte  in  sich  die  Kraft  eines 

V Mannes  und  die  Anmut  einer  Frau.  Während  er 

■<  V da  stand,  verlängerten  die  silbernen  Trompeten 
\ ihren  Ton,  als  zögerten  sie,  den  lieblichen  Anblick 

zu  lassen,  den  ihre  Fanfare  hervorgerufen  hatte; 
und  Keuschheit,  Reinheit  und  Sittsamkeit,  zwei- 
fellos von  der  Neugier  getrieben,  spähten  durch  die  Tür  und  warfen 
ein  Kleidungsstück  wie  ein  Handtuch  nach  der  nackten  Gestalt,  wel- 
ches jedoch,  unglücklicherweise,  mehrere  Zoll  davor  zu  Boden  fiel. 
Orlando  betrachtete  sich  von  Kopf  bis  Fuß  in  einem  hohen  Spiegel, 
ohne  auch  nur  die  geringste  Spur  von  Fassungslosigkeit  zu  zeigen, 
und  ging,  vermutlich,  in  sein  Bad. 

Wir  mögen  uns  diese  Unterbrechung  der  Erzählung  zunutze  machen, 
um  gewisse  Feststellungen  zu  treffen.  Orlando  war  eine  Frau  gewor- 
den - das  ist  nicht  zu  leugnen.  Aber  in  jeder  anderen  Hinsicht  blieb 
Orlando  genauso,  wie  er  gewesen  war.  Der  Wechsel  des  Geschlechts, 
wenn  er  auch  die  Zukunft  der  beiden  änderte,  tat  nicht  das  ge- 
ringste, ihre  Identität  zu  ändern,  Ihre  Gesichter  blieben,  wie  ihre 
Porträts  beweisen,  praktisch  dieselben.  Seine  Erinnerung  - aber 
in  Zukunft  müssen  wir  der  Konvention  zuliebe  »ihre«  statt  »sei- 
ne« und  »sie«  statt  »er«  sagen  ihre  Erinnerung  also  reichte 
durch  alle  Ereignisse  ihres  bisherigen  Lebens  zurück,  ohne  auf 
ein  Hindernis  zu  stoßen.  Eine  leichte  Diesigkeit  mag  es  gegeben 
haben,  als  seien  einige  dunkle  Tropfen  in  den  klaren  Teich  der 
Erinnerung  gefallen;  gewisse  Dinge  waren  ein  wenig  verschwom- 
men geworden;  aber  das  war  alles.  Der  Wechsel  schien  sich 
schmerzlos  und  vollständig  und  auf  eine  Art  vollzogen  zu  haben, 
daß  Orlando  selbst  keine  Überraschung  darüber  zeigte.  Dies  be- 
rücksichtigend und  mit  der  Behauptung,  ein  solcher  Wechsel  des 
Geschlechts  widerspreche  der  Natur,  haben  viele  Menschen  kei- 
ne Mühen  gescheut,  zu  beweisen,  1.)  daß  Orlando  immer  eine 
Frau  gewesen  sei,  2.)  daß  Orlando  auch  in  diesem  Augenblick  ein 
Mann  sei.  Sollen  Biologen  und  Psychologen  dies  entscheiden.  Für 
uns  genügt  es,  die  schlichte  Tatsache  festzuhalten;  Orlando  war  ein 


391 


Virginia  Woolf 


Mann  bis  zum  Alter  von  dreißigjahren;  als  er  eine  Frau  wurde  und  es 
seitdem  geblieben  ist. 

Doch  mögen  andere  Federn  sich  mit  Geschlecht  und  Geschlecht- 
lichkeit befassen,  wir  verlassen  derart  odiose  Themen,  sobald  wir  kön- 
nen. Orlando  hatte  sich  jetzt  gewaschen  und  sich  in  jene  türkischen 
Jacken  und  Hosen  gekleidet,  die  unterschiedslos  von  beiden  Ge- 
schlechtern getragen  werden  können;  und  war  gezwungen,  ihre  Lage 
zu  überdenken.  Daß  sie  über  die  Maßen  gefährlich  und  befremdlich 
war,  muß  der  erste  Gedanke  eines  jeden  Lesers  sein,  der  ihrer  Ge- 
schichte mit  Anteilnahme  gefolgt  ist.  Jung,  adlig,  schön,  war  sie  aufge- 
wacht, um  sich  in  einer  Situation  wiederzufinden,  wie  wir  uns  keine 
heiklere  für  eine  junge  Dame  von  Stand  vorstellen  können.  Wir  hät- 
ten ihr  keinen  Vorwurf  gemacht,  hätte  sie  geklingelt  oder  geschrien 
oder  wäre  sie  in  Ohnmacht  gefallen.  Aber  Orlando  zeigte  keine  der- 
artigen Zeichen  der  Verstörung.  All  ihre  Handlungen  waren  über  die 
Maßen  überlegt,  und  man  hätte  meinen  können,  sie  zeigten  Zeichen 
von  Vorbedacht.  Zunächst  sah  sie  die  Papiere  auf  dem  Tisch  sorgfäl- 
tig durch;  nahm  jene,  die  in  Versform  geschrieben  schienen,  an  sich, 
und  verbarg  sie  an  ihrer  Brust;  als  nächstes  rief  sie  ihren  Seleukiden- 
hund  zu  sich,  der  all  diese  Tage  nicht  von  ihrem  Bett  gewichen  war, 
obwohl  er  vor  Hunger  fast  gestorben  wäre,  fütterte  und  kämmte  ihn; 
steckte  dann  zwei  Pistolen  in  ihren  Gürtel;  wand  dann  um  ihren  Leib 
mehrere  Schnüre  von  Smaragden  und  Perlen  von  feinstem  Glanz,  die 
zu  ihrer  Ausstattung  als  Gesandter  gehört  hatten.  Als  dies  erledigt 
war,  beugte  sie  sich  aus  dem  Fenster,  stieß  einen  leisen  Pfiff  aus  und 
stieg  die  zertrümmerte  und  blutbesudelte  Treppe  hinunter,  die  nun 
mit  dem  Abfall  aus  Papierkörben,  mit  Verträgen,  Depeschen,  Siegeln, 
Siegellack  etc.  übersät  war,  und  betrat  so  den  Hof  Dort,  im  Schatten 
eines  riesigen  Feigenbaums,  wartete  ein  alter  Zigeuner  auf  einem 
Esel.  Er  führte  einen  weiteren  am  Zügel.  Orlando  schwang  ihr  Bein 
darüber;  und  auf  diese  Weise,  gefolgt  von  einem  mageren  Hund,  auf 
einem  Esel  reitend,  in  Begleitung  eines  Zigeuners,  verließ  der  Ge- 
sandte Großbritanniens  am  Hofe  des  Sultans  Konstantinopel. 


392 


Kommentar 


Kommentar 


/In  der  Geschichte  »Orlando«  von  Virginia  Woolf  wird  die  geheim- 
nisvolle Verwandlung  eines  Diplomaten  vom  Mann  zu  einem 
Transsexuellen  dargestellt  und  die  Faszination  des  Transsexuellen  - 
»seine  Gestalt  vereinte  in  sich  die  Kraft  eines  Mannes  mit  der  Anmut 
eines  Weibes«  - gerühmt. 

Der  Transsexualismus  gehört  vak  der  Transvestitismus  zu  den  Störungen  der  Ge- 
schlechtsidentität. Charakteristisch ßir  beides  ist  die  tiefe  Unzufriedenheit  mit  dem 
eigenen  Geschlecht  .sowie  dringender  und  anhaltender  Wunsch,  die  Rolle  des  ande- 
ren Geschlechts  teilweise  (in  der  Kleidung)  oder  vollständig  zu  übernehmen.  Beim 
Transsexualismus  besteht  der  Wunsch,  als  Angehöriger  des  anderen  anatomischen 
Geschlechts  zu  leben  und  anerkannt  zu  werden.  Durch  eine  hormonelle  und  chirur- 
gische Behandlung  soll  der  eigene  Körper  dem  bevorzugten  Geschlecht  so  weit  wie 
möglich  angeglichen  werden.  Die  »Mann-zu-Frau-Transsexualität«  kommt  etwa 
zwei  bis  drei  Mal  häufiger  vor  als  die  »Frau-zu-Mann-Transsexualitäb<. 


393 


Pauline  Reage 


Geschichte  der  O 

aus:  Pauline  Reage.  Geschichte  der  0.  Rückkehr  nach  Roissy. 
Aus  dem  Französischen  von  Simon  Saint  Honore. 

© 2000  by  F.A.  Herbig  Verlagsbucfdiandlung  GmbH,  München 


Einführung 

Jahrzehntelang  war  unbekannt,  wer  hinter  der  Autorin  Pauline 
Reage  des  Skandalbuches  »Geschichte  der  0«  (1954)  wohl  ste- 
cken mochte.  Wilde  Spekulationen  benannten  immer  wieder  an- 
dere Namen,  der  Romanist  H.  T.  Siepe  (Universität  Düsseldorf) 
glaubte  sogar,  mit  seiner  abenteuerlichen  Beweisführung  den  fianzösischen  Schrifi- 
steller  Alain  Robbe-Grillet  (geh.  1922)  identifiziert  zu  haben.  Feministische  Lite- 
raturwissenschqftlerinnen  wie  Andrea  Dworidn  dagegen  behaupteten,  das  weibliche 
Pseudonym  diene  bloß  der  primitiven  Bfriedigung  von  Männerphantasien,  tat- 
sächlich könne  dieses  Werk,  das  in  Frankreich  rasch  mit  mehreren  angesehenen 
Literaturpreisen  ausgezeichnet  wurde,  nur  von  änem  Mann  stammen.  In  Deutsch- 
land erfolgte  kurz  nach  dem  Erscheinen  1967  die  Indizierung,  nachdem  das  Buch 
zuvor  nur  gegen  Personalausweis  und  Verpfiicktungsschein  verkau  ft  werden  durfte. 
1991  erschien  unter  dem  Titel  »Die  0 hat  mir  erzählt«  eine  abgemilderte  Fassung 
mit  einem  Apparat  wissenschaftlicher  Dokumentationen. 

Die  Autorschaft  jedoch  blieb  weiterhin  ungeklärt.  Schließlich  lüftete  die ftanzösische 
Schriftstellerin  Dominique Aury  in  einem  Interview  mit  »The New  Yorker«  1994 
ihr  Geheimnis:  Unter  dem  Pseudonym  Pauline  Reage  hatte  sie  den  Roman  über 
sadomasochistische  Praktiken  ab  artmymen  Liebesbrief  verfasst,  weil  ihr  Liebha- 
ber und  Arbeitgeber,  der  fianzösbche  Schriftsteller  und  Literaturorganisator  Jean 
Paulhan  sie  mit  der  chauvinistischen  Bemerkur^  provoziert  habe,  eine  Frau  könne 
keinen  erotbchen  Roman  schreiben.  Paulhan  habe  das  Vorwort  ve  fasst  Der  richti- 
ge Name  der  Autorin  war jedochnicht  Pauline  Reage,  sondern  Anne  Desclos  (1907 
bis  1998):  zwebprachig  (französbch/ engtisch)  aufgewachsen,  Studium  an  der 
Sorbonne,  bb  1946  Journalistin,  danach  bei  Gallimard  Publbhers  unter  dem 
Pseudonym  Dominique  Aury,  Literaturkri&erin  und  Jury-Mitglied  bei  Literatur- 
preben. 

Der  in  über  60  Sprachen  übersetzte  und  von  Eric  Rochat  1994  in  fünf  Epboden 


394 


Geschichte  der  O 


r 

verfilmte  Roman  »Geschichte  der  0«  erzählt  die  homo-  und  heterosexuelle,  stets  aber 
sadomasochistische  Beziehung  einer  jungen  Frau  namens  0 zu  ihrem  bzw.  ihren 
Geliebten.  Wie  vom  Anfang  so  gibt  es  auch  vom  Eruk  zwei  Fassungen.  Der  zweite 
Schluss  lautet:  »Als  0 sah,  dass  Sir  Stephen  sie  verlassen  würde,  wünschte  sie  sich 
den  Tod.  Sir  Stephen  erteilte  seine  Stimmung.» 

Weiterfiihrende  Literatur: 

Regine  Deforges:  Die  0 hat  mir  erzählt.  Hintergründe  eines  Bestsellers.  Charon 

2000 

Geschichte  der  O 

Ich  weiß  nun,  daß  sie  O die  Hände  losbanden, 
die  noch  immer  hinter  ihrem  Rücken  gefesselt 
waren,  und  ihr  sagten,  daß  sie  sich  ausziehen 
müsse  und  daß  man  sie  baden  und  schminken 
werde.  Sie  wurde  also  entkleidet  und  ihre  Kleider 
wurden  in  einem  der  Wandschränke  verwahrt. 
Sic  durfte  sich  nicht  allein  baden,  sie  wurde  fri- 
siert wie  beim  Friseur,  indem  man  sic  in  einem 
dieser  großen  Sessel  Platz  nehmen  ließ,  die  beim 
Kopfwäschen  nach  hinten  gekippt  und  wieder  gerade  gestellt  werden, 
wenn  man,  nach  dem  Einlegen,  unter  der  Trockenhaube  sitzt.  Das 
dauert  immer  mindestens  eine  Stunde.  Es  hat  tatsächlich  über  eine 
Stunde  gedauert,  sie  war  nackt  auf  diesem  Stuhl  gesessen,  und  man 
verbot  ihr,  die  Beine  überzuschlagen  oder  die  Knie  zu  schließen.  Und 
da  sie  vor  einem  großen  Spiegel  saß,  der  die  Wandfläche  von  oben  bis 
unten  bedeckte  und  von  keiner  Konsole  unterbrochen  wurde,  sah  sie 
sich,  weit  klaffend,  so  oft  ihr  Blick  den  Spiegel  traf. 

Als  sie  fertig  geschminkt  war,  die  Lider  leicht  umschattet,  den  Mund 
sehr  rot,  Spitze  und  Hof  der  Brüste  rosig,  den  Rand  der  Schamlippen 
rötlich,  den  Flaum  der  Achselhöhlen  und  des  Schoßes,  die  Furche 
zwischen  den  Schenkeln  und  die  Furche  unter  den  Brüsten  und  die 
Handflächen  lange  mit  Parfüm  bestäubt,  wurde  sie  in  einen  Raum 
geführt,  wo  ein  dreiteiliger  Spiegel  und  ein  vierter  Spiegel  an  der 
Wand  dafür  sorgten,  daß  sie  sich  genau  sehen  konnte.  Sie  wurde  an- 
gewiesen, sich  auf  den  Puff  in  der  Mitte  zwischen  den  Spiegeln  zu 
setzen  und  zu  warten.  Der  Puff  war  mit  schwarzem  Pelz  bezogen,  der 
sic  ein  bißchen  stach,  und  der  Teppich  war  schwarz,  die  Wände  rot. 


39.5 


Pauline  Rmge 


Sie  hatte  rote  Pantöffelchen  an  den  Füßen.  An  einer  Wand  des  klei- 
nen Boudoirs  war  ein  großes  Fenster,  das  auf  einen  schönen  dunklen 
Park  hinausging.  Es  hatte  zu  regnen  aufgehört,  die  Bäume  bewegten 
sich  im  Wind,  der  Mond  lief  hoch  oben  zwischen  den  Wolken  hin.  Ich 
weiß  nicht,  wie  lange  sie  in  dem  roten  Boudoir  gewartet  hat,  auch 
nicht,  ob  sie  wirklich  allein  war,  wie  sie  annahm,  oder  ob  jemand  sie 
durch  eine  verborgene  Öffnung  in  der  Wand  beobachtete.  Dagegen 
weiß  ich,  daß  eine  der  beiden  Frauen,  als  sie  wiederkamen,  ein  Maß- 
band trug,  die  andere  ein  Körbchen.  Ein  Mann  begleitete  sie;  er  trug 
ein  langes  violettes  Gewand  mit  Ärmeln,  die  oben  weit  und  am 
Handgelenk  eng  waren,  das  Gewand  öffnete  sich  beim  Gehen  von 
der  Taille  an.  Man  sah,  daß  er  darunter  eine  Art  anliegender 
Strumpfhosen  trug,  die  Beine  und  Schenkel  bedeckten,  das  Ge- 
schlecht jedoch  freiließen.  Dieses  Geschlecht  sah  O als  erstes  beim 
ersten  Schritt  des  Mannes,  dann  die  Peitsche  aus  Lederschnüren,  die 
im  Gürtel  steckte,  dann,  daß  der  Mann  eine  schwarze  Kapuze  übers 
Gesicht  gezogen  hatte  - ein  Netz  aus  schwarzem  Tüll  verbarg  sogar 
die  Augen  -,  und  schließlich,  daß  er  auch  Handschuhe  trug,  ebenfalls 
schwarz  und  aus  feinem  Ziegenleder.  Er  sagte  ihr,  sie  solle  Sitzenblei- 
ben, dutzte  sie  dabei,  und  befahl  den  Frauen,  sich  zu  beeilen.  Die  mit 
dem  Zentimeterband  nahm  nun  von  Os  Hals  und  Gelenken  die 
Maße,  die  zwar  klein,  aber  doch  gängig  waren.  Es  war  leicht,  in  dem 
Korb,  den  die  andere  Frau  trug,  ein  passendes  Halsband  und  Armrei- 
fen zu  finden.  Sie  waren  folgendermaßen  gearbeitet:  aus  mehreren 
Lederschichten  (jede  Schicht  sehr  dünn,  das  Ganze  nicht  mehr  als 
einen  Finger  dick),  mit  einem  Schnappverschluß,  der  automatisch 
einklickte  wie  ein  Vorhängeschloß,  wenn  man  ihn  zumachte,  und  nur 
mit  einem  kleinen  Schlüssel  wieder  zu  öffnen  war.  An  der  dem  Ver- 
schluß genau  gegenüberliegenden  Stelle,  in  der  Mitte  der  Leder- 
schichten und  beinah  ohne  Spiel,  war  ein  Metallring  angebracht,  der 
es  erlaubte,  das  Armband  irgendwo  zu  befestigen,  wenn  man  das 
wollte,  denn  es  schloß,  wenn  es  auch  gerade  so  viel  Spielraum  gab,  um 
keine  Verletzung  zu  bewirken,  zu  eng  am  Gelenk  an,  und  das  Hals- 
band zu  eng  um  den  Hals,  als  daß  man  einen  noch  so  dünnen  Riemen 
hätte  durchziehen  können.  Man  befestigte  nun  Halsband  und  Arm- 
reifen an  Hals  und  Gelenken,  dann  befahl  der  Mann  ihr,  aufzustehen. 
Er  setzte  sich  auf  ihren  Platz  auf  den  Pelzpuff  und  zog  sie  zwischen 
seine  Knie,  ließ  die  behandschuhte  Hand  zwischen  ihre  Schenkel  und 
über  ihre  Brüste  gleiten  und  erklärte  ihr,  daß  sie  noch  an  diesem 


396 


Gechkhte  der  0 


Abend  vorgeführt  werden  solle,  nach  dem  Essen,  das  sie  allein  ein- 
nehmen werde.  Sie  nahm  es  wirklich  allein  ein,  noch  immer  nackt,  in 
einer  Art  Kabine,  in  die  eine  unsichtbare  Hand  ihr  die  Speisen  durch 
einen  Schalter  zuschob.  Nach  dem  Essen  kamen  die  beiden  Frauen 
und  holten  sie  ab.  Im  Boudoir  schlossen  sie  gemeinsam  die  beiden 
Ringe  ihrer  Armreifen  hinter  ihrem  Rücken  zusammen,  legten  ihr 
einen  langen  Umhang  um  die  Schultern,  der  an  ihrem  Halsband  be- 
festigt wurde  und  der  sie  ganz  bedeckte,  sich  jedoch  beim  Gehen  öff- 
nete; sie  konnte  ihn  ja  nicht  Zusammenhalten,  weil  ihre  Hände  auf 
dem  Rücken  gefesselt  waren.  Sie  durchschritten  ein  Vorzimmer,  zwei 
Salons,  und  kamen  in  die  Bibliothek,  wo  Her  Männer  beim  Kaffee 
saßen.  Sie  trugen  die  gleichen  wallenden  Gewänder,  wie  der  erste, 
aber  keine  Masken.  Doch  O hatte  nicht  Zeit,  ihre  Gesichter  zu  sehen 
und  festzustellen,  ob  ihr  Geliebter  unter  ihnen  sei  (er  war  unter  ih- 
nen), denn  einer  der  Vier  richtete  den  Strahl  einer  Lampe  auf  sie,  die 
sie  blendete.  Alle  Anwesenden  verhielten  sich  regungslos,  die  beiden 
Frauen  rechts  und  links  von  ihr  und  die  Männer  vor  ihr,  die  sie  mu- 
sterten. Dann  erlosch  die  Lampe;  die  Frauen  entfernten  sich.  Man 
hatte  O aufs  neue  die  Augen  verbunden.  Nun  mußte  sie  näherkom- 
men, sie  schwankte  ein  bißchen  und  spürte,  daß  sie  vor  dem  Kamin- 
feuer stand,  an  dem  die  vier  Männer  saßen:  sie  fühlte  die  Hitze,  sie 
hörte  die  Scheite  leise  in  der  Stille  knistern.  Sie  stand  mit  dem  Gesicht 
zum  Feuer.  Zwei  Hände  hoben  ihren  Umhang  hoch,  zwei  weitere 
glitten  an  ihren  Hüften  endang,  nachdem  sie  sich  überzeugt  hatten, 
daß  die  Armreifen  festgemacht  waren:  sie  trugen  keine  Handschuhe 
und  eine  von  ihnen  drang  von  beiden  Seiten  zugleich  in  sie  ein,  so 
abrupt,  daß  sie  aufschrie.  Ein  Mann  lachte.  Ein  anderer  sagte:  »Dre- 
hen Sie  sich  um,  damit  man  die  Brüste  und  den  Leib  sieht.«  Sie  mußte 
sich  umdrehen,  und  die  Hitze  des  Feuers  schlugjetzt  an  ihre  Lenden. 
Eine  Hand  ergriff  eine  ihrer  Brüste,  ein  Mund  packte  die  Spitze  der 
anderen.  Plötzlich  verlor  sie  das  Gleichgewicht  und  taumelte  nach 
rückwärts;  sie  wurde  aufgefangen,  von  welchem  Arm?  während  je- 
mand ihre  Beine  öffnete  und  sanft  die  Lippen  auseinanderzog;  Haare 
strichen  über  die  Innenseite  ihrer  Schenkel.  Sie  hörte  jemanden  sa- 
gen, man  müsse  sie  niederknien  lassen.  Was  auch  geschah.  Das  Knien 
tat  ihr  sehr  weh,  zumal  man  ihr  verbot,  die  Knie  zu  schließen  und  ihre 
Hände  so  auf  den  Rücken  gebunden  waren,  daß  sie  sich  Vorbeugen 
mußte.  Nun  erlaubte  man  ihr,  sich  zurücksinken  zu  lassen,  bis  sie  fast 
auf  den  Fersen  saß,  wie  es  die  Nonnen  tun.  »Sie  haben  sie  nie  ange- 


397 


Pauline  Seage 


bunden?  - Nein,  nie.  - Auch  nicht  gepeitscht?  - Auch  das  nie.  Sie 
wissen  ja  ...«  Diese  Antworten  kamen  von  ihrem  Geliebten.  »Ich 
weiß,  sagte  die  andere  Stimme.  Wenn  man  sie  nur  gelegentlich  anbin- 
det, wenn  man  sie  nur  ein  bißchen  peitscht,  könnte  sie  Geschmack 
daran  finden,  und  das  wäre  falsch.  Man  muß  über  den  Punkt  hinaus- 
gehen, wo  es  ihr  Spaß  macht,  man  muß  sie  zum  Weinen  bringen.« 
Einer  der  Männer  befahl  O jetzt,  aufzustehen,  er  wollte  gerade  ihre 
Hände  losbinden,  zweifellos,  damit  man  sie  an  einen  Pfosten  oder 
eine  Mauer  fesseln  könnte,  als  ein  anderer  protestierte,  er  wolle  sie 
zuerst  nehmen  und  zwar  sofort  - so  daß  man  sie  wieder  niederknien 
ließ,  aber  diesmal  mußte  sie,  noch  immer  mit  den  Händen  auf  dem 
Rücken,  den  Oberkörper  auf  den  Puff  legen  und  die  Hüften  hochrek- 
ken.  Der  Mann  packte  mit  beiden  Händen  ihre  Hüften  und  drang  in 
ihren  Leib  ein.  Er  überließ  seinen  Platz  einem  zweiten.  Der  dritte 
wollte  sich  an  der  engsten  Stelle  einen  Weg  bahnen  und  ging  so  brutal 
vor,  daß  sie  aufschrie.  Als  er  von  ihr  abließ,  glitt  sie,  stöhnend  und 
tränennaß  unter  ihrer  Augenbinde,  zu  Boden:  nur  um  zu  spüren,  daß 
Knie  sich  gegen  ihr  Gesicht  preßten  und  auch  ihr  Mund  nicht  ver- 
schont würde.  Schließlich  blieb  sie,  hilflos  auf  dem  Rücken,  in  ihrem 
Purpurmantel  vor  dem  Feuer  liegen.  Sie  hörte,  wie  Gläser  gefüllt  und 
ausgetrunken,  wie  Sessel  gerückt  wurden.  Im  Kamin  wurde  Holz 
nachgelegt.  Plötzlich  nahm  man  ihr  die  Augenbinde  ab.  Der  große 
Raum  mit  den  Büchern  an  den  Wänden  war  schwach  erleuchtet 
durch  eine  Lampe  auf  einer  Konsole  und  durch  den  Schein  des  Feu- 
ers, das  wieder  aufflammte.  Zwei  Männer  standen  und  rauchten.  Ein 
dritter  saß,  eine  Peitsche  auf  den  Knien,  und  der  vierte,  der  sich  über 
sie  beugte  und  ihre  Brust  streichelte,  war  ihr  Geliebter.  Aber  alle  vier 
hatten  sie  genommen,  und  sie  hatte  ihn  nicht  von  den  anderen  unter- 
scheiden können. 

Man  erklärte  ihr,  daß  es  immer  so  sein  werde,  so  lange  sie  sich  im 
Schloß  aufhalte,  daß  sie  die  Gesichter  der  Männer  nicht  sehen  werde, 
die  sie  vergewaltigen  oder  foltern  würden,  niemals  jedoch  bei  Nacht, 
und  daß  sie  niemals  wissen  werde,  wer  ihr  das  Schlimmste  angetan 
hatte.  Desgleichen  wenn  sie  gepeitscht  würde,  nur  wolle  man  dann, 
daß  sie  sehen  könne,  wie  sie  gepeitscht  wurde,  daß  sie  also  zum  ersten 
Mal  keine  Augenbinde  tragen  werde,  daß  die  Männer  dagegen  ihre 
Masken  anlegen  würden  und  sie  sie  nicht  unterscheiden  könne.  Ihr 
Geliebter  hatte  sie  aufgehoben  und  in  ihrem  roten  Umhang  auf  die 
Armlehne  eines  Sessels  an  der  Kaminecke  gesetzt,  damit  sie  hören 


398 


Gechichte  der  0 


sollte,  was  man  ihr  zu  sagen  hatte  und  sehen  sollte,  was  man  ihr  zei- 
gen wollte.  Sie  hatte  noch  immer  die  Hände  auf  dem  Rücken.  Man 
zeigte  ihr  den  Reitstock,  der  schwarz  war,  lang  und  dünn,  aus  feinem 
Bambus,  mit  Leder  bezogen,  wie  man  sie  in  den  Auslagen  der  großen 
Ledergeschäfte  sieht;  die  Lederpeitsche,  die  der  erste  der  Männer, 
den  sie  gesehen  hatte,  im  Gürtel  trug,  sie  war  lang,  bestand  aus  sechs 
Riemen  mit  je  einem  Knoten  am  Ende;  dann  eine  dritte  Peitsche  aus 
sehr  dünnen  Schnüren,  die  an  den  Enden  mehrere  Knoten  trugen 
und  ganz  steif  waren,  als  hätte  man  sie  in  Wasser  eingeweicht,  was 
auch  der  Fall  war,  wie  sie  feststellen  konnte,  denn  man  berührte  damit 
ihren  Schoß  und  spreizte  ihre  Schenkel,  damit  sie  besser  fühlen  kön- 
ne, wie  feucht  und  kalt  die  Schnüre  sich  auf  der  zarten  Haut  der  In- 
nenseite anfühlten.  Blieben  noch  auf  der  Konsole  stählerne  Ketten 
und  Schlüssel.  An  einer  Wand  der  Bibliothek  lief  in  halber  Höhe  eine 
Galerie,  die  von  zwei  Säulen  getragen  wurde.  In  eine  Säule  war  ein 
Haken  eingelassen,  in  einer  Höhe,  die  ein  Mann  auf  Zehenspitzen 
mit  gestrecktem  Arm  erreichen  konnte.  Man  sagte  O,  die  ihr  Gelieb- 
ter in  die  Arme  genommen  hatte,  eine  Hand  unter  ihren  Schultern 
und  die  andere,  die  sie  verbrannte,  zwischen  ihren  Schenkeln,  um  sie 
zum  Nachgeben  zu  zwingen,  man  sagte  ihr,  daß  man  ihre  gefesselten 
Hände  nur  löse,  um  sie  sogleich,  mittels  der  Armreifen  und  einer  der 
Stahlketten,  an  diesen  Pfeiler  zu  binden.  Daß  aber  nur  die  Hände 
über  ihrem  Kopf  festgehalten  würden,  sie  sich  aber  sonst  frei  bewe- 
gen könne  und  die  Schläge  kommen  sähe.  Daß  man  im  allgemeinen 
nur  Hüften  und  Schenkel  peitsche,  also  von  der  Taille  bis  zu  den 
Knien,  genauso,  wie  sie  im  Wagen,  der  sie  hierhergebracht  hatte,  vor- 
bereitet worden  sei,  als  sie  sich  nackt  hatte  auf  die  Bank  setzen  müs- 
sen. Daß  jedoch  einer  der  vier  anwesenden  Männer  vielleicht  Lust 
haben  werde,  ihre  Schenkel  mit  dem  Rcitstock  zu  zeichnen,  was  schö- 
ne, lange  und  tiefe  Striemen  gebe,  die  man  lange  sehen  werde.  Es 
werde  ihr  nicht  alles  zugleich  angetan  werden,  sie  werde  schreien 
können,  soviel  sie  wolle,  sich  winden  und  weinen.  Man  werde  sie 
Atem  schöpfen  lassen,  aber  weitermachen,  sobald  sie  wieder  Kräfte 
gesammelt  habe,  wobei  die  Wirkung  nicht  nach  ihren  Schreien  oder 
Tränen  beurteilt  werde,  sondern  nach  den  mehr  oder  minder  lebhaf- 
ten und  anhaltenden  Spuren,  die  die  Peitschen  auf  ihrer  Haut  zu- 
rücklassen würden.  Man  wies  sie  darauf  hin,  daß  diese  Methode,  die 
Wirkung  der  Schläge  zu  beurteilen,  nicht  nur  gerecht  sei  und  alle  Ver- 
suche der  Opfer,  durch  übertriebenes  Stöhnen  Mitleid  zu  wecken. 


399 


Pauline  Reage 


nichtig  mache,  sondern  darüber  hinaus  auch  erlaube,  die  Peitsche 
außerhalb  des  Schlosses  anzuwenden,  im  Park,  was  häufig  geschehe, 
oder  in  irgendeiner  Wohnung  oder  einem  beliebigen  Hotelzimmer, 
vorausgesetzt  natürlich,  daß  man  einen  Knebel  verwende  (den  man 
ihr  sogleich  zeigte),  der  nur  den  Tränen  freien  Lauf  läßt,  aber  alle 
Schreie  erstickt  und  kaum  ein  Stöhnen  erlaubt.  An  diesem  Abend  je- 
doch sollte  der  Knebel  nicht  verwendet  werden,  im  Gegenteil.  Sie 
wollten  O brüllen  hören,  und  so  schnell  wie  möglich.  Der  Stolz,  den 
sie  darein  setzte,  sich  zu  beherrschen  und  zu  schweigen,  hielt  nicht 
lange  an:  sie  hörten  sie  sogar  betteln,  man  möge  sie  losbinden,  einen 
Augenblick  einhalten,  nur  einen  einzigen.  Sie  wand  sich  so  konvulsi- 
visch, um  dem  Biß  der  Lederriemen  zu  entgehen,  daß  sie  sich  vor 
dem  Pfosten  beinah  um  die  eigene  Achse  drehte,  denn  die  Kette,  die 
sie  fesselte,  war  lang  und  daher  nicht  ganz  straff.  Die  Folge  war,  daß 
ihr  Bauch  und  die  Vorderseite  der  Schenkel  und  die  Seiten  beinah 
ebenso  ihr  Teil  abbekamen,  wie  die  Lenden.  Man  entschloß  sich  nun, 
einen  Augenblick  aufzuhören  und  erst  wieder  anzufangen,  nachdem 
ein  Strick  um  ihre  Taille  und  zugleich  um  den  Pfosten  geschlungen 
worden  war.  Da  man  den  Strick  fest  anzog,  damit  der  Körper  in  der 
Mitte  gut  am  Pfosten  anlag,  war  der  Oberkörper  notwendig  ein  wenig 
zur  Seite  gebeugt,  so  daß  auf  der  anderen  Seite  das  Hinterteil  stärker 
hervortrat.  Von  nun  an  verirrten  die  Hiebe  sich  nicht  mehr,  es  sei 
denn  mit  Absicht.  Nach  der  Art  und  Weise  zu  urteilen,  wie  ihr  Gelieb- 
ter sie  ausgeliefert  hatte,  hätte  O sich  denken  können,  daß  ein  Appell 
an  sein  Mitleid  die  beste  Methode  sein  würde,  seine  Grausamkeit  zu 
verdoppeln,  daß  er  größtes  Vergnügen  daran  finden  würde,  ihr  diese 
unzweifelhaften  Beweise  seiner  Macht  zu  entreißen  oder  entreißen  zu 
lassen.  Tatsächlich  war  er  derjenige,  der  als  erster  bemerkte,  daß  die 
Lederpeitsche,  unter  der  sie  zuerst  gestöhnt  hatte,  sie  weit  weniger 
zeichnete,  als  die  eingeweichte  Schnur  der  neunschwänzigen  Katze 
und  der  Reitstock,  und  daher  erlaube,  die  Qual  zu  verlängern  und 
mehrmals  von  neuem  anzufangen,  fast  unverzüglich,  wenn  man  Lust 
dazu  hatte.  Er  bestand  darauf,  daß  man  nur  noch  diese  Peitsche  ver- 
wendete. Verführt  von  diesem  hingereckten  Hinterteil,  das  sich  unter 
den  Schlägen  wand  und  sich  in  dem  Bemühen,  ihnen  auszuweichen, 
nur  umso  mehr  aussetzte,  verlangte  nun  derjenige  der  Vier,  der  an 
den  Frauen  nur  das  liebte,  was  sie  mit  den  Männern  gemeinsam  ha- 
ben, daß  man  ihm  zuliebe  eine  Pause  einlegen  solle,  und  er  teilte  die 
beiden  Hälften,  die  unter  seinen  Händen  brannten,  und  drang  nicht 


400 


Kommentar 


ohne  Mühe  ein,  wobei  er  die  Überlegung  anstellte,  daß  man  diese 
Pforte  leichter  zugänglich  machen  müsse.  Man  kam  überein,  daß  das 
zu  machen  sei  und  daß  man  entsprechende  Maßnahmen  ergreifen 
werde. 


Kommentar 

ln  der  Geschuhte  von  Pauline  Reage  »Die  Geschichte  der  0«  wird 
recht  detailliert  ein  sado-masochistisches  Szenario  geschildert,  in  de- 
ren Mittelpunkt  eitu  wehrlose  Frau  ist,  die  durch  mehrere  Männer, 
u.a.  durch  den  »Geliebten«  der  Frau  in  sadistischer  Weise  behandelt 
wird  und  die  sich  dem  in  offensichtlich  masochistischer  Weise  unterzieht. 

Der  Sadomasochismus  hat  offensichtlich  viele  Literaten  als  Thema  interessiert  und 
ist  wohl  die  am  häufigsten  in  der  Literatur  beschriebene  Störung  der  sexuellen  Prä- 
ferenz (Paraphilie).  Unter  Störung  der  sexuellen  Präferenz  werden  weitgehend fi- 
xierte Formen  sexueller  Befriedigung  verstanden,  die  an  außergewöhnliche  Bedin- 
gungen geknüpft  sind.  fu  diesen  Störungen  gehört  der  Fetischismus,  der  Exhibitio- 
nismus, der  Voyeurismus,  die  Pädophilie  und  auch  der  Sadomasochismus.  Beim 
Sadomasochismus  werden  sexuelle  Aktivitäten  als  fußgen  von  Schmerzen,  Er- 
niedrigung oder  Fesseln  bevorzugt.  Wenn  die  betrffende  Person  diese  Art  der  Sti- 
mulation gerne  erleidet,  handelt  es  sich  um  Masochismus,  wenn  sie  sie  jemand 
anderem  zufügt,  um  Sadismus.  Häufigfinden  sich  Partner  zusammen,  die  sich  in 
komplementärer  Weise  hinsichtlich  ihrer  sadomasochistischen  Neigungen  ergänzen. 


401 


Patricia  Highsmith 


Der  Schrei  der  Eule 

aus:  Patricia  Highsmith.  Der  Schrei  der  Eule. 
Aus  dem  Amerikanischen  von  Irene  Rumler. 
© 2002  ly  Diogenes  Verlag  AG,  Zürich 


Einführung 


Schon  mit  neun  Jahren  studierte  Patricia  Highsmith,  geh.  Plang- 
man  (1921-1995),  die  texarüsche  Schriftstellerin  und  hochbe- 
gabte Absolventin  (Englische  Literaturwissenschaft  und  Latein) 
des  nur  Frauen  offen  stehenden  Barnard  College  die  Werke  des 
amerikanischen  Psychiaters  Karl  A.  Metminger  (»The  Human  Mind«,  1930), 
unter  dessen  und  Dostojewskijs  Eirftuss  sie  hereiis  während  des  Studiums  erste 
Kurzgeschichten  verfasste.  Ihr  erster  Roman  »rfwa.  Fremde  im  Jug«  ( 1 950)  wurde 
von  Alfred  Hitchcock  verflmt  und  machte  die  Autorin,  die  seit  1951  zwischen  dm 
USA  und  Europa  pendelte,  sofort  berühmt.  Seit  1983  lebte  sie  bis  zu  ihrem  Tod  im 
schweizerischen  Tessin. 

Patricia  Highsmith  schrieb  (auch  unter  dem  Pseudonym  Claire  Morgan)  mehr  als 
zwanzig  Romane  und  Bände  mit  Kurzgeschichten  und  g)lt  heute  als  die  Grande 
Dame  des  psychologisch  ausgrfeilten  Kriminalromanes  (vgl.  »Der  talentierte  Mr. 
Ripley«,  1955),  der  sich  weniger  um  die  Aufklämng  von  Verbrechen  (whodunnit) 
als  deren  psychologische  Motive  (vohydunnit)  kümmert.  Ein  dem  »Lon- 

doner Observer«  charakterisiert  ihren  Stil  kurz  und  prägnant:  Patricia  Highsmith 
beschreibt  die  Menschm,  wie  eine  Spinne  eitle  Fliege  beschreiben  würde. 

Im  Jahre  1991  tauchte  ihr  Name  auf  der  Liste  potenzieller  Nobelpreisträger  auf. 
Ihr  Roman  »The  Cry  of  the  Owb<  (1962,  dt.  zuerst  unter  dem  Titel  »Das  Mäd- 
chen hinterm  Fenster«,  1964),  verfilmt  von  Claude  Chabrol  (1987),  erzählt  die 
Geschichte  des  psychisch  labilen  Robert  Forester,  der  auf  seinen  einsamen  Spazier- 
gängen in  einem  Haus  ein  Mädchen  beobachtet,  von  deren  Anblick  er  immer  stärker 
angezogen  wird.  Als  der  Voyeur  eines  Tages  Jenny  kennen  lernt,  verliebt  sie  sich  in 
ihn  und  löst  seinetwegen  ihre  Verlobung  mit  Greg.  Dieser  jedoch  will  sie  zurück- 
gewinnen, denn  Forester  magjenry  zwar,  liebt  sie  aber  nicht.  Das  Drama  nimmt 
seinen  Lauf 

Patricia  Highsmith  lebte  zurückgezogen,  mied  Interviews  und  Auftritte,  litt  unter 


402 


Der  Schrei  der  Euk 


misslingenden  Lesbischen  Beziehungen,  die  sie  nervlich  zerrütkten,  wurde  immer 
misanthropischer,  sprach  zunehmend  dem  Alkohol  zu  und  starb  vereinsamt  in  Lo- 
carno 1995  an  einem  Krebsleiden. 

Weiterfiihrende  Literatur: 

Franz  Cavigelli/ Fritz  Senn:  Über  Patricia  Highsmith.  Diogenes  2002 


Der  Schrei  der  Eule 


Die  Nacht  brach  schnell  herein,  so  schnell,  daß 
man  fast  Zusehen  konnte,  und  legte  sich  wie  ein 
düsteres  Tuch  über  die  Erde.  Als  Robert  an  den 
Motels  und  Würstchenbuden  am  Stadtrand  von 
Langley  vorbeifuhr,  spürte  er  einen  fast  kör- 
perlichen Ekel  bei  dem  Gedanken,  jetzt  in  diese 
Stadt,  zu  seiner  Straße  fahren  zu  müssen.  An  ei- 
ner Tankstelle  wendete  er  und  fuhr  den  Weg  zu- 
rück, den  er  gekommen  war.  Es  ist  nur  die  Däm- 
merung, dachte  er.  Sogar  im  Sommer  mochte  er  die  Dämmerung 
nicht,  wenn  sie  langsam  hereinbrach  und  darum  erträglicher  schien. 
Im  Wdnter  kam  sie  in  der  öden  Landschaft  von  Pennsylvanien,  die 
ihm  so  wenig  vertraut  war,  erschreckend,  bedrückend  schnell.  Es  war 
wie  ein  jähes  Sterben.  Samstags  und  sonntags,  wenn  er  nicht  arbeite- 
te, ließ  er  die  Jalousien  schon  um  vier  Uhr  nachmittags  herunter  und 
machte  Licht,  und  wenn  er  dann  später  wieder  aus  dem  Fenster  sah, 
lange  nach  sechs,  dann  war  die  Dunkelheit  schon  hereingebrochen. 
Sie  war  da;  alles  war  vorüber.  Robert  fuhr  nach  Humbert  Corners, 
einer  kleinen  Stadt,  ungefähr  neun  Meilen  von  Langley  entfernt.  Von 
dort  aus  schlug  er  eine  schmale  Asphaltstraße  ein,  die  in  die  Umge- 
bung führte. 

Er  wollte  das  Mädchen  Wiedersehen.  Vielleicht  zum  letztenmal, 
dachte  er.  Aber  das  hatte  er  schon  oft  gedacht,  und  dann  war  er  doch 
immer  wieder  hingefahren.  Er  fragte  sich,  ob  er  nicht  überhaupt  we- 
gen des  Mädchens  länger  im  Werk  geblieben  war.  Hatte  er  vielleicht 
nur  so  lange  gearbeitet,  um  sicher  zu  sein,  daß  es  dunkel  war,  wenn  er 
das  Werk  verließ? 

Robert  parkte  den  Wagen  auf  einem  Waldweg  in  der  Nähe  des  Hau- 
ses, in  dem  das  Mädchen  wohnte,  und  ging  zu  Fuß  weiter.  An  der 


403 


Patricia  Highsndth 


Einfahrt  verlangsamte  er  seine  Schritte.  Er  bog  um  die  alte  Basket- 
ballwand am  Ende  der  Einfahrt  und  ging  auf  die  dahinterliegende 
Wiese. 

Das  Mädchen  war  wieder  in  der  Küche;  die  erleuchteten  Rechtecke 
der  Küchenfenster  schimmerten  hell  an  der  Rückseite  des  Hauses. 
Hin  und  wieder  glitt  ihr  Schatten  durch  eines  dieser  Rechtecke,  aber 
sie  hielt  sich  meistens  im  linken  auf,  wo  der  Tisch  stand.  Von  Roberts 
Platz  aus  wirkte  das  Fenster  wie  die  Linse  einer  Kamera.  Nur  selten 
wagte  er  sich  näher  an  das  Haus  heran.  Zu  sehr  fürchtete  er,  von  ihr 
gesehen  zu  werden.  Doch  heute  war  es  sehr  dunkel.  Vorsichtig  schlich 
er  dichter  an  die  Fenster  heran. 

Es  war  das  vierte  oder  fünfte  Mal,  daß  er  hierherkam.  Das  erste  Mal 
hatte  er  das  Mädchen  an  einem  Samstag  gesehen,  einem  strahlenden, 
sonnigen  Samstag  im  September,  als  er  mit  seinem  Wagen  planlos 
durch  die  Gegend  gefahren  war.  Sie  hatte  vor  der  vorderen  Veranda 
einen  kleinen  Teppich  ausgeschüttelt,  als  er  vorbeikam,  und  er  hatte 
sie  höchstens  zehn  Sekunden  lang  gesehen.  Und  doch  war  ihm  der 
Anblick  schon  damals  vertraut  erschienen,  wie  ein  Bild  oder  eine  Per- 
son, die  er  irgendwo  schon  einmal  gesehen  hatte.  Aus  den  Pappkar- 
tons, die  auf  der  Veranda  standen,  und  den  gardinenlosen  Fenstern 
schloß  er,  daß  sie  erst  vor  kurzem  eingezogen  sein  mußte.  Das  Haus 
war  zweistöckig,  weiß  mit  braunen  Läden,  und  brauchte  dringend  ei- 
nen neuen  Anstrich.  Das  Gras  war  lange  nicht  gemäht  worden,  und 
der  weiße  Zaun  entlang  der  Einfahrt  hing  schief  und  drohte  umzufal- 
len. Das  Mädchen  hatte  lichtbraunes  Haar  und  war  verhältnismäßig 
groß.  Mehr  hatte  er  aus  den  etwa  zwanzig  Metern  Entfernung  nicht 
feststellen  können.  Ob  sie  hübsch  war,  vermochte  er  nicht  zu  sagen, 
und  das  war  ihm  auch  unwichtig  gewesen.  Aber  was  war  denn  wich- 
tig? Robert  hätte  es  nicht  in  Worte  fassen  können.  Doch  als  er  sie  das 
zweite  und  dritte  Mal  sah,  in  zwei-  bis  dreiwöchigen  Abständen,  hatte 
er  erkannt,  was  ihn  so  faszinierte:  die  ruhige  Gelassenheit,  die  dieses 
Mädchen  ausstrahlte,  ihre  deutlich  spürbare  Liebe  zu  diesem  her- 
untergekommenen Haus,  die  sichtliche  Zufriedenheit  mit  dem  Le- 
ben, das  sie  führte.  All  das  konnte  er  durch  das  Küchenfenster  sehen. 
Etwa  drei  bis  vier  Meter  vor  dem  Haus  machte  er  halt  und  stellte  sich 
neben  den  Lichtschein,  der  aus  dem  Fenster  kam.  Er  sah  sich  vorsich- 
tig um.  Das  einzige  Licht,  das  er  entdecken  konnte,  schimmerte  direkt 
hinter  ihm,  eine  halbe  Meile  entfernt,  jenseits  der  großen  Wiese;  ein 
einsames  Licht  im  Fenster  eines  Farmhauses.  In  der  Küche  deckte  das 


404 


Der  Schrei  der  Eule 


Mädchen  gerade  den  Tisch.  Für  zwei.  Das  bedeutete  vermutlich,  daß 
ihr  Freund  zum  Essen  kam.  Robert  hatte  ihn  schon  zweimal  gesehen 
- ein  großer  Bursche  mit  welligem,  schwarzem  Flaar.  Einmal  hatten 
sie  sich  geküßt.  Er  nahm  an,  daß  sie  sich  liebten  und  heiraten  wollten, 
und  er  hoffte,  daß  das  Mädchen  glücklich  werden  würde.  Robert 
schlich  sich  noch  näher  heran.  Vorsichtig  rutschte  er  vorwärts,  um 
nicht  auf  einen  Zweig  zu  treten.  Dann  blieb  er  stehen  und  hielt  sich 
mit  einer  Fland  am  Ast  eines  Bäumchens  fest. 

Heute  abend  gab  es  Brathuhn.  Auf  dem  Tisch  stand  eine  Flasche 
Weißwein.  Sie  trug  eine  Schürze,  um  sich  nicht  schmutzig  zu  machen, 
aber  während  Robert  zusah,  fuhr  sie  zurück  und  rieb  sich  das  Hand- 
gelenk, auf  das  heißes  Fett  gespritzt  war.  Er  konnte  hören,  daß  das 
kleine  Radio  in  der  Küche  Nachrichten  brachte.  Das  letzte  Mal,  als  er 
hier  gewesen  war,  hatte  das  Mädchen  eine  Melodie,  die  das  Radio 
spielte,  mitgesungen.  Ihre  Stimme  war  weder  gut  noch  schlecht,  nur 
natürlich  und  unverbildet.  Sie  war  ungefähr  ein  Meter  siebzig  groß, 
hatte  lange  Glieder  und  angenehm  proportionierte  Hände  und  Füße. 
Er  schätzte  sie  auf  etwa  zwanzig  bis  fünfundzwanzig  Jahre.  Ihr  Ge- 
sicht war  glatt  und  klar,  und  niemals  schien  sie  die  Stirn  zu  runzeln. 
Das  lichtbraune  Haar  hing  leicht  gewellt  bis  auf  die  Schultern  herab. 
Es  war  über  den  Ohren  mit  zwei  Goldspangen  zurückgehalten  und  in 
der  Mitte  gescheitelt.  Ihr  Mund  war  groß  und  schmal  und  trug  ge- 
wöhnlich einen  Ausdruck  kindhaften  Ernstes,  genau  wie  ihre  grauen 
Augen.  Die  Augen  waren  ziemlich  klein.  Auf  Robert  wirkte  sie  wie 
aus  einem  Guß,  wie  eine  geschickt  geformte  Statue.  Wenn  ihre  Augen 
auch  zu  schmal  waren,  sie  paßten  zu  ihr,  und  er  fand  den  Gesamtein- 
druck schön. 

Immer,  wenn  Robert  sie  nach  zwei  bis  drei  Wochen  wiedersah,  traf  es 
ihn  wie  ein  Schlag,  so  stark,  daß  sein  Herz  fast  Stillstand,  um  gleich 
darauf  sekundenlang  wie  rasend  zu  klopfen.  Eines  Abends,  etwa  vor 
einem  Monat,  war  es  ihm  vorgekommen,  als  sähe  sie  ihn  durch  das 
Fenster  hindurch  direkt  an,  und  er  hatte  sich  kaum  zu  atmen  getraut. 
Er  hatte  zurückgestarrt,  ohne  Angst,  ohne  auch  nur  zu  versuchen, 
durch  Regungslosigkeit  einer  Entdeckung  zu  entgehen,  in  jenen  kur- 
zen Sekunden  die  unangenehme  Erkenntnis  vor  Augen,  daß  er  in  Pa- 
nik geraten  würde,  wenn  sie  ihn  sähe,  und  daß  im  nächsten  Moment 
alles  aus  sein  konnte:  sie  würde  die  Polizei  rufen,  sie  würde  ihn  genau 
ansehen  können,  er  würde  als  Voyeur  verhaftet  werden,  und  damit 
wäre  dann  die  unwürdige  Geschichte  zu  Ende.  Glücklicherweise  je- 


405 


Patricia  Highsmith 


doch  hatte  sie  ihn  doch  nicht  gesehen  und  offenbar  nur  rein  zufällig 
aus  dem  Fenster  in  seine  Richtung  gestarrt. 

Sie  hieß  Thierolf  - der  Name  stand  auf  dem  kleinen  Briefkasten  an 
der  Straße.  Das  war  alles,  was  er  über  sie  wußte.  Und  daß  sie  einen 
hellblauen  Volkswagen  fuhr.  Er  war  in  der  Einfahrt  abgestellt,  denn 
das  Haus  hatte  keine  Garage.  Nie  war  Robert  ihr  am  Morgen  nachge- 
fahren, um  herauszubringen,  wo  sie  arbeitete.  Es  hing  mit  dem  Haus 
zusammen,  daß  er  ihr  so  gerne  zusah.  Ihr  häusliches  Wesen  gefiel 
ihm,  es  machte  ihm  Freude,  wenn  sie  so  vergnügt  Vorhänge  aufsteckte 
und  Bilder  an  die  Wand  hängte.  Am  liebsten  sah  er  sie  in  der  Küche 
herumwirtschaften,  und  es  traf  sich  gut,  daß  die  Küche  drei  Fenster 
hatte,  vor  denen  Bäume  standen,  die  ihm  Deckung  boten.  Außerdem 
gab  es  auf  dem  Grundstück  einen  kleinen,  zwei  Meter  hohen  Geräte- 
schuppen und  die  baufällige  Basketballwand  am  Ende  der  Einfahrt, 
hinter  der  er  sich  einmal  verborgen  hatte,  als  ihr  Freund  mit  voll 
aufgeblendeten  Scheinwerfern  hereingebraust  kam. 

Einmal  hatte  Robert  gehört,  wie  sie  ihm  nachrief,  als  er  das  Haus 
verließ:  »Greg!  Greg!  Ich  brauche  auch  noch  Butter!  Mein  Gott,  wo 
habe  ich  nur  meine  Gedanken!«  Und  Greg  war  mit  seinem  Wagen 
losgefahren,  um  das  Vergessene  zu  besorgen. 

Robert  lehnte  die  Stirn  gegen  seinen  Arm  und  warf  einen  letzten 
Blick  auf  das  Mädchen.  Sie  war  jetzt  mit  ihrer  Arbeit  fertig  und  lehn- 
te mit  gekreuzten  Füßen  an  der  Arbeitsplatte  neben  dem  Herd.  Sie 
starrte  auf  den  Boden,  mit  einem  Ausdruck,  als  sähe  sie  weit  in  die 
Ferne.  Ihre  Hände,  schlaff,  fast  leblos,  hielten  ein  blauweißes  Ge- 
schirrtuch. Dann  lächelte  sie  plötzlich,  stieß  sich  von  der  Platte  ab, 
faltete  das  Tuch  und  hängte  es  über  eine  der  drei  roten  Stangen,  die 
über  dem  Spülstein  an  der  Wand  befestigt  waren.  Robert  hatte  zuge- 
sehen, als  sie  den  Handtuchhalter  eines  Abends  an  der  Wand  befestigt 
hatte.  Jetzt  kam  das  Mädchen  direkt  auf  das  Fenster  zu,  vor  dem  Ro- 
bert stand,  und  er  konnte  gerade  noch  hinter  den  kleinen  Baum  tre- 
ten. 

Er  haßte  es,  sich  wie  ein  Verbrecher  zu  benehmen,  und  da  - ausge- 
rechnet jetzt!  - trat  er  auf  einen  dieser  verdammten  Zweige.  Er  hörte 
ein  Klicken  am  Fenster  und  wußte  sofort,  was  es  war  - eine  ihrer 
Haarspangen  hatte  die  Scheibe  berührt.  Vor  Scham  schloß  er  einen 
Moment  die  Augen.  Als  er  sie  wieder  öffnete,  sah  er,  daß  das  Mäd- 
chen dem  Fenster  ihr  Profil  zuwandte  und  in  die  andere  Richtung 
blickte,  der  Einfahrt  zu.  Robert  warf  einen  raschen  Blick  zur  Basket- 


406 


Der  Schrei  der  Eule 


ballwand  hinüber  und  überlegte,  ob  er  hinlaufen  sollte,  ehe  sie  aus 
dem  Hause  kam.  Dann  hörte  er,  daß  das  Radio  lauter  gestellt  wurde, 
und  lächelte.  Sie  hatte  Angst,  nahm  er  an,  also  drehte  sie  das  Radio 
lauter,  um  sich  nicht  so  allein  zu  fühlen.  Eine  sehr  unlogische  und 
doch  wiederum  sehr  logische  und  rührende  Reaktion.  Es  tat  ihm  leid, 
daß  er  ihr  Angst  eingejagt  hatte.  Und  es  war  nicht  das  erste  Mal,  das 
wußte  er.  Er  war  ein  äußerst  ungeschickter  Einschleicher.  Einmal  war 
er  mit  dem  Fuß  an  einen  alten  Kanister  neben  dem  Haus  gestoßen, 
und  das  Mädchen,  allein  im  Wohnzimmer  und  mit  der  Pflege  ihrer 
Nägel  beschäftigt,  war  aufgesprungen  und  hatte  vorsichtig  die  Haus- 
tür aufgemacht.  Sie  hatte  gerufen:  »Wer  ist  da?  Ist  da  jemand?«  Dann 
war  die  Tür  wieder  geschlossen  und  der  Riegel  vorgelegt  worden. 
Und  dann,  das  letzte  Mal,  an  jenem  windigen  Abend,  als  ein  Ast  an 
den  Fensterläden  gekratzt  hatte.  Das  Mädchen  hatte  das  Geräusch 
gehört,  war  ans  Fenster  gekommen,  hatte  dann  wohl  beschlossen, 
nichts  zu  unternehmen,  und  war  wieder  zu  ihrem  Fernsehapparat  zu- 
rückgekehrt. Doch  das  Kratzen  hatte  nicht  aufgehört,  und  schließlich 
hatte  Robert  den  Zweig  gepackt  und  ihn  zurückgebogen.  Dabei  hat- 
ten die  Spitzen  ein  letztes  Mal  über  die  Hauswand  gekratzt.  Dann 
war  er  fortgegangen  und  hatte  den  Zweig  so  zurückgelassen,  abgebo- 
gen, jedoch  nicht  gebrochen.  Angenommen,  sie  hatte  den  Zweig  spä- 
ter gesehen  und  ihren  Freund  darauf  aufmerksam  gemacht  . . . ? 

Die  Schmach,  als  Voyeur  erwischt  zu  werden,  erschien  ihm  so  uner- 
träglich, daß  er  gar  nicht  daran  denken  mochte.  Ein  Voyeur  ist  ein 
Mann,  der  Frauen  heimlich  beim  Ausziehen  beobachtet  und,  wie  Ro- 
bert gehört  hatte,  noch  andere  anstößige  Gewohnheiten  besitzt.  Was 
er  fühlte,  was  ihn  trieb,  war  eher  wie  ein  großer  Durst,  der  gestillt 
werden  mußte.  Er  mußte  sie  sehen,  mußte  sie  beobachten.  Diese  Er- 
kenntnis brachte  ihm  auch  zu  Bewußtsein,  daß  er  durchaus  willens 
war,  das  Risiko  einer  eventuellen  Entdeckung  einzugehen.  Er  würde 
seine  Stellung  verlieren.  Mrs.  Rhoads,  seine  freundliche  Vermieterin 
in  den  Gamelot  Apartments,  würde  ihm  entsetzt  auf  der  Stelle  kündi- 
gen. Die  Kollegen  im  Büro?  Nun  ja,  mit  Ausnahme  von  Jack  Nielson 
hörte  Robert  sie  jetzt  schon  sagen:  »Habe  ich  nicht  gleich  gesagt,  daß 
mit  dem  Kerl  was  nicht  stimmt?  . . . Nicht  ein  einziges  Mal  hat  er  mit 
uns  gepokert,  hab  ich  recht?«  Dieses  Risiko  mußte  er  eingehen.  Selbst 
wenn  kein  Mensch  je  verstand,  daß  er,  wenn  er  diesem  Mädchen  zu- 
sah, wie  es  ruhig  seinen  Haushaltspflichten  nachging,  selbst  ruhiger 
wurde,  daß  er  dabei  erkannte,  wie  für  manche  Menschen  das  Leben 


407 


Patricia  Highsmith 


noch  Sinn  und  Freude  barg,  und  daß  er  dann  fast  wieder  daran  glau- 
ben konnte,  diesen  Sinn  und  diese  Freude  auch  für  sich  selbst  wieder- 
zufinden. Das  Mädchen  half  ihm. 

Robert  schauderte  es,  wenn  er  an  seinen  Gemütszustand  im  vergan- 
genen September  dachte,  als  er  nach  Pennsylvanien  gekommen  war. 
Er  war  nicht  nur  deprimierter  gewesen  ds  je  zuvor,  er  hatte  tatsäch- 
lich geglaubt,  daß  das  letzte  Restchen  Optimismus,  das  er  besaß,  das 
letzte  Restchen  Willenskraft,  ja  sogar  das  letzte  Restchen  Verstand 
verrann  wie  die  Sandkörner  eines  Stundenglases.  Er  war  gezwungen 
gewesen,  alles  nach  einem  genauen  Zeitplan  zu  tun,  als  wäre  er  eine 
kleine  Ein-Mann-Armee;  essen,  Stellung  suchen,  schlafen,  baden, 
sich  rasieren,  und  wieder  von  vorne,  wieder  nach  Zeitplan  - sonst 
wäre  er  zusammengeklappt.  Sein  Psychotherapeut,  Dr.  Krimmler  in 
New  York,  hätte  das  vermutlich  gutgeheißen.  Sie  hatten  sich  so  man- 
ches Mal  darüber  unterhalten.  Robert:  »Ich  habe  das  bestimmte  Ge- 
fühl, wenn  nicht  jeder  seine  Mitmenschen  beobachtete,  würden  alle 
überschnappen.  Ohne  Verhaltensregeln  wüßte  kein  Mensch,  wie  er 
leben  sollte.«  Dr.  Krimmler,  feierlich  und  mit  Überzeugung:  »Diese 
Verhaltensregeln,  von  denen  Sie  sprechen,  sind  gar  keine  Verhal- 
tensregeln. Es  sind  die  Gewohnheiten,  die  die  menschliche  Rasse  im 
Laufe  der  Jahrhunderte  angenommen  hat.  Wir  schlafen  bei  Nacht 
und  arbeiten  bei  Tage.  Drei  Mahlzeiten  sind  besser  als  eine  oder  sie- 
ben. Diese  Gewohnheiten  halten  uns  geistig  gesund,  insofern  haben 
Sie  recht.«  Aber  ganz  zufriedenstellend  war  das  nicht. 

Was  verbirgt  sich  dahinter,  wollte  Robert  wissen.  Das  Chaos?  Das 
Nichts?  Das  Böse,  Pessimismus  und  Depressionen,  die  vielleicht  zu 
rechtfertigen  wären?  Oder  einfach  der  Tod,  das  Ende,  eine  Leere,  so 
schrecklich,  daß  niemand  davon  zu  sprechen  wagte?  Er  hatte  sich 
wohl  doch  nicht  so  klar  ausgedrückt  bei  Krimmler,  obwohl  es  ihm 
vorkam,  als  hätten  sie  geredet  und  geredet,  ohne  Unterbrechung, 
und  kaum  einmal  geschwiegen.  Doch  andererseits  war  Krimmler 
Psychotherapeut  und  kein  Analytiker.  Und  außerdem  hatten  seine 
Ratschläge  geholfen,  weil  Robert  sich  daran  gehalten  und  genau  nach 
Vorschrift  gelebt  hatte.  Und  es  war  sicher,  daß  sie  ihm  sogar  bei  Nik- 
kies  Anrufen  geholfen  hatten.  Nickie  hatte  ihn  irgendwie  aufgespürt, 
möglicherweise  durch  die  Telefongesellschaft  oder  durch  einen  von 
ihren  gemeinsamen  Freunden  in  New  York,  denen  er  seine  Nummer 
gegeben  hatte. 

Ohne  sich  umzusehen  verließ  Robert  die  Deckung,  die  das  Bäum- 


408 


Kommentar 


r 


chen  gewährte,  machte  einen  Bogen  um  das  helle  Rechteck,  das  das 
Licht  aus  dem  Fenster  auf  den  Boden  warf,  und  trat  in  die  Einfahrt. 
In  diesem  Augenblick  kam  auf  der  Straße  von  rechts  langsam  ein 
Paar  Scheinwerfer  näher.  Mit  zwei  Sätzen  war  Robert  wieder  hinter 
der  Basketballwand,  als  der  Wagen  in  die  Einfahrt  einbog.  Das  Licht 
der  Scheinwerfer  fiel  zu  beiden  Seiten  der  zwei  Meter  breiten  Holz- 
wand an  Robert  vorbei,  und  da  die  alten  Planken  rissig  waren,  hatte 
Robert  das  Gefühl,  als  werfe  sein  Körper  ein  schwarzes  Schattenbild 
auf  die  Bretterwand. 


Kommentar 

Die  Geschichte  von  Patricia  Highsmith  »Der  Schrei  der  Eule«  be- 
schreibt einen  Mann,  der  wiederholt  eine  junge,  verlobte  Frau  bä 
Tätigkeiten  in  der  Küche  oder  in  der  Wohnung  beobachtet.  Er fühlt 
sich  sehr  zu  dieser  Frau  und  dem  gesamten  Szenario  hingezogen.  Es 
war  »wie  ein  großer  Durst«,  der  gestillt  werden  musste.  Er  musste  sie  sehen,  musste 
sie  beobachten,  selbst  wenn  er  dabei  Risiken  einging.  Als  möglicher  psychodynami- 
scher Hintergrund  wird  angegeben,  dass  diese  Handlungsweise  aus  einer  Sehnsucht 
nach  geordneten  bürgerlichen  Lebensverhältnissen  im  Sinne  einer  festen  Partner- 
schaft entspringt. 

Es  handelt  sich  also  nicht  um  Voyeurismus  im  klassischen  Sinne,  der  ausschließlich 
sexuell  motiviert  ist,  sondern  um  äne  voyeuristische  Neigung,  die  im  engen  Sinne 
nicht  der piychopathologischen  Definition  des  Voyeurismus  entspricht.  Der  Voyeu- 
rismus im  psychopathologischen  Sinne  ist  gekennzeichnet  durch  einen  wiederholt 
auftretenden  oder  ständigen  Drang,  anderen  Menschen  bei  sexuellen  Aktivitäten 
oder  Intimitäten,  wie  z-B.  dem  Entkleiden  zuzusehen.  Dies  passiert  in  der  Regel 
heimlich  und  fihrt  zu  sexueller  Erregung  und  meistens  auch  zu  Selbstbefriedigung 
durch  Masturbation. 


Leopold  von  Sacher-Masoch 


Zwei  Verträge 

aus:  Leopold  von  Sacher-Masoch.  Venus  im  Pelz.  Mit  einer  Studie  über  den 
Masochismus  von  Gilles  Deleuze. 

© L968  by  Lnsel  Verlag,  Franl^rt  am  Main 


Einführung 


Der  österreichische  SchriflsteUer  Leopold  (Ritter)  von  Sacher- 
Masoch  (1836-1895),  Sohn  des  Polizeidirektors  von  Lemberg, 
wurde  nach  dem  Studium  von  Jura,  Mathematik  und  Geschichte 
Professor  fiir  Geschichte  an  der  Universität  Lemberg,  ehe  er  seinen 
akademischen  Beruf  aufgab,  um  (auch  unter  den  Pseudonymen  Charlotte  Arand 
und  J(o  von  Rodenbach)  Romane  und  Novellen  zu  schreiben.  Er  wurde  zu  einem 
europäischen  Erfolgsschriftsteller  seiner  IJeit,  bewundert  von  Victor  Hugo,  Emile 
Jpla,  Henrik  Ibsen,  aber  auch  von  König  Ludwig  LL.  von  Bayern.  Auf  dem  Höhe- 
punkt seiner  Popularität  wurde  er  1886  in  Paris  triumphal  empfangen  und  mit 
einem  Orden  ausgezeichnet. 

Im  selben  Jahr  veröffentlichte  der  österreichische  Psychiater  und  Neurologe  Wil- 
helm Kraffi-Ebing  seine  »Psychopathia  sexualis«,  in  der  er  die  Symptome  einer 
krankhaften  Neigung  zu  Schmerz-  und  Unterwerfungsverlangen  als  Perversion  un- 
ter dem  Namen  Masochismus  zusammerrfasste.  Die  ungeheuere  Popularität  des 
Werkes  von  Kraffi-Ebing  ließ  die  Einsprüche  Sacher-Masochs  und  seiner  Leserge- 
meinde rasch  verblassen,  denn  der  Begriff  Masochismus  setzte  sich  durch. 

Von  der  Vielzahl  von  Romanen  und  Novellen  Sacher-Masochs  ist  nur  noch  »Venus 
im  Pelz«  (1870)  bekannt,  1968  verfilmt  von  Massimo  Dallamano  mit  Laura 
Antonelli  sowie  1994  von  den  Niederländern  Nieuwenhuys  und  Seyferth. 

Die  heute  bedeutendste  kulturwissenschaftüche  Auseinandersetzung  mit  Sacher- 
Masoch  stammt  von  dem  fianzösischen  Philosophen  Gilles  Deleuze  (siehe  tjuellen- 
angabe). 


Weiterfuhrende  Literatur: 

Lisbeth  Emer:  Leopold  von  Sacher-Masoch.  Rowohlt  2003 


410 


Verträge 


Zwei  Verträge 

Vertrag  von  Frau  Fanny  Pistor  und  Leopold  von  Sacher-Masoch. 

Herr  Leopold  von  Sacher-Masoch  verpflichtet 
sich  bei  seinem  Ehrenwort,  der  Sklave  der  Frau 
von  Pistor  zu  sein,  unbedingt  jeden  ihrer  Wün- 
sche und  Befehle  zu  erfüllen  und  das  sechs  Mona- 
te hindurch. 

Frau  Fanny  von  Pistor  dagegen  darf  nichts  Uneh- 
renhaftes von  ihm  verlangen  (was  ihn  als  Mensch 
und  Bürger  ehrlos  macht).  Ferner  muß  sie  ihm 
täglich  6 Stunden  für  seine  Arbeiten  einräumen, 
seine  Briefe  und  Schriften  niemals  ansehen.  Bei  jedem  Vergehen  oder 
Versäumnis  oder  - Majestätsverbrechen  darf  die  Herrin  (Fanny  Pi- 
stor) ihren  Sklaven  (Leopold  Sacher-Masoch)  nach  ihrem  Sinne  und 
Gutdünken  strafen.  Kurz  ihr  Untertan  Gregor  hat  seiner  Herrin  mit 
sklavischer  Untertänigkeit  zu  begegnen,  ihre  Gunstbezeugungen  als 
eine  entzückende  Gabe  hinzunehmen,  keine  Anforderung  an  ihre 
Liebe,  kein  Recht  als  ihr  Geliebter  geltend  zu  machen.  Fanny  Pistor 
dagegen  verspricht,  so  oft  als  tunlich  Pelze  zu  tragen,  und  besonders 
wenn  sie  grausam  ist. 

Nach  Ablauf  der  sechs  Monate  ist  von  beiden  Seiten  dies  Sklaven- 
intermezzo als  ungeschehen  zu  betrachten,  keine  ernste  Anspielung 
zu  machen.  Alles,  was  geschehen,  zu  vergessen  und  in  das  frühere 
Liebesverhältnis  zu  treten.  (Später  wieder  gestrichen.) 

Diese  sechs  Monate  müssen  nicht  in  Reihenfolge  sein,  sie  können  gro- 
ße Unterbrechungen  erleiden,  enden  und  beginnen  nach  der  Herrin 
Laune. 

Zur  Bekräftigung  dieses  Vertrages  der  Beteiligten 

Unterschrift. 

Begonnen,  den  8.  Dezember  1869. 

Fanny  Pistor  Bagdanow. 
Leopold  Ritter  von  Sacher-Masoch. 


411 


Leopold  von  Sacher-Masoch 


Vertrag  zwischen  Sacher-Masoch  und  Wanda  von  Dunajew. 
»Mein  Sklave! 

Die  Bedingungen,  unter  welchen  ich  Sie  als  Sklave  annehme  und  an 
meiner  Seite  dulde,  sind  folgende: 

Ganz  bedingungsloses  Aufgeben  Ihres  Selbst.  Sie  haben  keinen  Wil- 
len außer  mir. 

Sie  sind  in  meinen  Händen  ein  blindes  Werkzeug,  das  ohne  Wider- 
rede alk  meine  Befehle  vollzieht.  Sollten  Sie  vergessen,  daß  Sie  Sklave 
sind  und  mir  nicht  in  allen  Dingen  unbedingten  Gehorsam  leisten, 
steht  mir  das  Recht  zu,  Sie  ganz  nach  meinem  Belieben  zu  strafen  und  zu 
züchtigen,  ohne  daß  Sie  wagen  dürfen,  sich  darüber  zu  beklagen. 
Alles,  was  ich  Ihnen  Angenehmes  und  Glückliches  gewähre,  ist  Gnade 
von  mir  und  muß  nur  aAro/cAe  dankend  von  Ihnen  angenommen  wer- 
den; ich  habe  käne  Schuld,  keim  lyiicht  gegen  Sie. 

Sie  dürfen  weder  Sohn,  Bruder  noch  Freund  sein,  nichts  als  mein  im 
Staub  liegender  Sklave. 

So  wie  Ihr  Leib,  gehört  auch  Ihre  Seele  mir  und  mögen  Sie  noch  so  sehr 
darunter  leiden,  so  müssen  Sie  doch  Ihre  Empfindungen,  Ihre  Gefüh- 
le, meiner  Herrschaft  unterordnen. 

Die  größte  Grausamkeit  ist  mir  gestattet,  und  wenn  ich  Sie  verstümmle, 
so  müssen  Sie  es  ohne  Klage  tragen.  Sie  müssen  arbeiten  für  mich  wie 
ein  Sklave,  und  wenn  ich  im  Überflüsse  schwelge  und  Sie  entbehren 
lasse  und  Sie  mit  Füßen  trete,  müssen  Sie  ohne  zu  murren,  den  Fuß 
küssen,  der  Sie  getreten. 

Ich  kann  Sie  jede  Stunde  entlassen,  Sie  aber  dürfen  ohne  meinen  Willen 
nie  von  mir,  und  wenn  Sie  mir  entfliehen  sollten,  so  gestehen  Sie  mir 
die  Macht  und  das  Recht  zu,  Sie  durch  alle  erdenklichen  Qualen  bis  zu 
Tode  zu  martern. 

Sie  haben  außer  mir  Nichts,  ich  bin  Ihnen  alles,  Ihr  Leben,  Ihre  Zu- 
kunft, Ihr  Glück,  Ihr  Unglück.  Ihre  Qual  und  Ihre  Lust. 

Was  ich  verlange,  Gutes  oder  Schlechtes,  müssen  Sie  vollziehen,  wenn  ich 
ein  Verbrechen  von  Ihnen  fordere,  müssen  Sie  auch  Verbrecher  y/trAtn, 
um  meinem  Wülen  zu  gehorchen. 

Ihre  Ehre  gehört  mir,  wie  Ihr  Blut,  Ihr  Geist,  Ihre  Arbeitskraft,  ich 
bin  Ihre  Herrin  über  Leben  und  Tod. 

Wenn  Sie  je  meine  Herrschaft  nicht  mehr  ertragen  könnten,  daß  Ih- 
nen die  Ketten  zu  schwer  werden,  dann  müssen  Sie  sich  töten,  die  Frei- 
heit gebe  ich  Ihnen  niemals  wieder.« 


412 


Kommentar 


»Ich  verpflichte  mich  mit  meinem  Ehrenworte,  der  Sklave  der  Frau 
Wanda  von  Dunajew  zu  sein,  ganz  so,  wie  sie  es  verlangt,  und  mich 
Allem,  was  sie  über  mich  verhängt,  ohne  Widerstand  zu  unterwerfen. 

Dr.  Leopold  Ritter  von  Sacher-Masoch.« 

(Aus  Krafft- Ebing,  Psychopathia  sexualis,  hrsg.  von  A.  Moll,  1924,  S. 
213-15) 


Kommentar 

Die  »Zwei  Verträge«  von  Sacher-Masoch  stellen  in  einer  quasijuris- 
tischen Weise  die  gegenseitige  Berechtigung  bzw.  Duldung  zweier 
Sexualpartner  im  Sinne  sadomasochistischer  Aktivitäten  dar. 


413 


Günter  Grass 


Die  Blechtrommel 

Günter  Grass.  Die  Bkchtrommel.  Werkausgabe  Bd.  3. 
Erstausgabe  September  1959. 

© 1993  by  Steidl,  Göttingen 

Einführung 

Der  sich  politisch  mmischende,  vielfach  international  ausgezeich- 
nete, häufig  umstrittene  Bildhauer,  Grafiker,  Lyriker,  Dramatiker, 
Essayist  und  Romancier  Günter  Grass  Qahrgang  1927)  ist  mit 
seinem  urrfangreichen  literarischen  und  bildkünstlerischen  Werk 
einer  der  wenigen  lebenden  deutschen  Schriftsteller  von  Weltrang  (Nobelpreis  1999). 
Global  berühmt  wurde  er  mit  sänem  Roman  »Die  Blechtrommel«  (1959),  der 
1978/79  von  Volker  Schlöndorff  vefilmt  und  mit  einem  Oscar  ausgezeichnet 
wurde.  Der  Roman  erreichte  bis  heute  eine  Weltauflage  von  mehr  als  drei  Milli- 
onen. 

Der  Bezug  des  Romans  »Die  Blechtrommel«  zur  Psychiatrie  ist  bereits  in  den  ersten 
Sätzen  enthalten.  Zugleich  wird  hier  die  (häufig  übersehene)  Grundsituation  des 
gesamten  Romangeschehens  erschlossen:  »Ifugegeben:  ich  bin  Insasse  einer  Heil- 
and Pflegeanstall,  mein  Pfleger  beobachtet  mich,  läßt  mich  kaum  aus  dem  Auge; 
denn  in  der  Tür  ist  dn  Guckloch,  und  meines  Iflegers  Auge  ist  von  jenem  Braun, 
welches  mich,  den  Blauäugigen,  nicht  durchschauen  kann.  Man  Pfleger  kann  also 
gar  nicht  mein  Feind  sein.  Liebgewonnen  habe  ich  ihn,  erzähle  dem  Gucker  hinter 
der  Tür,  sobald  er  mein  flimmer  betritt,  Begebenheiten  aus  meinem  Leben,  damit  er 
mich  trotz  des  ihn  hindernden  Guckloches  kennenlernt.  Der  Gute  scheint  meine 
Erzählungen  zu  schätzen  . . .« 

Anders  ausgedrückt:  Ein  Patient  dner  psychiatrischen  Anstalt  erzählt  seinem 
Tfleger  sdn  Leben.  Das  pychopathoUfische  Interesse  an  der  Hauptfigur  Oskar 
Matzerath  erklärt  sich  aus  dessen  Erdschluss,  an  sdnem  dritten  Geburtstag  durch 
einen  vorsätzlich  herbdgeführten  Sturz  von  der  Kellertreppe  sein  Wachstum  einzu- 
stellen. 

Weitefiihrende  Literatur: 

Dieter  Stolz:  Günter  Grass.  Der  Schriftsteller.  Eine  Einführung.  Steidl  2005 


414 


Die  Blechtrommel 


Die  Blechtrommel 

Beschrieb  ich  soeben  ein  Foto,  das  Oskars  ganze 
Figur  mit  Trommel,  Trommelstöcken  zeigt  und 
gab  gleichzeitig  kund,  was  für  längstgereifte  Ent- 
schlüsse Oskar  während  der  Fotografiererei  und 
angesichts  der  Geburtstagsgesellschaft  um  den 
Kuchen  mit  den  drei  Kerzen  faßte,  muß  ich 
jetzt,  da  das  Fotoalbum  verschlossen  neben  mir 
schweigt,  jene  Dinge  zur  Sprache  bringen,  die 
zwar  meine  anhaltende  Dreijährigkeit  nicht 
erklären,  sich  aber  dennoch  - und  von  mir  herbeigeführt  - ereig- 
neten. 

Von  Anfang  an  war  mir  klar:  die  Erwachsenen  werden  dich  nicht  be- 
greifen, werden  dich,  wenn  du  für  sie  nicht  mehr  sichtbar  wächst,  zu- 
rückgeblieben nennen,  werden  dich  und  ihr  Geld  zu  hundert  Ärzten 
schleppen,  und  wenn  nicht  deine  Genesung,  dann  die  Erklärung  für 
deine  Krankheit  suchen.  Ich  mußte  also,  um  die  Konsultationen  auf 
ein  erträgliches  Maß  beschränken  zu  können,  noch  bevor  der  Arzt 
seine  Erklärung  abgab,  meinerseits  den  plausiblen  Grund  fürs  aus- 
bleibende Wachstum  liefern. 

Ein  sonniger  Septembertag,  mein  dritter  Geburtstag.  Zarte,  nach- 
sommerliche Glasbläserei,  selbst  Gretchen  Schefflers  Gelächter  ge- 
dämpft. Mama  am  Klavier  aus  dem  Zigeunerbaron  intonierend,  Jan 
hinter  ihr  und  dem  Schemelchen  stehend,  ihre  Schulter  berührend, 
die  Noten  studieren  wollend.  Matzerath  schon  das  Abendbrot  vorbe- 
reitend in  der  Küche.  Großmutter  Anna  mit  Hedwig  Bronski  und 
Alexander  Schefller  zum  Gemüsehändler  Greif  hinrückend,  weil 
Greif  immer  Geschichten  wußte,  Pfadfindergeschichten,  in  deren 
Verlauf  sich  Treue  und  Mut  zu  beweisen  hatten;  dazu  eine  Standuhr, 
die  keine  Viertelstunde  des  feingesponnenen  Septembertages  ausließ; 
und  da  alle  gleich  der  Uhr  so  beschäftigt  waren  und  sich  vom  Un- 
garnland des  Zigeunerbarons,  über  Greifs  Vogesen  durchwandernde 
Pfadfinder  eine  Linie  an  Matzeraths  Küche  vorbei,  wo  kaschubische 
Pfifferlinge  mit  Rührei  und  Bauchfleisch  in  der  Pfanne  erschraken, 
zum  Laden  hin  durch  den  Korridor  zog,  folgte  ich,  leichthin  auf  mei- 
ner Trommel  dröselnd  der  Flucht,  stand  schon  im  Laden  hinter  dem 
Ladentisch:  fern  das  Klavier,  die  Pfifferlinge  und  Vogesen,  und  be- 
merkte, daß  die  Falltür  zum  Keller  offen  stand;  Matzerath,  der  eine 


415 


Günter  Grass 


Konservendose  mit  gemischtem  Obst  für  den  Nachtisch  hochgeholt 
hatte,  mochte  vergessen  haben,  sie  zu  schließen. 

Es  bedurfte  doch  immerhin  einer  Minute,  bis  ich  begriff,  was  die  Fall- 
tür zu  unserem  Lagerkeller  von  mir  verlangte.  Bei  Gott,  keinen 
Selbstmord!  Das  wäre  wirklich  zu  einfach  gewesen.  Das  andere  je- 
doch war  schwierig,  schmerzhaft,  verlangte  ein  Opfer  und  trieb  mir 
schon  damals,  wie  immer,  wenn  mir  ein  Opfer  abverlangt  wird,  den 
Schweiß  auf  die  Stirn.  Vor  allen  Dingen  durfte  meine  Trommel  kei- 
nen Schaden  nehmen,  wohlbehalten  galt  es,  sie  die  sechzehn  ausge- 
tretenen Stufen  hinab  zu  tragen  und  zwischen  den  Mehlsäcken,  ihren 
unbeschädigten  Zustand  motivierend  zu  placieren.  Dann  wieder  hin- 
auf bis  zur  achten  Stufe,  nein,  eine  tiefer,  oder  die  fünfte  täte  es  auch. 
Aber  Sicherheit  und  glaubwürdiger  Schaden  ließen  sich  von  dort  her- 
ab nicht  verbinden.  Wieder  hinauf,  zu  hoch  hinauf  auf  die  zehnte 
Stufe,  und  endlich  von  der  neunten  Stufe  hinab  stürzte  ich  mich,  ein 
Regal  voller  Flaschen  mit  Himbeersirup  mitreißend,  kopfvoran  auf 
den  Zementboden  unseres  Lagerkellers. 

Noch  bevor  sich  meinem  Bewußtsein  die  Gardine  vorzog,  bestätigte 
ich  mir  den  Erfolg  des  Experimentes:  die  mit  Absicht  herabgerissenen 
Himbeersirupflaschen  lärmten  genug,  um  Matzerath  aus  der  Küche, 
Mama  vom  Klavier,  den  Rest  der  Geburtstagsgesellschaft  aus  den 
Vogesen  in  den  Laden  zur  offenen  Falltür  und  die  Treppe  hinunter  zu 
locken. 

Bevor  sie  kamen,  ließ  ich  noch  den  Geruch  des  fließenden  Him- 
beersirups  auf  mich  wirken,  nahm  auch  wahr,  daß  mein  Kopf  blutete 
und  überlegte  mir  noch,  während  sie  schon  auf  der  Treppe  waren,  ob 
wohl  Oskars  Blut  oder  die  Himbeeren  so  süß  und  müdemachend  ro- 
chen, war  aber  heilfroh,  daß  alles  geklappt  und  die  Trommel  dank 
meiner  Vorsicht  keinen  Schaden  genommen  hatte. 

Ich  glaube,  Greff  trug  mich  hoch.  Im  Wohnzimmer  erst  tauchte  Os- 
kar wieder  aus  jener  Wolke  auf,  die  wohl  zur  Hälfte  aus  Himbeersirup 
und  zur  anderen  Hälfte  aus  seinem  jungen  Blut  bestand.  Der  Arzt 
war  noch  nicht  da,  Mama  schrie  und  schlug  Matzerath,  der  sie  beru- 
higen wollte,  mehrmals  und  nicht  nur  mit  der  Handfläche,  auch  mit 
dem  Handrücken,  ihn  einen  Mörder  nennend,  ins  Gesicht. 

Da  hatte  ich  also  - und  die  Arzte  haben  es  immer  wieder  bestätigt  - 
mit  einem  einzigen,  zwar  nicht  harmlosen,  aber  doch  von  mir  wohl- 
dosierten Sturz  nicht  nur  den  für  die  Erwachsenen  so  wichtigen 
Grund  des  ausbleibenden  Wachstums  geliefert,  sondern  als  Zugabe 


416 


Kommentar 


und  ohne  es  eigentlich  zu  wollen,  den  guten  harmlosen  Matzerath  zu 
einem  schuldigen  Matzerath  gemacht.  Er  hatte  die  Falltür  offen  gelas- 
sen, ihm  wurde  von  Mama  alle  Schuld  aufgebürdet,  und  er  hatte  Ge- 
legenheit, Jahre  an  dieser  Schuld,  die  ihm  Mama  zwar  nicht  oft,  aber 
dann  unerbittlich  vorwarf,  zu  tragen. 

Mir  brachte  der  Sturz  vier  Wochen  Krankenhausaufenthalt  ein  und 
danach,  bis  auf  die  späteren  Mittwochbesuche  bei  Dr.  Hollatz,  ver- 
hältnismäßige Ruhe  vor  den  Ärzten;  schon  anläßlich  meines  ersten 
Trommlertages  war  es  mir  gelungen,  der  Welt  ein  Zeichen  zu  geben, 
mein  Fall  war  geklärt,  bevor  die  Erwachsenen  ihn  dem  wahren,  von 
mir  bestimmten  Sachverhalt  nach  begriffen  hatten.  Fortan  hieß  es:  an 
seinem  dritten  Geburtstag  stürzte  unser  kleiner  Oskar  die  Kellertrep- 
pe hinunter,  blieb  zwar  sonst  beieinander,  nur  wachsen  wollte  er  nicht 
mehr. 

Kommentar 

Das  Textsegment  aus  »Die  Blechtrommel«  von  Günter  Grass  be- 
schreibt eine  kurze  Szene  des  Kindes  Oskar,  der  absichtlich  men 
Sturz  von  einer  Kellertreppe  mit  entsprechenden  Verletzungsfolgen 
herbeiführt,  der  seinen  Kleinwuchs  und  seine  »anhaltende  Drei-Jäh- 
rigkeit«  begründen  soll.  Man  könnte  dies  als  autoaggressioes  bzw.  parasuizidales 
Verhalten  einstufen,  wenn  es  nur  darum  ginge,  eine  Aufmerksamkeit  zu  erregen  oder 
gegen  eine  Konfliktsituation  zu  »protestieren«  bzw.  in  einem  konflikthafien  Zusam- 
menhang appellativ  um  Hilfe  zu  suchen.  In  dem  geschilderten  Fall  geht  es  aber 
offensichtlich  um  andersartige  Motivationen  und  Begründungszusammenhänge,  in 
dem  Sinne,  dass  der  Protagonist  seinen  Kleinwuchs  durch  diesen  »Unfall«  langfri- 
stig  erklären  möchte.  Insofern  ist  der  Sachverhalt  eher  als  »artifizielle  Störung«  zu 
klassifizieren.  Die  artfiziellen  Störungen  umfassen  Krankheitsbilder  mit  körperli- 
chen und/ oder  psychischen  Symptomen,  die  durch  die  Beroffenen  selbst  herbeige- 
führt, vorgetäuscht  oder  ernsthaft  übertrieben  werden.  In  ausgeprägten  Fällen  zie- 
hen Patienten  mit  .solchen  erfundenen  oder  inszenierten  Beschwerden  von  einer 
Klinik  in  die  nächste,  immer  bereit  sieh  auch  aufwändigen  und  risikoreichen  dia- 
gnostischen oder  therapeutischen  Maßnahmen  zu  unterziehen.  Die  Phantasie  der 
mit  dieser  Störung  Belasteten  ist  ofigrenzenbs,  so  dass  das  Artfizielle  der  indu- 
zierten Krankheitsbilder  über  lange  Jahre  und  manchmal  gar  nicht  erkannt  wird. 
Insbesondere  Personen  aus  dem  Kreis  der  Medizinberufe  sind  hierbei  sehr  erfin- 
dungsreich. Die  Motivation  ist  unklar,  vermutlich  besteht  das  Zfk  dauerhaft  die 
Krankenrolle  einzunehmen.  Von  der  Psychoanalyse  wird  eine  Reinszenierung  realer 


417 


Kommentar 


früherer  Traumata  als  psychodynamischer  Erklärungsgrund  diskutiert.  Die  Störung 
steht  meistens  in  komorbidem  Zusammenhang  mit  Persönlkhkeits-  und/ oder  Bezie- 
hungsstörungen. 


418 


I 

F7 : Intelligenzminderung 


Intelligenzmindemng  im  psychopathologischen  Sinne  ist  eine  von 
Kindheit  an  bestehende,  deutlich  unterdurchschnittliche  allgemeine 
intellektuelle  Leistungsfähigkeit  mit  unterschiedlicher  Ätiologie,  hete- 
rogener Ausprägung  und  einem  von  fakultativen,  sozialen  und  neu- 
rologischen Zusatzsymptomen  abhängenden  Schweregrad.  Der  IQ, 
liegt  unter  70.  Die  Intelligenz  menschlicher  Merkmale  verteilt  sich  in 
der  Bevölkerung  näherungsweise  wie  eine  Gauß-Kurve  (Normalver- 
teilung). Etwa  5 Prozent  der  Gesamtbevölkerung  weisen  eine  Minde- 
rung der  Intelligenz  auf  Die  leichteren  Formen  der  Intelligenzminde- 
rung (Debilität)  machen  (^twa  3 bis  4 Prozent,  die  schweren  Formen 
(Inbizilität,  schwere  geistige  Behinderung  und  Idiotie)  weniger  als  1 
Prozent  aus.  In  vielen  Fällen  bleibt  die  Ursache  der  Intelligenzminde- 
rung unbekannt.  Dabei  handelt  es  sich  oft  um  die  so  genannte  idiopa- 
thische Intelligenzminderung,  die  unterschiedliche  Schweregrade  ha- 
ben kann.  Bei  einem  beachtlichen  Anteil  der  Intelligenzminderung  - 
der  durch  die  genetische  Forschung  zukünftig  stark  zunehmen  wird  - 
sind  Ursachen  aber  zumindest  teilweise  bekannt.  Neben  genetischen 
Prädispositionen  sind  als  weitere  wichtige  organische  Ursachen  von 
Intelligenzminderung  Infektionen  des  ZNS,  toxische  Schädigung  des 
ZNS,  traumatische  Schädigungen  und  hypoxische  Schädigungen  zu 
nennen.  Diese  Schädigungen  können  während  der  Schwangerschaft 
oder  der  Perinatalphase  oder  aber  in  der  frühen  Kindheit  auftreten. 
Eine  kausale  Behandlung  ist  meistens  nicht  möglich.  Wichtig  ist  die 
bestmögliche  Frühförderung  im  Entwicklungsalter  in  Zusammenar- 
beit mit  der  Familie  und  später  in  Schaffung  von  geeigneten  Arbeits- 
und Lebensbedingungen,  die  Schutz  und  Rehabilitation  bieten. 


419 


John  Steinbeck 


Von  Mäusen  und  Menschen 

aus:  John  Steinbeck.Von  Mäusen  und  Menschen.  Roman. 
Aus  dem  Amerikanischen  von  Elisabeth  Rotten. 

© 1992  by  Paul  JJolnay  Verlag,  Wien 


Einführung 


«Der  amerikanische  Nobelpreisträger  der  Literatur  (1962)  John 
Steinbeck  (1902-1968)  war  studierter  Meeresbiologe  und  Gei- 
1^*^  steswissenschqftler  (Stanford  University)  und  verdiente  sich,  ob- 
gleich  aus  wohl  situierten  Verhältnissen  stammend,  schon  wäh- 
rend seines  Studiums  als  Wanderarbeiter  und  Erntehelfer  seinen  Lebensunterhalt. 
Die  Not  der  aus  Oklahoma  und  Arkansas  vertriebenen  Farmer  rückte  bald  ins 


Zentrum  seines  Interesses  und  bildete  schließlich  den  Stoff  für  seinen  Roman 
»Früchte  des  Zorns»  (1939),  der  zugleich  seinen  literarischen  Durchbruch  (Pulit- 
zerpreis  1940)  bedeutete.  Weltruhm  erlangte  der  von  gesellschaftlichen  Ranclfigu- 
ren,  Verlierern,  Huren,  Kupplern,  Stromern  und  Spielern  sowie  vom  Leben  Betro- 
genen faszinierte,  unentwegt für  ein  menschliches  und  gerechtes  Miteinander  kämp- 
fende Steinbeck  mit  seinem  Roman  »Jenseits  von  Eden»  (1952),  der  von  Elia 
Kazan  mit  James  Dean  in  der  Rolle  des  Caleb  Trask  (1955)  kongenial  verfilmt 
wurde.  Während  des  Zweiten  Weltkrieges  arbeitete  Steinbeck  als  Kriegsberichter- 
statter in  Europa,  das  er  später  mehrfach  bereiste  und  dessen  Mythos  von  König 
Artus  ihn  im  Alter  zunehmend  beschäftigte. 

Von  einer  Reise  nach  Südostasien  kehrte  Steinbeck  1967  als  kranker  Mann  zurück 
und  erlag  ein  Jahr  später  in  New  York  einem  Herzversagen. 

Der  kurze,  mehrfach  verfilmte  Roman  » Von  Mäusen  und  Menschen»  (1937)  greft 
wiederum  die  Thematik  der  Wanderarbeiter  auf.  Erzählt  wird  die  Geschichte 
zweier  Freunde,  die  sich  in  Kalifornien  als  Erntehelfer  durchschlagen  und  davon 
träumen,  einst  eine  eigene  kleine  Farm  zu  besitzen.  George  muss  jedoch  immer  auf 
den  bärenstarken,  gutmütigen  aber  geistig  zurückgebliebenen  Lennie  aufpassen,  da- 
mit dieser  mit  seinen  enormen  Kräften  nicht  ungewollt  Unheil  stftet.  Iwnnie  liebt 
alles,  was  sich  zart  anfühlt  und  weich:  Kaninchen,  tote  Mäuse  . . . Als  er  jedoch 
auch  gegenüber  der  Frau  des  Farmers  zärtliche  Gefühle  entwickelt  und  diese  ihn 
verführt,  ist  das  Unheil  nicht  mehr  aifzuhalten,  denn  Lennie  tötet  sie  mit  seiner 


421 


John  Steinbeck 


unkontrollierten  Krafi,  ohne  es  zu  beabsichtigen  oder  überhaupt  richtig  zu  begreifen. 
Die  Freunde  müssen  fliehen,  denn  Lennie  wird  bereits  von  einer  wilden  Truppe  des 
Farmers  gesucht.  George  sieht  nur  noch  einen  Ausweg,  seinen  Freund  vor  der 
Lynchjustiz  zu  retten. 

Weitefuhrende  Literatur: 

Annette  PehnUjohn  Steinbeck.  DTV 1998 


Von  Mäusen  und  Menschen 

Am  Abend  eines  heißen  Tages  setzte  ein  leichter 
Wind  ein  und  säuselte  leise  zwischen  den  Blät- 
tern. Der  Schatten  war  schon  hügelan  die  Höhe 
hinaufgeklettert.  Auf  den  Sandbänken  saßen 
eben  noch  die  Hasen  so  unbeweglich  wie  graue 
behauene  Steine.  Da  ertönte  von  der  staaüichen 
Landstraße  her  ein  Geräusch  von  Fußtritten  auf 
dem  dürren  Laub  der  Maulbeerblätter.  Eilends 
und  unhörbar  suchten  die  Hasen  nach  Deckung. 
Ein  stelzfüßiger  Reiher  arbeitete  sich  in  die  Luft  empor  und  bewegte 
sich  flußabwärts.  Einen  Augenblick  lang  regte  sich  nichts  mehr.  Dann 
tauchten  die  Gestalten  zweier  Männer  von  dem  Pfad  her  auf  und 
kamen  auf  die  Lichtung  an  dem  grünen  Teich  zu.  Sie  kamen  im  Gän- 
semarsch den  Weg  herunter,  und  auch  wo  dieser  sich  lichtete,  ging 
einer  hinter  dem  anderen.  Sie  trugen  Drillichhosen  und  ebensolche 
Röcke  mit  Messingknöpfen.  Beide  hatten  schwarze  zerknitterte  Hüte 
und  über  den  Schultern  trugen  sie  fest  zusammengerollte  Decken. 
Der  erste  war  klein  und  behend,  mit  dunklem  Gesicht,  unruhigen 
Augen  und  scharf  geprägten  Gesichtszügen.  Alles  an  ihm  war  be- 
stimmt: kleine,  kräftige  Hände,  schlanke  Arme,  eine  schmale  knochi- 
ge Nase.  Hinter  ihm  erschien  sein  Gegenbild:  ein  hochgewachsener 
Mann  mit  ausdruckslosem  Gesicht,  großen  farblosen  Augen  und  brei- 
ten, herabhängenden  Schultern;  er  ging  schwer,  mit  schleppenden 
Füßen,  wie  ein  Bär,  der  die  Pfoten  hinter  sich  her  zieht.  Seine  Arme 
schwangen  nicht  am  Körper,  sie  hingen  lose  herab  und  bewegten  sich 
nur  nach  der  Pendelbewegung  der  Hände. 

Der  Vordermann  hielt  in  der  Lichtung  kurz  an,  so  daß  ihn  sein  Hin- 
termann fast  überrannt  hätte.  Er  nahm  seinen  Hut  ab  und  wischte 


422 


Von  Mäusen  und  Menschen 


mit  dem  Zeigefinger  über  das  Schweißband,  die  Feuchtigkeit  ab- 
schüttelnd. Sein  großer  Gefährte  warf  seine  Decken  ab,  stürzte  sich 
der  Länge  nach  hin  und  trank  von  der  Oberfläche  des  grünen  Teichs; 
trank  in  langen  Zügen  und  schnaufte  ins  Wasser  hinein  wie  ein  Pferd. 
Der  Kleinere  trat  hastig  neben  ihn. 

»Lennie«,  sagte  er  scharf  »Lennie,  um  Gottes  willen,  trink  nich  so 
viel.  Lennie  schnaufte  weiter  in  den  Teich  hinein.  Der  andere  lehnte 
sich  über  ihn  und  rüttelte  ihn  an  der  Schulter.  »Lennie!  Dir  wird 
schlecht  werden  wie  gestern  abend.« 

Lennie  tauchte  seinen  Kopf  unter,  samt  Hut  und  allem.  Dann  setzte 
er  sich  ans  Ufer,  und  es  tropfte  vom  Hut  auf  seinen  blauen  Kittel  und 
lief  ihm  den  Rücken  hinunter,  »'s  gut«,  sagte  er.  »Trink  auch,  George. 
Nimm  'nen  guten  großen  Schluck.«  Er  lächelte  glücklich. 

George  legte  sein  Bündel  ab  und  ließ  es  sanft  ans  Ufer  fallen.  »Bin 
nich  sicher,  daß  es  gutes  Wasser  is.  Sieht  mir  so  schaumig  aus.« 
Lennie  tauchte  seine  große  Pfote  ins  Wasser  und  schnappte  mit  den 
Fingern,  so  daß  es  in  kleinen  Spritzern  emporschnellte.  Uber  den 
Teich  zogen  sich  immer  größere  Ringe  und  kamen  zur  Ursprungsstel- 
le zurück.  Lennie  sah  ihrem  Spiel  zu.  »Guck  George.  Guck,  was  ich 
gemacht  hab.« 

George  kniete  neben  dem  Teich  und  trank  aus  der  hohlen  Hand  in 
kurzen  Zügen.  »Schmeckt  ganz  ordentlich«,  gab  er  zu.  »Scheint  aber 
doch  nicht  richtig  zu  fließen.  Solltest  nie  Wasser  trinken,  das  nich 
fließt,  Lennie.  Würdest  aus  dem  Rinnstein  trinken,  wenn  du  durstig 
wärst«,  sagte  er  mutlos.  Dann  warf  er  sich  eine  Handvoll  Wasser  ins 
Gesicht  und  verrieb  es  mit  der  Hand  bis  unters  Kinn  und  hinten  den 
Nacken  hinunter.  Dann  setzte  er  seinen  Hut  wieder  auf,  rückte  ein 
Stück  weg  vom  Fluß,  zog  die  Knie  hoch  und  umschlang  sie  mit  den 
Armen.  Lennie  hatte  ihn  beobachtet  und  machte  nun  George  alles 
genau  nach.  Er  rückte  ein  Stück  vom  Wasser  ab,  zog  die  Knie  hoch, 
umschlang  sie  und  blickte  zu  George  hinüber,  um  zu  sehen,  ob  alles 
stimmte.  Seinen  Hut  zog  er  etwas  tiefer  ins  Gesicht,  so  wie  George. 
George  starrte  trübsinnig  ins  Wasser.  Seine  Augenränder  waren  von 
der  grellen  Sonne  gerötet.  Ärgerlich  sagte  er:  »Wir  hätten  geradeso- 
gut direkt  bis  hin  zur  Farm  fahren  können,  wenn  der  vertrackte  Bus- 
fahrer Bescheid  gewußt  hätte.  Wußte  nich,  was  er  redete.  >Ja,  ‘n 
Stückchen  auf  der  Landstraße<,  sagte  er.  >Ja,  ‘n  kleines  Stück.<  Gott 
verdamm“  mich,  fast  vier  Meilen,  so  viel  is  es.  Wollte  nich  am  Farmtor 
halten,  das  war's.  Zu  verflixt  faul,  um  zu  stoppen.  Wundert  mich,  daß 


423 


John  Steinbeck 


er  die  Gnade  hat,  überhaupt  in  Soledad  zu  halten.  Schmeißt  uns  raus, 
sagt:  >Ja,  ‘n  Stückchen  auf  der  Straße.<  Wetten,  daß  es  mehr  als  vier 
Meilen  is.  Verdammt  heißer  Tag  heute.« 

Lennie  sah  schüchtern  zu  ihm  hinüber.  »George?«  »Ja,  was  wülste?« 
»Wohin  gehn  wir,  George?« 

Der  Kleine  zog  mit  einem  Ruck  seine  Hutkrempe  hinunter  und 
schaute  finster  zu  Lennie.  »Haste  das  schon  wieder  vergessen,  was? 
Muß  ich  dir's  nochmals  sagen,  ja?  Jesus  Christus,  du  bist  ein  elender 
Bastard!« 

»Ich  hab‘s  vergessen«,  sagte  Lennie  sanft.  »Hab  versucht,  es  nich  zu 
vergessen.  So  wahr  mir  Gott  helfe,  George.« 

»Schon  recht,  schon  recht.  Werd's  dir  nochmal  sagen.  Hab  ja  nix  zu 
tun.  Könnte  meine  ganze  Zeit  damit  zubringen,  dir  was  zu  sagen,  und 
du  vergißt  es,  und  ich  sag  dir's  wieder.« 

»Hab‘s  probiert  und  probiert«,  sagte  Lennie.  »Half  nichts.  Weiß  aber 
von  den  Kaninchen,  George.« 

»Zum  Teufel  mit  den  Kaninchen.  Alles  an  was  du  dich  je  besinnen 
kannst,  sind  de  Kaninchen.  Schon  recht!  Diesmal  paß  auf  und 
behalt‘s  gut,  daß  wir  nich  ins  Unglück  kommen.  Weißte  noch,  wie  wir 
auf  der  Howard  Street  am  Rinnstein  saßen  und  auf  das  Anschlage- 
brett  guckten?« 

Auf  Lennies  Gesicht  zeigte  sich  ein  verzücktes  Lächeln.  »Aber  gewiß, 
George.  Weiß  noch  gut.  Aber  was  dann?  Weiß  noch,  da  kamen  'n 
paar  Mädchen  vorbei,  und  du  sagst ...  du  sagst  . . .« 

»Zum  Teufel  mit  dem,  was  ich  gestigt  hab.  Weißte  nich,  wie  wir  zu 
Murray  und  Ready  hineingingen,  und  wie  sie  uns  Arbeitsbücher  und 
Buskarten  gaben?« 

»Doch,  doch,  George.  Jetzt  weiß  ich  wieder.«  Seine  Hand  schlüpfte 
schnell  in  die  seitlichen  Rocktaschen.  Zaghaft  sagte  er.  »George  - ich 
hab  meins  nich.  Muß  es  verloren  ha‘m.«  Er  schaute  verzweifelt  zu 
Boden. 

»Hast  nie  eins  gehabt,  verrückter  Bastard.  Hab  se  beide  hier.  Meinste, 
ich  ließe  dich  dein  eignes  Arbeitsbuch  bei  dir  tragen?« 

Lennie  grinste  erleichtert.  »Ich  ...  ich  dachte,  ich  hätte  meins  in  de 
Rocktasche  gesteckt.«  Seine  Hand  glitt  in  die  Tasche  zurück. 

George  blickte  ihn  scharf  an.  »Was  haste  da  aus  der  Tasche  genom- 
men?« 

»Nix  is  in  meiner  Tasche«,  sagte  Lennie  schlau.  »Stimmt.  Hast‘s  in 
der  Hand.  Was  versteckste  da  in  der  Hand?« 


424 


Mm  Mäusen  und  Menschen 


»Nix,  gar  nix,  George.  Ehrlich.« 

»Komm,  gib‘s  her.« 

Lennie  zog  die  geschlossene  Hand  von  George  weg.  »Bloß  'ne  Maus, 
George.« 

»Eine  Maus?  Eine  lebendige  Maus?« 

»Mm  ...  mm.  Bloß  ne  tote  Maus,  George.  Hab  se  nich  getötet.  Hab 
se  gefunden.  Ehrlich!  Tot  gefunden.« 

»Gib  her«,  sagte  George. 

»Ach,  laß  mich  se  haben,  George.« 

»Gib  sie  her!« 

Langsam  gehorchte  Lennies  geschlossene  Hand.  George  nahm  die 
Maus  und  warf  sie  quer  über  den  Teich  an  die  andere  Seite,  ins  Ge- 
büsch hinein.  »Wozu  brauchste  überhaupt  'ne  tote  Maus?« 

»Ich  konnte  se  im  Gehn  mit  dem  Daumen  streicheln«,  sagte  Lennie. 
»Naja,  solang  du  mit  mir  gehst,  wirste  keine  Maus  streicheln.  - Be- 
sinnste  dich  jetz,  wohin  wir  gehn?« 

Lennie  fuhr  hoch  - dann  barg  er  verlegen  das  Gesicht  zwischen  den 
Knien.  »Habs‘  wieder  vergessen.« 

»Jesus  Christus«,  sprach  George  mit  einem  Stoßseufzer.  »Also  paß 
auf.  Wir  gehn  auf  einer  Farm  arbeiten,  ähnlich  wie  die,  von  der  wir 
kommen  oben  im  Norden.« 

»Oben  im  Norden?«  »In  Weed.« 

»O  ja  doch.  Ich  besinn  mich.  In  Weed.« 

»Die  Farm,  zu  der  wir  gehn,  is  da  unten,  etwa  eine  viertel  Meile  von 
hier.  Müssen  uns  dem  Chef  vorstellen.  Jetz  gib  acht.  Ich  werd‘  ihm 
unsre  Arbeitsbücher  geben,  aber  du  wirst  einfach  kein  Mucks  sagen. 
Mußt  einfach  dastehen  und  's  Maul  nich  aufmachen.  Wenn  er  raus- 
kriegt, was  für'n  verrückter  Bastard  du  bist,  dann  kriegen  wir  keine 
Arbeit,  aber  wenn  er  dich  schaffen  sieht,  eh  du  redest,  dann  sind  wir 
gemachte  Leute.  Kapiert?« 

»Jawoll,  George.  Hab‘  s bestimmt  kapiert.« 

»Gut  so.  Also  wenn  wir  zum  Chef  gehn,  was  tuste  dann?« 

»Ich  ...  ich  . , . «,  Lennie  dachte  nach.  Sein  Gesicht  wurde  straff  unter 
der  Anstrengung  des  Denkens.  »Ich  werde  kein  Mucks  sagen.  Bloß  so 
dastehn.« 

»Guter  Kerl.  Großartig.  Nu  sag  das  zwei-,  dreimal  vor  dich  hin,  daß 
de‘s  nich  vergißt.« 

Lennie  brummelte  leise  zu  sich  selbst:  »Kein  Mucks  sagen.  Kein 
Mucks  sagen.  Kein  Mucks  sagen.« 


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John  Steinbeck 


»Recht  so«,  sagte  George.  »Und  wirst  nix  Schlimmes  anstellen  wie  in 
Weed  - verstehste?« 

Lennie  sah  verdutzt  drein.  »Wie  in  Weed?« 

»Oh  - haste  das  auch  vergessen,  was?  Na,  ich  werd  dich  nich  dran 
erinnern,  sonst  möchtest  es  nochmal  machen.« 

Ein  Schimmer  von  Verständnis  zog  sich  über  Lennies  Gesicht.  »Sie 
haben  uns  rausgesetzt  in  Weed«,  platzte  er  triumphierend  heraus. 
»Uns  rausgesetzt,  zum  Teufel«,  sagte  George  entrüstet.  »Wir  haben 
uns  davongemacht.  Sie  waren  hinter  uns  her,  aber  sie  konnten  uns 
nicht  kriegen.« 

Lennie  kicherte  glückselig.  »Das  hab  ich  nich  vergessen,  wetten?« 
George  lehnte  sich  in  den  Sand  zurück  und  kreuzte  seine  Hände  im 
Nacken.  Lennie  machte  es  ihm  nach  und  hob  den  Kopf  ein  wenig, 
um  zu  schauen,  ob  er  es  richtig  machte. 

»Mein  Gott,  was  machste  für  Mühe.  Ich  könnte  so  leicht  und  so  gut 
vorwärtskommen,  wenn  ich  dich  nich  im  Schlepptau  hätte.  Könnte  so 
bequem  leben  und  vielleicht  eine  Liebste  haben.« 

Einen  Augenblick  lag  Lennie  stUl,  dann  sagte  er  hoffnungsvoll:  »Wir 
gehn  auf  einer  Farm  arbeiten,  George.« 

»Richtig.  Das  haste  kapiert.  Aber  wir  schlafen  hier.  Hab‘  meine  Grün- 
de dafür.« 

Der  Tag  neigte  sich  schnell  seinem  Ende  zu.  Nur  noch  die  Gipfel  des 
Gabilan-Gebirges  flammten  im  Sonnenlicht,  welches  das  Tal  verlas- 
sen hatte.  Eine  Wasserschlange  schlüpfte  über  den  See,  das  Köpfchen 
hochhaltend  wie  ein  kleines  Periskop.  Das  SchUf  bog  sich  leicht  in  der 
Strömung.  Weit  weg  auf  der  Landstraße  rief  ein  Mann  etwas,  und  ein 
anderer  rief  etwas  zurück.  Die  Äste  des  Maulbeerbaumes  raschelten 
unter  einem  Windhauch,  der  sich  aber  gleich  darauf  legte. 

»George,  warum  geh‘n  wir  nich  zu  der  Farm  un  krieg‘n  was  zu  essen. 
Es  gibt  Nachtessen  auf  der  Farm.« 

George  rollte  auf  ihn  zu.  »Das  is  gar  nicht  sicher.  Hier  gefällt‘s  mir. 
Morgen  wer‘n  wir  arbeiten  geh‘n.  Hab  schon  Dreschmaschinen  auf 
dem  Weg  hinunter  gesehn.  Das  bedeutet,  daß  wir  Kornsäcke  laden 
werden,  bis  uns  die  Gedärme  platzen.  Heut  abend  will  ich  hier  liegen 
un  hoch  gucken.  Gefällt  mir  so.« 

Lennie  hockte  auf  den  Knien  und  blickte  zu  George  hinunter.  »Ha‘m 
wir  dann  kein  Nachtessen?« 

»Doch,  natürlich,  wenn  du  'n  paar  dürre  Weidenzweige  sammelst. 
Hab‘  drei  Büchsen  Bohnen  im  Bündel.  Mach  du  das  Feuer.  Wenn  du 


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Mm  Mäusen  und  Menschen 


die  Zweige  zusammen  hast,  geh  ich  dir  ein  Zündholz.  Dann  machen 
wir  de  Bohnen  warm  und  essen  zu  Nacht.« 

Lennie  bemerkte:  »Ich  eß  gern  Bohnen  mit  Ketchup.« 

»Schön,  aber  wir  haben  halt  kein  Ketchup.  Nu  geh  un  such  Holz.  Un 
bummle  nich  rum.  Nich  mehr  lang,  un  's  is  finster.« 

Lennie  machte  sich  schwerfällig  auf  die  Füße  und  verschwand  im 
Gebüsch.  George  blieb  liegen  und  pfiff  leise  vor  sich  hin.  Plötzlich 
hörte  er  Wassergeplätscher  vom  Fluß  her,  aus  der  Richtung,  in  der 
Lennie  davon  war.  George  hörte  auf  zu  pfeifen  und  lauschte.  »Armer 
Bastard»,  sagte  er  leise,  und  er  fuhr  fort  zu  pfeifen. 

Einen  Augenblick  später  kam  Lennie  geräuschvoll  durch  die  Büsche 
zurück.  Er  trug  eine  kleine  Weidengerte  in  der  Hand.  George  richtete 
sich  auf.  »Na«,  sagte  er  schroff  »Gib  mir  die  Maus.« 

Aber  Lennie  machte  eine  wohleinstudierte  Geste  der  Unschuld.  »Was 
für  'ne  Maus,  George?  Hab  keine  Maus.« 

George  streckte  seine  Hand  aus.  »Komm,  komm.  Gib  se  her.  Du  be- 
schwindelst mich  nich.« 

Lennie  zögerte,  trat  zurück  und  blickte  wild  die  Buschlinien  entlang, 
als  überlege  er,  in  die  Freiheit  zu  entrinnen.  George  sagte  kühl:  »Gib- 
ste  mir  die  Maus,  oder  muß  ich  dich  erst  versohlen?« 

»Was  soll  ich  dir  geben?« 

»Verflucht,  du  weißt  wohl,  was.  Die  Maus  will  ich  haben.« 
Widerstrebend  griff  Lennie  in  seine  Tasche.  Seine  Stimme  brach  fast. 
»Weiß  nich,  warum  ich  se  nich  behalten  darf.  Is  doch  niemands 
Maus.  Hab  se  nich  gestohlen.  Hab  se  dicht  am  Weg  liegen  sehn. 
Georges  Hand  blieb  befehlend  ausgestreckt.  Langsam,  wie  ein  Terri- 
er, der  keine  Lust  hat,  seinem  Herrn  den  Ball  zu  bringen,  näherte  sich 
Lennie,  zog  sich  zurück,  kam  wieder  näher.  George  schnappte  scharf 
mit  den  Fingern.  Daraufhin  legte  Lennie  die  Maus  in  seine  Hand. 
»Wollte  doch  nix  Schlechtes  damit  machen,  George.  Bloß  streicheln.« 
George  erhob  sich  und  schleuderte  die  Maus,  so  weit  er  konnte,  ins 
dunkle  Gebüsch,  und  dann  ging  er  zum  Teich  und  wusch  sich  die 
Hände.  »Narr,  verrückter.  Denkst,  ich  konnte  nich  sehn,  daß  deine 
Füße  naß  waren,  wo  du  über  den  Fluß  gegangen  bist,  um  se  zu  ho- 
len?« Er  hörte  Lennies  wimmernde  Schreie  und  ging  erregt  umher. 
»Flennst  wie  'n  Baby!  Jesus  Christus!  Ein  großer  Bursche  wie  du!« 
Lennies  Lippen  bebten,  Tränen  stürzten  in  seine  Augen.  »Ach,  Len- 
nie!« George  legte  die  Hand  auf  seine  Schulter.  »Hab‘  se  dir  nich  aus 
Gemeinheit  weggenommen.  Sieh,  die  Maus  war  nich  frisch,  Lennie. 


427 


John  Steinbeck 


Außerdem  haste  se  beim  Streicheln  durchgebrochen.  Find  dir  'ne  an- 
dre Maus,  und  wenn  se  frisch  is,  darfst  du  se  'n  bißchen  behalten.« 
Lennie  hockte  auf  den  Boden  nieder  und  ließ  den  Kopf  niederge- 
schlagen hängen.  »Weiß  doch  nich,  wo  eine  andre  Maus  is.  Ich  erin- 
ner‘  mich,  eine  Dame  gab  mir  immer  welche  - jede  Maus,  die  sie 
kriegen  konnte.  Aber  die  Dame  is  nich  hier.« 

George  blickte  spöttisch  drein.  »Dame?  Puh  - besinnst  dich  nich  mal, 
wer  die  Dame  war.  War  deine  eigne  Tante  Klara.  Und  schließlich  hat 
se  dir  keine  mehr  gegeben.  Weil  du  se  immer  tot  machtest.« 

Lennie  sah  traurig  zu  ihm  auf.  »Se  waren  so  klein«,  sagte  er  entschul- 
digend. »Ich  hab  se  gestreichelt,  und  bald  bissen  se  mich  in  de  Finger 
und  dann  zwickte  ich  se  'n  bissei  am  Kopf  --  und  schon  war‘n  se  tot  - 
weil  se  so  klein  war'n.  Ich  wünschte,  wir  könnten  bald  ein  paar  Ka- 
ninchen fangen,  George.  Die  sind  nich  so  klein.« 

»Zum  Teufel  mit  den  Kaninchen.  Und  dir  kann  man  keine  lebende 
Maus  anvertrauen.  Deine  Tante  Klara  gab  dir  eine  Gummimaus, 
aber  du  wolltest  nix  damit  zu  tun  haben.« 

»War  nich  gut  zu  streicheln«,  erklärte  Lennie. 

Das  flammende  Licht  des  Sonnenuntergangs  verschwand  hinter  den 
Berggipfeln,  und  Dämmerung  schlich  sich  ins  Tal.  Halbdunkel  legte 
sich  um  die  Weiden  und  die  Maulbeerbäume.  Ein  großer  Karpfen 
tauchte  an  der  Oberfläche  des  Teiches  auf,  schnappte  Luft  und  ver- 
sank geheimnisvoll  wieder  ins  dunkle  Wasser,  während  oben  sich  Rin- 
ge bildeten  und  immer  größere  Kreise  zogen.  Oben  fegten  die  Blätter 
wieder  dahin,  und  kleine  Bäuschchen  Weidenwolle  schwebten  nieder 
und  landeten  an  der  Oberfläche  des  Wassers. 

»Gehste  jetz  das  Holz  holen?«  fragte  George. 

»Gibt'n  Haufen  dort  gradewegs  hinter  dem  Maulbeerbaum.  Ange- 
schwemmtes Holz.  Nu  geh  und  hol‘s.« 

Lennie  ging  hinter  den  Baum  und  brachte  einige  trockene  Blätter  und 
kleine  Zweige.  Er  schichtete  sie  auf  einen  Haufen  über  der  alten 
Asche  und  ging  nochmals  und  holte  immer  mehr.  Es  war  beinahe 
Nacht  geworden.  Ein  Paar  Taubenflügel  glitt  übers  Wasser.  George 
ging  zur  Feuerstelle  und  zündete  die  dürren  Blätter  an.  Die  Flamme 
prasselte  durch  die  Zweige  und  breitete  sich  aus.  George  schnürte  sein 
Bündel  auf  und  förderte  drei  Büchsen  Bohnen  zutage.  Er  stellte  sie 
ans  Feuer,  dicht  gegen  die  Glut,  doch  so,  daß  die  Flamme  sie  nicht 
berührte. 

»Genug  Bohnen  für  vier  Mann«,  sagte  George.  Lennie  beobachtete 


428 


M>n  Mäusen  und  Menschen 


r 

ihn  über  das  Feuer  hinweg.  »Ich  esse  sie  gern  mit  Ketchup«,  wieder- 
holte er  gelassen.  »Na,  wir  ha‘m  aber  keins«,  brauste  George  auf; 
»immer  was  wir  nich  ha‘m,  das  willste.  Allmächt‘ger  Gott,  wär  ich 
alleine,  wie  leicht  könnt  ich  leben.  Könnte  Arbeit  kriegen  und  schaf- 
fen, und  keine  Sorgen.  Und  Ende  des  Monats  könnt  ich  meine  fünfzig 
Dollar  oder  mehr  einstreichen  und  zur  Stadt  gehn  und  damit  ma- 
chen, was  ich  wollte.  Könnte  die  ganze  Nacht  ausbleibcn.  Könnte  es- 
sen, wo  ich  wollte,  im  Hotel  oder  wo's  mir  einfiele,  und  bestellen, 
worauf  ich  Lust  hätte.  Jeden  verflixten  Monat  könnt  ich  das  alles 
machen.  Könnte  eine  Gallone  Whisky  haben  oder  in  einer  Spielhalle 
sitzen  und  Karten  oder  Billard  spielen.«  Lennie  kniete  und  blickte 
über  das  Feuer  auf  den  erbosten  George.  Sein  Gesicht  verzog  sich  vor 
Schrecken.  »Und  was  hab  ich?«  fuhr  George  wütend  fort.  »Dich  hab 
ich!  Du  kannst  bei  keiner  Arbeit  bleiben,  und  durch  dich  verlier  ich 
jede  Arbeit,  die  ich  kriege.  So  schieb  ich  die  ganze  Zeit  übers  ganze 
Land.  Und  das  is  noch  nich  das  Schlimmste.  Du  rennst  ins  Unglück. 
Du  stellst  schlimme  Sachen  an,  und  ich  muß  dich  raushauen.«  Seine 
Stimme  erhob  sich  fast  zum  Schreien.  »Du  verrücktes  Mannsbild. 
Dank  dir  macht  man  mir  immer  die  Hölle  heiß.«  Er  schlug  um  in  den 
gezierten  Ton  kleiner  Mädchen,  wenn  sie  einander  nachmachen. 
»Wollte  bloß  das  Kleid  des  Mädchens  anfühlen  - bloß  es  streicheln, 
als  ob's  'ne  Maus  wär  --  wie  zum  Teufel  konnte  se  wissen,  daß  du  bloß 
ihr  Kleid  anfühlen  wolltest?  Sie  prallt  zurück  und  du  hältst  sie  fest,  als 
wär's  wahrhaftig  eine  Maus.  Sie  schreit,  und  wir  müssen  uns  in  einem 
Abzugsgraben  verstecken,  und  den  lieben  langen  Tag  suchen  uns  die 
Burschen,  und  wir  müssen  uns  im  Dunkeln  rausschleichen  und  aus 
dem  Staube  machen.  Und  immer  so  was  - immerfort.  Wollt,  ich 
könnt  dich  in  einen  Käfig  stecken  mit  einer  Million  Mäuse  und  dich 
deinen  Spaß  haben  lassen.« 

Sein  Ärger  war  plötzlich  verflogen.  Er  stih  durch  das  Feuer  hindurch 
Lennies  angstverzerrtes  Gesicht,  und  beschämt  starrte  er  in  die  Flam- 
men. 

Es  war  jetzt  stockdunkel,  aber  das  Feuer  erleuchtete  die  Baumstämme 
und  die  gebogenen  Äste  zu  ihren  Häupten.  Langsam  und  vorsichtig 
kroch  Lennie  um  das  Feuer  herum,  bis  er  dicht  bei  George  war.  Dann 
setzte  er  sich  rücklings  auf  die  Fersen.  George  drehte  die  Bohnen- 
büchsen um,  so  daß  eine  andere  Seite  zum  Feuer  gekehrt  war.  Er  tat, 
als  bemerkte  er  nicht,  daß  Lennie  so  nah  bei  ihm  war. 

»George«,  tönte  es  sanft.  Keine  Antwort. 


429 


John  Stein  beck 


»George!« 

»Was  willste?« 

»Ich  habe  nur  Unsinn  gemacht,  George.  Ich  will  gar  kein  Ketchup. 
Ich  würde  keins  essen,  wenn  es  hier  neben  mir  stünde.« 

»Wenn  welches  hier  wäre,  könnste‘s  haben.« 

»Aber  ich  würde  keins  nehmen,  George.  Ich  würde  dir  alles  lassen. 
Könntest  deine  Bohnen  ganz  damit  bedecken,  und  ich  würde  nix  da- 
von anrühren«. 

George  starrte  immer  noch  trübsinnig  auf  das  Feuer.  »Wenn  ich  den- 
ke, wie  flott  ich‘s  ohne  dich  haben  könnte,  dann  werd  ich  verrückt.  Ich 
komm  nie  zur  Ruhe.« 

Lennie  kniete  noch  immer.  Er  schaute  zum  Fluß  hin  ins  Dunkel. 
»George,  möchtst  du,  daß  ich  weggehe  und  dich  allein  lasse?« 

»Wo,  zum  Teufel,  könntest  du  hingehn?« 

»Könnte  schon.  Könnte  dort  in  die  Berge  gehn.  Irgendwo  würd  ich 
'ne  Höhle  finden.« 

»Ja  was!  Was  würdste  essen?  Hast  nicht  Verstand  genug,  um  was  zu 
essen  zu  finden!« 

»Würde  schon  finden,  George.  Brauch  kein  feines  Essen  mit  Ketchup. 
Würde  in  der  Sonne  liegen  und  keiner  würde  mir  weh  tun.  Un  wenn 
ich  'ne  Maus  fände,  könnt  ich  se  behalten.  Keiner  würde  se  mir  neh- 
men.« 

George  blickte  ihn  ruhig  und  forschend  an.  »Ich  war  gemein,  was?« 
»Wenn  de  mich  nich  mehr  willst,  kann  ich  in  die  Berge  fortgehn  und 
'ne  Höhle  finden.  Kann  jederzeit  fortgehn.« 

»Nein,  sieh,  Lennie,  ich  hab  bloß  dummes  Zeug  geredet.  Ich  will 
doch,  daß  de  bei  mir  bleibst.  Das  Elend  mit  den  Mäusen  is,  daß  de  se 
immer  umbringst.«  Er  hielt  inne.  »Weißte  was,  Lennie.  Sobald  es 
geht,  geb  ich  dir  'n  jungen  Hund.  Den  würdste  vielleicht  nich  töten. 
Der  wär  besser  als  Mäuse.  Und  du  könntest  ihn  doller  streicheln.« 
Lennie  ließ  sich  nicht  ködern.  Er  spürte  seinen  Vorteil.  »Wenn  de 
mich  nich  mehr  willst,  brauchst  es  bloß  zu  sagen,  und  weg  bin  ich  dort 
zwischen  den  Hügeln  - da  kann  ich  für  mich  leben.  Und  keiner  stiehlt 
mir  keine  Maus  nich.« 

George  antwortete:  »Ich  will,  daß  de  bei  mir  bleibst.  Jesus  Christus, 
wenn  de  allein  wärst,  würd  dich  jemand  niederschießen,  als  wärste  'n 
Präriewolf  Nein,  du  bleibst  bei  mir.  Deine  Tante  Klara  möcht‘s  nich 
ha‘m,  daß  du  alleine  losliefst,  selbst  wenn  se  tot  is.« 

Lennie  sagte  pfiffig:  »Erzähl  mir  — wie  früher.« 


430 


Von  Mäusen  und  Menschen 


»Was  erzählen?« 

»Von  den  Kaninchen.« 

George  ging  hoch.  »Du  sollst  mir  nichts  weismachen.«  Lennie  bettel- 
te: »Komm,  George.  Erzähl  mir.  Bitte,  George.  Wie  früher.« 

»Das  macht  dir  Spaß,  wie?  - Meinetweg‘n.  Ich  will  dir  erzählen,  und 
dann  woU‘n  wir  zu  Nacht  essen.« 

Georges  Stimme  bekam  einen  tieferen  Klang.  Er  sagte  die  Worte 
rhythmisch  her,  als  hätte  er  schon  viele  Male  das  gleiche  gesagt.  »Leu- 
te wie  wir,  die  auf  Farmen  arbeiten,  sind  die  einsamsten  Geschöpfe 
auf  der  Welt.  Haben  keine  Familie.  Gehören  nirgends  hin.  Sie  kom- 
men auf  eine  Farm  und  legen  was  auf  die  hohe  Kante,  und  dann 
gehn  se  zur  Stadt  und  hui  fliegt  das  auf,  was  se  verdient  ha‘m.  Das 
nächste  is,  daß  se‘s  auf  ner  andern  Farm  probieren.  Se  sehn  nix  vor 
sich.« 

Lennie  war  wie  verzückt.  »So  is  es  - so  is  es.  Nu  sag,  wie‘s  mit  uns  is«. 
George  fuhr  fort.  »Nich  so  mit  uns.  Wir  ham  ne  Zukunft.  Wir  ha‘m 
jemand,  mit  dem  wir  reden  können,  das  tut  verflucht  gut.  Wir  brau- 
chen nich  im  Wirtshaus  zu  sitzen  un  unsern  Verdienst  in  de  Luft  zu 
blasen,  bloß  weil  wir  nich  wissen,  wohin  sonst.  Wenn  so‘n  Bursche  ins 
Kittchen  kommt,  dann  geht  er  zugrund,  und  jeder  verdammt  ihn. 
Aber  mit  uns  is  es  nich  so.« 

Hier  fiel  Lennie  ein.  »Nich  so  mit  uns!  Un  warum?  Weil . . . weil  du fiir  mich 
sorgst,  und  du  hast  mich,  um  fiir  dich  zu  sorgen,  und  darum  ...«  Er  lachte  vor 
Seligkeit. 

»Weiter,  George.« 

»Du  kannst's  auswendig.  Kannst  selber  weiter  machen.« 

»Nein,  du.  Ich  hab  ‘n  paar  Sachen  vergessen.  Erzähl,  wie‘s  sein  wird.« 
»Also  gut.  Eines  Tages  schmeißen  wir  unsern  Verdienst  zusammen  un 
kaufen  ‘n  kleines  Haus  und  ‘n  paar  Acker  Land  und  ‘ne  Kuh  und  ‘n 
paar  Schweine  un  . . .« 

mn  leben  vom  Fett  der  Erde«,  rief  Lennie  aus.  »Un  ha‘m  Kaninchen.  Wei- 
ter, George.  Erzähl,  was  wir  im  Garten  ha‘m  werden  un  von  den  Ka- 
ninchenställen un  v'om  Regen  im  Winter  und  dem  Ofen,  und  wie  dick 
der  Rahm  auf  der  Milch  is,  daß  man‘n  kaum  schneiden  kann.  Erzähl 
davon,  George.« 

»Na  tu‘s  doch  selbst.  Weißt  es  alles.« 

»Nein  - erzähl  du.  Is  nich  dasselbe,  wenn  ich  erzähle.  Weiter,  George. 
Wie  ich  de  Kaninchen  versorgen  werde!« 

»Also«,  sagte  George.  »Wir  werden  ‘n  großes  Gemüsebeet  ha‘m  und 


431 


John  Stänbeck 


‘n  Kaninchenstall  und  Hühner.  Un  wenn‘s  im  Winter  regnet,  dann 
sagen  wir:  >zum  Teufel  mit  der  Arbeiu,  un  machen  uns  ‘n  Feuer  im 
Ofen  und  sitzen  drum  rum  un  hörn  auf  den  Regen,  wie  er  aufs  Dach 
platscht  ...  Ach  Quatsch.«  Er  nahm  sein  Taschenmesser  heraus. 
»Hab  keine  Zeit  mehr.«  Er  trieb  sein  Messer  durch  den  Deckel  der 
einen  Bohnenbüchse,  sägte  diesen  aus  und  reichte  Lennie  die  Büchse. 
Dann  öffnete  er  die  zweite.  Aus  der  Seitentasche  zog  er  zwei  Löffel 
heraus  und  gab  Lennie  den  einen. 

Sie  saßen  am  Feuer  und  stopften  sich  den  Mund  voll  Bohnen  und 
kauten  mächtig.  Ein  paar  Bohnen  schlüpften  Lennie  zum  Mund  her- 
aus. George  machte  ihm  ein  Zeichen  mit  dem  Löffel.  - »Was  sagste 
morgen,  wenn  der  Chef  dich  ausfragt?« 

Lennie  hielt  mit  Kauen  und  Schlucken  inne.  Man  sah  die  Konzentra- 
tion auf  seinem  Gesicht.  »Ich  ...  ich  ...  werd  nich  ‘n  Mucks  sagen.« 
»Braver  Junge!  Das  is  gut,  Lennie!  Kann  sein,  daß  es  besser  mit  dir 
wird.  Wenn  wir  die  paar  Acker  Land  krieg'n,  dann  kann  ich  dich  die 
Kaninchen  versorg'n  lassen.  Besonders,  wenn  du  so  ein  gutes  Ge- 
dächtnis hast  wie  jetz.« 

Lennie  schnappte  nach  Luft  vor  Stolz.  »Ich  kann's  behalten«,  sagte  er. 
George  fuchtelte  wieder  mit  dem  Löffel  umher.  »Paß  auf,  Lennie.  Ich 
möchte,  daß  du  dich  hier  gut  umsiehst.  Kannst  du  dir  diesen  Platz 
merken,  he?  Die  Farm  liegt  etwa  eine  Viertelmeile  von  hier  in  dieser 
Richtung.  Immer  den  Fluß  entlang.  Kapiert?« 

»Bestimmt«,  sagte  Lennie.  »Das  kann  ich  behalten.  Hab  ich‘s  nich 
auch  behalten  wegen  kein  Mucks  nich  sag‘n  ?« 

»Freilich.  Nu  gib  acht.  Wenn‘s  wieder  passieren  sollte,  daß  du  ins 
Unglück  rennst,  wie  bis  jetz  immer,  dann  möcht  ich,  daß  de  genau 
nach  hier  kommst  und  dich  im  Gebüsch  verstecken  tust.« 

»Im  Gebüsch  verstecken«,  sprach  Lennie  langsam  nach. 

»Im  Gebüsch  verstecken,  bis  ich  dir  nachkomme.  Kannste  das  behal- 
ten?« 

»Bestimmt,  George.  Im  Gebüsch  verstecken,  bis  du  mir  nach- 
kommst.« 

»Aber  de  wirst  nich  ins  Unglück  rennen,  denn  wenn‘s  so  kommt, 
dann  laß  ich  dich  nich  de  Kaninchen  versorgen.«  Er  schmiß  die  leere 
Bohnenbüchse  ins  Gebüsch. 

»Ich  werd  nich  ins  Unglück  rennen,  George.  Ich  werd  kein  Mucks 
nich  sagen.« 

»Recht  so.  Bring  dein  Bündel  hierher  zum  Feuer,  ‘s  wird  fein  sein,  hier 


432 


Kommentar 


zu  schlafen.  Hochgucken.  Und  de  Blätter.  Schichte  kein  Feuer  mehr 
auf.  Wollen‘s  ausgehn  lassen.« 

Sie  richteten  sich  im  Sand  ihr  Lager  her,  und  wie  die  Glut  zusammen- 
fiel, wurde  der  Lichtkreis  des  Feuers  kleiner.  Die  Blätter  kräuselten 
sich  und  verschwanden,  und  nur  noch  ein  schwacher  Schimmer  ließ 
erkennen,  wo  die  Baumstämme  waren.  Aus  der  Dunkelheit  tönte 
Lennies  Stimme:  »George,  schläfst  du?« 

»Nein.  Was  willste?« 

»Wir  wolln  Kaninchen  von  verschiedner  Farbe  ha‘m,  George.« 
»Klar«,  murmelte  George  schläfrig.  »Rote  und  blaue  und  grüne  Ka- 
ninchen. Millionen,  wenn  de  wülst.« 

»Mit  dickem  Fell,  George,  wie  ich  auf  dem  Markt  in  Sacramento  ge- 
sehn  hab.« 

»Ja,  ja,  mit  dickem  Fell.« 

»Denn  ich  kann  grad  so  gut  fortgehn,  George,  und  in  ‘ner  Höhle  leben.« 
»Kannst  grad  so  gut  zum  Teufel  gehn«,  sagte  George.  »Jetz  halt‘s 
Maul.« 

Der  rote  Schein  auf  den  Kohlen  verglomm.  Auf  dem  Hügel  am  Ufer 
heulte  ein  Präriewolf,  und  von  der  anderen  Seite  des  Flusses  gab  ein 
Hund  Antwort.  Die  Maulbeerbäume  säuselten  unter  einem  leisen 
nächtlichen  Windhauch. 

Kommentar 

Im  Roman  »Von  Mäusen  und  Menschen»  von  John  Steinbeck  wird 
das  teilweise  abenteuerliche  Zusammenleben  zweier  Freunde,  von 
denen  der  jüngere  offensichtlich  intelligenzgemindert  ist,  in  einer  z-  T. 
sehr  liebenswürdigen  und  verständnisvollen  Weise  geschildert,  ohne 
die  Jur  den  älteren  Freund  entstehenden  Belastungen  auszusparen.  Eine  genaue 
graduelle  Einordnung  der  Intelligenzmnderung  ist  aufgrund  der  zu  geringen 
Informationen  nicht  möglich.  Es  besteht  aber  sicherlich  eine  deutliche  intellektuelle 
Minderbegabung,  u.a.  kenntlich  daran,  dass  bereits  einfache  Problemlösungen  und 
Handlungsstrategien  von  dem  jüngeren  Freund  nicht  erbracht  werden  können,  und 
dass  er  auch  dazu  neigt,  Wünschen  bzw.  triebhaften  Durchbrüchen  nicht  in  ausrei- 
chendem Maße  standhalten  zu  können.  Gleichzeitig  wird  die  überstarke  Sehnsucht 
nach  JSähe  erkennbar.  Es  ist  schön,  dass  in  der  Geschichte  nicht  nur  der  Belastungs- 
aspekt für  den  älteren,  in  verantwortlicher  Weise  sorgenden  Freund  beschrieben 
wird,  sondern  auch  das  positive  solidarische  Gefiihl  der  Gemeinsamkeit  und  Mit- 
menschlichkeit. 


433 


t 

F8:  Entwicklungsstörungen 


Umschriebene  Entwicklungsstörungen  wurden  im  deutschen  Sprach- 
raum  bislang  als  Teilleistungsstörungen  bezeichnet,  die  lange  Zeit  mit 
verschiedenen  emotionalen  Störungen  unter  den  Begriffen  »minimal 
cerebral  dysfunction«  bzw.  »minimal  brain  dysfunction«  subsumiert 
wurden.  Diese  Begriffe  sind  überholt  und  sollten  nur  für  die  kleine 
Gruppe  von  Kindern  verwendet  werden,  die  tatsächlich  eine  neuro- 
logische, neuroradiologische  oder  neurophysiologisch  nachweisbare 
Schädigung  des  Gehirns  aufweisen.  Die  umschriebenen  Entwick- 
lungsstörungen sind  als  eigenständige  Bereiche  herausgelöst  worden 
und  können  in  allen  Leistungsbereichen  auftreten.  Von  klinischer  und 
kultureller  Bedeutung  sind  insbesondere  Störungen,  die  zu  Schwie- 
rigkeiten in  der  Schule  oder  anderen  Leistungsbereichen  führen. 

Bei  der  umschriebenen  Entwicklungsstörung  der  motorischen  Funk- 
tionen ist  das  Hauptmerkmal  eine  Entwicklungsbeeinträchtigung  der 
motorischen  Koordination,  die  nicht  allein  durch  eine  Intelligenz- 
minderung oder  eine  spezifische  angeborene  oder  erworbene  neuro- 
logische Störung  erklärbar  ist.  In  den  meisten  Fällen  zeigt  eine  sorg- 
fältige klinische  Untersuchung  dennoch  deutliche  entwicklungsneu- 
rologische unreife  Zeichen,  ebenso  wie  Zeichen  einer  mangelhaften 
fein-  oder  grobmotorischen  Koordination. 


435 


Sten  Nadolny 


Das  Dorf 

aus:  Sten  Nadohy.  Die  Entdeckung  der  Langsamkeit. 
© 1983,  2003  by  Piper  Verlag  GmbH,  München 


Einführung 


Der  deutsche  Schriftsteller  Sten  Nadolny  Qahrgang  1942),  Sohn 
des  Schriftstellerehepaares  Burkhard  und  Isabella  Nadolny,  ist 
promomerter  Historiker,  war  zeitweilig  Studienrat  und  Außiah- 
meleiter  beim  Film,  ehe  er  1980 freier  Autor  wurde.  Er  debütierte 
mit  dem  ursprünglich  auf  einem  von  ihm  verfassten  Drehbuch  basierenden  Roman 
»Netzkarte«  (1981).  Schon  sein  zweiter  Roman  »Die  Entdeckung  der  Langsam- 
keit« ( 1 983),  für  dessen  fünftes  Kapitel  er  bereits  1 980  den  Ingeborg-Bachmann- 
Preis  erhielt,  wurde  in  alle  Weltsprachen  übersetzt. 

»Die  Entdeckung  der  Langsamkeit«  erzählt  in  einer  sympathisch  gekonnten  Kreu- 
zung aus  Abenteuer-  und Entwkkliingsroman  die  Geschichte  des  englischen  Sefah- 
rers,  Nordpolforschers  und  Entdeckers  der  Nordwest-Passage  John  Franklin  (1786 
bis  1847),  der  es  bis  zum  Gouverneur  Australiens  brachte,  ehe  er  an  einem  Schlag- 
anfall auf  seiner  dritten  Expedition  ins  ewige  Eis  starb.  Fiktion  und  historische 
Realität  werden  dabei  ebenso  souverän  wie  unaufdringlich  ineinander  verwoben. 
Zwar  bieten  historisch  verbürgte  biographische  Fakten  Franklins  das  Bett  des  Er- 
zählflusses, entscheidend  ist  jedoch  die  literarische  Zutat  Nadolnys:  Er  macht  sei- 
nen Protagonisten  langsam  - im  Denken,  im  Sprechen  und  im  Handeln.  Auf  diese 
Weise  widersetzt  sich  Franklin  dem  Zeitgeist  einer  auf  Beschleunigung  ausgerichte- 
ten Epoche  der  Industrialisierung  und  der  Suche  nach  dem  schnellen  Erfolg.  Die 
vermeintliche  Schwäche  des  Außenseiters,  der  als  Kind  nicht  einmal  einen  Ball 
fangen  kann,  erweist  sich  schließlich  als  Stärke,  die  auf  Ausdauer,  Gründlichkeit 
und  Gelassenheit  beruht.  Das  erst  macht  die  Humanität  dmer  hinreißend  sympa- 
thischen Figur  aus.  Dies  ist  jedoch  keine  scharf  ideologische  Zkilisationskritik, 
sondern  der  Beweis  dafür,  dass  man  Forscher,  Entdecker  und  Mensch  zugleich  sein 
kann.  Franklin  zeigt  mit  säner  Langsamkeit,  welche  Voraussetzungen  eine  humane 
Gesellschaft  haben  könnte,  die  zugleich  auf  Verantwortung  aufbaut.  Bestraft  wird 
er  nur  von  der  Politik,  die  er  nicht  von  den  Grundlagen  seines  humanen  Gesell- 
schaftsideales überzeugen  kann.  Die  bedächtige  Art  John  Franklins  jedoch  beweist 


437 


Sten  Nadobiy 


zuktit,  dass  Vita  activa  uni  Vita  contemplatwa  keine  unvereinbaren  Gegensätze 
San  müssen,  solange  man  sich  auf  Humanität  und  Vernunfi  besinnt. 

Weiterfuhrende  Literatur: 

Ralph  Kopeiß:  Sten  Nadolny  »Die  Entdeckung  der  Langsamkeit«.  Interpretationen. 
Oldenbourg  1995 

Das  Dorf 

John  Franklin  war  schon  zehn  Jahre  alt  und  noch 
immer  so  langsam,  daß  er  keinen  Ball  fangen 
konnte.  Er  hielt  für  die  anderen  die  Schnur.  Vom 
tiefsten  Ast  des  Baums  reichte  sie  herüber  bis  in 
seine  emporgestreckte  Hand.  Er  hielt  sie  so  gut 
wie  der  Baum,  er  senkte  den  Arm  nicht  vor  dem 
Ende  des  Spiels.  Als  Schnurhalter  war  er  geeignet 
wie  kein  anderes  Kind  in  Spilsby  oder  sogar  in 
Lincolnshire.  Aus  dem  Fenster  des  Rathauses  sah 
der  Schreiber  herüber.  Sein  Blick  schien  anerkennend. 

Vielleicht  war  in  ganz  England  keiner,  der  eine  Stunde  und  länger  nur 
stehen  und  eine  Schnur  halten  konnte.  Er  stand  so  ruhig  wie  ein 
Grabkreuz,  ragte  wie  ein  Denkmal.  »Wie  eine  Vogelscheuche!«  sagte 
Tom  Barken 

Dem  Spiel  konnte  John  nicht  folgen,  also  nicht  Schiedsrichter  sein.  Er 
sah  nicht  genau,  wann  der  Ball  die  Erde  berührte.  Er  wußte  nicht,  ob 
es  wirklich  der  Ball  war,  was  gerade  einer  fing,  oder  ob  der,  bei  dem  er 
landete,  ihn  fing  oder  nur  die  Hände  hinhielt.  Er  beobachtete  Tom 
Barken  Wie  ging  denn  das  Fangen?  Wenn  Tom  den  Ball  längst  nicht 
mehr  hatte,  wußte  John:  das  Entscheidende  hatte  er  wieder  nicht  ge- 
sehen. Fangen,  das  würde  nie  einer  besser  können  als  Tom,  der  sah 
alles  in  einer  Sekunde  und  bewegte  sich  ganz  ohne  Stocken,  fehlerlos. 
Jetzt  hatte  John  eine  Schliere  im  Auge.  Blickte  er  zum  Kamin  des 
Hotels,  dann  saß  sie  in  dessen  oberstem  Fenster.  Stellte  er  den  Blick 
aufs  Fensterkreuz  ein,  dann  rutschte  sie  herunter  auf  das  Hotelschüd. 
So  zuckte  sie  vor  seinem  Blick  her  immer  weiter  nach  unten,  folgte 
aber  höhnisch  wieder  hinauf,  wenn  er  in  den  Himmel  sah. 


438 


Kommentar 


/Kommentar 

In  der  Einleitungsgeschichte  am  Stan  Nadolnys  Roman  »Die  Ent- 
deckung der  Langsamkeibr  luird  das  Schicksal  eines  10-jährigen 
Jungen  geschildert,  der  ojfenbar  unter  einer  motorischen  Störung  lei- 
det, die  es  ihm  unmöglich  rrmcht,  einen  Ball  zu  fangen,  was  das 
Spielen  beeinträchtigt.  OJfensichtlich  ist  der  Junge,  soweit  dem  kurzen  Textauszug 
entnommen  werden  kann,  nicht  durch  andere  Störungen  beeinträchtigt,  insbesondere 
scheint  sein  Sozialverhalten  unaijjallig  zu  sein.  Aufgrund  der  sehr  geringen  Irfor- 
mationsbasis  muss  aber  offen  bleiben,  ob  es  sich  um  eine  isolierte  Störung  der  Psy- 
chomotorik handelt,  oder  ob  noch  andere  Störungen  vorliegen.  Auch  bleibt  unklar,  ob 
es  sich  um  eine  umschriebene  Entwieklungsstörung  handelt  oder  um  eine  spezielle 
neurologische  Erkrankung  im  engeren  Sinn  des  Wortes. 


439 


t 

F9:  Verhaltens-  und  emotionale  Störungen  mit 
Beginn  der  Kindheit  und  Jugend 


Zu  dieser  heterogenen  Gruppe  von  Störungen  gehört  u.a.  das  Auf- 
merksamkeits-  und  Hyperaktivitäts-Syndrom  (ADHS).  ADHS  gehört 
zu  den  häufigsten  kinder-  und  jugendpsychiatrischen  Erkrankungen. 
Sie  setzt  meist  vor  dem  6.  Lebensjahr  ein,  erreicht  aber  oft  erst  nach 
der  Einschulung  eindeutig  störende  Ausmaße,  da  erst  dann  die  Kin- 
der damit  konfrontiert  sind,  wesentliche  Teile  des  Tages  im  Sitzen 
verbringen  zu  müssen.  In  unselektierten  Populationen  sind  Jungen 
dreimal  häufiger,  in  Klinikpopulationen  sogar  sechs-  bis  neunmal 
häufiger  betroffen  als  Mädchen.  In  den  meisten  Fällen  bleibt  die  Ur- 
sache ungeklärt.  Ein  einheitliches  Erklärungskonzept  fehlt.  Orga- 
nische Faktoren  sind  in  Form  von  diskreter  Hirnfunktionsstörung  be- 
teiligt sowie  mit  pränatalen  Traumen  oder  genetischen  Faktoren 
vorstellbar.  Sie  sind  dann  anhand  von  zerebralen  Dysfunktionen,  um- 
schriebenen Entwicklungsstörungen  und  feinen  neurologischen  Aus- 
fällen erkennbar  (Koordinierungsstörungen,  assoziierte  Bewegung). 
Auf  genetische  Einflüsse  verweisen  das  ungleiche  Geschlechterver- 
hältnis und  der  Befund  über  die  in  der  Familie  vorkommende  Häu- 
fung von  hyperaktivem  Verhtilten  und  kognitiven  Defiziten.  Das 
ADHS  gehört  zu  den  klassischen  Indikationen  für  eine  modale  The- 
rapie, bei  der  psychopharmakologische  Ansätze  (Stimulanzien  wie 
z.B.  Methylphenidat  und  neuerdings  Atomoxetin)  verbunden  werden 
mit  psychosozialen  Maßnahmen.  Bei  einem  Teil  der  Kinder  bildet 
sich  die  Symptomatik  im  Jugendalter  zurück  und  ist  später  nicht  er- 
kennbar. Bei  einem  anderen  Teil  bleibt  die  Störung  im  Erwachsenen- 
alter persistent. 


441 


Heinrich  Hqffmann 


Die  Geschichte  vom  Zappel-Phüipp 

aus:  Heinrich  Hqfjrnmn.  Der  Stnmmelpeter.  Lustige  Geschichten. 
© o.J.  by  Xenos  Verlagsgesdlschqß,  Hamburg 


Einführung 


Heinrich  Hoffirmnn  (1809-1894)  war  nicht  nur  der  erste  Kin- 
derbilderbuchautor von  Rang  und  Verfasser  des  allseits  bekannten 
»Struwwelpeter«  (1845),  sondern  ein  politisch  leidenschaßlich 
engagiertes  Mitglied  der  ersten  deutschen  Nationalversammlung  in 
der  Fran/ßirter  Paulskirche.  In  erster  Linie  aber  war  er  Arzt,  der  in  Heidelberg, 
Halle  und  Paris  studiert  hatte.  Neben  seiner  politischen  Tätigkeit,  die  ihn  mit  einer 
Vielzahl  von  Künstlern,  Schriftstellern  und  Gelehrten  in  Verbindung  brachte, 
machte  er  Karriere  als  angesehener  Psychiater,  deren  Höhepunkt  die  1851  über- 
nommene Leitung  der  Franißurter  Anstalt  ßir  Irre  und  Epileptische  war.  Die 
grundlegende  und  zukunftsbeslimmende  Reformierung  dieser  Klinik  darf  als 
Glanzleistung  seines  Lebens  betrachtet  werden. 

Erst  1888  ging  der  ambitionierte  Arzt  und  vom  Reformgedanken  durchdrungene 
Anstaltsplaner,  nach  dessen  Vorstellungen  schließlich  auch  das  weltberühmte  Zür- 
cher Burghölzli  erbaut  wurde,  im  Alter  von  79  Jahren  in  Pension.  Wenige  Wochen 
später  wird  Alois  Alzheimer  für  ein  Jahresgehalt  von  1200  Mark  Assistent  der 
Klinik  (vgl.  Konrad  und  Ulrike  Maurer:  Alzheimer,  1998). 

Der  »Struwwelpeter»  begründete  nicht  nur  die  Gattung  des  Kinderbilderbuchs  im 
deutschsprachigen  Raum,  sondern  formulierte  auch  erstmals  aus  der  Perspektive  des 
Kindes  dessen  Rechte.  Seine  Entstekurg  verdankte  das  Buch  der  entrüsteten  Ableh- 
nung Hoffmanns  dessen,  was  er  an  zeitgenössischen  gelehrten  und  moralisierend 
ideal  typisierenden  Kinderbüchern  vorfand.  Der  Familienvater  griff  daraufhin  kurz 
entschlos.sen  selbst  zur  Feder  und  zeichnete  und  reimte  für  seinen  Sohn  Carl  eine 
Reihe  von  Geschichten,  die  rasch für  Aufsehen  sorgten.  Die  Erstausgabe  unter  dem 
Titel  »Lustige  Geschichten  und  drollige  Bilder  mit  15  kolorierten  Tafeln  für  Kinder 
von  3 bis  6 Jahren«  erschien  noch  unter  dem  Pseudonym  Reimerich  Kinderlieb,  ehe 
es  der  angesehene  Arzt  wagte,  sich  ab  Autor  zu  bekennen. 

Heute  ist  der  »Struwwelpeter«  in  einer  Auflage  von  mehr  als  15  Millionen  Exem- 
plaren in  allen  wichtigen  Sprachen  weltweit  bekannt. 


443 


Heinrich  Hqffmann 


Weikijuhrmde  LiUratur: 

Marie  Luise  Konneker:  Dr.  Heinrich  Hqffmanns  »Struwwelpeter«.  Untersuchun- 
gen zur  Entstehungs-  und  Funktionsgeschichte  eines  bürgerlichen  Bilderbuchs. 
Metzler  1977 


Die  Geschichte  vom  Zappel-Philipp 


mul  (lii-  Mutier  liliekle  slumm 
auf  «lern  i^aii/en  I Im  h Itemin. 
Dih  H der  l’hili|)|>  horte  nii  hl. 
\\a'  /u  ihm  der  \’al<  r ^prieht. 

I.r  t'atikell  imd  'a'liaukell. 
er  lrap|M-ll  und  /ap|H-ll 
auf  dem  Stuhli*  hin  und  her. 
'd’hilip)).  <ko  miilfalll  mir  'ehrl- 


444 


■Die  Geschichte  vom  Rappel-Philipp 


bis  der  Stuhl  nach  liintrn  f^llt: 
da  ist  nichts  mehr,  was  ihn  hält; 
nach  dem  Tischtuch 
greift  er,  schreit. 

Otx-h  was  hilft 's? 

Zu  gleicher  Zeit 
fallen  Teller.  Flasch  und  Brot. 

\ater  ist  in  gntßer  Not 
und  die  Mutter  blicket  stumm 
auf  dem  gatizen  Tisch  herum. 


445 


Heinrich  Hqffinann 


Nun  ist  der  Philipp 
g!u\z  versteckt 
und  der  Tisch  ist  abgedeckt, 
was  der  Vater  essen  wollt, 
unten  auf  der  Erde  rollt; 
Suppe,  Brot  und  alle  Bissen, 
alles  ist  heral)gerissen; 
.Suppenschüssel  ist  entzwei 
und  die  Eltern  stehn  dabei. 
Beide  sind  gar  zornig  sehr, 
haben  nichts  zu  essen  mehr. 


446 


Kommentar 


Kommentar 

»Die  Geschichte  vom  ^ppd-Philipp«  des  Arztes  und  Familienva- 
ters Heinrich  Hoffinann  fflt  als  paradigmatisches  Beispiel ßir  das 
Hyperkinetische  Syndrom  bzw.  das  Außnerksamkeits-  und  Hyper- 
aktivitäts-Syndrom  (ADHS)  im  Kindes-  und  Jugendalter.  Als  hy- 
peraktiv wird  ein  Kind  bezeichnet,  das  eine  ßir  sein  Alter  inadäquat  ausgeprägte 
motorische  Hyperaktivät,  erhöhte  Impulsivität  sowie  emotional  und  sozial  störende 
Verhaltensweisen,  wie  erhöhte  Erregbarkeit  oder  Irritierbarkeit,  aufweist. 


447 


Fotonachweis 


Archiv  Verlag  C.H.  Beck  (S.  323);  Armin  Ayren  (S.  221);  Jerry  Baur 
(S.  38);  Carl  Hanser  Verlag  (S.  118);  Philipp  Horak  (S.  370);  Interfoto 
Büdverlag  (S.  105,  202,  225,  277,  3 1 1 , 33 1 , 403,  4 1 1 , 4 1 5,  42 1 , 438,) 
Rowohlt  Verlag  (S.  46, 78);  Suhrkamp  Verlag/ Simone  Sassen  (S.  232); 
Carl  van  Vechten  (S.  256) 


448